Woche 37/2022: Herbstlich willkommen

Montag: Der Arbeitstag war von montagsüblicher Unlust geprägt. Er endete mit einer Teams-Sitzung, in der mehrere Personen gemeinsam und ohne erkennbaren Zweck (es sei denn, man erkennt „Auftrag von oben“ als plausiblen Zweck an) Kästchen einer Tabelle befüllten, die wegen eines Impftermines vorzeitig zu verlassen ich den Vorzug hatte. Doch ach, aufgrund der Vielzahl der zu befüllenden Kästchen werden in der verbliebenen halben Stunde viele noch unbefüllt geblieben sein, daher ist mit Folgeterminen fest zu rechnen. Gewiss, es gibt mühsamere und schlechter bezahlte Arbeitsstellen, zudem ist der Urlaub nahe.

Nicht ohne Zweck, dafür ohne besonderen Grund gab es zur Abendessenbegleitung Sekt. Wobei es dafür ohnehin keines Grundes bedarf.

Dienstag: Der Tag begann irritierend. Statt der Nachrichten wurde im Radio um halb sieben ohne Begründung direkt das Wetter verkündet, anschließend die Verkehrslage. Vielleicht war bis dahin nichts passiert, oder der Nachrichtensprecher hatte verschlafen.

Mittags teilte mir Kollege K. per Mail mit, wir könnten mal wieder nicht gemeinsam Essen gehen, da er durchgehende Termine hätte. Das war schade, ich esse gerne mit K. zu Mittag, das letzte Mal ist schon lange, zu lange her. Was ich nicht verstehe: K. geht in absehbarer Zeit in den Ruhestand, ist somit jeglichen Karrierestrebens unverdächtig. Warum lässt er sich noch von anderen den Kalender derart stopfen? Das ist natürlich eines jeden Einzelnen Entscheidung, dennoch meine ich, wer mittags wegen Terminen keine Pause machen kann, hat seine Arbeit nicht im Griff. Deswegen habe ich für jedermann sichtbar täglich mittags eine Pause fest im Kalender geblockt. Bei Bedarf bin ich bereit, diese bis maximal dreizehn Uhr zu verschieben. Arbeitstage ohne Mittagspause gibt es bei mir grundsätzlich nicht. Mittagspause heißt, weg vom Schreibtisch und nicht, wie viele es tun, während der nächsten Besprechung am Bildschirm einen Salat oder ein belegtes Brötchen zu verzehren. Da bin ich eigen.

Mittwoch: Morgens zum Wecken kamen Nachrichten im Radio, die Welt ist also wieder in Ordnung. Jedenfalls meine, die draußen ist indessen gestört wie gewohnt.

Von morgens bis zum frühen Abend regnete es fast ununterbrochen, mal mehr, mal weniger, in stetigen, unaufgeregten Fäden. Landregen nennt man das wohl, auch in der Stadt; der soll ja besonders bekömmlich sein für Haut und Feld. Eine meiner wesentlichen Beschäftigungen bestand darin, zwischendurch immer wieder aus dem Fenster zu schauen und zu denken: wie schön.

Was mich mittags nicht von einer kurzen Runde durch den Park abhielt, wo der See immer noch nicht vollständig gefüllt ist

Ansonsten stritt ich mit IT-Kollegen über deren Idee, die fachlich wenig Sinn ergibt; das hat Spaß gemacht. Später sah ich auf dem Bildschirm anderen beim kollektiven Kästchenausfüllen zu, das hat nur mäßig Spaß gemacht. Daher widmete ich mich wieder dem Regen.

Abends ging ich zum Griechen, Gyros zu holen. In der Dämmerung kam mir einer entgegen, telefonierend. Im Moment unserer Begegnung sagte er „Ach …“ ins Telefon. Schöner hätte Loriot es nicht auszudrücken vermocht.

Donnerstag: Der Sommer ist vorüber. Angenehme Jackenkühle umweht den Leib auf dem Weg ins Werk und zurück, Mittags beim Gang durch den Park fordern auf dem Weg liegende Kastanien dazu auf, sie wegzutreten. Die Bäume legen ihr Laubkleid ab, womit sie schon vor Wochen begonnen haben, als die Sonne noch brannte. Der Tag blieb trüb, nur morgens und am frühen Nachmittag zeigte sich kurz die Sonne, verzog sich bald wieder hinter Wolken. Meine liebste Jahreszeit ist angebrochen – herbstlich willkommen.

