Montag: „Ich liebe den Sommer, weil die Leute schon morgens gut gelaunt sind“, sagte in der Frühe eine Frau im Radio. Was für Leute kennt die? Mich offenbar nicht.
Der Sommer macht mich eher nervös, nicht nur aus klimatischen, vielmehr aus optisch-hormonellen Gründen.
Tennissocken sind wieder im Trend
Schlechtlaunig erschienen mir abends auf der Rückfahrt vom Werk die Verkehrsteilnehmer; da war ein Drängen, Hupen und Schimpfen auf den Straßen wie selten. Ein wenig sprang das auf mich über: Als ich nach der Heimkehr zu Fuß Brötchen für das Abendessen holte, bereitete es mir diffuse Freude, Radfahrern, die mir regelwidrig in der Fußgängerzone begegneten, bewusst nicht auszuweichen; das unausgesprochene „A…loch“ in ihrem Blick nahm ich befriedigt zur Kenntnis. Ansonsten bin ich meistens ganz verträglich.
Dienstag: Olivia Newton-John ist tot, dreiundsiebzig ist sie geworden. Ihr größter Hit für mich war „Xanadu“, den sie 1980 mit dem Electric Light Orchestra in die Radios brachte. Der Ohrwurm des Tages spielte indes dieses, etwas älter, auch schön.
Mittags in der Kantine gab es rheinischen Döppekuchen, allerdings nicht für mich. Da ich aufgrund einer Besprechung etwas später zum Essen ging, konnte ich nur zusehen, wie die letzte Portion bereits um kurz nach zwölf an den Kollegen vor mir ausgegeben wurde, anscheinend hatte man die Beliebtheit des Gerichtes unterschätzt. Kann passieren, zumal ich die Kantine heute so voll erlebte wie zuletzt in Vorseuchenzeiten. „Döppekuchen ist wahrscheinlich aus, ich frage mal in der Küche nach“, beschied mir die freundliche Bedienung und verschwand. Während ihrer Abwesenheit bildete sich hinter mir eine Schlange weiterer Döppekuchenhungriger. Sie kehrte zurück mit einer dampfend gefüllten Wanne, doch ach: „Döppekuchen ist aus, es gibt jetzt Kartoffelauflauf.“ Das missfiel dem Kollegen hinter mir, er zog empört ab ob der vergeudeten Warteminute mit Worten ähnlich „Das müssen Sie doch besser kommunizieren“, die Antwort „Ja ja …“ der Servierdame wird er nicht mehr gehört haben. Der Kartoffelauflauf schmeckte vorzüglich.
Gelesen in einer Mitteilung: »Fange nie an, aufzuhören, und höre nie auf, anzufangen.« Du liebe Güte. Kennen Sie das, wenn man sich am liebsten einen Blecheimer über den Kopf stülpen und so lange mit einem hölzernen Kochlöffel dagegen schlagen möchte, bis es aufhört?
Mittwoch: Morgens erlosch, wie regelmäßig in letzter Zeit, im Bad das Licht, während ich den alten müden Leib für den Tag herzurichten mich mühte. Grund ist die moderne Haustechnik, die in wundersamer Weise mit dem Datengerät des Liebsten vernetzt ist. Sobald er das Haus verlassen und eine gewisse Distanz erreicht hat, gehen bei uns die Lichter aus. Früher gab es fest in der Wand installierte Lichtschalter, im Haus meiner Großeltern waren das Bakelitschalter mit so einem Drehdings in der Mitte, die bei Betätigung laut „klack“ machten, später einfache Drucktaster. Eines war allen gemeinsam: Wenn man drehte oder drückte, gingen diesen Schaltern fest zugewiesene Lampe an oder aus. Ein größeres Wunder war, wenn man eine Lampe über zwei Schalter an unterschiedlichen Stellen beliebig an- oder ausschalten konnte, das nannte man Wechselschaltung; in Physik war das mal Unterrichtsgegenstand, ich könnte heute nicht mehr erklären, wie das funktioniert. Jedenfalls funktionierte es zuverlässig.
Lichtschalter haben wir heute auch noch an den Wänden, die fast so laut „klack“ machen wie ihre Bakelitahnen, allerdings ist völlig rätselhaft, was sie auslösen und wer das entscheidet. Mal gehen auf Knopfdruck die Lampen in der Küche an, mal im Flur, ein anderes Mal wechseln sie nur den Farbton von grellweiß nach schummriggrün. Manchmal passiert nichts, dann schimpft der Geliebte und der Liebste ist stundenlang mit irgendwelchen Apps beschäftigt. Ohnehin werden bei uns nur noch selten Schalter gedrückt, stattdessen sagt einer „Hey Siri – im Wohnzimmer Lampen aus“ oder „Hey Siri – alle Lampen an“, daraufhin sagt eine devote Frauenstimme irgendwas und im günstigsten Fall wird der Befehl ausgeführt. Manchmal auch nicht, dann sagt sie so etwas wie „Ich kann die Lampe im Bad nicht finden“ oder sowas, woraufhin wieder der eine schimpft und der andere sich den Apps widmet. Manchmal bin ich dessen schrecklich müde und wünsche mir die alten Klackschalter von Oma zurück. Bei Manufactum gibt es die noch, allerdings werden die sich wohl nicht mit des Liebsten Datengerät und Siri verstehen.
Donnerstag: Wie jeden Donnerstag ging ich zu Fuß ins Werk, davon hält mich auch Sommerglut nicht ab. Erstaunlich, wie viele Läufer auch bei solcher Hitze noch laufen. Warum tun die das? Weder macht es Spaß, noch ist es gesund. Aber das trifft auf vieles zu, was Menschen tun.
Auch sah ich Fahrradfahrer mit freiem Oberkörper. In hormoneller Hinsicht unbedenklich – meist sind ja diejenigen am wenigsten bekleidet, von denen man lieber weniger sehen würde.
Abends waren wir im Biergarten, von wo aus wir dem Mond beim Aufgehen zuschauten.
Leider verschwand er sogleich wieder hinter einer Wolke.
Freitag: Morgens im Radio: „Sei mein kleiner Säugling“ – einer der zahlreichen Liedtexte, die nur in Englisch möglich sind.
Etwas tiefsinniger klingt „Kein Grund zu bleiben ist der beste Grund zu gehen“, gesungen von Roland Kaiser, lautstark mitgesungen vom Geliebten. Es wird wohl nichts zu bedeuten haben.
