Woche 41/2022: In erster Linie mitfühlendes Bedauern

Montag: Der erste Arbeitstag der Woche war lang, da ich nachmittags die Einladung zu einer Besprechung um 17 Uhr auszuschlagen nicht über das Herz brachte. Vormittags verlangte der Rechner nach einem Neustart, weil irgendwelche Software zu aktualisieren war. Mehrere Minuten bezahltes aus dem Fenster Schauen, man kann sein Geld auf härtere Weise verdienen. Meine persönliche Stimmung war zufriedenstellend, auch solche Montage gibt es manchmal.

Im Zusammenhang mit der Weitung von Wissen benutzen viele gerne das zweifelhafte Wort „aufschlauen“. Im selben Sinne las ich in einer Mail das Word „aufbeefen“ und stellte mir sogleich vor, wie der zu Beefende mit Lappen von Rindfleisch umwickelt, anschließend wie ein Rollbraten umschnürt wird, auf dass die Lappen nicht abfallen. Trat nicht einst Lady Gaga ähnlich gewandet mal auf die Bühne, oder habe ich das geträumt?

Fleischlos dagegen das Mittagessen, für mich gab es Maultaschen mit geräucherter Käsesoße. Wie räuchert man Käsesoße?

Nach dem Essen ging ich eine Runde durch den Park, wo der Herbst nun langsam beginnt, die verbliebenen, im Sommer noch nicht vorzeitig abgeworfenen Blätter bunt zu färben. Er ist spät dran, oder kommt mir das nur so vor?

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„Wir haben da noch ein hick up“, hörte ich in einer Besprechung und bekam spontan Schluckauf.

„Ich freue mich total auf die neue Aufgabe“ – Eine Kollegin wird demnächst Abteilungsleiterin. Meine Empfindungen bei solchen Nachrichten ähneln denen, wenn jemand Mutter oder Vater wird: in erster Linie mitfühlendes Bedauern.

Dienstag: Wir wohnen gegenüber der Zufahrt zum Landgericht. Jeden Morgen fährt ein Wagen vor, in dem laut Rapp gehört wird. Meine Vorbehalte gegenüber dieser – nun ja: Musikrichtung, ihrer Erzeuger und Hörer sind vermutlich unbegründet, zumal ich mich bislang nicht intensiver damit beschäftigt habe. Gleichwohl wäre es meinem Vertrauen in die Judikative dienlich, wüsste ich, dass der Fahrer dieses Wagens bei Gericht statt für Rechts- für die Grünpflege zuständig ist.

Beim Mittagessen in der Kantine waren wir zu viert, was nur noch selten vorkommt. Während des Essens anderer Leute Gespräche nicht folgen zu müssen zähle ich zu den eher angenehmen Begleiterscheinungen der Seuche. Tischthema waren Kaffeemaschinen und -mühlen, welche am besten brühen, welche am besten mahlen; erstmals hörte ich in solchen Zusammenhängen den Begriff „Einkreiser“. Man zeigte sich gar gegenseitig Bilder auf den Datengeräten. Anderer Leute Nachwuchs oder Partybegegnungen ungefragt unter die Nase gehalten zu bekommen finde ich zumeist ermüdend; ihre Haushaltsgeräte anzuschauen ist indes am Rande des Unerträglichen. Anschließend gingen die Kaffeeliebhaber zu einem der in Werksnähe zahlreichen mobilen Ausschänke, um Kaffee aus Pappbechern zu trinken. Ich verzichtete zugunsten einer Runde durch den Park. Alleine, ohne Gehkaffee. Oder „ambulanten Verzehr“, wie ich irgendwo las.

Mittwoch: Vormittags im Werk wurde ich Zeuge einer Bestandsbegehung. Das ist nicht nur ein tolles Wort, sondern auch ein toller Job: Zwei Personen ziehen klemmbrettbewehrt von Büro zu Büro, um nach eigenem Bekunden zu prüfen, ob noch alle Wände stehen. Nachdem ich das Vorhandensein aller Wände bestätigt hatte, jedenfalls habe ich in letzter Zeit keine vermisst, machte die Dame ein Kreuz in ihrer Liste und sie zogen weiter.

Seit gestern liegt auf der Spüle in der Werks-Kaffeeküche ein Pizzakarton. Erst heute bemerkte ich, dass sich darin noch eine komplette Pizza befindet. Was geht nur vor in den Leuten?

Donnerstag: Morgens auf dem Weg ins Werk sah ich Rot.

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Oft sind es kleine Dinge, die die Welt ein wenig besser machen: Mittags gab es in der Kantine einen ganz vorzüglichen Erbseneintopf, dazu frisches Brot. Erst gestern um diese Zeit dachte ich, die könnten hier öfter mal Eintopf anbieten – et voila. Deshalb dachte ich heute nach dem Essen etwas intensiver an Entenbrust mit Orangensoße; vielleicht hilft es ja.

Danach sah ich im Park einen älteren Herren, dem in einigen Metern Abstand ein (augenscheinlich nicht viel jüngerer) Langhaardackel folgte. Plötzlich bekam der Dackelbauch kurzfristig Bodenkontakt, weil der Hund in ein kleines rundes Loch getreten war, das wohl dazu dient, bei Bedarf einen Absperrpömpel* einzustecken. Das sah sehr drollig aus, daher musste ich kurz lachen, wofür ich den Dackel und PETA ausdrücklich um Entschuldigung bitte. Bei dieser Gelegenheit herzliche Grüße und die besten Genesungswünsche an die Dackeldame in München!

*Für diejenigen, denen Pömpel kein gängiger Begriff ist: In Ostwestfalen, wo ich wech komme, ist Pömpel ein Sammelbegriff für Pfahl, Pfosten, Poller, aber auch Saugglocke für verstopfte Abflüsse. Ob das woanders auch der Fall ist, entzieht sich meiner Kenntnis, daher vorsorglich diese Erläuterung.

Freitag: „Hier ist bald nicht mehr lange“, hörte ich morgens den Geliebten sagen. Wenngleich die Bedeutung im Dunst des Unklaren blieb, erschien es mir notierenswert.

Das am Vortag empfundene Entenbrustsehnen blieb unerfüllt. Stattdessen gab es mittags Heringsfilets mit Sahnesoße an Kartoffeln, somit immerhin etwas mit Wasserbezug. Auch gut.

