Woche 20/2022: Herbst im Mai und kosmopolitisch in der Eifel

Montag: Vierte und letzte Etappe der Tagungstournee in Bad Breisig. Dieses Mal bin ich mit der Bahn angereist, die bereits wenige Minuten nach Abfahrt in Bonn wegen einer Bahnübergangsstörung auf freier Strecke stehen blieb, vielleicht war dem Schrankenwärter unpässlich. Doch ist es nicht zu beklagen, mit nur zwei Minuten Verspätung kamen wir am Ziel an, nach Bahnmaßstäben, wonach alles bis sechs Minuten als pünktlich gilt, somit vor der Zeit.

Das Hotel heißt „Vier Jahreszeiten“, wobei mittlerweile augenscheinlich der Herbst dominiert. Auch das ist nicht zu beanstanden, ich mag den Herbst, auch im Mai. Und der Jüngste bin ich auch nicht mehr, da darf hier und da schon mal die Farbe etwas gilben.

Ein Restaurant am Rheinufer preist auf einer Tafel „Frische Pasta“ an, genau so in Anführungszeichen. Die vielleicht besser nicht bestellen.

Dienstag: Das Hotel wirbt mit „Erholung und Erlebnis am Rhein“. Mein Erlebnis am Morgen: Die Dusche wurde nicht warm, nicht einmal lau. Vielleicht ist jetzt auch der geeignete Zeitpunkt, das Kaltduschen zu üben, wenn bald das Gas knapp wird.

Mittwoch: Erinnern Sie sich noch, wann Sie sich das letzte Mal über Ihre eigene Schusseligkeit geärgert haben? Bei mir war das heute Abend. Das kam so: Wir waren heute zu zweit im Büro. Der Kollege hatte am späteren Nachmittag ein Gespräch mit dem Chef, danach wollte er zu uns kommen, um Wein abzuholen. Derweil machte ich, der Werktätigkeit für heute müde, Feierabend, schloss das Büro ab und fuhr nach Hause. Kurz nach 19 Uhr rief der Kollege an, er hätte bei Aufbruch zum Chef vergessen, seinen Büroschlüssel mitzunehmen, nun stand er vor verschlossener Tür. Daher überwand ich vorübergehend meine Abneigung gegen das Autofahren, lud den Wein ein und fuhr zum nicht weit entfernten Werk, den Kollegen zu erlösen und ihm dabei gleich den Wein zu übergeben. Nun dürfen Sie gerne raten, wer noch vergaß, den Büroschlüssel einzustecken. Ein Anruf beim Werks-Sicherheitsdienst löste dann das Problem.

Donnerstag: Noch eine Dienstreise, zweitägige Abteilungstagung (beziehungsweise „Offsite“, wie man das jetzt nennt) in der Eifel, derselbe Ort wie bei der letzten Dienstreise im März 2020 vor der Seuche, danach gab es aus bekanntem Grund lange Zeit keine mehr.

Nachmittags zog ein erhebliches Gewitter über das Land, vom Balkon meines Zimmers aus gut zu betrachten:

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Nach dem Gewitter, als der zuvor gefallene Regen in weißen Dampfschwaden wieder gen Himmel strebte, machten wir einen gemeinsamen Spaziergang, „Walk the talk“ genannt (wtf?), was eigentlich, wie mir die englischkönnende Kollegin erklärte, mit „Den Worten Taten folgen lassen“ zu übersetzen wäre, hier also nicht sonderlich gut passte; egal, Hauptsache es ist englisch und klingt modern-kosmopolitisch, auch und gerade in der Eifel.

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Und also walkten und talkten wir auf regennassen Pfaden, entsprechend sahen die Schuhe danach aus. Früher (ich merke selbst, wie ich mit zunehmendem Alter immer öfter Sätze mit diesem Wort beginne) gab es auf Hotelfluren einen Schuhputzautomaten, unter dessen rotierenden Bürsten man gleichsam im Vorbeigehen das Schuhwerk reinigen konnte, heute stand ich am Waschbecken und unterzog es mithilfe von Einwegtüchern aus dem Einwegtuchspender im Bad einer nur groben Säuberung.

Ansonsten ist das Hotel recht ordentlich. Im Zimmer gibt es Jackenhaken, was mir nicht viel nützt, da ich wegen Sommertemperaturen dieses Mal ohne Jacke reise, aber immerhin, es gibt sie. Bad und Toilette sind räumlich getrennt; das ist ungewöhnlich, aber nicht schlimm, gerade wenn man zu zweit/dritt reist, kann es von Vorteil sein. Einziges Minimanko: Sobald man das Zimmer betritt und den Lichtschalter drückt, geht der Fernseher an und belästigt den Gast mit Belanglosem. Aber das geschieht einem ja fast überall, auch ohne dass man zuvor einen Schalter betätigt.

Freitag: Als ich nach gut durchschlafener Nacht am Morgen den Vorhang zur Seite schob, waren Dorf und Umgebung in Nebel gehüllt.

