Woche 44/2021: Liebesglück und Linseneintopf

Montag: Allerheiligen. Ist es nicht schön, in einem Land zu leben, in dem es auch Agnostikern und Atheisten ohne geistliche Notlage gestattet ist, an solchen Tagen dem Werk fern zu bleiben? So verbrachte ich nach Ausschlafen und Frühstück mit den Lieben große Teile des Tages lesend auf meinem heimischen Lieblingsplatz. Etwa dieses vom Soziologen Ulrich Beck im SPIEGEL: »Grenzwerte sind eine Verständigung auf kollektive Normalvergiftung«. Von ihm stammt auch jenes: »Verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre«, passend zur aktuellen Klimadebatte, das ich bereits vor längerer Zeit notierte und noch keine Gelegenheit fand, es zu zitieren, was hiermit nachgeholt sei. Vielleicht lohnt es sich, Werke des Herrn Beck auf die Bücher-Wunschliste zu setzen. Empfehlungen nehme ich gerne entgegen.

Dienstag: Quasimontag. Erster Lichtblick des Tages beziehungsweise sein akustisches Pendant, mir fällt gerade kein Wort dafür ein: Morgens im Radio spielten sie „Music“ von John Miles. Was auch immer danach kommt – nach Verklingen des Schlussakkordes von „Music“ kann es nur blass erscheinen.

Weder blass noch fahl, sondern durchaus wohlschmeckend, wenn auch ungewöhnlich: Mittags in der Kantine gab es Linseneintopf mit Rindfleischstreifen.

Mittwoch: Der November zeigte sich kalt, nass und trübe, doch liegt das Glück ja oft darin, auch im Nasskalt-Trüben das Schöne zu sehen.

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Aus der Tageszeitung:

(General-Anzeiger Bonn)

In derselben Zeitung stand auch dieses: »Eine Familie im australischen Bundesstaat Queensland hat in seiner Klimaanlage zwei sich paarende Schlangen entdeckt.« Den Tieren sei das Liebesglück gegönnt, aber warum hat der Bundesstaat eine Klimaanlage? (Einer meiner Lieblingsaufregegründe, neben fahrradfahrenden Aufsdatengerätschauenden, ist, wie Ihnen möglicherweise nicht entgangen ist, falls Sie hier gelegentlich lesen, wenn das Geschlecht des Possessivpronomens abweicht vom Substantiv, auf das es sich bezieht, insbesondere in einem Medium gewissem Qualitätsanspruch. Vielleicht sollten auch Possessivpronomen konsequent gegendert werden.)

Donnerstag: Auch in Nordrhein-Westfalen steigen die Bierpreise, war morgens im Radio zu hören. Auf dem Weg ins Werk sah ich, thematisch zumindest ein bisschen dazu passend, dieses:

(Üblicherweise ignoriere ich – einer persönlichen Bequemlichkeit, vereint mit mangelhaften Fremdsprachkenntnissen folgend – nahezu alles, was nicht in deutscher Sprache verfasst ist. Hier mache ich indes eine Ausnahme, wobei ich zunächst die Bedeutung von „refuse“ nachschlagen musste. Was uns dieser Hinweis sagen will, ist mir dennoch nicht ganz klar.)

Zahlreiche Plakate am Wegesrand weisen auf baldige öffentliche Veranstaltungen hin, auch der private Kalender füllt sich nach monatelanger Unbeflecktheit wieder mit Terminen, die nicht nur am Bildschirm stattfinden. In Anbetracht der gerade wieder dramatisch ansteigenden Infektionszahlen denke ich: abwarten. Oder wie ein prominenter, aus mir unerfindlichen Gründen bis vor geraumer Zeit, ehe er in Ungnade fiel, als „Kaiser“ bezeichneter Fußballkasper zu sagen pflegte: Schau’n mir mal.

Freitag: In einem Anschreiben beschwerte sich ein Kunde über etwas, das ich hier weder bewerten noch inhaltlich näher beschreiben werde. Der Grund des Erwähnens ist mein Gefallen an der Formulierung „mit Befremden“, mit der er seine Anstoßnahme zum Ausdruck brachte, und die in geradezu erfreulichem Kontrast zum Üblichen steht in diesen Zeiten voller Hass, Empörung und Ausrufezeichen.

