Woche 39/2021: Impflust durch die Vordertür

Montag: Auch der erste Arbeitstag nach einer erholsamen Urlaubswoche war schon wieder reich an Besprechungsterminen. Eine der Runden bestand ausschließlich aus Teilnehmern, die zum anstehenden Thema jeweils maximal über Halbwissen verfügten, die Einladende und den Chronisten eingeschlossen, wobei sich die einzelnen Wissensfragmente leider nicht zu einem Ganzen fügten. Deshalb wurde nach vierzig Minuten, als jeder seine vagen Vermutungen zum Problem und seiner Lösung geäußert hatte, manche auch mehrfach, beschlossen, zu einer neuen Besprechung mit Wissenden einzuladen. Besser ist das.

Doch klage ich nicht, das ist alles ruhegehaltsfähig, und jeder vergangene Tag, ja jede Stunde bringt mich dem an manchen Tagen besonders herbeigesehnten „wohlverdienten“ Ruhestand ein kleines Stückchen näher.

Dem baldigen Ruhestand strebt auch dieses Jahr entgegen. Ob wohlverdient, mag ein jeder für sich entscheiden.

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Dienstag: Mittags in der Kantine stand vor mir eine Frau, die unentwegt, auch während sie bedient wurde, mit Kabel in den Ohren auf ihr Datengerät fixiert war. Dem Mann hinter dem Tresen bedeutete sie unterdessen ihren Wunsch „zum Mitnehmen“; zu diesem Zweck hält die Kantine verschließbare Mehrwegbehälter ähnlich dem klassischen Tupper-Produkt vor. Als der Kantinist sich zunächst schwertat mit dem Deckel, bot sie an, das Gefäß selbst zu verschließen, was ich gerne gesehen hätte mit dem Gerät in der Hand. Er schaffte es dann aber doch. Merke: Wer beim Mittagessen telefoniert, hat seine Arbeit nicht im Griff.

Kennen Sie diese Tage, an denen man jemandem, den man an den meisten anderen Tagen ganz gerne hat, am liebsten in den Hin… den hinteren Süden treten möchte? So ein Tag war heute. Erst ab 19:46 Uhr hellte sich die Stimmung wieder auf.

Mittwoch: „Das ist ein richtiges Autofahrlied – wenn der anfängt zu trommeln, muss ich immer auf dem Lenkrad mittrommeln“, sagte morgens der Mann im Radio. Ich fahre zum Glück nur noch selten Auto; ein Autofahrlied zeichnet sich für mich indessen vor allem dadurch aus, dass ich dabei mit hinreichender Textsicherheit laut mitsinge. Als ich noch täglich fuhr, zu der Zeit steckte man Musikkassetten in einen Schlitz, besaß ich mehrere Kassetten mit der Rückenbeschriftung „Zum Mitsingen“. Das vermisse ich ein kleines bisschen auf der täglichen Radfahrt.

Heute betrat ich zum ersten Mal nach achtzehn Monaten wieder ein Hotel, wo eine Präsenzveranstaltung abgehalten wurde, so richtig mit (für mein Empfinden zu vielen) anderen Menschen in einem (f. m. E. zu engen) Besprechungsraum. Das habe ich überhaupt nicht vermisst. Immerhin gab es danach eine Wiedersehensfeier mit desinfizierenden Getränken.

Donnerstag: (Der nachfolgende Satz ist für Menschen mit Gendersprechbedürfnis nicht geeignet.) Auf dem Fußweg ins Werk hätte ich zwei Fahrradfahrer anschreien können: Die eine, weil sie mich beim Überqueren der Kreuzung fast umgefahren hätte, den anderen, weil er mich auf dem Fußweg von hinten anklingele. Aber ach, wem hilft es.

Manches hat man schon häufig fotografiert. Dennoch tut man es immer wieder. Weil es schön ist und nichts kostet.

Kurz vor Ankunft im Werk sah ich ein Eichhörnchen die Straße überqueren, ordnungsgemäß über den Zebrastreifen. Offenbar nahm es die Verkehrsregeln ernster als die vorgenannten Radfahrer.

Freitag: Oktober nun. „Die Heizperiode beginnt heute“, hieß es morgens im Radio, als ob der Kalender alleinige Entscheidungsbefugnis über unser Temperaturempfinden hätte. Dessen ungeachtet fuhr ich heute erstmals mit dickerer Jacke*, Schal und Handschuhen ins Werk. Nicht so die Schulkinder, die morgens auf ihren Rädern vor mir an der Ampel warteten, in kurzen Hosen und T-Shirts, als ob morgen die Sommerferien begönnen. Da zog ich den Reißverschluss der Jacke reflexartig noch ein paar Zähne höher. Warum lassen Eltern sie so aus dem Haus? Oder gibt es mittlerweile kälteabweisende Sprays, mit denen sie ihre Brut morgens einsprühen?

