Woche 6/2022: Gehen, Grünkohl und Glück

Montag: Morgenstund’ hat Gold im Mund und Erdogan hat Omikron, mit milden Symptomen. So steht auch mal was positives über ihn in der Zeitung.

Wie ich erst heute las, war bereits am vergangenen Freitag „Tag des Zustellers“, an dem der geneigte Empfänger aufgerufen war, seinem Post- und Paketboten Dank und Lob entgegen zu bringen. Man sollte ohnehin viel öfter loben, nicht nur die Zustellkraft an dafür festgelegten Tagen; stattdessen nur Gemotze und Gezeter, wenn mal etwas nicht funktioniert. – Anders in Amerika: Dort werden – ebenfalls heute gelesen – Paketzusteller per Zettel am Klingelschild dazu aufgefordert, vor der Türkamera zu tanzen, auf dass es anschließend bei TikTok hochgeladen wird. Die meisten Boten folgen der Aufforderung, da ihnen bei Weigerung eine schlechte Bewertung droht. Ich weiß nicht, ob die amerikanische Verfassung etwas vergleichbares enthält wie Artikel 1 Absatz 1 des deutschen Grundgesetzes, jedenfalls erscheint die Unantastbarkeit der Menschenwürde hier fraglich.

Dienstag: Was Sie vielleicht auch noch nicht wussten: Heute vor hundert Jahren gelang erst­mals der expe­rimen­telle Nach­weis der Richtungs­quante­lung von Drehimpulsen, schreibt Wikipedia.

Dem Glücklichen schlägt bekanntlich keine Stund. Ob überschäumendes Glück jemandes Anlass war, an einer Bonner Bushaltestelle diese Wanduhr zu hinterlassen, war nicht in Erfahrung zu bringen.

Mittwoch: Der Tag war ein wenig kopflastig, denn er begann mit einem (schmerzfreien) Zahnarztbesuch zur planmäßigen Esszimmerreinigung und endete mit einem Friseurtermin (ebenfalls weitgehend schmerzfrei).

Ein leichtes Stimmungstief am Abend wurde mit Döner gelindert. Satz des Abends: „Ich bin lieb, du hast nur eine andere Auffassung von lieb.“

In Bonn und anderen rheinischen Städten werden demnächst Bereiche festgelegt, in denen unter bestimmten Auflagen, wie Alkoholverbot, demnächst Karneval gefeiert werden darf; für diese Bereiche wurde das schöne Wort „Brauchtumszonen“* ersonnen. Na dann Alaaf.

Ansonsten Vorfreude meinerseits, denn morgen ist schon wieder Donners- und somit Zufußinswerkgehtag.

*Lesen Sie dazu bitte auch hier.

Donnerstag: Mittags gab es in der Kantine Grünkohl. Bitte denken Sie sich hierzu das entsprechende Foto eines Dreikammer-Mitnahmegefäßes mit Kartoffeln, Grünkohl, einer Mettwurst und Senf darin. Gehen, Grünkohl und Glück – es kann kein Zufall sein, dass diese Wörter denselben Anfangsbuchstaben haben.

Der Radiosender WDR 4* spielt ab heute achtzig Stunden lang Achtziger-Hits. In der Weinbar unseres Vertrauens war letzthin** Achtziger-Abend, ein Plattenleger legte entsprechende Schallplatten (richtige aus Vinyl) auf. Anscheinend erfreut sich diese Epoche, zumindest in musikalischer Hinsicht, gerade großer Beliebtheit, was daran liegen mag, dass die Programmgestalter, wie ich, in jener Zeit die Stürme ihrer Jugend erlebten, daher kann ich das gut verstehen und freue mich darüber. Vielleicht sollte ich über die Achtziger demnächst mal einen längeren Aufsatz verfassen. (Während der Niederschrift vorstehender Zeilen spielten sie Shakin‘ Stevens, auch in den Achtzigerjahren war nicht alles toll, aber mir allemal lieber als heute Max Giesinger.)

*WDR 4 war in den heute besungenen Achtzigern ein absolut unerträglicher Schlagerdudelstörsender, ich erwähnte es vor einiger Zeit schon. So ändern sich die Zeiten.

**Es freut mich sehr, aus Gründen, die Sie hier auf jeden Fall nachlesen sollten, erst- und sicher nicht letztmals dieses Wort zu gebrauchen. Herzlichen Dank, liebe N., für die Widmung!

