Woche 48: Über Merkel und Ferkel

Montag: „Besonders feierte die Garde seine Artillerie, die in diesem Jahr seit 60 Jahren besteht“, schreibt die Zeitung zum Sessionsauftakt der Bonner Ehrengarde. Wessen Artillerie genau, bleibt dabei offen. Oder: Eine spontane Geschlechtsumwandlung als missglücktes Stilmittel.

Apropos Geschlechtsgedöns: Während ich abends weiter an meinem Bestseller arbeite, höre ich alte Kassetten mit Radio-Aufnahmen. Für die Jüngeren unter Ihnen muss ich hierzu etwas ausholen: Liebe Kinder, es gab mal Zeiten ohne Internet, Streaming und Spotify. Wenn uns ein Lied gefiel, so mussten wir unser Taschengeld in einen Laden tragen und eine Schallplatte oder, später, CD erwerben. Die waren teuer. Daher kauften wir für unser knappes Geld lieber Kassetten, das waren vorzeitliche, etwa smartphonegroße Ton-Speichermedien, welche vermittels eines aufgespulten Magnetbandes die Konservierung von in der Regel neunzig Minuten Musik ermöglichten, fragt mal eure Eltern, die kennen die vielleicht noch. (Dann könnt ihr auch gleich fragen, was „vermittels“ heißt.) Die legten wir in unseren Radiorekorder, hörten mit Aufnahmetaste im Anschlag die Schlagerralley oder Mal Sandocks Hitparade und hofften, dass unser Lied kam. Und wehe, der Moderator quatschte am Anfang oder Ende des Liedes hinein (was er vermutlich musste, weil die Schallplattenindustrie das verlangte), oder mitten im Lied kam ein Verkehrshinweis – dann wurden wir ziemlich sauer.

Ich habe das recht lange gemacht, auch als ich mir CD’s problemlos leisten konnte (Schallplatten waren zwischendurch mal fast ausgestorben), die letzte Radio-Kassette ist von 1998. Die meisten Kassetten habe ich noch, auch beim letzten Umzug brachte ich es nicht übers Herz, mich von ihnen zu trennen. So schlummerten sie jahrelang vor sich hin, bis ich kürzlich auf die Idee kam, mal wieder eine einzulegen, zumal ich noch eine Stereoanlage besitze, die über diese antiquierte Technik verfügt. Und siehe (beziehungsweise höre) da: Die funktionieren noch. Man entdeckt sogar das eine oder andere vergessene Lied wieder und denkt: Gar nicht so schlecht. Zum Beispiel dieses:

Dienstag: Morgens Shakira im Radio. Fragte man mich, was ich von Shakira halte – man wird ja andauernd nach seiner Meinung zu irgendwas gefragt, etwa achtzig Prozent aller Anrufe auf unser Festnetztelefon sind von Leuten, die meine Meinung wissen wollen zu Fernsehen, Politik, Musikgeschmack, Glück, Suchtverhalten, Funktionsunterwäsche, lauter solche Sachen, die ich nie beantworte, weil ich vorher den Anrufer beschimpfe und dann auflege – fragte man mich also nach meiner Meinung zu Shakira, antwortete ich mit dieser Gegenfrage: Kennen Sie diese angenehme Stille, welche nach Ausschalten des Radios eintritt, vergleichbar mit dem Gefühl, wenn sich ein Wadenkrampf langsam löst?

Am Mittagstisch erzählt die Kollegin, sie sein im Film Bohemien Rapsody gewesen, Sie wissen schon, über Freddy Mercury. Seitdem singt mein Ohrwurm „Radio Gaga“. Etwas anstrengend, aber wesentlich besser als Shakira.

Mittwoch: Manchmal, ganz selten, überrascht die Bahn positiv: Der Regionalexpress von Köln nach Bonn fuhr am Abend auf die Minute pünktlich, während die Anzeige am Bahnsteig (sowie die Bahn-App) eine Verspätung von fünf Minuten in Aussicht stellten. Der Pessimist würde sagen: Auf nichts ist mehr Verlass.

Donnerstag: „Dringend“ schreibt der Kollege im Betreff einer Mail. Durch einen unerklärlichen Reflex rutschen derartige Nachrichten bei mir in der Priorität der Bearbeitung stets ziemlich weit nach unten.

Alles ist nur noch von Zahlen getrieben. Gibt es etwas langweiligeres als Zahlen? Zahlen mögende Menschen, die klug klingen möchten, sagen gerne „Delta“, wenn sie Differenz meinen. Heute sagte jemand: „Ich sehe da erhebliche Delten“. Das klang nicht besonders klug.

„Keine Schnecke macht für die globale Schneckengemeinschaft auch nur ein Hörnchen krumm“, schreibt Yuval Noah Harari in seinem lesenswerten Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, meiner derzeitigen Stadtbahn- und Bettlektüre.

Freitag: Die Radio-Nachrichten am Morgen berichten erst über Merkel (defektes Flugzeug), direkt danach über Ferkel (beteubungslose Kastration). Das ist zwar nicht besonders lustig, dennoch ließ es mich bereits vor Verlassen des Betts kurz lächeln, was kein schlechter Start in den Tag ist.

Aus einem Zeitungsbericht über Bram Schot, den neuen Audi- Chef: „Bei einem Audi-internen Innovationsgipfel schlug er vor wenigen Tagen vor, dass das Personal nur noch vier Fünftel der Zeit arbeiten und ein Fünftel darauf verwenden soll, zu träumen, nachzudenken und nachzufragen.“ Während der Arbeit mal Zeit zum Nachdenken haben. Das wäre schön.

Auf der Rückfahrt mit dem Zug von Köln nach Bonn kann ich es nicht vermeiden, den Gesprächen einer Mädchengruppe zu lauschen. Jeder zweite Satz in einem gespielt weinerlichen Ton mit extrem langgezogener letzter Silbe. Einmal mehr frage ich mich: Warum sprechen so viele junge Menschen, unabhängig vom Geschlecht, wie debile Idioten?

Samstag: Wegen der Flugzeugpanne der Bundeskanzlerin vom Donnerstag sieht sich die Zeitung heute genötigt, ihre Leser mit einer Chronik „Die größten Pannen deutscher Regierungsflieger“ zu beglücken. Es ist allerhöchste Zeit für eine Chronik „Die überflüssigsten Chroniken in Tageszeitungen“.

Sonntag: Ein gutes Beispiel für „typisch deutsch“ lässt sich hundertfach im Bonner Stadtgebiet besichtigen:

KW48 - 1

Aufgrund der Änderung irgendeiner Rechtsvorschrift mussten vor mehreren Jahren Anwohner- in Bewohnerparkplätze umbenannt werden, warum auch immer. Vermutlich um Kosten zu sparen, wurden keine neuen Schilder beschafft, sondern – im Sinne des Steuerzahlers zu loben – alle „An“s mit „Be“s überklebt. Warum dafür, entgegen deutscher Gründlichkeit, Aufkleber mit einer kleineren Schriftgröße beschafft wurden, bleibt offen. Vielleicht waren die noch etwas günstiger, oder der zuständige Städtling hat sich vermessen. Lange dürfte es indes nicht dauern, bis die Schilder erneut überklebt oder ausgetauscht werden müssen durch eine gendergerechte Aufschrift „BewohnerInnen“, „Bewohner*innen“, „Bewohner_innen“, „Bewohnende“ oder „Bewohnx“.