Montag: Manchmal muss man aus Routinen ausbrechen. Entgegen der Gewohnheit ging ich bereits heute zu Fuß ins Werk, in der Hoffnung, ein längerer Gang durch die Morgenfrische würde des Montags Müdigkeit mildern. Was den gewünschten Effekt betrifft: ging so.
Vergangene Woche beschrieb ich im Zusammenhang mit einem Friseurbesuch mein Unbehagen, das allzu Offensichtliche auszusprechen. Heute erschien beim Öffnen eines neuen Internet-Tabs das vermutlich von Microsoft so eingerichtete Bild eines Eisberges, dazu dieser Hinweis:
Manchmal weiß ich wirklich nicht, was ich dazu sagen soll.
Auf dem Rückweg ging ich hinter dem Mutterhaus an einem vorbei, der Tenorhorn übte, weithin gut hörbar, beziehungsweise nicht gut; er mühte sich immer wieder mit einer kurzen Tonfolge ab, die nicht recht gelingen wollte, auch nicht bei der werweißwievielten Wiederholung. Ob es Teil eines Liedes war oder eine Etüde, war nicht zu erkennen. Ebenfalls nicht, warum er ausgerechnet dort übte statt im Schallschutz des heimischen Kellers. Vielleicht haben die Nachbarn auf Unterlassung geklagt oder der Vermieter mit Beendigung des Mietverhältnisses gedroht, wundern würde es nicht. Er muss noch viel üben. Oder besser Briefmarken sammeln.
Das Wetter zeigte sich tagsüber trübe, erst am Abend heiterte es auf und bildete auf diese Weise meine persönliche Stimmung ziemlich genau ab.
Dienstag: Gegen 14 Uhr ist die Arbeitsunlust am größten. Dann rief auch noch ein ehemaliger Kollege an und schwärmte vom Ruhestand. Als er fragte, wie lange ich noch zu arbeiten habe, kamen mir die Tränen und die Lippen begannen zu zittern.
In einem Artikel der PSYCHOLOGIE HEUTE über Alter und Eintritt ins Rentenalter las ich von „Firmenpatriarchen und -patriarchinnen.“ Patriarchinnen? Ein weiteres Mosaiksteinchen im Bild einer Welt, die immer weniger meine ist.
Oder dieses: Die Zeitung berichtet über einen vierzigjährigen Wanderer, der vom Rhein-Sieg-Kreis einen Bußgeldbescheid über mehr als zehntausend Euro erhalten hat. Grund: Bei seinen Wanderungen verstieß er immer wieder gegen Naturschutzbestimmungen, indem er gesperrte Wege benutzte, in Schutzhütten übernachtete, im Wald Feuer entfachte und mutwillig einen Feuersalamander und eine Spinne beunruhigte. Über all das berichtete er umfassend auf Youtube, was der behördlichen Beweisführung sehr entgegenkam. Bei Reue hätte man ihm einen Nachlass gewährt, indes: „Ich bin es leid, mich zu verbiegen und die geforderte Einsicht und Reue zu zeigen“, so der vom rechten Wege Abgekommene. Weiter: „Es kann aber auch nicht sein, dass man erst Verordnungen lesen muss, bevor man einen Wald betritt.“ Ich finde es einmal mehr unerträglich, wie Medien Menschen, die sich nicht an Regeln halten wollen und deswegen zur Rechenschaft gezogen werden, Gelegenheit geben, sich als Opfer darzustellen.
Mittwoch: Wie der heutigen Wikipedia-Startseite zu entnehmen ist, starb vergangenen Sonntag im Alter von 69 Jahren ein „kanadischer Rockeranführer und Verbrecher“. Bemerkenswert, mit welchem Lebenswandel man es auf die Wikipedia-Startseite schafft. Doch wer weiß, vielleicht steht dort dereinst, wenn für mich die Zeit gekommen ist: „Carsten K., erfolgloser und weitgehend unbeachteter Kleinblogger“.
»Ich könnte heulen vor Wut!«, so endet ein Kommentar in der Berliner Zeitung. Dabei ging es nicht um den russischen Angriff auf die Ukraine oder die beharrliche Weigerung der FDP, Vernunft anzunehmen, vielmehr wurde die Schließung zweier Postfilialen beklagt. Heul doch, möchte man da antworten.
Donnerstag: Zu Fuß ins Werk, wie jeden Donnerstag.
Morgendliche RheinruheWenn es doch so einfach wäreDas Geheimnis meiner SchönheitUm Gottes Willen
In der Zeitung ein weiterer Artikel über den Dienstag genannten Falschwanderer, dieses Mal etwas kritischer, vielleicht haben sie es selbst gemerkt. In diesem Zusammenhang ist das Wort „Outdoorer“ zu lesen, was vermutlich soviel wie Freiluftinfluencer bedeutet. Die Verwendung solcher Wörter sollte auch bußgeldbewehrt sein.
Ich habe mir übrigens einen lang gehegten Wunsch erfüllt, beziehungsweise seine Erfüllung in die Wege geleitet: Ende September werde ich eine viertägige Alleinzeit am Niedersonthofener See im Allgäu verbringen, wo unsere Familie bis in die Achtziger häufig Urlaub machte. Darauf freue ich mich sehr und bin gespannt, was sich dort seitdem verändert hat, und was nicht. In letztere Kategorie fällt hoffentlich der allgegenwärtige leichte Kuhdungduft, ohne den das Allgäu für mich undenkbar wäre.
Freitag: Dieses Layla-Lied, über das sich gerade empört wird, kenne ich nicht, und das zu ändern liegt nicht in meiner Absicht. Es interessiert mich einfach nicht. Im Übrigen verstehe ich die Aufregung nicht. Der Anteil der Liedtexte, die in fragwürdiger Weise körperliche Reize preisen, dürfte erheblich sein, ohne dass daran nennenswert Anstoß genommen wurde und wird.
Gelesen in der PSYCHOLOGIE HEUTE über Hochbegabte: »Das Erdulden von Geschwätz erzeugt bei ihnen immense innere Spannung.« Bin ich hochbegabt? Aber in was nur?
Samstag: Aus Gründen familiärer und freundschaftlicher Kontaktpflege reiste ich nach Bielefeld, man muss diese Zeit zwischen den Wellen nutzen. Bei der Gelegenheit komme ich nicht umhin, den Schienenpersonennahverkehr zu loben: Die Bahnen waren pünktlich und nicht überfüllt.
„Alles wird schlechter“, hörte ich hinter mir jemanden ins Telefon sprechen, der am Düsseldorfer Flughafen zugestiegen war und seine Gesprächspartnerin davon in Kenntnis setzte, dass sein Gepäck nicht mitgeflogen war und sich noch in München befand.
Das sah der Vater einer dreiköpfigen Familie vermutlich anders: Immer wieder zeigte er sich begeistert von dem modernen Zug, der Anzeige der Anschlüsse vor dem nächsten Halt auf dem Monitor und der (funktionieren) Klimaanlage. Vielleicht war er zum letzten Mal Zug gefahren, als die Bahn den Nahverkehr noch mit Silberlingen abwickelte.