* für die unsere Vorfahren einst das wunderschöne Wort „Übergangsjacke“ ersannen

Die Kastanien im Rheinauenpark lassen wieder ihre stacheligen Früchte auf die Wege fallen, wo sie zerplatzen und ihre braunglänzend furnierten Kerne freigeben, auf dass der mittägliche Flaneur sie vor sich her trete. Nur einige Rosenblüten strahlen noch, als hätten sie das Wort Heizperiode noch nie gehört, wohingegen der Wegweiser zum Bootsverleih seine Bestimmung für die kommenden Monate vorläufig eingebüßt hat. – Ich liebe den Herbst, aber das erwähnte ich wohl schon.

Abends wurde in einer Bonner Gaststätte nach nur geringer Alkoholeinnahme eine neue Weichtier-Spezies entdeckt: die Fiesmuschel.

Samstag: Impflust durch die Vordertür – in der Bonner Innenstadt stand ein Impfbus, davor eine lange Schlange Impfwilliger. Anscheinend besteht doch noch etwas Hoffnung.

In Itzehoe befindet sich laut Zeitungsbericht eine 96-jährige Frau in Untersuchungshaft, derer sie sich zuvor vergeblich durch Flucht zu entziehen versucht hatte. Die Dame ist als damalige Sekretärin in einem Konzentrationslager der Beihilfe zum Mord angeklagt. Ich bin bestimmt kein Anhänger der Irgendwannmussesauchmalgutsein-Idee, dennoch frage ich mich in diesem Fall: Muss das sein? Als Sekretärin wird sie wohl kaum todbringende Entscheidungen getroffen haben. Aber was weiß ich schon.

Sonntag: Beim Spaziergang sah ich einige Damen das Schaufenster eines Geschäfts in der Innenstadt weihnachtlich dekorieren, einschließlich Tannenbaum mit Lichterkette. Das ist wieder Zimt auf die Sterne der Spätsommerspekulatius-Empörten.

Wer auch immer Bundeskanzler wird – er wird all die aktuellen Probleme nicht lösen können, weil dazu etwas erforderlich wäre, was es nicht gibt: die Bereitschaft der Bürger, auf Dinge wie Ungeimpftsein, Urlaubsreisen, freie Fahrt und geschotterte Vorgärten zu verzichten. Warum also wollen manche unbedingt Kanzler werden? Wohl kaum der Bezahlung wegen, da kann man woanders wesentlich mehr Geld mit wesentlich weniger Ärger bekommen. Warum also? Was passiert eigentlich, wenn das irgendwann keiner mehr machen will? Wird das dann per Los bestimmt?

Eine Woche danach

Woche 38/2021: Le bonheur de congé sans bisou

Montag: Der Tag begann mit Appetitlosigkeit, eine direkte Auswirkung des von Urlaubseuphorie geprägten Vorabends. Nach Pre-Aperitif, Aperitif und vorzüglichem (weinbegleitetem) Essen im Lieblingsrestaurant hatte es einen Absacker gegeben, danach, weil der Wirt uns wohl mag, noch einen zweiten auf Kosten a) des Hauses und b) des heutigen Wohlbefindens. Und weil es so schön war, wurde nach Rückkehr noch ein Rosé entkorkt und auf der Dachterrasse unseres Hauses geleert, was sein muss, muss sein.

Nachmittags waren die Kräfte wieder hergestellt für einen ersten Ausflug in die Umgebung, die noch immer genauso schön ist wie ehedem, warum sollte sie auch nicht. Dabei besuchten wir zwei Weingüter in Beaumes de Venise und Vacqueyras, die augenscheinlich und erfreulicherweise gut durch Pandemie und Lese gekommen sind.

Auch ich habe gelesen: Das Militär soll klimafreundlicher werden, steht im SPIEGEL. Nachhaltiger töten also. Unterdessen sind die Franzosen angepisst, weil die Australier lieber amerikanische U-Boote kaufen, wodurch der französischen Rüstungsindustrie Milliarden entgehen. Der Umweltgedanke – amerikanische Atom- statt französischer Diesel-U-Boote – dürfte für die Entscheidung wohl ein eher untergeordnetes Kriterium gewesen sein. Ich hätte übrigens eine Idee, wie der durch Armeen verursachte Kohlendioxid-Ausstoß ganz auf Null zu reduzieren wäre.