Ich war beim Friseur. Einem spontanen Beschluss folgend ließ ich die Haare sommerlich kurz schneiden und bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden, auch wenn aufgrund einer gewissen altersbedingten Spärlichkeit je nach Lichtfall die Kopfhaut nun deutlicher zutage tritt.
Schwarz-weiß ist gnädig
Gelesen und notiert:
… man kann, dachte Frank, jemanden sympathisch finden und sich dennoch wünschen, dass er mal eine Weile wegbleibt.
Sven Regner / „Glitterschnitter“
Samstag: Aus nicht näher darzulegenden und im Übrigen nicht völlig nachvollziehbaren Gründen fiel ich letzte Nacht aus dem Bett; vorangegangener Alkoholgenuss kann als alleinige Ursache weitgehend ausgeschlossen werden. Ja, der Vorabend endete, wie die meisten Freitage, in der Weinbar des Vertrauens, doch hielt sich der Verzehr im Rahmen, soweit ich mich erinnere. Folgen des Bettsturzes sind eine nur leichte Schramme am linken Unterarm sowie, gravierender, eine Wunde am rechten Ellenbogen, die recht ordentlich blutete, ziemlich genau an der Stelle, mit der man gerne mal irgendwo anstößt, was sich nun jedes Mal mit einem „Aaaa-ja“ schmerzhaft bemerkbar macht.
Nachmittags fuhren der Liebste und ich nach Mayschoß im Ahrtal, wo die Zerstörungen nach der Flut im vergangenen Jahr noch allgegenwärtig sind. Während wir in Rech vor einer Baustellenampel warteten, blickten wir links auf die halb weggerissene Nepomukbrücke, die nun der berühmten Brücke von Avignon ähnlich mitten im Fuss endet, dahinter Häuser in unterschiedlichen Beschädigungs- und Wiederaufbaugraden sowie freie Flächen, wo einst Häuser standen. Auf der rechten Seite dagegen eine gut besuchte Schankwirtschaft, wo sich fröhliche Leute auf der Terrasse den Wein schmecken ließen. Das ist gut, das Leben muss weitergehen, auch wenn es im Ahrtal es wohl noch lange dauern wird, bis die Spuren der Katastrophe beseitigt sind. Wenn nicht vorher die nächste „Jahrhundertflut“ durch das Tal tobt. Davon heute keine Spur: Die Ahr war nicht viel mehr als ein friedlicher Bach, in dem Graureiher ihrem Tagwerk nachgingen, an menschliche Schicksalen ohnehin uninteressiert. Zweck unseres Ausflugs war übrigens der Besuch eines Weingutes, wo uns der gut gelaunte Winzer einiges probieren ließ, anschließend fanden mehrere Kartons den Weg in den Kofferraum. Das Leben muss weitergehen, auch mit vorübergehend lädiertem Ellenbogen.
Namenstag haben heute: Pontianus, Kassian, Hippolyt, Ludolf und Wigbert. „Der kleine Hippolyt möchte aus dem Bälleparadies abgeholt werden.“ (Oder die? Das?)
Sonntag: Auch der Rhein ist zurzeit weit entfernt von einer Jahrhundertflut, aber das wissen Sie als medienkompetenter Mensch wahrscheinlich längst.
…Noch fahren Schiffe.
In der aktuellen PSYCHOLOGIE HEUTE fand ich übrigens das schöne Wort „Pornografiekompetenz“. Habe ich.
Anscheinend gibt es in Bonn eine Initiative zur Unsichtbarmachung von Stomkästen, mit sehenswerten Ergebnisse:
Kleine Anekdote am Rande: Keineswegs unsichtbar und auch nicht unsachgemäß abgestellt war der Elektroroller, über den ich nach Fertigen des letzten Bildes stolperte, woraufhin ich mich gründlich auf die Klappe legte. Immerhin nicht auf den bereits verwundeten Ellenbogen, dafür schlug ich mir beide Knie blutig wie ein Fünfjähriger beim Rollschuhlaufen. Also erstmal keine längeren Spaziergänge mehr.
Ansonsten gesehen:
…Ich weiß ja nicht.
***
Ich wünsche Ihnen (und mir) eine angenehme Woche ohne Stürze aller Art.
Montag:»Anti dunkle Augenringe« las mein morgenmüdes Auge während des Zähneputzens auf der Tube eines Pflegeproduktes, das auf der Badablage der Furchenglättung harrt. Augenscheinlich wird es auch in den Marketingabteilungen zunehmend schwieriger, gutes Personal zu finden.
»Siegen ist echt hässlich« hat jemand an einen Lampenpfahl im Rheinauenpark geschrieben. Ob die südwestfälische Stadt gemeint ist oder der Vorgang des Gewinnens ist nicht erkennbar. Über die Schönheit der Stadt erlaube ich mir kein Urteil, da ich erst einmal dort war und sie mir weder als besonders schön noch unschön in Erinnerung geblieben ist. Ein Sieg hingegen kann, je nachdem, wer wen worin geschlagen hat, ganz schön hässlich sein.
Dienstag: Morgens beim Starten des Rechners (manche nennen es „hochfahren“, warum auch immer, so wie andere einen Grill grundsätzlich „anschmeißen“, ich schweife ab) startet auch automatisch Teams. Hier ist es wichtig, als erstes das grüne Häkchen gegen den roten Punkt zu ersetzen, denn grün zieht, wie Licht das Ungeziefer, Leute an.
Manchmal, ganz selten, heute Abend etwa, hätte ich größte Lust auf dieses „Ich geh mal Zigaretten holen“. Geht aber nicht, da ich seit drei Jahren nicht mehr rauche. Stattdessen holte ich Pizza und lieferte sie selbstverständlich ordnungsgemäß zu Hause ab.
Mittwoch:»Der Klimawandel könnte nach Ansicht von Experten im schlimmsten Fall zum Aussterben der Menschheit führen«, steht in der Zeitung. Was genau wäre daran so schlimm?
Nach dem Mittagessen hielt mich Hitze nicht von einem Spaziergang durch den Rheinauenpark ab, wo sich der Teich langsam wieder füllt.
Die ersten Gänse nehmen es dankbar zur Kenntnis.