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Das Wetter hält die Briten nicht davon ab, sich kilometer- und stundenlang anzustellen, um an einer Holzkiste vorbeizugehen, in der sich mutmaßlich (weiß mans?) die sterblichen Überreste ihrer Königin liegen. Wer hat sich eigentlich dieses esoterische Geschwurbel als Bezeichnung für einen toten Körper ausgedacht? Andererseits klingt es freilich freundlicher als „königlicher Kadaver“.

Freitag: Der letzte Arbeitstag vor dem Urlaub verlief ohne Vorurlaubsstress und endete, nachdem die letzten Kästchen gefüllt waren, nicht allzu spät. Gleichwohl spürte ich gegen Nachmittag, wie der Rest an Arbeitslust gleich einer Sanduhr mit feinem Strahl verrieselte.

Samstag: Morgens brachen wir auf nach Malaucène, wo wir nach entspannter Fahrt um kurz nach siebzehn Uhr eintrafen. Nicht ganz so entspannt verlief die Übernahme der Wohnung, die wir über ein bekanntes Buchungsportal gemietet hatten: Diese erwies sich als belegt durch die regulären Bewohner, die gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt waren, entsprechend die dort vorherrschende Entropie. Der Dame des Hauses war das sehr unangenehm, sie bot gar an, die Wohnung zu räumen, so dass wir sie hätten beziehen können. Das lehnten wir dankend ab, stattdessen fanden wir über nämliches Buchungsportal als Ersatz ein schönes Ferienhaus etwas außerhalb des Ortes. Das ist teurer als die Wohnung, dafür wesentlich schöner. Es ist schön, wenn sich alles irgendwie fügt. Über die Mehrkosten wird demnächst mit dem Portal zu verhandeln sein.

Sonntag: Bei Lichte betrachtet – heute ist ein sehr lichter Tag mit Sonnenschein und blauem, vom Mistal gestern wolkenlos gepustetem Himmel, dazu angenehm milde Temperatur – war die Sache mit der bewohnten Wohnung ein Glücksfall. Unsere Ersatzunterkunft ist nicht nur sehr schön und komfortabel eingerichtet, dazu gehört auch ein großes Grundstück mit Schwimmbecken, das aus Temperaturgründen voraussichtlich unbeschwommen bleiben wird, und eine große Wiese, auf die ich mich bis auf Weiteres mit einem Liegestuhl und Lektüre zurückgezogen habe, und wo diese Zeilen soeben entstanden sind. Ich bin sehr zufrieden.

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Kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 36/2022: Ein bedauerliches Versehen der Evolution

Montag: Die vorläufig letzte Dienstreise führte heute nach Neu-Ulm. Auf der Hinfahrt überholten wir auf der Autobahn einen LKW der Firma Allfred. Daraufhin spielte mein Ohrwurm stundenlang „Fred vom Jupiter“.

Nach Ankunft machte ich einen Spaziergang durchs Dorf. Es liegt mir fern, Neu-Ulm als Dorf zu diffamieren, doch befindet sich das Hotel in einem dörflichen Ortsteil namens Finningen. Es hat eine regionaltypische Zwiebelturmkirche und einige Häuser bayrischer Anmutung, ist ansonsten wenig pittoresk und ziemlich verkehrslaut. Immerhin liegt Landduft in der Luft, und man kann in der Ferne das Ulmer Münster sehen.

Dienstag: Der erste Tag unserer Veranstaltung lief gut, danach spazierte ich erneut durch Dorf und Feld. Auf den zweiten Blick ist es doch ganz schön hier.

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Die Briten bekommen eine neue Regierungschefin. Ist es nicht erstaunlich, dass es immer noch Menschen gibt, die sich in solchen Zeiten ein solches Amt freiwillig antun, nicht nur in Großbritannien? Was mag passieren, wenn sich niemand mehr dafür findet? Also nicht immer auf dem Kanzler rumhacken.

Die Menükarte für das Abendessen verhieß als Dessert ein „Schokoladen-Duett an süßer Begleitung“. Letztere erwies sich als eine überflüssige Physalisbeere, insofern blieb meine Hoffnung auf einen attraktiven, zweierlei Sorten Mousse au chocolat servierenden Jungkellner unerfüllt.

Mittwoch: Trotz durchgehender viertelstündiger Uhrzeitverkündung durch die Kirchturmglocke in Hotelnähe schlief ich sehr gut; dank rechtzeitiger Bettruhe nach mäßiger Alkoholzufuhr am Vorabend erwachte ich frisch und folgenlos.