Abends beim Essen kamen wir mit einem Ehepaar aus Bochum ins Gespräch, was, gemessen an meiner grundsätzlichen Abneigung, mit fremden Leuten zu sprechen, recht angenehm war.

Dienstag: Wie zu lesen ist, sieht der AfD-Chef Chrupalla in sich den „Schwiegermuttertypen“. Den will ja nun wirklich niemand zur Schwiegermutter haben.

Dazu passend gelesen hier: „Das Wort Arschloch ist genderneutral.“

Nachmittags besuchten wir eine befreundete Winzerfamilie in Vinsobres. Auch hier wirkt sich Covid-19 aus, wenn auch nicht nur zum Schlechten: Statt Bisou-Bisou zur Begrüßung gabs zum Abschied eine alte Flasche vom besten Produkt des Hauses.

Hier kann man Rosé beim Werden zusehen.
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Ein 1989er Cuve Charles Joseph der Domaine du Moulin in Vinsobres

Mittwoch: Heute durchwanderten wir die Region nördlich von Malaucène, wobei wir einem wesentlichen Element jeder Wanderung, dem pique-nique, einen angemessenen Zeitrahmen einräumten.

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Donnerstag: „Endlich Donnerstag“, denke ich in einer normalen Arbeitswoche, heute indessen „Was, schon wieder Donnerstag?“, mit Blick auf die schon baldige Rückreise. Tagsüber fuhren wir nach Avignon und Châteauneuf-du-Pape, wo mehrere Weinkisten und andere Lebensmittel Eingang in den Kofferraum fanden. Nach dem Besuch der Markthalle von Avignon überquerten wir einen kleinen Flohmarkt mit bemerkenswertem Angebot.

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In der Gaststätte, wo wir regelmäßig das Nachmittagsgetränk zu uns nehmen, saß am Nebentisch eine Frau mit einem Buch, das sie verkehrt herum hielt. Vielleicht eine Detektivin auf Observation? Man kennt das ja aus diversen Szenen, die Zeitung mit Loch in der Mitte oder eben das verkehrt herum gehaltene Buch. Vielleicht ist das auch ihr Lieblingsbuch, das sie, schon hunderte Male gelesen, in- und auswendig kennt, dennoch nicht davon lassen kann, in der Hoffnung, auf diese Weise eine neue Perspektive zu finden. Oder sie übt einfach Überkopflesen, eine Fähigkeit, die man immer mal gebrauchen kann, auch wenn mir gerade kein Verwendungszweck einfällt.

Freitag: Mit einer gewissen Urlaubsendmelancholie verfasse ich diese Zeilen, derweil der Liebste noch ein paar Besorgungen in der Umgebung macht. Morgen fahren wir zurück. Nicht zum ersten und bestimmt nicht zum letzten Mal stelle ich mir vor, wie es wäre, dauerhaft hier zu leben. Vielleicht in einem eigenen Haus etwas außerhalb, umgeben von Weinreben und Olivenbäumen, ein Lavendelfeld in Sichtweite, dazu Aussicht auf den Mont Ventoux und unser Schwimmbecken, in dem meine Lieben plantschen, während ich im Schatten der Terrasse belanglose Zeilen im Notizbuch vermerke. Im Winter knackt das Feuer im Kamin, während eisiger Mistral das Haus umtost. So schön das klingen mag – es spricht doch einiges dagegen. Allein schon fehlte mir der Mut, zu Hause alles abzubrechen und hier neu anzufangen, einschließlich Erlernen der Sprache, die ich auch nach Jahren nur rudimentär beherrsche anzuwenden im Stande bin. Und verliert das Schöne nicht irgendwann seinen Reiz, wenn man dauerhaft darin wohnt? Wer weiß, vielleicht werden durch den Kimawandel bald alle Sommer in der Provence unerträglich heiß, oder Marine Le Pen übernimmt die Macht, dann heißt es womöglich „Ausländer raus“ und „Schwule hängen“ mit unabsehbaren Folgen für ausländische Schwule. – Freuen wir uns also lieber auf das nächste Mal.

Samstag: Nach einer Woche Provence ist meine immer schon tiefe Verachtung gegen laute Motorräder wie ihre Fahrer noch um ein paar weitere Zentimeter gesunken. Fahrerinnen dürfen sich ausdrücklich mitgedacht fühlen.

