Woche 10/2022: Unheilstöbern und ein Lichtblick in diesen an Lichtblicken armen Zeiten

Montag: „Nicht jedes Problem ist der Nagel, nur weil ich gerade den Hammer in der Hand habe“, sagte einer während einer Präsentation. Ein sehr schöner Satz, auch wenn ich ihn nicht verstehe.

Wahre Spezialisten für Probleme und ihre Lösungen sind bekanntlich Unternehmensberater, auch für Probleme, Verzeihung: Issues oder Herausforderungen, die erst mit Befall der Werksflure durch die dunkel Beanzugten beziehungsweise Kostümierten entstanden sind. Wie heute zu lesen war, zieht sich nun auch McKinsey aus Russland zurück. Die negativen Auswirkungen auf den Wahnsinnigen und sein Land dürften überschaubar bleiben.

Übrigens wandelt sich Putin in der Berichterstattung immer mehr vom Präsidenten zum Machthaber. Auch das dürfte ihn wenig beeindrucken.

Ein Lichtblick in diesen an Lichtblicken armen Zeiten: „Zum hier essen?“ – „Ja gerne.“ Wie sich bereits in der vergangenen Woche abzeichnete, darf man seit heute wieder in der Kantine essen. Bitte denken Sie sich hier das Bild einer männlichen Person mittleren Alters, die mit dem Ausdruck kindlichen Glücks ihr Dessert auslöffelt.

Dienstag: Wir haben die beste aller Schwiegermütter auf ihrem letzten Weg begleitet. Ich bin nicht (mehr) religiös genug, um zu glauben, sie sei nun an einem besseren Ort. Aber wer weiß, vielleicht liest sie das hier und lässt kurz einen Stern aufleuchten.

Die Beisetzungsfeier war sehr schön, sofern man Beisetzungen mit diesem Attribut versehen kann und darf. Die Musik kam aus der Konserve, da zur Vermeidung der Virenverteilung weiterhin nicht gesungen werden darf. Eine gute Alternative, spontan fielen mir zwei Lieder für meine eigene Verabschiedung ein; dazu werde ich gelegentlich eine kleine Liste erstellen.

Mittwoch: Die Launen des Menschen wechseln bisweilen wie das Wetter. Nur gibt es für letzteres einigermaßen verlässliche Vorhersagen.

Nun kaufen die Menschen statt Klopapier massenhaft Jodtabletten, auch besteht offenbar großes Interesse an Atombunkern, angeblich kann man Plätze darin gar für fünfstellige Beträge bei eBay erwerben. Als ob das irgendetwas nützen würde.

Nützt auch nichts, dennoch freut sich der Chronist:

Donnerstag: Während ich in der Kantine nach längerer Zeit mal wieder Kollegen S. traf und mit ihm kurz Höflichkeiten austauschte, dachte ich: Der ist ja gealtert. Ähnliches dachte er vermutlich über mich.

Ein mir neues Wort gelesen: „Doomscrolling“, auf Deutsch in etwa „Unheilstöbern“. Es bezeichnet die Angewohnheit, im Netz vor allem die Katastrophenmeldungen wahrzunehmen, mit allen negativen Folgen für die Psyche. Derart Stöbernde sind zurzeit sicher gut beschäftigt.

Freitag: Ein anderes Wort las ich in der aktuellen Ausgabe der PSYCHOLOGIE HEUTE: „Talkoholics“. Es bezeichnet solche, die keine Hemmungen kennen, ihre Mitmenschen um den Verstand zu quatschen. Sicher fällt dazu auch Ihnen mindestens eine Person aus Ihrem beruflichen oder persönlichen Umfeld ein.

Dieses Spritpreisgejammer nervt. Wem es zu teuer ist, fahre einfach weniger Auto oder, wenn das angeblich nicht möglich ist, wenigstens langsamer. „Aber meine Freiheit … mimimimi…“

Gelesen bei Frau Novemberregen: »Der 12.3. ist ein Datum, auf das ich mich seit dem 7.2. freue und da kam es mir noch extrem weit weg vor, ich dachte, am 12.3. sei sicher schon alles irgendwie anders – ist es natürlich auch, aber ich dachte anders-besser nicht anders-schlechter. Ich muss exakter denken.«

