Woche 15/2022: Menschengewühl am Hotelfrühstücksbuffet

Montag: Es wäre vermessen zu behaupten, in den vergangenen zwei seuchengeplagten Wochen hätte ich bedeutende Dinge getan. Genau genommen tat ich nicht viel mehr als zu schlafen und gegen die FDP zu stänkern. Heute, am ersten Arbeitstag danach, wurde ich daran erinnert, mit welchen, Außenstehenden nur schwer erklärbaren Beschäftigungen man acht Stunden auch verbringen kann, wofür man zudem noch gut bezahlt wird.

Gelesen bei Frau Novemberregen: »Nicht, dass das Leben an sich irgendwie entspannter geworden wäre aber bekanntlich spielt ja die eigene Haltung zu den Fakten auch eine ganz wesentliche Rolle. Und ich bin fest entschlossen, mich nicht mehr übermäßig zu sorgen oder vielleicht auch einfach gar nicht mehr, es führt ja zu nichts.« Und ich sah, dass es gut war.

„Schützen dürfen wieder Eier schießen“, steht in der Zeitung. Autsch. (Denken Sie sich hier spätpubertäres Kichern.)

Dienstag: Im Werk den Maileingang komplett abgearbeitet, einschließlich der Rückstände der vergangenen zwei Wochen. Zwei Anfragen habe ich unbearbeitet abgelegt, mangels Idee, was die Anfragenden von mir wollen und Lust, nachzufragen. Mal sehen, ob sie sich nochmal melden. Erfahrungsgemäß nicht. Das mag arbeitsmoralisch bedenklich erscheinen, andererseits ist es nicht zu viel verlangt, ein Anliegen einigermaßen verständlich zu formulieren.

Dank der Wärme verbrachte ich den frühen Abend mit Zeitungs- und Bloglektüre auf dem Balkon. Aus der Wohnung links schallte Musik, von der Terrasse unten Ess- und Gesprächsgeräusche, das ganze hinterlegt vom Rauschen der Stadthauslüftung. Wer es nicht mag, sollte nicht mitten in der Stadt wohnen und aufs Land ziehen, wo er sich dann über Hahnenkräh und Kuhglockenklang erregen kann.

Mittwoch: Apropos Hahn beziehungsweise Hühner – die Eierpreise steigen. Sind die Schützen schuld?

»Verantwortlich handeln« steht ausgerechnet auf einem Landtagswahlplakat der FDP. »Schlaue Ranzen tragen Tablet« auf einem anderen. Schlaue Ranzen? Egal, ich will nicht schon wieder darauf rumhacken.

»Wo möchtest du in 500 Jahren leben?«, las ich im Vorbeifahren auf dem Plakat einer anderen Partei, deren Name mir auf die Schnelle nicht auffiel (so als kleiner Hinweis an deren Wahlstrategen). Hierzu sei angemerkt: Ich möchte nicht von einer Organisation geduzt werden – nicht von Ikea noch Apple, auch nicht der internen Unternehmenskommunikation, schon gar nicht von einer Partei. Des weiteren hoffe ich sehr, in fünfhundert Jahren gar nicht mehr zu leben; immerhin diese Hoffnung scheint nicht unbegründet.

Deshalb frühzeitig an das Ende denken. („Reerdigung“ ist ein wunderbares Wort, finden Sie nicht auch?)

Dessen ungeachtet staunte ich mittags nach dem Essen über ein Meer aus Gänseblümchen im Rheinauenpark und fragte mich, ob das zuvor in jedem Jahr so viele waren, mir das nur nie auffiel; machmal ist man ja lange Zeit blind für etwas, das schon immer da war. Sehen und staunen Sie selbst:

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Nachmittags sinnierte ich mit zwei Kollegen während einer Kaffeepause auf dem sonnenbeschienenen Werksbalkon (ja, sowas haben wir) über die aktuelle Lage. Wir waren uns schnell einig, die Menschheit im Ganzen ist bekloppt und voraussichtlich nicht mehr zu retten.

Donnerstag: Oder doch? Die gestern zunächst unerkannt gebliebene Partei nennt sich „Partei für Gesundheitsforschung“, ich habe heute nochmal für Sie genauer hingeschaut. Sie verfolgt laut Plakat ein bemerkenswertes Ziel: »Mit zukünftiger Medizin werden Menschen durch Verjüngung wahrscheinlich nicht mehr an Alterskrankheiten oder hohem Alter sterben und tausende Jahre leben können, und zwar körperlich und geistig gesund.« Über die geistige Gesundheit der Parteigründer erlaube ich mir kein Urteil. Wobei mich schon interessieren würde, wie die sich das mit der Verjüngung praktisch vorstellen: Hat man ab einem bestimmten Alter oder Grad der Gebrechlichkeit Anrecht auf eine Therapie, aus der man anschließend in jugendlicher Frische hervorgeht? Muss man dann den ganzen Mist wie Pubertät, Schule, Sturm und Drang nochmal durchmachen, immer wieder? Wohin mit den ganzen Menschen, wenn keiner mehr Lust hat zu sterben und immer noch neue geboren werden? – Die vielleicht besser mal nicht wählen.

Freitag: Vormittags fuhren wir los in Richtung Südfrankreich mit Zwischenhalt in Beaune. Nach zwei Wochen Seuchenpause und danach einer nicht allzu anstrengenden Arbeitswoche erscheint der (ohnehin äußerst unschöne, daher möglichst gar nicht zu verwendende) Begriff „wohlverdienter“ Urlaub übertrieben, aber machmal ergeben sich die Dinge so, was will man machen. Es könnte schlimmer sein. So richtig in Urlaubsstimmung bin ich noch nicht, das kommt bestimmt noch, spätestens mit dem ersten Rosé.