Freitag: Mittags auf dem Weg in die Kantine sah ich die ersten Krokusse … Kroken? Kroki? Sie wissen schon, diese gelben Stehglöckchen, auf Wunsch auch in weiteren Farben erhältlich, die heute waren jedenfalls gelb, krokusgelb. Auch nach all den Jahren immer wieder beruhigend, wenn das Leben draußen erneut erwacht.

Abends beim Laufen fiel etwa einen Meter vor mir ein Vogelschiss zu Boden. Ähnliches passierte mir bereits oft im Leben, augenscheinlich ist mein Schutzengel ganz brauchbar.

Während sich meine Lieben später wegen irgendwas zankten, las ich bei Frau Anje den Satz »lächle, du kannst sie nicht alle töten« – und lächelte.

Samstag: »Mama hebt Kaffeegläser auf für‘n Gelee / Du bist schon ewig in der IG Chemie«, sang Klaus Lage in den Achtzigern. Ein wahres Kleinod deutscher Liedtextdichtung, nur knapp erreicht von Giesingers »Wenn wir uns begegnen / dann leuchten wir auf wie Kometen«.

Sonntag: Laut unserer Rechtsordnung dürfen bereits Jugendliche ab vierzehn Jahren alkoholische Getränke zu sich nehmen, vorausgesetzt, ihre Eltern sind dabei. Das nennt man dann „begleitetes Trinken“, das habe ich mir nicht ausgedacht.

Selbstverständlich sollte auch das „mit Augenmaß“ erfolgen, ein weiterer Begriff, den man häufig liest und hört, der gleichwohl bei genauerer Betrachtung unsinnig ist. Was soll dabei herauskommen, wenn man mit den Augen misst? Doch bevor ich mich in weiteren Haarspaltereien verliere, sei dieser Wochenrückblick beendet.

***

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Start in eine neue, möglichst schmerzfreie Woche.

2 Gedanken zu “Woche 6/2022: Gehen, Grünkohl und Glück

  1. Kraulquappe Februar 14, 2022 / 10:54

    Lieber C.,
    heute las ich Ihren Wochenrückblick bereits vor 7 Uhr – der Gatte könnte es bestätigen, da er, just unter der Dusche stehend, etwas erschrak, als er mich im Raum nebenan schallend lachen hörte (ich lache äußert selten um diese Zeit, da es, Sie wissen das eh, um diese Zeit, sofern man da überhaupt schon ein Auge oder gar zwei aufgeklappt hat, ja nichts zu lachen gibt, außer man träumt fröhlich).
    Der Grund für meine Morgenheiterkeit waren Ihre Kroken!
    Das ist exakt die von mir seit Jahren präferierte Pluralbildung für diese Pflänzchen und ich musste mich glatt ein bisserl bremsen, Sie nicht augenblicklich deswegen als Seelenverwandten zu bezeichnen – ein Begriff, der ja ähnlich überstrapaziert durch die Wortwelten geistert wie „Kraftort“ und all dieser Kram, der der Superlativierung vergleichsweise normaler Situationen dient, die ja jedem mal widerfahren und deshalb (vermeintlich) dringend einer individuellen Inthronisation bedürfen, damit sie irgendwie herausragen aus den Gumpen der Gewöhnlichkeit (was nicht abwertend gemeint ist, nur relativierend).
    Jedenfalls habe ich mich sehr an Ihren Betrachtungen erfreut, danke überdies für die Verlinkung und werde Ihnen beizeiten auf alle Fälle ein weiteres Wort widmen, vielleicht sogar einen neuen pflanzlichen Plural, wir werden sehen.
    Aus dem ICE mit wackligem WLAN grüße ich Sie herzlich und wünsche Ihnen eine glückliche Woche,
    Ihre N.

    Gefällt 2 Personen

    • stancerbn Februar 14, 2022 / 19:09

      Liebe N,
      herzlichen Dank, es freut mich sehr, Sie bereits am Montagfrüh zum Lachen genötigt zu haben, eigentlich eine Unmöglichkeit, wie Sie selbst anmerken. Die WLAN-Schwäche in Ihrem Zug führte übrigens dazu, dass WordPress ungefähr im Sekundentakt bimmelte, was mich befürchten ließ, jemand Bedeutendes hätte es verlinkt und alle Welt würde es nun lesen, besternen und kommentieren.
      Auch ich habe noch ein wunderschönes Wort für Sie auf Lager, seien Sie gespannt!
      Eine angenehme Woche wünscht
      Ihr C

      Gefällt 1 Person

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