Was anderes, ich weiß nicht, wie ich darauf jetzt komme: Haben Sie auch manchmal das unerklärliche Bedürfnis, jemandem wortlos den Gehkaffeebecher aus der Hand zu reißen und ihm vor die Füße zu werfen?

„Abends werden die Müden faul“, sagte einer, wobei es natürlich heißen musste „… die Faulen müde“.

Samstag: Der Tag begann schön, weil beim Brausebad dieses im Radio lief.

Beim Frühstück hörte ich erstmals das neue ABBA-Album. Die Zeitung bemerkt dazu kritisch, die vier seien im Jahr 1979 stehen geblieben, hätten sich nicht weiterentwickelt. Ja genau. Deshalb finde ich das Album wunderbar und freue mich sehr darüber.

Gefreut habe ich mich auch über dieses, gelesen bei Frau Novemberregen: »im Theater erschien mir googeln situationsfern«, besonders über das Wort „situationsfern“.

Sonntag: Ein paar Spaziergangsbilder, denn Bilder sagen mehr als Worte.

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(Sie können gerne den angezeigten Link aufrufen, ich habe mich nicht getraut und übernehme selbstverständlich keine Haftung für eventuelle Schäden oder moralische Unwägbarkeiten.)
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Was ich noch sah, jedoch nicht fotografierte, war ein älteres Paar, das am Rhein spazierte. Sie trugen die gleichen Jacken, vorne blauer Stepp, hinten sowie Ärmel grau, soweit ich mich erinnere, ist nicht wichtig und nicht ungewöhnlich bei sich zusammengehörig fühlenden Menschen. Bemerkens- und notierenwert fand ich indes die identischen Frisuren – er hatte wie sie lange graue, zu einem Pferdeschwanz gebundene Haare. (Übrigens halte ich die Theorie, wonach Hund und Herr-/Frauchen sich im Laufe der Jahre immer mehr angleichen, trotz wiederkehrender Behauptung für an den Haaren herbeigezogen.)

Kommen Sie gut durch die Woche!

Woche 43/2021: Liebe, Wanderlust und Uhrenumstellung

Montag: Im Werks-Maileingang zwei Nachrichten von mittelmäßiger Wichtigkeit, eine von Samstag, 21:13, die andere von Sonntag, 17:45 Uhr. Was führen die Versender für ein Leben?

In einem Artikel über Egoisten in der aktuellen Ausgabe der PSYCHOLOGIE HEUTE wurde ich auf den „Dark Factor“ aufmerksam. Er misst „die Ausprägung des dunklen Kerns der Persönlichkeit. Unter Personen mit hohem D-Faktor sind solche, die den Schaden anderer nicht sehen, ihn billigend in Kauf nehmen, und solche, die andere absichtlich schädigen.“ Echte Arschlöcher also. Man kann die eigene Charakterdunkelheit hier selbst bestimmen, was ich sogleich tat. Das Ergebnis überrascht – mit einem Wert von 1,77 auf der Skala von 1 (hell) bis 5 (dunkel) scheine ich verträglicher zu sein als selbst geahnt.

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Dienstag: Die Sängerin Nena, vor geraumer Zeit durch zweifelhafte Äußerungen in Misskredit geraten, sang einst, als sie noch beliebt war, von neunundneunzig Luftballons am Horizont, die fast den befürchteten Atomkrieg ausgelöst (andere würden schreiben für einen Atomkrieg gesorgt) hätten. Ähnliches trug sich am frühen Abend bei uns zu, nachdem der in jeder Hinsicht harmlose Postkartengruß eines alten Freundes erst in die falschen Hände, dann in den falschen Hals geriet und so fast zu einem Eklat mit Polizeieinsatz geführt hätte. „Nichts ist so unlogisch wie die Liebe“, wird Florian Illies im SPIEGEL zitiert.

Mittwoch: In der Kantine verlangte vor mir einer nach einer „richtigen Männerportion“ und schaute sich anschließend beifallheischend um. Ich verdrehte (nur innerlich) die Augen und tat ansonsten so, als hätte ich es nicht gehört, was mich nicht daran hindert, es nun aufzuschreiben.

