Woche 41/2021: Wenn man sonst nichts zu besorgen hat

Montag: „Diese Köter sind Kult“ übertitelte die Zeitung einen Artikel über Lassie und weitere durch Film, Funk und Fernsehen bekannt gewordene Hunde. Ich freue mich schon auf die empörten Leserbriefe.

In den Fernsehnachrichten äußerte sich zu den aktuellen Ereignissen in Österreich ein Politikwissenschaftler mit dem Namen Filzmeier. Manches kann man sich nicht schöner ausdenken.

Dienstag: Seit Tagen sind meine Lippen spröde. Dabei ist es eher unwahrscheinlich, dass ich mir den Mund fusselig geredet habe.

Unterdessen beschenkt uns wieder der Herbst mit seinen Früchten. Besonders seltsame Exemplare von ungefährer Tennisballgröße wirft in diesen Tagen ein Baum im Rheinauenpark ab. Da möchte man dann vielleicht doch lieber von einer stacheligen Kastanienfrucht getroffen werden. Auch sieht man besser davon ab, drauf- oder gegenzutreten.

Mittwoch: Es gibt keine Eisbären mehr in Wuppertal, meldete das Radio am Morgen. Da haben wir es: Wer jetzt noch am Klimawandel zweifelt, glaubt auch, oberstes Ziel von Facebook und Amazon sei es, das Leben der Menschen zu verbessern. Mal abgesehen von den Herren Zuckerberg und Bezos, deren Leben zumindest erheblich bereichert worden sind. Mein Leben ist auch ohne vorgenannte Datensauger ganz zufriedenstellend: Der Facebook-Anschluss ist lange gelöscht, das Instagram-Konto seit Jahren deaktiviert und Whatsapp nutze ich nur noch, bis es gesperrt wird, weil ich mich seit Monaten weigere, irgendeiner Änderung zuzustimmen. Bei Amazon bestelle ich aufgrund einer tiefen, schon ins Irrationale tendierenden Abscheu nichts, niemals. Lieber zahle ich ein paar Euro mehr. Und was es nur bei Amazon gibt, das gibt es für mich nicht, das ist dann eben so.

Das gibt es nicht, war auch mein erster Gedanke, als ich wenig später im Radio hörte, heute sei Welttag des übergewichtigen Tieres. Die ehemaligen Wuppertaler Eisbären dürften sich nicht mitgemeint fühlen.

Was es derzeit auch nicht gibt, sind Farbfilme. Sie sind weiträumig ausverkauft, weil die Jugend laut Zeitung zunehmend Gefallen an der Analogfotografie findet. So langsam komme ich nicht mehr mit. Vielleicht sollte ich meine alte Polaroid-Kamera mal zum Verkauf anbieten. Falls Sie interessiert sind, lassen Sie es mich wissen.

Donnerstag: Nicht wenige Menschen, überwiegend Männer, vermute ich, ohne es belegen zu können, legen Wert auf eine bestimmte Buchstabenkombination in ihrem Autokennzeichen, also die beiden Buchstaben in der Mitte. Beliebt sind die Initialen des eigenen Namens, andere versuchen sich in Humor, etwa der Bielefelder (BI) mit den Buchstaben „ER“, der Rhein-Sieg-Kreisler (SU) mit „CK“ und „FF“ oder der Koblenzer (KO) mit „TZ“ oder „HL“. Der Bonner (BN) hat da weniger Möglichkeiten. Mancher soll gar schon vor Gericht gezogen sein, um die Zuteilung seines Wunschkennzeichens zu erstreiten, warum auch nicht, wenn man sonst nichts zu besorgen hat. Eines ist jedoch stadt- und kreisübergreifend regelmäßig zu beobachten: ein bestimmtes Audi-Modell mit „TT“ im Nummernschild, sehr gerne in Verbindung mit einer nur einstelligen Ziffer. Was sagt das über den Charakter des Halters aus?

Kein Urteil erlaube ich mir über den Charakter desjenigen, der in einer Mail schrieb: „Dann mache ich mich mal zielorientiert auf die Suche.“ Ja wie denn sonst?

Freitag: In Köln und Bonn wird derzeit öffentlich kontrovers darüber diskutiert, ob Freitags der Muezzin von den örtlichen Moscheen zum Gebet aufrufen darf. Gemäß einer Umfrage lehnen das drei Viertel der Befragten ab. Öffentlichen Schallereignissen aller Art grundsätzlich eher ablehnend begegnend bin auch ich nicht dafür. Genauso wenig wie für das sonn- und feiertägliche Glockengeläut der Christen.

Was ich auch nicht hören möchte: Im Radio sagte eine „Arbeitnehmende“. Schöne Grüße aus der Genderhölle.

„Weniger haben, mehr sein“, hat jemand an eine Wand geschrieben. In der Tat kann man manchmal froh sein, was man alles nicht hat. Zum Beispiel spröde Lippen oder einen Kultköter. (Die am Montag erwarteten Leserbriefe sind übrigens ausgeblieben.)

Samstag: „Friedrich Merz setzt erste Ausrufezeichen“, steht in der Zeitung. Vielleicht als Kontrast zur noch amtierenden Bundeskanzlerin, die sechzehn Jahre lang weitgehend ohne dieses Satzzeichen auskam. Auch wenn ich sie nie gewählt habe – vielleicht wird man ihre unaufgeregte Art des Regierens demnächst vermissen.

