Woche 15/2022: Menschengewühl am Hotelfrühstücksbuffet

Montag: Es wäre vermessen zu behaupten, in den vergangenen zwei seuchengeplagten Wochen hätte ich bedeutende Dinge getan. Genau genommen tat ich nicht viel mehr als zu schlafen und gegen die FDP zu stänkern. Heute, am ersten Arbeitstag danach, wurde ich daran erinnert, mit welchen, Außenstehenden nur schwer erklärbaren Beschäftigungen man acht Stunden auch verbringen kann, wofür man zudem noch gut bezahlt wird.

Gelesen bei Frau Novemberregen: »Nicht, dass das Leben an sich irgendwie entspannter geworden wäre aber bekanntlich spielt ja die eigene Haltung zu den Fakten auch eine ganz wesentliche Rolle. Und ich bin fest entschlossen, mich nicht mehr übermäßig zu sorgen oder vielleicht auch einfach gar nicht mehr, es führt ja zu nichts.« Und ich sah, dass es gut war.

„Schützen dürfen wieder Eier schießen“, steht in der Zeitung. Autsch. (Denken Sie sich hier spätpubertäres Kichern.)

Dienstag: Im Werk den Maileingang komplett abgearbeitet, einschließlich der Rückstände der vergangenen zwei Wochen. Zwei Anfragen habe ich unbearbeitet abgelegt, mangels Idee, was die Anfragenden von mir wollen und Lust, nachzufragen. Mal sehen, ob sie sich nochmal melden. Erfahrungsgemäß nicht. Das mag arbeitsmoralisch bedenklich erscheinen, andererseits ist es nicht zu viel verlangt, ein Anliegen einigermaßen verständlich zu formulieren.

Dank der Wärme verbrachte ich den frühen Abend mit Zeitungs- und Bloglektüre auf dem Balkon. Aus der Wohnung links schallte Musik, von der Terrasse unten Ess- und Gesprächsgeräusche, das ganze hinterlegt vom Rauschen der Stadthauslüftung. Wer es nicht mag, sollte nicht mitten in der Stadt wohnen und aufs Land ziehen, wo er sich dann über Hahnenkräh und Kuhglockenklang erregen kann.

Mittwoch: Apropos Hahn beziehungsweise Hühner – die Eierpreise steigen. Sind die Schützen schuld?

»Verantwortlich handeln« steht ausgerechnet auf einem Landtagswahlplakat der FDP. »Schlaue Ranzen tragen Tablet« auf einem anderen. Schlaue Ranzen? Egal, ich will nicht schon wieder darauf rumhacken.

»Wo möchtest du in 500 Jahren leben?«, las ich im Vorbeifahren auf dem Plakat einer anderen Partei, deren Name mir auf die Schnelle nicht auffiel (so als kleiner Hinweis an deren Wahlstrategen). Hierzu sei angemerkt: Ich möchte nicht von einer Organisation geduzt werden – nicht von Ikea noch Apple, auch nicht der internen Unternehmenskommunikation, schon gar nicht von einer Partei. Des weiteren hoffe ich sehr, in fünfhundert Jahren gar nicht mehr zu leben; immerhin diese Hoffnung scheint nicht unbegründet.

Deshalb frühzeitig an das Ende denken. („Reerdigung“ ist ein wunderbares Wort, finden Sie nicht auch?)

Dessen ungeachtet staunte ich mittags nach dem Essen über ein Meer aus Gänseblümchen im Rheinauenpark und fragte mich, ob das zuvor in jedem Jahr so viele waren, mir das nur nie auffiel; machmal ist man ja lange Zeit blind für etwas, das schon immer da war. Sehen und staunen Sie selbst:

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Nachmittags sinnierte ich mit zwei Kollegen während einer Kaffeepause auf dem sonnenbeschienenen Werksbalkon (ja, sowas haben wir) über die aktuelle Lage. Wir waren uns schnell einig, die Menschheit im Ganzen ist bekloppt und voraussichtlich nicht mehr zu retten.

Donnerstag: Oder doch? Die gestern zunächst unerkannt gebliebene Partei nennt sich „Partei für Gesundheitsforschung“, ich habe heute nochmal für Sie genauer hingeschaut. Sie verfolgt laut Plakat ein bemerkenswertes Ziel: »Mit zukünftiger Medizin werden Menschen durch Verjüngung wahrscheinlich nicht mehr an Alterskrankheiten oder hohem Alter sterben und tausende Jahre leben können, und zwar körperlich und geistig gesund.« Über die geistige Gesundheit der Parteigründer erlaube ich mir kein Urteil. Wobei mich schon interessieren würde, wie die sich das mit der Verjüngung praktisch vorstellen: Hat man ab einem bestimmten Alter oder Grad der Gebrechlichkeit Anrecht auf eine Therapie, aus der man anschließend in jugendlicher Frische hervorgeht? Muss man dann den ganzen Mist wie Pubertät, Schule, Sturm und Drang nochmal durchmachen, immer wieder? Wohin mit den ganzen Menschen, wenn keiner mehr Lust hat zu sterben und immer noch neue geboren werden? – Die vielleicht besser mal nicht wählen.