Samstag: An manchen Tagen sind mir andere Menschen am liebsten, wenn sie jenseits der Frontscheibe der Lieblingsweinbar vorübergehen und mich mit meinem Rosé oder (heute) Riesling in Ruhe lassen.

Von der Weinbar aus blickt man auf eine stark befahrene Kreuzung. Erhielte ich für jeden Wagen, der noch schnell trotz Rotlicht weiter fährt, zehn Cent, wäre mein Verzehr finanziert.

Der Liebste wurde per Anwaltsschreiben im Namen einer ominösen „Interessengemeinschaft Datenschutz“ zur Zahlung von 170 Euro angehalten, weil er auf seiner Internetseite „Google Fonts“ verwendet, das laut Schreiben dazu neigt, die IP-Adressen der Seitenbesucher in die USA zu übermitteln, oder so ähnlich. Es wird immer verrückter.

Sonntag: Erst gegen elf Uhr verließ ich mit gewissem Widerwillen das Bett, nachdem mich zuvor ein inneres Unbehagen, dessen Ursache ich nicht benennen könnte, früh erwachen und immer wieder für nur kurze Zeit einschlafen ließ.

Man soll sich nicht über Namen erheitern, ich weiß. Dennoch wüsste ich gerne, welche Tätigkeit die Vorfahren der in der Sonntagszeitung zitierten Elke M. Schüttelkopf ausgeübt haben.

Während des Spazierganges ging ich an einem Hauseingang vorüber mit dem üblichen Hinweis »Keine Werbung einwerfen« am Briefkasten, ergänzt um die Einschränkung »Außer für Schuhe«.

Ich habe übrigens, neben vier weiteren, ein Buch von Harald Welzer in den öffentlichen Bücherschrank gebracht. Nicht, weil den gerade alle doof finden, sondern weil ich es doppelt hatte.

Gelesen hier:

Betrachte ich die Sache recht, so findet sich kein einziges Merk­mal, mit dessen Hilfe ich unzweifelhaft bestimmen könnte, ob ich wach bin oder träume.

René Descartes

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Kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 40/2022: Kinderwagenhalterungen für Datengeräte und Weintrinken für den Wiederaufbau

Montag: Sonniges Herbstwetter motivierte mich an diesem Einheitsfeiertag zu einem längeren Spaziergang, der unter anderem entlang der Universitäts-Institute in Bonn-Poppelsdorf führte.

„Mit Verstand und Hammer“ (oder so ähnlich, mein Großes Latinum ist etwas in die Jahre gekommen)

»Zauberland is‘ abgebrannt“, steht auf einem Banner an der Mauer des Alten Friedhofes in der Innenstadt. Wer Urheber dieser Schrift ist und was damit zum Ausdruck gebracht werden soll, war im Vorbeigehen nicht zu erkennen; diesbezüglich Auskunft erteilende beziehungsweise Flugblätter aufdrängende Personen fehlten ebenso. Vielleicht ist es einfach als Zusammenfassung der derzeitigen Weltlage zu interpretieren, ganz unpassend wäre es nicht.

Zunehmend ist das Wort „Öffis“ zu hören und lesen, wenn Bus und Bahn gemeint sind. Damit muss man wohl leben.

Dienstag: Morgens während der Fahrradfahrt ins Werk unterstrich Gegenwind den Widerwillen. Auch mein Mitarbeiterausweis zeigte sich zunächst unwillig, mir Zugang zum Büro zu verschaffen, was nur zu kurzer Verzögerung führte, da die anwesende Kollegin mir mit ihrem Ausweis die Tür öffnete. Wenig später funktionierte auch mein Ausweis wieder; die Welt ist manchmal voller kleiner Wunder.

Der Maileingang war für zwei Wochen Abwesenheit erstaunlich gering, auch inhaltlich frei von Unbill. Die meiste Energie kostete, wieder Interesse entgegenzubringen den Dinge, für die zu interessieren sie mich gut bezahlen.

Mittwoch: Die Tageslaune war schon wesentlich besser als gestern, ich ließ mich gar hinreißen, an einer Teams-Besprechung teilzunehmen, zu der man mich spontan hinzuzuziehen suchte; üblicherweise ignoriere ich solche Überfallversuche, da ich sie für eine Unart halte. Des Weiteren wies der Kalender heute nur eine Besprechung auf, die gegen Mittag abgesagt wurde; da gibt es nichts zu beklagen.

Als besonders dümmliches Synonym las ich in der Zeitung das Wort „Sohlengänger“ für Bär, was die üblichen „Vierbeiner“ und „Samtpfoten“ an Dämlichkeit erblassen lässt.

Abends öffnete ich aufgrund eines Versehens, vermählt mit Unkenntnis, eine Flasche Burgunder, deren Preislage einem gewöhnlichen Mittwochabend unangemessen war. Nun, da sie schonmal entkorkt war – was soll man machen.

Donnerstag: Vergangene Nacht schlief ich schlecht. Ein Zusammenhang mit dem Vorabendburgunder ist auszuschließen.

Morgens auf dem Weg ins Werk überholte ich zu Fuß am Rheinufer einen jungen mutmaßlichen Vater, der dadurch auffiel, dass er mit beiden Händen den Kinderwagen schob, das heißt, im Gegensatz zu den meisten Eltern dieser Generation schaute er beim Schieben der Brut nicht aufs Datengerät. Gibt es wirklich noch keine Kinderwagenhalterungen für Datengeräte, die man am Griff befestigt und so schiebend draufschauen kann, oder habe ich das nur noch nicht gesehen? Flösse statt Beamten- etwas Gründermentalität in meinen Adern, würde ich diese Geschäftsidee vielleicht aufgreifen und reich werden.