Auf der Rückfahrt kamen wir an einem Autobahnparkplatz mit dem schönen Namen „Nachtweide“ vorbei, der sofort ein Bild erzeugt: Auf einer Wiese in Südniedersachsen haben sich mehrere Kühe unter einer großen Kastanie zur Ruhe gelegt, ihre Körper schmiegen sich wärmend aneinander. Vielleicht sind es schwarz-weiß gefleckte, vielleicht auch braun-weiß; das fahle Licht des abnehmenden Halbmondes lässt es nicht genau erkennen. Das einzig vernehmbare Geräusch ist das rhythmische Ticken des Aggregates, das im Sekundentakt Stromschläge in den Weidezaun jagt.

Donnerstag: Morgens regnete es, das war sehr schön, wenngleich dadurch der donnerstägliche Fußmarsch ins Werk nur bis zur Bahnhaltestelle führte.

Der Arbeitstag war überfüllt mit zahlreichen Besprechungen; nach drei Tagen Dienstreise hatte sich offenbar einiges an Gesprächsbedarf aufgestaut. Nach solchen Labertagen bin ich abends zumeist besonders wortkarg, was bei den Lieben nicht immer auf Verständnis stößt.

Abends regnete es wieder, allerdings in der Ferne.

Dunkle Wolken auch über England: Die Queen ist tot. Somit bekommen die Briten binnen einer Woche neben einer neuen Regierungschefin auch einen neuen König.

Freitag: „Wenn es nicht nötig ist, in Grundrechte einzugreifen, dann ist es nötig, nicht in Grundrechte einzugreifen“, so der Bundesjustizminister zu den beschlossenen Corona-Maßnahmen. Worte, wie sie nur Politiker zu finden vermögen.

Samstag: Im Rheinauenpark sind die sich ungehindert vermehrenden Nutrias nun zum Abschuss freigegeben. Dazu schrieb Hermann P. in einem Leserbrief: »Was ein Lebewesen ohne natürliche Feinde anrichten kann, erleben wir seit Jahrzehnten leider auch bei der Menschheit, die allerdings selbst zur Vernunft kommen muss und vielleicht auch kann.« Dem erlaube ich mir hinzuzufügen: Zunehmend glaube ich, die menschliche Existenz ist auf ein bedauerliches Versehen der Evolution zurückzuführen. Und ich bin mir sicher, die Menschen werden nicht aus eigenem Antrieb zur Vernunft kommen, vielmehr hat die Evolution ihren Irrtum bereits bemerket und wird ihn in bewährter Weise korrigieren.

Sonntag: Manchmal sind es unbedeutende Kleinigkeiten, die zu einer Beeinträchtigung des zwischenmenschlichen Friedens führen, ich werde das nicht weiter ausführen. So ein Tag war heute. Aber wer sagt, das Leben müsse stets einfach und harmonisch sein – Disharmonien sind nicht immer zu vermeiden und gehören dazu.

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Kommen Sie gut durch die neue Woche.

Woche 35/2022: Paketdienstleisterinnen dürfen sich gerne mitgedacht fühlen

Montag: Immer noch in Bielefeld, ging ich den Geschäften bis mittags vom Gästezimmer meiner Mutter aus nach. Heimarbeit an sich fühlt sich für mich schon grundfalsch an, diese Variante indes erschien geradezu absurd. Aber besondere Situationen erfordern besondere … Sie wissen schon.

Nachmittags reiste ich weiter nach Celle, wo der Zug unfassbar pünktlich ankam; ist doch schön, wenn man die Bahn mal loben kann. Nach Ankunft schien die Sonne schon wieder heiß, insbesondere auf die schattenfreie Bushaltestelle, wo meine Kollegin und ich auf den Bus zum etwa fünf Kilometer entfernten Hotel warteten. Als der auch zehn Minuten nach planmäßiger Abfahrtszeit nicht kam, beschlossen wir, zu Fuß zu gehen, was dank fortschreitender Knieheilung problemlos möglich war und uns einen unerwartet schönen Gang durch Maisfelder bescherte. Auch das ist zu loben.

Nur Experten können Futtermais (links) von Popcornmais unterscheiden

Dienstag: „Vielen Dank für Ihre E-Mail“, so die Einleitung einer Abwesenheitsmeldung, die mich erreichte. Immer diese Verlogenheit.

