Woche 20/2022: Herbst im Mai und kosmopolitisch in der Eifel

Montag: Vierte und letzte Etappe der Tagungstournee in Bad Breisig. Dieses Mal bin ich mit der Bahn angereist, die bereits wenige Minuten nach Abfahrt in Bonn wegen einer Bahnübergangsstörung auf freier Strecke stehen blieb, vielleicht war dem Schrankenwärter unpässlich. Doch ist es nicht zu beklagen, mit nur zwei Minuten Verspätung kamen wir am Ziel an, nach Bahnmaßstäben, wonach alles bis sechs Minuten als pünktlich gilt, somit vor der Zeit.

Das Hotel heißt „Vier Jahreszeiten“, wobei mittlerweile augenscheinlich der Herbst dominiert. Auch das ist nicht zu beanstanden, ich mag den Herbst, auch im Mai. Und der Jüngste bin ich auch nicht mehr, da darf hier und da schon mal die Farbe etwas gilben.

Ein Restaurant am Rheinufer preist auf einer Tafel „Frische Pasta“ an, genau so in Anführungszeichen. Die vielleicht besser nicht bestellen.

Dienstag: Das Hotel wirbt mit „Erholung und Erlebnis am Rhein“. Mein Erlebnis am Morgen: Die Dusche wurde nicht warm, nicht einmal lau. Vielleicht ist jetzt auch der geeignete Zeitpunkt, das Kaltduschen zu üben, wenn bald das Gas knapp wird.

Mittwoch: Erinnern Sie sich noch, wann Sie sich das letzte Mal über Ihre eigene Schusseligkeit geärgert haben? Bei mir war das heute Abend. Das kam so: Wir waren heute zu zweit im Büro. Der Kollege hatte am späteren Nachmittag ein Gespräch mit dem Chef, danach wollte er zu uns kommen, um Wein abzuholen. Derweil machte ich, der Werktätigkeit für heute müde, Feierabend, schloss das Büro ab und fuhr nach Hause. Kurz nach 19 Uhr rief der Kollege an, er hätte bei Aufbruch zum Chef vergessen, seinen Büroschlüssel mitzunehmen, nun stand er vor verschlossener Tür. Daher überwand ich vorübergehend meine Abneigung gegen das Autofahren, lud den Wein ein und fuhr zum nicht weit entfernten Werk, den Kollegen zu erlösen und ihm dabei gleich den Wein zu übergeben. Nun dürfen Sie gerne raten, wer noch vergaß, den Büroschlüssel einzustecken. Ein Anruf beim Werks-Sicherheitsdienst löste dann das Problem.

Donnerstag: Noch eine Dienstreise, zweitägige Abteilungstagung (beziehungsweise „Offsite“, wie man das jetzt nennt) in der Eifel, derselbe Ort wie bei der letzten Dienstreise im März 2020 vor der Seuche, danach gab es aus bekanntem Grund lange Zeit keine mehr.

Nachmittags zog ein erhebliches Gewitter über das Land, vom Balkon meines Zimmers aus gut zu betrachten:

Nach dem Gewitter, als der zuvor gefallene Regen in weißen Dampfschwaden wieder gen Himmel strebte, machten wir einen gemeinsamen Spaziergang, „Walk the talk“ genannt (wtf?), was eigentlich, wie mir die englischkönnende Kollegin erklärte, mit „Den Worten Taten folgen lassen“ zu übersetzen wäre, hier also nicht sonderlich gut passte; egal, Hauptsache es ist englisch und klingt modern-kosmopolitisch, auch und gerade in der Eifel.

Und also walkten und talkten wir auf regennassen Pfaden, entsprechend sahen die Schuhe danach aus. Früher (ich merke selbst, wie ich mit zunehmendem Alter immer öfter Sätze mit diesem Wort beginne) gab es auf Hotelfluren einen Schuhputzautomaten, unter dessen rotierenden Bürsten man gleichsam im Vorbeigehen das Schuhwerk reinigen konnte, heute stand ich am Waschbecken und unterzog es mithilfe von Einwegtüchern aus dem Einwegtuchspender im Bad einer nur groben Säuberung.

Ansonsten ist das Hotel recht ordentlich. Im Zimmer gibt es Jackenhaken, was mir nicht viel nützt, da ich wegen Sommertemperaturen dieses Mal ohne Jacke reise, aber immerhin, es gibt sie. Bad und Toilette sind räumlich getrennt; das ist ungewöhnlich, aber nicht schlimm, gerade wenn man zu zweit/dritt reist, kann es von Vorteil sein. Einziges Minimanko: Sobald man das Zimmer betritt und den Lichtschalter drückt, geht der Fernseher an und belästigt den Gast mit Belanglosem. Aber das geschieht einem ja fast überall, auch ohne dass man zuvor einen Schalter betätigt.