Freitag: Vormittags fuhren wir los in Richtung Südfrankreich mit Zwischenhalt in Beaune. Nach zwei Wochen Seuchenpause und danach einer nicht allzu anstrengenden Arbeitswoche erscheint der (ohnehin äußerst unschöne, daher möglichst gar nicht zu verwendende) Begriff „wohlverdienter“ Urlaub übertrieben, aber machmal ergeben sich die Dinge so, was will man machen. Es könnte schlimmer sein. So richtig in Urlaubsstimmung bin ich noch nicht, das kommt bestimmt noch, spätestens mit dem ersten Rosé.

Samstag: Die Maskenpflicht scheint in Frankreich weitgehend überwunden. Zu den Dingen, die ich zwei Jahre lang nicht vermisst habe, gehört Menschengewühl am Hotelfrühstücksbuffet. Im Übrigen muss ich mich an das allgemeine Wir-tun-so-als-wäre-es-vorbei-Spiel noch etwas gewöhnen, das wird schon. Ab Herbst tragen wir dann wieder Maske, also noch nicht wegwerfen.

Nach staureicher Fahrt erreichten wir am späten Nachmittag unser Reiseziel Malaucène. Das Ankunftsgetränk war zwar kein Rosé, dennoch fühlte es sich schon sehr nach Urlaub an.

Santé

Sonntag: Den ersten Urlaubstag verbringen wir wie immer ohne nennenswerte Aktivitäten. Die Niederschrift dieser Tagesnotiz erfolgt auf der Terrasse unserer Ferienwohnung mit Blick auf das angewilderte Gärtchen, darin blühender Flieder, gelber Löwenzahn und außergewöhnlich großblätteriger Klee. Rechts ein großes Hühnergehege, dessen Bewohnerinnen (kein generisches Femininum, augen- und ohrenscheinlich wohnt dort kein Hahn) zufrieden in den Tag picken und ab und zu die üblichen Hühnergeräusche von sich geben. Einziger Schönheitsfehler: Zur Linken trennt nur eine hohe Hecke das Grundstück von der stark befahrenen Straße nach Carpentras, die beliebt zu sein scheint bei Motorradbesitzern, deren Maschinen einen nicht unerheblichen Teil der eingesetzten Energie in unösterliches Donnergrollen umsetzen. Auch das ist wohl auch eine Art von Freiheit.

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Ich wünsche Ihnen einen schönen Rest von Ostern und eine angenehme Woche.

Woche 14/2022: Danke, FDP

Montag: Weiterhin abwarten und Tee trinken, teilt das Testzentrum mit. Man muss ja nicht ständig auf der Überholspur leben, nicht wahr.

Auf dem Weg vom Testzentrum kam ich an einem Hutgeschäft vorbei, das mir bislang nicht aufgefallen war. Hierdurch erwachte ein bereits länger gefasster, indes immer wieder geschobener Entschluss: Sobald ich wieder einen Laden betreten darf, werde ich mich dort beraten lassen und mir einen Hut kaufen. Das dazu passende Alter habe ich inzwischen erreicht.

Letztlich ist so ein Hut auch nur äußerlicher Zierrat, nicht viel zweckvoller als eine Tätowierung oder Tunnel-Ohrringe, nur im Gegensatz zu diesen bei Überdrüssigkeit einfacher wieder zu entfernen. Über Äußerlichkeiten schrieb Frau Anje: »Jeder Mensch folgt den Vorgaben seines Selbstbildes, ich bin für mich aber sehr froh, dass ich nur noch „unauffällig“ realisieren muss, hätte schlimmer kommen können.«

Dienstag: Wie in der Zeitung zu lesen ist, fordert eine Petition die Umbenennung der Waldstraße in Bonn-Bad Godesberg in „Ukraine-Straße“, weil dort das Konsulat Russlands liegt und man Putin damit vielleicht ärgern, gar zum Einlenken bringen könnte. In der Begründung heißt es: »Das wäre ein einfacher, aber unglaublich bedeutsamer Akt der symbolischen Unterstützung für das mutige ukrainische Volk«. Ein Duisburger Bürger schlägt dagegen „Wolodymyr-Selenskyj-“ oder „Vitali-Klitschko-Straße“ vor. (Warum interessiert sich ein Duisburger für Godesberger Straßennamen?) Einem Mitglied der Linke geht das nicht weit genug: Wenn schon, müsste die Straße „Straße der ukrainischen Freiheit“ oder „Straße der ukrainischen Souveränität“ heißen. Das ist natürlich einfacher als die Heizung ein paar Grad runterzudrehen oder auf der Autobahn nur noch hundert zu fahren. Es sei denn, man gehört zu den rund vierhundert Bewohnern der Waldstraße, die dann allen Korrespondenzpartnern ihre neue Anschrift mitteilen und künftig etwas mehr Zeit einplanen müssten, um anderen den Namen ihrer Straße zu buchstabieren.

In der Kister-Kolumne dieser Woche, die zu empfehlen ich nicht müde werde, las ich das Wort „eskapistisch“, das mir zwar nicht gänzlich neu war, dessen Bedeutung ich indessen ohne Dudenblick nicht spontan hätte wiedergeben können. Dort, also im Duden, steht: »vor der Realität und ihren Anforderungen in Illusionen oder in Zerstreuungen und Vergnügungen ausweichend«. Ich weiß nicht, warum mir dabei als erstes die FDP einfällt.