Träumen Sie auch manchmal von Banketten?

Zum Feierabend ging ich spazieren durch einen Kiefernwald. Dort kam mir ein Mann mit zwei großen, immerhin angeleinten Hunden entgegen, der freundlich grüße, im Gegensatz zu seinen mich anknurrenden Hunden.

Kurz vor der Hundebegegnung

Mittwoch: Die Rückfahrt aus Celle gestaltete sich unter Berücksichtigung des üblichen Bahnsinns – Zugausfall, Verspätung, 9-Euro-Finale – recht angenehm.

Wat mutt dat mutt

Ich freue mich sehr auf die kommenden fünf Nächte im eigenen Bett, ehe ich am Montag zur nächsten und vorläufig letzten Dienstreise aufbreche.

Gelesen in der Zeitung: »Die Nosferatu-Spinne hat acht Beine, ist gelb-bräunlich gefärbt, wird bis zu fünf Zentimeter groß und ist derzeit in aller Munde – nicht zuletzt, weil sie giftig ist.« Was lernen die heute auf den Journalistenschulen?

Donnerstag: Heute diene ich seit sechsunddreißig Jahren meinem Arbeitgeber, noch immer überwiegend recht gerne. Mutmaßlich unabhängig davon gab es am Werk nach langer Zeit wieder ein Sommerfest mit frei Essen und Trinken. Es war sehr schön, Kollegen zu treffen, die man teilweise seit Jahren nicht mehr gesehen hat, bei der einen mehr, dem anderen weniger. Erschreckend: Zu manchen, mit denen ich früher regelmäßig zu tun hatte, ist mir der Name komplett entfallen.

Auf dem Rückweg schlug die Motivklingel des Datengeräts an

Gelesen:

»Auch bei fehlender Ware, die per Retoure unterwegs war, steht der/die Händler*in vor einem Problem. Diese*r muss sich darum kümmern und sich gegebenenfalls mit dem Paketdienst auseinandersetzen. Das Geld für die zurückgegebene Ware muss dem/der Käufer*in erstattet werden, wenn der/die nachweisen kann, die Retoure ordnungsgemäß auf den Weg zurückgebracht zu haben. Damit also Kunden und Kundinnen im Fall einer fehlenden Retoure ihr Geld zurückerhalten, müssen sie den/die Anbieter*in und nicht den Paketdienstleister kontaktieren.«

Bild der Frau online vom 31.8.2022

Paketdienstleisterinnen dürfen sich gerne mitgedacht fühlen.

Freitag: Aus mir entgangenen Gründen ergänzt seit heute ein Brotbackautomat unseren häuslichen Maschinenpark. Er wurde von den Lieben sogleich unter Verwendung einer Kürbiskern-Backmischung in Betrieb genommen. Man darf gespannt sein: erstens auf das Produkt, zweitens die Nutzungsdauer des Gerätes, ehe es in den Keller zieht.

Der im Friseurgeschäft meines Vertrauens beschäftigte Inhabersohn darf sich nun mit dem Titel „CEO Herrensalon“ schmücken, wie der digitalen Präsenz zu entnehmen ist. Haarsträubend.

Samstag: Das Brot schmeckte ausgezeichnet. Ansonsten verlief der Tag in angenehmer Samstäglichkeit ohne bloggenswerte Beobachtungen, Ereig- oder -kenntnisse.

Sonntag: »Dieser Winter wird sommerlich«, wirbt am Wegesrand ein Plakat für eine vierzehntägige Kreuzfahrt in die Karibik. Ja, das ist gut möglich, nicht zuletzt wegen solcher Kreuzfahrten.

Etwas über die mannigfachen Verwendungsmöglichkeiten von Schokobrunnen erfahren Sie hier.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme neue Woche.

Woche 34/2022: Kassenpatienten müssen draußen warten

Montag: Die Woche begann mit einer zweitägigen Dienstreise per Bahn nach Bad Breisig. Bereits in Bad Godesberg ging es nicht weiter, zunächst wurden in der Tür stehende Fahrgäste der Ursache bezichtigt, was eine entsprechende Unmutsäußerung des Triebfahrzeugführers nach sich zog. „Irgendwelche Bauern …“ murmelte daraufhin ein Reisender in Hör- und Sichtweite, öffnete die Flasche eines bekannten Kräuterschnapses aus Wolfenbüttel und nahm einen kräftigen Schluck, er hatte offenbar für derartige Situationen vorgesorgt. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, die Türen zu schließen, sah man den Fahrer nach hinten gehen, nach etwa zehn Minuten und behobener Türstörung kehrte er zurück und endlich ging es weiter. Dank zeitlich großzügiger Planung nahm ich es gelassen, auch ohne Kräutertrunkunterstützung.