Samstag: Die Maskenpflicht scheint in Frankreich weitgehend überwunden. Zu den Dingen, die ich zwei Jahre lang nicht vermisst habe, gehört Menschengewühl am Hotelfrühstücksbuffet. Im Übrigen muss ich mich an das allgemeine Wir-tun-so-als-wäre-es-vorbei-Spiel noch etwas gewöhnen, das wird schon. Ab Herbst tragen wir dann wieder Maske, also noch nicht wegwerfen.

Nach staureicher Fahrt erreichten wir am späten Nachmittag unser Reiseziel Malaucène. Das Ankunftsgetränk war zwar kein Rosé, dennoch fühlte es sich schon sehr nach Urlaub an.

Santé

Sonntag: Den ersten Urlaubstag verbringen wir wie immer ohne nennenswerte Aktivitäten. Die Niederschrift dieser Tagesnotiz erfolgt auf der Terrasse unserer Ferienwohnung mit Blick auf das angewilderte Gärtchen, darin blühender Flieder, gelber Löwenzahn und außergewöhnlich großblätteriger Klee. Rechts ein großes Hühnergehege, dessen Bewohnerinnen (kein generisches Femininum, augen- und ohrenscheinlich wohnt dort kein Hahn) zufrieden in den Tag picken und ab und zu die üblichen Hühnergeräusche von sich geben. Einziger Schönheitsfehler: Zur Linken trennt nur eine hohe Hecke das Grundstück von der stark befahrenen Straße nach Carpentras, die beliebt zu sein scheint bei Motorradbesitzern, deren Maschinen einen nicht unerheblichen Teil der eingesetzten Energie in unösterliches Donnergrollen umsetzen. Auch das ist wohl auch eine Art von Freiheit.

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Ich wünsche Ihnen einen schönen Rest von Ostern und eine angenehme Woche.

Woche 37/2021: Wenn man weiß, wie es geht

Montag: Abends gab es vom Geschäftsbereich eine Grillparty, richtig mit Menschen und „Dreigeh“. So sehr ich Händeschütteln schon immer ablehne – diese Faustbegrüßung muss sich stattdessen auch nicht unbedingt durchsetzen. (Für die völlig kontaktfreie Begrüßung ist die Menschheit leider noch nicht reif.) Den Vorsatz, um 21 Uhr zu gehen, hielt ich ein. Es wurde dann auch Zeit, da allgemeines Aufräumen die Gemütlichkeit zu trüben begann, da will man nicht im Wege stehen.

Dienstag: Heute gab es ein virtuelles Arbeitstreffen unter Nutzung des Kommunikationsmediums „Mural“. Da mindestens fünfzehn der neunzehn Teilnehmer wie ich damit nicht vertraut waren, gab es zuvor eine spielerische Einweisung. Dann wurden wir aufgeteilt in Gruppen, wobei jede Gruppe dasselbe Thema bearbeitete, danach wurden die Gruppenergebnisse zusammengeführt. (Habe ich schonmal erwähnt, dass ich Gruppenarbeit ablehne, virtuell wie präsent? Bestimmt.) Um elf, als wir längst noch nicht fertig waren, verließ ich die Veranstaltung wegen eines Anschlusstermins. Ich möchte nicht schon wieder den Digitalskeptiker geben, doch bin ich mir sicher, ohne dieses Mural und erst recht ohne Gruppenarbeit wäre ein besseres Ergebnis in wesentlich kürzerer Zeit zustande gekommen.

Zwischendurch hieß es: „Wir können uns alle duzen.“ Das ist auch so etwas, das mir mit zunehmendem Alter immer weniger notwendig erscheint. #gerneweiterpersie

„Erzeugerpreise rauf – Verbraucherpreise runter“, las ich abends auf dem Wahlplakat der MLDP. Die haben es offenbar verstanden.

Irgendwo gelesen: „Mit Fremden reden ist überhaupt das Allerbeste.“ Wie neulich schon geschrieben: Man sollte stets offen sein für abweichende Meinungen, und wenn sie noch so absurd erscheinen.

Mittwoch: „Das hat mit Rasen nix zu tun – biste halt schneller unterwegs.“ Der Geliebte hat jetzt ein Elektrofahrrad.

„Die Corona-Pandemie hat den Trend zum Urlaub im Kokon beflügelt: Viele Touristen haben nach einer Analyse des ADAC in den Sommerferien versucht, den Kontakt zur Mitmenschheit zu reduzieren […] Man will jetzt auch auf der Reise unter sich sein, vielleicht sogar allein sein“, steht in der Zeitung. Das können noch touristisch interessante Zeiten werden. Das Wort „Mitmenschheit“ gefällt mir übrigens ausgesprochen gut.

Kein schöner Rant: Heute sah auch ich erstmals die Wahlwerbung der Grünen. Da hierzu vermutlich bereits alles gesagt und geschrieben wurde, erspare ich mir und Ihnen weitere Schmähungen.

Alle Jahre wieder – Wie sie sich nun wieder in Wort und Schrift empören über vorzeitiges Angebot von Weihnachtsnaschwerk in den Supermärkten, als ob sie gezwungen würden, derlei zu kaufen und essen. Ich freue mich jedenfalls sehr auf den ersten Nougat-Marzipan-Baumstamm. Merke: Stollen und Kurzarm schließen sich nicht zwingend aus.