Mittwoch: Wie morgens im Radio gemeldet wurde, soll die umstrittene Freiwilligkeit, sich nach Feststellung einer Corona-Infektion in Isolation/Quarantäne zu gegeben, nun doch nicht zum 1. Mai eingeführt werden, vielmehr bleibt es bei der Pflicht, dann zu Hause zu bleiben und abzuwarten. Dies hat Bundesgesundheitsminister Lauterbach in der Nacht über Twitter bekannt gegeben. (Nach wie vor fällt es mir sehr schwer, dieses Zwitscherdings als ernstzunehmendes Nachrichtenmedium wahrzunehmen, was aber wohl ausschließlich an mir als künftigem Hutträger liegt, nicht an Twitter.) Wie mag es sich anfühlen, als Minister möglichst überzeugt wirkend erst etwas zu verkünden, das man persönlich für grundfalsch hält, es dann später als als Korrektur einer eigenen Fehlentscheidung darstellend zurücknehmen zu müssen?

Abwarten auch hier: Die Schnelltests weiterhin positiv, gefühlt nicht mehr krank, aber auch noch nicht richtig gesund, die Krankschreibung verlängert bis Ende dieser Woche. Immerhin sind Appetit und Geschmackssinn nicht abhanden gekommen, wobei sich zeitweise ein seltsam metallischer Geschmack einstellt und die Waage morgens einen erheblichen Gewichtsverlust anzeigt. So vergehen die Tage – lange schlafen, die Zeitung und Blogs lesen, hier ein paar Zeilen niederschreiben, zur Besänftigung des Pflichtgefühls nachmittags Werksmails kucken, einige löschen, wenige bearbeiten, Besprechungsanfragen der laufenden Woche konsequent ablehnen, andere unter Vorbehalt zusagen. Fast ein Zustand, an den ich mich dauerhaft gewöhnen könnte.

Auf dem Rückweg vom Testen ein kleiner Umweg durch die Breite Straße. Bemerkenswert die Abwesenheit von Blütentouristen, was vielleicht an der Tageszeit oder am Wetter lag.

Donnerstag: WDR 4 hat Bürger nach ihrer Meinung zur Impfpflicht ab sechzig befragt. Dazu einer: „Ich bin neunundfünfzig, werde nächste Woche sechzig. Was soll ich denn jetzt machen?“ Ein echtes Problem, das der Bundestag heute gelöst hat, indem er sich gegen eine Impfpflicht entschieden hat. Danke, FDP.

Gelesen bei Herrn Fischer, der sich angesichts des neuen IPCC-Berichts Gedanken macht über die zu erwartenden Auswirkungen der Klimaveränderungen in den kommenden Jahren: »Ich muss übrigens gestehen: Unter dem Aspekt bin ich wirklich froh, keine Kinder zu haben. – Schulligung, das alles war jetzt ein echter Downer.« – Nein, lieber Herr Fischer, das downt mich nicht, vielmehr sehe ich es genau so: Das beste, was man jetzt haben kann, nicht nur unter dem Aspekt, ist keine Kinder. Es liegt mir fern, dafür irgendwen um Entschuldigung zu bitten. Auch nicht für meinen wachsenden Fatalismus, es als gegeben hinzunehmen. Wir könnten daran noch etwas ändern. Theoretisch. Tun wir aber nicht, weil wir heute auf nichts verzichten wollen, was denen nach uns zugute kommt, siehe Tempolimit (das laut FDP-Verkehrsminister schon deshalb nicht möglich ist, weil es nicht genug Schilder gibt. Hat der das wirklich gesagt, oder war das eine Meldung der Postillon? – Doch, er hat.). Ich bin jetzt fünfundfünfzig, hoffe auf noch etwa zwanzig gute Jahre, vielleicht ein paar mehr, kommt nicht so drauf an; solange werde ich weiterhin meinen Müll trennen, Flugreisen meiden, Autos verabscheuen und weniger Fleisch essen. Was danach kommt, liegt nicht in meiner Hand.

Freitag: Die geänderte Verkehrsführung in Bonn mit gewissen Beeinträchtigungen für Autofahrer zugunsten des Fuß- und Fahrradverkehrs erzeugt weiterhin Unmut; in seinem Leserbrief an den General-Anzeiger schreibt Georg D.: »Die Verkehrspolitik, die sich hier im Moment aufbaut, ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf die Politik, die uns bundesweit, beispielsweise auf Autobahnen und Bundesstraßen erwarten könnte, sollten wir diese Politik über die Kommunen hinaus weiter verfolgen.« Hoffen wir es.

Ansonsten hob ein negatives Testergebnis die Laune erheblich. Ab Montag wieder ins Werk, ich freue mich, das meine ich ohne jede Ironie. Wie über dieses Kärtchen:

Vielen Dank dafür, liebe N.!
Am frühen Abend zeigte sich auch die Heerstraße erstaunlich unbevölkert.

