Woche 37/2022: Herbstlich willkommen

Montag: Der Arbeitstag war von montagsüblicher Unlust geprägt. Er endete mit einer Teams-Sitzung, in der mehrere Personen gemeinsam und ohne erkennbaren Zweck (es sei denn, man erkennt „Auftrag von oben“ als plausiblen Zweck an) Kästchen einer Tabelle befüllten, die wegen eines Impftermines vorzeitig zu verlassen ich den Vorzug hatte. Doch ach, aufgrund der Vielzahl der zu befüllenden Kästchen werden in der verbliebenen halben Stunde viele noch unbefüllt geblieben sein, daher ist mit Folgeterminen fest zu rechnen. Gewiss, es gibt mühsamere und schlechter bezahlte Arbeitsstellen, zudem ist der Urlaub nahe.

Nicht ohne Zweck, dafür ohne besonderen Grund gab es zur Abendessenbegleitung Sekt. Wobei es dafür ohnehin keines Grundes bedarf.

Dienstag: Der Tag begann irritierend. Statt der Nachrichten wurde im Radio um halb sieben ohne Begründung direkt das Wetter verkündet, anschließend die Verkehrslage. Vielleicht war bis dahin nichts passiert, oder der Nachrichtensprecher hatte verschlafen.

Mittags teilte mir Kollege K. per Mail mit, wir könnten mal wieder nicht gemeinsam Essen gehen, da er durchgehende Termine hätte. Das war schade, ich esse gerne mit K. zu Mittag, das letzte Mal ist schon lange, zu lange her. Was ich nicht verstehe: K. geht in absehbarer Zeit in den Ruhestand, ist somit jeglichen Karrierestrebens unverdächtig. Warum lässt er sich noch von anderen den Kalender derart stopfen? Das ist natürlich eines jeden Einzelnen Entscheidung, dennoch meine ich, wer mittags wegen Terminen keine Pause machen kann, hat seine Arbeit nicht im Griff. Deswegen habe ich für jedermann sichtbar täglich mittags eine Pause fest im Kalender geblockt. Bei Bedarf bin ich bereit, diese bis maximal dreizehn Uhr zu verschieben. Arbeitstage ohne Mittagspause gibt es bei mir grundsätzlich nicht. Mittagspause heißt, weg vom Schreibtisch und nicht, wie viele es tun, während der nächsten Besprechung am Bildschirm einen Salat oder ein belegtes Brötchen zu verzehren. Da bin ich eigen.

Mittwoch: Morgens zum Wecken kamen Nachrichten im Radio, die Welt ist also wieder in Ordnung. Jedenfalls meine, die draußen ist indessen gestört wie gewohnt.

Von morgens bis zum frühen Abend regnete es fast ununterbrochen, mal mehr, mal weniger, in stetigen, unaufgeregten Fäden. Landregen nennt man das wohl, auch in der Stadt; der soll ja besonders bekömmlich sein für Haut und Feld. Eine meiner wesentlichen Beschäftigungen bestand darin, zwischendurch immer wieder aus dem Fenster zu schauen und zu denken: wie schön.

Was mich mittags nicht von einer kurzen Runde durch den Park abhielt, wo der See immer noch nicht vollständig gefüllt ist

Ansonsten stritt ich mit IT-Kollegen über deren Idee, die fachlich wenig Sinn ergibt; das hat Spaß gemacht. Später sah ich auf dem Bildschirm anderen beim kollektiven Kästchenausfüllen zu, das hat nur mäßig Spaß gemacht. Daher widmete ich mich wieder dem Regen.

Abends ging ich zum Griechen, Gyros zu holen. In der Dämmerung kam mir einer entgegen, telefonierend. Im Moment unserer Begegnung sagte er „Ach …“ ins Telefon. Schöner hätte Loriot es nicht auszudrücken vermocht.

Donnerstag: Der Sommer ist vorüber. Angenehme Jackenkühle umweht den Leib auf dem Weg ins Werk und zurück, Mittags beim Gang durch den Park fordern auf dem Weg liegende Kastanien dazu auf, sie wegzutreten. Die Bäume legen ihr Laubkleid ab, womit sie schon vor Wochen begonnen haben, als die Sonne noch brannte. Der Tag blieb trüb, nur morgens und am frühen Nachmittag zeigte sich kurz die Sonne, verzog sich bald wieder hinter Wolken. Meine liebste Jahreszeit ist angebrochen – herbstlich willkommen.

Das Wetter hält die Briten nicht davon ab, sich kilometer- und stundenlang anzustellen, um an einer Holzkiste vorbeizugehen, in der sich mutmaßlich (weiß mans?) die sterblichen Überreste ihrer Königin liegen. Wer hat sich eigentlich dieses esoterische Geschwurbel als Bezeichnung für einen toten Körper ausgedacht? Andererseits klingt es freilich freundlicher als „königlicher Kadaver“.

Freitag: Der letzte Arbeitstag vor dem Urlaub verlief ohne Vorurlaubsstress und endete, nachdem die letzten Kästchen gefüllt waren, nicht allzu spät. Gleichwohl spürte ich gegen Nachmittag, wie der Rest an Arbeitslust gleich einer Sanduhr mit feinem Strahl verrieselte.

Samstag: Morgens brachen wir auf nach Malaucène, wo wir nach entspannter Fahrt um kurz nach siebzehn Uhr eintrafen. Nicht ganz so entspannt verlief die Übernahme der Wohnung, die wir über ein bekanntes Buchungsportal gemietet hatten: Diese erwies sich als belegt durch die regulären Bewohner, die gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt waren, entsprechend die dort vorherrschende Entropie. Der Dame des Hauses war das sehr unangenehm, sie bot gar an, die Wohnung zu räumen, so dass wir sie hätten beziehen können. Das lehnten wir dankend ab, stattdessen fanden wir über nämliches Buchungsportal als Ersatz ein schönes Ferienhaus etwas außerhalb des Ortes. Das ist teurer als die Wohnung, dafür wesentlich schöner. Es ist schön, wenn sich alles irgendwie fügt. Über die Mehrkosten wird demnächst mit dem Portal zu verhandeln sein.

Sonntag: Bei Lichte betrachtet – heute ist ein sehr lichter Tag mit Sonnenschein und blauem, vom Mistal gestern wolkenlos gepustetem Himmel, dazu angenehm milde Temperatur – war die Sache mit der bewohnten Wohnung ein Glücksfall. Unsere Ersatzunterkunft ist nicht nur sehr schön und komfortabel eingerichtet, dazu gehört auch ein großes Grundstück mit Schwimmbecken, das aus Temperaturgründen voraussichtlich unbeschwommen bleiben wird, und eine große Wiese, auf die ich mich bis auf Weiteres mit einem Liegestuhl und Lektüre zurückgezogen habe, und wo diese Zeilen soeben entstanden sind. Ich bin sehr zufrieden.

***

Kommen Sie gut durch die Woche.

3 Gedanken zu “Woche 37/2022: Herbstlich willkommen

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