Aufgeschrieben und mir gesendet (also nicht nur mir, sondern allen, die es abonniert haben) hat Kurt Kister von der Süddeutschen Zeitung folgendes, unter anderem über die allgemein oder wenigstens in meiner Generation bekannte und beliebte Männerportion eines Nudel-Fertiggerichts:

»Es war diese gelbe Pappschachtel, deren Namen ich nicht nenne, weil ich sonst ein Influencer wäre, was ich auf keinen Fall sein möchte. Als ich Matthes die Alutüte aufschneiden sah und er das Tomatenmark in den Topf gab, schmeckte ich 342 einsame Abendessen in möblierten oder nichtmöblierten Wohnungen. Als er die Würzmischung über das Mark streute, wusste ich, dass man aufpassen muss, dass der Herd nicht so weit aufgedreht ist, weil sonst Blasen in der Tomatensauce entstehen. Und als er dann die rote Sauce über die irgendwie leichengelben Nudeln schüttete, roch ich diesen… nennen wir es mal wider besseres Wissen: Duft, und ich spürte schon das Völlegefühl im Magen, das man hat, wenn man die drei Portionen, wie es auf der Schachtel heißt, alleine aß. Ich habe sie immer alleine gegessen.«

Weiter schreibt er zu einen ganz anderen Thema:

»Es sind die Retro-Shows, und sie haben gerne Titel wie „Die 80er Show“. Man sieht irgendwelche Ausschnitte von Songs, Ereignissen oder Werbeclips. Dazwischen labern dann mehr oder weniger bekannte Menschen, oft in einer Ecke des Bildschirms, was sie gerade für Assoziationen hatten oder wie sie es damals erlebt haben. Dafür nimmt man gerne in den Sechzigerjahren geborene lustige Menschen, die vor 20 Jahren entweder mal etwas prominent waren oder auch nur deswegen heute prominent sind, weil sie immer aus der Bildschirmecke heraus was über Led Zeppelin oder Helmut Kohl sagen.«

Als in den Sechzigerjahren geborenem, wenn auch weder besonders lustigem noch (zum Glück) auch nur ansatzweise prominentem Menschen gefällt mir beides außerordentlich gut. Wenn Ihnen das auch gefällt und sie so etwas jeden Mittwoch in Ihrem Maileingang vorfinden möchten, klicken Sie hier und wählen Sie „Deutscher Alltag“ aus.

Donnerstag: »FDP-Chef Christian Lindner (42) und seine Lebensgefährtin Franca Lehfeldt (32) haben sich verlobt und wollen nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur heiraten«, steht in der Zeitung. Es liegt mir fern, das alte Gleichnis von Topf und Deckel erneut zu strapazieren, die Dame wird schon wissen, was sie tut, zudem wird sie ihn ohnehin nicht allzu oft auf dem heimischen Sofa herumzulungern haben, wenn er demnächst Minister ist. Viel bemerkenswerter finde ich die zusätzliche Klarstellung durch die DPA, dass die beiden auch heiraten wollen; bislang ging ich davon aus, diese Absicht wohne einer jeden Verlobung inne.

Von Liebesbanden zu Wanderlust: Heute war wieder einer dieser zahlreichen „letzten schönen Tage des Jahres“, den ich dank Inseltag nutzte, um die vierte Rheinsteig-Etappe von Linz am Rhein nach Bad Hönningen zu erwandern. Streckenweise ging es recht steil bergauf, deswegen heißt es ja auch Rheinsteig und nicht -weg oder -pfad. Doch die Mühe lohnt sich.

Letzter Dunst verzieht sich langsam
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Nicht nur Wasser sucht sich seinen Weg.
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Drogenanbau
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Oberhalb von Bad Hönningen verließ ich den Rheinsteig in Richtung Innenstadt und Bahnhof. Krasser konnte der Gegensatz nicht sein: Streichelten zuvor Wälder, Felder und Reben des Wanderers Auge, führte der Weg nun durch eine deprimierende Neubausiedlung mit wenig Grün, viel Pflaster und Schotter vor den Häusern, die nahtlos in ein nicht minder hässliches Industrie- und Gewerbegebiet überging.