Flickwerk in Duisburg
In Essen ist an einem Gebäude der Stadtwerke der Schriftzug »Wohlfühlwärme von STEAG« zu lesen. Hoffentlich noch recht lange, möchte man eingedenk der aktuellen Entwicklung hinzufügen.
Kurz vor Rheda-Wiedenbrück mahnte der Triebfahrzeugführer per Lautsprecherdurchsage einen Fahrgast, der offenbar Freude daran hatte, immer wieder den Knopf für die Anforderung einer Rollstuhlrampe zu betätigen: „Dieser Zug ist ein Beförderungsmittel und kein Abenteuerspielplatz.“ Ein Satz aus Kindertagen: Oft, wenn wir uns irgendwo aufhielten, wo es einem Erwachsenen nicht genehm war, auf einer Baustelle oder so, wurde uns beschieden „Hier ist kein Spielplatz.“ Lange nicht gehört.
Vor Gütersloh sagte mein Sitznachbar ins Telefon: „Die Aufgabenstruktur soll ziemlich geil sein.“ Ein ebenso bemerkens- wie notierenswerter Satz.
Sonntag: Am Vormittag besuchte ich kurz die Dampfkleinbahn, die nach zweijähriger Zwangspause wieder fährt.
Lok 7 „Gustav“, Baujahr 1949, baustellenbedingt (auch bei der Kleinbahn wird gebaut) auf der sonst planmäßig nicht mehr befahrenen Oststrecke zwischen Mühlenstroth-Postdamm und Mühlenstroth-Forst
Danach trat ich ab Gütersloh die Heimreise nach Bonn an mit einer Bahn, die wesentlich stärker ausgelastet war als die Dampfkleinbahn. „Es zwingt Sie niemand, sich für neun Euro in überfüllte Züge zu quetschen“, sagte ein offenbar genervter Triebfahrzeugführer per Lautsprecher, nachdem er Fahrgäste aus der ersten Klasse verscheucht hatte. Er schien noch nicht völlig überzeugt von dem aktuellen Angebot der Bundesregierung.
***
Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche, möglichst in Wohlfühlwärme statt allzu großer Hitze.
Montag: „Ich bin gerade etwas lost.“ – „Sorry, ich musste mich erst unmuten (gesprochen: anmjuten).“ – Was Leute in Besprechungen so reden, wenn sie geschäftig wirken wollen. Ansonsten verlief der Wochenbeginn ruhig ohne unmutauslösende Momente.
»Keiner der Koalitionspartner fand das Tempolimit so wichtig, dass es Eingang in den Koalitionsvertrag gefunden hätte. Wir haben uns auf andere Maßnahmen konzentriert.«
Verkehrsminister Wissing gegenüber dem SPIEGEL auf die Frage, warum sich die FDP gegen ein Tempolimit sperrt. In einer amerikanischen Ulksendung käme an dieser Stelle wohl Hintergrundgelächter.
Dienstag: Mittags beim Flanieren durch den Park sah ich eine Wildgans regungs- und fassungslos auf den wasserlosen, noch immer in Sanierung befindlichen See blicken, wo mittlerweile Sand verteilt wird. Nur Geduld, rief ich ihr zu, bis Ende August soll es fertig sein, stand in der Zeitung. Sie nickte kurz, ohne den Blick von der Sandwüste abzuwenden.
Wasser- und fassungslos
Mittwoch: Jeder Tag ist anders, niemals ist einer wie der andere. Und doch verlaufen sie oft ähnlich: Aufstehen, Bad, Kaffee, Fahrt ins Werk, Bürokrams, Besprechung (heute erstmals nach Monaten sogar als Präsenztermin im Mutterhaus, insofern war der Tag besonders), Mittagspause mit Kantine (Cordon Bleu) und kurzem Spaziergang durch den Park, Pressespiegel, mehr Bürokrams, in letzter Zeit auch wieder Schwätzchen mit Kollegen, Feierabend, Fahrt nach Hause; Brötchen für das Abendessen mit den Lieben besorgen, Zeitung und Blogs lesen, heute oder Tagesschau kucken, Essen, zeitig ins Bett, Lesen, Schlafen. Und keine Idee, was ich ins Blog schreiben soll. So ein Tag war heute. Das ist nicht schlimm.
Donnerstag: Es gibt sie noch, die guten Jobs. Dabei meine ich nicht meinen, wobei, doch, der ist auch ganz gut. Aber nicht so gut wie dieser: Als ich morgens zu Fuß ins Werk ging, fuhr ein Fahrzeug der Bundes-Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung vorbei und blieb etwa hundert Meter vor mir am Rheinufer stehen. Ihm entstiegen zwei Herren, die mit elektrischem Grasmäher und Laubbläser die weißen Schilder von Bewuchs befreiten und reinigten, die alle hundert Meter die Rheinkilo- beziehungsweise Hektometrierung (heißt das so?) markieren. Der Fahrer blieb derweil sitzen, bis seine Kollegen fertig waren mit Mähen und Blasen, um sie zum nächsten Schild zu chauffieren.
Ich dagegen werde (zugegeben nicht schlecht) dafür bezahlt, mir Sätze wie diesen anzuhören: „Der Ball liegt im Feld von …, der muss da jetzt ein Preisschild dranmachen.“
Auf dem Rückweg – dunkle Wolken über Bonn-Beuel
Gelesen in einem SPIEGEL-Artikel über Monogamie im Tierreich: »Und bei den Fischen unterhalten Tigerhaie und Seepferdchen oft dauerhafte Zweierbeziehungen.« Die Kinder möchte ich sehen: Tigerpferdchen? Also Zebras? Im selben Artikel werden Reptilien aufgrund ihrer Promiskuität als „wechselfreudig“ bezeichnet. Ein wahrer Schatz im Silbensee.
Freitag: Die Welt ächzt vor Überbevölkerung. Bald acht Milliarden Menschen tummeln und drängeln sich darauf, täglich werden es mehr. Andererseits klagen viele Branchen über Personalmangel. Wie kann das sein? Wo sind die alle?
Abends war ich im Friseursalon meines Vertrauens, jetzt in neuen Räumlichkeiten mit einem für mich neuen Friseur, weil meine Stammfriseurin Urlaub hat. Ein wenig Unbehagen kommt jedes Mal wieder auf bei der Frage „Was kann ich für Sie tun?“ – Was soll man da sagen, das nicht allzu offensichtlich klingt wie „Etwas kürzer“? Natürlich kürzer, länger geht ja wohl kaum. Oder mehr, vor allem hinten-oben, wo es immer lichter wird. Etwas übergriffig fand ich die Frage nach meiner beruflichen Tätigkeit, die ich mit einem knappen „Bürojob in einem großen Unternehmen“ beantwortete. Die Gegenfrage „Und Sie?“ verkniff ich mir. Mit dem Ergebnis war ich indes zufrieden.