Freitag: Als ich nach gut durchschlafener Nacht am Morgen den Vorhang zur Seite schob, waren Dorf und Umgebung in Nebel gehüllt.

Unterdessen warnte der Wetterdienst vor dem Tief „Emmelinde“, das im Laufe des Tages Nordrhein-Westfallen und das nördliche Rheinland-Pfalz mit Sturm, heftigen Gewittern, Starkregen und Hagel heimsuchen sollte, auch Tornados wären nicht auszuschließen. In Bonn wurden vorsichtshalber gar die Schulen geschlossen. Deshalb behielt ich die Wetter-App im Auge, die für die Eifel erste meteorologische Unwägbarkeiten ab dem Mittag in Aussicht stellte. Als von jeher ängstlicher Mensch mit Hang zum Katastrophisieren malte ich mir bereits aus, was uns bevorstand: Unsere Veranstaltung war bis zum Mittag angesetzt, kurz nach Abfahrt würde es losgehen – umgestürzte Bäume die Weiterfahrt verhindern, derweil daheim in Bonn eine Windhose Haus und Modelleisenbahn verheert. Würde ich meine Lieben je wiedersehen? Um zwölf trug der Kollege immer noch in aller Ruhe vor, mehrfach unterbrochen von interessierten Fragen und Anmerkungen der anderen; sahen sie nicht die drohende Gefahr? Ich schwieg indessen mit wachsender innerer Unruhe, interessierte mich nur noch für Uhrzeit und App, die die Ankunft der Apokalypse in knapp einer Stunde ankündigte.

Wieder Erwarten verlief die Fahrt ungestört, unter anderem durch das Ahrtal, wo die Zerstörungen der Flut im vergangenen Juli noch immer deutlich sichtbar sind, ein bedrückender Anblick. Als wir in Bonn ankamen, schien die Sonne, das Haus stand noch. Um 19 Uhr, dem Zeitpunkt dieser Niederschrift, ist Emmelinde weitergezogen. Wieder einmal haben wir Glück gehabt.

Samstag: Erschreckend dagegen die Bilder aus Paderborn und Lippstadt, wo Emmelinde sich gestern heftig austobte, Verwüstungen und Verletzte hinterließ. Bei solchen Ereignissen denke ich: Vielleicht bleiben uns nur noch ein paar Monate oder Wochen; die Frage ist, was zuerst kommt: eine neue Virusvariante, die alles bisherige übertrifft, die nächste Wetterkatastrophe oder der Atomkrieg. An manchen Tagen ist es um meinen Optimismus nicht zum besten bestellt, bitte verzeihen Sie.

Sonntag: Im Garten blüht der Rhododendron. Das Kind, das mal meinen Namen trug, wunderte sich einst, dass es auch weiße „Rote Dendron“ gibt. Dabei gilt die Pflanze unter Experten als umstritten, als invasive Art mache sie heimischen Gewächsen den Lebensraum streitig. Gleiches gilt für die Halsbandsittiche, die mittlerweile auch hier in der Inneren Nordstadt regelmäßig zu sehen und hören sind. Das sagt der Mensch, von allen Arten die invasivste.

Hier einige Bilder vom heutigen Spaziergang:

Bonn, Friedrichstraße. Falls Sie noch auf der Suche nach einem Geschenk sind.
Geschenke auch in Bonn-Beuel. Man beachte das Grinsegesicht.
Nicht invasiv

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche.

Woche 4/2022: Außerordentliches Gutfinden und Aezv

Montag: Was hat dieser Admiral jetzt falsches über Putin gesagt, dass sich alle so empören? Gut, die Krim ist nicht „weg“, sie ist eindeutig noch da, nur zurzeit schraffiert und unter anderer Leitung, sie wird auch in absehbarer Zeit voraussichtlich nicht versinken. Insofern verstehe ich die Aufregung nicht.

An Tagen wie diesen schreibe ich ungefähr jedes dritte Wort mindestens zweimal, weil die Finger nach dem Wochenende noch nicht wieder mit der Tastatur synchronisiert sind, vielleicht kennen Sie das.

Dienstag: Fernsehreklame für Ungesundes soll verboten werden, ist zu lesen. Dann bleibt außer der Werbung für die Apothekenumschau nicht mehr viel übrig.

Mittwoch: Die Türkei soll dem Journalisten Deniz Yücel dreizehntausend Euro wegen widerrechtlicher Inhaftierung zahlen, hat der Europäische Gerichtshof entschieden. Das wird in Ankara erhebliche Erheiterung ausgelöst haben, Erdogans Lachen dürfte bis nach Luxemburg zu hören gewesen sein.

Uns hingegen wird das Lachen bald vergehen: Wie die Zeitung meldet, ist die Schokoladenhasenversorgung in diesem Jahr gefährdet. Auch das noch.