Samstag: Als großer Freund der Meinungsfreiheit lege ich Wert darauf, auch komplett von meiner eigenen Sichtweise abweichende Meinungsäußerungen zu akzeptieren, wie folgenden Leserbrief des Leistungsträgers Peter K. an den General-Anzeiger, der Müßiggängern ohne Unternehmergeist und Personalverantwortung wie mir mal so richtig die Uhr stellt:

»[…] Das man schnell reisen muss um seine Dinge zu erledigen, ist jetzt auch Frau Baerbock aufgefallen. Sie muss fliegen. Wie eben auch viele Geschäftsleute fliegen und reisen müssen. […] Zügig auf der Autobahn unterwegs zu sein, hat auch was mit Leistungsfähigkeit zu tun. Ich schaffe an einem Tag mehr Termine, die ich für das Wohl meiner Firma und meiner 165 Mitarbeiter und deren Familien einsetzen kann. Wenn jetzt einer der Müßiggänger sagt, das würde man auch mit Tempo 100 schaffen und an der nächsten Ampel wäre der Vorsprung dahin: Klares „Nein“, weil ich gegebenenfalls mehrfach fahren muss und dort, wo Ampeln stehen, eh schon ein Tempolimit herrscht. Seltsame Logik der Müßiggänger. [Anmerkung des Müßiggängers: Die Logik des Leistungsträgers ist mir hier auch nicht unmittelbar nachvollziehbar. Weiter:] Leistung ist nun mal Arbeit pro Zeit. Schaffe ich an einem Tag mehr, leiste ich mehr, auch für diese Gesellschaft und die daraus entstehende Wertschöpfung und Steuern. Und ich bin früher zu Hause bei meiner Familie. Es geht nicht nur um Tempo 100. Es geht darum, dass ausgerechnet die, die als Einzelunternehmer ohne Personalverantwortung durchs Leben schlendern, bestimmen wollen, wie sich Leistungsträger zu verhalten haben. Und noch einmal ganz krass: Zügig fahren auf den wenigen freien Autobahnabschnitten macht Spaß und schafft für mich Motivation, sich dem aktuellen Irrsinn der Wissenden auszusetzen, die bei allen Analysen und Talkshows von einem einzigen Verrückten auf der Welt ins analytische Aus befördert wurden. [Anm. d. M.: Auch nach mehrfachem Lesen verstehe ich den zweiten Teilsatz nicht. Sie? Weiter:] Und wenn ich noch zynischer werde, sollte man einmal die Energie der ganzen Talkshows aufsummieren und einsparen und die Leute arbeiten lassen. Die Leistungsträger machen das von selbst zum Wohle der Gesellschaft und der ganzen Sozialleistungen.«

General-Anzeiger Bonn vom 9. April 2022

Wobei, dem vorletzten Satz, dem mit den Talkshows, kann ich gewisse Sympathie abgewinnen.

Gelesen in einem Rundbrief: »Somit wird der Krieg auch von den Verbrechern in Deutschland mitfinanziert.« Nach nochmaligem Lesen wurden die Verbrecher zu Verbrauchern. So ganz weit liegen beide vielleicht manchmal gar nicht auseinander.

Sehr ähnlich, wenn auch inhaltlich weiter auseinander, sind „Salutschüsse“ und „Salatschüssel“, das nur am Rande und ohne jeden Bezug, fiel mir so ein.

Sonntag: Gestern Abend waren wir nach zweiwöchiger Entbehrung wieder in einem Restaurant, wo auch abseits der Tische keine Masken mehr getragen werden mussten, noch sehr ungewohnt. Zum Nachtisch gabs Panna Cotta, die sich rückblickend etwas schlafhemmend auswirkte. Heute ein langer Spaziergang alleine. Wenngleich eine vermutlich nur vorübergehende und nicht sehr stabile Sicherheit, fühlt es sich nach vorläufig überstandener Seuche besonders gut an wie seit zwei Jahren nicht mehr, gleichsam unverwundbar.

Auch am anderen Ufer in Beuel blüht es wieder.
Die Siegauen erwachen.
Das Wort zum Sonntag.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche, lassen Sie es ruhig angehen; ich habe es jedenfalls vor.

Woche 13/2022: Die Quarantäne zieht weiter

Montag: Herzlichen Dank an Frau Marjorie für die Erhellungen zum Vorfeldkomma, über dessen Gebrauch ich mich vergangenen Samstag verwundert zeigte. Trotz der wirklich schönen Bezeichnung, werde ich es auch künftig nicht verwenden. (Kleiner Scherz zum Montagabend, witziger wird es heute voraussichtlich nicht mehr.)

Dienstag: Nach schlecht geschlafener Nacht und frühem Erwachen mit Erkältungssymptomen machte ich vormittags einen Selbsttest, dessen Ergebnis kurz darauf am Büdchen gegenüber, das sich selbstbewusst „Testzentrum“ nennt, gleichsam amtlich bestätigt wurde. Dass es mich selbst ereilen würde, damit habe ich fest gerechnet. Vielleicht nicht so bald; vielleicht ist der Zeitpunkt andererseits wegen demnächst anstehender Termine wie Urlaub und Werksveranstaltungen, denen ich nur ungern fernbliebe (ja, sowas gibt es auch) gar nicht so schlecht. Also sehe ich es im Rahmen der Möglichkeiten positiv.

Bislang fühlt es sich an wie eine mittelstarke Erkältung; wenn es nicht schlimmer wird, besteht Hoffnung.

Mittwoch: Tag zwei in Seuchenklausur. Die Nacht war einigermaßen angenehm, weder Nasenlauf noch Hustenreiz wirkten sich schlafverhindernd aus. Ab und zu kamen komische Gedanken, verweilten kurz und lösten sich dann auf.

Den Tag verbrachte ich überwiegend im Bett, etwas lesend und viel schlafend. Der Zustand ist stabil.

Das Gesundheitsamt schickte Fragen zu Symptomen, Impfstatus und häuslichen Kontaktpersonen. Auch der Austausch von Körperflüssigkeiten wurde abgefragt. Ich muss doch bitten.