Samstag: Bereits gegen halb neun morgens hob nebenan das laute Rauschen eines Gasbrenners an, Sie kennen diese Flammenwerfer, die von Dachdeckern benutzt werden, um Teerpappe gefügig zu machen. Was hier geflammt wurde, war nicht zu erkennen, vermutlich beseitigte jemand Unkraut, die Leute kommen oft auf die absurdesten Ideen, wenn es der Bequemlichkeit dient. Anscheinend ist das Gas noch immer zu billig, woran sich zunächst auch nicht viel ändern wird, wenn Herr Putin den Hahn zudrehen lässt, da hierfür kein Erdgas verwendet wird.
Meine Empörung hielt sich dennoch in Grenzen, da ich schon aufgestanden war, um später mit der Bahn nach Dortmund zu fahren, wo ich mit C., meinem ältesten Schulfreund, verabredet war. Also natürlich nicht der älteste an Jahren, sondern den ich am längsten kenne, Sie verstehen schon. Auch nach über fünfzig Jahren ist der Kontakt trotz der räumlichen Entfernung nicht abgerissen, wir telefonieren zu den Geburtstagen, und ab und zu – viel zu selten – treffen wir uns auf halber Strecke zwischen Bonn und Bünde in Dortmund.
Die An- und Abreise im Nahverkehr bot einmal mehr die Möglichkeit, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Mir war es egal, ich hatte einen Sitzplatz am Fenster. Auf dem Hinweg saßen hinter mir welche auf dem Weg zu einem Festival, wenn ich es richtig verstanden habe. Sie unterhielten sich im üblichen Jargon der Umdiedreißigjährigen, mit „genau“ und „tatsächlich“ sowie englischen Einsprengseln in jedem zweiten Satz. In Düsseldorf stieg eine lärmende Hobby-Fußballmannschaft hinzu, die von den Umdiedreißigjährigen eine Flasche Rosé gereicht bekam, die einmal den Gang runter und wieder rauf gereicht wurde, natürlich ohne Gläser. Mich grauste. Erfreulicherweise stiegen sie bereits in Mülheim an der Ruhr wieder aus, was zu folgendem, durchaus witzigen Dialog mit den Umdiedreißigjährigen führte: „Was wollt ihr denn in Mülheim?“ – „Da haben wir unsere Ruhr.“
Diese wunderschöne V 60 stand im Dortmunder Hauptbahnhof herum und verlangte nach Fotografiertwerden
Seuchenbedingt lag das letzte Treffen mit Freud C. drei Jahre zurück, daher gab es viel zu erzählen, und da Erzählen durstig macht, gab es Weißwein dazu. Viel Weißwein, was die Koordination der Rückreise etwas abenteuerlich werden ließ. Aber der Umstieg in Köln gelang, ich kam wohlbehalten, wenn auch etwas später als ursprünglich geplant, zu Hause an.
Sonntag: Da der Weißwein von gestern nachwirkte, fiel der Spaziergang heute etwas länger aus.
Auch kam ich erst heute dazu, die Samstagsausgabe des General-Anzeigers fertig zu lesen. Wolfgang Pichler schrieb darin über Rap: „… dieses höchst gewöhnungsbedürftige Gebell auf den Billig-Musiksendern, wo Leute mit suboptimalem Klamotten- und Schmuckgeschmack so dreinblicken, als wollten sie entweder einander oder den Zuschauer massakrieren, während sie nicht druckfähige Äußerungen über eigenes und fremdes Sexualverhalten von sich geben.“
Montag: Der erste Arbeitstag nach zwei Wochen Urlaub zog sich in müder Lustlosigkeit. Immerhin ruhig mit nur einem Besprechungstermin und einer erstaunlich geringen Anzahl an Mails, die keine nennenswerten Imponderabilien enthielten und bis zum Nachmittag weitgehend abgearbeitet oder gelöscht waren. Das ist ja immer wieder das Schöne, vieles erledigt sich von selbst.
Überschattet war der Tag von der traurigen Nachricht über den Unfalltod einer Kollegin, der mal wieder deutlich macht, wie wichtig es ist, das Leben täglich zu genießen, auch montags nach dem Urlaub. Warum erkennen wir das immer erst zu solchen Anlässen?
Der Oberste US-Gerichtshof hat bereits in der vergangenen Woche das Recht auf Abtreibungen eingeschränkt, das haben Sie sicher mitbekommen. Wie heute in der Zeitung zu lesen ist, will man sich als nächstes mit dem Gebrauch von Verhütungsmitteln, der Zulässigkeit intimer gleichgeschlechtlicher Beziehungen und der Homo-Ehe befassen. Sie meinen, das ist halt Amerika? Ja, noch ist es das. Mir wird bang. (Lesen Sie dazu gerne auch die Ausführungen von Herrn Fischer.)
Mit einer Art fieser Erheiterung lese in Blogs und Zeitung die Berichte über die derzeitigen Zustände an deutschen Flughäfen, Wartezeiten bei Sicherheitskontrollen, abhanden gekommenes Gepäck und ausgefallene Flüge, und denke: Warum tun die sich das an?
Nach Rückkehr aus dem Werk hörte ich erstmals nach längerem wieder die Singstarkrähe von gegenüber, die mit einem nicht identifizierbaren „Lied“ die Siedlung beschrie.
Unterdessen fand ich im Briefkasten einen persönlichen Brief aus Badgastein vor, über den ich mich sehr freue.
Dienstag: Energiesparen ist möglich. Man kann zum Beispiel mit insgesamt fünfunddreißig Sekunden Wasserlaufzeit duschen, einschließlich Vorlauf bis zum Erreichen der angenehmen Temperatur, wenn man beim Einseifen konsequent den Hahn abdreht; ich habe das mal für Sie ausprobiert. Nimm dies, Putin.
Abends war ich laufen, obwohl es dazu etwas zu warm war, aber irgendeine Ausrede findet sich ja immer. Nach Rückkehr wunderte ich mich über die polizeiliche Absperrung der Wilhelmstraße, in unmittelbarer Nähe zu unserer Wohnung. Da ahnte ich noch nicht, dass kurz zuvor ein menschlicher Kopf vor dem in nämlicher Straße befindlichen Landgericht abgelegt worden war; den mutmaßlichen Rest fand man etwas entfernt in Rheinnähe. Du liebe Güte.
Mittwoch: O du schöner Westerwald, Eukalyptusbonbon. Vielleicht kennen Sie dieses alte Volkslied, das in meiner Jugend gerne zum Bier gesungen wurde; je mehr Bier, desto lauter. Aus beruflichem Anlass hielt ich mich eineinhalb Tage in Hachenburg im Westerwald auf, wo unsere Abteilung sich traf. Nach nicht übertrieben langer Beschäftigung mit fachlichen Themen gingen wird zum Freizeitprogramm über, das aus einer Besichtigung der örtlichen Brauerei bestand, wo der Abend schließlich ausklang, ohne Eukalyptusbonbons.
Mehr Freiheit ist kaum denkbar
Bei Ankunft an der Brauerei war der Hof voll an schwarzen Autos, minütlich kamen weitere hinzu und warteten geduldig, um sich einen weißen, für ein alkoholfreies Produkt des Hauses werbenden Schriftzug schräg über die Motorhaube kleben zu lassen. Als Belohnung gab es zwei Kästen des nämlichen Getränkes. Was Menschen alles tun, wenn es was umsonst gibt.