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Unterdessen warnte der Wetterdienst vor dem Tief „Emmelinde“, das im Laufe des Tages Nordrhein-Westfallen und das nördliche Rheinland-Pfalz mit Sturm, heftigen Gewittern, Starkregen und Hagel heimsuchen sollte, auch Tornados wären nicht auszuschließen. In Bonn wurden vorsichtshalber gar die Schulen geschlossen. Deshalb behielt ich die Wetter-App im Auge, die für die Eifel erste meteorologische Unwägbarkeiten ab dem Mittag in Aussicht stellte. Als von jeher ängstlicher Mensch mit Hang zum Katastrophisieren malte ich mir bereits aus, was uns bevorstand: Unsere Veranstaltung war bis zum Mittag angesetzt, kurz nach Abfahrt würde es losgehen – umgestürzte Bäume die Weiterfahrt verhindern, derweil daheim in Bonn eine Windhose Haus und Modelleisenbahn verheert. Würde ich meine Lieben je wiedersehen? Um zwölf trug der Kollege immer noch in aller Ruhe vor, mehrfach unterbrochen von interessierten Fragen und Anmerkungen der anderen; sahen sie nicht die drohende Gefahr? Ich schwieg indessen mit wachsender innerer Unruhe, interessierte mich nur noch für Uhrzeit und App, die die Ankunft der Apokalypse in knapp einer Stunde ankündigte.

Wieder Erwarten verlief die Fahrt ungestört, unter anderem durch das Ahrtal, wo die Zerstörungen der Flut im vergangenen Juli noch immer deutlich sichtbar sind, ein bedrückender Anblick. Als wir in Bonn ankamen, schien die Sonne, das Haus stand noch. Um 19 Uhr, dem Zeitpunkt dieser Niederschrift, ist Emmelinde weitergezogen. Wieder einmal haben wir Glück gehabt.

Samstag: Erschreckend dagegen die Bilder aus Paderborn und Lippstadt, wo Emmelinde sich gestern heftig austobte, Verwüstungen und Verletzte hinterließ. Bei solchen Ereignissen denke ich: Vielleicht bleiben uns nur noch ein paar Monate oder Wochen; die Frage ist, was zuerst kommt: eine neue Virusvariante, die alles bisherige übertrifft, die nächste Wetterkatastrophe oder der Atomkrieg. An manchen Tagen ist es um meinen Optimismus nicht zum besten bestellt, bitte verzeihen Sie.

Sonntag: Im Garten blüht der Rhododendron. Das Kind, das mal meinen Namen trug, wunderte sich einst, dass es auch weiße „Rote Dendron“ gibt. Dabei gilt die Pflanze unter Experten als umstritten, als invasive Art mache sie heimischen Gewächsen den Lebensraum streitig. Gleiches gilt für die Halsbandsittiche, die mittlerweile auch hier in der Inneren Nordstadt regelmäßig zu sehen und hören sind. Das sagt der Mensch, von allen Arten die invasivste.

Hier einige Bilder vom heutigen Spaziergang:

Bonn, Friedrichstraße. Falls Sie noch auf der Suche nach einem Geschenk sind.
Geschenke auch in Bonn-Beuel. Man beachte das Grinsegesicht.
Nicht invasiv

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche.

Woche 19/2022: Zielloses Vorsichhindenken ohne konkretes Ergebnis

Montag: Morgens auf dem Fahrrad hätte ich Handschuhe gebrauchen können, ab Mittag wurde es warm, abends sah ich gar einen mit bloßer Brust durch die Stadt radeln. Nach Rückkehr aus dem Werk hingegen bildeten sich zu Hause auf meiner Brille Eisblumen, weil der Geliebte mit großer Begeisterung die Leistungsfähigkeit der neuen Klimaanlage testete. Darüber wird gelegentlich zu reden sein.

Dienstag: Bitte bilden Sie einen Satz mit den Begriffen Kantine, Naturpreißelbeeren und weißes Hemd.

Für Schönheit gilt wie für Idylle: Oft liegt es im Auge des Betrachters.

(General-Anzeiger Bonn)

Der Mensch braucht ab und zu Urlaub. Auch Politiker sind im weitesten Sinne Menschen, die meisten jedenfalls. Somit hat auch die Bundesverteidigungsministerin ein Recht auf Urlaub, selbst dann, wenn andere Länder gerade Krieg führen; irgendwo ist immer Krieg, so sind wir Menschen nunmal, einander in Ruhe zu lassen liegt nicht in unserer Natur, weder im Großen noch im Kleinen. Und also machte sie sich mit Sohn auf nach Sylt, die Anreise verband sie mit einem dienstlichen Termin, wie es vielleicht jeder schon getan hat, der gelegentlich auf Dienstreisen ist. Die Mitreise des Sohnes in staatlichem Fluggerät bezahlte sie ordnungsgemäß, niemandem ist ein Schaden entstanden. Über was genau regen sich nun alle auf? Es gab schon gewählte Staatschefs, die Schwiegersöhne zu Beratern und Ministern ernannten.

Mittwoch: Gehört in einer Besprechung: „Ich habe keine Hunde, das ist mir zu stressig, wenn ich in den Urlaub fahren will und dann nicht weiß, wohin damit. Dafür habe ich Kinder, die machen genauso viel Dreck.“ Das muss dieses Elternglück sein, von dem alle schwärmen.

Gelesen in der Zeitung: „In Fourstones in Northumberland färben sich die Rapsfelder zur Blütezeit gelb.“ Wer hätte das gedacht.