Wie zu lesen ist, nehmen die ersten Restaurants wegen der aktuellen Speiseölkrise Pommes frites aus dem Programm. Was kommt als nächstes, ein Meteoriteneinschlag?

Donnerstag: Auch in der vergangenen Nacht schlief ich recht angenehm. Statt merkwürdiger Gedanken träumte ich von einer großen Besprechung über Teams. Ob das als Zeichen einer beginnenden Genesung zu werten ist, erscheint eher fraglich.

Aus einem Pflichtgefühl heraus, flankiert von Widerwillen, schaute ich in den Werks-Rechner, sortierte die eingegangenen Mails gedanklich in „sofort/später/gar nicht zu bearbeiten“. Nach weniger als einer halben Stunde klappte ich den Rechner wieder zu, der Widerwille hatte gesiegt. Auch das ist effektives Arbeiten.

Freitag: Nach nächtlichem Erwachen nicht als Erstes an die kleinen Biester gedacht. Ein gutes Zeichen.

Ansonsten finde ich weiterhin erfreulich viel Zeit zum Lesen, etwa dieses:

»Wie müsste mein Leben aussehen, damit ich auf die Frage „Stör ich?“ wenigstens einmal, ohne zu lügen, mit „Nein“ antworten könnte?«

aus: Jochen Schmidt – „Ich weiß noch, wie King Kong starb“

Gas aus Russland soll ab heute in Rubel bezahlt werden. Titelt die Bild-Zeitung jetzt »Putin, gib Gas!«, oder war das schon?

Samstag: Zum Frühstück gab es laut Flaschenaufschrift veganen Orangensaft. Was zeichnet einen veganen Orangensaft aus? Vor allem: Wodurch wird er unvegan? Oder gibt es das nur bei Blutorangen? Und schließlich: Was nützt veganer Saft, wenn er in Einweg-Plastikflaschen verkauft wird?

Stichwort Blut: Die Vereinten Nationen werten als Kriegsverbrechen unter anderem die »Verwendung von Waffen, Geschossen, Stoffen und Methoden der Kriegführung, die geeignet sind, überflüssige Verletzungen oder unnötige Leiden zu verursachen«. Welche Verletzungen und Leiden wären demnach angemessen und nötig?

Ob das nötig war, mögen die Hinterbliebenen beurteilen. Vielleicht liebte es der Verblichene, sich bei jeder Witterung nur im Feinrippunterhemd zu kleiden, es gibt ja auch Menschen, die ausschließlich barfuß laufen, auch bei Frost. Oder man war spät dran mit der Anzeige und hatte auf die Schnelle kein anderes Bild zur Hand als das von der Kartoffelernte 1988:

(aus General-Anzeiger Bonn)

Vorösterliche Ansage des Tages: „Wenn mir bald ein Ei aus der Hose fällt und ich da drauf trete, dann ist hier Fackeltanz.“ Am fünften Tag der Isolation liegen die Nerven zeitweise etwas blank.

Sonntag: Wie zu lesen ist, kann man sich mit der Omikronvariante trotz Impfungen mehrfach infizieren, auch kurz hintereinander. Vielleicht sollte ich das bei meinen Planungen für die nächste Zeit berücksichtigen. (Das ist ausdrücklich kein Argument gegen das Impfen, steckt euch eure „Freiheit“ sonstwohin.)

Ich finde übrigens den Jubel meines FDP-Namensvetters über die Beendigung der Schutzmaßnahmen unerträglich. Man kann sich Namensvettern halt ebenso wenig aussuchen wie die übrige Verwandtschaft.

Dieses Mal scheint es gut gegangen zu sein. Hundert Quadratmeter erscheinen viel für eine Wohnung, und doch ist es recht wenig, wenn drei Personen und vorübergehend ein Virus darin wohnen. Das wichtigste für das häusliche Zusammenleben ist, dass aus dem erzwungenen Nebeneinander so schnell wie möglich wieder ein Miteinander wird. Damit ist nicht der Austausch von Körperflüssigkeit gemeint. Also nicht zuvörderst.

Die Quarantäne zieht weiter.

***

Dieser Wochenrücklick ist aus gegebenem Anlass sehr virenlastig ausgefallen. Doch es besteht Grund zur Hoffnung, jedenfalls was dieses Thema angeht: Laut Robert-Koch-Institut ist der Höhepunkt dieser Welle überschritten, auch unsere häusliche Lage entspannt sich langsam. Für alles Weitere fragen Sie Herrn Kubicki. Also den anderen, den von der FDP. Ihnen eine angenehme Woche mit hoffentlich erfreulicheren Themen und Beschäftigungen.

Woche 12/2022: Gemütsmaultaschen

Montag: Morgens im Eingang eine Mail von Samstag, 19:03 Uhr. Menschen, die um die Zeit geschäftliche Mails schreiben, ist wohl nicht zu helfen.

Pünktlich zum Frühlingsanfang bot die Kantine heute „Herbstliche Gnocci-Gemüsepfanne“ an. Hat trotzdem geschmeckt.

Pünktlich auch die 14-Uhr-Unlust, die heute bereits um 13:57 Uhr eintrat und bis zum nicht allzu späten Feierabend verweilte.