Warten für Werbung für kalten Kaffee
Auch sonst war es ganz schön:
Biergarten
Donnerstag: Morgens nach dem Aufwachen hallte der Brauereibesuch noch etwas nach. Währenddessen verhöhnte mich mein Ohrwurm mit „Es geht mir gut“ von Marius Müller-Westernhagen.
Laut Zeitungsbericht empfiehlt ein Experte, Gas nicht per Gießkanne zu verteilen. Es ist immer schön, das augenscheinlich Offensichtliche von einem Fachmann bestätigt zu wissen. Wie viele Kannenfüllungen benötigte man allein für fünfunddreißig Sekunden Brausebad?
Freitag: Jede Krise gebiert ihre eigenen Begriffe, siehe „Herdenimmunität“, „Inzidenzwert“ oder „Kontaktpersonennachverfolgung“. Erstmals las ich heute in der Zeitung das Wort „Gasmangellage“ und ahne, das künftig öfter zu hören und lesen.
Nachmittags standen wir bei Getränken und Häppchen zusammen, um einen Kollegen in den Ruhestand zu verabschieden, und also sprachen wir: „Lass uns über was anderes als Corona reden.“ – „Einverstanden. Gaskrise? Atomkrieg?“ Gelacht haben wir dennoch.
Der am Dienstagabend gefundene Kopf wurde nach gerichtsmedizinischer Erkenntnis erst abgetrennt, nachdem der ursprüngliche Inhaber eines natürlichen Todes gestorben war. Der kurz nach dem Fund gefasste Ableger hat sich somit nicht des Mordes schuldig gemacht, sondern der „Störung der Totenruhe“, auch so ein Straftatbestand, über den Herr Buschmann vielleicht mal nachdenken sollte.
Samstag: Nach Erledigung der üblichen Samstagsgeschäftigkeiten hielt ich Einkehr in der Lieblings-Weinbar. Bei Rosé unterhielt ich mich als einziger Gast bestens mit dem Wirt, daher wurden aus dem beabsichtigten einen Glas drei. Man hat von dort aus ausgezeichnete Aussicht auf die draußen Vorübergehenden, weshalb ich dieses Lokal sehr mag, gerade am Samstagmittag. Während der Unterhaltung sah ich einen, der an der gegenüberliegenden Straßenbahnhaltestelle an einem „Durstlöscher“-Päckchen saugte und sich dabei ausgiebig selbst fotografierte oder filmte. Kein Zweifel, die Welt wir immer bekloppter. (Leergesaugte Durstlöscher-Packungen liegen inzwischen in nahezu gleicher Zahl in der Gegend herum wie Einweg-Kaffeebecher.)
Sonntag: Heute war in Köln CSD. Nach Jahren der Abwesenheit und Seuche war ich wieder dabei, nahm auch an der Parade teil, obwohl mittlerweile für derlei etwas zu alt. Doch erstmals war auch mein Arbeitgeber mit Wagen und bemerkenswert großer Gruppe vertreten, daher wollte ich mir das nicht entgehen lassen.
Auf der Deutzer Brücke, kurz nach BeginnEine Abwechslung gegenüber den üblicherweise zur Schau gestellten Muskelaufbauten
Danach war mein Bedarf an größeren Menschenansammlungen, wummernder Bassbeschallung von vorne und hinten sowie hormonell herausfordernden Anblicken am Wegesrand gedeckt, daher nahm ich die nächste Bahn zurück nach Bonn, die durch ihre Belegung einen Eindruck verschaffte von den Auswirkungen des gepriesenen Neuneurotickets.
***
Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche mit stets einem Hauch Gas in der Leitung. Genießen Sie gehobenen Hauptes das Leben.
Hier der zweite Teil meiner persönlichen Rückschau auf die Jahrzehnte. Nach den Siebzigern folgen die
Achtzigerjahre
Auch in den Achtzigern, vor allem der ersten Hälfte, galten wesentliche Teile meines Interesses der Eisenbahn. Die Bahnstrecke am Haus meiner Großeltern wurde bereits 1980 stillgelegt, wenig später die Gleise zwischen Göttingen und Dransfeld abgebaut. Aber es gab noch genug andere Strecken, nicht weit von meinem Elternhaus die Nebenbahn von Bielefeld nach Lemgo, der nun meine Aufmerksamkeit galt. Mein Freund U., genauso bahnverrückt, und ich lernten den Bundesbahner S. kennen, der im nahen Bahnhof Hillegossen als Fahrdienstleiter Dienst tat. Mit der Zeit freundeten wir uns mit ihm an, wir verbrachten oft ganze Nachmittage dort, duften in den Dienstraum, der dem niedrigen Bahnhofsgebäude vorgebaut war, was Bahnfremden normalerweise nicht gestattet war. Mehr als einmal erhielt S. deswegen einen Rüffel seines Chefs, wenn der aus Bielefeld zur regelmäßigen Dienstkontrolle erschien und wir nicht mehr rechtzeitig den Raum verlassen konnten.
Bahnhof Hillegossen, Blickrichtung Bielefeld
Wir durften sogar über die großen Hebel die Weichen und Signale bedienen, was für S. vermutlich ein Disziplinarverfahren nach sich gezogen hätte, wenn der Chef es mitbekommen hätte. Viel passieren konnte dabei nicht, durch uns wären wohl keine Züge entgleist oder zusammengestoßen, die alte Sicherungstechnik war sehr zu zuverlässig, außerdem achtete er darauf, dass wir alles richtig machten.
U. und ich bereisten viele Bahnstrecken, die von Bielefeld ausgehenden Nebenbahnen nach Lemgo, Osnabrück, Paderborn und Münster, aber auch Strecken weiter weg, vor allem wenn sie kurz vor der Stilllegung standen, einige auch am letzten Betriebstag vor der Betriebseinstellung; die Deutsche Bundesbahn legte in den Achtzigern sehr viele Strecken still. In den Sommerferien kauften wir uns ein Tramper-Monatsticket, mit dem man einen Monat lang innerhalb Deutschlands beliebig viel und weit mit der Bahn fahren konnte. Dabei bereisten wir so manche Strecke, die heute längst von der Karte verschwunden ist und deren Trasse allenfalls noch mit dem Fahrrad befahren werden kann.
Auch die Modelleisenbahn blieb eine meiner liebsten Beschäftigungen: In unserem Garten wuchs die L.G.B.-Bahn mit jedem Meter Gleis, den ich von meinem Taschengeld kaufen konnte, bis sie den Garten ganz umrundete, auch die Zahl der Loks und Wagen wuchs mit jedem Geburtstag und Weihnachten. Als mir mein Patenonkel zur Konfirmation den ersehnten Schienenbus schenkte, war alles andere um mich herum vergessen. Auf unserem Dachboden baute ich an einer großen HO-Bahn, die nach Fahrplan und Fahrdienstvorschrift der Bundesbahn fuhr, so wie wir es in Hillegossen gelernt hatten. Während des Bastelns lief im Radio auf WDR 2 die Sendung „Unterhaltung am Wochenende“, deren Höhepunkt stets die „Kleine Dachkammermusik“ von und mit Hermann Hoffmann war, der sämtliche Rollen – er selbst, seine Frau, Otto de Fries, Pankratius Schräuble, Herr Schlotterbeck und einige andere – sprach.