Donnerstag: Gegen halb vier in der Frühe wurde ich geweckt vom an- und abschwellenden Ton einer Alarmsirene im Landgericht nebenan, vielleicht war jemand aus seiner Zelle oder ein Feuer ausgebrochen. Nachdem ich die Fenster geschlossen hatte, war sie nicht mehr zu hören, entweder weil sie inzwischen verstummt war oder durch die üblichen Schlafgeräusche von der Nebenmatratze übertönt wurde. Leider bringt es das fortgeschrittene Alter mit sich, dass ich, einmal erwacht, manchmal nur schlecht wieder einschlafe. Stattdessen springt der Gedankengenerator an, wobei es keine unangenehmen Gedanken waren, kein um ein diffuses Problem kreisendes Grübeln, vielmehr ein zielloses Vorsichhindenken ohne konkretes Ergebnis, sieht man einmal von dieser Notiz ab. Irgendwann kurz vor fünf schlief ich dann doch nochmal ein und träumte irgendwas von Roland Kaiser.

Laut Radiomeldung am Morgen beherrschen Kinder immer weniger den Umgang mit Fahrrädern. Manche stiegen von der einen Seite auf und fielen zur anderen wieder runter, so der Sprecher. Trotz vorausgegangenen Schlafmangels musste ich daraufhin doch etwas grinsen, was am frühen Morgen nicht häufig vorkommt.

In der Inneren Nordstadt war heute Sperrmüllabfuhr.

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Das unerwünschte Lärmen ging nach Ankunft im Werk weiter, als direkt vor dem Fenster Arbeiter mit einem von einem knatternden, abgasenden Verbrennungsmotor angetriebenen Aufzug Dämmmaterial auf das gegenüberliegende Dach beförderten. Somit war auch der Büroschlaf erheblich beeinträchtigt.

Freitag: Es ist vielleicht nicht jedermanns Sache, einen Freitag den dreizehnten mit einem Zahnarztbesuch zu beginnen. Doch verlief der Termin schmerzfrei und auch sonst gab es nichts zu beklagen. Seit vielen Jahren bin ich nun bei diesem Zahnarzt, noch niemals hat er mir wehgetan. Da habe ich in der Kindheit und Jugend mit Dr. G. in Bielefeld-Stieghorst ganz anderes erlebt.

Aus einer Besprechung: „Wir müssen das Pferd von hinten aufrollen.“ Vielleicht habe ich mich auch verhört.

Man müsse alle Menschen wertschätzen, ungeachtet ihres jeweiligen Lebensentwurfs, stand irgendwo. Ich möchte nicht als oder in einem Entwurf leben.

Samstag: Eine Fahrraddemonstration rollt durch die Stadt, Motto: „Kidical Mass – Kinder aufs Rad!“ Also jedenfalls die, die nach dem Aufsteigen nicht zur anderen Seite herunterfallen.

Ein rastalockiger – nun ja: Musiker terrorisiert in der Fußgängerzone Fußgehende und Gäste der Außengastronomie mit weithin hörbarem Flötenspiel, begleitet von unter seinen Schuhsohlen angebrachten Klapperschellenrasseln, mit denen er den Takt schlägt. Lied auf Lied, er hört nicht auf; es ist furchtbar, keine zwei Minuten lang möchte man es hören. Womöglich basiert sein Geschäftsmodell auf der Hoffnung, jemand biete ihm eine größere Geldsumme an unter der Bedingung, dass er sofort aufhört und sich in einen anderen Stadtteil verzieht.

In der Innenstadt gibt es ein Fachgeschäft für Barfußschuhe. Warum nicht. Demnächst dann vielleicht auch eines für Nackthemden.

Sonntag: Bei bestem Kurze-Hosen-Wetter verband ich den Sonntagsspaziergang mit dem Einwurf eines handgeschriebenen Briefes und der Entsorgung einer größeren Anzahl Bücher in diverse öffentliche Bücherschränke. Mögen sie anderen Freude bringen, sowohl der der Brief als auch die Bücher.

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Ansonsten gelesen:

»… schließlich ist unsere Realität nicht unbedingt dazu angetan, dass man sich jeden Tag 24 Stunden lang darin aufhalten möchte.«

Der Autor Sascha Mamczak in der PSYCHOLOGIE HEUTE über Science Fiction

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme neue Woche möglichst ohne störende Geräusche.

Woche 18/2022: Camargue in Brandenburg und Sympathie in Lippe

Montag: »Das ist harter Tobak«, ist in einem Zeitungskommentar zu lesen. Auf der Liste der abgegriffensten Metaphern ein ganz alter Hut.

Wie weiterhin in der Zeitung zu lesen ist, erlaubt ein Göttinger Schwimmbad aus Gründen der Geschlechtergerechtigkeit jetzt auch Besucherinnen an Wochenenden den Besuch mit freiem Oberkörper. (Für Freunde des generischen Femininums: also allen Besucherinnen.) Das ist zu befürworten, solange aus der Erlaubnis keine Verpflichtung wird.