Beachtenswert die Hinweise auf Waffen und Gebotsschilder

Die letzten Meter führten durch eine pittoreske Unterführung, die direkt am Bahnhof endete. Da die nächste Bahn in Richtung Bonn in wenigen Minuten abfuhr und keine einladende Gastronomie in Sichtweite war, verzichtete ich gar auf das traditionelle Belohnungsbier.

Hier unversehrt durchzukommen beeilen sich vermutlich sogar Rocker und Hooligans

Freitag: »Sorge vor Krawatten in Köln«, las ich morgens in der Zeitung. So sehr ich das langsame Ende dieses überflüssigen Halsschmuckes auch begrüße – nach nochmaligem Nachlesen galt die Sorge vielmehr Krawallen anlässlich einer größeren Demonstration gegen das Versammlungsgesetz. Wobei auch Krawatten und Versammlungen nicht vollkommen wesensfremd sind.

Apropos Ende: Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christuskind, sondern auch der Schreck, wenn im Büro beim Abreißen der Blätter des Dreimonatswandkalenders das Wort „Dezember“ erscheint. Nehmen wir es mit Lebkuchen und Humor, was bleibt uns übrig.

Welche Art von Humor hier den Programmierer trieb, wissen wir nicht.

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Samstag: »Stadt Bonn stellt Opernhaus auf den Prüfstand«, titelt die Zeitung. Das wäre wirklich sehenswert.

An einem Informationsstand von Amnesty International in der Innenstadt sah ich im Vorbeigehen – an solchen Ständen, seien es Tier-, Natur-, Kinder- oder Wasauchimmer-Schützer gehe ich stets besonders schnell vorbei, um nicht vollgequatscht zu werden – einen jungen Mann mit zwei langen, geflochtenen Zöpfen, gleichsam die Greta für Verfolgte. Das war so ziemlich das Lächerlichste, was ich seit langem gesehen habe, was ich kaum zu verbergen vermocht hätte, hätte er mich in der üblichen Weise („Hättest du [die glauben immer, einen duzen zu dürfen] kurz Zeit für …“) angesprochen. Hat er zum Glück nicht.

Uhrenumstellung im Haushalt K: Hier werden nicht einfach die Zeiger um eine Stunde zurückgedreht, vielmehr wurden beim Versandhändler meines Misstrauens neue Wanduhren bestellt.

Sonntag: An den Restaurantbesuch gestern Abend erinnere ich mich aufgrund der Fülle an Begleitgetränken nicht in allen Details. Da der Geliebte am Ende keine Schuhe mehr anhatte, wird es ganz gut gewesen sein.

Vor der Kirche in der Inneren Nordstadt steht diese Säule:

Beachten Sie den unfreundlichen Hinweis im orangen Feld, dem ich Folge leistete. Die Verse 26 und 27 lauten: »26 Darum lieferte Gott sie entehrenden Leidenschaften aus: Ihre Frauen vertauschten den natürlichen Verkehr mit dem widernatürlichen; 27 ebenso gaben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau auf und entbrannten in Begierde zueinander; Männer treiben mit Männern Unzucht und erhalten den ihnen gebührenden Lohn für ihre Verirrung.« Irgendwer hat ja immer was zu nörgeln.

Während des Spaziergangs am Nachmittag sah ich an einer Bushaltestelle eine junge Dame stehen, ins Datengerät vertieft, mit einem aufgesetzten Plüsch-Heiligenschein, ansonsten hatte sie nur wenig Engelhaftes an sich. Erst später ging mir auf, dass heute wieder dieses Halloween gefeiert wird.

Zum Schluss noch dieses:

»Aus dem Leben und der Kriminalstatistik weiß ich, dass man in der Regel nicht von einem dunkel durch den Garten huschenden Schatten ermordet wird, sondern von Menschen, zu denen man zu einem früheren Zeitpunkt einmal ,Liebling‘ oder ‚Schatz‘ gesagt hat.«

Denis Scheck in der PSYCHOLOGIE HEUTE

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche voller Liebe, Humor und – wenn Sie mögen – Begleitgetränken.