Donnerstag: Morgens teilte ich das Bad mit drei Wespen, die freundlicherweise wenig Interesse zeigten an einem gemeinsamen Brausebad.

Kurz nach Mittag steckte eine junge Kollegin den Kopf durch den Türspalt meines Büros, es kam zum kurzen Plausch über „lange nicht gesehen“ und „wie gehts dir“. Es lag nicht an der Maskenpflicht, dass ich nicht den Hauch einer Ahnung habe, wer die Dame war; vielleicht hat sie es ja nicht gemerkt.

Wie die Zeitung berichtet, fahren fast siebzig Prozent der Erwerbstätigen nach wie vor mit dem Auto ins Werk, auch auf kurzen Strecken. In Deutschland sind vierzehn Prozent mehr Autos angemeldet als vor zehn Jahren; der Trend zu Zweit- und Drittwagen in deutschen Haushalten steigt. Offenbar gibt es noch zu wenig Staus und zu günstigen Kraftstoff. So wird das jedenfalls nix mit dem Klimaschutz.

Freitag: Sollten Sie demnächst in der Inneren Nordstadt von einem Radio am Kopf getroffen werden, dann ist es womöglich unser netzfähiges (beziehungsweise -unfähiges) Bad-Radio auf dem Flug aus dem Fenster, nachdem es mal wieder minutenlang verbunden, geladen und zwischengespeichert hat.

Um kurz nach vierzehn Uhr gingen mir zuerst die dringend zu erledigenden Geschäfte, dann die Arbeitslust aus. Da mein Gleitzeitkonto gut gefüttert ist, zudem Wochenende, besser noch: eine Woche Urlaub, verließ ich das Werk zeitig. Daheim empfing mich der erwartete Was-willst-du-denn-schon-hier-Blick des Geliebten, das muss man dann aushalten.

Samstag: Als wir im Sommer 2019 den Urlaub in Malaucène wegen unerträglicher Hitze nach einer Woche abbrachen und nach Hause flüchteten, ahnte wir nicht, dass es danach länger als zwei Jahre und zwei Monate dauern würde, bis wir wieder herkommen. Nun sind wir da, und es ist wunderschön, endlich wieder hier zu sein. (Ja, mit dem Auto, ich weiß.)

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Ein kurzer Kampf mit dem Türschloss unseres Hauses wurde nach vorübergehendem Ausbau desselben und Rückfrage bei der Vermieterin zu unseren Gunsten entschieden. (Wie fast immer im Leben: Wenn man weiß, wie es geht, ist es ganz einfach, aber eben nur dann.) Danach gingen wir zum traditionellen Ankunftstagesprogramm über, das im Wesentlichen aus Ankunftsgetränk, Pizza und Rosé besteht.

Sonntag: Nirgendwo und -wann schmeckt Baguette so gut wie beim ersten Frühstück in Frankreich, das ist bestimmt auch dieser Urlaubseffekt. Ob indes der beste Stollen wirklich aus Dresden kommt, vermag ich nicht zu beurteilen.

Ansonsten verbrachten wir den Tag überwiegend in erfreulicher Ereignislosigkeit aus der Liegestuhlperspektive, während im Hintergrund die Meteorologie tobte.

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Falls auch Sie gerade Urlaub haben, wünsche ich Ihnen eine angenehme Zeit. Allen anderen auch.

Woche 25/2021: So ähnlich muss sich Ruhestand anfühlen

Montag: Achter Urlaubstag. Während Stadt und Menschen um mich herum sich aufmachten zur wöchentlichen Wertschöpfung, blieb ich noch ein wenig liegen und fragte mich, warum es keine leisen Kehrmaschinen gibt.

Doch machte auch ich mich später auf, zu einer Wanderung über die dritte Rheinsteig-Etappe von Bad Honnef nach Linz. Während des Wartens auf die Bahn wehte ein Windstoß Teile einer regionalen Zeitung, die von Inhalt und Aufmachung her der bekannten Boulevardzeitung mit den vier Buchstaben ähnlich ist, über den Bahnsteig. „Egal, die brauche ich nicht mehr“, sagte der Mann auf der Bank nebenan, der zuvor darin gelesen hatte. „Guter Mann, kein Mensch braucht die“, verkniff ich mir zu antworten.

Nach mehreren durchwanderten Stunden muss an einer entscheidenden Stelle meiner langsam ermüdeten Aufmerksamkeit eine Wegmarkierung entgangen sein, so dass ich falsch (oder nicht) abbog. Die Komoot-App war hier auch keine Hilfe, da die von ihr empfohlene Route teilweise erheblich von dem abwich, was die blau-weißen Markierungen an Bäumen und Pfählen als Rheinsteig ausweisen und nach denen ich mich richtete, weil es mir lästig ist, alle paar hundert Meter auf das Datengerät zu schauen. (Nachtrag: Die Möglichkeit, Touren von der Rheinsteig-Seite direkt nach Komoot zu exportieren habe ich erst Tage später entdeckt. Ab der vierten Etappe läuft es dann besser.) Umkehren war keine Option, daher schlug ich mich unter Zuhilfenahme der App durch Wald und Wiesen sowie über diverse Stöcke und Steine, bis ich irgendwann (eher zufällig) wieder auf eine Wegmarkierung traf. Wie der Rheinländer sagt:

Ob richtige oder Improvisierte Strecke – der Weg durch Wälder und Felder war beglückend, hier und da auch ein Bächlein, das mich des großen Dichters Wort singen ließ:

„Tagtäglich fließt der Bach durchs Tal,

mal fließt er breit, mal fließt er schmal.