Schließlich wurde ich Mitglied im Verein Dampf-Kleinbahn Mühlenstroth, der bei Gütersloh eine schmalspurige Museumseisenbahn mit richtigen Dampfloks betrieb (und heute noch betreibt). Dort verbrachte ich jahrelang die meisten Wochenenden, arbeitete mich hoch vom Schaffner bis zum Lokführer. Selten war ich mehr mit Stolz erfüllt als an dem Tag, an dem ich zum ersten Mal eigenverantwortlich eine Dampflok fahren durfte, auch wenn die Dampfkleinbahn nicht viel mehr war als ein großer Schienenkreis um eine Gaststätte, vergleichbar meiner L.G.B.-Bahn, nur im Maßstab 1 : 1.
Der stolze Junglokführer auf seinem Stahlross
Bei aller Bahnbegeisterung entging mir nicht, dass es auch außerhalb des Schienenkreises Interessantes zu erleben und entdecken gab, zum Beispiel im körperlich-zwischenmenschlichen Sektor. So brach langsam die Stimme um eine Oktave nach unten, wie bei den anderen Jungs auch, außer dem bedauernswerten J., der bis zum Abitur kindlich piepste.
Zudem begannen an diversen Stellen Haare zu wachsen, zunächst nur spärlich und im Vergleich zu manchem Mitschüler spät, wie eigene Recherchen in Form diskreter Seitenblicke in der Umkleide vor und nach dem Sport und Schwimmunterricht ergaben. Ich hasste den Schulsport mit zunehmendem Alter immer mehr, vor allem Mannschaftssportarten, insbesondere dann, wenn zur Unterscheidung meine Mannschaft mit freiem Oberkörper spielte. Wiesen andere Jungs bereits beachtliche Muskeln und breite Schultern auf, blieb bei mir zunächst alles schmal und mager. Im zwölften Schuljahr lag die Sportstunde gar im Nachmittag, das hieß, nur für Volley- oder Basketball musste ich nachmittags nochmal los. Absurderweise konnte man – im Gegensatz zu Mathe, Deutsch und Englisch – Sport erst nach dem ersten Halbjahr des dreizehnten Schuljahres abwählen. Zu meiner letzten Sportstunde brachte ich Sekt mit und überreichte dem Sportlehrer, der eigentlich ganz in Ordnung war, einen selbstgeschriebenen Antisporttext:
(Entstanden 1986)
Als ich an dem Tag die Sporthalle verließ, schwor ich mir, nie wieder freiwillig eine zu betreten. (Erst Ende der Neunziger begann ich wieder freiwillig mit Sport, Laufen. Ohne Bälle und Sieg, dafür im Sommer manchmal mit freiem Oberkörper.)
Auch in meinem Gesicht wuchsen zunehmend Haare, die irgendwann so zottig abstanden, dass regelmäßige Rasuren unvermeidbar wurden. Nur den Flaum über der Oberlippe verschonte ich aus unerfindlichen Gründen lange Zeit. Wenn schon keine Bizeps, dann wenigstens einen Bart.
Erstmals entwickelte ich so etwas wie Eitelkeit, jedenfalls meine Frisur betreffend. Bis ungefähr sechzehn war sie mir egal, ich ließ es wachsen, und wenn ich mal zum Friseur ging, sagte ich „nicht so kurz“. So ging es nicht weiter: Ich ließ die Haare kürzer schneiden und versuchte, sie in eine Form zu bringen, wie ich es bei anderen bewunderte, leider zumeist ohne Erfolg, da sie aufgrund einer natürlichen Welle einen schwer zu brechenden eigenen Willen aufwiesen. Auch diverse Produkte wie Gel und Brisk führten nur selten zum gewünschten Ergebnis. Erste sehr viel später wuchs sich dieses Problem aus.
VorherNachher
Ein weiteres körperliches Dauerhadern galt meinen Füßen, die aufgrund familiärer Vererbung sehr krumm und hässlich geraten waren, daher zeigte ich sie höchst ungern öffentlich, etwa in Schwimmbädern. Dass mein Bruder und die meisten Cousins und Cousinen ähnlich ausgestattet waren, tröstete mich nicht, wenn ich auf die makellosen Laufwerke meiner Mitschüler schaute. Zudem rochen sie sehr streng, was wohl daran lag, dass auch in den Achtzigern das tägliche Brausebad in unserem Haushalt noch unüblich war.
Weitere Möglichkeiten, die der eigene Körper bietet, kannte ich zunächst nur aus den begeisterten Berichten von Mitschüler F., mit dem ich kurz zuvor noch Fallgruben im Sandkasten gegraben hatte, und es dauerte noch etwas, bis auch ich selbst verstand, was er meinte. Er hatte nicht zu viel versprochen. Den erhöhten Verbrauch an Papiertaschentüchern versuchte ich so gut es ging vor den Eltern zu verbergen, ich weiß nicht, inwieweit es gelang.
Ab und zu kam es zu gegenseitigen Fummeleien mit anderen Jungs, was laut den Lebensberatungsseiten diverser Zeitschriften (Oma las die Freizeit-, Papa die Neue Revue; zur BRAVO hatte ich nur selten Zugang) in dem Alter ganz normal war und nichts zu bedeuten hatte bezüglich eventueller Präferenzen.
Auch das Verhältnis zum anderen Geschlecht hatte sich seit der Grundschulzeit gewandelt. Mehrere Jungs (einschließlich F.) hatten auf einmal eine Freundin, und auf den Feten tanzten sie mit den Mädchen, wenige Jahre zuvor noch gleichsam andere Wesen, Klammerblues zu El Lute von Boney M. Auch in mir erwachte gewisses Interesse, vielleicht nur halbherzig, mindestens die andere Hälfte schlug immer noch für die Bahn, und das war nicht gerade etwas, womit man zarte Bande knüpfen konnte, nahm ich an. Außerdem, welches Mädchen wollte schon mit so einem mageren Hänfling wie mir etwas anfangen. Es gab durchaus ein paar Mädchen, derer näherer Bekanntschaft ich nicht abgeneigt gewesen wäre – A., die Tochter des Pfarrers unserer Gemeinde, später S. von meiner Schule und ein paar andere, auch wenn ich im Ernstfall nicht gewusst hätte, wie ich Bahn und Beziehung hätte vereinbaren können.