Etwas später ging über dem Siebengebirge die Sonne auf. Beim Anblick eines Sonnenaufgangs kommt mir jedes Mal ein Musikstück in den Sinn, das wir vor geraumer Zeit in der Grundschule im Musikunterricht durchnahmen. Es hieß, so weit ich mich erinnere, „Sunrise Melody“ und war von, da bin ich mir unsicher, Carl Orff oder Béla Bartók. Die Melodie habe ich noch im Ohr und kann sie problemlos pfeifen oder summen – es beginnt verhalten mit Flötenspiel, bei jeder Strophe kommen weitere Instrumente hinzu, bis es in orchestraler Wucht endet; von der Machart her ähnlich dem Boléro von Ravel, nur ganz anders. Bereits mehrfach habe ich in des Netzes Weiten danach gesucht, es jedoch bislang nicht gefunden. Wenn Sie das Stück kennen und gar wissen, wo es zu finden ist, wäre ich für einen Hinweis sehr dankbar. (Vielleicht hieß es auch gar nicht „Sunrise Melody“ und war weder von Orff noch Bartók; die Erinnerung verfärbt sich bekanntlich ganz gerne nach so vielen Jahren.)

„Dank Feiertag ist heute schon Donnerstag“, schrieb einer in einer Mail. Welcher Tag wäre heute wohl ohne den Feiertag?

Freitag: „Unsere leeren Flaschen recyceln wir. Warum nicht unsere Straßen?“ steht auf einem Plakat in der Innenstadt. Vielleicht, weil wir keine leeren Straßen haben?

Samstag: Ein Experte im Radio zur Frage, warum wir uns parfümieren: „Wir riechen lieber wie ein Ochse ums Gemächt als nach Mensch.“

Den Tag verbrachte ich mit befreundeten Nachbarn im Ahrtal, wo wir von der Möglichkeit Gebrauch machten, an mehreren Ausschankhütten die Wanderung mit Weintrinken für den Wiederaufbau zu verbinden. An einer der Schankstellen wurde üble Partysaufmusik gespielt, die den Trinkgenuss nur geringfügig zu trüben vermochte. Doch steckt im Übel oft auch was Gutes – eine Liedzeile habe ich mir gemerkt: „Langweilst du dich genauso wie mich?“ Eine Frage, die sich gut in einer Besprechung anbringen lässt.

Im Hintergrund das noch immer von den Zerstörungen der Flut gezeichnete Dernau
Oberhalb von Dernau scheint die Weinwelt in Ordnung

Sonntag: Beim Spaziergang zog ich mir am Rhein den Unmut eines entgegenkommenden Radfahrers zu, weil ich ihm auf dem Fußgängerstreifen keinen Platz machte. Von einer Belehrung oder gar Beschimpfung sah ich ab, das führt zu nichts.

Es bleibt schwierig

Ein Punkt ist oft überzeugender als eine Aneinanderreihung von Ausrufezeichen. Daher endet auch diese Woche mit einem Punkt.

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Kommen Sie gut durch die neue, feiertaglose Woche.

Woche 39/2022: Nahezu perfekt und relativ glücklich

Montag: Die bekannte Fischrestaurantkette bietet als „Fang der Woche“ Wels-Currywurst mit Pommes an, wie ich morgens auf dem Weg zum Bahnhof sah. Guten Appetit.

Ich reiste ins Allgäu, wo ich vier Tage lang den ersten Alleinurlaub seit – lassen Sie mich überlegen: sechsundzwanzig Jahren verbrachte. (Zuletzt war ich 1996 allein auf Gran Canaria, nachdem sich mein damaliger Freund von mir getrennt hatte und der Kessel brummte; das ist eine andere Geschichte.) Hier im Allgäu machten wir oft mit der Familie Urlaub, deshalb war es auch eine Reise in meine Jugend.

Die Bahnfahrt verlief nicht pünktlich, doch immerhin so wenig verspätet, dass ich in Ulm den Anschluss noch bekam. Bis Ulm reiste ich im Abteil, weil der gebuchte Intercity in der ersten Klasse, die ich mir gönnte, nur Abteilwagen aufwies. Derart reise ich ungern wegen der Gegenüberfußproblematik und der Gefahr, ins Gespräch verwickelt zu werden. Es sprach trotz fünf belegter Plätze jedoch niemand, einschließlich Gruß- und Abschiedsformel. Zudem hatte ich einen Fensterplatz mit Blick auf den Rhein, also nahezu perfekt.

„Tragen Sie Ihre Maske aktiv über Mund und Nase“, wurde regelmäßig durchgesagt. Wie trägt man eine Maske aktiv, und wie passiv?

Ab Memmingen nahm ich erstmals trotz verhüllter Nase den regionaltypischen Kuhdungduft wahr und lächelte unter der aktiv getragenen Maske. Sie werden vielleicht zu recht einwerfen, dass die bedenkliche Ausbringung von Gülle Ursache dieser olfaktorischen Empfindung ist. Dem widerspreche ich nicht, möchte damit nur zum Ausdruck bringen, dass genau dieser Geruch für mich untrennbar mit den früheren Familienurlauben verbunden, somit positiv besetzt ist.

Bei Ankunft am Zielbahnhof lächelte ich noch mehr
Die Dieseltriebzüge der Baureihe 633 weisen nicht nur eine übelgelaunte Physiognomie auf, sie sind auch recht unkomfortabel und dröhnen innen sehr laut. Für längere Reisen nicht zu empfehlen.
Im Hintergrund der Niedersonthofener See

Nach Ankunft in Martinszell (eigentlich Oberdorf, der Ort Martinszell liegt etwa einen Kilometer vom gleichnamigen Bahnhof entfernt) schloss sich ein etwa einstündiger Spaziergang zur Unterkunft in Niedersonthofen an, den ich bei Sonnenschein auch innerlich strahlend zurück legte. Ich sah viel Vertrautes; gleichwohl hat sich in den vergangenen zweiunddreißig Jahren, seit ich das letzte Mal hier war, einiges verändert.

Gegen Abend der See nochmal aus der Nähe
Der Grünten, gleichsam der Mont Ventoux des Oberallgäus

Abendessen im Restaurant. Der Landgasthof ist für Einzelesser nicht optimal möbliert. So belegte ich alleine einen Sechsertisch und hatte fast ein schlechtes Gewissen, als ich das zweite Bier bestellte. Hauptsache, mir wurde kein auf Englisch das Gespräch suchender Beisitzer zugeteilt. (Da ich diesen Gedanken bei Tisch ins Notizbuch schrieb, halten sie mich jetzt vielleicht für einen Testesser von Michelin. Mal sehen wie der Service in den nächsten Tagen wird.)

Als Absacker bestellte ich einen Enzian. Schmeckte gar nicht mal so gut, außerdem ist er klar, nicht blau. Heino lügt. (Kleine Gaudi am Rande, verzeihen Sie. Ich weiß natürlich, dass Enzian blau blüht.)