»Ob ich das heute auch noch kann, muss ich mal ausprobieren, er liegt noch hinter mir im Regal.« So endete neulich mein Rückblick auf Achtzigerjahre, gemeint war der Zauberwürfel. Ich kam bislang noch nicht dazu, man hat ja ständig den Kopf voll mit unwichtigen anderen Dingen. Gestern erkundigte sich Thomas nach dem Stand, woraufhin ich mir den Würfen vornahm und ihn gründlich verdrehte. Nach zwei Anläufe war er wieder farbenrein. Manches verlernt man einfach nicht, und wenn es noch so unnütz ist. Wobei ich das Vorgehen nicht verbal beschreiben könnte, nur die groben Schritte: 1) Seitensteine der ersten Ebene positionieren und gegebenenfalls drehen, dann 2) die Ecksteine der ersten Ebene, 3) Seitensteine der mittleren Ebene, 4) Seitensteine und 5) Ecksteine der dritten Ebene. Wie man aber beispielsweise einen Eckstein der dritten Ebene umpositioniert oder dreht, kann ich zwar mit dem Würfel in der Hand tun, theoretisch beschreiben jedoch nicht. Wer es wissen möchte, findet es hier.
Danke der Nachfrage.
Donnerstag: In der Kantine gab es Sonnenblumenkern-Schnitzel vom Schweinerücken. Die zunächst vegane Anmutung bezog sich nur auf die Panade und hat nicht weiter gestört.
Mitschrift aus einer ansonsten in deutscher Sprache abgehaltenen Besprechung: „… damit wir on the same page sind … gehen wir straight forward … betrachten das out of the box … müssen zunächst den impact framen … Vielen Dank, challenge accepted.“ Manchmal glaube ich, die machen das nur, um mir Blognahrung zu geben.
Ansonsten war es wieder ein heißer Tag. Wie lange noch wird man Sonnenschein mit Wärme als „schönes Wetter“ bezeichnen?
Freitag: Gestern Abend gewitterte es, zunächst draußen leicht, später drinnen etwas heftiger. Dadurch war es heute nicht mehr so heiß, mittags fand ich es geradezu kühl, was bei meiner übersensibel eingestellten Gänsehautsteuerung aber nicht viel heißt. Auch die häusliche Stimmung war wieder entspannt; machmal hilft so ein Donnergrollen.
Aufgrund der angenehmen Temperatur lief ich abends eine Runde am Rhein entlang. Beziehungsweise an dem, was davon zur Zeit noch übrig ist.
Der Tag klang aus in der Weinbar des Vertrauens, wo gelacht wurde, als Frau Wirtin sich selbst als „Flaschenputtel“ bezeichnete.
Samstag: Ein Tag voller Annehmlichkeiten, Begegnungen und Getränke ohne nennenswerte Blogabilitäten. Und ein achter Jahrestag. Manchmal staunt man, wie schnell die Zeit vergeht und wie lange schon etwas funktioniert.
Sonntag: Morgens, als ich noch im Tuche lag, machte das Datengerät den Ton, den es immer macht, wenn sich der Status der Corona-Warn-App ändert. In diesem Fall von rot auf grün; die rote Meldung war, wenig verwunderlich, nach dem Besuch des Rolling-Stones-Konzert in der vergangenen Woche gekommen. Mittlerweile nehme ich diese Statusmeldungen, auch die bösen von grün auf rot, nur noch schulterzuckend zur Kenntnis, ehe es demnächst vielleicht wieder losgeht. (Der Ton ist übrigens derselbe, wie wenn mir bei Twitter jemand ein Herzchen schenken, jemand Neues folgen oder mich erwähnen würde. Aufgrund stark reduzierter Twitteraktivität und mangels Gefolge kommt das nicht mehr vor. Das ist nicht schlimm.)
„Man muss für sich herausfinden, was für einen gut ist“, hörte ich im Schankgarten einer Südstadt-Gaststätte, wo ich beim Sonntagsspaziergang kurz Einkehr hielt, jemanden sagen. Ein wahrer und wichtiger Satz; auf meiner persönlichen Liste des Gutseienden stehen Spaziergänge mit Einkehr ziemlich weit oben.
Ansonsten gesehen:
Kunst kommt von komischEher zweifelhafter Humor in der Südstadt
Diese mittlerweile zahlreicher Städter Häupter bedeckenden Anglerhüte halte ich übrigens für einen modischen Irrtum.
Bin ich der einzige, der diese mit Fingern geformte Herzchengeste hochgradig dämlich findet?
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Ich wünsche Ihnen eine angenehme neue Woche, kommen Sie gut durch das schöne Wetter.
Montag:»Täglich droppen heiße Deals!«, verkündete morgens während der Fahrt ins Werk so ein nervös auf und ab rollierendes Reklamedings am Straßenrand; der korrekte Fachbegriff dafür ist mir nicht geläufig und im Übrigen auch egal. Inhaltlich warb es, soweit im Vorbeifahren erkennbar, für Erzeugnisse einer bekannten Qualitätsgastronomie. Wer denkt sich sowas aus, was mag es bedeuten?
Aus einem Zeitungsartikel über ein Paket, das den Empfänger nicht erreichte: »In dem Paket, das er erwartet, befindet sich ein Kfz-Ersatzteil, das er vor einer Operation, die bald anstehen könnte, noch unbedingt ausprobieren will.« Kraftstoffpumpe statt Herzschrittmacher?
Ein Leserbrief in der Tageszeitung befasst sich mit immer grelleren Inszenierungen von Hochzeiten und ähnlichen Anlässen »bei Instagram, dem narzisstischen Paradies der Nutzlosen.« Treffender kann man es kaum formulieren.
Keineswegs nutzlos sind Wespen, deshalb stehen sie unter Naturschutz. Dessen scheinen sie sich bewusst zu sein, anders ist nicht zu erklären, warum sie uns beim Abendessen auf dem Balkon terrorisieren, ohne Furcht, erschlagen zu werden.
Dienstag: Man soll einen Tag möglichst positiv beginnen. Deshalb trug ich morgens als erstes meine nächsten geplanten Urlaubstage in das Zeiterfassungssystem ein.
Etwa zehn Prozent meiner Arbeitszeit wendete ich heute dafür auf, Anliegen abzuwehren, für die ich mich in keiner Weise zuständig fühle. (Ich mag das Wort „zuständig“, weil es so schön behördenhaft-beamtenmäßig klingt.)
Abends war ich Laufen, da die Hinderungsgründe der letzten Wochen (schmerzendes Fußgelenk, Hitze, Unlust) nicht zutrafen; es lief sich trotz der Unterbrechung ganz gut. Anschließend belohnte ich mich mit einem Auslaufbier im an der Laufstrecke liegenden Lieblingsbiergarten. Da meine Lieben seit geraumer Zeit aus schwer nachvollziehbaren Gründen (ja, sie haben die Preise angezogen, wer hat das nicht?) keine Lust mehr haben, dorthin zu gehen, gehe ich eben alleine. Das ist nicht schlimm.