Er steht nie still, auch sonntags nicht,

und wenn mal heiß die Sonne sticht,

kann man in seine kühlen Fluten fassen.

Man kanns aber auch bleiben lassen.“

Heinz Erhardt

Erwähnte ich schon meinen Zwang, Trafotürme zu fotografieren? Hier ein schönes Exemplar oberhalb von Unkel, leider mit einer ästhetisch fragwürdigen Zweckerweiterung verunziert.

Nicht mehr allzu fern des Ziels gewährt der Rheinsteig einen wunderbaren Blick auf den namensgebenden Strom:

Am Ziel in der Linzer Innenstadt gab es ein Belohnungsbier, ehe ich mit der Bahn zurück nach Bonn fuhr. Somit war wieder ein Eintrag in meiner Urlaubsliste abzuhaken. Und ich sah, dass es gut war.

Dienstag: Heute gab es den zweiten Piks. Abgesehen von einem kleinen Rausch, danach vorübergehendem Unwohlsein des Geliebten, einhergehend mit Schlechlaunigkeit, sind bislang keine der befürchteten Nebenwirkungen eingetreten.

In Krisenzeiten leiden ja am meisten immer die Kinder.

Mittwoch: Die UEFA hat sich unbeliebt gemacht, weil das Münchener Stadion abends beim EM-Spiel Deutschland gegen Ungarn nicht in Regenbogenfarben erstrahlen durfte. Hiermit wollten die Münchner ein Zeichen setzen wider ein absurdes Gesetz gegen Homo- und Transsexuelle, das das ungarische Parlament vergangene Woche beschlossen hat. So ärgerlich das sein mag, diese Entscheidung des Fußballkonzerns war zu erwarten. – Gestatten Sie mir eine Anmerkung zum Wort „Homophobie“, das in diesem Zusammenhang immer wieder fällt. Eine Phobie ist die Angst vor etwas Bestimmtem, zum Beispiel ist Nomophobie die Angst, ohne Mobiltelefonkontakt zu sein, für viele inzwischen wohl das, was sie am meisten fürchten. Bei dem, was als Homophobie bezeichnet wird, geht es jedoch nicht um Angst, sondern um Ablehnung und Hass. Das ist etwas anderes. Angst müssen allenfalls die Schwulen und Lesben in Ländern wie Ungarn haben; DAS wäre Homophobie.

Obwohl die Maskenpflicht im Freien inzwischen weitgehend aufgehoben wurde, sah ich in der Fußgängerzone zahlreiche Leute, die weiterhin Mund-Nasen-Schutz trugen. Haben sie es nicht mitbekommen, oder sollten die Menschen doch vernünftiger sein, als ich annahm, jedenfalls ein Teil davon?

Die Nebenwirkungen der zweiten Spritze blieben auch heute weitgehend aus, bis auf einen ganz leichten Druck im Oberarm. Die Angst vor Spritzen heißt übrigens Trypanophobie.

Donnerstag: In Kürze tritt die „Einwegkunststoffverbotsverordnung“ in Kraft, allein schon wegen des Wortes eine Bereicherung. Örtlichen Bäckereien sehen laut Zeitungsbericht fehlende Alternativen zu Papp-Kaffeebechern und zugehörigen Kunststoffdeckeln als problematisch an. Doch, die gibt es: Verkauft einfach keinen Kaffee zum Mitnehmen mehr, irgendwann werden die Leute vielleicht einsehen, wie idiotisch es ist, mit einem Kaffee durch die Gegend zu laufen.

Mancher Werbespruch hinterlässt vor allem Ratlosigkeit. (Die Angst vor Puppen heißt im Übrigen Pediophobie. Yeah.)

Freitag: Letzter Urlaubstag. Nach dem Frühstück erledigte ich ein paar mir aufgetragene Besorgungen, danach fuhr ich mit dem Fahrrad zum Lieblingsplatz am Rheinufer vor Bonn-Oberkassel. Ein wirklich außergewöhnlich schöner Ort, man sitzt/liegt dort im Schatten hoher alter Pappeln, mit Blick auf das Siebengebirge links, rechts grüßt das Mutterhaus des Arbeitgebers herüber. Ich grüßte kurz zurück und beachtete es nicht weiter. Erst ab Montag wieder, vorher noch das Wochenende.

In meinem Alter ist es beschwerlich, auf dem Boden liegend zu lesen oder gar schreiben, es gibt einfach keine Körperhaltung, jedenfalls ist mir keine bekannt, in der das über längere Zeit bequem ist, und bequem soll es ja sein. Gepriesen sei daher das kleine, praktische Klappstühlchen, das problemlos auf dem Fahrrad-Gepäckträger zu transportieren ist. So kann ich stundenlang verharren: Lesen, schreiben, Schiffe kucken. Dazu das vorletzte Fläschchen Maibock, das Zeug muss langsam mal weg, der Juli naht bereits.