Dienstag: Bereits vor dem Weckergetöse wachte und stand ich auf. Bis mittags regnete es andauernd, was mich dank Lektürevorrat nicht grämte. Als der Regen kurz nach zwölf nachließ, machte ich mich auf zu der Tour, auf die ich mich seit Buchung dieses Aufenthalts am meisten freute. Sie führte über Oberdorf (bitte nicht verwechseln mit Oberstdorf) durch das Werdensteiner Moos, über Eckartz, Freibrechts und Gopprechts zurück nach Niedersonthofen.

Auf dem Weg nach Oberdorf
Mont Grünten in Wolken, rechts hinten die Oberst(!)dorfer Alpen
Letztere aus anderer Perspektive
Zwischen Oberdorf und Eckartz
Ebenso, nun sonnenbeschienen
Gopprechts
Es muss schlimm sein, den Tag mit so einer Glocke am Hals zu verbringen. Immerhin wurden ihnen nicht, wie den meisten Artgenossinnen, in jungen Jahren die Hörner weggeätzt. Insgesamt wirkten sie relativ glücklich.

Das Werdensteiner Moos ist ein ehemaliges Torfabbaugebiet, das ab den Neunzigerjahren renaturiert worden ist. Bis dahin war es ein unzugänglicher Wald, so kannte ich es noch aus früheren Urlauben. Heute führt ein Rundweg hindurch, mit Informationstafeln zur Geschichte des Torfabbaues und Natur des Mooses/Moores.

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Zwischendurch regnete es immer wieder. Dennoch – und trotz nach Rückkehr feuchter Füße – stimmten Vorfreude und Ereignis völlig überein.

(Während dieser Niederschrift übt im Gasthof nebenan die örtliche Blaskapelle. Ich mag Bayern sehr, trotz Söder, Scheuer und [bitte denken Sie sich hier ein besonders intensives Würgegeräusch] Dobrindt.)

Mittwoch: Wie morgens beim Frühstück zu hören war, werden in Kempten händeringend Busfahrer gesucht. Dabei stelle ich mir vor, wie Leute diverser Verkehrsbetriebe sich in eine wild aufgemischte Menschentraube drängen, jeden fragen „Sind Sie Busfahrer?“, und sobald jemand ja sagt, stürzen sich alle auf ihn und es kommt zum Handgemenge.

Es regnete durchgehend den ganzen Tag, wie angekündigt. Das hielt mich nicht von einem längeren Spaziergang durch Oberdorf und Martinszell ab; nach monatelanger Vorfreude blieb ich nun nicht wegen Fußfeuchtegefahr im Zimmer. Nach Rückkehr waren die Schuhe komplett durchnässt, das war es wert. Vielleicht sollte ich mir mal wasserdichte Wanderschuhe zulegen.

Niedersonthofener See im Regen, Blick zum Westufer

Mein Unterkunft gewährendes Gasthaus hatte heute Ruhetag, deshalb aß ich abends (ebenfalls sehr gut) in einem Wirtshaus etwas außerhalb des Ortes. Es heißt „Sonne“, immerhin ein Lichtblick an diesem Regentag. Und doch: Alleine zu essen macht auf Dauer keinen Spaß. Drei Tage Alleinzeit sind vorerst genug, ich freue mich auf die Rückkehr in die Arme der Lieben morgen Abend.

Auf dem Rückweg vom Essen war der Grünten verschwunden, vergleiche Montag, letztes Bild

Donnerstag: Tag des Abschieds vom Allgäu. Noch immer regnete es, was den Abschiedsschmerz auch hier (siehe vergangene Woche) ein wenig linderte.

Ein letzter Blick zurück auf das umwölkte Niedersonthofen

Die Züge waren sehr voll, bereits der (viel zu kurze) Regionalexpress nach Ulm in der zweiten Klasse vollbesetzt. Wo wollten die vielen Leute hin an einem gewöhnlichen Donnerstagmittag? Vorausschauend hatte ich ja erste Klasse gebucht und fand ein angenehmes Plätzchen. Hinter Kempten geleitete die Zugbegleiterin ein älteres Paar, dessen männlicher* Teil nicht gut zu Fuß war, in das Erste-Klasse-Abteil und bat uns bereits darin Sitzende um Verständnis. Meine Frage, wofür, schließlich hatte ich nur für einen Platz bezahlt und den auch bekommen, wurde mit Kaffee-Gutscheinen für alle Abteilinsassen beantwortet, den ich allerdings zurückließ, da er nur an bestimmten süddeutschen Bahnhöfen einlösbar war, von denen ich bis Jahresende voraussichtlich keinen mehr aufsuchen werde.

*mutmaßlich, man darf das ja nicht mehr einfach so behaupten anhand äußerlichen Anscheines.

Im ICE nach Mannheim saß vor mir eine Frau, die allerlei Business-Blödsinn in ihr Telefon absonderte, und diesen Satz: „Tobi und ich haben diese Challenge, wer zuerst die Heizung andreht.“ Cool, hätte man wohl früher gesagt; wie man heute sagt, weiß ich nicht und es ist mir auch egal.

Ab Mannheim wurde mir das außergewöhnliche Vergnügen zuteil, in einem Panoramawagen der Schweizer Bundesbahn Platz zu nehmen. Eine angenehmere Art zu reisen ist kaum denkbar, obwohl man sich auch hier gegenüber sitzt, immerhin ohne diesen beengenden Tisch dazwischen.

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Wenn gegen Ende einer längeren Reise das Siebengebirge zu sehen ist, geht mir jedes Mal das Herz auf

Weitere Beobachtungen und Erkenntnisse innerhalb und außerhalb des Zuges:

  1. In Memmingen gibt es Lärmschutzwände mit Lurchlöchern. Das sind kleine Öffnungen am Boden, darüber in etwa ein Meter Höhe jeweils ein Schild mit einem stilisierten Schwanzlurch oberhalb eines auf der Spitze stehenden Dreiecks, somit für die Durchgang begehrenden Lurche viel zu hoch angebracht.
  2. Selbst Fabrikschornsteine wurden im neunzehnten Jahrhundert schmuckvoller gebaut als heute die meisten Wohnhäuser.
  3. Bei Jungs mit knöchelfrei getragenen Hosen schwanke ich häufig zwischen „wie erotisch“ und „wie albern“. Bei Männern über vierzig bin ich mir sicher.
  4. Es ist lächerlich, einen Fachhandel „Küchen Kompetenz Centrum“ zu nennen.