Mittwoch: Gestern wurde Mick Jagger neunundsiebzig Jahre alt. Der Liebste hatte bereits im April Geburtstag, freilich einen deutlich niedrigeren. Beides fand am Abend eine wunderbare Verbindung auf dem Konzert der Rolling Stones im Gelsenkirchener Fußballstadion, dessen Besuch wir dem Liebsten zum Geburtstag geschenkt hatten.
Bei Ankunft wurden alle Besucher einer Einlasskontrolle unterzogen, hierzu klopften Männer mit orangen Warnwesten die Einlass Begehrenden von oben bis unten ab (was für ein Job), meine dabei in der rechten Hand gehaltene Jacke blieb unterdessen unkontrolliert. Wenn bei Fußballspielen ähnlich liederlich kontrolliert wird, wäre das ein weiterer Grund, Stadien besser zu meiden.
Die allgemeine Stimmung war fröhlich-entspannt, was womöglich auch am höheren Altersdurchschnitt des Publikums lag; mancher von ihnen mag schon bei den ersten Konzerten der kaum gealterten Steine dabei gewesen sein.
Nicht die Stones, aber auch schon ziemlich alt
Zum Vorspiel trat Zuccero auf, auch nicht gerade ein Kleiner im Showgeschäft. Gleichwohl komme ich nicht umhin, Vorgruppen und dergleichen bei Konzerten für eher entbehrlich zu halten. Nachdem er unter freundlichem Applaus die Bühne verlassen hatte, wurden nach einer nicht allzu langen Umbaupause Bilder des kürzlich gestorbenen Charlie Watts auf den großen Monitoren eingeblendet. Dann ging es los. Was die drei Herren und ihre musikalischen Begleiter boten, war grandios. Sollte ich mein neunundsiebzigstes Lebensjahr erreichen, was weder sicher ist noch angestrebt wird, wünsche ich mir nur halb soviel Energie wie Mick Jagger heute; das wäre dann immer noch wesentlich mehr als ich jetzt mit Mitte fünfzig an manchen Tagen aufbringe.
Zwischen Vor- und Hauptspiel
Nach zwei Stunden verbeugten sich die Herren unter verdientem Applaustosen, dann strömten Tausende wie wir zu den Parkplätzen. Entsprechend und erwartbar lange dauerte es, bis wir auf der Autobahn waren. Gegen halb zwei lagen wir im Bett, immer noch begeistert und im Bewusstsein, etwas Großartiges erlebt zu haben, das sich für uns wohl nicht wiederholen wird.
Donnerstag: In Erwartung einer kurzen Nacht hatte ich für heute einen Inseltag, also einen Tag Urlaub eingelegt. Diesen nutzte ich für eine Wanderung über den Natursteig Sieg von Siegburg nach Hennef, selbstverständlich mit einer angemessenen Einkehr gegen Ende.
Kurz hinter SiegburgDas S weist den WegNördlich von Siegburg-KaldauenMan beachte das FahrradDie Sieg bei Hennef
Freitag: Überall ist Klage zu vernehmen, unser Wohlstand sei in Gefahr. Was genau meinen sie? Immer mehr unnützes Zeug beim großen A bestellen zu können? Mir wären stattdessen einige Urlaubstage mehr im Jahr sehr willkommen, dafür wäre ich zum Verzicht bereit.
Auf der Rückfahrt aus dem Werk beschimpfte ich eine jüngere Frau, weil sie neben ihrem Fahrrad stehend den Schutzstreifen neben der Adenauerallee blockierte und telefonierte. Ansonsten war ich guter Stimmung.
Abends trugen meine Lieben den defekten Wäschetrockner runter und stellten ihn vor das Haus, auf dass er in der kommenden Woche vom örtlichen Entsorger abgeholt werde. Als wir nachts aus dem Weinlokal des Vertrauens zurückkehrten, war der Trockner verschwunden. Wir wünschen dem neuen Besitzer viel Freude damit. Vielleicht kann er ihn ja reparieren, das wäre auf jeden Fall besser als die vorgesehene Verschrottung.
Samstag: Große Teile meiner guten Laune bezog ich heute aus der Tatsache, an diesem Wochenende nirgendwo hin fahren zu müssen.
Sonntag: Gelesen:
Kinder sind toll? Mag sein. Ich finde Giraffen auch toll und habe dennoch keine im Garten stehen.
Nadine Pungs im SPIEGEL über das Recht, sich als Frau für Kinderlosigkeit zu entscheiden
Gesehen beim Spaziergang:
Bonn-BeuelBeuel, RheinnäheZeitlose Werbung
***
Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche in guter Stimmung und mit ausreichend Energie.
Hier Teil drei meiner Reise durch die Jahrzehnte. Nachdem wir auf die Siebziger– und Achtzigerjahre geschaut haben, betrachten wir nun die
Neunzigerjahre.
Das Jahrzehnt begann, politisch bemerkenswert, mit der Auflösung des Ostblocks, allen voran der mächtigen UdSSR, und der Wiedervereinigung Deutschlands. Aus der DDR wurden über Nacht die „fünf neuen Bundesländer“, auch „Beitrittsgebiet“ genannt, scherzhaft „Neufünfland“ oder böse „Dunkeldeutschland“. Nicht alle waren über die neue Freiheit glücklich, viele Betriebe und Fabriken wurden abgewickelt, wie man es nannte; zahlreiche Bürger des vormaligen Arbeiter- und Bauernstaates verloren ihre Arbeitsplätze, die von Helmut Kohl versprochenen blühenden Landschaften mussten ihnen wie Hohn vorkommen.
Ich war zum ersten Mal Anfang 1990 jenseits der Zonengrenze, als es die DDR formal noch gab. Von Bielefeld fuhren wir mit dem Auto nach Wernigerode in den Harz, dort fuhr die schmalspurige, noch überwiegend mit Dampfloks betriebene Harzquerbahn der Deutschen Reichsbahn nach Nordhausen ab. Bislang kannten wir sie nur aus Berichten in Eisenbahnzeitschriften, nun konnten wir sie uns endlich anschauen und mitfahren, ohne schikanöse Grenzkontrollen befürchten zu müssen. Das war ganz was anderes als die Gütersloher Dampfkleinbahn, hier müssen die Loks schwer am Berg arbeiten, bis heute.
