Woche 52: Geschenkerausch und Schluchzprinzessinnen

Montag: Ich bringe mal eben die Flaschen zum Altglascontainer“, sagte C und verließ am Mittag die gemeinsame Wohnung, wo bereits die Vorbereitungen zum Heiligen Abend im vollen Gange waren. Danach verlor sich seine Spur. — Das wäre mal ein schöner Anfang für eine Weihnachtsgeschichte. Ich entschied mich dann aber doch, nach einem kurzen Spaziergang am Rhein, zur Rückkehr zu meinen Lieben.

Glücklicherweise kann heute jeder selbst entscheiden, wie er das Fest der Liebe verbringen möchte. Wobei die Wahrheit oft nicht mehr in der Bibel, sondern an einem Laternenpfahl steht:

Eine geradezu religiöse Verehrung und Unantastbarkeit genießt ja auch die „freie Fahrt für freie Bürger“ auf deutschen Autobahnen. Zum kürzlich von der Deutschen Umwelthilfe geforderten Tempolimit auf hundertzwanzig, welches ich ohne Vorbehalte befürworte, schreibt Leserbriefschreiber Karl P. aus Bad Neuenahr an den Bonner General-Anzeiger:

„Natürlich würde etwas Energie eingespart, aber mit Tempo 120 auf völlig freier Autobahn zu fahren, ist äußerst ermüdend und jeglicher Fahrfreude abträglich. Dann müssten auch Volksfeste und Reisen verboten werden. Beides bedeutet Lebensqualität, ist aber nicht zwingend notwendig. Generell tragen immer mehr Einschränkungen zum Verdruss auf Politik und öffentliche Ordnung bei.“

Wie schön, dass man auch hier geteilter Meinung sein darf.

Dienstag: Dem ganzen weihnachtlichen Geschenkerausch stehe ich ja eher kritisch gegenüber, und ein gegenseitiges Nichtschenkungsabkommen in meinem persönlichen Umfeld fände mit mir einen eifrigen Fürsprecher. Dennoch habe ich mich wieder sehr über die Gaben meiner Lieben gefreut, hierüber ganz besonders:

KW52 - 1 (1)

Für mich ist Weihnachten übrigens erst dann, wenn Klein-Röschen mit dem Prinzen die Hebefigur vollzogen hat.

Mittwoch: Bald ist es geschafft. Schon verrückt: Die Menschen feiern mit riesigem Aufwand die Geburt von Gottes Sohn vor etwas mehr als zweitausend Jahren, obwohl mindestens achtzig* Prozent es für ein erdachtes Märchen halten oder nicht die geringste Ahnung haben, was sie da feiern. Wenn man in einigen Jahren Menschen auf der Straße dazu befragt, wird man vielleicht zur Antwort bekommen: „Die Geburt von Jeff Bezos“ oder „Irgendwas mit Amazon“.

———

* Gänzlich unrecherchierte Behauptung meinerseits. Wenn Sie es besser oder überhaupt wissen, oder Ihnen etwas anderes auf dem Herzen liegt, schreiben Sie gerne einen Kommentar.

Donnerstag: In der Nacht sehr schlecht geschlafen. Vielleicht ist der Körper schlafsatt, weil ich die Tage zuvor kaum vor elf das Bett verließ. Das ist natürlich kein Grund, ohne Not zur Unzeit aufzustehen und gar ins Büro zu gehen. Ohnehin ist mehr als fraglich, welche Not gelindert werden könnte durch Anwesenheit im Büro. Außer vielleicht die, in welche mein Bankkonto geriete, entschlösse ich mich zu dauerhaftem Fernbleiben. Das wäre ein triftiger Grund für schlechten Schlaf, womit sich der Kreis schließt.

Freitag: Nachfesttäglicher Familienbesuch in Ostwestfalen. Die Forderung (nicht nur) der Umwelthilfe nach einem Tempolimit auf Autobahnen erscheint mir immer dringlicher. Andererseits glaube ich, nichts verursacht einen Stau so zuverlässig wie ein Schild „Achtung Staugefahr“. Vielleicht ein Ausdruck unserer Obrigkeitshörigkeit.