Freitag: Immer noch Urlaub. Dies nahm ich zum Anlass, auswärts zu frühstücken, in einer Gaststätte in der Bonner Südstadt, die bei Ankunft wenige Minuten nach Öffnung schon gut besucht war, nicht nur von Menschen im Rentenalter. Haben die nichts zu tun? Grund mag das anheimelnde Ambiente des Lokals sein; die Qualität des gereichten Frühstücks spricht indessen nicht dafür: Zum „Französischen Frühstück“ wurde kein Baguette serviert, dafür ein Körbchen mit einem Croissant (immerhin), einer Scheibe Vollkornbrot und einem Brötchen. Letzteres war offenbar billigste Aufbackware, das bereits beim Aufschneiden in mehrere Teile zerbröselte. Daher werde ich dort wohl nicht mehr so bald frühstücken.

Im Rewe sind die ersten Weihnachts-Süßwaren erhältlich, was wieder einige Konsumenten auf die Palme (beziehungsweise Tanne) bringen wird. Ich blieb am Boden, freute mich und packte einige Nougat-Marzipan-Riegel ins Körbchen.

Samstag: Ein ungewöhnlich milder Tag. Mittags in der Fußgängerzone bemerkte ich, wie nur drei Tage Allgäu ausgereicht haben, mich von Menschen in größerer Zahl zu entwöhnen und wie wenig ich es vermisst habe – Leute, die langsam vor mir her gehen und einfach stehen bleiben; Kinderwagen, die mir in die Hacken geschoben zu werden drohen; Fahrräder und Elektroroller im Fußgängerslalom; Tier-/Kinder-/Umwelt- Wasauchimmerschützer, die arglose Passanten an ihre Stände zu zerren suchen, um ihnen ein Gespräch aufzuzwingen.

Sonntag: Zwei Wochen Urlaub sind zu Ende, somit die großen Vorfreude-Ereignisse für dieses Jahr aufgebraucht. Erfreuen wir uns also weiterhin an Kleinigkeiten, die das Leben auch im Alltag bereithält.

Wie solches – das Ende eines jeden menschlichen Seins kann schöner kaum beschrieben werden:

… sie werden wohl jenen unbeliebten, aber notwendigen natürlichen Prozessen zum Opfer gefallen sein, mittels welcher die Kreisläufe des Organischen immer weiter zu kreisen befähigt sind.

Max Goldt: Preisung der grotesken Dame

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Ich wünsche Ihnen einen erfreulichen Feiertag, eine angenehme Woche und mir einen nicht allzu unlustschweren Neustart in den Arbeitsalltag. Zum Glück erst Dienstag.

Die Zweitausender – Wilde Zeiten

Nach Betrachtung der Siebziger-, Achtziger– und Neunzigerjahre schauen wir nun in die

Zweitausenderjahre.

Das Jahr 2000 begann mit einem bizarren Streit über die Frage, ob das neue Jahrtausend jetzt begann oder erst 2001. Eine eher theoretische Diskussion – für mich begann das neue Jahrtausend jetzt, am 1. Januar 2000. Ebenso uneins war man sich, wie dieses Jahrzehnt denn nun heißt. Bei den Siebziger-, Achtziger und Neunzigerjahren war es klar, aber jetzt? „Nullerjahre“? Klingt komisch, daher habe ich für mich entschieden, das Jahrzehnt trotz alpiner Anmutung als „Zweitausender“ zu bezeichnen.

Weltpolitisch begann das Jahrzehnt zunächst unauffällig, dann indes spektakulär mit den Terrorangriffen auf die USA am 11. September 2001. Als ich vormittags auf den Werksfluren erstmals davon erfuhr – kurz zuvor war das erste Flugzeug ins World Trade Center eingeschlagen – hielt ich es noch für einen Scherz, oder wenigstens einen Unfall. Erst nach Eintreffen des zweiten Flugzeugs wurde klar: Das war kein Versehen. Und doch – bei aller Schrecklichkeit war ich tief beeindruckt von der organisatorischen Leistung der Terroristen, unbemerkt von Geheimdiensten gleichzeitig vier Flugzeuge zu entführen und zwei davon innerhalb kurzer Zeit eigenhändig in die New Yorker Türme zu lenken. – Eine beliebte Frage bis heute: „Wo waren Sie am 11. September 2001?“ Für mich kann ich sie beantworten: Nachmittags hatte ich einen Besichtigungstermin einer Wohnung in der Bonner Weststadt, vier Zimmer, neunzig Quadratmeter mit Balkon, als Ersatz für unsere für zwei Personen doch etwas beengte Dachkammer in der Südstadt. Wir bekamen sie und waren sehr zufrieden damit, wenngleich auch diese Wohnung, wie die Dachkammer, in unmittelbarer Nähe zur Bahnlinie lag, daher nicht gerade ruhige Lage. Aber daran waren wir inzwischen gewöhnt und fühlten uns darin sehr wohl. Nach dem Umzug (für den wir letztmalig Freunde und Bekannte missbrauchten) hatte ich das Gefühl, in Bonn und im Rheinland richtig angekommen zu sein.

Die Kirschblüte in der „Altstadt“ lockte noch nicht Touristenscharen an

Ebenfalls 2001 beschloss der Deutsche Bundestag das Lebenspartnerschaftsgesetz. Wir durften zwar aufgrund eines verfassungsgerichtlich bestätigten, absurden „Abstandsgebotes“ nicht heiraten, immerhin eine „Eingetragene Lebenspartnerschaft“ eingehen, die alle Pflichten und kaum Rechte der herkömmlichen Ehe zwischen Mann und Frau beinhaltete, insbesondere keinerlei steuerliche Vorteile. Das hielt uns nicht davon ab. Mein Antrag, noch vor dem Umzug in der Dachkammerküche dargebracht, verlief ostwestfälisch knapp und wurde vom Liebsten positiv beschieden, statt mit einem Ring wurde der Beschluss mit Jägermeister besiegelt. Als Termin legten wir einen Tag im Mai des Folgejahres fest, genau der Tag, an dem wir uns fünf Jahre zuvor kennen gelernt hatten.