„Nächster Halt Oberwinter, planmäßige Ankunft acht Uhr neun, heute acht Uhr neununddreißig“, verkündete eine künstliche Frauenstimme in diesem unerträglichen Werbeton, der Spuren von Lachen enthält und bei dem man sich stets sofort verarscht fühlt, verzeihen Sie den derben Ausdruck. Sie wissen vielleicht, was ich meine: „… statt zehn Euro neunundvierzig nur neun Euro achtundneunzig“; „Kauf zwei – zahl drei.“

Dienstag: Vergangenen Samstag habe ich einen etwas größeren Rucksack gekauft, den ich benötige, wenn ich demnächst ein paar Tage ins Allgäu fahre. Zwischen dem Bahnhof Martinszell und der Unterkunft in Niedersonthofen liegt ein Fußweg von knapp vier Kilometern, den ich ungern mit Rollkoffer oder Reisetasche in der Hand zurücklegen würde. Da ich auf Reisen stets nur das Nötigste mitnehme, was sich bestens bewährt hat, selten vermisste ich am Zielort etwas nicht Mitgenommenes, sollte die Größe ausreichen. Für zweitägige Dienstreisen ist er schon mal perfekt, wie ich feststelle; auch für viertägige Reisen sollte sich Platz für weitere Klamotten und Lektüre finden. Eine gute Investition.

Mittags während der Tagung erreiche mich eine schlechte Nachricht meine Mutter betreffend. Der Rest der Veranstaltung, zum Glück war sie kurz nach 14 Uhr vorbei, zog daraufhin weitgehend unbeachtet an mir vorbei, gedanklich war ich bereits in Bielefeld und dabei, die nächsten Tage und Wochen umzuplanen, einschließlich Verschiebung des Allgäuaufenthalts auf unbestimmte Zeit, was von den denkbaren Übeln das geringste gewesen wäre. Nach Rückkehr in Bonn rief die Mutter an, es ging ihr besser, so dramatisch wie es zunächst schien war es wohl nicht. Die damit einhergehende Erleichterung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich auf diese Situation, die irgendwann eintreten wird, ziemlich schlecht vorbereitet bin.

Laut Zeitung wurden gefälschte FDP-Plakate sichergestellt: „Kein Geld für ÖPNV? Sollen sie doch Porsche fahren.“ Der Staatsschutz ermittelt. Insbesondere, ob es sich wirklich um Fälschungen handelt.

Mittwoch: Kurze Dienstreise nach Porz-Wahn. Für Nicht-Rheinländer: Das ist kein Ausruf des Entsetzens, sondern ein Stadtteil von Köln. Während ich morgens im Siegburger Bahnhof auf die S-Bahn wartete, brauste ein Güterzug am Bahnsteig entlang. Schon erstaunlich, dass das noch möglich ist in Zeiten, da alles mehrfach abgesichert ist, um jegliche Schadensersatzforderungen abzuwehren.

Donnerstag: Inseltag. Da es zum Wandern zu warm war, verbrachte ich den Tag nach Rückkehr aus Porz-Wahn am Lieblingsplatz am Rhein im Schatten der Pappeln. Wobei Schatten übertrieben ist, allenfalls spendeten die Bäume noch Halbschatten, der Boden darunter war von trockenem Laub bedeckt wie Mitte Herbst, minütlich fielen weitere Blätter herab. Mehrfache Ortswechsel waren erforderlich, um einigermaßen unbesonnt zu liegen, da die Sonne stets nach kurzer Zeit wieder eine Lücke im Geäst fand.

Derweil fuhr auf dem Rheinuferweg hinter mir ein Radfahrer vorüber, aus seiner Lärmdose tönte der alte Rudi-Carrell-Hit „Wann wirds mal wieder richtig Sommer“. Ein fragwürdiger Humor.