Für nach Feierabend hatte ich den Auftrag, Butter zu kaufen. (Eigentlich bestand der Auftrag schon am Samstag, da hatte ich es vergessen; meine Weigerung, deswegen noch mal loszugehen, zog einen Mikrokonflikt nach sich, das nur am Rande.) Nicht irgendwelche Butter aus dem Rewe, die genügt den gehobenen Ansprüchen meiner Lieben nicht mehr; Heumilchbutter muss es sein, die es an einem Verkaufsstand auf dem Wochenmarkt gibt. Bei meiner Ankunft waren die Damen schon im Zusammenpacken begriffen, „wegen der Demonstration“, wie sie erklärten. Meine vermutlich naive Rückfrage, was für eine Demonstration, wurde dahingehend beantwortet, dass gewisse Leute montags immer noch ihre „Spaziergänge“ machen, was das große Polizeiaufgebot auf dem Marktplatz erklärte. – Jetzt, wo fast alles wieder erlaubt wird, frage ich mich: Wogegen protestieren die immer noch?

Dienstag: Aus einer Besprechung: „Der Status closed kann erst gesetzt werden, wenn es re-getestet wurde, bis dahin ist er fixed.“ Am besten gefällt mir „re-getestet“. Merken die das wirklich nicht?

Vormittags saßen wieder die beiden Gänse auf dem Dach und gaben ein Duett aus Naak-naak-naak-Rufen zum Besten, vielleicht ist es der Frühling, der sie treibt, vielleicht auch Weltschmerz, steckt man ja nicht drin in so einer Gans.

Das Loch darunter wird übrigens regelmäßig von einem Eichhörnchen aufgesucht, das dazu flink an der Gebäudeecke hochklettert, oft umflattert von einer Gruppe schimpfender Halsbandsittiche, die wohl Anspruch auf die Höhle erheben, weil sie Werk ihrer Schnäbel ist, dann läuft es, scheinbar der Schwerkraft spottend, quer hinüber und verschwindet für einige Zeit in dem Loch. Neulich stürzte es dabei ab, überstand den Sturz aus etwa zehn Metern aber augenscheinlich ohne größere Schäden.

Vor dem Mutterhaus verkauft ein Stand „Schwäbisches Soulfood“. Was soll das sein, Gemütsmaultaschen?

Mittwoch: Laut einer Mitteilung kam es gegen 00:43 Uhr zum Ausfall von accelerated network auf der aktiven PI Firewall, was zu einem Failover des Firewallclusters führte. Menschen sind nach bisherigen Erkenntnissen nicht zu Schaden gekommen.

„FEIN hast du das gemacht“, sagte man früher überwiegend zu Hunden und kleinen Kindern, etwa nach Abwurf eines passablen Häufchens. Heute ist das Wort aus der geschäftlichen Kommunikation in Wort und Schrift nicht mehr wegzudenken: „Eine Rückmeldung bis Dienstagmittag wäre fein.“ – „Ist das für dich fein?“ – Besonders üble Variante: „Damit bin ich fein.“

»Ungefähr zwei Jahre lang wurde bei mir Krebs diagnostiziert und jetzt lüge ich die krankes Bett, ich möchte, dass du mir hilfst, meinen letzten Wunsch auf Erden zu erfüllen, der wird für Sie sehr profitabel sein«, schreibt mir eine Dame per Mail. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann lügt sie noch heute.

Donnerstag: Auf die Rheinpromenade sind an mehreren Stellen in großen Buchstaben Hinweise auf einen weltweiten Klimastreik am Freitag angebracht, wie ich morgens auf dem Weg ins Werk sah, sowie die offensichtliche Liebesbekundung eine Regina betreffend. Dieser Name findet sich in rot-oranger Schrift geschrieben innerhalb eines großen Herzens, umgeben von weiteren kleinen Herzchen. Während über den Streik wohl in den nächsten Tagen ausführlich in den Medien berichtet wird, bleibt die Geschichte der herzlich angebeteten und ihrem Verehrer (oder ihrer Verehrerin) für Außenstehende (beziehungsweise -gehende) im Dunkel. Interessieren würde es mich schon, zumal aufgrund des Namens nicht auszuschließen ist, dass die derart Geliebte schon etwas gereifter ist.

Auch sonst war es heute Morgen recht schön.

Freitag: Auch in Hannover wurde für Klima und eine bessere Welt demonstriert. Ursprünglich sollte dort die Musikerin Ronja Maltzahn auftreten, doch wurde sie zuvor von den Veranstaltern wieder ausgeladen. Wegen ihre Frisur. Sie trägt sogenannte Dreadlocks, diese verfilzten, etwas ekelig anmutenden Haarstränen, einst Markenzeichen von Momo Sperling in der Lindenstraße, Sie erinnern sich vielleicht. Nur Schwarze dürften nach Ansicht der Demonstranten Dreadlocks tragen als Symbol gegen ihre Unterdrückung, einer weißen Frau stünde es indessen nicht zu, weshalb sie sich der „kulturellen Aneignung“ schuldig mache. Für das Angebot, aufzutreten, wenn sie sich zuvor die Haare abschneiden ließe, baten die Ausladenden anschließend um Entschuldigung, sie hatten es wohl selbst gemerkt, für die Ausladung an sich offensichtlich nicht. Warum fügen diese Leute der Ernstnahme ihres zweifellos wichtigen Anliegens durch solche Befindlichkeiten unnötig Schaden zu?

