Woche 39: Veuve Clicquot und Essigreiniger

Montag: Rückblickend zum Parteitag der FDP am vergangenen Samstag – Käme ich jemals in die Verlegenheit, ein Interview mit Christian Lindner zu führen, so lautete wohl meine erste Frage: „Herr Linder, wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass Sie nur Unsinn reden, sobald ein Mikrofon in der Nähe ist?“

Ähnliches gilt für Bundesverkehrsminister Scheuer. Der hat eine Idee: Laut einem Zeitungsbericht plant er die Einführung grenzüberschreitender Fernzugverbindungen, diese sollen „Trans Europe Express“ (TEE) heißen. Wird bald der VT 601 aus dem Museum geholt? Womöglich ist aus gewöhnlich gut unterrichten Kreisen bald zu erfahren, dass sich bereits weitere innovative Produkte in Vorbereitung befinden: „InterRegio“ (IR), „Eilzug“ (E) und „Güterzug mit Personenbeförderung“ (GmP).

Der SPIEGEL in seiner Elektro-Ausgabe über das Buch „Der Staat an seinen Grenzen“ von Thilo Sarrazin, das dort in dieser Woche immerhin auf Platz fünf der Sachbuch-Bestseller steht:

Die menschliche Geschichte war immer wieder geprägt von Wanderungsprozessen. Doch Migration konnte und kann die Probleme in den Herkunftsländern nicht lösen, schafft aber neue Probleme in den Zielländern. Der Autor entwickelt Vorschläge für eine realistische Einwanderungspolitik: von wirksamen Grenzkontrollen bis zur effektiven Bekämpfung der Fluchtursachen in den Heimatländern. Eine profunde Analyse, die breit diskutiert werden sollte – denn es geht um das Überleben unseres demokratischen Systems.

Bemerkenswert. Auch wenn Herr Sarrazin allgemein anerkannt ist für seine profunden Analysen – das Buch werde ich voraussichtlich dennoch nicht lesen.

Es wird wohl kein Zufall sein, dass „Patriot“ auf -iot endet.

Dienstag: Kurz nach der Mittagspause rief ein Kollege an und erzählte wortreich etwas, das ich nur halb verstand. Das japanische Wort „Aidzuchi“ bezeichnet die Geräusche, die jemand macht, um den Eindruck zu erwecken, er folge dem Gespräch mit Interesse. Das beherrsche ich ganz gut, glaube ich, denn am Ende bedankte er sich für meine Hilfe. Jedenfalls war es interessant, ihm in angenehmer Müdigkeit beim Denken zuzuhören.

Trotz aller Abneigung gegen Fußball – wenn auf dem Weg eine Kastanie liegt, muss ich dagegen treten. Immer.

Gott mag ja gut sein – seine Gläubigen sind Schmierfinken.

Auf dem Heimweg fuhr auf dem Fahrrad vor mir ein jüngerer Mann von erheblichem Volumen und mit kurzgeschorenen Haaren. Es liegt mir fern, jemanden allein aufgrund von Äußerlichkeiten einer bestimmten Gruppe zugehörig zu erklären. Insofern standen die auf den rückwärtigen Reflektor geklebten kleinen Buchstaben „NSU“ möglicherweise für „Natursektfreunde Uedorf“ oder „Nordstadt-Ukulelenorchester“.

Mittwoch: Mittags fotografierte ich welche beim Fotografieren eines Nutrias (Kreis).

Meine derzeitige Bettlektüre ist „Das Gewicht der Worte“ von Pascal Mercier. Dort gelesen:

„Ich ersticke am Uhrwerk der toten Metaphern […]. Das sind Metaphern, die wir blind nachplappern, ohne noch zu bemerken, dass es Metaphern sind – Bilder also, die einmal lebendig waren, indem sie neues Licht auf etwas warfen. Alle Hebel in Bewegung setzen, einen Streit vom Zaun brechen, mit der Tür ins Haus fallen, seine Hand für etwas ins Feuer legen – solche Wendungen. Was an den Bildern einmal lebendig war, ist durch tausendfaches Nachplappern abgetötet worden, aber die Sprache ist voll davon, und wenn man einmal ein Gespür dafür entwickelt hat, kommen einem all die toten Metaphern als ein riesiger, umfassender Mechanismus vor, ein riesiges Uhrwerk, größer als wir selbst, das mit erschreckender, unaufhaltsamer Zuverlässigkeit alles Neue und Spontane unter sich begräbt. Wie soll man sich dagegen wehren, wo wir doch die Sprache und ihre Gewohnheiten nicht einfach neu erfinden können?“

Allein dafür hat sich der Erwerb des Buches schon gelohnt.