Etwas gestiegen ist dagegen augenscheinlich wieder der Insektenbestand, jedenfalls lassen während der Rückfahrt zahlreiche Kerbtierleichen auf der Windschutzscheibe darauf schließen.

Ankunft in Bonn gegen zwanzig Uhr, wo uns der Geliebte mit der ihm eigenen Wiedersehensfreude empfing.

Sonntag: Statt Worten noch ein paar Bilder.

Der letzte Pastis am Vorabend der Abreise. Da die Flasche danach leer war, blieb uns nichts anderes übrig.
„Quincaillerie“ ist wirklich ein schönes Wort, jedenfalls noch schöner als „Haushaltswaren“.

Zu Hause ist es auch schön, das ist nur eine Frage des Blickwinkels.

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Altglastölpel gibt es in Deutschland wie in Frankreich. Kleines Rätsel: Welches Bild entstand wo?

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Es kann doch wirklich nicht so schwer sein, Weiß- von Braunglas zu unterscheiden.

Sie können sich vielleicht vorstellen, wie sehr ich mich nun auf die neue Arbeitswoche freue.

Woche 37/2021: Wenn man weiß, wie es geht

Montag: Abends gab es vom Geschäftsbereich eine Grillparty, richtig mit Menschen und „Dreigeh“. So sehr ich Händeschütteln schon immer ablehne – diese Faustbegrüßung muss sich stattdessen auch nicht unbedingt durchsetzen. (Für die völlig kontaktfreie Begrüßung ist die Menschheit leider noch nicht reif.) Den Vorsatz, um 21 Uhr zu gehen, hielt ich ein. Es wurde dann auch Zeit, da allgemeines Aufräumen die Gemütlichkeit zu trüben begann, da will man nicht im Wege stehen.

Dienstag: Heute gab es ein virtuelles Arbeitstreffen unter Nutzung des Kommunikationsmediums „Mural“. Da mindestens fünfzehn der neunzehn Teilnehmer wie ich damit nicht vertraut waren, gab es zuvor eine spielerische Einweisung. Dann wurden wir aufgeteilt in Gruppen, wobei jede Gruppe dasselbe Thema bearbeitete, danach wurden die Gruppenergebnisse zusammengeführt. (Habe ich schonmal erwähnt, dass ich Gruppenarbeit ablehne, virtuell wie präsent? Bestimmt.) Um elf, als wir längst noch nicht fertig waren, verließ ich die Veranstaltung wegen eines Anschlusstermins. Ich möchte nicht schon wieder den Digitalskeptiker geben, doch bin ich mir sicher, ohne dieses Mural und erst recht ohne Gruppenarbeit wäre ein besseres Ergebnis in wesentlich kürzerer Zeit zustande gekommen.

Zwischendurch hieß es: „Wir können uns alle duzen.“ Das ist auch so etwas, das mir mit zunehmendem Alter immer weniger notwendig erscheint. #gerneweiterpersie

„Erzeugerpreise rauf – Verbraucherpreise runter“, las ich abends auf dem Wahlplakat der MLDP. Die haben es offenbar verstanden.

Irgendwo gelesen: „Mit Fremden reden ist überhaupt das Allerbeste.“ Wie neulich schon geschrieben: Man sollte stets offen sein für abweichende Meinungen, und wenn sie noch so absurd erscheinen.

Mittwoch: „Das hat mit Rasen nix zu tun – biste halt schneller unterwegs.“ Der Geliebte hat jetzt ein Elektrofahrrad.

„Die Corona-Pandemie hat den Trend zum Urlaub im Kokon beflügelt: Viele Touristen haben nach einer Analyse des ADAC in den Sommerferien versucht, den Kontakt zur Mitmenschheit zu reduzieren […] Man will jetzt auch auf der Reise unter sich sein, vielleicht sogar allein sein“, steht in der Zeitung. Das können noch touristisch interessante Zeiten werden. Das Wort „Mitmenschheit“ gefällt mir übrigens ausgesprochen gut.

Kein schöner Rant: Heute sah auch ich erstmals die Wahlwerbung der Grünen. Da hierzu vermutlich bereits alles gesagt und geschrieben wurde, erspare ich mir und Ihnen weitere Schmähungen.

Alle Jahre wieder – Wie sie sich nun wieder in Wort und Schrift empören über vorzeitiges Angebot von Weihnachtsnaschwerk in den Supermärkten, als ob sie gezwungen würden, derlei zu kaufen und essen. Ich freue mich jedenfalls sehr auf den ersten Nougat-Marzipan-Baumstamm. Merke: Stollen und Kurzarm schließen sich nicht zwingend aus.