Ich als Wessi
In den Folgejahren besuchten wir weitere dampfbetriebene Schmalspurbahnen in Mecklenburg und Sachsen, die erstaunlicherweise alle bis heute überlebt haben. Wobei die Begeisterung für mein langjähriges Lieblingshobby langsam nachließ: Die HO-Modellbahn auf dem Dachboden war abgebaut, um größer und besser wieder aufgebaut zu werden. Auch die L.G.B.-Bahn im Garten wurde wegen Gartenarbeiten vorübergehend demontiert. Beide wurden indes nicht wieder aufgebaut, zum einen aus Zeitgründen, zum anderen aufgrund akuter Interessenverschiebung; später zog ich bei meinen Eltern aus, noch später aus Bielefeld weg nach Bonn, dazu kommen wir noch. Das Hobby Modelleisenbahn hatte sich bis auf weiteres erledigt. Nur der Dampfkleinbahn blieb ich noch an vielen Wochenenden treu.
Hinzu kam meine noch junge Selbsterkenntnis zwischenmenschliche Präferenzen betreffend. Erst im Jahr zuvor hatte ich mir nach längerer Verdrängung endlich eingestanden, dass ich mit Mädchen eine allenfalls freundschaftliche Beziehung aufbauen konnte, wohingegen mit Jungs so einiges denkbar und wünschenswert erschien. Diese Einsicht war zwar sehr befreiend, allerdings fehlten mir vorläufig Ideen für eine Konkretisierung. Eine große Hilfe war mir dabei mein alter Schulfreund C., der für sich dieselbe Erkenntnis schon einige Jahre zuvor gewonnen und sich gut darin eingerichtet hatte. Er hatte einen Freund, der des öfteren wechselte, und er kannte sich bestens aus in einschlägigen ostwestfälischen Treffpunkten.
Ein solcher war „Muttis Bierstube“ in der Bielefelder Innenstadt, eine von außen unauffällige Gaststätte am Kesselbrink. Dorthin nahm er mich an einem Samstagabend mit, wobei es mehrere Überredungsversuche brauchte, ehe ich dazu bereit war. Ganz geheuer war mir das ganze nicht: Man(n) konnte nicht einfach hineingehen wie in andere Kneipen, sondern wir standen vor einer Eisentür und mussten klingeln. Kurz darauf öffnete sich ein Kläppchen in der Tür, wir wurden begutachtet und augenscheinlich für eintretenswert befunden, die Pforte ward uns aufgetan.
Viel war noch nicht los, wir waren zu früh, vor Mitternacht brauchte man dort nicht hinzugehen, erklärte mir C. Die anwesenden Männer waren überwiegend älter, einige von ihnen bestätigten die gängigen schwulen Klischees: nasale Stimme, blond gesträhnte Föhnfrisuren, dünne Oberlippenbärte, auffällige Ohrringe, bizarre Brillenmodelle, Zigaretten mit abgeknickten Handgelenken haltend, ab und zu kreischte einer auf. So sollte ich auch werden? Ein unbehaglicher Gedanke. Immerhin waren sie bekleidet und blieben auf Distanz. (Gaststätten, in denen das anders war, lernte ich gut zehn Jahre später kennen, dazu kommen wir in den Zweitausendern.)
Auch beruflich änderte sich einiges für mich. Auf wohlmeinendes Drängen eines Vorgesetzten bewarb ich mich in die gehobene Beamtenlaufbahn, obwohl ich mich im mittleren Dienst wohl fühlte: Die Identifikation mit dem Unternehmen war nach wie vor hoch, die Arbeit machte Spaß, nur die Bezahlung hätte besser sein können. Wider Erwarten wurde ich angenommen, bereits zum 1. März 1990 wurde ich zum „Postinspektoranwärter“ ernannt, das bedeutete eine erneute, dreijährige Ausbildung mit Studienabschnitten in Köln und dem südhessischen Dieburg, immer wieder unterbrochen von Praxisblöcken in verschiedenen Dienststellen in Bielefeld.
Das Grundstudium an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Köln dauerte sechs Monate, ich hasste es: Untergebracht waren wir in einem Wohnheim mit Doppelzimmern und zentralen Waschräumen und Toiletten je Stockwerk. Mit meinem Zimmergenossen H. kam ich gut klar, dennoch wünschte ich mir sehnlichst immer wieder eine Tür, die ich schließen konnte, um mal allein zu sein. Einige wenige ältere Kollegen hatten das Glück eines Einzelzimmers, ich beneidete sie sehr darum.
September 1990 auf einer von der FH organisierten Veranstaltung, daher die Krawatte. Und nach mehreren Kölsch, daher der Blick.
Dass unser Wohnheim in Köln in unmittelbarer Nähe zum schwulen Ausgehviertel am Rudolfplatz lag, wusste ich nicht. Viel hätte mir die Kenntnis mangels Einzelzimmer auch nicht genützt.
Etwas angenehmer waren die Bedingungen später in Dieburg, wo die Bundespost ihre eigene Fachhochschule betrieb. Es gab mehrere Wohnheime, dort waren wir in Einzelzimmern untergebracht, immerhin mit Waschbecken. Dafür gab es nicht die speziellen Ausgeh- und Kennenlernmöglichkeiten wie in Köln. Wenn man davon ausging, dass etwa fünf Prozent der Menschen das eigene Geschlecht bevorzugen, musste es auch hier unter den Studenten einige geben, aber wie sollte ich das herausfinden? Die Möglichkeiten des Internets und heute allgegenwärtiger Datengeräte mit Apps zur Kontaktsuche hatte ich noch nicht. Immerhin kam ich im dritten und letzten Studienabschnitt während einer Geburtstagsfeier meinem Kurskameraden A. näher. Doch hielt das nicht lange, die Folge war lang anhaltender Herzschmerz meinerseits bis zum Ende des Studienabschnitts und ein wenig darüber hinaus.
Studieren mit Selbstauslöser
Das war überhaupt mein Hauptproblem: Wenn ich einen kennen lernte, war ich sofort hin und weg und sah uns dauerhaft in Liebe verbunden. Doch die schwule Welt drehte sich anders – viele suchten das kurze Vergnügen, danach konnte man froh sein, wenn sie noch grüßten, wenn man sich das nächste Mal zufällig sah. Das zu begreifen war ein längerer, oft schmerzhafter Weg.
Kurz nach bestandener Laufbahnprüfung für den gehobenen Dienst zog ich bei meinen Eltern aus in eine Einliegerwohnung im Bielefelder Ortsteil Quelle, auf der anderen Seite des Teutoburger Waldes. Die Vermieter, ein älteres Ehepaar, das unter mir wohnte, waren freundlich, die Miete sehr günstig. Die neue Freiheit war großartig – endlich konnte ich am Wochenende spätabends noch raus, ohne „Was, jetzt noch?“ gefragt zu werden: in Muttis Bierstube, ins EXIT, ins Magnus, ins Heat, zu den Partys im Jugendzentrum Kamp oder in Paderborn. Über Nacht wegbleiben, wenn es sich spontan ergab. Besucher empfangen, ohne hinterher erklären zu müssen, wer das war; manche kamen einmal, andere öfter. Oder einfach alleine sein. Nur den mütterlichen Wäscheservice nahm ich noch gerne in Anspruch, jeden Montagabend fuhr ich zum Wäschetausch nach Stieghorst.