Dienstreise nach Schönefeld bei Berlin. Die Notdurft der mitfahrenden Kollegin erforderte einen kurzen Halt auf einem Rastplatz. Wo wir schon mal hielten, wollte auch ich die Gelegenheit nutzen, kam allerdings nicht dazu, weil die Herrenabteilung der Toilette verschlossen war. Jetzt, da Frauen oben ohne ins Freibad dürfen, wäre es wünschenswert, endlich auch diese unsinnige Geschlechtertrennung bei Toiletten zu überdenken. Und wozu gibt es immer noch Damen- und Herrenfahrräder?

Wo wir gerade beim Wünschen sind: Der Ort Wünschdorf wird auf einem braunen Sehenswürdigkeitenhinweisschild am Autobahnrand als „Bücher- und Bunkerstadt“ bezeichnet. Vielleicht habe ich mich auch verlesen.

Dienstag: Teil zwei unserer Tagungstournee. Der Tagungsort ist, verglichen mit Buch am Ammersee in der vergangenen Woche, nicht ganz so idyllisch gewählt, aber wir sind ja nicht (nur) zum Vergnügen hier: Statt bayrischer Seeidylle Neubau- und Gewerbegebiet. Immerhin – in einem Teich zwischen Bahnstrecke und vierspuriger Straße weilen Flamingos, und sie scheinen sich dort nicht unfreiwillig aufzuhalten. Ein Hauch von Camargue in Brandenburg.

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Finde den Fehler.
Kleines Rätsel am Wegesrand
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Auch das kollegiale Abendprogramm war überwiegend angenehm. Gewiss, einer nervt immer, das gehört dazu. Im Übrigen kann ich wunderbar abschalten, während andere über Fußball sprechen.

Mittwoch: Dank rechtzeitigem Absprung am Vorabend erwachte ich in einigermaßen erfreulichem Zustand. Dennoch verzichtete ich aus in der vergangenen Woche bereits dargelegten Gründen auf das Frühstück.

Tagsüber gehört und notiert: „Wir sind relativ statisch unterwegs.“

Zügig unterwegs waren wir nachmittags auf dem Weg nach Celle zur dritten Tagungsetappe, die morgen startet. Nach dem Abendessen in kleiner Runde im Hotelrestaurant zeitig ins Tuch. Man weiß nicht, was einem der nächste Abend abverlangt.

Donnerstag: Hypothese: Je voluminöser der Gast, desto größere Mengen an Nahrung werden auf den Teller gepackt. Während meiner stillen Beobachtung beim Frühstücksbüffet treten Ursache und Wirkung in einen fröhlichen Streit miteinander. Ansonsten gibt es Saftgläser in angemessener Größe und im Zimmer einen Haken für die Jacke, was in Hotels keineswegs selbstverständlich ist.

Neben uns tagt hier auch eine Gruppe von Rheinmetall, ein Unternehmen, das seine Eigenschaft als bevorzugtes Verabscheuungsobjekt aus aktuellen Gründen zumindest teilweise eingebüßt hat. Bleibt immer noch Amazon.

Vor dem Abendessen ging ich ein wenig durch die Gegend.

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Rapsfelder gehen immer
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Freitag: Erst gegen Mittag kehrte das uneingeschränkte Wohlbefinden zurück, da am Vorabend Rosé, Hausbrand, Wiedersehensfreude und Willensschwäche in eine ungünstige Konstellation getreten waren, die morgens noch etwas nachwirkte.

Gegen 18 Uhr kehrte ich nach einer sehr angenehmen Tagungswoche heim in die Arme der Lieben. Die vierte und letzte Etappe folgt übernächste Woche, ich freue mich drauf.

Samstag: Da plötzlich Sommer ist, frühstückten wir erstmals in diesem Jahr auf dem Balkon, den wir neuerdings mit dem Außenaggregat der neuen Klimaanlage teilen, die seit dieser Woche unsere Wohnung bereichert, weil die Lieben meinen, wir benötigen derlei, und wer bin ich, daran zu zweifeln. „Daran gewöhnst du dich“, sagt der Liebste. Bestimmt, man gewöhnt sich angeblich auch an Tinnitus. Und im Gegensatz zum Ohrenflöten kann man auf dem Gerät Dinge abstellen, immer auch das Positive sehen.

„Ich würde mir wünschen, dass du das mal begutachtest“, hörte ich in der Fußgängerzone einen zu seiner mutmaßlichen Gattin sagen. Vielleicht haben sie gerade ein Seminar über erfolgreiche Kommunikation in der Partnerschaft absolviert.

Sonntag: Um 0:45 Uhr aufgewacht, weil jemand an der Haustür geklingelt hatte (wobei das bei uns nicht klingelt, sondern ein „Düdl-düdl-düdl“-Geräusch ertönt; ich wollte aber nicht „gedüdelt“ schreiben). Da wir weder Besuch noch ein weiteres Paket erwarteten, reagierten wir nicht und konnten, da nicht erneut geklingelt beziehungsweise gedüdelt wurde, in Ruhe weiterschlafen.

Heute vor fünfundzwanzig Jahren erkannten zwei (damals noch) junge Männer während einer Gruppenwanderung durch lippische Wälder und Fluren gegenseitige Sympathie; auf den Tag genau fünf Jahre später sagten sie vor dem Bonner Standesamt „Ja“. Mein Liebster, danke für die Jahre, in denen wir uns nun schon aufs Angenehmste reiben! Ich freue mich auf die nächsten fünfundzwanzig. Mindestens.