Der standesamtliche Akt erfolgte im schmucklosen Trauzimmer des Bonner Stadthauses, das laut Standesbeamtin anlässlich unserer Vermählung so voll war wie selten. Der Liebste nahm (freiwillig) meinen Nachnamen an. Etwas irritiert war ich, als ich nach der Trauung meinen Chef hinter mir „Herzlichen Glückwunsch, Herr K.“ sagen hörte und erst im Umdrehen, um mich zu bedanken, bemerkte, dass er meinen Mann beglückwünschte. Amüsant hingegen die Frage aus Reihen der nachfolgenden Hochzeitsgesellschaft: „Wo ist denn die Braut?“

Glücklich und frisch verheiratetpartnert

Für die anschließende Feier hatten wir eine Gaststätte in Bonn-Kessenich reserviert, wo unsere zahlreichen Gäste die Wirtsleute durch erheblichen Appetit beeindruckten; gegen Ende musste der Jungkellner Jägermeister aus Privatbeständen seiner Eltern ranholen. Maßgabe für die Feier war, auf keinen Fall irgendwelche peinlichen Hochzeitsspielchen durchzuführen, woran sich alle hielten. Einziger unvermeidlicher Programmpunkt war der Hochzeitstanz, der mangels Tanzvermögens meinerseits nicht gar so elegant ausfiel, dafür schnell vorüber war.

Die Hochzeitsnacht verlief in nicht allzu romantischem Rahmen, niemand trug den anderen über die Türschwelle, im Zweifel wäre dazu auch keiner in der Lage gewesen. Stattdessen zählten wir Geld – anstelle von Sachgeschenken hatten wir uns finanzielle Unterstützung der Feier gewünscht.

Die Tatsache, nun „verpartnert“ zu sein, hinderte uns gemäß gegenseitiger Übereinkunft nicht daran, die Ausgeh- und Begegnungsmöglichkeiten in Bonn, Köln und darüber hinaus zu nutzen, was auch körperliche Kontakte mit Dritten ausdrücklich nicht ausschloss, weder gemeinsam noch jeder für sich. So verbrachte ich bereits die nächste Samstagnacht nach der Feier mit Ehering, Wissen und Erlaubnis meines Mannes im Kölner Chains, einem Lokal, dessen Zweck nicht in erster Linie dem Tanz und Getränkeverzehr diente und das für darüber hinausgehende Aktivitäten entsprechende Räumlichkeiten aufwies.

Selbstverständlich kam es nicht immer zum Äußersten. Manchen traf man einmal, andere öfter; einer blieb uns über Monate verbunden, kurzzeitig war gar sein Name an Klingelschild und Briefkasten angebracht – der Sommer 2003 war nicht nur in meteorologischer Hinsicht sehr heiß.

Auch gänzlich der Unzucht unverdächtige Aktivitäten nahm ich wahr: Im Sommer 2005 trat ich einem Männerchor in Köln bei, dem ich immerhin fünfzehn Jahre lang die Treue hielt. Jeden Mittwochabend fuhr ich nun zur Chorprobe nach Köln. Manchmal kostete es Überwindung, abends nach einem Arbeitstag noch mit der Bahn nach Köln zu fahren und erst kurz vor Mitternacht wieder zu Hause zu sein, doch fast immer kehrte ich mit einem Glücksgefühl zurück. Singen macht glücklich. Erst recht auf der Bühne vor Publikum, trotz vorangehendem Lampenfieber, das gehört dazu.

Irgendwas aus der Westside Story

Auch dem Hobby Eisenbahn widmete ich wieder mehr Zeit. Nachdem wir 2005 erneut umgezogen waren, jetzt in die Innere Nordstadt (auch Altstadt genannt, was nicht ganz richtig ist: Die Bonner Altstadt wurde im Zweiten Weltkrieg zerbombt und nicht wieder aufgebaut, jedenfalls nicht als Altstadt; das nur am Rande) baute ich ab 2008 eine Modelleisenbahn auf, wenn auch nur eine ganz kleine, die an frühere Anlagen auf dem Dachboden des Bielefelder Elternhauses nicht heranreichte. Immerhin konnte ich meine Loks und Wagen, die sich bis dahin in einer Wandvitrine die Räder in den Rahmen gestanden hatten, wieder etwas bewegen, was nach so langer Abstinenz in etwa so glücklich machte wie Singen.

Nahverkehrszug 7843 nach Dransfeld kurz vor Abfahrt

Beruflich änderte sich nicht viel für mich. Mit meinem Chef, mit dem ich anfangs leichte Probleme gehabt hatte, kam ich inzwischen gut aus. Ende 2002 zog das Unternehmen vom ehemaligen Postministerium in ein repräsentatives (und zunächst innerhalb Bonns umstrittenes) Hochhaus am Rhein, auf den ich nun vom 24. Stock aus blickte.

Das Dampfschiff „Goethe“ wurde 2008/2009 leider von Dampf- auf Dieselantrieb umgebaut

Urlaube verbrachten wir mit zwei Freunden regelmäßig auf Gran Canaria, wo es ebenfalls zahlreiche der oben beschriebenen zwischenmännlichen Begegnungsorte gibt. Die Tage verbrachten wir üblicherweise am Strand vor den Dünen von Maspalomas.

Vermutlich trug ich zum Zeitpunkt der Aufnahme eine Badehose

Erstmals im Sommer 2006 fuhren der Liebste und ich mit dem Auto nach Südfrankreich, zunächst nach Nyons, dann Malaucène. Dort in der nördlich Provence gefiel und gefällt es uns so gut, dass das bis heute unser bevorzugter Urlaubsort geblieben ist.

Rosé passt immer

Anfang des Jahrtausends fand ich die Freude am Schreiben wieder, bis dahin hatte ich nur regelmäßig Tagebuch geschrieben. So entstanden einige Bücher, für eines fand ich gar einen Verlag, der es 2006 herausbrachte. Allerdings war ihm keine Erfolg beschieden, es wurden nur ein paar hundert Exemplare verkauft. Zu recht, wie im Nachhinein zu bemerken ist, es war wirklich schlecht geschrieben und so gut wie gar nicht einem Lektorat unterzogen. Ein paar mal versuchte ich mich noch an Literatur im Themengebiet schwules Lieben/Leben/Leiden, stets ohne Erfolg. Inzwischen habe ich mich vom Traum einer Schriftstellerkarriere verabschiedet; manches sollte man denen überlassen, die es können.