Mein Wohnzimmer mit zeitgenössischer Einrichtung
Erstmals hatte ich Befassung mit Computern, zunächst bei der Arbeit, später auch zu Hause mit einem Rechner, den ich gebraucht von einem Kollegen gekauft hatte und der ständig abstürzte. Die Geräte waren noch nicht vernetzt, die Bildschirme, zunächst nur schwarz-weiß, riesige Klötze, bevorzugte Software war Microsoft Works, womit immerhin Textverarbeitung und Tabellenkalkulation möglich waren.
Da die regelmäßigen Besuche der örtlichen Lokalitäten nicht zum gewünschten Ergebnis führten, meistens fuhr ich nachts enttäuscht allein nach Hause, gab ich Kontaktanzeigen mit Chiffrenummer auf. Es kam zu mehreren Treffen, einmal fuhr ich gar zu einer Verabredung nach Osnabrück. Der Richtige war indes nicht dabei, allenfalls entstand nur einseitige Zuneigung, zumeist vom Gegenüber. Vielleicht war ich zu wählerisch.
Dabei war ich – bei aller Bescheidenheit – eigentlich ganz hübsch
Doch blieb das Liebesglück auch mir nicht dauerhaft versagt: 1994 lernte ich, wiederum auf einer Geburtstagsfeier, F. kennen, mit dem ich immerhin eineinhalb Jahre zusammen blieb. Er war diesbezüglich wesentlich weiter als ich, wollte gerne mit mir zusammenziehen, am liebsten hätte er mich geheiratet und Kinder adoptiert, wenn das schon möglich gewesen wäre. Ich dagegen war sehr darauf bedacht, dass weder Eltern noch Kollegen von meiner Vorliebe für Jungs erfuhren, zumal ich inzwischen Vorgesetztenfunktion hatte und um meine Autorität fürchtete. Daran ist es letztlich mit uns gescheitert.
Zusammen mit ihm war ich das erste Mal auf Gran Canaria gewesen, einem in Homokreisen beliebten Urlaubsziel. Auch dort wurden unsere unterschiedlichen Sichtweisen des Zusammenlebens deutlich. Während ich noch an die Monogamie als allein zulässige Variante glaubte, wollte er gerne mal einen Dritten mit in den Bungalow nehmen, nicht zum Kartenspielen, was ich empört ablehnte. Ein anderes Mal überredete er mich, abends im Yumbo Centrum zusammen einen Darkroom aufzusuchen. Bereits in der ersten Minute geriet ich in Panik, obwohl nichts Unanständiges passiert war, und ich zerrte ihn schnell wieder raus.
Im Herbst nach unserer Trennung war ich das zweite Mal auf der Insel, jetzt alleine. Dort fand ich bald Anschluss und erkannte auch an Unanständigkeiten die erfreuliche Seite, auch zu dritt und nicht nur im Dunklen.
Auch auf Gran Canaria, etwas später
Erst drei Jahre später, nachdem ich am Himmelfahrtstag auf einer Gruppenwanderung dem Liebsten, dem Mann fürs Leben, begegnet war, begann ich langsam, mich zu öffnen, zunächst gegenüber den Eltern, später auch Kollegen. Ablehnung oder Nachteile erfuhr ich dadurch nie. Nur mein Vater hatte Probleme damit, von mir keine Enkel erwarten zu können. Man kann es nicht allen recht machen.
Auch den Begriff der Monogamie definierten wir einvernehmlich neu, mit nicht allzu strenger Auslegung. Vielleicht erzähle ich darüber in den Zweitausendern ein wenig.
In beruflicher Hinsicht ergaben sich weitere Änderungen. Die Post wurde privatisiert und umstrukturiert, aus der Bundesbehörde sollte eine gewinnbringende Aktiengesellschaft werden. Dadurch stieg der Arbeitsdruck erheblich, erstmals haderte ich nach einer Versetzung in eine andere Dienststelle mit dem Job. Meine persönliche Arbeitsfreude und Motivation sank, weil ich das Gefühl hatte, meine Arbeit nicht mehr in der Qualität zu schaffen, die ich von mir selbst erwartete. Ich fühlte mich zerrieben zwischen den Budgetvorgaben von oben und dem Gegendruck von unten. Auch die nächste Beförderung lag in weiter Ferne. Etwas musste sich grundsätzlich ändern, wobei ein kompletter Wechsel des Arbeitgebers nicht in Frage kam.
Bei der Arbeit
Der Zufall kam mir zur Hilfe: Nach einer regionalen Veranstaltung in Dortmund kam ich mit einem Abteilungsleiter der Zentrale in Bonn ins Gespräch, dem ich mein grundsätzliches Interesse an einem Wechsel vortrug. Er notierte sich meinen Namen, einige Wochen später erhielt ich einen Anruf aus Bonn, ob ich noch interessiert wäre, in einer anderen Abteilung suchten sie jemanden mit Betriebserfahrung. Das musste ich mit dem Liebsten besprechen, immerhin hätte das einen Umzug bedeutet, wenn es klappte. Wir kamen schnell überein, es anzunehmen. Der Liebste studierte noch ein halbes Jahr, nach seinem Abschluss würde er dann ebenfalls nach Bonn kommen.
Ich bekam den Job, zunächst zur Probe, daher behielt ich erstmal meine Wohnung in Bielefeld-Quelle. In Bonn wohnte ich in einem Appartementhotel im wenig pittoresken Stadtteil Tannenbusch, was schöner klingt als es war: Wenn ich morgens die Vorhänge aufschob, blickte ich statt auf Nadelhölzer auf Hochhäuser und viel Beton. Abends nach Feierabend war ich froh, wenn ich den Fußweg von der Stadtbahn ins Hotel unbehelligt überstanden hatte, danach ging man besser nicht nochmal vor die Tür.