Sonntag: Auch in Bonn-Beuel leuchtet der Herbst in seinen Farben.

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Kommen Sie gut und möglichst zielorientiert durch die neue Woche!

Einmalig II – Nahverkehr im ICE

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Die nachfolgende Geschichte gehört in die Reihe „Einmalige Erlebnisse“, zu der Tom in seinem Blog aufgerufen hat und beendet die Serie hier gleichzeitig, so fern bei zwei Folgen von einer Serie die Rede sein kann. Außerdem fällt sie etwas aus dem Rahmen dieses Blogs, da sie weder alltäglich ist – vermute ich jedenfalls – noch ausgedacht. Liebe Kinder, die nachfolgenden Zeilen sind für eure noch zarten Seelen nicht geeignet, bitte klickt weiter zu Youporn oder geht meinetwegen eure Eltern nerven. Liebe Moralmahner jedes Alters, bitte ersparen Sie sich und mir jegliche Kommentare im Sinne von „wie kann man nur“ und ähnlichen Fingerzeigen. Danke.

Es ist schon einige Jahre her. Auf dem Rückweg von einer Dienstreise saß ich im ICE von Berlin nach Köln, als in Hannover ein junger Mann auf dem freien Sitz neben mir Platz nahm. Ich musterte ihn kurz aus den Augenwinkeln, so wie ich es immer mache, wenn sich jemand neben mich setzt, eine dumme Angewohnheit, ordnete ihn in die Kategorie ‚optisch ganz nett‘ ein und widmete mich weiter der Lektüre meiner Psycho-Zeitschrift. Nach einigen Minuten glaubte ich in ebendiesen Augenwinkeln etwas zu vernehmen, was in einschlägigen Kölner Spelunken als Aufforderung zur Abgabe eines Angebotes zu interpretieren gewesen wäre: der Kerl rieb sich durch die Hose seine innere Lendengegend und schaute immer wieder zu mir herüber, was ich so gut es ging zu ignorieren versuchte. Dennoch weckte sein Tun mein Interesse. Nicht, dass ich vorgehabt hätte, es ihm gleich zu tun, zumal wir alles andere als alleine im Zug waren, aber ich wollte doch wissen, wie weit er geht.

Kurz vor Bielefeld sprach er mich an; was er genau sagte, ist mir nicht mehr erinnerlich. Klar war indes, er war sehr interessiert an mir, und so kamen wir ins Gespräch, wobei er immer wieder versuchte, das Spiel seiner Hände auf meine Hose auszuweiten, was ich angesichts der nebenan sitzenden Fahrgäste abzuwehren versuchte, doch er gab nicht auf. Auch entbehrte es nicht eines gewissen Reizes, was zu leugnen eine infame Lüge wäre. Mein reizender Sitznachbar erzählte mir, er bestreite seinen Lebensunterhalt mit der Erbringung unterleibserfreuender Dienstleistungen (so drückte er es natürlich nicht aus, aber ich weiß nicht, ob bei blog.de das Wort ‚Stricher‘ gegen die Allgemeinen Geschäftsbedingungen verstößt) und nun sei er auf der Suche nach neuen Jagdgründen.

„Lass uns auf die Toilette gehen“, flüsterte er mir zwischen Bielefeld und Hamm zu und versenkte seine Hand in meiner Hose. „Du spinnst wohl“, entgegnete ich und zog seine Hand mit einer Mischung aus Empörung und Erbauung wieder heraus, mit bangem Blick zum Sitznachbarn jenseits des Ganges, der jedoch so tat, als bekäme er nichts mit, was kaum vorstellbar ist, sicher hatte er abends seinen Lieben daheim eine lustige Geschichte zu erzählen. Dieses Spielchen zog sich bis Wuppertal hin, „Los, komm!“ – „Nein! Lass das!! (Mach weiter…)

Ich weiß nicht mehr, ob die Triebhaftigkeit irgendwann die Vernunft besiegte oder ob der in Aussicht gestellte Entgeltverzicht den Ausschlag gab, wahrscheinlich die Kombination aus beiden, in Hagen hatte er mich jedenfalls so weit und wir verschwanden aufs Klo. Hier muss ich den Leser aus Gründen des Anstandes leider vor der Tür stehen lassen und ihm das rote Besetzt-Schildchen weisen; was jenseits der Tür geschah, überlasse ich seiner Phantasie, so ganz falsch wird er damit nicht liegen.

In Köln angekommen, rauchten wir auf dem Bahnsteig noch die Zigarette danach, dann trennten sich unsere Wege – ich nahm den Zug nach Bonn, er wurde wohl Teil der Subkultur einschlägiger Etablissements. Wiedergesehen habe ich ihn nicht mehr, zumal ich bislang kein zahlungsbereiter Kunde seines Gewerbes bin. Aber was nicht ist, kann ja noch werden, auch ich werde nicht jünger; auch kann ich nichts verwerfliches daran erkennen. Die Erkenntnis aus dieser Begegnung: Manchmal überrascht das Leben mit Geschichten, die man eher der Phantasie eines mittelmäßig begabten Pornodrehbuchausdenkers zurechnen würde.

Schlusswort für heute: Lieber W., wo immer du auch bist, was immer du tust, ich hoffe, es geht dir gut! Und sollte dem Satz „Man begegnet sich im Leben immer zweimal“ Wahrhaftigkeit innewohnen, so wäre das nicht das schlechteste.