Samstag: Die liebe Freiheit – Mallorca erwartet eine baldige Rückkehr der Touristen in großer Zahl. Plakate in der Stadt werben wieder für Partys und Veranstaltungen, ohne den darüber geklebten Hinweis auf eine Verschiebung um einige Monaten oder ins nächste Jahr. Fußgängerzone und Lokale sind voller Menschen. In einer Woche sollen trotz steigender Zahlen und ständig erneuerter Rotwarnung in der Corona-App fast alle Beschränkungen aufgehoben werden. – Was jetzt als „Rückkehr zur Freiheit“ und „Freedom Day“ gefeiert wird, fühlt sich für mich gerade so falsch an wie sich nur etwas falsch anfühlen kann. Aber wahrscheinlich sehe ich mal wieder alles viel zu pessimistisch.

Apropos Partys – Immer häufiger ist „Hobbies“ und „Parties“ zu lesen ist, wenn Hobbys und Partys gemeint sind, was zu beanstanden mir fern liegt. Vielmehr ist zu erwarten, dass das schon bald die korrekte Schreibweise sein wird, warum auch nicht, so wie die roten die braunen Eichhörnchen verdrängen (oder umgekehrt, ich weiß es gerade nicht). Indes las ich bereits mehrfach „Dixieklo“, was nur dann akzeptabel ist, wenn statt der bekannten blauen Bedürfniszellen öffentliche WC-Anlagen mit regelmäßigen Jazzveranstaltungen gemeint sind oder Toiletten, die beim Anheben des Deckels Banjomusik abspielen. Sonst eher nicht.

Sonntag: O ihr Verdammten, versklavt durch eure Datengeräte! Wundert ihr euch wirklich, wenn eure Kinder komisch werden und nicht mehr mit euch sprechen?

***

Haben Sie eine angenehme Woche voller Lichtblicke und möglichst wenig Unheil und Issues.

Woche 9/2022: Jedem seinen Alb

Montag: Nachdem ich gegen halb vier in der Frühe aus einem nicht sehr unangenehmen Traum erwacht war, hinderten mich innere wie äußere Unruhe zunächst am Wiedereinschlafen. Erst gegen fünf fand ich erneut in den Schlaf, ehe mich die Radionachrichten um halb sieben zum Aufstehen in eine neue Woche motivierten. (Sie dürfen hier gerne eine gewisse Ironie vermuten.)

Dienstag: Auch die zurückliegende Nacht war von wenig Schlaf gesegnet. Dieses Mal war es der Nachbar von oben, der mit Freunden bis drei Uhr offenbar eine kleine Karnevalssitzung in seiner Wohnung abhielt, zwar nicht mit lauter Musik, dafür mit wiederholter Polonaise über die nur mäßig schallgedämpfte Stahlwendeltreppe und mehrfachem geräuschvollem Möbelrücken. Eine am Morgen schriftlich verfasste Protestnote meinerseits wird ihn vermutlich so wenig beeindrucken wie den russischen Präsidenten Friedensdemonstrationen im Ausland. Zu weitergehenden Sanktionen fehlen mir leider die Möglichkeiten, da wir keine Geschäfts- noch sonstige Beziehungen mehr pflegen. „Guter Zaun – gute Nachbarschaft“ las ich kürzlich irgendwo. Da ist was dran. Leider sind Zäune selten schalldicht.

Morgens kam mir einer entgegen, komplett dunkel gekleidet mit schwarz vermummtem Gesicht unter tiefgezogener Kapuze, die Augen nicht zu sehen, wie der Tod persönlich auf dem Weg zu seinem Tagwerk. Statt einer Sense trug er eine Große Packung Tabak mit sich, darauf deutlich sichtbar der Hinweis „Rauchen tötet“. Manchmal passt es einfach.

Mittwoch: Nach dem Mittagessen bei aktueller Vorfrühlingshaftigkeit im Freien unternahm ich einen Spaziergang durch den Rheinauenpark, wo der Wasserstand der Teiche wegen Wartungsarbeiten zurzeit stark abgesenkt ist. Dort fauchte mich eine Wildgans am Wegesrand an, sonst die friedlichsten Wesen. Vielleicht erzürnte sie das Niedrigwasser. Vielleicht war sie einfach nur gereizt, wie so viele in dieser Zeit.

Bei der Rückfahrt wurde ich auf dem Radstreifen zweimal von abbiegenden Autos behindert. Darüber hätte ich mich erzürnen können, aber wem wäre damit geholfen gewesen?