Der zwanzigste Hochzeitstag heißt übrigens „Porzellanhochzeit“. In Japan heißt es „Kintsugi“, wenn die Risse eines zerbrochenen und wieder zusammengefügten Porzellangefäßes mit Goldstaub hervorgehoben werden, habe ich mal irgendwo gelesen. Das hat keinen direkten Bezug zum vorstehenden Absatz, ist trotzdem schön.

Auch schön. Wenn wir Menschen uns irgendwann erfolgreich selbst ausgerottet haben, wird sich die Natur alles ganz schnell zurück holen. Immer das Positive sehen.

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Kommen Sie gut durch die sommerliche Woche.

Woche 17/2022: Gratulationsgetöse in der Gruppe und Frühfremdeln am Ammersee

Montag: Die neue Arbeitswoche begann mit einer Dienstreise nach Buch am Ammersee, meine erste richtige seit Siewissenschon. Man hat schon schäbigere Tagungsstätten gesehen.

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Ein Kollege ist Vater geworden, woraufhin das übliche Gratulationsgetöse in der Abteilungswhatsappgruppe anhob. Ich zögerte zunächst, nicht, weil ich anderen ihr Elternglück missgönnte, sondern immer weniger nachvollziehen kann, warum man sich jetzt noch fortpflanzt. Schließlich hielt ich einen Glückwunsch doch für angebracht; was kann ein neuer Mensch in diesen Zeiten mehr brauchen als Glück? Diesen Zusatz verkniff ich mir indes.

Frau Anje schrieb, durchaus passend zum Vorstehenden, wieder einen Satz, dem ich vollumfänglich zustimme: »Wirklich dankbar bin ich für all die Probleme, die ich nicht habe, weil es so unendlich viele Dinge gibt, die ich schlicht nicht brauche oder die mich überhaupt nicht interessieren, so dass ich sehr viel Energie spare, weil ich mich weder über diese Dinge informieren noch aufregen muss.«

Dienstag: Zu den Dingen, die ich während Siewissenschon nicht vermisste und erst wieder neu erlernen muss gehört es, in einem Hotel aufzuwachen und mich danach zu motivieren, zum Frühstück aufzubrechen, wo andere schon zur Unzeit mit mir sprechen wollen. Statt Büffet erhielt jeder Gast eine persönliche Etagere mit Brötchen, Croissant, Wurst, Käse, Marmelade und Müsli, dazu ein Ei, wahlweise gekocht, gerührt oder gespiegelt, was meiner Appetitlosigkeit am Morgen geradezu spottete. Dafür sind auch hier wie üblich die Saftgläser lächerlich klein.

Sonst ist es hier wirklich sehr schön, doch was nützt das, wenn zwischen Ende des Tages- und Beginn des Abendprogramms nur wenig Zeit zur eigenen Verfügung steht und es dazu noch regnet.

Auch ein schönes Trafohäuschen für meine Sammlung haben sie hier, wenn auch kein Turm, oder allenfalls ein sehr niedriger:

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Ansonsten haben heute laut Zeitung Namenstag: Kletus, Ratbert, Richardius und Trudpert. Klingt wie die Wilden Vier aus der Augsburger Puppenkiste.

Mittwoch: Trotz Frühfremdelneigung am Morgen war es eine schöne Veranstaltung. Immerhin gab es heute zum Frühstück keine überdimensionierte Etagere, sondern bedarfsgerecht ein Schälchen Müsli vom Büffet.

Schön war danach, sich wieder ohne Angst vor Ansteckung mit einer größeren Anzahl Menschen persönlich auszutauschen, die man lange nicht gesehen hat; auch die nicht geringe Bierzuführung am Vorabend verursachte keine nennenswerten Nachwirkungen. Daher freue ich mich auf zwei gleichartige Veranstaltungen an anderen Orten in der kommenden Woche.

Während einer Fahrtunterbrechung schlug die Motivklingel meines Datengerätes an:

Suchbild: Wo bin ich?

Donnerstag: Während im Werk das Abarbeiten der tagungsbedingten Rückstände recht gut von der Hand ging, war draußen auch das Eichhörnchen fleißig. Es nutzt zur Bevorratung seiner Bestände nun nicht nur das bekannte Loch unterhalb des Daches, sondern auch zwei weitere Höhlen jeweils in Ecken von Fensterstürzen. Apropos stürzen: Offenbar kann er nur an den Hausecken hoch- und runterlaufen, jedoch nicht an der planen Wand. So wäre es beim Sprung vom Fenster zur Hausecke einmal beinahe in die Tiefe gestürzt, konnte sich aber so gerade noch, gleichsam im Sturzflug, an der Ecke festkrallen. Sehr beeindruckend.

Mittags ging ich eine Runde durch den Rheinauenpark.

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Freitag: Vergangene Nacht geträumt, Österreich hätte Bayern annektiert. Trotz eindringlicher Videoansprache von Markus Söder zeigte man sich in Berlin weitgehend unbeeindruckt, es wurden nicht einmal Sanktionen erwogen, um die Versorgung mit Mozartkugeln nicht zu gefährden.