Nicht so die notleidende Rüstungsindustrie. Laut Radiomeldung erwägt sie, die Obrigkeit zu verklagen, weil sie 2018 nicht genug Waffen nach Ägypten verkaufen durfte. Wegen Kashoggi, nicht wegen Feinstaub.

Aus der Radiowerbung für ein Buch: „Schonungslos lesenswert“. Brutalst blöd.

Samstag: Ich weiß nicht, ab welcher Menge Weinkonsum als bedenklich gilt. Der zweite schwer bepackte Gang zum Altglascontainer innerhalb einer Woche könnte jedoch ein Signal sein.

Ein Signal wünschen sich auch die Bewohner des Neubaugebietes im Kottenforst, und zwar ein „Halt“ zeigendes: In der Zeitung beklagen sie sich darüber, dass die Bahn am gleichnamigen Bahnhof nicht hält. Darum müssen sie ihre Brut mit dem Auto zur Schule fahren. Der Weg zur achthundert Meter entfernten Bushaltestelle sei „viel zu gefährlich“, so Anwohner Peter N, deshalb erfährt auch seine Tochter den Genuss elterlicher Droschkendienste. Mit sechzehn.

Weiterhin steht in der Zeitung: „Kommunikation bleibt wichtig, sie ist ein menschliches Urbedürfnis“, so eine Telekom-Sprecherin. Mag sein, aber mal in Ruhe gelassen zu werden, ohne kommunizieren zu müssen, ist ein mindestens genauso starkes Bedürfnis. Jedenfalls für mich.

Legen wir die Zeitung beiseite und begeben uns ins Netz. Bei Franz Firla lese ich:

„… obwohl es zum Repertoire dieser Schluchzprinzessinnen gehört,

die jeden dritten Ton aufgeregt modulieren

und damit jedes noch so schlichte Lied als Jammerarie

an einer Klagemauer zerschellen lassen.“

Wunderbar, und ohne weiteres übertragbar auf Max Giesinger, Revolverheld und wie die Weltschmerzbarden alle heißen, denen im Radio wieder mehr Raum zuteil wird, jetzt, wo wir vor den ganzen Songs voller „Christmas“ und künstlichen Glocken wieder elf Monate lang Ruhe haben.

Als das von Weltschmerz und ungünstigen Verwandtschaftsverhältnissen geplagte Aschenbrödel ungehorsam war, musste es auf Anordnung der bösen Stiefmutter ein Gemenge aus Erbsen, Linsen und Asche auseinander sortieren, Sie erinnern sich vielleicht. Obwohl ich nur selten zu Widerspruch neige und stets aufs Wort gehorche, wird mir am Abend auf Geheiß des Geliebten eine ähnliche Aufgabe zuteil, welche auch ohne Hilfe von Tauben in erstaunlich kurzer Zeit erledigt ist.

Sonntag: Erstaunlich schnell erledigt war auch wieder dieses Jahr, und viel zu schnell diese arbeitsfreie Woche. Hieß es nicht vor einigen Monaten, ABBA habe ein neues Lied aufgenommen, welches im Dezember veröffentlicht werden solle? Kommt das noch, oder habe ich mal wieder was nicht mitbekommen?

***

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass es keinen vernünftigen Grund gibt, mit einem Kaffeebecher durch die Gegend zu laufen.

***

Ich wünsche Ihnen einen guten Start ins neue Jahr und alles Gute für 2019! Wenn Sie hier auch weiterhin ab und an reinschauten, würde ich mich sehr freuen.

7 Gedanken zu “Woche 52: Geschenkerausch und Schluchzprinzessinnen

  1. Ich beneidete schon oft Leute, die mit Kaffeebecher herum laufen. So non chalant, diese Gleichzeitigkeit von „ich tue was nötig ist“ und „ich gönne mir eine Kaffeepause“ ist so ein großes Versprechen! In Wirklichkeit aber fühlt es sich nie so an. Wie dumm ich war.

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