Donnerstag: „Hier die Ulas“, schrieb mir einer. Auf Rückfrage wurde mir erklärt, das sei die Abkürzung für „Unterlagen“. Auch so ein Wort, das im hier gemeinten Sinne eher seltsam anmutet. Unterlage – vom Klang her etwas, das man unter etwas anderes legt, wie ein Platzdeckchen unter den Teller des Kindes zur Schonung der Tischdecke. Unter was jedoch legt man ein beschriebenes Blatt Papier oder gar eine Datei? Das fand ich schon als Kind komisch, habe jedoch irgendwann aufgehört, darüber nachzudenken und beabsichtige bis auf Weiteres auch nicht, die Überlegungen wieder aufzunehmen.

In einem von mir regelmäßig und gerne gelesenen Blog lese ich „…was mit Betriebssystem-Updates, nicht mehr supporteten PlugIns in meiner DAW und Tricks, wie man nicht supportete PlugIns in der DAW dann aber doch wieder zum Leben erwecken kann zu tun hatte“ und denke: Ach was.

Freitag: Gespräch am Morgen: „Es gibt eine Oper, Die lustige Witwe.“ – „Das werde ich hier wohl auch noch.“ – „Wir werden sehen, wer das wird.“ – „Ich lass nix anbrennen.“ Tag und Abend verliefen dennoch weitgehend in Harmonie.

Vielleicht schreibe ich irgendwann auch mal eine Oper oder Operette. Den Titel wüsste ich schon: „Die lustigen Tunten“. Über die Handlung muss ich mir noch Gedanken machen. Irgendwas mit Körperbehaarung, launischem WLAN, Staubsaugerlärm, Veuve Clicquot und Essigreiniger.

Samstag: Der Sommer hat sich verabschiedet, vielleicht auch nur vorläufig, man weiß es nicht. Jedenfalls ist es kühler und regnerisch geworden, was ich keineswegs beklage. Immerhin legt sich dadurch der tägliche Hormonterror ein wenig.

Hier ein lesenswerter Aufsatz zu Gendergerechtigkeit. Als bekennender Boomer neige ich dazu, die Meinung des Autors zu teilen, akzeptiere jedoch völlig, wenn andere, jüngere dazu ganz anderer Meinung sind; es liegt mir fern, das Anliegen der Befürworter zu lapidarisieren und ich maße mir keineswegs an, zu beurteilen, was hier richtig und falsch ist.

Sonntag: Der Sonntagsspaziergang durch eine von mir bislang unbegangene Gegend führte mich vorbei an einer „Hauptzweigstelle“ – ein Wort mit erkennbarem Verwandtschaftsbezug zu „Doppelhaushälfte“ und „Ostwestfalen“, und an einem Garagenbauwerk mit der Ästhetik einer anderen Zeit.

Weiterhin kam ich vorbei am Domizil einer katholischen Studentenvereinigung (sofern ich die Abkürzung „K. St. V.“ richtig deute) mit dem wenig Gutes verheißenden Namen „Vandalia“. Ansonsten führte der Weg durch eine Bahnunterführung, wo aus zwei mit robusten Käfigen gesicherten Lautsprechern klassische Musik spielt. Bemerkenswert: Etwas, für das woanders Eintrittsgeld bezahlt wird, dient hier der Menschenvergrämung.

Entgegen meiner Gewohnheit und Überzeugung nutzte ich den verkaufsoffenen Sonntag für einen voraussichtlich letzten Besuch der Karstadt-Filiale, die bald schließt. Es hatte etwas Deprimierendes: Viele Regale bereits leer, allgemeine Unaufgeräumtheit, und dazwischen zahlreiche Menschen, aasgeiergleich auf der Suche nach Schnäppchen. Wie deprimierend muss es erst für die Angestellten sein: einerseits am Sonntag arbeiten, andererseits bald gar keine Arbeit mehr. Gewissermaßen aus Mitleid erstand ich auf Vorrat ein weiteres Notizbuch, wissend, damit nichts und niemanden mehr zu retten.

Ansonsten waren in dieser Woche erfreulich: Ein Lob vor größerer Runde in Anwesenheit des Chefs, ein Wirtshausbesuch, die Aussicht auf Urlaub.