Noch eine Zeitungsmeldung: Siebzehn bzw. zwei Prozent der Franzosen nehmen grundsätzlich gar keine festnetzigen bzw. mobilen Anrufe an, sechsundzwanzig bzw. dreißig Prozent nur von bekannten Anrufern. Dagegen sind nur etwa dreißig Prozent der Deutschen in der Lage, zu flanieren, ohne dabei zu telefonieren. Das stand nicht in der Zeitung, es ist eigene Beobachtung.

Donnerstag: Heute war Sperrmüllabholung. Laut Harald Welzer hat 2020 die von Menschen hergestellte tote Masse, vom Faustkeil bis zum Lastenrad, die Biomasse überstiegen, seitdem überwiegt das Tote das Lebende. Angesichts dessen, was allein in meinem Umfeld alles bestellt wird, und was oft schon wenig später zur Entsorgung (oder „Zum Verschenken“) am Straßenrand steht, sei die Frage gestattet: 2020 erst?

Freitag: Morgens im Radio spielten sie „The Riddle“ von Nik Kershaw, an sich nichts Besonderes, das spielen die von mir bevorzugten Radiosendern recht regelmäßig. Warum ich es erwähne: 1984, kurz nachdem es herausgekommen war, fand ich es großartig, wobei ich mit siebzehn vermutlich ein anderes Attribut zum Ausdruck meiner Begeisterung heranzog, erinnere mich aber nicht mehr an das seinerzeit gängige Jugendwort für außerordentliches Gutfinden. Deshalb war es über mehrere Wochen mein Wachwerdelied am Morgen: Gleich nach dem Wecker legte ich die Nadel ins kreisende Vinyl und drehte die Lautstärke hoch bis kurz vor die Schmerzgrenze. Danach war ich ungefähr so wach wie heute nach dem Brausebad; tägliches Duschen war in unserem Haushalt zu der Zeit noch unüblich, heute nahezu unvorstellbar. Unvorstellbar damals wäre für mich indessen gewesen, bei diesem Lied auch achtunddreißig Jahre später noch das Radio lauter zu stellen, während ich mir morgens die Zähne putze (und danach dusche). Die Single habe ich noch, wenn auch länger nicht benutzt.

Apropos Zeitvergang: Die Sanduhr rieselt, auch für mich. Wie mag sich der Mensch mit fünfundfünfzig fühlen? In einer Woche werde ich es voraussichtlich wissen.

Samstag: Manchmal fallen mir auch ohne konkreten Anlass Dinge ein, die lange weg waren, verräumt und vergessen irgendwo in abgelegenen Hirnwindungen, und die auch jetzt noch, nach nicht nachvollziehbarer Rückkehr, die Mundwinkel zucken lassen. Wie folgender weder tiefgründige noch feinsinnige Minidialog, den ich vor vielen Jahren hörte, wann und wo weiß ich nicht, der etwa so ging: „Hast du ein Bad genommen?“ – „Wieso, fehlt eins?“ Darüber könnte ich mich beömmeln.

Sonntag: Erstmals, nach zweieinhalb Wochen seit wir es haben, fuhr ich heute mit unserem neuen Auto, was auch als Maß meiner Autofahrbegeisterung zu werten ist. Wenn man Autofahren mag, fährt es sich gut, ich war indes sehr zufrieden, als es unbeschädigt wieder auf seinem Stellplatz stand.

Mit dem Sonntag endet die Woche. Außer in der Hörzu, dort ging die Fernsehprogrammwoche von Samstag bis Freitag, warum auch immer; als Kind habe ich das nicht verstanden, danach war es mir egal. Ob das heute immer noch so ist, weiß ich nicht, wer braucht noch Fernsehprogrammzeitschriften.

Über das große Ende von allem las ich in meiner aktuellen Bettlektüre:

»Ich persönlich halte die Apokalypse für eine sehr tröstliche Vorstellung: Die große Kränkung beim individuellen Tod ist ja der Umstand, dass alle noch da sind, nur man selbst nicht mehr. Wenn alle zugleich sterben müssen, geht keine Party weiter, an der man als Gestorbener nicht teilnehmen könnte – man verpasst nichts durch sein Nichtdabeisein. Kein FOMO*. Das schiene mir sehr schön, deshalb würde ich mich zustimmend zur Apokalypse verhalten, wenn sie denn da wäre.«

Harald Welzer: Nachruf auf mich selbst.

*Zugegeben, ich musste nachschlagen, was FOMO bedeutet. Falls Sie es wider Erwarten auch nicht wissen: Fear Of Missing Out – die Angst, etwas zu verpassen, oder Aezv, was etwas sperriger wirkt.

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Kommen Sie gut durch die Woche.