Montag:»Das ist harter Tobak«, ist in einem Zeitungskommentar zu lesen. Auf der Liste der abgegriffensten Metaphern ein ganz alter Hut.
Wie weiterhin in der Zeitung zu lesen ist, erlaubt ein Göttinger Schwimmbad aus Gründen der Geschlechtergerechtigkeit jetzt auch Besucherinnen an Wochenenden den Besuch mit freiem Oberkörper. (Für Freunde des generischen Femininums: also allen Besucherinnen.) Das ist zu befürworten, solange aus der Erlaubnis keine Verpflichtung wird.
Dienstreise nach Schönefeld bei Berlin. Die Notdurft der mitfahrenden Kollegin erforderte einen kurzen Halt auf einem Rastplatz. Wo wir schon mal hielten, wollte auch ich die Gelegenheit nutzen, kam allerdings nicht dazu, weil die Herrenabteilung der Toilette verschlossen war. Jetzt, da Frauen oben ohne ins Freibad dürfen, wäre es wünschenswert, endlich auch diese unsinnige Geschlechtertrennung bei Toiletten zu überdenken. Und wozu gibt es immer noch Damen- und Herrenfahrräder?
Wo wir gerade beim Wünschen sind: Der Ort Wünschdorf wird auf einem braunen Sehenswürdigkeitenhinweisschild am Autobahnrand als „Bücher- und Bunkerstadt“ bezeichnet. Vielleicht habe ich mich auch verlesen.
Dienstag: Teil zwei unserer Tagungstournee. Der Tagungsort ist, verglichen mit Buch am Ammersee in der vergangenen Woche, nicht ganz so idyllisch gewählt, aber wir sind ja nicht (nur) zum Vergnügen hier: Statt bayrischer Seeidylle Neubau- und Gewerbegebiet. Immerhin – in einem Teich zwischen Bahnstrecke und vierspuriger Straße weilen Flamingos, und sie scheinen sich dort nicht unfreiwillig aufzuhalten. Ein Hauch von Camargue in Brandenburg.
....Finde den Fehler.Kleines Rätsel am Wegesrand..
Auch das kollegiale Abendprogramm war überwiegend angenehm. Gewiss, einer nervt immer, das gehört dazu. Im Übrigen kann ich wunderbar abschalten, während andere über Fußball sprechen.
Mittwoch: Dank rechtzeitigem Absprung am Vorabend erwachte ich in einigermaßen erfreulichem Zustand. Dennoch verzichtete ich aus in der vergangenen Woche bereits dargelegten Gründen auf das Frühstück.
Tagsüber gehört und notiert: „Wir sind relativ statisch unterwegs.“
Zügig unterwegs waren wir nachmittags auf dem Weg nach Celle zur dritten Tagungsetappe, die morgen startet. Nach dem Abendessen in kleiner Runde im Hotelrestaurant zeitig ins Tuch. Man weiß nicht, was einem der nächste Abend abverlangt.
Donnerstag: Hypothese: Je voluminöser der Gast, desto größere Mengen an Nahrung werden auf den Teller gepackt. Während meiner stillen Beobachtung beim Frühstücksbüffet treten Ursache und Wirkung in einen fröhlichen Streit miteinander. Ansonsten gibt es Saftgläser in angemessener Größe und im Zimmer einen Haken für die Jacke, was in Hotels keineswegs selbstverständlich ist.
Neben uns tagt hier auch eine Gruppe von Rheinmetall, ein Unternehmen, das seine Eigenschaft als bevorzugtes Verabscheuungsobjekt aus aktuellen Gründen zumindest teilweise eingebüßt hat. Bleibt immer noch Amazon.
Vor dem Abendessen ging ich ein wenig durch die Gegend.
..Rapsfelder gehen immer......