Die Schiffe fahren rheinaufwärts ganz nah am Ufer, abwärts etwas weiter zur Flussmitte. Vielleicht schreibt das die Rheinschiffahrtsverkehrsordnung oder welche Regelung hier auch immer einschlägig ist für diese Stelle so vor, ich weiß es nicht. Wobei, manche fahren auch andersrum, also abwärts am Ufer und aufwärts mittig. Immerhin, noch fahren welche. Die Fahrgastschiffe sind nur schwach besetzt, niemand winkt. Es ist zu warm für jede überflüssige Aktivität. Ein Schwarm Düsenbarken* (auch als Jetski bekannt) zog lärmend Richtung Königswinter. Auch so eine fragwürdige Freizeitgestaltung.

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*Das schöne Wort habe nicht ich mir ausgedacht, sondern der Postillion.

Ein Krankenwagen hielt an, ein Sanitäter stieg aus mit einem Käfig in der Hand, darin, soweit aus der Ferne erkennbar, eine Ente. Damit ging er runter zum Fluss und kehrte bald, nachdem er die Ente zu Wasser gelassen hatte, mit leerem Käfig zurück zum Rettungswagen und sie fuhren wieder ab, neuen Einsätzen entgegen.

Freitag: Die gestern getroffenen Sonnenschutzmaßnahmen waren offenbar unzureichend. Heute rötet ein leichter Sonnenbrand den geschundenen Körper.

Da die Heilung des am vorletzten Wochenende verletzten Ellenbogens nur langsam voranschreitet und optisch recht bizarr anmutet, suchte ich morgens eine Arztpraxis auf. „Sie sind Privatpatient? Dann dürfen sie dort im Wartezimmer Platz nehmen.“ Kassenpatienten müssen offenbar draußen warten.

Gehört in einer Besprechung: „Wir werden nicht alle unter einen Tisch kriegen.“

Gelesen in einer Mail: „Das müssen wir zeitnah auf eine Zeitleiste setzen.“ Bitte vorher das Zeitfenster putzen.

Auch gehört: „Du musst mit uns in einfacher Sprache sprechen.“ – „Mach ich doch, du A…loch.“ Liebe hält das aus.

Samstag: „Angst um Atomkatastrophe“ ist ein Zeitungsartikel übertitelt. Um?

Mit der Bahn nach Bielefeld zum Mutterbesuch. In ICE-Zügen mag ich gar nicht – neben den Nichtfensterplätzen, wo man statt nach draußen gegen eine graue Wand schaut – die bei anderen sehr begehrten, weil man daran so gut „arbeiten“ kann, Vierergruppen mit Tisch. Durch den Tisch fühle ich mich beengt und man muss aufpassen, nicht mit den Füßen des Gegenübers zu kollidieren. Sie dürfen gerne raten, welche Art von Platz mir das Bahnreservierungssystem zugewiesen hat.

Bei der Einfahrt in Köln fährt man nahe an Wohnhäusern vorbei. Dort saß auf einem Balkon ein älteres Paar und winkte dem Zug zu. Wenn die das bei jedem einfahrenden Zug tun, sind sie gut beschäftigt.

Nach Verlassen des Bielefelder Hauptbahnhofs hörte ich hinter mir eine Frau zu ihrer Begleiterin sagen: „Warum verbringen wir überhaupt einen Samstagnachmittag in Bielefeld?“ Das sind die wahren Fragen des Lebens.

Sonntag: Da morgen die nächste Dienstreise nach Celle ansteht und Bielefeld auf halber Strecke liegt, bot sich die Verlängerung des Mutterbesuches an. Der Sonntagsspaziergang führte daher durch Gefilde aus Jugendzeiten.

Unter anderem durch das Ehlentruper Holz, ein kleiner Wald in der Nähe des Elternhauses

Entgegen üblicher Gewohnheiten und innerer Überzeugung waren heute zwei dienstliche Telefongespräche erforderlich. Das war nicht schlimm, bedarf indes keiner baldigen Wiederholungen.

„Heute Morgen war so schönes Wetter, jetzt scheint schon wieder die Sonne“, sagte die Mutter am späten Nachmittag.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme neue Woche mit kühlem Kopf.

Woche 33/2022: Knieleid und Konferenzgeschwätz

Montag: Heimarbeit ist großer Mist, mir ist völlig rätselhaft, warum so viele davon so begeistert sind. Heute ging es nicht anders: Mittags wurde ich abgeholt zu einer Dienstreise bis Mittwoch in Leipzig, da wäre es wenig sinnvoll gewesen, vorher noch ins Werk zu fahren.