Donnerstag: Morgens teilte ich das Bad mit drei Wespen, die freundlicherweise wenig Interesse zeigten an einem gemeinsamen Brausebad.

Kurz nach Mittag steckte eine junge Kollegin den Kopf durch den Türspalt meines Büros, es kam zum kurzen Plausch über „lange nicht gesehen“ und „wie gehts dir“. Es lag nicht an der Maskenpflicht, dass ich nicht den Hauch einer Ahnung habe, wer die Dame war; vielleicht hat sie es ja nicht gemerkt.

Wie die Zeitung berichtet, fahren fast siebzig Prozent der Erwerbstätigen nach wie vor mit dem Auto ins Werk, auch auf kurzen Strecken. In Deutschland sind vierzehn Prozent mehr Autos angemeldet als vor zehn Jahren; der Trend zu Zweit- und Drittwagen in deutschen Haushalten steigt. Offenbar gibt es noch zu wenig Staus und zu günstigen Kraftstoff. So wird das jedenfalls nix mit dem Klimaschutz.

Freitag: Sollten Sie demnächst in der Inneren Nordstadt von einem Radio am Kopf getroffen werden, dann ist es womöglich unser netzfähiges (beziehungsweise -unfähiges) Bad-Radio auf dem Flug aus dem Fenster, nachdem es mal wieder minutenlang verbunden, geladen und zwischengespeichert hat.

Um kurz nach vierzehn Uhr gingen mir zuerst die dringend zu erledigenden Geschäfte, dann die Arbeitslust aus. Da mein Gleitzeitkonto gut gefüttert ist, zudem Wochenende, besser noch: eine Woche Urlaub, verließ ich das Werk zeitig. Daheim empfing mich der erwartete Was-willst-du-denn-schon-hier-Blick des Geliebten, das muss man dann aushalten.

Samstag: Als wir im Sommer 2019 den Urlaub in Malaucène wegen unerträglicher Hitze nach einer Woche abbrachen und nach Hause flüchteten, ahnte wir nicht, dass es danach länger als zwei Jahre und zwei Monate dauern würde, bis wir wieder herkommen. Nun sind wir da, und es ist wunderschön, endlich wieder hier zu sein. (Ja, mit dem Auto, ich weiß.)

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Ein kurzer Kampf mit dem Türschloss unseres Hauses wurde nach vorübergehendem Ausbau desselben und Rückfrage bei der Vermieterin zu unseren Gunsten entschieden. (Wie fast immer im Leben: Wenn man weiß, wie es geht, ist es ganz einfach, aber eben nur dann.) Danach gingen wir zum traditionellen Ankunftstagesprogramm über, das im Wesentlichen aus Ankunftsgetränk, Pizza und Rosé besteht.

Sonntag: Nirgendwo und -wann schmeckt Baguette so gut wie beim ersten Frühstück in Frankreich, das ist bestimmt auch dieser Urlaubseffekt. Ob indes der beste Stollen wirklich aus Dresden kommt, vermag ich nicht zu beurteilen.

Ansonsten verbrachten wir den Tag überwiegend in erfreulicher Ereignislosigkeit aus der Liegestuhlperspektive, während im Hintergrund die Meteorologie tobte.

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Falls auch Sie gerade Urlaub haben, wünsche ich Ihnen eine angenehme Zeit. Allen anderen auch.

Woche 36/2021: Eine gewisse Würze und ausgefüllte Kästchen

Montag: „Ganz kurz nur.“ Schon als der Kollege das Gespräch mit vorstehenden Worten eröffnete, war klar: Das dauert etwas länger.

Meiner Freude über die wiedereröffnete Kantine verlieh ich bereits Ausdruck. Dort darf aus bekannten Gründen bis auf weiteres nur jeder zweite Sitzplatz benutzt werden, auf den freizuhaltenden Stühlen sind einlaminierte Hinweisblätter ausgelegt. Das hielt zwei Hungrige in meiner unmittelbaren Nähe nicht davon ab, sich an einen Zweier-, somit zurzeit Einzeltisch setzen zu müssen, obwohl ausreichend Mehrpersonentische frei waren; den Hinweiszettel legten sie gut sichtbar und ohne Unrechtsbewusstsein auf den Nebentisch. Den Sicherheitsmann, der wenige Meter daneben stehend über die Einhaltung der Platzregeln zu wachen hatte, interessierte es nicht. Mich immerhin genug, dass ich es notierte.