Freitag: Erst gegen Mittag kehrte das uneingeschränkte Wohlbefinden zurück, da am Vorabend Rosé, Hausbrand, Wiedersehensfreude und Willensschwäche in eine ungünstige Konstellation getreten waren, die morgens noch etwas nachwirkte.
Gegen 18 Uhr kehrte ich nach einer sehr angenehmen Tagungswoche heim in die Arme der Lieben. Die vierte und letzte Etappe folgt übernächste Woche, ich freue mich drauf.
Samstag: Da plötzlich Sommer ist, frühstückten wir erstmals in diesem Jahr auf dem Balkon, den wir neuerdings mit dem Außenaggregat der neuen Klimaanlage teilen, die seit dieser Woche unsere Wohnung bereichert, weil die Lieben meinen, wir benötigen derlei, und wer bin ich, daran zu zweifeln. „Daran gewöhnst du dich“, sagt der Liebste. Bestimmt, man gewöhnt sich angeblich auch an Tinnitus. Und im Gegensatz zum Ohrenflöten kann man auf dem Gerät Dinge abstellen, immer auch das Positive sehen.
„Ich würde mir wünschen, dass du das mal begutachtest“, hörte ich in der Fußgängerzone einen zu seiner mutmaßlichen Gattin sagen. Vielleicht haben sie gerade ein Seminar über erfolgreiche Kommunikation in der Partnerschaft absolviert.
Sonntag: Um 0:45 Uhr aufgewacht, weil jemand an der Haustür geklingelt hatte (wobei das bei uns nicht klingelt, sondern ein „Düdl-düdl-düdl“-Geräusch ertönt; ich wollte aber nicht „gedüdelt“ schreiben). Da wir weder Besuch noch ein weiteres Paket erwarteten, reagierten wir nicht und konnten, da nicht erneut geklingelt beziehungsweise gedüdelt wurde, in Ruhe weiterschlafen.
Heute vor fünfundzwanzig Jahren erkannten zwei (damals noch) junge Männer während einer Gruppenwanderung durch lippische Wälder und Fluren gegenseitige Sympathie; auf den Tag genau fünf Jahre später sagten sie vor dem Bonner Standesamt „Ja“. Mein Liebster, danke für die Jahre, in denen wir uns nun schon aufs Angenehmste reiben! Ich freue mich auf die nächsten fünfundzwanzig. Mindestens.
Der zwanzigste Hochzeitstag heißt übrigens „Porzellanhochzeit“. In Japan heißt es „Kintsugi“, wenn die Risse eines zerbrochenen und wieder zusammengefügten Porzellangefäßes mit Goldstaub hervorgehoben werden, habe ich mal irgendwo gelesen. Das hat keinen direkten Bezug zum vorstehenden Absatz, ist trotzdem schön.
Auch schön. Wenn wir Menschen uns irgendwann erfolgreich selbst ausgerottet haben, wird sich die Natur alles ganz schnell zurück holen. Immer das Positive sehen.
Montag: Die neue Arbeitswoche begann mit einer Dienstreise nach Buch am Ammersee, meine erste richtige seit Siewissenschon. Man hat schon schäbigere Tagungsstätten gesehen.
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Ein Kollege ist Vater geworden, woraufhin das übliche Gratulationsgetöse in der Abteilungswhatsappgruppe anhob. Ich zögerte zunächst, nicht, weil ich anderen ihr Elternglück missgönnte, sondern immer weniger nachvollziehen kann, warum man sich jetzt noch fortpflanzt. Schließlich hielt ich einen Glückwunsch doch für angebracht; was kann ein neuer Mensch in diesen Zeiten mehr brauchen als Glück? Diesen Zusatz verkniff ich mir indes.