Woche 42/2021: Umsorgte umgestürzte Bäume

Montag: Nie ist das nächste Wochenende so fern wie am Montagmorgen. Doch ließ das Radio bereits in der Frühe meine Mundwinkel nach oben zucken, als es „Sternenhimmel“ von Hubert Kah spielte. Nie werde ich deren legendären Auftritt in der ZDF-Hitparade mit Dieter Thomas Heck vergessen, nachdem auch dort die „Neue Deutsche Welle“ hineingeschwappt war, mit der das Hitparadenpublikum, bislang seriöse Schlager-Interpreten wie Peter Alexander, Chris Roberts, Jürgen Marcus, Vicky Leandros, Lena Valaitis, Gottlieb Wendehals und Cindy & Bert gewöhnt, noch sichtlich fremdelte. Am Ende waren gar Buh-Rufe zu vernehmen.

Nicht minder zuckten die Mundwinkel, als ich in einer Präsentation über neue Mitarbeiterausweise anstatt des bis zur Ermüdung gebrauchten Platzhalters „Max Mustermann“ den Namen „Mix Mistermann“ las. Kennen Sie noch das alte Kinderlied mit den drei Chinesen und dem Kontrabass, das heute in Kitas wegen vermeintlicher Diskriminierung und kultureller Aneignung vermutlich nicht mehr gesungen wird? (Ja, nach dessen Logik müsste er „Mistirminn“ heißen.)

Dienstag: Es ist immer erfreulich, wenn man seine eigene fachliche Kompetenz wertgeschätzt sieht. „Ich rufe Sie an, weil sie Ahnung haben“, sagte der Kollege, der im Übrigen sehr nett ist und nicht zur Schleimerei neigt, was ihm bei mir mangels Macht und Einfluss auch nicht viel nützen würde. In diesem Fall hatte ich leider wirklich nur eine ungefähre Ahnung.

An der Kompetenz der WordPress-Algorithmen zu zweifeln erscheint indes nicht unbegründet:

Spontane Idee für ein Kinderbuch: Veganus, die kleine grüne Fliegenfalle, die keine Insekten mochte.

Auch Mundwinkel hebend: „Der Krug-Champagner hat nichts mit Manfred Krug zu tun, oder?“ – „Stell dich nicht so dusselig an“! – Die häusliche Stimmung ist ganz gut.

Mittwoch: „Die Bierversorgung ist gesichert“, steht in der Zeitung. Also alles halb so schlimm. Merke:

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Gesichert ist auch der Inseltag nächste Woche: „Ihr Antrag auf Abwesenheit wurde genehmigt“, schreibt mir das Zeiterfassungssystem. Einen Antrag auf Abwesenheit sollte es für alle Lebenslagen im privaten wie beruflichen Umfeld geben, etwa für lästige Besprechungen, unerwünschte Einladungen, Umzugshilfeersuchen oder Weihnachten.

Donnerstag: Sturm Ignatz (oder Hendrik, die Experten sind sich uneins) bläst uns einen durch Stadt und Land. Gibt es eigentlich einen Begriff für die Angst, von einem umstürzenden Baukran erschlagen zu werden?

„Entdecke wie es weitergeht“, las ich an einem zu mietenden Kleinwagen. Da hatte der Werbephrasengenerator offenbar einen schlechten Tag.

Augenscheinlich ist es vielen, gerade Jüngeren, nicht möglich, eine Strecke von A nach B zurückzulegen, ungeachtet der Entfernung und der Art der Fortbewegung, ohne dabei auf das Datengerät zu schauen oder zu telefonieren; das ist nichts Neues und keiner weiteren Zeile wert. Am frühen Abend wurde ich Zeuge, wie sich ein Motorrollerfahrer, nachdem die Ampel ergrünt war, im Anfahren die Unterseite des Mobiltelefons an die Seite seines Helmes hielt. Was mag er, außer dem satten Knattern des Zweitakters, wohl gehört haben?

Gerhard Richter ist laut Zeitungsbericht der weltweit wichtigster Künstler. Was bedeutet das? Wichtig wodurch und für wen oder was? Und was macht Herrn Richter wichtiger als etwa Vicky Leandros oder Mix Mistermann? Oder Bier?

Endlich: »Diese Formulierung für Hunde ist des General-Anzeigers nicht würdig. „Hunde“ wäre die umgangssprachliche Formulierung gewesen. Auch Tieren gebührt Respekt«, schreibt Ute G in einem Leserbrief. (Siehe dazu den Eintrag von vergangener Woche Montag.)

