Woche 36: Das schöne Gefühl, wenn der Schmerz nachlässt

Montag: Nach dem Mittagsdessert hat so ein Montag zumeist große Teile seiner Beschwerlichkeit verloren, so auch heute.

Top-Themen auf der Leserbriefseite des General-Anzeigers: 1) Der berühmte Satz „Harry, fahr schon mal den Wagen vor“, den Oberinspektor (nicht Kommissar) Derrick so bekanntlich nie sagte, gleichwohl wurde er erst vor wenigen Tagen in dieser Zeitung derart zitiert, was gleich zwei Leser zur Richtigstellung bewog; und 2) Gendersternchen, die Leser Guido M aus B einigermaßen empört als „absurde Schreibweise“ entlarvt, als Belege führt er listig „Arzt“ und „Bauer“ an.

Dienstag: Letzte Nacht träumte ich, ein Kollege von mir, ein Jahr jünger als als ich und mit wesentlich kürzerer Werkszugehörigkeit, sei von der Personalabteilung für den Vorruhestand vorgeschlagen worden, was mich bis zum Erwachen mit neidvoller Empörung erfüllte.

Meine eigene Werkszugehörigkeit währt nunmehr vierunddreißig Jahre. Vieles nehme ich nicht mehr allzu ernst, manches nervt. Aber das ist das Salz in der Suppe, die auch nach so langer Zeit noch immer ganz gut schmeckt, wie ein Kollege es vor einiger Zeit ausdrückte.

Geträumt hat auch der Geliebte: von Jakobsmuscheln an Hummerschaum, wie er morgens verkündete und sogleich als Wunsch für das Abendessen anmeldete.

Vor der Kantine sah ich mittags zwei Herren, die sich Hände schüttelnd begrüßten. Idioten, war mein erster Gedanke. So weit ist es schon gekommen.

Unterdessen im General-Anzeiger weitere leserbriefliche Meinungsäußerungen zu Gendersternen. Bernd L aus Sankt A schlägt vor, die Pluralschreibweise mit n, wie es sie im Dativ Plural („den Lehrern“) schon gibt, auch im Nominativ anzuwenden: „die Eltern“ (gibts schon), „die Lesern“, „die Arbeitern“; inwieweit hierdurch die erwünschte Gendergerechtigkeit erreicht wird, vermag ich nicht zu erkennen.

Zum Abendessen gab es übrigens Frikadellen mit Nudelsalat, auch gut. Träume sind Schäume.

Mittwoch: Eigentlich wäre ich seit gestern bis morgen auf Dienstreise. Auch ein „Eigentlich“ von jener Sorte, wie sie in diesem seltsamen Jahr massenhaft auftreten. Wobei ich das Nichtreisen in diesem Fall nicht beklage.

Unsere nicht erfolgten Reisen nach Südfrankreich in diesem Jahr bedaure ich hingegen sehr. Über die Haltung der Franzosen zum Urlaub und „le Blues de la Rentrée“, die Urlaubsende-Depression, hier ein älterer, lesenswerter Artikel. Auszug:

Offensichtlich schlummert in jedem französischen Arbeitnehmer eine Art kleiner Anarchist, der im Grunde seines Herzens nicht nur Arbeitnehmer, sondern vor allem Mensch ist. Da sehen wir Deutschen, denen es wichtig ist, Kräfte fürs Arbeiten in der zweiten Jahreshälfte zu sammeln, irgendwie blöd aus.

Insofern fühle ich mich sehr französisch.

Donnerstag: „Das hätte stattgefunden haben müssen“, sagte einer. Ein Satz, den zu analysieren Mittelstufenschülern wohl größere Freude bereiten dürfte. Irgendwas mit Plusquamperfekt, Konjunktiv und einer winzigen Prise Futur II, behaupte ich; meine Grammatikkenntnisse sind leider im Laufe der Jahre etwas verkümmert. Ein anderer bemerkte: „Wir haben viele Kollegen, die wo mit Deutsch Probleme haben.“

Nach kargen Monaten voller Entbehrungen gab es in der Kantine endlich wieder grünen Wackelpudding mit Vanillesoße.

