Woche 15: In Zeiten des Konjunktivs

Montag: Es gibt Menschen mit bemerkenswerten Namen. Am vergangenen Wochenende sah ich in der Zeitung ein Interview mit einer Dame namens Ebba Herfs-Röttgen. Ich gebe zu, das Interview nicht gelesen zu haben, auch sonst kenne ich die Befragte nicht und erlaube mir daher nicht das geringste Urteil über ihre Kompetenzen und Kenntnisse. Vermutlich ist sie auf ihrem Fachgebiet brillant und gegenüber hingehaltenen Mikrofonen zu eloquenten Ausführungen in der Lage. Gleichwohl unterstelle ich, allein aufgrund des Namens haben ihre Worte mehr Gewicht als die etwa einer Mechthild Müller, die ich ebenfalls nicht kenne, weshalb ich mich auch hier von einer Beurteilung ihrer Stärken und Schwächen fernhalte. Auch Orte mit außergewöhnlichen Namen gibt es, denken Sie an 56368 Katzenelnbogen, 63589 Linsengericht oder 5121 Fucking (Österreich). Gelegentlich liest man auch Straßennamen, die einen „Na sowas“ wenigstens denken, wenn nicht gar ausrufen lassen: Wie ich heute erfuhr, gibt es in Bochum eine Straße mit dem Namen „Fröhliche Morgensonne“. Fröhlich. In Bochum.

Auf dem Rückweg vom Werk sah ich einen ansehnlichen, sommerlich gekleideten jungen Mann mit einem großen Surfbrett unter dem Arm in Richtung Rhein gehen. Seitdem spielt mein Hirnradio ununterbrochen Beach Boys. Das ist immerhin besser als Max Giesinger, wenngleich auch der durchaus sehenswert ist.

Dienstag: Ein WDR 2-Hörer fragte ernsthaft, ob man durch viel Trinken eine Corona-Infektion vermeiden kann, was erwartungsgemäß verneint wurde. Wie kommen die Leute nur auf sowas? Andererseits schade, angesichts unseres gut gefüllten Weinkellers.

Nachdem eine Skype-Konferenz fehlgeschlagen war, schrieb der Einladende per Mail an alle Teilnehmer: „Ich komme nicht rein.“ Antwort Teilnehmer 1 an alle: „Ich auch nicht.“ Teilnehmer 2: „Ich auch nicht.“ Teilnehmer 3: „Ich auch nicht.“ [usw.] Teilnehmer 8 verschickte endlich einen neuen Link, so fanden wir doch noch zueinander. Nach wie vor bin ich der Meinung, die unüberlegte Nutzung der Allen-antworten-Funktion in Mailprogrammen sollte ernste arbeitsrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen.

Mittwoch: Mittags wurde ich im Rheinauenpark Zeuge einer erschreckenden Missachtung des derzeit geltenden Abstandsgebotes.

Nachmittags wurde mir die unzweifelhafte Ehre zuteil, als unbedeutender Werksknecht einer Skype-Konferenz mit Vorstand und Bereichsleitern beizuwohnen. Dabei hatte es vermutlich nur technische Gründe, dass des Vorstandes Stimme als einzige mit leichtem Hall hinterlegt war, welcher gleichwohl eine gewisse göttliche Anmutung eindrucksvoll unterstrich.

Donnerstag: Die Zeitung lobt einen unbekannten Trompeter, der allabendlich die Nachbarschaft mit seinem Spiel erfreut. Ich bin es nicht, vielmehr ist sicher: Hielte ich meine beulige Tröte schallungedämpft aus dem Fenster, um Etüden in die Siedlung zu blasen, fiele das Lob deutlich schmalspuriger aus.

Freitag: Über den Karfreitag ist alles Wesentliche geschrieben, gemeint und gemalt. Zudem dürfte sich in diesem Jahr die allgemeine Empörung über kirchliche Vergnügungsverbote in Grenzen halten.

Die Tagesschau kommt nun aus dem Heimstudio.

Samstag: Grundsätzlich halte ich das Wort „eigentlich“ für überflüssig, aber in diesen vom Konjunktiv beherrschten Zeiten ist vieles anders. So wären wir ab heute eigentlich für eine Woche in Südfrankreich. Sind wir aber nicht. Schade. Mir bleibt somit nur, Trost in Bildern früherer Aufenthalte suchen, was auch unter Zuhilfenahme eines guten Côte-du-Rhone nur mit Mühe gelingt.

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Anknüpfend an den Eintrag vom Montag komme ich noch einmal auf bemerkenswerte Namen zurück. Für die heute-Nachrichten wurden Leute auf der Straße befragt, wie sie mit den Kontaktbeschränkungen zu Ostern (heißt das nun „Shutdown“ oder „Lockdown“?) zurecht kämen, womöglich mussten sie sich dazu gar die überaus dämliche Frage „Was macht das mit Ihnen?“ stellen lassen, ich weiß es nicht, da jeweils nur die Antworten gesendet wurden. Eine der Befragten, eine Dame reiferen Alters, erklärte sich unfroh darüber, während der Feiertage die Kinder und Enkel nicht sehen zu können; laut Einblendung hieß sie Undine Uhrig-Steckeweh, welch toller Name! Vermutlich dauerte sein korrektes Aufschreiben in den Notizblock des Reportes wegen mehrmalig erforderlicher Rückfragen („Wie die Uhr? – Mit h? – Schauen Sie mal: so richtig geschrieben?“ und so weiter) länger als die Befragung selbst.

Sonntag: Nun also Balkon statt Provence, was nur geringen Anlass zum Jammern und Bedauern bietet, immerhin habe ich meine Lieblingsmenschen um mich („Ich schlag dich tot“, sagt der Geliebte aus hier nicht näher zu erörternden Gründen), und der Himmel über Bonn ist fast so blau wie über Malaucène.

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Hier wie dort genieße ich es, die Zeit lesend im Liegestuhl zu verbringen, zum Beispiel in einem Zeitungsartikel über Gelassenheit in Krisen folgenden, dem Philosophen Seneca zugeschriebenen Satz: „Die Balance zwischen Muße und Aktion, gepaart mit frischer Luft und mäßigem Weingenuss, wirken Wunder.“ So gesehen mache ich wohl einiges richtig, jedenfalls bei zurückhaltender Interpretation von „Aktion“ und großzügiger Auslegung des Begriffes „mäßig“.

Nun also eine Woche Urlaub zu Hause. Ich bin mir sicher, es wird nicht langweilig. Und wenn mir gar nichts mehr einfällt, recherchiere ich den Unterschied zwischen „Shutdown“ und „Lockdown“.

Frohe Ostern!

 

 

Ein Gedanke zu “Woche 15: In Zeiten des Konjunktivs

  1. Ich mag das Wort „eigentlich“ auch nicht, weil dahinter immer gleich ein Wort kommt, welches ich noch weniger mag – ein „aber“. In diesem Sinne wünsche ich Dir einen schönen Urlaub von Balkon zu Balkon 🍷, Michi

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