Gar nicht erzürnt, eher erleichtert nahm ich eine abends im Briefkasten vorgefundene Absage des Arbeitgebers auf eine Bewerbung zur Kenntnis, bleiben mir dadurch doch viel zusätzliche Arbeit und am Ende zwei Klausuren erspart. Andere wurden halt für noch geeigneter gehalten, das ist völlig in Ordnung.

Ich weiß nicht, ob ich es schon mal erzählt habe, als Täglichblogger über fünfzig hat man da nicht immer den Überblick: Manchmal träume ich, in absehbarer Zeit stünde eine große schriftliche und mündliche Abschlussprüfung an, für die es noch viel zu lernen gibt, mehr als bis dahin Zeit zur Verfügung steht, und von der alles abhängt, wie einst das Abitur und die Laufbahnprüfung für die Weihen der gehobenen Beamtenlaufbahn. Das sind diese Träume, bei denen sich unmittelbar nach dem Erwachen breites Grinsen der Erleichterung einstellt. Andere werden von wilden Tieren verfolgt oder stehen nackt im Aufzug, ich schreibe Klausuren, so hat ein jeder seinen Alb.

Immerhin hat mich das damalige Bestehen der Prüfungen davor bewahrt, heute im Social-Media-Team eines Unternehmens zu arbeiten, wo ich fremde Leute ungefragt duzen muss.

Im Übrigen bewundere ich Menschen mit besonderen Fähigkeiten. Abends sah ich einen, der sich aus dem örtlichen Imbisslokal eine Currywurst im flachen Pappschälchen geholt hatte, damit auf sein Fahrrad stieg und freihändig davonradelnd die Wurstscheiben aufgabelte. Freihändig Fahrrad zu fahren gehört zu den Dingen, die ich nie gelernt habe, genauso wenig wie bei rollendem Rad auf- und abzusteigen. Daher staune ich immer wieder, mit welcher Leichtig- und Selbstverständlichkeit andere es tun, auch ohne Currywurst im Pappschälchen.

Da war er schon weggeradelt. Mir gefiel das Motiv dennoch.

Donnerstag: »Stand with Belarus« fordert ein verwitterter, ausgeblichener Aufkleber, den ich morgens auf dem Fußweg ins Werk an einem Lampenpfahl sah. Das hat sich inzwischen irgendwie erledigt, wenn auch völlig anders als von dem Aufkleber (also sowohl dem Klebezettel als auch der ihn aufklebenden Person) ursprünglich gemeint.

„Das ist sowas von irrational“, sagte einer, der mir entgegenkam, zu seinen beiden Begleiterinnen. Wir können nur vermuten, was er meinte, aber vermutlich hat er recht.

Ansonsten war es morgens kalt und optisch ansprechend.

Aus der Reihe „Schiefe Bilder“: »Die Verkehrsberuhigung des Rheinufers zwischen Rosental und Zweiter Fährgasse soll ab Juli Fahrt aufnehmen«, schreibt der General-Anzeiger zur angestrebten städtischen Verkehrswende. Wünschen wir ihr gute Fahrt.

Freitag: Weiterhin verkauft die Kantine zur zum Mitnehmen. Als ich mittags bei der Entgegennahme des Zweikammer-Mehrweg-Mitnahmegefäßes die Dame an der Kasse fragte, ab wann man dort wieder stationär essen darf, von einem richtigen Teller und mit anschließendem Dessert, stellte sie eine Rückkehr zum Normalbetrieb ab nächster Woche in Aussicht. „Wenn alles gut geht“, fügte sie hinzu. Schiefgehen kann zurzeit ja vieles, vom Ausfall der Heizung bis hin zum Atomkrieg. Hoffen wir also mit ihr, dass alles gut geht.

Samstag: Die Zeitung berichtet Neues von der Endlos-Baustelle der Bonner Beethovenhalle. Nicht eine erneute Steigerung der Baukosten oder Verzögerung der Fertigstellung waren Gegenstand, sondern die Wasserhähne in den Sanitäranlagen, aus denen künftig nur noch kaltes Wasser zur Handreinigung laufen wird. Falls die Halle jemals fertig und in Betrieb gehen wird. Von zahlreichen Gaststätten und öffentlichen Toiletten nichts anderes gewohnt sehe ich darin kein Problem, doch sind empörungsvolle Leserbriefe Bonner Bürger diesen Mangel betreffend in Kürze zu erwarten.