„Ich liebe Stachelbeeren“, hörte ich im Gehen einen Entgegenkommenden zu seinem Nebenmann sagen. Ich mag sie auch, am liebsten direkt vom Strauch, vor allem die roten; auf Kuchen oder als Kompott hingegen nicht ganz so gerne. Liebe wäre für dieses Mögen daher ein zu starkes Wort.

Dienstag: Wie ich morgens beim ersten Kaffee des Tages in der Zeitung las, plant Helene Fischer im nächsten Jahr ein Deutschlandkonzert. Nicht, dass ich dorthin wollte, indes spielte seitdem mein Hirnradio mindestens bis in den frühen Nachmittag hinein „Die Hölle morgen früh ist mir egal“, mit erschreckend großer Textsicherheit.

Egal könnte und sollte mir sein, wie andere Leute ihre Kinder rufen, und vielleicht verstößt es gegen irgendeinen Bloggerkodex, wenn ich folgendes anzumerken mir nicht verkneifen kann: Es erscheint mir fragwürdig, wenn nicht unverantwortlich, als Mutter den zwölfjährigen Sohn, der einen eigentlich recht schönen anderen Namen hat, öffentlich „Ona“ zu nennen. An das falsche Mitschülerohr geraten könnte das zu unschönen Neckereien führen. Man stelle sich vor, das Kind hieße mit Zweitnamen auch noch Nils. Aber mir soll es egal sein. Zudem steht mir als Kinderlosem derartiges Urteil nicht zu.

Mittwoch: Wie die Zeitung in einer kurzen Meldung wissen lässt, erhalten sieben Länder, darunter ausgerechnet die Türkei, von der EU in den nächsten sechs Jahren wegen Aussicht auf einen Beitritt etwa 14,2 Milliarden Euro an sogenannter „Heranführungshilfe“. Ein wunderbares Wort für eine nach den aktuellen Erfahrungen mit Polen und Ungarn eher fragwürdige Ausgabe.

„Für Kinder ist dieser Virus absolut harmlos. Und die Gefahr von so einer Impfung, die man nicht erforscht hat, ist ungleich höher als der Virus selber.“ – Warum tut Til Schweiger nicht, was sein Nachname ihm nahelegt?

Apropos Name – Namenstag haben laut Zeitung heute diejenigen, die „Mariä Geburt“ in ihrem Ausweis oder vielleicht auf dem Grabstein stehen haben. Das mag ich nicht recht glauben, andererseits ist es dagegen vergleichsweise erträglich, Ona gerufen zu werden.

Donnerstag: Als ich morgens nach einem Fußmarsch mit angenehmer Müdigkeit ins Werk kam, fand ich im Maileingang einen von Inhalt und Umfang her völlig unklaren Arbeitsauftrag vor, der im wesentlichen das Ausfüllen von Kästchen beinhaltet, zu erledigen bis spätestens kommenden Dienstag. Warum ich?, fragte ich mich. Als kurz darauf die Mitteilung über den Eingang der nächsten Gehaltsabrechnung auf dem Datengerät eintraf, fiel es mir wieder ein.

Abends auf dem Rückweg sah ich am Rheinufer etwas, das morgens noch nicht da war und wahrscheinlich schon jetzt, da auch Sie es sehen, von irgendwelchen Vollidioten kaputt gemacht wurde.

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Die Sichtung eines neuen Nachbarn im Nebenhaus durch den Geliebten verlieh der häuslichen Abendkonversation eine gewisse Würze. Ich war zu müde für einen Ausdruck der Missbilligung und sehe vielmehr mit großer Gelassenheit dem langen Gesicht entgegen, wenn erstmals die Freundin des Herrn Nachbarn in Erscheinung tritt.

Freitag: Es hat sich vielfach bewährt, erstmal nichts zu tun. Zu dem gestern beklagten Arbeitsauftrag stellte man sich heute auch an höherer Stelle die Frage nach dem Sinn, bezeichnete dessen Vollzug gar als „overdone“. Leider waren da schon die meisten Kästchen ausgefüllt. Doch wozu klagen – es geschah in gut bezahlter Arbeitszeit.

Samstag: Anscheinend ist es von Relevanz, zu wissen, wo man heute vor zwanzig Jahren war, an dem Tag, als in Amerika … Sie wissen schon. Ich weiß es auch, möchte Sie aber ungern damit belästigen. Eine beliebte Aussage aus jenen Tagen war, von nun an sei nichts mehr, wie es war. Das ist nicht eingetreten, ob zum Glück oder leider, mag jeder für sich bewerten.