Darf man dazu eigentlich noch Götterspeise sagen oder fühlt sich dann irgendwer angepisst, weil seine religiösen Gefühle verletzt sind?

Abends erfuhr der Wortbestandteil „Donner“ des heutigen Wochentages eine besondere Unterstreichung, als durch eine vielleicht unbedachte, die Raumpflege betreffende Anmerkung meinerseits der Haussegen ins Wanken geriet. Das gehört wohl irgendwie dazu.

Freitag: Das war nicht ganz mein Tag. Morgens lag noch immer des Geliebten Grimm in der Luft, beim Verlassen des Hauses rammte ich mir ebenso ungeschickt wie schmerzhaft das Hoftor in die Ferse, und auf dem Weg ins Werk verließ den hinteren Fahrradreifen schlagartig die Luft. Nun bin ich ja ein großer Freund der Idee, alles ist für irgendwas gut. Sehe ich es also positiv: Der luftlose Reifen verschaffte mir einen längeren Fußmarsch, was immer gut ist, gehen macht glücklich. Praktischerweise liegt die Fahrradwerkstatt meines Vertrauens direkt gegenüber dem Friseursalon, wo ich abends ohnehin einen Termin hatte. Da zwischen Abgabe des Fahrrads und Haarkürzung etwas Zeit war, setzte ich mich an den Rhein, das macht man ja sonst auch viel zu selten. Auch die Wiederherstellung des häuslichen Friedens verlief am Abend in erfreulicher Weise. Das Hoftor schließlich verschaffte mir immerhin dieses schöne Gefühl, wenn der Schmerz nachlässt. Ähnliches empfinde ich an manchen Tagen, wenn der Staubsauger endlich schweigt. Vielmehr noch, wenn eine Disharmonie ausklingt. Insofern wurde es doch noch mein Tag.

„Make peace, not love … sagt man doch so, oder?“

Übrigens weiß ich nun, wo die Spatzen abgeblieben sind, deren Verschwinden ich vergangene Woche bemerkte. Wie mir Martina S. per Mail mitteilte, sind sie ein kleines Stück gen Süden geflogen, genauer auf die Grafschaft bei Bad Neuenahr:

Liebe Martina, vielen Dank für die gute Nachricht, ich hoffe, ich darf das Bild hier verwenden; wenn nicht, bitte ich um kurze Mitteilung.

Samstag: Die Gendersternchen-Diskussion im General-Anzeiger hat noch nicht ihren Abschluss gefunden. Ortwin B aus M äußert dazu: »Viele Hundert Jahre ist unsere Sprache ohne die von Neurotikern, Egomanen und anderen Modernisten geforderten „Gendersternchen“ ausgekommen.« Mit anderen Worten: Das haben wir schon immer so gemacht, daher muss das richtig sein. Als Beleg bemüht er ein Bibelzitat von 1485, wonach Eva aus einer Adam entnommenen Rippe geschaffen wurde: »dise wirt genennet eyn mennyn. wann sy ist genommen von dem man.« Gendergerecht demnach vielleicht „man*yn“. Warum auch nicht.

Sonntag: Vergangene Nacht träumte ich, der bekannte Investor Frank Thelen sei verschwunden. Zuletzt sah man ihn auf einer volkstümlichen Veranstaltung, seitdem ist er weg. Mindestens so rätselhaft wie sein Verschwinden ist die Ursache, solches zu träumen. Ich bin Herrn Thelen noch niemals begegnet, habe ihn mangels Interesse an seinem Fachgebiet noch nicht im Fernsehen gesehen und nicht sein Buch gelesen. Wenn er in der Zeitung zitiert wird, schenke ich dem selten Aufmerksamkeit. Auch wirkt er auf mich, ohne ihm zu nahe treten zu wollen, nicht sonderlich sympathisch, was an seiner Physiognomie mit der strengen Investorenbrille liegen mag; auf der Liste derjenigen, die ich gerne mal auf ein Bier treffen möchte, steht er ziemlich weit unten. Insofern würde ich sein Verschwinden wahrscheinlich gar nicht bemerken.