Auch auf die Gefahr hin, anbiedernd zu wirken, was nicht beabsichtigt ist – ein weiteres Mal komme ich nicht umhin, Herrn B. zu zitieren, weil er schreibt, was ist:

»… wobei ich auch das Wort spannend furchtbar finde, und zwar nicht erst seit neuerer Zeit, sondern schon seit alle Menschen alles spannend finden, ihre Aufgaben, ihre Jobs, ihre Beziehungen, die Entwicklungen, den Krieg, alles ist spannend und ich denke immer, ihr spinnt doch.«

Sonntag: Ausgeschlafen, langer Spaziergang, Sonnenschein, schauen wir zum Ende der Woche mal auf die positiven kleinen Dinge, die es auch noch gibt.

..
..
..

„Utepils“ ist nicht der Name der Biermarke einer Brauerei in Frauenhand, sondern verwenden laut PSYCHOLOGIE HEUTE die Norweger dieses Wort für das erste, besonders wohlschmeckende Bier des Jahres, das bei Frühlingssonnenschein draußen genossen wird. Also immerhin etwas, auf das man sich noch freuen kann.

***

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche. Lassen Sie sich durch die aktuellen Ereignisse nicht allzu sehr die Stimmung beeinträchtigen und bewahren Sie sich den Blick für die kleinen, angenehmen Dinge. Ich versuche es ebenfalls.

Woche 8/2022: Karneval im Konjunktiv

Montag: In einem Artikel las ich den schönen Begriff „leidensgerechte Arbeitsplätze“ und fühlte mich verstanden.

„Ich bin ja noch Frischling“, sagte ein augenscheinlich jüngerer Kollege in einer Besprechung. Die legendäre Erika Fuchs hätte es vielleicht mit einem „Quiek!“ versehen.

Man ist ja inzwischen einiges gewohnt an seltsamen mitmenschlichen Gewohnheiten und Verrichtungen. Wie der Nachbar und Hauseigentümer von gegenüber am frühen Abend veranschaulichte, liegen Eigentum und eigentümlich nicht weit auseinander, als er bei Wind und Regen über eine Leiter aus dem Laden im ersten Stock in das Gärtchen darunter herabstieg, um die Fenster der vermieteten unteren Wohnung zu putzen und nach erfolgter Reinigung wieder über die Leiter entschwand wie ein Dieb in der Dämmerung.

Ansonsten bot der Tag wenig Anlass zur Beanstandung, das kann man ja auch nicht von jedem Montag behaupten.

Dienstag: Der Russland-Ukraine-Konflikt eskaliert. Der Westen ist hilflos entsetzt, droht und sanktioniert im Rahmen seiner Möglichkeiten. Ein Thema, mit dem mich eingehender zu befassen ich aus Gründen der persönlichen Seelenhygiene nicht gewillt bin, also jedenfalls nicht über das hinaus, was dazu ohnehin aus den Rundfunknachrichten und Zeitungsüberschriften zu mir dringt. Ähnliches gilt für die aktuelle Inflation, wobei das eine das andere schon bald heftig treiben könnte. Das kann schon ein wenig auf die Stimmung drücken, wenn man nicht aufpasst.

Doch bot der Tag auch Komisches: In seinem Leserbrief an den General-Anzeiger lässt uns Josef B. wissen, in seiner lange zurückliegenden Zeit als Gärtnerlehrling (heute: Auszubildende*r im Grünpflegefach) hätten sie Zigarettenkippen sammeln müssen, daraus wurde dann ein Sud zur Blattlausvergrämung gekocht. Wie viele der Nachwuchsgärtner dadurch sprichwörtlich vom Blatte fielen, bleibt offen. Ergänzender Gedanke von mir: Altöl müsste auch funktionieren.

Mittwoch: Durch klare, nachvollziehbare Regeln wird in Bonn erstmals wieder ausgelassenes und gefahrloses Feiern von Karneval ermöglicht. Aufgabe: Lies dir die Schilder durch und diskutiere mit deinem Trinkkumpanen darüber.

Unterdessen haben die Bonner Bürger die Maskenpflicht in der Innenstadt für beendet erklärt, jedenfalls legt der am Abend beobachtete Anteil der Maskenträger dies nahe.