Wir führten eine Wochenendbeziehung. Freitagnachmittag fuhr ich mit der Bahn nach Bielefeld, sonntagabends zurück. Bereits am frühen Nachmittag wurde ich unruhig, schaute immer wieder auf die Uhr, wie viele gemeinsame Stunden wir noch hatten, ehe ich wieder zum Bahnhof musste. Ich weiß nicht, wie andere Paare das schaffen, oft über viele Jahre und viel größere Distanzen als die zweihundert Kilometer zwischen Bielefeld und Bonn. Für mich war und ist das auf Dauer nichts.
Die Arbeit in der Zentrale war grundlegend anders als ich es von der Niederlassung gewohnt war. Das Gute war, ich hatte keine Personalverantwortung mehr. Dafür musste ich lernen, dass vieles mit anderen Abteilungen und Bereichen abzustimmen war, wobei stets auch auf persönliche Befindlichkeiten einiger Bereichsleiter zu achten war. Auch an meinen neuen Chef musste ich mich erst gewöhnen, der es für richtig befand, neuen Mitarbeitern erstmal „die Uhr zu stellen“. Dabei wurde er nie laut, er verstand es perfekt, auch leise jemanden zur Schnecke zu machen.
Meine erste Weihnachtsfeier der Zentrale. Von einem Rheinländer kaum noch zu unterscheiden
Doch hatte ich mich anscheinend bewährt, zum April des Folgejahres 1999 wurde ich offiziell von der Niederlassung Herford zur Zentrale versetzt. Ich musste mich nun um eine Wohnung in Bonn bemühen. Die fand ich nach längerer Suche und mehreren Besichtigungen in der Bonner Südstadt, im Dachgeschoss eines Gründerzeithauses. Das Haus war bei näherer Betrachtung eine Bruchbude, bedurfte dringend einer Renovierung. Dahinter verlief die Bahnstrecke nach Koblenz, bei der Durchfahrt von Güterzügen klirrten die Gläser im Schrank, vor allem nachts wurde meine Liebe zur Bahn auf die Probe gestellt. Vor dem Haus fuhr, nicht ganz so laut, die Straßenbahn. Die Wohnung hatte weder Schallschutz noch Balkon, die Miete betrug das dreifache meiner Bielefelder Wohnung. Dennoch verliebte ich mich spontan in die Dachkammer und fühlte mich dort sehr wohl, an den Bahnlärm gewöhnte ich mich bald.
Drei Monate nach meinem Umzug kam der Liebste nach. Das war eine erneute Umstellung, bis dahin hatte ich immer alleine gewohnt. Zudem war die Dachkammer für zwei Personen recht klein bemessen. Dennoch rauften wir uns mit unseren unterschiedlichen Gewohnheiten bald zusammen und begannen, nach einer größeren Wohnung mit Balkon zu suchen.
In technischer Hinsicht brach eine neue Zeit ein. Noch vor dem Umzug hatte ich mir das erste Mobiltelefon zugelegt, ein klobiges Ding von Alcatel mit ausziehbarer Antenne. Und in unserer Dachkammer hatten wir erstmals Internet, das über ein fiependes und rasselndes Modem aufgerufen und minutengenau abgerechnet wurde. Ich verbrachte Stunden damit, über spezielle Seiten spezielle Bilder herunterzuladen, die manchmal Minuten brauchten, um sich aufzubauen. An das Herunterladen von Musik oder gar Filmen war noch nicht zu denken, das Wort „streaming“ noch unbekannt.
Wie in den Achtzigern geschildert, hatte mir der Schulsport jede Freude an sportlicher Betätigung genommen. Nach langjähriger Abstinenz begann ich in den Neunzigern mit Laufen. Zunächst, noch in Bielefeld, mit meinem Kollegen O., in den ich, obwohl Hetero, aber ein sehr zutraulicher, eine Zeit lang ziemlich verschossen war. In Bonn behielt ich es bei, zunächst mehrere Runden um die Poppelsdorfer Allee, später am Rhein.
Auch das schwule Leben in Bonn und Köln erkundeten wir. In Bonn gab es drei Kneipen, von Art und Publikum her Muttis Bierstube in Bielefeld ähnlich, eine sogar mit Dunkelraum. Und es gab das Schwulen- und Lesbenzentrum am Frankenbad, wo man sich montagabends traf, ungefähr einmal im Monat war am Samstag eine Party. Dort lernten wir bald einige Leute kennen.
An Wochenenden fuhren wir oft mit der Bahn nach Köln, wo wir vor allem die zahlreichen Lokale in der Umgebung des Rudolfplatzes aufsuchten, nicht weit vom Wohnheim, wo ich neun Jahre zuvor im Doppelzimmer gehaust hatte. Manche Lokale besuchte man nicht nur zum Quatschen und Biertrinken, dazu mehr bei Betrachtung der Zweitausender.
Ich trat in Köln einem Verein schwul-lesbischer Bahnfreunde bei, auch das gibt es. Einmal monatlich traf man sich zum Stammtisch, an Wochenenden gab es ab und zu Bahntouren, bei denen eine Einkehr zu Kaffee und Kuchen ein wesentlicher Programmpunkt war. Der Eisenbahnfreund ist speziell, das wusste ich aus langjähriger (Selbst-)Erfahrung, der schwule Mann auch, wie ich im Laufe der Zeit erkannte. Die Kombination von beidem ist sehr speziell.
Werfen wir einen Blick auf Dinge, die sich in den Neunzigern außerhalb meiner kleinen Welt ereigneten.
In musikalischer Hinsicht mochte ich Oasis, überhaupt Britpop; das zweite Album der Traveling Wilburys, das „Vol. 3“ hieß, bereits ohne Roy Orbison, da zuvor gestorben; M People, Prince, Fatboy Slim, das Album „The Division Bell“ von Pink Floyd, INXS, Primal Scream, Electronic, Moby, The Verve; zu erwähnen sind weiterhin Fool’s Garden und Army Of Lovers. Zu meinem Bedauern starb die Single zu Beginn des Jahrzehnts aus, daher musste ich die wesentlich teureren Single-CDs kaufen; ganze Alben kaufte ich nur selten. Freddy Mercury starb an AIDS.
Helmut Kohl wurde nach sechzehn Jahren als Bundeskanzler abgewählt, für ihn übernahm der SPD-Mann Gerhard Schröder zusammen mit den Grünen.
Wladimir Putin wurde erstmals Ministerpräsident von Russland.
Die Amerikaner marschierten zum ersten Golfkrieg in Irak ein, Jugoslawien hörte nach den Balkankriegen auf zu existieren.
