Woche 33/2026: Es gilt die Unschuldsbehauptung

Montag: Seit einiger Zeit zeigt mir WordPress an, was ich heute vor x Jahren schrieb. Manchmal staune ich über mich selbst, denke bei aller Bescheidenheit: nicht schlecht. Vor sechs Jahren schrieb ich, was auch für den aktuellen Tag zutreffend wäre:

Die erste Hälfte des Tages war von geradezu schmerzhafter Unlust begleitet, nach dem Mittagessen wurde es nur geringfügig besser. Erst der Abend zu Hause mit den Lieben und Begleitgetränk auf dem Balkon war ganz schön. Dieses Konzept „Arbeiten um zu leben“ bedarf der Nachbesserung.

Erkenntnis während der ersten Besprechung des Tages: Es sind nicht nur die Jüngeren, die ständig und an unpassenden Stellen „tatsächlich“ sagen müssen, auch Leute in meinem Alter schaffen es, fast jeden gesprochenen Satz mit dem Wort zu verunzieren. Vielleicht wurden sie von den Jüngeren infiziert, womöglich gilt ähnliches schon bald für „genau“.

In Bonn herrscht weiterhin Verkehrschaos. Die Nerven liegen blank, öfter als sonst fahren Autos in belegte Kreuzungen ein und hupen sich dann an. Nachmittags sah ich, wie eine Straßenbahn in den Berliner Platz einbog, obwohl das Gleis von stauenden Autos blockiert war. Das fand ich gewagt, unmittelbar vor dem stehenden Zug wurde die Fußgängerampel grün und die Passanten passierten. Für die Weiterfahrt hätte der Fahrer ein Signal beachten müssen, um nicht mit einem Zug der vor ihm einmündenden Stadtbahnlinie zu kollidieren. Das konnte er nicht sehen, weil er daran schon vorbei war. Scheint aber gutgegangen zu sein, als ich dieselbe Stelle wenig später erneut passierte, hatte sich der Knoten aufgelöst.

Die Fliegenden Bretter über Jung-Evangelikale, die in der Fußgängerzone ungläubige Mitmenschen mit Bekehrungsversuchen belästigen:

Bei dergleichen aggressiv vorgetragener Frömmelei frage ich mich jedenfalls immer, ob die Christenverfolgungen der Antike wirklich eine rundheraus schlechte Idee waren.

Dienstag: An manchen Tagen fällt mir bis zum Abend nichts Blogbares ein. Nicht so heute, da diese Notiz schon beim ersten Morgenkaffee erfolgt: In den frühen Morgenstunden träumte ich, an einem Frühstücksbüffet gäbe es für den Kaffee nur Zucker mit Rucola-Blättern darin. Natursensible Menschen weisen gerne darauf hin, es gäbe kein Unkraut, es hieße Wildkräuter. Für Rucola lasse ich das nicht gelten, ich finde ihn (oder es?) höchst überflüssig. Während ich also die lästigen Langblätter aus dem Zucker entfernte, was einige Zeit in Anspruch nahm, da immer wieder neue nachwuchsen, dachte ich: Immerhin habe ich dann was zu bloggen. Da ich dieses Erlebnis nicht, wie sonst üblich, direkt nach dem Aufwachen vergaß, kann ich es nun aufschreiben, auch wenn es nur ein Traum war.

Mittwoch: Am frühen Abend wurde eine partielle Sonnenfinsternis gegeben. Von unserer Wohnung aus war davon außer einer leichten Verdunklung, von beginnender Dämmerung kaum zu unterscheiden, nicht viel zu bemerken, weil die zu verfinsternde Sonne sich da schon hinter die Häuser abgesenkt hatte. Bilder davon müssen Sie sich daher bei Bedarf anderswo suchen, Sie werden sicher welche finden. Wir hätten sie ohnehin nicht anschauen können, weil die dafür erforderlichen Sonnenfinsternisbetrachtungsbrillen, von Anhängern infantiler Abkürzungen auch Sofibri genannt, schon lange vergriffen waren.

Was ich leider auch nicht anschauen kann: Am 24. Oktober wird es in München eine Bloglesung geben, wie unter anderem hier nachzulesen ist. München ist etwas zu weit weg, um mal eben für einen Abend hinzufahren, auch habe ich nicht mehr genügend Urlaubstage übrig, um ein paar Tage zu verweilen, wenn ich schonmal dort bin. Vielleicht gibt es ähnliches mal irgendwann in erreichbarer Nähe, dann bin ich dabei. Übrigens, am 18. Oktober, dem Sonntag zuvor, darf ich selbst wieder was vorlesen. Weitere Informationen folgen in Kürze.

Donnerstag: Heute war es bis zum späten Abend viel zu heiß für längere Ausführungen. Nur so viel: Zwei wunderschöne Wörter sind mir heute begegnet. Das erste las ich in der Zeitung in einem Artikel über ein hässliches Bürogebäude nördlich der Innenstadt, das womöglich nicht zu einem Wohnhaus umgebaut werden kann, weil akuter Denkmalverdacht besteht.