Samstag: Durch den Kiezschreiber wurde ich auf den Begriff „Rautavistik“ aufmerksam. Hierzu weiß Wikipedia:

Rautavistik ist eine Art der Performance-Kunst, bei der Handlungen ohne erkennbaren Sinn oder Nutzen für den Ausführenden oder Dritte zur Kunstform erhoben werden. […] die Handlungen dienen einzig zur Unterhaltung der Ausführenden. Werden Dritte aktiv in eine rautavistische Handlung einbezogen, so geschieht dieses normalerweise in einer Art Statisten- oder gar Opferrolle. […] Die ausführenden Personen nennen sich selbst Rautavisten. Sie kommen meistens aus dem Umfeld von Hochschulen und organisieren sich […] in Gruppen und geben sich oft ausgefallene Namen, Titel und Dienstbezeichnungen. […] Ein fast immer verwendetes zusätzliches Stilmittel ist es, diese sinnlosen Dinge mit großem Ernst anzugehen, der natürlich insgeheim nur gespielt ist. Daher wird großer Wert darauf gelegt, bei der Aktion möglichst wenig zu lachen. Eine eventuelle Andeutung oder gar Erklärung Dritten gegenüber, dass es sich bei der fraglichen Handlung doch eigentlich nur um Unsinn handele, wird gemieden; […] Ein typischer rautavistischer Gegenstand wäre z. B. ein Automat oder Kasten mit einem großen Knopf, dessen Betätigung absolut nichts bewirkt. Eine rautavistische Handlung wäre es, diesen Knopf dennoch im vollen Bewusstsein, dass nichts geschehen wird, zu drücken. Die Person, die diese Handlung bewusst ausführt, ist der Rautavist. […] Rautavistische Gespräche sind bewusst völlig sinnentleerte Gespräche, die jedoch ein kohärentes Thema zum Inhalt haben.

Das kommt mir sehr bekannt vor, einschließlich Opferrolle und dem Knopf, der nichts bewirkt. Ab Montag wieder.

Sonntag: Zwei Wochen Urlaub ohne zu verreisen waren sehr schön. So ähnlich muss sich Ruhestand anfühlen.

In der zurückliegenden Woche las ich übrigens „Die Geschichte eines einfachen Mannes“ von Timon Karl Kaleyta, eine Geschichte über Egozentrik, Unvernunft, Selbstüberschätzung, arg strapazierte Freundschaften und Scheitern. Auch wenn nicht immer nachzuvollziehen ist, warum sich die Mitmenschen des Protagonisten so verhalten, wie sie es tun, ein lesenswertes Buch.

Woche 24/2021: Schonung und Regeneration

Montag: Erster Urlaubstag. „Ich mööch zo Fooß noh Kölle jonn“, für Nicht-Rheinländer: „Ich möchte zu Fuß nach Köln gehen“, sang Willi Ostermann bereits vor fünfundsiebzig Jahren. Eine ähnliche Idee kam mir vergangene Woche, als ich meinen Urlaub plante. Und also tat ich heute, wobei ich nur bis Rodenkirchen ging, von wo aus man den Dom schon deutlich sieht. Ich startete in Bonn linksrheinisch, setzte mit der Mondorfer Fähre rüber ans andere Ufer, von dort ging es bis zur Rodenkirchener Autobahnbrücke, wo ich wieder die Rheinseite wechselte und nach einer Einkehr, der ersten nach wasweißichwieviel Monaten, mit der Stadtbahn die Rückfahrt nach Bonn antrat. Auch wenn Gehen glücklich macht, was zu betonen ich nicht müde werde: Heute war es sehr anstrengend, genug des Glücks, vor allem die letzte Stunde etwa ab Köln Porz, wo ich mehrfach dachte: Porz Blitz*, wann kommt denn diese Brücke endlich? Auch das Wetter war mit Sommerhitze vielleicht nicht der ideale Wanderbegleiter. Aber die Aussicht auf den Dom ein kühles Getränk mit Hopfenanteil gab den erforderlichen Antrieb. Als nach fast siebenstündigem Marsch das erste Kölsch endlich vor mir stand, war es schön, wobei das erwartete Glücksgefühl nach entbehrungsreichen Monaten noch nicht so richtig aufkam. Das kommt bestimmt noch. Hier einige Eindrücke:

Die Mondorfer Fähre nach Ankunft ebendort
Seitenarm bei Reidt
Im Auenwald bei Niederkassel
Ein Relikt aus einer fragwürdigen Verkehrsdesign-Epoche in Niederkassel-Lülsdorf
Hinter Lülsdorf
Bei Langel
Endlich: die Brücke in Sicht
Gleich geschafft
Sie haben Ihr Ziel erreicht.

* Bitte verzeihen Sie mir, ich konnte nicht anders.

Dienstag: Die erste Hälfte des zweiten Urlaubstags diente vornehmlich der Schonung und Regeneration müder Knochen und einer Blase am Fuß.

Währenddessen gelesen: „Die einmalige Gelegenheit, das Konrad‘s sowie mich selbst neu zu erfinden, stellt eine großartige Herausforderung dar, der ich mich unbedingt stellen möchte“, sagte nicht ein Business-Kasper, sondern der Bonner Koch Felix Kaspar gegenüber der Zeitung, der demnächst die Leitung eines Hotelrestaurants übernehmen wird. Anscheinend reden Köche mittlerweile auch so. Sollen sie – Hauptsache es schmeckt.

Gegen Mittag kam ich meinen Verpflichtungen als Importeursgattin nach, indem ich die Lieferung des Drogenkuriers entgegennahm. Etwas weniger dramatisch formuliert: Ein Spediteur brachte eine Palette Wein von der südlichen Côte du Rhône für des Liebsten Geschäft. In Hoffnung auf einen kühlen Rosé am Abend machte ich mich am Nachmittag daran, die Palette aufzulösen, wie man unter uns Logistikern sagt, und die Kartons anhand der Kundenbestellungen zu kommissionieren. Zum Glück hat er wieder genug bestellt, daher schien die Hoffnung auf ein Abendglas begründet.