Daher trank ich auf den Feten lieber Alkohol, und das nicht zu knapp. Ab der Oberstufe feierte an fast jedem Wochenende irgendwer, ein wesentlicher Inhalt dieser Feten war es, möglichst viel Bier, Apfelkorn und andere fruchthaltige Spirituosen aus dem Hause Berentzen zu verzehren. Oder wir trafen uns zu viert bei R., der schon eine eigene Wohnung im Haus seiner Eltern hatte, wo wir uns mit Fünfliter-Partyfässern und Sekt die Zeit vertrieben. Mehr als einmal konnte ich mich am nächsten Tag nicht mehr an alle Details erinnern, vor allem wie ich nach Hause gekommen bin, während ich mich im Halbstundentakt bis in den Nachmittag hinein erbrach. „Geysirtag“ nannte ich diese Tage, an denen ich mir fest vornahm, künftig weniger zu trinken. Bis zum nächsten Wochenende. Gerne waren wir auch zu Gast beim Griechen kurz vor Oldentrup, wo wir fast in die Familie integriert waren und wo es selten bei nur einem Bier und einem Ouzo blieb.
Mit siebzehn begann ich mit dem Rauchen. Allerdings nicht Zigaretten, sondern Zigarillos. Das erschien mir zum einen etwas extravaganter, zum anderen glaubte ich, da man sie nicht inhalierte, wären sie weniger gesundheitsschädlich. (Erst mit vierzig stieg ich auf Zigaretten um, dazu kommen wir in den Zweitausendern.) In den Achtzigern war es selbstverständlich, auch in Gaststätten und Restaurants zu rauchen, wobei meine Zigarillos die Luft erheblich verpesteten.
Ein eher dunkles Kapitel war die Tanzschule, zu der ich von meinen Eltern gedrängt wurde, weil fast alle Freunde auch dorthin gingen. Jeden Samstag. Ich hasste es aus tiefstem Herzen, hatte weder Lust, ein Mädchen zum Tanzen auffordern, noch konnte und wollte ich die zu erlernenden Tanzschritte und Bewegungsabfolgen verinnerlichen. Das muss ziemlich komisch ausgesehen haben. Nach dem Grundkurs war damit Schluss für mich, die Freunde machten noch weiter. Am Abend des Abschlussballs beschloss ich, nie wieder eine Tanzschule zu betreten, wenige Wochen später trat ich dem Dampfkleinbahnverein bei, der mich fortan samstags gut beschäftigte.
Und dann war da noch dieser gewisse Punkt, der immer wieder aufleuchtete, anfangs nur schwach. Etwas heller strahlte er, wenn ich in der Schule P. sah, zwei Jahrgangsstufen unter mir, von dem etwas ausging, das mich in seltsamer Weise faszinierte und nicht sein konnte, nicht sein durfte. Auch nachmittags nach der Schule, am Wochenende und in den Ferien ging er mir nicht aus dem Kopf. Was mochte er jetzt gerade tun? Hatte er eine Freundin? Welch unschöner Gedanke. Ich erhöhte meine Aktivität bei der Dampfkleinbahn.
Erst Jahre später, 1989, kam ich zu der Erkenntnis, dass meine Beziehung zum anderen Geschlecht allenfalls auf freundschaftlicher Basis fußen konnte, was weder Eltern noch Kollegen erfahren durften, am wenigsten mein Vater. Und noch viel später hatte ich zum ersten Mal einen Freund, das erzähle ich Ihnen in den Neunzigern.
Ich begann, regelmäßig Tagebuch zu schreiben, bis heute. Zur Vermeidung unerwünschter Mitleser brachte ich mir selbst die deutsche Schreib- oder Sütterlinschrift bei, mit Hilfe des Mathebuchs. Es gab dort im Kapitel Vektorrechnung eine Gegenüberstellung aller Buchstaben in deutscher und arabischer Schreibweise, weil Vektoren mit deutschen Buchstaben bezeichnet werden. Schon damals hatte ich keine Ahnung, wozu man Vektorrechnung braucht, aber das galt ja für das meiste, was man auf dem Gymnasium lernen musste.
Neben dem Tagebuch schrieb ich auch andere kürzere Texte, siehe oben den Sporttext, inspiriert durch die Lektüre von Ephraim Kishon. Zunächst schrieb ich sie mit der Hand vor, dann tippte ich sie mit der Schreibmaschine ab. Da es noch kein Internet und Blog gab, machte ich damit nichts weiter und gab die Schreiberei bald wieder für längere Zeit auf.
Auch in modischer Hinsicht vollzog ich Mitte der Achtziger einen Wandel: Statt Jeans nur noch Baumwollhosen mit Bundfalte, bevorzugt in schwarz oder grau, dazu überwiegend schwarze Jacken und weiße Turnschuhe. Später wurde die Oberbekleidung zeittypisch bunter: Die Fernsehserie „Miami Vice“ inspirierte uns, nun Jacket mit Schulterpolstern zu tragen, gerne auch in bunt kariert. Erst viel später kaufte ich mir erstmals wieder Jeans.
Mit siebzehn begann ich, das Führen eines Kraftfahrzeuges zu erlernen. Dabei legte ich kein großes Geschick an den Tag, auf dem Fahrersitz fühlte ich mich nicht besonders wohl, woran sich bis heute nicht viel geändert hat. Die Nachricht vom Tod meines ersten Fahrlehrers kam überraschend, wobei ich jeden mittelbaren oder unmittelbaren Zusammenhang mit meiner Fahrstunde, die wenige Stunden vor seinem Ableben stattgefunden hatte, ausschließe. Immerhin bestand ich die Führerscheinprüfung auf Anhieb, konnte mich jedoch nicht erinnern, jemals zuvor derart nervös gewesen zu sein wie am Tag der praktischen Prüfung. Und derart erleichtert, als mir der freundliche Herr vom TÜV den grauen Führerschein aushändigte, damals zurecht als „Lappen“ bezeichnet.
Führerscheinfoto
Die erste Praxis erfuhr ich mit dem Auto meiner Eltern, einem roten VW-Derby, der mit seinen sechzig PS ganz gut beschleunigte. Es dauerte einige Zeit, bis ich ihn alleine ohne väter- oder brüderliche Begleitung fahren durfte, von da an fuhr ich ihn sogar recht gerne. Ich mochte den Wagen sehr und es tat mir leid, als wir uns Jahre später trennten, weil er erheblich in die Jahre gekommen war und sein Motor nur noch widerwillig ansprang.
Mein roter Blitz
Nach dem Abitur, das ich ohne größere Anstrengung einigermaßen hinbekam, fiel ich in ein soziales Loch: Die Wege trennten sich, viele meiner Mitschüler und Freunde gingen zur Bundeswehr (die mir aufgrund glücklicher Umstände erspart blieb), machten Zivildienst oder verließen Bielefeld zum Studium oder zur Berufsausbildung. Und ich sah P. nicht mehr täglich, schlimmer: gar nicht mehr. Ab und zu, immer seltener gab noch mal einer eine Fete, wo man sich sah, aber das war nicht mehr dasselbe wie früher, weil die meisten über ihre Bundeswehrerlebnisse berichteten.