Laut Aufschrift auf der Zahnpastatube ist ihr Inhalt für den täglichen Gebrauch bestimmt. Ja was denn sonst?

Gemessen an der Zahl der zerstörten und heruntergerissenen Wahlplakate muss die Politikverdrossenheit erheblich sein. Was würden politische Parteien und Werbetreibende wohl dafür zahlen, wenn es ihnen gelänge, direkt in unsere nächtlichen Träume eingreifen zu können?

Sonntag: Wandertag im Siebengebirge mit lieben, seit Monaten nicht gesehenen Menschen; dazu Wiedersehensfreude unterstreichende Begleitgetränke und eine abschließende Einkehr in Königswinter. Die Hölle morgen früh ist mir egal.

Woche 35/2021: Natürlich gealterte Originale

Montag: Mittags im Rheinauenpark war bei den Wildgänsen eine gewisse Aufgeregtheit auszumachen. Vielleicht stritten sie darüber, ob sie angesichts der aktuellen Wetterlage früher aufbrechen sollen in den Süden, wer wollte es ihnen verdenken. (Danach spielte mein Hirnradio stundenlang „Nils Holgerson“ in Dauerschleife. Sollte es Ihnen beim Lesen dieser Zeilen nun ähnlich ergehen, bitte ich dies zu entschuldigen.)

Ein nicht zu unterschätzendes Problem in südlichen Regionen ist der Diebstahl von Sand, wie die Zeitung heute berichtet. Demnach wurden auf Sardinien durch den Zoll kürzlich 4,1 Kilogramm Sand sicherstellt, was mit Strafen bis zu dreitausend Euro geahndet wurde. Wohlgemerkt: Sand, nicht Goldstaub.

Man muss nicht alles verstehen. Auch dieses nicht:

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Ganz anderes Thema, dafür absolut verständlich im Sinne von nachvollziehbar, gelesen hier:

Denn wenn man auf Silberhochzeiten geht, dann sind das ja normalerweise die von alten Leuten, die von den Freunden der Eltern etwa. Also normalerweise ist das so. Es war diesmal aber die Silberhochzeit meiner Freunde, was zwingend bedeutet, dass wir das jetzt sind, die Zuständigen für derlei.

Dienstag: Von alt zu jung – üblicherweise übe ich mich in Zurückhaltung darin, andere Leute als dumm zu bezeichnen, wohnt dieser Bezeichnung doch stets eine gewisse, möglicherweise ungerechtfertigt-peinliche Selbsterhöhung inne. Doch scheint es mir hier zutreffend: Wie das Radio meldete, kletterte in Troisdorf mal wieder ein Jugendlicher auf einen Güterwaggon der Bahn, wo ihn umgehend und final der Schlag aus der Oberleitung traf; fünfzehntausend Volt leisten hier stets schnelle und gründliche Arbeit. Warum tun die das immer wieder? Werden die Digital-Naiven in ihren Ätzwerken, denen sie einen nicht unerheblichen Teil ihrer Zeit widmen, nicht davor gewarnt, Eisenbahnfahrzeuge zu besteigen, erst recht wenn sie unter einer Oberleitung stehen? Oder werden sie dort in zweifelhaften Challenges gar dazu ermutigt? – Und allen Vollkasko-Eltern, die nun bald wieder nach besseren Umzäunungen von Bahnanlagen verlangen, sei geschrieben: Das ist Unsinn, eure Nachzucht wird sie mühelos überwinden. So „schlau“ sind sie dann doch.

Mittwoch: Mit fünfunddreißig war ich ziemlich zufrieden – in Bonn die ersten Wurzeln geschlagen, frisch und glücklich verheiratet, auch sonst lief alles erfreulich. Heute diene ich seit fünfunddreißig Jahren demselben Arbeitgeber, auch das immer noch überwiegend zufrieden. Klar, manchmal sehnt man den Feierabend, das Wochenende, den nächsten Urlaub oder den Ruhestand etwas mehr herbei als sonst, aber insgesamt begebe ich mich immer noch ganz gerne ins Werk, auch wenn sich das hier vielleicht manchmal anders liest. So viele Jahre beim selben Arbeitgeber – wohl nur wenige heute Fünfunddreißigjährige können sich das noch vorstellen. Ach ja: Auch sonst bin ich immer noch ziemlich zufrieden, geradezu glücklich, vielleicht anders, aber keineswegs weniger als mit fünfunddreißig.