Freitag: „Auch in der Region sorgte das Sturmtief für umgestürzte Bäume“, schreibt die Zeitung. Dem sei entgegnet: Eine Mutter sorgt für ihre Kinder. Die Stadtwerke sorgen für Wasser und Strom. Der Papst sorgt für das Seelenheil, kleiner Scherz. Andreas Scheuer sorgt für das bayrische Straßennetz, kein Scherz. Aber wie soll ein Sturmtief für irgendwen oder -was sorgen? Und was haben die umsorgten umgestürzten Bäume davon? Ach das sagt man halt so? Mag sein, aber muss man es auch schreiben?

Samstag: Was neues von ABBA. Immer wieder schön und zweifellos mindestens so wichtig wie Gerhard Richter.

Der Zusammenhang zwischen Woke und Weck wird in einem Bonner Biomarkt veranschaulicht.

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Sonntag: Ja, es gibt immer was zu tun. Das bedeutet noch lange nicht, dass man immer was tun muss.

Das Wort zum Sonntag fand ich an einem Lampenmast:

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche mit möglichst gehobenen Mundwinkeln!

Woche 41/2021: Wenn man sonst nichts zu besorgen hat

Montag: „Diese Köter sind Kult“ übertitelte die Zeitung einen Artikel über Lassie und weitere durch Film, Funk und Fernsehen bekannt gewordene Hunde. Ich freue mich schon auf die empörten Leserbriefe.

In den Fernsehnachrichten äußerte sich zu den aktuellen Ereignissen in Österreich ein Politikwissenschaftler mit dem Namen Filzmeier. Manches kann man sich nicht schöner ausdenken.

Dienstag: Seit Tagen sind meine Lippen spröde. Dabei ist es eher unwahrscheinlich, dass ich mir den Mund fusselig geredet habe.

Unterdessen beschenkt uns wieder der Herbst mit seinen Früchten. Besonders seltsame Exemplare von ungefährer Tennisballgröße wirft in diesen Tagen ein Baum im Rheinauenpark ab. Da möchte man dann vielleicht doch lieber von einer stacheligen Kastanienfrucht getroffen werden. Auch sieht man besser davon ab, drauf- oder gegenzutreten.

Mittwoch: Es gibt keine Eisbären mehr in Wuppertal, meldete das Radio am Morgen. Da haben wir es: Wer jetzt noch am Klimawandel zweifelt, glaubt auch, oberstes Ziel von Facebook und Amazon sei es, das Leben der Menschen zu verbessern. Mal abgesehen von den Herren Zuckerberg und Bezos, deren Leben zumindest erheblich bereichert worden sind. Mein Leben ist auch ohne vorgenannte Datensauger ganz zufriedenstellend: Der Facebook-Anschluss ist lange gelöscht, das Instagram-Konto seit Jahren deaktiviert und Whatsapp nutze ich nur noch, bis es gesperrt wird, weil ich mich seit Monaten weigere, irgendeiner Änderung zuzustimmen. Bei Amazon bestelle ich aufgrund einer tiefen, schon ins Irrationale tendierenden Abscheu nichts, niemals. Lieber zahle ich ein paar Euro mehr. Und was es nur bei Amazon gibt, das gibt es für mich nicht, das ist dann eben so.

Das gibt es nicht, war auch mein erster Gedanke, als ich wenig später im Radio hörte, heute sei Welttag des übergewichtigen Tieres. Die ehemaligen Wuppertaler Eisbären dürften sich nicht mitgemeint fühlen.

Was es derzeit auch nicht gibt, sind Farbfilme. Sie sind weiträumig ausverkauft, weil die Jugend laut Zeitung zunehmend Gefallen an der Analogfotografie findet. So langsam komme ich nicht mehr mit. Vielleicht sollte ich meine alte Polaroid-Kamera mal zum Verkauf anbieten. Falls Sie interessiert sind, lassen Sie es mich wissen.