Momo Sperling war übrigens weder schwarz noch unterdrückt. Damals hat sich niemand an der Frisur gestört, jedenfalls nicht deswegen.

Samstag: Nicht nur die Bewertung von Frisuren, auch Sprache entwickelt sich bekanntlich weiter, mit ihr Rechtschreibung und Kommasetzung. Für letztere scheint eine neue Regel zu gelten, deren Einführung mir entgangen ist: Durch eine Präposition eingeleitete Hauptsätze sind zunehmend mit Kommas gespickt, wo früher keine waren. Bespiel: „Während des Essens, kam ihr eine Idee.“ Für erklärende Hinweise, wäre ich dankbar.

Neue Regeln auch in Bonn: Die Stadt gibt sich derzeit große Mühe, Autofahrer mit Straßensperrungen, geänderter Verkehrsführung, Baustellen und spontanen Parkverboten aus der Innenstadt zu vergrämen, und das mit Erfolg. Liebe Frau Oberbürgermeisterin, bitte machen Sie weiter und lassen Sie sich durch Kritiker nicht abhalten. Gut, die Kommunikation kann man hier und da noch verbessern, aber von der Sache her finde ich das richtig gut. Anders lernen sie es nicht, über alternative Möglichkeiten der Fortbewegung wenigstens nachzudenken. (Ich weiß, damit riskiere ich Missfallen. Sei es drum.)

Sonntag: In der Inneren Nordstadt streifen schon wieder die ersten kamerabehängten Kirschblütentouristen durch die Straßen, obwohl die große Blüte noch gar nicht begonnen hat und im Laufe des Tages auch nicht mehr damit zu rechnen ist.

Trotz des sonnigen Wetters fühle ich mich heute etwas verstimmt, ohne besonderen Grund, mal abgesehen von den zurzeit zahlreichen Gründen mit hohem Stimmungseintrübungpotential. Auch die Lektüre der Sonntagszeitung lässt nur wenig Optimismus aufkommen, allerorten Krisen, Sie wissen, was ich meine. Vielleicht drückt auch nur die Zeitumstellung aufs Gemüt. Sollte die nicht abgeschafft werden? Mir liegt noch der Satz eines gewissen Herrn Juncker in den Ohren: „Die Menschen wollen das, wir machen das.“ Aber vielleicht lohnt sich das jetzt auch nicht mehr.

Ob es wirklich Menschen gibt, die sich in Minuten eine Rolle Pfefferminzbonbons liefern lassen? Ich fürchte ja.
Sicher ist sicher.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Frühlingswoche, lassen Sie sich die Stimmung nicht allzu sehr trüben.

Woche 11/2022: Kleinrübe im Singular statt Rabatten im Plural

Montag: Laut einem Zeitungsartikel hat die Deutsche Umwelthilfe die führenden Automobilhersteller aufgefordert, einem generellen Tempolimit zuzustimmen. Ich habe nicht den geringsten Zweifel daran, dass BMW, Mercedes Benz und Volkswagen als „Syndikative“ fester Bestandteil der staatlichen Gewaltenteilung sind, gleichwohl erscheint es sehr bedenklich.

Eher putzig dagegen die morgens im Radio gehörte Forderung einiger Kreise des südlichen Sauerlandes an den Staat, er müsse aufgrund der gesperrten Autobahn 45 kostenlos Werbung für den Tourismus in dieser Region betreiben und zudem Anreisen dorthin finanzieren. Was halt so gefordert wird in völlig verrückten Zeiten.

Dienstag: Unser Bundeskanzler war zu Besuch beim türkischen Machtha Verzeihung: Präsidenten. „Berlin und Ankara rücken näher zusammen“, heißt es dazu. Ein tektonisches Wunder.

Mittags in der Kantine ließ mich Linsensuppe mit Bockwurst das aktuelle Elend kurz vergessen.

Nachmittags gab es Gans, nicht auf dem Teller, sondern auf dem Werksdach, wo zwei Wildgänse über längere Zeit lautstark Unmut oder Lebensfreude äußerten, so genau war das nicht zu erkennen.

»Dicke PS-Monster rauschen brüllend mit 180 oder 200 an mir vorbei, der übliche Aggro-Nahkampf auf der Autobahn, offenbar tun die Benzinpreise Vielen gar nicht weh«, ist hier zu lesen. Daran wird sich leider so bald nichts ändern, siehe Eintrag vom Montag.

Mittwoch: Heute haben laut Zeitung Namenstag, die Gummar heißen. Also vermutlich nicht sehr viele.

Gehört in einer Besprechung: „Aus meiner N-gleich-eins-Sicht …“, was wohl wesentlich klüger klingen sollte als „Meiner unmaßgeblichen Meinung nach …“. Wurde sogleich notiert für die Liste.

Die einen sagen, man lernt nie aus, die anderen predigen „lebenslanges Lernen“. Das kann ich bestätigen: Erst jetzt nahm auch ich zur Kenntnis, dass die beliebte Feldfrucht Rote Bete geschrieben wird und nicht Beete. Kleinrübe im Singular statt Rabatten im Plural. Rote Beete taugt somit allenfalls als Bezeichnung von Mohn- oder Tulpenanpflanzungen.

Donnerstag: Als ich morgens ins Werk ging, war es trübe, erste Tröpfchen nieselten zu Boden.