Das zweite in einer Mail, die so endete: „Es gilt die Unschuldsbehauptung.“

Freitag: Aus vermutlich fürsorglichen Gründen waren am Büroturm während der gesamten Arbeitswoche ganztägig die Sonnenschutzjalousien heruntergefahren, so dass es während der Arbeitszeit kaum möglich war, dem Rhein beim weiteren Austrocknen zuzuschauen. Auch auf der Nordseite, die nie ein Sonnenstrahl trifft, falls sich das Gebäude nicht überraschend dreht. Ist ja nicht schlimm, ich werde nicht fürs Ausdemfensterschauen bezahlt.

Samstag: Auch heute war es drückend heiß, selbst mir etwas zu warm. Selbstverständlich kein Grund, die Wochenaltglasentsorgung nicht mit einem Spaziergang zu verbinden. Am Biergarten bewies ich Willensstärke und ging weiter.

Die PSD-Bank schreibt mir wortgirlandenreich, dass die Filiale in Bonn demnächst geschlossen wird und bezeichnet das als „Weiterentwicklung des Standorts“. Gewiss, so kann man es auch nennen.

Abends besuchten wir das Konzert von Roland Kaiser auf dem Kunst!Rasen in den Rheinauen. Er ist einer der letzten verbliebenen Künstler, die während meiner Jugendzeit regelmäßig in der Hitparade mit Dieter Thomas Heck auftraten, die meisten anderen sind entweder gestorben oder anderweitig verstummt. Neben ihm fallen mir als Denkmalverdächtige noch Vicky Leandros, Roberto Blanco und Howard Carpendale ein, wobei die nicht mehr so präsent sind wie er. Auch wenn ich kein ausgewiesener Fan von Roland Kaiser und seiner Musik bin, es war ein sehr unterhaltsamer Abend, der Altersdurchschnitt des Publikums lag (wie wir) deutlich in der zweiten Lebenshälfte. Dass die meisten seiner Liedtexte einen Kopulationsbezug haben, wie „Lieb‘ mich noch ein letztes Mal“, mag diesbezüglich sensible Naturen irritieren und aus dem Mund eines Vierundsiebzigjährigen etwas krindsch wirken, doch ist es allemal besser als über Krankheit, Mord und Todschlag oder frustriert tanzende Mütter zu singen. Womöglich ist ihm das bewusst: Während des Vortrags von „Warum hast du nicht Nein gesagt“, nicht mit Frau Kelly sondern einer bandinternen Sängerin, musste er mehrfach lachen. Ich finde ihn sehr sympathisch.

Der Kaiser in seinem natürlichen Lebensraum

Sonntag: Bislang nicht unter Denkmalverdacht steht die sogenannte Vorlandbrücke zur Nordbrücke, und wenn doch, wäre es jetzt zu spät: Den Spaziergang verband ich mit einer Besichtigung der Abbrucharbeiten, die in dieser Woche begonnen haben und bis November abgeschlossen sein sollen. Ende 2028 soll sie wieder befahrbar sein, was für deutsche Verhältnisse gleichsam wie „nächste Woche“ klingt. Wir werden sehen.

Kaputt

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die voraussichtlich nicht mehr ganz so warme Woche.

17:30

Woche 19/2022: Zielloses Vorsichhindenken ohne konkretes Ergebnis

Montag: Morgens auf dem Fahrrad hätte ich Handschuhe gebrauchen können, ab Mittag wurde es warm, abends sah ich gar einen mit bloßer Brust durch die Stadt radeln. Nach Rückkehr aus dem Werk hingegen bildeten sich zu Hause auf meiner Brille Eisblumen, weil der Geliebte mit großer Begeisterung die Leistungsfähigkeit der neuen Klimaanlage testete. Darüber wird gelegentlich zu reden sein.

Dienstag: Bitte bilden Sie einen Satz mit den Begriffen Kantine, Naturpreißelbeeren und weißes Hemd.

Für Schönheit gilt wie für Idylle: Oft liegt es im Auge des Betrachters.

(General-Anzeiger Bonn)

Der Mensch braucht ab und zu Urlaub. Auch Politiker sind im weitesten Sinne Menschen, die meisten jedenfalls. Somit hat auch die Bundesverteidigungsministerin ein Recht auf Urlaub, selbst dann, wenn andere Länder gerade Krieg führen; irgendwo ist immer Krieg, so sind wir Menschen nunmal, einander in Ruhe zu lassen liegt nicht in unserer Natur, weder im Großen noch im Kleinen. Und also machte sie sich mit Sohn auf nach Sylt, die Anreise verband sie mit einem dienstlichen Termin, wie es vielleicht jeder schon getan hat, der gelegentlich auf Dienstreisen ist. Die Mitreise des Sohnes in staatlichem Fluggerät bezahlte sie ordnungsgemäß, niemandem ist ein Schaden entstanden. Über was genau regen sich nun alle auf? Es gab schon gewählte Staatschefs, die Schwiegersöhne zu Beratern und Ministern ernannten.