Donnerstag: Ein Urlaubstag. Weiberfastnacht, zum zweiten Mal Karneval im Konjunktiv. Statt Kölsch und Saaleinmarsch mit Musik eine Erkältung, Einmarsch in die Ukraine (das am Dienstag dazu vermerkte ist seit heute kaum einzuhalten), eine nicht geplante Fahrt mit dem Liebsten nach Ostwestfalen aus traurigem Anlass und eine Kaltfront mit Regen und Wind. Außerdem ein negatives Testergebnis, immerhin das war positiv zu vermerken.

Freitag: Frühmorgens kam der erwartete, gleichwohl befürchtete Anruf. Die beste aller Schwiegermütter hat diese Welt verlassen.

Nachmittags verfinsterte sich der Himmel innerhalb von Minuten, kurz darauf Blitz, Donner und Hagel. Letzterer nur kleinkörnig, dafür in so erheblicher Menge, dass die Fahrradfahrt nach Hause zu einem Abenteuer mit nassen Füße wurde.

Ein wenig beneide ich jene, die heute schon sagen können, wie viele Tage sie noch zu arbeiten haben bis zum Ruhestand. Wobei das natürlich immer nur ein Hoffnungswert ist, den das Schicksal jederzeit zu kürzen vermag, zurzeit mehr denn je.

Samstag: Aufgewacht mit Kopfschmerzen wie nach übermäßigem Alkoholkonsum und diffusen Erinnerungen an einen Disput, bei dem unter anderem das Wort „Stubenputin“ fiel. Dabei war die Menge an Wein gestern Abend überschaubar gewesen, vielleicht war mein Körper erkältungsbedingt weniger aufnahmefähig.

Der Hauskonflikt löste sich im Laufe des Vormittags auf, auch der Kater zog seine Krallen nach einem sonnenbeschienenen Spaziergang ein. Während des Gehens fragte ich mich, wo die nächsten amerikanischen Atomwaffen lagern, was man so denkt, wenn man sonst nichts zu bedenken hat. Antwort: In Büchel in der Eifel, wie eine anschließende Recherche ergab. Das ist weniger als neunzig Kilometer von uns entfernt.

Laut Zeitung wird Russland vom ESC ausgeschlossen. Mit dem baldigen Befehl zum Rückzug ist dennoch nicht zu rechnen.

Eine Spaziergängerin hat bei Rheinbach-Loch zwei Sexpuppen aufgefunden, wie die Zeitung ebenfalls berichtet, eine davon mit »kindlichem Erscheinungsbild«, was seit Sommer 2021 verboten ist, betreffend »sowohl die Zurverfügungstellung solcher Puppen zum Verkauf oder zur Nutzung sowie den Erwerb und den Besitz«. Die Kriminalpolizei ermittelt deswegen, nachdem sie die Liebesfiguren »spurenschonend« sichergestellt hat.

(Aus dem Loriot-Kalender 2019, als eine kindliche Physiognomie bei Liebespuppen noch als unbedenklich galt)

Sonntag: Als ich morgens aufwachte, schlief mein Optimismus noch, auch im Laufe des Tages wurde er nicht richtig munter. Vielleicht braucht er mal Urlaub.

Heute wäre der Godesberger Karnevalszug gewesen. Es wäre übertrieben, zu behaupten, dass ich ihn sehr vermisse, doch musste ich nach dieser Woche voller großer und kleiner Konflikte kurz überlegen, was noch einmal der genaue Grund für seine Absage war.

***

Haben Sie eine angenehme, möglichst konfliktarme Woche, möge der Optimismus bald wiederkehren.

Woche 7/2022: Das Misstrauen des Passanten gegen Baukräne bei Starkwind

Montag: Als ich morgens ins Werk fuhr, war es ungewöhnlich mild und schon erstaunlich hell, als hätte ich übers Wochenende einige Wochen verschlafen.

Noch immer verkauft die Kantine nur außer Haus; immerhin, andere Kinder haben gar keine Kantine. Erstmals in diesem Jahr nahm ich dank der oben genannten Milde, wenn auch windumtost, das Mittagessen im Freien hinter dem Mutterhaus ein. Danach ein kurzer Gang durch den Rheinauenpark, auch dazu kam ich länger nicht.