Donnerstag: Morgens auf dem Fußweg ins Werk sah ich das Rheintal in Nebel gehüllt, was die Motivklingel der Datengerätkamera anschlagen ließ.

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Ab Mittag wurde es sonnig-warm. Nach langen, entbehrungsreichen Monaten gab es abends dienstlich veranlasste Alkoholzufuhr, so richtig mit Menschen. Die häufig gestellte Frage des Abends lautete daher „Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen?“ Anlass war der erfolgreiche Abschluss eines großen Projekts bereits Anfang letzten Jahres, das dann aus bekanntem Grund nicht mehr angemessen begossen werden konnte. Es war sehr schön, man ist so etwas ja gar nicht mehr gewohnt, also das mit den Leuten, das mit dem Alkohol schon noch.

Nach vierzig entbehrungsreichen Jahren gibt es Erfreuliches für das Ohr, ich hätte nicht gedacht, das noch zu erleben, ABBA hallo. Öffentlich wollen die vier wohl nur noch in Form künstlicher Abbatare in Erscheinung treten, was ich einerseits verstehe, andererseits bedaure, da sie sich auch als natürlich gealterte Originale durchaus noch sehen lassen können.

Freitag: Ein nur kleiner Kater schnurrte in des ersten Stunden des Arbeitstags, das war es wert, siehe Eintrag von gestern. „Das ist ein getoggeltes Feature“ sagte einer während einer Präsentation und ließ meinen Sprachnerv leicht zucken.

Ich halte es für richtig, auch abweichenden Meinungen gegenüber offen zu sein, selbst wenn der Klimawandel mit seinen Auswirkungen als „fachpolitische Detailfrage“ bezeichnet wird. Daher mein ausdrücklicher Dank an Bundesstadt.com für dieses Gespräch.

Samstag: Wie morgens das Radio meldet, wird in Xanten heute die Schnick-Schnack-Schnuck-Meisterschaft ausgetragen, ohne Publikum, zudem nur mit Schere, Stein und Papier, aber ohne Brunnen, warum auch immer.

Als Mensch mit einer generellen, nicht rassistisch motivierten Fremdenreserviertheit lasse ich mich ungern von Unbekannten ansprechen. Daher ist es zurzeit anstrengend, durch die Fußgängerzone zu gehen: Überall stehen Leute an sonnenbeschirmten Tischchen, die einem etwas in die Hand drücken wollen und womöglich gar das Gespräch suchen.

Abends vernahm ich erstmals das schöne Wort „Pilzputzchampagner“ und übernahm es sogleich in die Schatulle meines aktiven Wortschatzes, auf dass es zur Verfügung steht, wenn mich der Liebste das nächste Mal zu Hilfstätigkeiten bei der Essenszubereitung heranzieht, selbstverständlich auch in analoger Anwendung beim Kartoffel- und Spargelschälen; „Schälchampagner“ dann eben. Es muss auch nicht zwingend Champagner sein, ein Cremant tut es auch.

Sonntag: Eimal mehr stellt sich die Frage, wie es diese Spezies so weit bringen konnte.

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Ich habe das Buch „Das Glück des Gehens“ von Shane O’Mara ausgelesen. Das Glück des Lesens war dabei begrenzt, da stellenweise etwas langatmig-theoretisch die zum Gehen erforderlichen Körper- und Hirnfunktionen erläutert werden. Etwas zu kurz kam mir dagegen das, was den eigentlichen Gehnuss ausmacht, nämlich aufmerksam und unabgelenkt durch ein Datengerät die Details am Wegesrand wahrzunehmen. Siehe auch vorstehendes Bild.

Von der Theorie zur Praxis: Warmes Spätsommerwetter lockte zahlreiche Menschen nach draußen; während des Sonntagsspaziergangs erforderte es einiges an Aufmerksamkeit, auf den Rheinbrücken nicht von Fahrrädern und Elektrorollern angefahren zu werden, während ich notorischen Linksgehern auswich. Als ich während des Gehens mit Blick auf eine öffentliche Uhr bemerkte, dass meine Armbanduhr drei Minuten vorgeht, stellte ich mir vor, wie ich sie abnehme und korrigiere, und wie, während der große Zeiger zurückwandert, alles um mich herum rückwärts läuft wie in einem Film, der zurückgespult wird. Was man so denkt, wenn die Sonne auf die ungeschützte Hinterkopflichtung sticht. Vielleicht wäre das was für die Mainzelmännchen.

Ich wünsche Ihnen eine angenehme neue Woche mit möglichst vielen erfreulichen Details am Wegesrand.