Donnerstag: Nicht wenige Menschen, überwiegend Männer, vermute ich, ohne es belegen zu können, legen Wert auf eine bestimmte Buchstabenkombination in ihrem Autokennzeichen, also die beiden Buchstaben in der Mitte. Beliebt sind die Initialen des eigenen Namens, andere versuchen sich in Humor, etwa der Bielefelder (BI) mit den Buchstaben „ER“, der Rhein-Sieg-Kreisler (SU) mit „CK“ und „FF“ oder der Koblenzer (KO) mit „TZ“ oder „HL“. Der Bonner (BN) hat da weniger Möglichkeiten. Mancher soll gar schon vor Gericht gezogen sein, um die Zuteilung seines Wunschkennzeichens zu erstreiten, warum auch nicht, wenn man sonst nichts zu besorgen hat. Eines ist jedoch stadt- und kreisübergreifend regelmäßig zu beobachten: ein bestimmtes Audi-Modell mit „TT“ im Nummernschild, sehr gerne in Verbindung mit einer nur einstelligen Ziffer. Was sagt das über den Charakter des Halters aus?

Kein Urteil erlaube ich mir über den Charakter desjenigen, der in einer Mail schrieb: „Dann mache ich mich mal zielorientiert auf die Suche.“ Ja wie denn sonst?

Freitag: In Köln und Bonn wird derzeit öffentlich kontrovers darüber diskutiert, ob Freitags der Muezzin von den örtlichen Moscheen zum Gebet aufrufen darf. Gemäß einer Umfrage lehnen das drei Viertel der Befragten ab. Öffentlichen Schallereignissen aller Art grundsätzlich eher ablehnend begegnend bin auch ich nicht dafür. Genauso wenig wie für das sonn- und feiertägliche Glockengeläut der Christen.

Was ich auch nicht hören möchte: Im Radio sagte eine „Arbeitnehmende“. Schöne Grüße aus der Genderhölle.

„Weniger haben, mehr sein“, hat jemand an eine Wand geschrieben. In der Tat kann man manchmal froh sein, was man alles nicht hat. Zum Beispiel spröde Lippen oder einen Kultköter. (Die am Montag erwarteten Leserbriefe sind übrigens ausgeblieben.)

Samstag: „Friedrich Merz setzt erste Ausrufezeichen“, steht in der Zeitung. Vielleicht als Kontrast zur noch amtierenden Bundeskanzlerin, die sechzehn Jahre lang weitgehend ohne dieses Satzzeichen auskam. Auch wenn ich sie nie gewählt habe – vielleicht wird man ihre unaufgeregte Art des Regierens demnächst vermissen.

Sonntag: Auch in Bonn-Beuel leuchtet der Herbst in seinen Farben.

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Kommen Sie gut und möglichst zielorientiert durch die neue Woche!

Woche 40/2021: Mail an Saskia Esken

Montag: „Ich bin mal afk“ schrieben während einer Zoom-Zusammenkunft gleich zwei Kollegen in den Chat. „afk?“ Nie zuvor gelesen. Vielleicht „auf Klo“? Aber nein: „away from keybord“, auf gut-westfälisch: wech vonne Tasten, wie eine kurze Recherche ergab, also womöglich durchaus dem Drängen der Peristaltik folgend. Wieder was gelernt, was ich nie wissen wollte.

Mittags nach dem Kantinenbesuch, während einer Runde durch den Rheinauenpark, sah ich einen Mitarbeiter der städtischen Entsorgungsbetriebe, der mit seinem kommunalorangen Fahrzeug und in ebendieser Farbe gekleidet die Abfallbehälter im Park leerte. Dabei dachte ich daran, was ich den ganzen Tag so am Schreibtisch mache und fragte mich, warum die Leute mit den wichtigsten Berufen oft am schlechtesten bezahlt werden.

Dienstag: Lobte ich nicht kürzlich erst den Sender WDR 4? Ein wenig davon muss ich zurücknehmen: Morgens während des Brausebades spielten sie Giesingers Jammern von der frustrierten tanzende Mutter. Leider zur Unzeit, ich stand gerade im Schaum und konnte nicht korrigierend eingreifen.

In einer Wochenmail las ich das schöne Wort „Schallereignis“, wobei das vorstehend genannte eines der eher unschönen Art war.