Nachdem meine Lieben mich gestern spontan genötigt hatten, eine größere Anzahl liebgewonnener, tadellos erhaltener Hemden auszusortieren, keines davon wesentlich älter als zwölf Jahre, erhielt ich heute eine Einweisung in die neue Kleiderschrankhängeordnung. Manchmal ist es zwecklos, nach dem Sinn zu fragen, glauben Sie mir. „So wird aus einem alten Rennpferd noch ein schicker Esel“, muss man sich dann auch noch sagen lassen.

Dienstag: „Ich weiß nicht, woran es gehängt hat“, sagte einer. Es ist aber auch wirklich nicht leicht mit der transitiven und intransitiven Form desselben Verbes.

Allen Kollegen, die meinen, mich unangekündigt in irgendwelche Skype- oder Teams-Konferenzen rufen zu müssen, sei mitgeteilt: Vergesst es.

Mittwoch: Ein angenehm ruhiger Arbeitstag mit einer abgesagten Besprechung und auch ansonsten nur wenigen Störungen. Dass ich das bei uns noch immer bevorzugte Kommunikationsmedium Skype seit gestern deaktiviert habe, bleibt bitte unter uns. Aber auch Teams-Nachrichten lassen sich sehr gut ignorieren.

Ansonsten hatte ich Freude an einem IT-System.

..

„Niemand ist störungsfrei“, sagte der Geliebte, womit er zweifellos recht hat.

Donnerstag: Die Nacht war stürmisch, jedenfalls draußen. (In den Gemächern weniger, aus dem Alter sind wir langsam raus, was alles andere als zu beklagen ist.) Zu den daraus resultierenden Zugausfällen nahm der Sprecher der Deutschen Bahn Stellung: »Ich fürchte, unsere Reisenden müssen noch über einen längeren Zeitraum mit Einschränkungen leben.« Dazu bedarf es freilich keines Sturmes, ist man hinzuzufügen geneigt. Welche furchtbaren Gräueltaten mag man in einem früheren Leben begangen haben, um im Jetzt als Bahnsprecher sein Dasein zu fristen verdammt zu sein?

Bleiben wir noch etwas draußen: In einem Zeitungsartikel über Bonner Litfaßsäulen bezeichnet der Geschäftsführer des Fachverbands Außenwerbung (FAW) diese »als das älteste Out of Home-Medium«, derohalben* der Sprachnerv kurz schmerzhaft zuckte.

*Liebe N, dieses Wort, kürzlich in einem Forum gelesen und mir bis dahin gänzlich unbekannt, sei Ihnen gewidmet. Ist es nicht wunderschön?

Freitag: Nachmittags hatte ich einen Termin in Köln zur Abholung einer neuen Uniformjacke für den Fall, dass es irgendwann wieder Karneval geben wird. Nicht nur der ist ausgefallen: Während der Anprobe gewährten die mich umgebenden Spiegel einen irritierenden Blick auf die zunehmend lichter werdende Stelle am oberen Hinterkopf, die ich von vorne üblicherweise nicht sehe.

Gerade als wir das Geschäft verließen, blies Sturmtief Zeynep auf, von heftigem Regen begleitet, verzog sich hier im Rheinland indes recht zügig wieder. Zeynep hieß übrigens einst eine Mitarbeiterin im Friseursalon meines Vertrauens, mit deren Schneidekunst ich sehr zufrieden war. Auch sie hat sich seit geraumer Zeit verzogen.

Idee für den Titel eines Dramas: »Das Misstrauen des Passanten gegen Baukräne bei Starkwind«

Samstag: Vielleicht haben Sie auch manchmal diese Momente, wenn Sie etwas lesen und denken: Ja genau, so ist es, besser kann man es nicht beschreiben. Einen solchen Genau-so-ist-es-Moment bescherte mir heute Herr B. mit Folgendem:

»Ich interessiere mich nicht für Sport, also für keine einzige Sportart auch nur ansatzweise, und ich halte es im Grunde für eine fürchterliche Zumutung, wie oft im Radio und in allen anderen Medien etwas zum Thema Sport vorgetragen wird. In meinem Erleben und Denken ist Sport ein drolliges Nischenthema und ich weiß wirklich nicht, warum ich damit lebenslang so überreich und an dermaßen vielen Stellen behelligt werde. […] Ich höre also dauernd Sport im Radio, aber ich höre es doch nicht, also nicht verstehend. Ich höre Sport etwa so wie Radio Moskau. Ich weiß, da spricht ein Mensch, aber es hat irgendwie keinen Inhalt, keine verständliche Botschaft. Da wird etwa die Bundesligatabelle ritualisiert runtergebetet, ich höre jedes Wort, aber es ergibt keinen Zusammenhang und nichts davon bleibt hängen, nichts davon könnte ich hinterher wiedergeben, keinen einzigen Sachverhalt, außer eben grob: Sport.«

Und das nicht nur zu Zeiten von Olympia oder irgendwelcher überflüssiger Welt- und Eurpoameisterschaften, deren Hauptzweck ja gerade nicht im Sport liegt, sondern in reichhaltigen Geldflüssen und Ansehensaufhellungen zweifelhafter Staatssysteme, erlaube ich mir hinzuzufügen.

Sonntag: Während des Spaziergangs begegneten mir zwei jüngere Männer und mutmaßlich ihre Partnerinnen dahinter. Der eine Mann hatte ein Kleinkind vor seine Brust gebunden, der andere schob einen Kinderwagen, die Damen führten Hunde an Leinen. Während unserer Begegnung sagte der mit dem vorgebundenen Kind zu dem anderen: „Dazu kommt noch der Druck des Marktes.“ In solchen Momenten bin ich, ohne es begründen zu können, sehr froh, mein Leben zu leben und nicht deren.

»Hanau ist überall«, hat jemand aus bekanntem Anlass an eine Wand gesprüht. Wer schon einmal in Hanau war, wird mir, auch ungeachtet der entsetzlichen Morde vor drei Jahren, sicher zustimmen: Zum Glück nicht.

Zum Schluss ein paar Bilder der Woche.

Der Rest vom Fest I, gesehen am Donnerstagmorgen
Der Rest vom Fest II – Überraschend hatte abends beim Rückweg das Büdchen am Rhein geöffnet und nötigte mich zur Einkehr
Freitagmorgen. Abends lagen sie unterhalb der Treppe.
Geprüfte Störlichbögen kann man nie genug im Haus haben.
Mit Alkohol wäre das nicht passiert.
Profunde diem.

***

Ich wünsche Ihnen eine angenehme, möglichst sturm- und störungsfreie Woche.

Woche 6/2022: Gehen, Grünkohl und Glück

Montag: Morgenstund’ hat Gold im Mund und Erdogan hat Omikron, mit milden Symptomen. So steht auch mal was positives über ihn in der Zeitung.

Wie ich erst heute las, war bereits am vergangenen Freitag „Tag des Zustellers“, an dem der geneigte Empfänger aufgerufen war, seinem Post- und Paketboten Dank und Lob entgegen zu bringen. Man sollte ohnehin viel öfter loben, nicht nur die Zustellkraft an dafür festgelegten Tagen; stattdessen nur Gemotze und Gezeter, wenn mal etwas nicht funktioniert. – Anders in Amerika: Dort werden – ebenfalls heute gelesen – Paketzusteller per Zettel am Klingelschild dazu aufgefordert, vor der Türkamera zu tanzen, auf dass es anschließend bei TikTok hochgeladen wird. Die meisten Boten folgen der Aufforderung, da ihnen bei Weigerung eine schlechte Bewertung droht. Ich weiß nicht, ob die amerikanische Verfassung etwas vergleichbares enthält wie Artikel 1 Absatz 1 des deutschen Grundgesetzes, jedenfalls erscheint die Unantastbarkeit der Menschenwürde hier fraglich.

Dienstag: Was Sie vielleicht auch noch nicht wussten: Heute vor hundert Jahren gelang erst­mals der expe­rimen­telle Nach­weis der Richtungs­quante­lung von Drehimpulsen, schreibt Wikipedia.

Dem Glücklichen schlägt bekanntlich keine Stund. Ob überschäumendes Glück jemandes Anlass war, an einer Bonner Bushaltestelle diese Wanduhr zu hinterlassen, war nicht in Erfahrung zu bringen.

..

Mittwoch: Der Tag war ein wenig kopflastig, denn er begann mit einem (schmerzfreien) Zahnarztbesuch zur planmäßigen Esszimmerreinigung und endete mit einem Friseurtermin (ebenfalls weitgehend schmerzfrei).

