Woche 25/2021: So ähnlich muss sich Ruhestand anfühlen

Montag: Achter Urlaubstag. Während Stadt und Menschen um mich herum sich aufmachten zur wöchentlichen Wertschöpfung, blieb ich noch ein wenig liegen und fragte mich, warum es keine leisen Kehrmaschinen gibt.

Doch machte auch ich mich später auf, zu einer Wanderung über die dritte Rheinsteig-Etappe von Bad Honnef nach Linz. Während des Wartens auf die Bahn wehte ein Windstoß Teile einer regionalen Zeitung, die von Inhalt und Aufmachung her der bekannten Boulevardzeitung mit den vier Buchstaben ähnlich ist, über den Bahnsteig. „Egal, die brauche ich nicht mehr“, sagte der Mann auf der Bank nebenan, der zuvor darin gelesen hatte. „Guter Mann, kein Mensch braucht die“, verkniff ich mir zu antworten.

Nach mehreren durchwanderten Stunden muss an einer entscheidenden Stelle meiner langsam ermüdeten Aufmerksamkeit eine Wegmarkierung entgangen sein, so dass ich falsch (oder nicht) abbog. Die Komoot-App war hier auch keine Hilfe, da die von ihr empfohlene Route teilweise erheblich von dem abwich, was die blau-weißen Markierungen an Bäumen und Pfählen als Rheinsteig ausweisen und nach denen ich mich richtete, weil es mir lästig ist, alle paar hundert Meter auf das Datengerät zu schauen. (Nachtrag: Die Möglichkeit, Touren von der Rheinsteig-Seite direkt nach Komoot zu exportieren habe ich erst Tage später entdeckt. Ab der vierten Etappe läuft es dann besser.) Umkehren war keine Option, daher schlug ich mich unter Zuhilfenahme der App durch Wald und Wiesen sowie über diverse Stöcke und Steine, bis ich irgendwann (eher zufällig) wieder auf eine Wegmarkierung traf. Wie der Rheinländer sagt:

Ob richtige oder Improvisierte Strecke – der Weg durch Wälder und Felder war beglückend, hier und da auch ein Bächlein, das mich des großen Dichters Wort singen ließ:

„Tagtäglich fließt der Bach durchs Tal,

mal fließt er breit, mal fließt er schmal.

Er steht nie still, auch sonntags nicht,

und wenn mal heiß die Sonne sticht,

kann man in seine kühlen Fluten fassen.

Man kanns aber auch bleiben lassen.“

Heinz Erhardt

Erwähnte ich schon meinen Zwang, Trafotürme zu fotografieren? Hier ein schönes Exemplar oberhalb von Unkel, leider mit einer ästhetisch fragwürdigen Zweckerweiterung verunziert.

Nicht mehr allzu fern des Ziels gewährt der Rheinsteig einen wunderbaren Blick auf den namensgebenden Strom:

Am Ziel in der Linzer Innenstadt gab es ein Belohnungsbier, ehe ich mit der Bahn zurück nach Bonn fuhr. Somit war wieder ein Eintrag in meiner Urlaubsliste abzuhaken. Und ich sah, dass es gut war.

Dienstag: Heute gab es den zweiten Piks. Abgesehen von einem kleinen Rausch, danach vorübergehendem Unwohlsein des Geliebten, einhergehend mit Schlechlaunigkeit, sind bislang keine der befürchteten Nebenwirkungen eingetreten.

In Krisenzeiten leiden ja am meisten immer die Kinder.

Mittwoch: Die UEFA hat sich unbeliebt gemacht, weil das Münchener Stadion abends beim EM-Spiel Deutschland gegen Ungarn nicht in Regenbogenfarben erstrahlen durfte. Hiermit wollten die Münchner ein Zeichen setzen wider ein absurdes Gesetz gegen Homo- und Transsexuelle, das das ungarische Parlament vergangene Woche beschlossen hat. So ärgerlich das sein mag, diese Entscheidung des Fußballkonzerns war zu erwarten. – Gestatten Sie mir eine Anmerkung zum Wort „Homophobie“, das in diesem Zusammenhang immer wieder fällt. Eine Phobie ist die Angst vor etwas Bestimmtem, zum Beispiel ist Nomophobie die Angst, ohne Mobiltelefonkontakt zu sein, für viele inzwischen wohl das, was sie am meisten fürchten. Bei dem, was als Homophobie bezeichnet wird, geht es jedoch nicht um Angst, sondern um Ablehnung und Hass. Das ist etwas anderes. Angst müssen allenfalls die Schwulen und Lesben in Ländern wie Ungarn haben; DAS wäre Homophobie.

Obwohl die Maskenpflicht im Freien inzwischen weitgehend aufgehoben wurde, sah ich in der Fußgängerzone zahlreiche Leute, die weiterhin Mund-Nasen-Schutz trugen. Haben sie es nicht mitbekommen, oder sollten die Menschen doch vernünftiger sein, als ich annahm, jedenfalls ein Teil davon?

Die Nebenwirkungen der zweiten Spritze blieben auch heute weitgehend aus, bis auf einen ganz leichten Druck im Oberarm. Die Angst vor Spritzen heißt übrigens Trypanophobie.

Donnerstag: In Kürze tritt die „Einwegkunststoffverbotsverordnung“ in Kraft, allein schon wegen des Wortes eine Bereicherung. Örtlichen Bäckereien sehen laut Zeitungsbericht fehlende Alternativen zu Papp-Kaffeebechern und zugehörigen Kunststoffdeckeln als problematisch an. Doch, die gibt es: Verkauft einfach keinen Kaffee zum Mitnehmen mehr, irgendwann werden die Leute vielleicht einsehen, wie idiotisch es ist, mit einem Kaffee durch die Gegend zu laufen.