Ziemlich weit oben auf der Liste der Dinge, die ich sehr gerne mal wieder tun würde – der Gedanke kam mir, als ich während des Sonntagsspaziergangs einen Briefkasten sah: mal wieder einen Brief schreiben, so richtig mit der Hand auf Papier und mit Briefmarke. Wenn ich nur wüsste, wem.

Ansonsten erfreulich in dieser Woche waren: Reibekuchen mit Lachs, das Hören einer Bruckner-Sinfonie, ein spontanes Straßenbier, eine schnelle Reparatur, ein passabler Haarschnitt.

Woche 15: In Zeiten des Konjunktivs

Montag: Es gibt Menschen mit bemerkenswerten Namen. Am vergangenen Wochenende sah ich in der Zeitung ein Interview mit einer Dame namens Ebba Herfs-Röttgen. Ich gebe zu, das Interview nicht gelesen zu haben, auch sonst kenne ich die Befragte nicht und erlaube mir daher nicht das geringste Urteil über ihre Kompetenzen und Kenntnisse. Vermutlich ist sie auf ihrem Fachgebiet brillant und gegenüber hingehaltenen Mikrofonen zu eloquenten Ausführungen in der Lage. Gleichwohl unterstelle ich, allein aufgrund des Namens haben ihre Worte mehr Gewicht als die etwa einer Mechthild Müller, die ich ebenfalls nicht kenne, weshalb ich mich auch hier von einer Beurteilung ihrer Stärken und Schwächen fernhalte. Auch Orte mit außergewöhnlichen Namen gibt es, denken Sie an 56368 Katzenelnbogen, 63589 Linsengericht oder 5121 Fucking (Österreich). Gelegentlich liest man auch Straßennamen, die einen „Na sowas“ wenigstens denken, wenn nicht gar ausrufen lassen: Wie ich heute erfuhr, gibt es in Bochum eine Straße mit dem Namen „Fröhliche Morgensonne“. Fröhlich. In Bochum.

Auf dem Rückweg vom Werk sah ich einen ansehnlichen, sommerlich gekleideten jungen Mann mit einem großen Surfbrett unter dem Arm in Richtung Rhein gehen. Seitdem spielt mein Hirnradio ununterbrochen Beach Boys. Das ist immerhin besser als Max Giesinger, wenngleich auch der durchaus sehenswert ist.

Dienstag: Ein WDR 2-Hörer fragte ernsthaft, ob man durch viel Trinken eine Corona-Infektion vermeiden kann, was erwartungsgemäß verneint wurde. Wie kommen die Leute nur auf sowas? Andererseits schade, angesichts unseres gut gefüllten Weinkellers.

Nachdem eine Skype-Konferenz fehlgeschlagen war, schrieb der Einladende per Mail an alle Teilnehmer: „Ich komme nicht rein.“ Antwort Teilnehmer 1 an alle: „Ich auch nicht.“ Teilnehmer 2: „Ich auch nicht.“ Teilnehmer 3: „Ich auch nicht.“ [usw.] Teilnehmer 8 verschickte endlich einen neuen Link, so fanden wir doch noch zueinander. Nach wie vor bin ich der Meinung, die unüberlegte Nutzung der Allen-antworten-Funktion in Mailprogrammen sollte ernste arbeitsrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen.

Mittwoch: Mittags wurde ich im Rheinauenpark Zeuge einer erschreckenden Missachtung des derzeit geltenden Abstandsgebotes.