2007 entstand dieses Blog, das ich noch immer mit großer Freude befülle. Zwei Jahre später entdeckte ich Twitter für mich. Dort entwickelte sich schon bald diese gewisse Sucht nach Sternchen, Erwähnungen und neuen Verfolgern, deren ich zeitweise über tausend hatte. Mit Facebook hingegen freundete ich mich nie an, nach zwei Anläufen trennten wir uns endgültig.

Was war sonst in den Zweitausendern:

  • Apple brachte mit dem iPhone das erste Smartphone in die Welt, welches das Verhalten und die Gewohnheiten der Menschen seitdem erheblich beeinflusst hat. Auch bei uns, nachdem sich der Liebste, stets ein Freund der Produkte mit dem angebissenen Apfel, eins zugelegt hatte. Ein Jahr später war es meins, nachdem er es durch ein Gerät der neuesten Generation ersetzt hatte.
  • Angela Merkel löste Gerhard Schröder als Bundeskanzler ab und hielt sich für den Rest des Jahrzehnts und weit darüber hinaus im Amt.
  • Der Euro löste die D-Mark und weitere europäische Währungen ab. Viele rechneten bei jedem Bezahlvorgang noch in Mark um und befanden, nach der Umstellung sei alles teurer geworden, vor allem die Gastronomie, was der neuen Währung bald des Namen „Teuro“ einhandelte. Manche tun das noch heute.
  • Putin und Erdogan kamen jeweils als Präsident ihres Landes an die Macht, mit den bekannten Auswirkungen auf die Freiheitsrechte ihrer Völker und darüber hinaus.
  • Mit Joseph Ratzinger wurde ein Deutscher Papst. „Wir sind Papst“, titelte die Bild-Zeitung. Als er am Weltjugendtag in Köln teilnahm, ratzteten die Besucher aus und feierten ihn mit „Benedetto“-Rufen fast wie einen Popstar, was er nun wirklich nicht war.
  • Die USA eröffnen unter George W. Bush den zweiten Irakkrieg mit Auswirkungen im Irak und der Region bis heute.
  • Oasis, für mich die größte Band aller Zeiten, lösten sich nach Streit der Gallagher-Brüder auf. Beide traten danach noch ein paar mal mit Solo-Projekten in Erscheinung, die alten Erfolge von Oasis wurden nicht mehr erreicht. Vielmehr weiß ich in musikalischer Hinsicht zu diesem Jahrzehnt nicht zu schreiben. Sicher gab es Gutes und Typisches, doch fiele es mir im Gegensatz zu den vorangegangenen Jahrzehnten schwer, typische Hits und Interpreten der 2000er zu benennen. Ich habe sie gehört, doch ist kaum etwas hängen geblieben.

Den Jahreswechsel 2009/2010 verbrachten wir unspektakulär zu zweit zu Hause, wie immer hatte der Liebste vorzüglich gekocht. Nach dem Essen gingen wir zum Opernhaus am Rhein und schauten zu, wie andere hunderte und tausende Euro in die Luft jagten. Die Zehnerjahre hatten begonnen und wir gingen noch ein paar Kölsch trinken und Leute treffen in Bobas Bar.

Woche 38/2022: Gluck des Urlaubs

Montag: Ein angenehmer Urlaubstag nach gutem Schlaf und spätem Aufstehen. Beim Frühstück schauten wir kurz in die Beerdigung der Queen. Mein Interesse an königshäuslichen Schicksalen ist nicht sehr ausgeprägt, daher ging mir ihr Ableben nicht sonderlich nahe. Als die Dudelsäcke loslegten, stellte sich schon eine gewisse Gänsehaut ein.

Nachmittags verbanden wir die Besorgung regionaler Spezereien (Trüffelprodukte, Olivenöl, Rosé) mit einer Ausfahrt durch die immer wieder Herz und Auge erfreuende Gegend.

Dienstag: Morgens nahm ich drei Tassen aus dem Geschirrschrank, ehe mir einfiel, dass wir nur zu zweit hier sind. Die Gewohnheit.

Nach dem Frühstück durchwanderten wir bei Sonnenschein die Umgebung, selbstverständlich mit einem angemessenen Pique Nique.

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Den Nachmittag nach Rückkehr verbrachte ich überwiegend im Liegestuhl, wo Vorstehendes notiert wurde und aus dem ich Sie herzlich grüße.

Mittwoch: „Hier ist dein Gluck“, schrieb morgens jemand per Mail. Er ahnte wohl nicht, wie recht er damit hat.

Der Sportteil der Tageszeitung erfährt von mir normalerweise keine Beachtung und wird rasch überblättert. Heute blieb das desinteressierte Auge indes an dem Wort „Schach-Skandal“ hängen. (Ähnliches geschah vor längerer Zeit schon einmal beim Wort „Schachschlacht“, das ich notierte und mangels Verwendungszweck bislang nicht benutzte.) Wodurch also kann eine derart unaufgeregte Beschäftigung wie das Schachspiel (es fällt mir schwer, es als Sport zu bezeichnen, gleiches gilt für Angeln und Autorennen) einen Skandal auslösen? Folgendes ist passiert: Der in Schachinteressiertenkreisen als Superstar gefeierte Magnus Carlsen hat eine Partie verloren gegen einen unbekannten Neunzehnjährigen, weil letzterer womöglich betrogen hat. Das wirft die Frage auf, wie man bei einem Brettspiel, wo für jedermann sichtbar schwarze und weiße Püppchen verschoben werden, betrügen kann. Die konkrete Antwort bleibt der Bericht schuldig, nur soviel: Laut einem Experten sei es denkbar, „mithilfe von Analkugeln Vibrationssignale zu empfangen, um die nächsten Züge zu planen“. Mir ist schleierhaft, wie rektale Stimulation ausgerechnet geschicktere Schachzüge anzuregen vermag. Jedenfalls rief die Idee bei mir länger anhaltendes Grinsen hervor.