Hinzu kam ein gewisses Wehleid wegen der am vergangenen Wochenende zugezogenen Wunden, die sich während der Fahrt in unterschiedlicher Weise bemerkbar machten. Es ist erstaunlich, wie sehr solch vergleichsweise harmlosen Wehwehchen auf das Gemüt drücken, das montags ohnehin in desolatem Zustand ist.

Kurz vor dem Ziel durchfuhren wir heftigen Regen, zum Glück ohne Hagel, Sturm und andere meteorologische Unwägbarkeiten, dafür mit so richtig viel Wasser, das kennt man inzwischen kaum noch. Auch die Temperatur sank vorübergehend auf knapp über zwanzig Grad herunter, so dass ich mir später beim Abendessen draußen ein Pullöverchen überzog. Wenn auch als einziger weit und breit, aber das störte mich nicht.

Auf dem Weg dorthin kam uns eine Gruppe Jugendlicher entgegen. Als wir uns auf Höhe eines Restaurants begegneten, wo, in Restaurants nicht unüblich, welche aßen, zeigte ein Mädel hinein und sprach zu den anderen: „Seht mal, die essen da!“ Geben die Sachsen ihnen Kindern nichts zu essen?

Dienstag: Trotz eines gewissen Hellhörigkeit des Hotels (der Zimmernachbar pfeift sich offenbar gerne ein Liedchen) und der unter dem Fenster deutlich vernehmbaren Straßenbahn schlief ich gut.

Blick aus dem straßenbahnumtosten Hotelzimmer

Erkenntnis aus Tag eins unserer Veranstaltung: Am besten präsentiert man nur aus „Folien“ (erstaunlich, dass das gut zwanzig Jahre nach dem Tageslichtprojektorzeitalter immer noch so heißt), die man selbst erstellt hat; alles andere gerät schnell zu Powerpoint-Karaoke. Es lief dennoch ganz gut. Nachmittags war ich kurz in der Apotheke, Pflaster nachkaufen. Mehr Leipzig brauchte ich heute nicht, auch wenn es zweifellos eine schöne Stadt ist.

Auch wenn die Schönheit der Stadt im Innenhof des Hotels nicht gar so deutlich wird
Hotelhumor

Gelesen hier: „Ich müsste umschulen, auf einen Job, bei dem man nicht denken muss. Man dürfte aber auch nichts anderes machen müssen, denn es ist alles zu anstrengend. Was macht man denn da, was wird man da?“ – Beamter, was sonst? (Ich darf das schreiben, ich bin einer und weiß deshalb, dass diese Art der Selbstpolemik jeglicher Grundlage entbehrt.)

Mittwoch: In unserem Hotel ist jeden Tag Nikolaustag, wenn der Gast es will. Als Zeichen, dass man zur Schonung der Umwelt auf die Zimmerreinigung verzichtet, stellt man nicht seine Schuhe vor die Tür, sondern hängt ein bereitliegendes Jutebeutelchen an die äußere Türklinke. Zur Belohnung wird vom Personal ein Äpfelchen und ein Müsliriegel hinein gelegt, die mir heute Morgen als Frühstück dienten, da ich Hotelfrühstücke bei Veranstaltungen wegen morgendlicher Gesprächsgefahr grundsätzlich meide. Eine kreative Form der Personaleinsparung (an jeder zweiten Klinke hing das Beutelchen), gleichsam für‘n Appel und‘n Ei Müsliriegel.

„Gesundheit/Gesundheit/sundheit/ndheit/heit/t!“ – Warum ich es auf Tagungen und in größeren Gruppen nach Möglichkeit vermeide, zu niesen.

Donnerstag: Die erste Fahrradfahrt ins Werk mit wunden Knien lief besser als gedacht. Dennoch freue ich mich darauf, wenn sie wieder heile sind. Geduld. Geduld ist ja nicht unbedingt des Fahrradfahrers erste Tugend, er wartet ungern, auf grünes Ampellicht etwa oder auf Vorfahrt habende andere Verkehrsteilnehmer. Ich hingegen war heute dankbar für jede Pause; auf dem Rückweg hielt ich vor einem Zebrastreifen, um zwei junge Damen passieren zu lassen. Das schienen sie von Radfahrern nicht gewohnt zu sein, sie schauten leicht irritiert und bedankten sich brav.

