Woche 7/2022: Das Misstrauen des Passanten gegen Baukräne bei Starkwind

Montag: Als ich morgens ins Werk fuhr, war es ungewöhnlich mild und schon erstaunlich hell, als hätte ich übers Wochenende einige Wochen verschlafen.

Noch immer verkauft die Kantine nur außer Haus; immerhin, andere Kinder haben gar keine Kantine. Erstmals in diesem Jahr nahm ich dank der oben genannten Milde, wenn auch windumtost, das Mittagessen im Freien hinter dem Mutterhaus ein. Danach ein kurzer Gang durch den Rheinauenpark, auch dazu kam ich länger nicht.

Nachdem meine Lieben mich gestern spontan genötigt hatten, eine größere Anzahl liebgewonnener, tadellos erhaltener Hemden auszusortieren, keines davon wesentlich älter als zwölf Jahre, erhielt ich heute eine Einweisung in die neue Kleiderschrankhängeordnung. Manchmal ist es zwecklos, nach dem Sinn zu fragen, glauben Sie mir. „So wird aus einem alten Rennpferd noch ein schicker Esel“, muss man sich dann auch noch sagen lassen.

Dienstag: „Ich weiß nicht, woran es gehängt hat“, sagte einer. Es ist aber auch wirklich nicht leicht mit der transitiven und intransitiven Form desselben Verbes.

Allen Kollegen, die meinen, mich unangekündigt in irgendwelche Skype- oder Teams-Konferenzen rufen zu müssen, sei mitgeteilt: Vergesst es.

Mittwoch: Ein angenehm ruhiger Arbeitstag mit einer abgesagten Besprechung und auch ansonsten nur wenigen Störungen. Dass ich das bei uns noch immer bevorzugte Kommunikationsmedium Skype seit gestern deaktiviert habe, bleibt bitte unter uns. Aber auch Teams-Nachrichten lassen sich sehr gut ignorieren.

Ansonsten hatte ich Freude an einem IT-System.

„Niemand ist störungsfrei“, sagte der Geliebte, womit er zweifellos recht hat.

Donnerstag: Die Nacht war stürmisch, jedenfalls draußen. (In den Gemächern weniger, aus dem Alter sind wir langsam raus, was alles andere als zu beklagen ist.) Zu den daraus resultierenden Zugausfällen nahm der Sprecher der Deutschen Bahn Stellung: »Ich fürchte, unsere Reisenden müssen noch über einen längeren Zeitraum mit Einschränkungen leben.« Dazu bedarf es freilich keines Sturmes, ist man hinzuzufügen geneigt. Welche furchtbaren Gräueltaten mag man in einem früheren Leben begangen haben, um im Jetzt als Bahnsprecher sein Dasein zu fristen verdammt zu sein?

Bleiben wir noch etwas draußen: In einem Zeitungsartikel über Bonner Litfaßsäulen bezeichnet der Geschäftsführer des Fachverbands Außenwerbung (FAW) diese »als das älteste Out of Home-Medium«, derohalben* der Sprachnerv kurz schmerzhaft zuckte.

*Liebe N, dieses Wort, kürzlich in einem Forum gelesen und mir bis dahin gänzlich unbekannt, sei Ihnen gewidmet. Ist es nicht wunderschön?

Freitag: Nachmittags hatte ich einen Termin in Köln zur Abholung einer neuen Uniformjacke für den Fall, dass es irgendwann wieder Karneval geben wird. Nicht nur der ist ausgefallen: Während der Anprobe gewährten die mich umgebenden Spiegel einen irritierenden Blick auf die zunehmend lichter werdende Stelle am oberen Hinterkopf, die ich von vorne üblicherweise nicht sehe.

Gerade als wir das Geschäft verließen, blies Sturmtief Zeynep auf, von heftigem Regen begleitet, verzog sich hier im Rheinland indes recht zügig wieder. Zeynep hieß übrigens einst eine Mitarbeiterin im Friseursalon meines Vertrauens, mit deren Schneidekunst ich sehr zufrieden war. Auch sie hat sich seit geraumer Zeit verzogen.

Idee für den Titel eines Dramas: »Das Misstrauen des Passanten gegen Baukräne bei Starkwind«

Samstag: Vielleicht haben Sie auch manchmal diese Momente, wenn Sie etwas lesen und denken: Ja genau, so ist es, besser kann man es nicht beschreiben. Einen solchen Genau-so-ist-es-Moment bescherte mir heute Herr B. mit Folgendem:

»Ich interessiere mich nicht für Sport, also für keine einzige Sportart auch nur ansatzweise, und ich halte es im Grunde für eine fürchterliche Zumutung, wie oft im Radio und in allen anderen Medien etwas zum Thema Sport vorgetragen wird. In meinem Erleben und Denken ist Sport ein drolliges Nischenthema und ich weiß wirklich nicht, warum ich damit lebenslang so überreich und an dermaßen vielen Stellen behelligt werde. […] Ich höre also dauernd Sport im Radio, aber ich höre es doch nicht, also nicht verstehend. Ich höre Sport etwa so wie Radio Moskau. Ich weiß, da spricht ein Mensch, aber es hat irgendwie keinen Inhalt, keine verständliche Botschaft. Da wird etwa die Bundesligatabelle ritualisiert runtergebetet, ich höre jedes Wort, aber es ergibt keinen Zusammenhang und nichts davon bleibt hängen, nichts davon könnte ich hinterher wiedergeben, keinen einzigen Sachverhalt, außer eben grob: Sport.«

Und das nicht nur zu Zeiten von Olympia oder irgendwelcher überflüssiger Welt- und Eurpoameisterschaften, deren Hauptzweck ja gerade nicht im Sport liegt, sondern in reichhaltigen Geldflüssen und Ansehensaufhellungen zweifelhafter Staatssysteme, erlaube ich mir hinzuzufügen.

Sonntag: Während des Spaziergangs begegneten mir zwei jüngere Männer und mutmaßlich ihre Partnerinnen dahinter. Der eine Mann hatte ein Kleinkind vor seine Brust gebunden, der andere schob einen Kinderwagen, die Damen führten Hunde an Leinen. Während unserer Begegnung sagte der mit dem vorgebundenen Kind zu dem anderen: „Dazu kommt noch der Druck des Marktes.“ In solchen Momenten bin ich, ohne es begründen zu können, sehr froh, mein Leben zu leben und nicht deren.

»Hanau ist überall«, hat jemand aus bekanntem Anlass an eine Wand gesprüht. Wer schon einmal in Hanau war, wird mir, auch ungeachtet der entsetzlichen Morde vor drei Jahren, sicher zustimmen: Zum Glück nicht.

Zum Schluss ein paar Bilder der Woche.

Der Rest vom Fest I, gesehen am Donnerstagmorgen
Der Rest vom Fest II – Überraschend hatte abends beim Rückweg das Büdchen am Rhein geöffnet und nötigte mich zur Einkehr
Freitagmorgen. Abends lagen sie unterhalb der Treppe.
Geprüfte Störlichbögen kann man nie genug im Haus haben.
Mit Alkohol wäre das nicht passiert.
Profunde diem.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme, möglichst sturm- und störungsfreie Woche.