Abends waren meine Lieben und ich in einer Beueler Gaststätte, wo ich (vermutlich) erstmals Sauerbraten vom Pferd aß, deren Spezialität. Hat gut geschmeckt, unterscheidet sich nach meinem Geschmacksempfinden allerdings kaum vom herkömmlichen Rind-Sauerbraten. Und nein, ich finde es in keiner Weise anstößig, Pferdefleisch zu essen.

Samstag: »Kultur mit all seinen wie auch immer gearteten negativen Auswirkungen ist lebensnotwendig«, ist in einem Leserbrief in der Zeitung zu lesen. Es bleibt schwierig.

Schwieriger als gedacht gestaltet sich auch der beabsichtigte, vor drei Wochen angekündigte Erwerb eines Hutes. Das genannte Hutgeschäft in der Bonner Innenstadt, das ich heute in bester Kauflaune aufsuchte, hatte leider nichts Ansprechendes im Angebot. Nicht schlimm, es hat keine Eile.

Stattdessen kaufte ich Schuhe. Im fortgeschrittenen Alter neigen Männer oft zu seltsamen Anschaffungen, so kaufen sich manche in ergrauten Jahren einen Sportwagen, mit dem sie fortan ihren Mitmenschen auf die Nerven gehen. Ich hingegen begnügte mich mitmenschenschonend mit weißen Turnschuhen.

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Sonntag: Der Mai ist gekommen. Zum Einlaufen der neuen Schuhe machte ich einen langen Spaziergang, der zur Würdigung des ausgefallenen Feiertages mit einer Einkehr auf ein Weizenbier in der Südstadt garniert wurde.

Andere feierten den Tag der Arbeit klassisch, indem sie mit einem Protestzug durch die Innenstadt marschierten, wobei die auf Bannern und mündlich vorgetragenen Parolen – irgendwas mit „Kapitalismus“ und „System“ – ein wenig aus der Zeit gefallen schienen.

»RASSISMUS TÖTET.« hat schon vor längerer Zeit jemand in großen Buchstaben an eine Hauswand nebenan geschrieben. Ganz klein hat jemand anderes dazu ergänzt: »NA UND?«. Letzterer Zusatz wurde nun von einem Dritten, oder dem Ersten, man weiß es nicht, durchkritzelt. Ordnung muss sein.

»Liebe ist halal«, ist an einem Laternenpfahl zu lesen. Aber vermutlich nur zwischen Mann und Frau, wage ich gedanklich zu ergänzen.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche mit viel Liebe.

Woche 16/2022: Halbfinger, Warmduscher und Hintensitzer

Montag: Vergangenen Woche nahm ich Anstoß an zahlreichen Motorrädern, die den ganzen Tag an unserer Ferienwohnung vorbeidonnern. Immerhin beginnen sie damit erst nach neun Uhr, somit ist die Nachtruhe ungestört, man soll ja möglichst auch das Positive sehen. Dennoch frage ich mich nicht zum ersten Mal, warum die Dinger, also jedenfalls viele davon, so laut sein müssen und dürfen, zumal es ja auch durchaus moderat gestimmte Modelle gibt. Findet man als Motorradfahrer das Geknatter generell toll, oder nur das der eigenen Maschine?

Nachmittags machten wir einen Ausflug nach Vaison-la-Romaine, das noch erstaunlich touristenleer schien. Den Geliebten zog es in ein Geschäft, dass ausschließlich Geschirr vermeintlich provencalischer Machart anbietet, Sie kennen vielleicht diese grellfarbige Keramik, vermutlich aus chinesischer Produktion. Mit geradezu kindlicher Begeisterung nahm er einige Tassen in Augenschein, deren Erwerb nur mit Mühe zu verhindern war, zumal wir zu Hause Tassen in ausreichender Anzahl und etwas darüber hinaus im Schrank haben. Gleichsam ein Enfant im Porzellanladen.

Blühendes in Vaison-la-Romaine

Bei Frau Diekmann las ich erstmals vom äußeren Schweinehund, der meines Erachtens, im Gegensatz zu seinem inneren Bruder, viel zu wenig Beachtung findet.

Dienstag: Nach Ostern ist die Zahl der am Haus vorbeibrausenden Motorräder merklich zurückgegangen. Dafür brausen nun umso mehr P- und LKW vorbei. Was soll man machen.

Wir wohnen hier nicht nur in häuslicher Gemeinschaft mit Hühnern, die durch ihre Bewegungen und Geräusche Stadtbewohnern wie uns stets ein Lächeln entlocken, sondern auch mit einem Gecko, genauer: einem Europäischen Halbfinger, wie der Liebste recherchiert hat, der abends, während wir uns dem Nachtglas widmen, regungslos an der Hauswand oder kopfüber an der Decke der Terrasse verharrt, um seinen Appetit auf Spinnlein und ähnliches Getier zu stillen. Also der Gecko, nicht der Liebste; letzterer isst normalerweise mit uns am Tisch.

Auf dem Weg zum Nachmittagsgetränk

In Frankreich ist Wahlkampf.

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Was man hier nur wenig sieht, sind blau-gelbe Ukraineflaggen. Gleichwohl ist die daraus folgende Ölkrise auch in hiesigen Supermärkten angekommen.

