Woche 30/2022: Eine wunderbare Verbindung

Montag: »Täglich droppen heiße Deals!«, verkündete morgens während der Fahrt ins Werk so ein nervös auf und ab rollierendes Reklamedings am Straßenrand; der korrekte Fachbegriff dafür ist mir nicht geläufig und im Übrigen auch egal. Inhaltlich warb es, soweit im Vorbeifahren erkennbar, für Erzeugnisse einer bekannten Qualitätsgastronomie. Wer denkt sich sowas aus, was mag es bedeuten?

Aus einem Zeitungsartikel über ein Paket, das den Empfänger nicht erreichte: »In dem Paket, das er erwartet, befindet sich ein Kfz-Ersatzteil, das er vor einer Operation, die bald anstehen könnte, noch unbedingt ausprobieren will.« Kraftstoffpumpe statt Herzschrittmacher?

Ein Leserbrief in der Tageszeitung befasst sich mit immer grelleren Inszenierungen von Hochzeiten und ähnlichen Anlässen »bei Insta­gram, dem narzisstischen Paradies der Nutzlosen.« Treffender kann man es kaum formulieren.

Keineswegs nutzlos sind Wespen, deshalb stehen sie unter Naturschutz. Dessen scheinen sie sich bewusst zu sein, anders ist nicht zu erklären, warum sie uns beim Abendessen auf dem Balkon terrorisieren, ohne Furcht, erschlagen zu werden.

Dienstag: Man soll einen Tag möglichst positiv beginnen. Deshalb trug ich morgens als erstes meine nächsten geplanten Urlaubstage in das Zeiterfassungssystem ein.

Etwa zehn Prozent meiner Arbeitszeit wendete ich heute dafür auf, Anliegen abzuwehren, für die ich mich in keiner Weise zuständig fühle. (Ich mag das Wort „zuständig“, weil es so schön behördenhaft-beamtenmäßig klingt.)

Abends war ich Laufen, da die Hinderungsgründe der letzten Wochen (schmerzendes Fußgelenk, Hitze, Unlust) nicht zutrafen; es lief sich trotz der Unterbrechung ganz gut. Anschließend belohnte ich mich mit einem Auslaufbier im an der Laufstrecke liegenden Lieblingsbiergarten. Da meine Lieben seit geraumer Zeit aus schwer nachvollziehbaren Gründen (ja, sie haben die Preise angezogen, wer hat das nicht?) keine Lust mehr haben, dorthin zu gehen, gehe ich eben alleine. Das ist nicht schlimm.

Mittwoch: Gestern wurde Mick Jagger neunundsiebzig Jahre alt. Der Liebste hatte bereits im April Geburtstag, freilich einen deutlich niedrigeren. Beides fand am Abend eine wunderbare Verbindung auf dem Konzert der Rolling Stones im Gelsenkirchener Fußballstadion, dessen Besuch wir dem Liebsten zum Geburtstag geschenkt hatten.

Bei Ankunft wurden alle Besucher einer Einlasskontrolle unterzogen, hierzu klopften Männer mit orangen Warnwesten die Einlass Begehrenden von oben bis unten ab (was für ein Job), meine dabei in der rechten Hand gehaltene Jacke blieb unterdessen unkontrolliert. Wenn bei Fußballspielen ähnlich liederlich kontrolliert wird, wäre das ein weiterer Grund, Stadien besser zu meiden.

Die allgemeine Stimmung war fröhlich-entspannt, was womöglich auch am höheren Altersdurchschnitt des Publikums lag; mancher von ihnen mag schon bei den ersten Konzerten der kaum gealterten Steine dabei gewesen sein.

Nicht die Stones, aber auch schon ziemlich alt

Zum Vorspiel trat Zuccero auf, auch nicht gerade ein Kleiner im Showgeschäft. Gleichwohl komme ich nicht umhin, Vorgruppen und dergleichen bei Konzerten für eher entbehrlich zu halten. Nachdem er unter freundlichem Applaus die Bühne verlassen hatte, wurden nach einer nicht allzu langen Umbaupause Bilder des kürzlich gestorbenen Charlie Watts auf den großen Monitoren eingeblendet. Dann ging es los. Was die drei Herren und ihre musikalischen Begleiter boten, war grandios. Sollte ich mein neunundsiebzigstes Lebensjahr erreichen, was weder sicher ist noch angestrebt wird, wünsche ich mir nur halb soviel Energie wie Mick Jagger heute; das wäre dann immer noch wesentlich mehr als ich jetzt mit Mitte fünfzig an manchen Tagen aufbringe.

Zwischen Vor- und Hauptspiel

Nach zwei Stunden verbeugten sich die Herren unter verdientem Applaustosen, dann strömten Tausende wie wir zu den Parkplätzen. Entsprechend und erwartbar lange dauerte es, bis wir auf der Autobahn waren. Gegen halb zwei lagen wir im Bett, immer noch begeistert und im Bewusstsein, etwas Großartiges erlebt zu haben, das sich für uns wohl nicht wiederholen wird.

Donnerstag: In Erwartung einer kurzen Nacht hatte ich für heute einen Inseltag, also einen Tag Urlaub eingelegt. Diesen nutzte ich für eine Wanderung über den Natursteig Sieg von Siegburg nach Hennef, selbstverständlich mit einer angemessenen Einkehr gegen Ende.

Kurz hinter Siegburg
Das S weist den Weg
Nördlich von Siegburg-Kaldauen
Man beachte das Fahrrad
Die Sieg bei Hennef

Freitag: Überall ist Klage zu vernehmen, unser Wohlstand sei in Gefahr. Was genau meinen sie? Immer mehr unnützes Zeug beim großen A bestellen zu können? Mir wären stattdessen einige Urlaubstage mehr im Jahr sehr willkommen, dafür wäre ich zum Verzicht bereit.

Auf der Rückfahrt aus dem Werk beschimpfte ich eine jüngere Frau, weil sie neben ihrem Fahrrad stehend den Schutzstreifen neben der Adenauerallee blockierte und telefonierte. Ansonsten war ich guter Stimmung.

Abends trugen meine Lieben den defekten Wäschetrockner runter und stellten ihn vor das Haus, auf dass er in der kommenden Woche vom örtlichen Entsorger abgeholt werde. Als wir nachts aus dem Weinlokal des Vertrauens zurückkehrten, war der Trockner verschwunden. Wir wünschen dem neuen Besitzer viel Freude damit. Vielleicht kann er ihn ja reparieren, das wäre auf jeden Fall besser als die vorgesehene Verschrottung.

Samstag: Große Teile meiner guten Laune bezog ich heute aus der Tatsache, an diesem Wochenende nirgendwo hin fahren zu müssen.

Sonntag: Gelesen:

Kinder sind toll? Mag sein. Ich finde Giraffen auch toll und habe dennoch keine im Garten stehen.

Nadine Pungs im SPIEGEL über das Recht, sich als Frau für Kinderlosigkeit zu entscheiden

Gesehen beim Spaziergang:

Bonn-Beuel
Beuel, Rheinnähe
Zeitlose Werbung

***

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche in guter Stimmung und mit ausreichend Energie.

2 Gedanken zu “Woche 30/2022: Eine wunderbare Verbindung

  1. nea56 August 1, 2022 / 08:35

    Einfach toll beobachtet und toll geschrieben, Ihre Beiträge. Macht große Freude zu lesen. Danke.

    Gefällt 1 Person

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