Mittwoch: Gehört in einer Besprechung: „Ich habe keine Hunde, das ist mir zu stressig, wenn ich in den Urlaub fahren will und dann nicht weiß, wohin damit. Dafür habe ich Kinder, die machen genauso viel Dreck.“ Das muss dieses Elternglück sein, von dem alle schwärmen.

Gelesen in der Zeitung: „In Fourstones in Northumberland färben sich die Rapsfelder zur Blütezeit gelb.“ Wer hätte das gedacht.

Donnerstag: Gegen halb vier in der Frühe wurde ich geweckt vom an- und abschwellenden Ton einer Alarmsirene im Landgericht nebenan, vielleicht war jemand aus seiner Zelle oder ein Feuer ausgebrochen. Nachdem ich die Fenster geschlossen hatte, war sie nicht mehr zu hören, entweder weil sie inzwischen verstummt war oder durch die üblichen Schlafgeräusche von der Nebenmatratze übertönt wurde. Leider bringt es das fortgeschrittene Alter mit sich, dass ich, einmal erwacht, manchmal nur schlecht wieder einschlafe. Stattdessen springt der Gedankengenerator an, wobei es keine unangenehmen Gedanken waren, kein um ein diffuses Problem kreisendes Grübeln, vielmehr ein zielloses Vorsichhindenken ohne konkretes Ergebnis, sieht man einmal von dieser Notiz ab. Irgendwann kurz vor fünf schlief ich dann doch nochmal ein und träumte irgendwas von Roland Kaiser.

Laut Radiomeldung am Morgen beherrschen Kinder immer weniger den Umgang mit Fahrrädern. Manche stiegen von der einen Seite auf und fielen zur anderen wieder runter, so der Sprecher. Trotz vorausgegangenen Schlafmangels musste ich daraufhin doch etwas grinsen, was am frühen Morgen nicht häufig vorkommt.

In der Inneren Nordstadt war heute Sperrmüllabfuhr.

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Das unerwünschte Lärmen ging nach Ankunft im Werk weiter, als direkt vor dem Fenster Arbeiter mit einem von einem knatternden, abgasenden Verbrennungsmotor angetriebenen Aufzug Dämmmaterial auf das gegenüberliegende Dach beförderten. Somit war auch der Büroschlaf erheblich beeinträchtigt.

Freitag: Es ist vielleicht nicht jedermanns Sache, einen Freitag den dreizehnten mit einem Zahnarztbesuch zu beginnen. Doch verlief der Termin schmerzfrei und auch sonst gab es nichts zu beklagen. Seit vielen Jahren bin ich nun bei diesem Zahnarzt, noch niemals hat er mir wehgetan. Da habe ich in der Kindheit und Jugend mit Dr. G. in Bielefeld-Stieghorst ganz anderes erlebt.

Aus einer Besprechung: „Wir müssen das Pferd von hinten aufrollen.“ Vielleicht habe ich mich auch verhört.

Man müsse alle Menschen wertschätzen, ungeachtet ihres jeweiligen Lebensentwurfs, stand irgendwo. Ich möchte nicht als oder in einem Entwurf leben.

Samstag: Eine Fahrraddemonstration rollt durch die Stadt, Motto: „Kidical Mass – Kinder aufs Rad!“ Also jedenfalls die, die nach dem Aufsteigen nicht zur anderen Seite herunterfallen.

Ein rastalockiger – nun ja: Musiker terrorisiert in der Fußgängerzone Fußgehende und Gäste der Außengastronomie mit weithin hörbarem Flötenspiel, begleitet von unter seinen Schuhsohlen angebrachten Klapperschellenrasseln, mit denen er den Takt schlägt. Lied auf Lied, er hört nicht auf; es ist furchtbar, keine zwei Minuten lang möchte man es hören. Womöglich basiert sein Geschäftsmodell auf der Hoffnung, jemand biete ihm eine größere Geldsumme an unter der Bedingung, dass er sofort aufhört und sich in einen anderen Stadtteil verzieht.

In der Innenstadt gibt es ein Fachgeschäft für Barfußschuhe. Warum nicht. Demnächst dann vielleicht auch eines für Nackthemden.

Sonntag: Bei bestem Kurze-Hosen-Wetter verband ich den Sonntagsspaziergang mit dem Einwurf eines handgeschriebenen Briefes und der Entsorgung einer größeren Anzahl Bücher in diverse öffentliche Bücherschränke. Mögen sie anderen Freude bringen, sowohl der der Brief als auch die Bücher.

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Ansonsten gelesen:

»… schließlich ist unsere Realität nicht unbedingt dazu angetan, dass man sich jeden Tag 24 Stunden lang darin aufhalten möchte.«

Der Autor Sascha Mamczak in der PSYCHOLOGIE HEUTE über Science Fiction

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme neue Woche möglichst ohne störende Geräusche.