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Mittwoch: Morgens gab es kein warmes Wasser mehr. Die Warmwasserbereitung erfolgt hier in einem großen Behälter im Nebenraum, der mit (vermutlich Atom-)Strom aufgeheizt wird und offenbar seine Funktion vorläufig eingestellt hat. Somit startete der Tag für mich als im Kaltduschen Ungeübter ohne das tägliche Brausebad, was man wohl überlebt.

Nachmittags besuchten wir zwei Weingüter in Beaumes-de-Venise und Vacqueyras. Auf dem Hinweg kamen wir an La Roque-Alric vorbei, einem pittoresk an einen Berghang gebauten Dorf, dessen wesentliche Funktion darin liegt, als Motiv für Postkarten und Touristenfotos zu dienen. Vom Verkaufs- und Verkostungsraum in Vacqueyras aus ein wunderbarer weiter Blick über noch zart begrünte Weinberge, Wege, Baumgruppen, Hecken, Zypressen, Ginsterbüsche, einzelne Häuser und Gehöfte; ein Gemälde aus verschiedenen Grün-, Ocker-, Braun-, Grau und Blautönen mit einigen gelben Sprenkeln darin. Auch an diesem kühltrüben Tag hätte ich dort stundenlang stehen und schauen können, obwohl nicht viel passierte; hier wurde etwas an den Reben gezupft, dort fuhr ein Traktor durch das Bild. Wie schön muss es sein, jeden Morgen nach dem Aufwachen diesen Anblick zu genießen? Und wie lange würde es dauern, bis durch die Gewohnheit des Täglichen auch hier der Genuss ermattet?

Im Übrigen verweise ich auf meine diesbezüglichen Ausführungen hier von 2010 sowie aus vergangenem September:

»Nicht zum ersten und bestimmt nicht zum letzten Mal stelle ich mir vor, wie es wäre, dauerhaft hier zu leben. Vielleicht in einem eigenen Haus etwas außerhalb, umgeben von Weinreben und Olivenbäumen, ein Lavendelfeld in Sichtweite, dazu Aussicht auf den Mont Ventoux und unser Schwimmbecken, in dem meine Lieben plantschen, während ich im Schatten der Terrasse belanglose Zeilen im Notizbuch vermerke. Im Winter knackt das Feuer im Kamin, während eisiger Mistral das Haus umtost. So schön das klingen mag – es spricht doch einiges dagegen. Allein schon fehlte mir der Mut, zu Hause alles abzubrechen und hier neu anzufangen, einschließlich Erlernen der Sprache, die ich auch nach Jahren nur rudimentär beherrscheanzuwenden im Stande bin. Und verliert das Schöne nicht irgendwann seinen Reiz, wenn man dauerhaft darin wohnt? Wer weiß, vielleicht werden durch den Kimawandel bald alle Sommer in der Provence unerträglich heiß, oder Marine Le Pen übernimmt die Macht, dann heißt es womöglich „Ausländer raus“ und „Schwule hängen“ mit unabsehbaren Folgen für ausländische Schwule. – Freuen wir uns also lieber auf das nächste Mal.«

Nach Rückkehr hatten die Vermieter unserer Wohnung das warme Wasser wieder ans Laufen gebracht. Ab morgen wieder Warmduschen.

Zur Feier des Liebsten Geburtstags verbrachten wir den Abend in einem sehr guten örtlichen Restaurant. Nach dem Hauptgang brachte der Wirt eine kleine quadratische Torte mit brennendem Kerzlein darauf an unseren Tisch, nötigte uns, für den Liebsten zu singen, auf dass auch die übrigen Gäste von seinem Anniversaire erfuhren, teilweise stimmten sie gar ein. Kaum war das Kerzenlicht ausgeblasen, wurde das noch unangetastete Törtchen wieder abgeräumt; wenig später servierte der Wirt drei Streifen daraus, von der Menge her völlig ausreichend, als Dessert. Was er mit dem Rest gemacht hat, entzieht sich meiner Kenntnis.

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Die Neigung, in Dingen Gesichter zu erkennen, heißt übrigens Pareidolie.

Donnerstag: Nach Brausebad und Frühstück fuhren wir nach Avignon, der Stadt der Päpste, halben Brücke und Mireille Matthieu. Dort besuchten wir die örtliche Markthalle, wie es sie in vielen größeren französischen Städten gibt. Während der Liebste Einkäufe tätigte, prüften der Geliebte und ich die Getränkequalität einer der Bars und wir kamen zu einem zufriedenstellenden Ergebnis. Erstaunlich, wie viele Menschen, augenscheinlich keine Touristen, sich mittags an einem gewöhnlichen Wochentag an der Bar einer Markthalle aufhalten, nicht nur für einen schnellen Kaffee oder ein Wasser, die meisten hatten ein Weinglas vor sich, das vom freundlichen Barmann regelmäßig nachgefüllt wurde. Offenbar nicht oder nicht überwiegend aus Verzweiflung, sondern Lebensfreude. Wie wenig Aufenthaltsqualität bietet dagegen etwa der Bonner Wochenmarkt, wo man mit Angeboten wie „Ein Kilo Tomaten ein Euro“ angeschrien wird und schon deshalb lieber schnell weitergeht.

»Lungensport in Schwarzrheindorf« lautet eine Artikelüberschrift in der Zeitung, die ich dank Netz auch im Urlaub lese, wohingegen ich auf die Fernsehnachrichten problemlos verzichten kann. Klingt nach einem Wettrauchen.