Mittags in der Kantine gab es Gnocchi. Das erinnerte mich an ein italienisches Lied, das wir mal im Chor sangen, als ich noch im Chor sang und das ich nicht besonders mochte. Dennoch – oder deshalb, man weiß es nicht – hielt es sich im Hirnradio bis in den Nachmittag hinein. Der Arbeitstag war dennoch recht zufriedenstellend, trotz Kartoffelnockenlied, Knieleid und viel Konferenzgeschwätz.

Abends während der heute-Nachrichten zuckte ich kurz, als der Sprecherin während eines Beitrags über das aktuelle Fischsterben in der Oder ein ungegendertes „Forscher“ entfuhr. So weit ist es schon.

Freitag: Wo Menschen zusammenleben, knirscht es bisweilen, dabei ist es ganz einfach: Vor dem Abfuhrtag holt jemand die Mülltonnen aus ihrer Nische und rollt sie an die Straße, nach der Leerung rollt sie jemand zurück. Grundsätzlich klappt das ganz gut in unserer Hausgemeinschaft. Es sei denn, ein Trottel parkt seinen Roller so dämlich, dass die Nische versperrt ist. Nach Rückkehr aus dem Werk war der Roller verschwunden und die Tonnen standen an ihrem Platz. Es fügt sich immer alles irgendwie.

Bitte denken Sie sich die Tonnen-Nische links vor dem Roller

Im Zusammenhang mit dem leerlaufenden Rhein zitiert die Zeitung einen Lehrstuhlinhaber für Aquatische Systembiologie. Aquatisch – welch herrlich blühende Rose im Wörtersee.

Abends erprobten wir das neue Restaurant am Hotel Kanzler, das erst am Vortag eröffnet wurde, also das Restaurant, nicht das Hotel. Trotz unvermeidbarer Verkehrsgeräusche im Außenbereich, es liegt direkt an der Bundesstraße 9, waren wir sehr zufrieden, daher kommen wir bestimmt wieder. Zurück gingen wir zu Fuß, hinsichtlich Knieweh unproblematisch. Auch der Geliebte, längeren Fußmärschen sonst eher unaufgeschlossen, hielt tapfer durch.

Samstag: Die Stadt Bonn teilt mit, es sei zu einem Verkehrsunfall „mit einem Radfahrenden“ gekommen. Wenn der Sinn des Genderns an seine natürlichen Grenzen stößt.

Abends besuchten wir das Parkfest in Bad Godesberg, wo der Karnevalsverein mit einem Bühnenprogramm und einem Bierstand vertreten war; Wiedersehen macht Freude, wie sich einmal mehr bewahrheitete. Am späteren Abend, als das Bühnenprogramm längst beendet war, wurde etwa eine halbe Stunde lang auf Wunsch mehrerer junger Bierstandbesucher Musik gespielt, die wohl in die Kategorie Mallorca/Ballermann fällt, so genau kenne ich mich da nicht aus, kann mir jedenfalls gut vorstellen, wie zweifelhaft mitgrölende Menschen dazu rotes Getränk durch lange Trinkhalme aus Putzeimern saugen, falls das noch üblich und erlaubt ist. Auch das umstrittene Layla-Lied war dabei, wobei das nach meinem Empfinden noch eines der eher erträglichen war. Immer wieder erstaunlich, an was viele Menschen Spaß haben.

Sonntag: Vom Ballermann nach Bayern – Lotelta war im Allgäu am Niedersonthofener See, also genau dort, wo auch ich Ende September ein paar Tage zu verbringen beabsichtige. Der Bericht verursachte mir größere Vorfreude, wofür ich sehr danke.

Zur Knieschonung verzichtete ich heute auf den Sonntagsspaziergang, las dafür die Sonntagszeitung etwas intensiver als sonst. Darin ein längerer Artikel über die verheerenden Auswirkungen des Schulsportes auf das seelische Wohlergehen nicht so sportbegabter Kinder und Jugendlicher, der mich innerlich „Genau so ist es!“ ausrufen ließ. Daraus:

»Wenn es schlecht läuft, wird der Unterricht als Demütigung und Bloßstellung erlebt. Wöchentliche Stunden, in denen Durchhaltevermögen nicht im Ausdauersport geprobt wird, sondern in der Fähigkeit, trotz Schmach die Aufgaben zu absolvieren. Dank Mannschaftssport und Leichtathletik schält sich heraus, welche Schülerinnen und Schüler nicht so ganz dazugehören.«

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Anscheinend hat sich daran bis heute nichts geändert, noch immer wird dieser Unsinn benotet.

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Kommen Sie gut durch die Woche.