Im September nach dem Abitur begann ich die Ausbildung bei der Post. Mein Berufswunsch aufgrund eines schon frühen Sicherheitsbestrebens war Beamter, daher hatte ich mich zuvor bei mehreren Behörden beworben. Mein Wunsch-Arbeitgeber, die Bundesbahn, war leider nicht an einer Zusammenarbeit interessiert, daher freute ich mich sehr über die Zusage des anderen Staatsunternehmens, wenn auch zunächst nur in der mittleren Beamtenlaufbahn, durch mein Abitur hätte ich eigentlich Zugang zum gehobenen Dienst gehabt. Aber egal – ich fühlte mich bei der Post gut aufgehoben und identifizierte mich sehr mit dem Unternehmen: Die Dienstkleidung mit dem gelben Horn auf dem Ärmel trug ich gerne, und wenn ich irgendwo im kleinsten Dorf das gelbe, rot umrandete Behördenschild mit dem Bundesadler und dem Wort POST darunter sah, erfüllte es mich mit gewissem Stolz. Daran änderte sich nach bestandener Laufbahnprüfung nichts, trotz recht kargem Gehalt blieb ich Postler mit Leib und Seele.
Nicht nur in meiner kleinen, auch in der großen Welt fanden die Achtziger statt:
Helmut Kohl wurde Bundeskanzler und blieb es für sehr lange Zeit. So bestimmte er nicht nur die Richtlinien der Politik, sondern nahm im Laufe der Jahre an Körpervolumen erheblich zu, was ihm den despektierlichen Beinamen „Birne“ einbrachte. Auch sonst versorgte er viele Kabarettisten zuverlässig mit Material für ihre Bühnenprogramme.
Ende April 1986 explodierte in Tschernobyl ein Atomreaktor. Mit Wind und Wolken erreichte die Katastrophe bald auch uns: Vor dem Verzehr von Wild und Pilzen wurde abgeraten, und sobald ein paar Regentropfen fielen, suchten wir schnell einen Unterstand als Schutz vor der Gefahr, die wir weder sehen noch riechen konnten.
Atomare Gefahr drohte auch in Form von Raketen und Bomben, mit denen sich USA und UdSSR gegenseitig ihre militärische Stärke versicherten, die allgemeine Angst vor dem alles auslöschenden Atomkrieg wuchs. Zur gleichen Zeit starben durch sauren Regen aufgrund zunehmender Umweltverschmutzung immer mehr Bäume, das Wort „Waldsterben“ wurde zu einem der großen Themen der Zeit. Hieraus entstand eine breite Friedens- und Umweltbewegung mit zum Teil skurrilen Erscheinungsformen. Auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis kleideten sich Männer plötzlich in farbigen Latzhosen und ließen sich Haare und Bärte lang wachsen. Und die Partei „Die Grünen“ zog in den Bundestag ein.
Kurz vor Ende der Achtziger lösten sich die DDR und der Ostblock auf, im November 1989 fiel die Berliner Mauer und kurz darauf die innerdeutsche Grenze. Noch heute bekomme ich feuchte Augen, wenn ich die Fernsehbilder vom Abend der Maueröffnung sehe, die unfassbare Freude in den Gesichtern der Menschen, die von einem Tag auf den anderen frei waren und reisen durften, wann und wohin sie wollten. Dass diese Wende nicht nur die von Helmut Kohl in Aussicht gestellten „blühenden Landschaften“, sondern auch zahlreiche Verlierer vor allem im Osten mit sich brachte, wurde erst später deutlich.
Ein Rückblick auf die Achtziger erfordert zwingend eine Betrachtung der damaligen Musik, von der Neuen Deutschen Welle bis Modern Talking. Zahlreiche Musikkassetten wurden gefüllt während verschiedener Hitparaden im Radio, immer mit der Hand am Aufnahmeknopf des Kassettenrekorders, bis der blöde Moderator ins Lied reinquatschte. Hier eine unvollständige Aufzählung der für mich bedeutendsten Interpreten, deren Musik ich heute noch gerne höre: Electric Light Orchestra, Pet Shop Boys, Nik Kershaw, Tears For Fears, Wham, Madonna, Duran Duran, A-ha, Traveling Wilburys.
Weiterhin ein kurzer Rückblick auf das Fernsehprogramm: Neben dem schon erwähnten Miami Vice schauten wir Dallas, Falcon Crest, Denver Clan, Der Fahnder (meine erste Begegnung mit Altoids-Pfefferminzbonbons), Alf, und Formel Eins, wo erstmals Musikvideos zu sehen waren.
Zum Schluss sei noch ein Gegenstand besungen, der wohl wie kaum etwas anderes als Symbol für die Achtziger steht: Rubiks Cube, der Zauberwürfel. Jeder musste ihn haben, deshalb war das Original bald ausverkauft. Für manchen war er eher ein Zauderwürfel, weil er ohne Anleitung kaum zu ordnen war, ohne ihn zu zerlegen und nach Farben wieder zusammenzusetzen. Nachdem der SPIEGEL eine Anleitung veröffentlicht hatte, konnte auch ich ihn lösen, bald auch ohne Anleitung. Ob ich das heute auch noch kann, muss ich mal ausprobieren, er liegt noch hinter mir im Regal.
Montag: Der erste Tag der zweiten Urlaubswoche begann mit einem guten Frühstück. Wir sind in Beaune (Burgund) in einem sehr guten Hotel. Zu loben ist (neben den ausreichend dimensionierten Saftgläsern) die Frühstückszeit bis elf Uhr; vergangene Woche auf dem Schiff mussten wir bis neun am Platz sein, was täglich ein unurlaubshaftes Frühaufstehen erforderte. Daran gewöhnt, war ich auch heute bereits um sieben wach und hätte erforderlichenfalls aufstehen können. Mangels Erfordernis blieb ich liegen, schlief nochmal ein und träumte, ich führte ein Privatgespräch mit Angela Merkel. Sie war sehr sympathisch, wir verstanden uns bestens. Keine Sorge, es geht mir gut.
Nach dem Frühstück fuhren wir durch die Umgebung. Es ist immer noch heiß, wenngleich etwas weniger als die Tage zuvor.
Das Burgund ist bekannt für seinen Drogenanbau im höheren Preissegment.La RochepotChagny
Während der Fahrens sahen wir immer wieder regionaltypisch helle Rinder, die augenscheinlich zufrieden grasten oder sich im Schatten der Bäume niedergelassen hatten. Eigentlich hat es so ein Rind gut: Es sorgt sich nicht um morgen, Klima, Krieg und Corona, was ziehe ich an, hat stets zu fressen, und zu gegebener Zeit wird es nach letaler Entnahme zu Rumpsteak, Kotelett und anderen Leckereien verarbeitet, wohingegen wir nach Ende der Laufzeit nutzlos vergraben oder verbrannt, bestenfalls kompostiert werden.
Dienstag: Der Tag begann trübe und deutlich kühler. Morgens regnete es leicht, was uns nicht davon abhielt, (als einzige) das Frühstück beschirmt auf der Hotelterrasse einzunehmen. Wenn man hier ein gekochtes Ei essen möchte, bereitet man es sich selbst zu. Dazu steht ein Behälter mit kochendem Wasser bereit. Das rohe Ei legt man in eine farbig markierte Haltevorrichtung, die an den Behälterrand gehängt wird, auf dass wallendes Wasser das Ei garend umspüle. Zur Kontrolle der Kochzeit dienen Sanduhren mit drei, vier und fünf Minuten Rieseldauer. Die von mir gewählten vier Minuten erwiesen sich als zu kurz, nach dem Köpfen war das Ei innen noch sehr flüssig. Morgen versuche ich sechs Minuten nach Armbanduhr, vielleicht auch sieben, ich habe ja Zeit.