Den Jahreswechsel von 1999 nach 2000 erlebten der Liebste und ich mit Blick aus dem Dachfenster auf die Lichter der Stadt, die vielleicht gleich erlöschen würden. Das hatten IT-Experten als sogenannten Y2K-Effekt für möglich gehalten, weil viele IT-Systeme auf nur zweistellige Jahreszahlen programmiert waren und deshalb womöglich den Jahreswechsel auf 2000 nicht verarbeiten konnten. Die Lichter blieben an, die Zweitausender hatten begonnen. Dazu demnächst mehr.
Montag: Es gab schon montäglichere Montage. Ab Mittag wurde es ziemlich warm, morgen wird es heiß.
Abends auf dem Weg zum Supermarkt gingen zwei Herren vor mir her, die ihr Polohemd als Angehörige eines regionalen Sicherheitsdienstes auswies. Der eine hatte die Haare an den Seiten kurz geschoren, dazu trug er einen langen Zopf. Der andere, augenscheinlich etwas älter, war von hagerer Gestalt, mit einem großen Ohrring und großflächig tätowiertem Unterarm. Im Dunklen möchte man denen mit Sicherheit nicht begegnen.
Laut Zeitung hat heute Namenstag, wer Answer heißt. Noch Fragen?
Dienstag: Warmsinn. Angeblich der heißeste Tag des Jahres, ist zu lesen. Mit Blick auf den Kalender hätte ich keine Hemmungen, dagegen zu wetten. Eine Wetterwette. (Verzeihung.)
Ansonsten war der Werktag dank heruntergelassener Jalousien und Ventilator durchaus erträglich, wobei die Mittagsrunde durch den Park nicht allzu lang ausfiel. Notiz an mich: Demnächst für die Rückfahrt mit dem Rad eine kurze Sporthose einpacken. Wobei mittlerweile niemand mehr Anstoß daran nimmt, wenn an heißen Tagen auch männliche Kollegen mit kurzer Hose ins Werk kommen, sogar im Mutterhaus, wo man vor einigen Jahren noch schief angekuckt wurde, wenn man ohne Krawatte erschien. So ändert sich manches auch zum Guten, auch wenn ich selbst noch nicht so weit bin, beruflich Bein zu zeigen.
„Wann wird‘s mal wieder richtig Sommer?“ sang Rudi Carell in den Siebzigern. Vermutlich kommt das auch bald auf irgendeinen Index.
Mittwoch: In einem Artikel über den heißen Sommer 2003 schreibt die Zeitung „die Gletscher ächzten“. Dazu stelle ich mir ein Donald-Duck-Comic vor, wo ein Gletscher zu sehen ist, an den die legendäre Erika Fuchs eine Sprechblase „Ächz!“ geschrieben hat.
Ächzanlass haben auch die Wasservögel im Rheinauenpark, weil ihr See noch immer einer Sandwüste gleicht.
Blick auf das Mutterhaus
Da es auch heute warm werden sollte, packte ich morgens die gestern vermisste Sporthose ein und zog sie vor der Rückfahrt an. Merke: Trägt man als Mann eine Sporthose ohne Innenhose und darunter Boxershorts, muss man beim Radfahren ein wenig acht geben, dass nichts heraus hängt.
Einen anderen Weg der Abkühlung wählte abends der Geliebte, indem er „All I Want For Christmas“ von Mariah Carey spielte und im Rahmen seiner Möglichkeiten mitsang.
Donnerstag: Den donnerstäglichen Fußmarsch ins Werk brach ich ab wegen Regens und stieg nach etwa einem Kilometer in die erstaunlich leere Stadtbahn. Nach dem Aussteigen an der Zielhaltestelle überholten mich erst ein junger Mann in Daunenjacke, dafür knöchelfrei, dann eine Frau ohne Jacke, die sich als Regenschutz eine zusammengefaltete FFP2-Maske auf die Kopfoberseite hielt.
Vormittags brachte eine Brandschutzübung Abwechslung in den Arbeitstag, immerhin bei Sonnenschein und allgemein guter Stimmung. Man weiß nicht, was im Ernstfall schlimmer wäre: die Rauchentwicklung oder der ohrenschmerzende Alarmton in den Fluren.
Zurück ging ich zu Fuß, den leichten Niesel ignorierend. Auf halber Strecke begegnete mir einer sprechend, ohne erkennbare Kopfhörer oder sonstige Telekommunikationsmittel. Entweder hielt er ein ausführliches Selbstgespräch, oder irgendeine technische Innovation habe ich mal wieder versäumt.
Auf dem Rückweg. Heller wurde es nicht mehr.
In einer internen Mitteilung ist von „weiblichen Mitarbeitenden“ zu lesen. Gender-Gaga.
Gelesen:
Biologisch gibt es zwei Geschlechter, wobei das soziale Geschlecht, also das Gender, natürlich facettenreicher sein kann. Aber was weiß ich schon? Auf die uralte Frage „Ist es ein Mädchen oder ein Junge?“ werden die Ärzte im Kreißsaal bald antworten: „Keine Ahnung, das müssen Sie es schon selbst fragen.“
Jochen-Martin Gutsch im SPIEGEL
Freitag: In der Kantine gab es Fisch, wie jeden Freitag. Auch so etwas, das ich bislang nicht hinterfragte und was deswegen unbeantwortet blieb. Das ist nicht schlimm, Hauptsache es schmeckt, wie Oma immer sagte.
Samstag: Da ich im vergangenen Jahr an entscheidender Stelle nicht Nein gesagt habe, erforderten ehrenamtliche Verpflichtungen, mit deren Inhalt ich Sie nicht unnötig langweilen möchte, eine erneute Reise nach Ostwestfalen, dieses Mal mit dem Auto. Wie auf der Hinfahrt im Radio zu hören war, fand im nordostwesfälischen Hille ein Kaninchenhochsprungwettbewerb statt, unter strenger veterinärischer Aufsicht zur Wahrung des Tierwohles. Andere Menschen haben auch komische Hobbys.
Von den Lieben hatte ich den Auftrag erhalten, mehrere Kästen einer speziellen Limonade mitzubringen, die nur in Ostwestfalen erhältlich ist. Leider war sie bis auf einen Kasten ausverkauft und sie wird aus dem Programm genommen. Dafür gab es im Getränkemarkt noch Restbestände an Herforder Maibock, der unmöglich ungekauft bleiben konnte, auch wenn schon bald der August naht.
Sonntag: Ein weiterer warmer Tag. Auf Frühstück und Durchsicht der Sonntagszeitung folgte der übliche Spaziergang mit kurzer Einkehr.
Verstehe ich nichtAlkopornDie Bonner Südstadt ist bekannt für ihre Gründerzeit-Bebauung und schattigen Alleen.
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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche ohne Grund zum Ächzen.