..
Nur auf den ersten Blick ein Schreibfehler

Erst unmittelbar nach Ankunft am Schreibtisch wurden die himmlischen Hähne geöffnet und stärkerer Regen wusch den Saharastaub aus den Wolken, der hier bei uns zwar keine so eindrucksvolle Himmelsröte erzeugte wie in Süddeutschland und anderswo, gleichwohl mit ockerfarbenen Verwehungen die Bodenritzen vor dem Mutterhaus füllte.

Nach dem Mittagessen freute ich mich sehr über die Mailantwort auf einen Brief, den ich erst gestern verschickt hatte. Zuvörderst natürlich über die Antwort, daneben auch über die Verlässlichkeit der Post.

Das Abendessen war von Altbier begleitet, das der Liebste, beruflich nahe Düsseldorf tätig, mitgebracht hatte. Das bleibt bitte unter uns – aufgrund einer folkloristischen Fehde zwischen dem Köln/Bonner Raum und Düsseldorf, für den Ostwestfalen in mir kaum nachvollziehbar, gilt es hier als eine Art Verrat oder Todsünde, Alt statt Kölsch zu trinken, in Düsseldorf entsprechend umgekehrt. Egal – es hat gut geschmeckt und ich würde es wieder tun. So wie ich im Hochsommer Dominosteine und Spekulatius äße, gäbe es sie. Das tut man nicht? Was tut man nicht alles, das man nicht tut.

Freitag: Manches hält man für undenkbar, bis es eintritt. Erstmals solange ich zurückdenken kann ließ ich mittags das Dessert unaufgegessen zurückgehen. Die vegane Panna Cotta (es gab nichts anderes) war sowohl von der Konsistenz als auch vom Geschmack her völlig inakzeptabel. Vegane Panna Cotta – ich möchte nicht wissen, woraus die gemacht worden war.

Wenngleich man also niemals nie sagen soll, wage ich dennoch die kühne These, dass ich niemals außerhalb lästerlich-ironischer Zusammenhänge Gendersternchen, -doppelpunkte oder -unterstriche setzen werde.

Übrigens sind Trüffel, Sie wissen schon, die unterirdischen Luxuspilze, nicht vegan, weil Tiere zu deren Auffinden genötigt werden. Darauf muss man erstmal kommen. Sind Äpfel und Kirschen es dann auch nicht, weil die Blüten von Bienen bestäubt wurden?

Ein Luxusproblem, wenn auch ein sehr teures: Die Sanierung der Bonner Beethovenhalle wird laut Zeitung erneut einige Milliönchen teurer, man fragt sich langsam, warum darüber überhaupt noch berichtet wird. Der folgende Satz erscheint dennoch bemerkenswert: »Bei der bisher vorgesehenen Entrauchungsanlage befürchtet das SGB (Städtisches Gebäudemanagement Bonn, Anm. d. Verf.) außerdem, dass sie während des Konzertbetriebs zu viel Lärm verursachen könnte.«

Abends beim Laufen kam ich an einem riesengroßen Auto vorbei, das am Straßenrand geparkt war. „A…loch-Auto“ war mein erster Gedanke, wie stets bei solchen Gelegenheiten. Dann sah ich am Heck den Aufkleber: »Völlig sinnlos – aber schön«. Da musste ich doch kurz grinsen. Trotzdem bleibt es ein A…loch-Auto.

Samstag: In einer Anzeige für eine Lokalität, in der auch Eheschließungen möglich sind, war das Wort „Eheschmiede“ zu lesen. Ein bemerkenswertes Bild: Beim Schmieden wird bekanntlich ein Stück Eisen bis zur Weißglut erhitzt, danach mit einem schweren Hammer auf einem Amboss in die gewünschte Form geschlagen, ehe es zur jähen Abkühlung in Wasser getaucht wird. Was das im übertragenen Sinne über derart gefestigtes Liebesglück in guten wie in schlechten Zeiten aussagt, ich weiß es nicht.

Im Briefkasten ein langer Brief als Vertiefung der am Donnerstag erhaltenen Mail, über den ich mich nochmals riesig gefreut und den ich im Rahmen samstäglicher Besorgungen, von frühlingshafter Sonne beschienen, mit mehrfachem Lächeln auf einer Bank am Rheinufer las. Ich danke der Absenderin herzlich! Eine Antwort erfolgt in angemessener Frist. (Mit der Absenderin weiß ich mich übereinstimmend darin, dass freundschaftliche Briefkommunikation keine kurzfristige Reaktion innerhalb weniger Tage erfordert, was sie in angenehmer Weise von Elektrokommunikation unterscheidet.)

Sonntag: Der Liebste hat demnächst Geburtstag. Wie immer die Frage: was schenken? Nachteil der Digitalisierung: Schallplatten, CDs und gedruckte Bücher scheiden als Geschenk für ihn wie die meisten Menschen, die solches nur noch materiefrei aus dem Netz beziehen, leider aus.

Auch aus dem Netz, zu lesen hier: »Monogamie ist ein faszinierendes Gedankenkonstrukt, das zumeist an menschlicher Imperfektion scheitert.« Der lesenswerte Text endet mit der Frage »ja geht denn sowas überhaupt in der Praxis?« Ja, das geht.

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Zum Schluss einige weitere Bilder der Woche:

Dafür hat er nur einen Arm.
Auch am Samstag war die Sahara noch in der Inneren Nordstadt gegenwärtig.
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(aus General-Anzeiger Bonn)

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Kommen Sie gut durch die neue Woche.