Pünktlich zum Mittag, als wir zu einer weiteren Tour in die Umgebung aufbrachen, brachen auch die Wolken auf und die Hitze kehrte zurück. Daher sah ich bei der Einkehr am Nachmittag in Nuits-Saint-Georges zunächst davon ab, einen Rosé zu bestellen.
Sonnenbrillen sind albern.
Mittwoch: Das Frühstücksei war perfekt. Seine Zubereitung indes mysteriös: Wie geplant hängte ich es in den Behälter mit kochendem Wasser, um es sieben Minuten später herauszuholen. Irgendwann brachte mir die Bedienung unaufgefordert ein gekochtes Ei an den Tisch. Ob es das von mir zuvor eingehängte war, weiß ich nicht, und woher sie von meinem Siebenminuteneiwunsch wusste blieb ihr Geheimnis. Wie auch immer – so geht perfekter Service.
Vormittags verließen wir Beaune mit Ziel Arbois im Jura, wo der Liebste Unterkunft außerhalb des Ortes gebucht hat. Uns wurde eine Suite zugewiesen mit einem Sprudelbecken für zwei Personen im Schlafzimmer, von dem wir aus Gründen der Ressourcenschonung jedoch keinen Gebrauch machten.
Allee bei Chaussin, etwas nachbearbeitet
Bei Ankunft gab es ein Gewitter, das in angemessenem Abstand an uns vorbeizog, wohingegen es in der Gegend um Beaune ziemlich heftig gewütet haben muss.
Das Hotel am nächsten Tag, ohne Gewitter
Direkt unter unserem Balkon rauscht ein kleiner Wasserfall. Inwieweit er die Nachtruhe beeinträchtigt, wird sich zeigen. Zur Not haben wir noch die Ohrstöpsel vom Schiff.
Donnerstag: Ohrstöpsel waren nicht erforderlich. Das Zimmer ist nach außen gut schallisoliert.
Vormittags, als die Sonne noch nicht allzu sehr stach, machten wir einen Rundgang durch die örtlichen Fluren, vorbei an einem weiteren Wasserfall. Nachmittags unternahmen wir eine Ausfahrt in die Umgebung mit Weinkauf. Auch hier im Jura gibt es gute Weine, wobei manche durch ihre Sherry-Note zunächst gewöhnungsbedürftig sind.
Bei Les Planches-près-Abois
Auf dem Rückweg machten wir Halt in einem Supermarkt, um uns einen Überblick über das lokale Schaumweinangebot zu verschaffen. Während des Schauens räumte ein offenbar gut gelaunter Angestellter Weinflaschen von einer Palette in die Regale, dabei pfiff er „Désormais“ von Charles Aznavour und verschaffte mir so für den Rest des Tages einen durchaus angenehmen Ohrwurm.
Jetzt, da ich dieses notiere, sitze ich auf dem Balkon, unter mir rauscht der Hauswasserfall, aus Südwesten grollt das nächste Gewitter heran. So könnte ich Tage, Wochen verbringen: sitzen, schauen, lesen, etwas schreiben. Gerne auch ohne Gewitter.
Freitag: Morgens regnete es. Als wollte das Wetter uns den Abschied zur Abreise leichter machen. Wobei ich Regen ja grundsätzlich mag, in Maßen, versteht sich, nicht in verheerenden Sturzfluten. Dieser war guter Regen, unaufgeregt fiel er senkrecht zu Boden, ohne Böen, Hagel, Blitz und Donner. Beim Frühstück hätte ich gerne noch länger zugeschaut, wie vor dem Fenster dicke Tropfen im Gewässer unterhalb des kleinen Wasserfalls Blasen schlugen. Aber wir mussten los, wenn es am schönsten ist, Sie wissen schon.
Unaufgeregter Regen
Der Regen blieb während der Fahrt ständiger Begleiter, mal als graue Front in der Ferne, mal waren wir mittendrin und zuckelten aus Sicherheitsgründen langsam hinter Lastwagen her, warum nicht, wir hatten es nicht eilig. Die Welt wäre wohl friedlicher, nähmen wir Menschen es gelassener hin, dass Dinge so lange dauern, wie sie eben dauern.
Aufgeregter Regen
Dann meldete das Auto auch noch Öldurst, der an der nächsten Raststätte gestillt wurde.
Samstag: Zu Hause ist es auch schön. Spätestens nach der ersten Nacht im eigenen Bett, der ersten Sitzung auf heimischer Brille wird dies immer wieder deutlich.
Besorgungen ließen mich die menschengefüllte Fußgängerzone aufsuchen. Im Vorbeigehen sah ich aus den Augenwinkeln einen jungen Mann am Straßenrand sitzen, vor sich drei Becher mit Schildern, die ich erst richtig wahrnahm, als ich schon dran vorbei war; die visuelle Wahrnehmung benötigte wohl ein paar Sekunden, bis sie in den zuständigen Hirnwindungen angekommen war. Auf den drei Schildern stand: „LSD“, „Bier“ und noch was anderes, vielleicht „Tabak“, ich wollte nicht nochmal zurück gehen. Auch weiß ich nicht, ob hierdurch die Spendenbereitschaft der Vorbeigehenden positiv beeinflusst wurde.
Im Übrigen habe ich den subjektiven Eindruck, der Anteil der Gehenden, die ihr Umfeld ausschließlich über das Display ihres Datengerätes wahrnehmen, ist nochmals angestiegen.
Sonntag: Unter der Überschrift „Das nervt uns im Sommer“ beklagt die Sonntagszeitung neben anderem behaarte Männerwaden in kurzen Hosen. »Shorts lassen erwachsene Männer wie Kinder wirken. Verschwitzte, behaarte Unterschenkel sind unappetitlich. Vor allem aber lassen sie jedwede Eleganz vermissen«, so der vermutlich männliche Verfasser, ganz klar ist das nicht erkennbar. Als Alternative rät er, einen langen Rock zu tragen. Mit Verlaub – das ist so ziemlich das Dümmste, was ich seit langem gelesen habe. Was ist lächerlicher, deprimierender anzusehen als rasierte Jungsbeine, womöglich noch tätowiert? Und über Männer in Röcken möchte ich mich lieber nicht äußern. Deshalb für alle, die es ähnlich sehen, dieses:
Archivbild aus dem vergangenen Jahr
Was wirklich nervt: Wenn man mich, wie jetzt geschehen, „Liebe:r Carsten“ anschreibt.
Auch aus der Sonntagszeitung:
F.A.S. vom 26.6.2022
Ich verstehe die Frage nicht.
Gesehen am Wegesrand während des Spaziergangs; wieder so etwas, wo ich gerne die Geschichte dahinter wüsste:
Bonn, Friedrichstraße
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Das war es mal wieder mit dem Urlaub. Die Vorfreude auf die Werktätigkeit ab morgen hält sich in Grenzen, aber das kommt bestimmt noch. Kommen Sie gut durch die Woche!