Nachtrag am Abend: War sie.

Mittwoch: Am dritten Urlaubstag machte ich mich auf, meine Mutter in Bielefeld zu besuchen, und zwar mit dem von mir bevorzugten Verkehrsmittel, der Bahn. Aus gleichsam bahntouristischen Gründen wählte ich für die Hinfahrt einen kleinen Umweg über Paderborn. Kurz vor Hamm diese Durchsage: „Der vordere Zugteil endet in Hamm. Der hintere fährt weiter nach Paderborn oder Kassel.“ Ein wenig irritierend die Konjunktion „oder“. Als ob sie das Ziel der Fahrt noch nicht so genau wüssten und es erst unterwegs von der Oberzugleitung mitgeteilt bekämen. Eine Art Schienenlotto. Doch ich hatte Glück, ohne weitere Verzögerung kam ich pünktlich in Paderborn an.

Donnerstag: Vierter Urlaubstag. Für die Rückfahrt von Bielefeld wählte ich, wiederum aus Gründen, die dem normalen Bahnreisenden schwer zu vermitteln sind, weshalb ich Ihnen und mir den Versuch erspare, den Umweg über Osnabrück. Der ICE, der mich von dort weiter nach Bonn brachte, fuhr mit geringer Verspätung ab, schaffte es dann, diese mit den üblichen Begründungen (technische Probleme, Signalstörung) bis Köln auf eine halbe Stunde auszudehnen. In Köln die Durchsage, die Weiterfahrt verzögere sich, weil wir auf einen frischen Lokführer warteten, der mit einem Zug anreise, der sich leider verspäte. Mir sollte es recht sein – ich hatte einen angenehmen Platz, genug Lektüre und die Klimaanlage funktionierte, was an solch heißen Tagen bei der Bahn nicht selbstverständlich ist. Mit dreiviertelstündiger Verspätung ging es schließlich weiter. – Angenommen, in jedem verspäteten Zug sitzen durchschnittlich zwei Lokführer, die irgendwo einen anderen Zug übernehmen sollen. Wie lange dauert es, bis der Bahnverkehr zum Erliegen kommt?

Freitag: Den fünften Urlaubstag verbrachte ich lesend und schreibend im Liegestuhl auf dem Balkon. Gelesen in einem Zeitungsartikel über die aktuellen chinesischen Raumfahrtaktivitäten: „Mittelfristig will China auch Menschen auf den Mond schicken.“ Regimekritiker und Oppositionelle?

Außerdem habe ich das Wagenknecht-Buch zu Ende gelesen, das so endet:

„Wenn auch die linksliberalen Akademiker unserer Zeit einsehen würden, dass sie kein Recht haben, ihren Lebensentwurf zum Maßstab progressiven Lebens zu machen und auf alle herabzuschauen, die anderen Werten folgen und eine andere Sicht auf die Welt haben, wäre viel gewonnen.“

Sarah Wagenknecht: „Die Selbstgerechten“

Das Buch hat mir sehr gut gefallen, daher kommt es nicht in den öffentlichen Bücherschrank.

Samstag: Sechster Urlaubstag, wobei die Frage erlaubt sei, ob ein Samstag überhaupt als Urlaubstag zählt, wenn man nicht verreist ist und auch sonst nichts unternimmt, was den Tag von einem gewöhnlichen Samstag unterscheidet. Aber es ist zu warm, um etwas zu unternehmen, außerdem sind mir überall viel zu viele Menschen. Daher ein weiterer Balkon-Liegestuhl-Tag, jedenfalls so lange, bis die Sonne ums Haus kam und mich in die kühlere Stube trieb.

Alles Gute zum Namenstag (laut Zeitung) an Analogika, Hildegrim, Rasso, Romuald. (Einen davon habe ich mir ausgedacht, Sie dürfen gerne raten.) Wieder stelle ich mir entsprechende Heckscheibenaufkleber vor.

Ich habe dann auch mal dieses Voila-Dings ausprobiert. Voila:

(Nächstes Mal rasiere ich mich vorher, wobei ich das linke Bild schon ziemlich scharf finde.)

Ansonsten habe ich nebenan die Chronik des Wahnsinns fortgeschrieben.

Sonntag: Die schweren Gewitter der vergangenen Nacht sind abgezogen, ohne größere Schäden zu hinterlassen. Das gilt für die meteorologischen wie ein zwischenmenschliches.

Der siebte Urlaubstag konnte bedenkenlos als solcher bezeichnet werden, siehe die Eingangsfrage gestern. Von einem gewöhnlichen Sonntag unterschied ihn das Ausbleiben der Unlust auf die dräuende Arbeitswoche ab dem späteren Nachmittag.

Weitgehend unlustig auch das Büchlein „Wer schreibt denn sowas?!“ von Joshua Clausnitzer, auf das ich vor längerem in der Zeitung aufmerksam wurde. Dort klang es interessant, Wort- und Sprachspiele waren in Aussicht gestellt, daher beschaffte ich es über den Buchhändler des Vertrauens. Der Klappentext bezeichnet es als „Humorvoll, skurril, banal und satirisch!“ Eines dieser Attribute trifft unwidersprochen zu; kleine Kostprobe: „Frauen attestieren mir immer wieder: Aufreißen kann ich! Besonders gut Chipstüten, Gummibärchen- und Kekspackungen!“ Augenscheinlich ist der Autor ein großer Freund des Ausrufezeichens. – Nun könnten Sie zu recht einwenden: „Na hör mal, was du hier so absonderst, ist auch nicht gerade hohe Literatur.“ Das stimmt, dafür ist es umsonst, sowohl im Sinne von vergeblich als auch kostenlos. Wer 12,90 Euro statt für dieses schmale Bändchen lieber für eine Flasche Rosé ausgibt, tut sich jedenfalls einen größeren Gefallen.