Apropos Züge: Laut einem anderen Bericht beabsichtigt die Deutsche Bahn, die Staatsbahn der Ukraine bei der Einführung europäischer Standards im Bahnbetrieb und Management zu beraten. Trotz Krieg gilt die ukrainische Eisenbahn bislang als erstaunlich zuverlässig, daher sollte sie das Angebot der DB besser ausschlagen. Oder ein Gegenangebot unterbreiten: die Beratung der Deutschen Bahn bezüglich stabiler Betriebsführung unter widrigen Umständen wie Sturm, Laubfall, Hitze und Schnee.

In von mir abonnierten Blogs las ich gleich zweimal das Wort „lecker“, das ich aus nicht näher bekannten Gründen furchtbar finde.

Köstlich hingegen das Getränk und die Lektüre. Gluck des Urlaubs.
Abends hätte ich beinahe einen Sonnenuntergang fotografiert

Donnerstag: Manchmal, zum Gluck Glück nicht allzu oft, wache ich nachts auf und schlafe nur schwer wieder ein, so wie vergangene Nacht, nachdem mich Blasendruck aus dem Tuch getrieben hatte. Dann geht in meinem Kopf ein Gedankenquirl an, der mich eine Zeit lang mit potentiellen Unannehmlichkeiten beschäftigt, etwa die, Fremde schlichen um das Haus, um uns auszurauben oder zu meucheln, oder sie brechen das Auto auf und klauen den Wein aus dem Kofferraum. Jedes draußen vernommene Knacken und Rascheln wird plötzlich zur Gefahr. Doch schlief ich irgendwann wieder ein und wachte ungemeuchelt auf, als hinter der Jalousie der neue Tag hellte.

Nach dem Frühstück fuhren wir mit dem unversehrten Auto nach Avignon, zunächst in die Metro, die wir jedes Mal erst nach einem längeren Verwaltungsakt, der mehrere Metromitarbeiter beschäftigt, betreten dürfen. Hauptzweck des Besuchs war die Ergänzung der Champagnervorräte, ein Kistchen Rosé landete ebenfalls auf dem Wagen; beides sollte stets in ausreichender Menge im Haus sein, gerade in diesen Zeiten.

Danach fuhren wir in die Markthalle, waren allerdings spät dran, viele Stände schlossen schon. Dennoch werden wir voraussichtlich in absehbarer Zeit nicht hungern.

Nach einem Kaffee (manchmal geht es auch ohne Alkohol) auf dem zentralen Place de l‘Horloge fuhren wir zurück, wo der Liegestuhl schon bereit stand.

Noch einmal zur Bahn. Die bekommt neue Züge. Dazu die Zeitung (Hervorhebungen durch den Chronisten):

An neuen Zügen wird der Aufschwung des Schienenverkehrs nicht scheitern. Bahnchef Richard Lutz kündigt ein gewaltiges Investitionsprogramm für neue Züge an. Bis zum Ende des Jahrzehnts gibt die Bahn 19 Milliarden Euro für neue Züge aus.

[…]

Ein großer Teil der Pläne war bereits bekannt, etwa die Anschaffung von insgesamt 73 ICE 3 Neo, die ab dem kommenden Dezember auf die Gleise kommen und allein 2,5 Milliarden Euro verschlingen.

[…]

Die Modernisierung der Strecken wird viele weitere Milliarden verschlingen, die der Bund bereitstellen muss.

(General-Anzeiger Bonn)

Ich weiß nicht, ob der Verfasser des Artikels sich in Ausbildung befindet oder nur einen schlechten Tag hatte; gleichwohl fraget man sich: Liest das vor Veröffentlichung niemand mehr gegen?

Freitag: Eine Woche geht immer schnell herum, das gilt (zum Glück) für Arbeits- wie (leider und umso mehr) für Urlaubswochen. So ist heute schon wieder der letzte Tag vor unserer Abreise morgen früh. Den Vormittag verbrachte ich sitzend (beziehungsweise liegestuhlliegend) und lesend vor unserem Haus. Der Liebste unternahm unterdessen einen Ausflug nach Vaison La Romaine in den Supermarkt. Er kann sich dort stundenlang aufhalten und die regionalen Lebensmittelangebote besichtigen, wohingegen mein diesbezügliches Interesse nach kurzer Zeit nachlässt. Daher ist es für alle Beteiligten besser, er fährt ohne mich.

Bei Max Goldt las ich den aus der Psychiatrie stammenden Begriff „querulatorischer Interpunktionsexzess“. Dieser bezeichnet den Drang mancher Internetnutzer, ihre mehr oder weniger sinnvollen Wortbeiträge mit möglichst vielen Ausrufe- und Fragezeichen zu bekräftigen. Also etwas, das Sie in diesem Blog üblicherweise nicht vorfinden!!!!!

Samstag: In der Nacht hatte es zu regnen begonnen. Auch morgens zur Abfahrt trommelten noch schwere Tropfen auf das Vordach und den Blechtisch vor der Tür, an dem wir an den Vorabenden den Rosé zur Nacht genossen hatten. Einerseits linderte der Regen den Abschiedsschmerz ein wenig, andererseits blieb die übliche Wehmut, die mich jedesmal begleitet, wenn wir auf dem Weg von Malaucène zur Autobahn letztmalig Landschaft und Dörfer durchfahren. Bis zum nächsten Mal – voraussichtlich im nächsten Frühling, wenn nicht eine Seuche, ein Atomkrieg, ein Meteoriteneinschlag oder was anderes Dummes dazwischen kommt. Man muss ja mit allem rechnen.

Sonntag: Hier noch ein bebilderter Rückblick auf die zurückliegende Woche.

Die Nachbarschaft
Höflichkeit hat ihren Wert – in diesem Fall max. 1,20€
Blick in Richtung Grozeau-Quelle
Besucher nach dem Pique Nique
Es ging uns gut
Nochmal unser wunderbares Haus
Wasserangebot im Metro zu Avignon. Gut Ding will Kohle haben.
Haustechnik

Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub, bitte entschuldigen Sie die diese reichlich abgewetzte Floskel. Der Rucksack ist gepackt für die viertägige Reise ins Allgäu von morgen bis Donnerstag, worauf ich mich trotz ungünstiger Wetterprognose sehr freue. Möge die Deutsche Bahn mit mir sein.

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Ich wünsche auch Ihnen eine angenehme Woche.