Nachmittags wurde mir die unzweifelhafte Ehre zuteil, als unbedeutender Werksknecht einer Skype-Konferenz mit Vorstand und Bereichsleitern beizuwohnen. Dabei hatte es vermutlich nur technische Gründe, dass des Vorstandes Stimme als einzige mit leichtem Hall hinterlegt war, welcher gleichwohl eine gewisse göttliche Anmutung eindrucksvoll unterstrich.

Donnerstag: Die Zeitung lobt einen unbekannten Trompeter, der allabendlich die Nachbarschaft mit seinem Spiel erfreut. Ich bin es nicht, vielmehr ist sicher: Hielte ich meine beulige Tröte schallungedämpft aus dem Fenster, um Etüden in die Siedlung zu blasen, fiele das Lob deutlich schmalspuriger aus.

Freitag: Über den Karfreitag ist alles Wesentliche geschrieben, gemeint und gemalt. Zudem dürfte sich in diesem Jahr die allgemeine Empörung über kirchliche Vergnügungsverbote in Grenzen halten.

Die Tagesschau kommt nun aus dem Heimstudio.

Samstag: Grundsätzlich halte ich das Wort „eigentlich“ für überflüssig, aber in diesen vom Konjunktiv beherrschten Zeiten ist vieles anders. So wären wir ab heute eigentlich für eine Woche in Südfrankreich. Sind wir aber nicht. Schade. Mir bleibt somit nur, Trost in Bildern früherer Aufenthalte suchen, was auch unter Zuhilfenahme eines guten Côte-du-Rhone nur mit Mühe gelingt.

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Anknüpfend an den Eintrag vom Montag komme ich noch einmal auf bemerkenswerte Namen zurück. Für die heute-Nachrichten wurden Leute auf der Straße befragt, wie sie mit den Kontaktbeschränkungen zu Ostern (heißt das nun „Shutdown“ oder „Lockdown“?) zurecht kämen, womöglich mussten sie sich dazu gar die überaus dämliche Frage „Was macht das mit Ihnen?“ stellen lassen, ich weiß es nicht, da jeweils nur die Antworten gesendet wurden. Eine der Befragten, eine Dame reiferen Alters, erklärte sich unfroh darüber, während der Feiertage die Kinder und Enkel nicht sehen zu können; laut Einblendung hieß sie Undine Uhrig-Steckeweh, welch toller Name! Vermutlich dauerte sein korrektes Aufschreiben in den Notizblock des Reportes wegen mehrmalig erforderlicher Rückfragen („Wie die Uhr? – Mit h? – Schauen Sie mal: so richtig geschrieben?“ und so weiter) länger als die Befragung selbst.

Sonntag: Nun also Balkon statt Provence, was nur geringen Anlass zum Jammern und Bedauern bietet, immerhin habe ich meine Lieblingsmenschen um mich („Ich schlag dich tot“, sagt der Geliebte aus hier nicht näher zu erörternden Gründen), und der Himmel über Bonn ist fast so blau wie über Malaucène.

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Hier wie dort genieße ich es, die Zeit lesend im Liegestuhl zu verbringen, zum Beispiel in einem Zeitungsartikel über Gelassenheit in Krisen folgenden, dem Philosophen Seneca zugeschriebenen Satz: „Die Balance zwischen Muße und Aktion, gepaart mit frischer Luft und mäßigem Weingenuss, wirken Wunder.“ So gesehen mache ich wohl einiges richtig, jedenfalls bei zurückhaltender Interpretation von „Aktion“ und großzügiger Auslegung des Begriffes „mäßig“.

Nun also eine Woche Urlaub zu Hause. Ich bin mir sicher, es wird nicht langweilig. Und wenn mir gar nichts mehr einfällt, recherchiere ich den Unterschied zwischen „Shutdown“ und „Lockdown“.

Frohe Ostern!