Woche 16: Das Leben in leeren Zügen genießen

Montag: Jedem Anfang wohnt ein Ende inne, soviel ist sicher. Doch will ich es positiv sehen, heute begann eine Woche Urlaub. Die wesentlichen Aktivitäten waren: eine Grundsatzdiskussion am frühen Abend, mit deren Details ich sie nicht belästigen will, und eine Aktualisierung der Liste.

Dienstag: Die Zeitung berichtet über empörte Bonner Eltern, weil ihr evangelisches Kind nicht eine katholische Grundschule besuchen darf, trotz „Schulweg von weniger als 500 Metern, auf dem Bürgersteig immer geradeaus, ohne die Straße oder gar eine Kreuzung überqueren zu müssen“, somit hätte das Kind es eines Tages, etwa ab der vierten Klasse, womöglich gar ohne elterliche Chauffeurdienste dorthin geschafft. Das kann man ärgerlich und gemein finden, völlig nachvollziehbar. Die eigentliche Frage ist aber doch: Warum gibt es solche „Konfessionsschulen“ überhaupt? Man stelle sich vor, andere Konzerne, vielleicht die Deutsche Bank oder Bayer, betrieben ebenfalls Grundschulen bevorzugt für Kundenkinder. Dann wäre aber was los.

Zum Geburtstag des Liebsten machten wir eine kleine Wanderung im Ahrtal: mit der Ahrtalbahn bis Dernau, dann zu Fuß rechtsahrisch bis Mayschoß, dort bei Sonnenschein die erste Rast. Zurück ging es links der Ahr auf einem Teilstück des Rotweinwanderwegs bis Dernau, wo wir nach zweiter Rast die Rückfahrt antraten. Erkenntnis: Man gelangt sehr zügig von Mayschoß nach Dernau, wenn man unterwegs nicht alle paar Meter von einem Weinausschank aufgehalten wird.

Alles Gute, mein Schatz!

Die auch als „Union“ bekannte Zankgemeinschaft hat endlich entschieden: Nun wird also Armin Laschet im Herbst voraussichtlich den Kürzeren ziehen.

Übrigens: Der Begriff „Große Koalition“ erscheint mittlerweile genauso aus der Zeit geraten wie „Kotflügel“ oder „Videothek“.

Mittwoch: „Frauen fühlen sich nicht mehr mitgemeint, wenn von Studenten oder Mitgliedern die Rede ist“, steht im General-Anzeiger. Liebe Damen: auch nicht bei Mitgliedern? Echt jetzt?

Den Urlaubstag nutzte ich für eine Reise nach Bielefeld, um meine Mutter zu besuchen, die erste längere Bahnreise seit über einem Jahr. „Das Leben in leeren Zügen genießen“, könnte der neue Werbespruch der Bahn sein. Aus Gründen der Bahnbegeisterung wählte ich einen Umweg über Münster. Kurz davor durchfuhren wie den Ort Buldern – ein schönes Wort, das auch als Verb denkbar ist, etwa wenn jemand eifrig mit etwas beschäftigt ist, dessen Sinn und Zweck sich Außenstehenden nicht unmittelbar erschließt. „Na, bist du wieder am rumbuldern?“, könnte man dann fragen. Oder so: „Kommst du zum Essen?“ – „Gleich, muss noch kurz was buldern.“

Nach Rückkehr in Bonn ließ der Bildschirm in der Stadtbahnhaltestelle wissen, dass Mecklenburg-Vorpommern die Impfung mit Astra Zeneca für alle freigibt. Unmittelbar im Anschluss folgte eine Reklame für Astra Urtyp. Manchmal mag man nicht mehr an Zufälle glauben.

Donnerstag: Ich habe beschlossen, den fertigen Bestseller über epubli zu veröffentlichen, da es mir aussichtslos erscheint und ich im Übrigen wenig Lust habe, zu versuchen, dafür einen Verlag zu finden. Um Erfahrungen mit epubli zu sammeln, habe ich zunächst ein altes Werk genommen, das ich bereits 2007 schrieb und seitdem mehrfach überarbeitet habe. Zwischenzeitlich war es auch als Bytebuch beim großen A erhältlich, jetzt nicht mehr, weil ich mit dem großen A nichts zu tun haben will, nicht als Kunde und schon gar nicht als Autor. Die Erstellung des Buchs bei epubli ging einfach und schnell, gestern wurde der Prototyp geliefert. Den heutigen Urlaubstag habe für Anpassungen und Korrekturen genutzt, eine hochgradig angenehme Tätigkeit. Ich hoffe nun, in den nächsten Tagen den Auftrag zu erteilen. Wenn alles so klappt wie erhofft, kommt dann der Bestseller an die Reihe.