Mancher Werbespruch hinterlässt vor allem Ratlosigkeit. (Die Angst vor Puppen heißt im Übrigen Pediophobie. Yeah.)

Freitag: Letzter Urlaubstag. Nach dem Frühstück erledigte ich ein paar mir aufgetragene Besorgungen, danach fuhr ich mit dem Fahrrad zum Lieblingsplatz am Rheinufer vor Bonn-Oberkassel. Ein wirklich außergewöhnlich schöner Ort, man sitzt/liegt dort im Schatten hoher alter Pappeln, mit Blick auf das Siebengebirge links, rechts grüßt das Mutterhaus des Arbeitgebers herüber. Ich grüßte kurz zurück und beachtete es nicht weiter. Erst ab Montag wieder, vorher noch das Wochenende.

In meinem Alter ist es beschwerlich, auf dem Boden liegend zu lesen oder gar schreiben, es gibt einfach keine Körperhaltung, jedenfalls ist mir keine bekannt, in der das über längere Zeit bequem ist, und bequem soll es ja sein. Gepriesen sei daher das kleine, praktische Klappstühlchen, das problemlos auf dem Fahrrad-Gepäckträger zu transportieren ist. So kann ich stundenlang verharren: Lesen, schreiben, Schiffe kucken. Dazu das vorletzte Fläschchen Maibock, das Zeug muss langsam mal weg, der Juli naht bereits.

Samstag: Durch den Kiezschreiber wurde ich auf den Begriff „Rautavistik“ aufmerksam. Hierzu weiß Wikipedia:

Rautavistik ist eine Art der Performance-Kunst, bei der Handlungen ohne erkennbaren Sinn oder Nutzen für den Ausführenden oder Dritte zur Kunstform erhoben werden. […] die Handlungen dienen einzig zur Unterhaltung der Ausführenden. Werden Dritte aktiv in eine rautavistische Handlung einbezogen, so geschieht dieses normalerweise in einer Art Statisten- oder gar Opferrolle. […] Die ausführenden Personen nennen sich selbst Rautavisten. Sie kommen meistens aus dem Umfeld von Hochschulen und organisieren sich […] in Gruppen und geben sich oft ausgefallene Namen, Titel und Dienstbezeichnungen. […] Ein fast immer verwendetes zusätzliches Stilmittel ist es, diese sinnlosen Dinge mit großem Ernst anzugehen, der natürlich insgeheim nur gespielt ist. Daher wird großer Wert darauf gelegt, bei der Aktion möglichst wenig zu lachen. Eine eventuelle Andeutung oder gar Erklärung Dritten gegenüber, dass es sich bei der fraglichen Handlung doch eigentlich nur um Unsinn handele, wird gemieden; […] Ein typischer rautavistischer Gegenstand wäre z. B. ein Automat oder Kasten mit einem großen Knopf, dessen Betätigung absolut nichts bewirkt. Eine rautavistische Handlung wäre es, diesen Knopf dennoch im vollen Bewusstsein, dass nichts geschehen wird, zu drücken. Die Person, die diese Handlung bewusst ausführt, ist der Rautavist. […] Rautavistische Gespräche sind bewusst völlig sinnentleerte Gespräche, die jedoch ein kohärentes Thema zum Inhalt haben.

Das kommt mir sehr bekannt vor, einschließlich Opferrolle und dem Knopf, der nichts bewirkt. Ab Montag wieder.

Sonntag: Zwei Wochen Urlaub ohne zu verreisen waren sehr schön. So ähnlich muss sich Ruhestand anfühlen.

In der zurückliegenden Woche las ich übrigens „Die Geschichte eines einfachen Mannes“ von Timon Karl Kaleyta, eine Geschichte über Egozentrik, Unvernunft, Selbstüberschätzung, arg strapazierte Freundschaften und Scheitern. Auch wenn nicht immer nachzuvollziehen ist, warum sich die Mitmenschen des Protagonisten so verhalten, wie sie es tun, ein lesenswertes Buch.

4 Gedanken zu “Woche 25/2021: So ähnlich muss sich Ruhestand anfühlen

  1. Kraulquappe Juli 5, 2021 / 09:04

    Dieser Blogeintrag war mir wegen meines Urlaubs doch glatt durchgerutscht, und das, wo ich seit Wochen auf Ihr Urteil zu eben jenem Buch spechtete. Nun werde ich’s mir wohl kaufen oder noch zum Geburtstag wünschen (mich spricht ja allein das Cover sehr an, was für sich allein genommen freilich kein Grund zum Kauf wäre oder sein sollte).
    Nochmals herzliche Grüße!

    Gefällt 1 Person

  2. Kraulquappe Juli 5, 2021 / 19:11

    Um Himmels Willen, bitte korrigieren Sie den Verschreiber in meinem Kommentar, das erinnert ja aufs Grausamste an eibe dieser Deppen-Floskeln („blablablubb“). Hatte heute Morgen keine Brille auf, daher der Fauxpas.
    Das wäre ja nett, wenn Sie mir das Buch leihweise zusenden, ich maile Ihnen gern die Adresse. Und revanchiere mich selbstverständlich bei Gelegenheit, da wird sich was finden.

    Gefällt 1 Person

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