Ein leichtes Stimmungstief am Abend wurde mit Döner gelindert. Satz des Abends: „Ich bin lieb, du hast nur eine andere Auffassung von lieb.“

In Bonn und anderen rheinischen Städten werden demnächst Bereiche festgelegt, in denen unter bestimmten Auflagen, wie Alkoholverbot, demnächst Karneval gefeiert werden darf; für diese Bereiche wurde das schöne Wort „Brauchtumszonen“* ersonnen. Na dann Alaaf.

Ansonsten Vorfreude meinerseits, denn morgen ist schon wieder Donners- und somit Zufußinswerkgehtag.

*Lesen Sie dazu bitte auch hier.

Donnerstag: Mittags gab es in der Kantine Grünkohl. Bitte denken Sie sich hierzu das entsprechende Foto eines Dreikammer-Mitnahmegefäßes mit Kartoffeln, Grünkohl, einer Mettwurst und Senf darin. Gehen, Grünkohl und Glück – es kann kein Zufall sein, dass diese Wörter denselben Anfangsbuchstaben haben.

Der Radiosender WDR 4* spielt ab heute achtzig Stunden lang Achtziger-Hits. In der Weinbar unseres Vertrauens war letzthin** Achtziger-Abend, ein Plattenleger legte entsprechende Schallplatten (richtige aus Vinyl) auf. Anscheinend erfreut sich diese Epoche, zumindest in musikalischer Hinsicht, gerade großer Beliebtheit, was daran liegen mag, dass die Programmgestalter, wie ich, in jener Zeit die Stürme ihrer Jugend erlebten, daher kann ich das gut verstehen und freue mich darüber. Vielleicht sollte ich über die Achtziger demnächst mal einen längeren Aufsatz verfassen. (Während der Niederschrift vorstehender Zeilen spielten sie Shakin‘ Stevens, auch in den Achtzigerjahren war nicht alles toll, aber mir allemal lieber als heute Max Giesinger.)

*WDR 4 war in den heute besungenen Achtzigern ein absolut unerträglicher Schlagerdudelstörsender, ich erwähnte es vor einiger Zeit schon. So ändern sich die Zeiten.

**Es freut mich sehr, aus Gründen, die Sie hier auf jeden Fall nachlesen sollten, erst- und sicher nicht letztmals dieses Wort zu gebrauchen. Herzlichen Dank, liebe N., für die Widmung!

Freitag: Mittags auf dem Weg in die Kantine sah ich die ersten Krokusse … Kroken? Kroki? Sie wissen schon, diese gelben Stehglöckchen, auf Wunsch auch in weiteren Farben erhältlich, die heute waren jedenfalls gelb, krokusgelb. Auch nach all den Jahren immer wieder beruhigend, wenn das Leben draußen erneut erwacht.

Abends beim Laufen fiel etwa einen Meter vor mir ein Vogelschiss zu Boden. Ähnliches passierte mir bereits oft im Leben, augenscheinlich ist mein Schutzengel ganz brauchbar.

Während sich meine Lieben später wegen irgendwas zankten, las ich bei Frau Anje den Satz »lächle, du kannst sie nicht alle töten« – und lächelte.

Samstag: »Mama hebt Kaffeegläser auf für‘n Gelee / Du bist schon ewig in der IG Chemie«, sang Klaus Lage in den Achtzigern. Ein wahres Kleinod deutscher Liedtextdichtung, nur knapp erreicht von Giesingers »Wenn wir uns begegnen / dann leuchten wir auf wie Kometen«.

Sonntag: Laut unserer Rechtsordnung dürfen bereits Jugendliche ab vierzehn Jahren alkoholische Getränke zu sich nehmen, vorausgesetzt, ihre Eltern sind dabei. Das nennt man dann „begleitetes Trinken“, das habe ich mir nicht ausgedacht.

Selbstverständlich sollte auch das „mit Augenmaß“ erfolgen, ein weiterer Begriff, den man häufig liest und hört, der gleichwohl bei genauerer Betrachtung unsinnig ist. Was soll dabei herauskommen, wenn man mit den Augen misst? Doch bevor ich mich in weiteren Haarspaltereien verliere, sei dieser Wochenrückblick beendet.

***

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Start in eine neue, möglichst schmerzfreie Woche.