Freitag: Heute beginnen die Abiturprüfungen, war morgens im Radio zu hören. Die Abiturenti‘ tun mir wirklich leid in diesen Zeiten, ich kann mir kaum vorstellen, wie das überhaupt funktionieren soll. Bei der Gelegenheit überlegte ich, wie lange das bei mir her ist, und kam auf fünfunddreißig Jahre, also fast doppelt so viele wie ein Abiturienti‘ üblicherweise alt ist. Das ist schon erschreckend genug. Noch erschreckender: Nichts, aber auch wirklich gar nichts von dem, was ich damals für die Prüfungen lernte, weiß ich heute noch, weil ich es einfach nicht benötige und nie benötigte, es wäre völlig unnützes Wissen, das wertvollen Hirnspeicherplatz blockiert. Wie auch diese bislang ungelöschten Informationen: 1) Bei meinem Arbeitgeber waren früher Kassenbücher mit dokumentenechter Tinte oder Kugelschreiberpaste nach DIN 16554 zu führen. 2) Es gab einen „Antrag auf Erstattung eines von einem Münzwertzeichengeber zu unrecht einbehaltenen Münzbetrages“. Gäbe es noch Partys, hätte das vielleicht einen gewissen Unterhaltungswert.

Den Urlaubstag nutzte ich für eine wunderbare Wanderung über den Venusberg und „hintenrum“ zurück. Falls es Sie interessiert, schauen Sie hier. (Die „Klinke“ im südlichen Teil erklärt sich durch den Abstecher zu einem Trafoturm, den ich in der Ferne sah und fotografieren musste:)

Erwähnte ich schon, dass ich Trafotürme sammle? Also natürlich nur die Bilder davon; bitte frage Sie nicht, warum, ich kann es nicht erklären. Immerhin beruhigend: Ich bin da nicht der einzige.

Ein paar „normale“ Bilder habe ich auch gemacht:

(Die Poppelsdorfer Allee in Bonn)
(Im Wald oberhalb von Poppelsdorf)
(Bei Schweinheim)
(Auch bei Schweinheim)
(Blick vom Kreuzberg, von wo aus man den Kölner Dom sieht, siehe Pfeil)

Samstag: Noch ein toller Zufall – wie heute der Zeitung zu entnehmen ist, gibt es das Verb „buldern“ schon, jedenfalls fast: „Beim Bouldern klettert man ohne Seile und Gurte an kleinen Felsformationen und Felsblöcken, die in der Regel nicht höher als sechs Meter sind.“ Ob das zu wissen nützlich oder unnütz ist, mag jedi‘ für sich entscheiden. (Toll, nicht? Das i‘-Gendern funktioniert auch bei Pronomen.)

Tom macht sich lesens- und bemerkenswerte Gedanken über das Sterben und das, was möglicherweise danach kommt:

„Doch welche Erfahrung wäre extremer als die des Sterbens. Da bietet das Gehirn zu guter Letzt nochmal alles auf, was an Neuronen, Botenstoffen, Synapsen und Elektrizität verfügbar ist, bevor das alles letztlich ausgeknipst wird.“

Habe ich auch schon, siehe dorten. (Ein früherer, lange pensionierter Kollege sagte „dorten“, wenn andere „dort“ sagen. Laut Duden ist diese schöne Wort ebenfalls längst pensioniert.)

„Schwarz – blau – schwarz – blau …“ murmelte der Geliebte am Abend vor sich hin. Zum Glück war er nicht mit einer Elektroinstallation beschäftigt, sondern mit der möglichst harmonischen Anordnung von Kaffeekapseln.

Sonntag: Ja, es ist irrational – obwohl ich selbst nicht (mehr) rauche, begegne ich Menschen, deren Blick beim Gehen oder gar Fahrradfahren aufs Datengerät gerichtet ist, mit weniger Verständnis als welchen mit Zigarette. Manchmal neige ich gar zu Aggressionen.

Es ist gefährlich (ja, Rauchen auch), vor allem raubt der Bildschirm die Aufmerksamkeit für die Dinge, die links und rechts des Weges zu sehen sind. Wie den einen zweifelhaften Humor belegenden Spruch „Denk an die Umwelt – fahr mit dem Bus“, den ich beim Spaziergang an einem modernen Nachfahren des VW-Bullis sah.

Ähnlich fragwürdiger Humor mag die Tage auch gut fünfzig Schauspieleri‘ dazu getrieben haben, in angeblich ironischen Filmchen die Pandemie-Politik zu kritisieren. (Dass ich fast niemanden davon kenne, ist bezeichnend für meinen Medienkonsum.) Dazu schreibt die F.A.S.:

Einen großen Fehler haben aber wir, die Journalisten, schon vorher begangen: Wir haben die Schauspieler darin bestärkt, sich als Welterklärer zu fühlen – eine Rolle, der manche von ihnen nicht gewachsen sind. Wir haben sie nicht nur nach ihren Filmen gefragt, sondern nach Werten, nach Weltanschauung, nach dem richtigen Leben. In Wahrheit sind diese mehrheitlich vegan lebenden Loft- oder Landhausbewohner nicht besser oder klüger als wir selbst.

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 25.4.2021

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Wie am Donnerstag angekündigt, ist der Roman „Herbsterwachen“ in einer überarbeiteten Fassung (und unter einem anderen Pseudonym) neu bei epubli erschienen, eine Geschichte über Leben, Liebe, Lust und Leiden. Weiteres finden Sie hier.

(Ja ich weiß, damit ist er auch wieder beim großen A erhältlich, aber immerhin nicht ausschließlich. Dagegen kann man wohl nichts machen.)

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Ansonsten die Woche gehört und gelesen:

  • Gelesen: „? und ! sind keine Rudeltiere.“ (stand unter einem Forumseintrag im Netz)
  • Gehört: „Die wollmilchlegende Eiersau“

Ich wünsche Ihnen eine angenehme neue Woche!