Freitag: Der letzte Urlaubstag ist stets mit einer gewissen Melancholie belegt. Die Sachen, darunter zahlreiche Weinkartons (und Kaffee, fragen Sie nicht) ins Auto packen, das letzte Nachmittagsbier auf der Terrasse der Lieblingsbar, abends nochmal in die Pizzeria, das war es dann, morgen früh fahren wir zurück.

Nach dem Frühstück fuhren meine Lieben nach Vaison-la-Romaine, den Supermarkt leerkaufen. Da ich Supermarktaufenthalte ermüdend, allenfalls mäßig interessant finde, nutzte ich die Alleinzeit für einen knapp zweistündigen Gang rund um den Ort. Nichts hilft besser gegen Urlaubsendemelancholie als Gehen.

Drogenanbau südlich von Malaucène
Lavendelfeld, Vorsaison
Stillleben, provencalisch

Samstag: Der Vorteil, wenn man zu dritt verreist, ist, ich kann im Auto hinten sitzen. Vorne sitze ich ungern, am unliebsten auf dem Fahrersitz, meine Bewertungen als Beifahrer sind auch nicht besonders gut („Warum blinkst du nicht?“ – „Fahr doch nicht dauernd links!“ – „Vorsicht!“ – und so weiter). Hinten kann ich einfach aus dem Fenster schauen und nachdenken, wovon ich in den vergangenen Tagen ausgiebig Gebrauch machte, freilich ohne zu einem nennenswerten Ergebnis zu kommen.

Übrigens male ich mir nur über weniges so viel aus wie vor einer Reise darüber, was alles schiefgehen kann: Zugausfall, Reifenpanne, Hagelschlag, Gezänk, Meteoriteneinschlag. Doch ging es gut, bereits gegen 17:45 Uhr, somit fast eine halbe Stunde vor der ursprünglich errechneten Ankunftszeit trafen wir nach staufreier Fahrt mit nur geringem Gezänk zu Hause ein.

Sonntag: Die erste Nacht im eigenen Bett schläft es sich wie üblich besonders gut. (Ist der Satz so korrekt, oder muss es heißen „In der ersten Nacht“? Egal, Sie wissen, was ich meine.)

Diese Wochenbetrachtung wäre unvollständig ohne Erwähnung des Vogels, der in Malaucène die Umgebung mit seinem Ruf erfreut: ein etwa halbsekündiger gleichbleibender Ton (E, wie eine zur Ermittlung heruntergeladene Klavier-App, die auf Datengeräten der neuen Generation ohne Zurück-Knopf nur schwierig wieder zu schließen ist, ergeben hat) ungefähr alle zwei Sekunden, an eine Alarmanlage oder einen Feuermelder erinnernd. Abends nach Einbruch der Dunkelheit piept er besonders ausdauernd, manchmal über Stunden, auch tagsüber ist er hin und wieder zu hören, wenn nicht gerade ein Motorrad brüllt. Manchmal gesellt sich nachts in größerer Entfernung ein Artgenosse hinzu, in Tonhöhe und Frequenz geringfügig von ersterem abweichend. So tanzen ihre Töne minutenlang umeinander her, mal treffen sie aufeinander oder verfehlen sich knapp, trennen sich wieder, bis sie erneut verschmelzen, während der Mensch sich wach in seinem Tuch wälzt. Um was für einen Vogel es sich handelt, war nicht zu ermitteln. Ein wenig vermisse ich ihn.

Zum Schluss einige weitere bildliche Eindrücke der Woche.

Der Verfasser bei einem wichtigen Tagestermin
Landschaft bei Vinsobres
Avignon
Blick aus unserer Ferienwohnung über die Straße, ausnahmsweise ohne Kraftfahrzeuggeräusche
À bientôt

Zurück in Bonn. Heute war ich spazieren. Auf dem Friedensplatz war Antikmarkt, wo der übliche Krempel feilgeboten wurde, wie eine kurze Inaugenscheinnahme ergab. Nachdem ich mich einige Meter entfernt hatte, um den Gang fortzusetzen, gab es eine lautes Scheppern und Klirren, als ob einer der Stände mit Geschirr, Gläsern und Hausrat umgekippt wäre. Ich verzichtete auf eine Rückkehr, um nachzuschauen; es wird wohl niemand verletzt worden sein. Desweiteren zog es mich auf die andere Rheinseite, wo am Beueler Rheinufer ebenfalls eine Art Markt mit Verkaufs-, Trink- und Essständen stattfand, das ganze akustisch hinterlegt mit Musik von Bernd Clüver. Für den Rest des Spazierens begleitete mich leider die Liedzeile »Mexican Girl, heut Nacht oder nie«. Ansonsten war es schön:

Rheinaue vor Bonn-Schwarzrheindorf
Ebenda
Der Rhein nördlich von Bonn

»Schick deinen Love Standort« hat jemand mit Kreide auf eine niedrige Mauer in der Inneren Nordstadt geschrieben. Leider nicht, wohin.

Nachtrag am Abend: Frankreich hat gewählt. Nochmal gut gegangen. Wir können wiederkommen.

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Ab morgen wird es wieder ernst. Kommen Sie gut durch die Woche, ich versuche es auch.