Bei Aufbruch zur Kantine im Mutterhaus stand ein Grillwagen vor dem Werkstor, ich entschied mich spontan um und erstand dort eine Currywurst mit Pommes, die ich in der Cafeteria unseres Nebengebäudes zu mir nahm, beziehungsweise dem Bereich, der davon übrig geblieben ist: einige Tische und Stühle, wohingegen der Verkaufstresen seit etwa achtzehn Monaten verwaist ist, Sie wissen schon warum. Obwohl inzwischen wieder einige Kollegen von der Heimarbeit in die Büros zurückgekehrt sind, saß und aß ich dort alleine, was ich grundsätzlich nicht als unangenehm empfinde. Notiz an mich: Nächstes Mal so setzen, dass nicht jeder, der zufällig vorbeigeht, sich verpflichtet fühlt, „guten Appetit“ zu rufen.

Mittwoch: Völlig egal, wie lange es noch bis Weihnachten ist – wenn es bei Rewe Nougat-Marzipan-Baumstämme gibt, werden die gekauft. Basta.

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Nachmittags wollte ich eine Mail an Saskia Esken schreiben. Nicht Tipps zu den anstehenden Sondierungsgesprächen, sondern was dienstliches. Erst als Outlook den Namen nicht im werksinternen Adressbuch fand, bemerkte ich, dass die anzuschreiben beabsichtigte Kollegin zwar Saskia, jedoch nicht Esken heißt, auch mit E am Anfang, aber eben ganz anders. Die machen einen aber auch langsam verrückt.

Donnerstag: Bei allem, was man tut und denkt, sollte man stets auch das Ende im Blick haben.

„Lebt eigentlich die Hildegard von Bingen noch?“ – „Die ist 1179 gestorben.“ – „Quatsch, die hat doch Schmuck für QVC gemacht.“ Was hier abends so gesprochen wird.

Freitag: Der Tag begann im Nebel, verlief ansonsten in erfreulicher Weise, indes ohne notierenswerte Ereignisse und Beobachtungen, und endete in der Gastronomie, die wir weitgehend unbenebelt wieder verließen. Wozu hat man eigentlich so ein schönes Impfzertifikat, wenn das nirgendwo überprüft wird?

Samstag: Morgens wurde ich zur Unzeit geweckt, weil Bauarbeiter gegen acht begannen, den Gehweg vor unserem Haus mit schwerem Gerät aufzureißen, auf dass die Siedlung demnächst an die Glasfaser angeschlossen ist und meine notierten Quisquilien noch schneller in des Netzes Weiten gelangen.

Nach dem Frühstück machten der Liebste und ich einen Ausflug an die Mosel, um unsere Weinvorräte zu ergänzen, die zwar bei weitem nicht erschöpft sind, aber man weiß ja nie. „Die A3 ist mit dichtem Verkehr unterwegs“, war im Autoradio zu hören.

Gewissermaßen die Kehrseite des Weingenusses ist der Gang zum Altglascontainer. Nach Rückkehr von der Mosel sah ich auf dem Weg dorthin einen Maler vor seiner Staffelei stehend seiner Kunst nachgehen. Als Motiv hatte er nicht den Rhein, das Siebengebirge oder etwas anderes ortstypisch im Bild Festzuhaltendes gewählt, sondern ausgerechnet das Stadthaus, jenen wenig pittoresken Betonfelsen in der Bonner Innenstadt, der in naher Zukunft entweder saniert oder, mit etwas Glück, abgerissen wird; und zwar ausgerechnet die besonders hässliche Rückseite mit der Parkhausausfahrt. Im Nachhinein ärgere ich mich ein wenig über mein westfälisches Unvermögen, fremde Leute anzusprechen und ihn zu fragen, wo das fertige Bild anschließend zu besichtigen ist, ich könnte mir vorstellen, dass das Ergebnis durchaus hypsch anzusehen ist.

Das Stadthaus in günstigem Licht betrachtet

Sonntag: Heute war wieder einer der zahlreichen „letzten warmen Tage des Jahres“, wie sie immer sagen, wenn die Sonne noch einmal scheint und das Thermometer steigen lässt. Mal sehen, wie viele noch folgen. Und verkaufsoffener Sonntag in Bonn, für die, die sowas brauchen.

Und wieder ging der Nobelpreis an mir vorbei. Dann nächstes Jahr vielleicht.