Frau Anje schrieb, durchaus passend zum Vorstehenden, wieder einen Satz, dem ich vollumfänglich zustimme: »Wirklich dankbar bin ich für all die Probleme, die ich nicht habe, weil es so unendlich viele Dinge gibt, die ich schlicht nicht brauche oder die mich überhaupt nicht interessieren, so dass ich sehr viel Energie spare, weil ich mich weder über diese Dinge informieren noch aufregen muss.«
Dienstag: Zu den Dingen, die ich während Siewissenschon nicht vermisste und erst wieder neu erlernen muss gehört es, in einem Hotel aufzuwachen und mich danach zu motivieren, zum Frühstück aufzubrechen, wo andere schon zur Unzeit mit mir sprechen wollen. Statt Büffet erhielt jeder Gast eine persönliche Etagere mit Brötchen, Croissant, Wurst, Käse, Marmelade und Müsli, dazu ein Ei, wahlweise gekocht, gerührt oder gespiegelt, was meiner Appetitlosigkeit am Morgen geradezu spottete. Dafür sind auch hier wie üblich die Saftgläser lächerlich klein.
Sonst ist es hier wirklich sehr schön, doch was nützt das, wenn zwischen Ende des Tages- und Beginn des Abendprogramms nur wenig Zeit zur eigenen Verfügung steht und es dazu noch regnet.
Auch ein schönes Trafohäuschen für meine Sammlung haben sie hier, wenn auch kein Turm, oder allenfalls ein sehr niedriger:
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Ansonsten haben heute laut Zeitung Namenstag: Kletus, Ratbert, Richardius und Trudpert. Klingt wie die Wilden Vier aus der Augsburger Puppenkiste.
Mittwoch: Trotz Frühfremdelneigung am Morgen war es eine schöne Veranstaltung. Immerhin gab es heute zum Frühstück keine überdimensionierte Etagere, sondern bedarfsgerecht ein Schälchen Müsli vom Büffet.
Schön war danach, sich wieder ohne Angst vor Ansteckung mit einer größeren Anzahl Menschen persönlich auszutauschen, die man lange nicht gesehen hat; auch die nicht geringe Bierzuführung am Vorabend verursachte keine nennenswerten Nachwirkungen. Daher freue ich mich auf zwei gleichartige Veranstaltungen an anderen Orten in der kommenden Woche.
Während einer Fahrtunterbrechung schlug die Motivklingel meines Datengerätes an:
Suchbild: Wo bin ich?
Donnerstag: Während im Werk das Abarbeiten der tagungsbedingten Rückstände recht gut von der Hand ging, war draußen auch das Eichhörnchen fleißig. Es nutzt zur Bevorratung seiner Bestände nun nicht nur das bekannte Loch unterhalb des Daches, sondern auch zwei weitere Höhlen jeweils in Ecken von Fensterstürzen. Apropos stürzen: Offenbar kann er nur an den Hausecken hoch- und runterlaufen, jedoch nicht an der planen Wand. So wäre es beim Sprung vom Fenster zur Hausecke einmal beinahe in die Tiefe gestürzt, konnte sich aber so gerade noch, gleichsam im Sturzflug, an der Ecke festkrallen. Sehr beeindruckend.
Mittags ging ich eine Runde durch den Rheinauenpark.
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Freitag: Vergangene Nacht geträumt, Österreich hätte Bayern annektiert. Trotz eindringlicher Videoansprache von Markus Söder zeigte man sich in Berlin weitgehend unbeeindruckt, es wurden nicht einmal Sanktionen erwogen, um die Versorgung mit Mozartkugeln nicht zu gefährden.
Abends waren meine Lieben und ich in einer Beueler Gaststätte, wo ich (vermutlich) erstmals Sauerbraten vom Pferd aß, deren Spezialität. Hat gut geschmeckt, unterscheidet sich nach meinem Geschmacksempfinden allerdings kaum vom herkömmlichen Rind-Sauerbraten. Und nein, ich finde es in keiner Weise anstößig, Pferdefleisch zu essen.
Samstag:»Kultur mit all seinen wie auch immer gearteten negativen Auswirkungen ist lebensnotwendig«, ist in einem Leserbrief in der Zeitung zu lesen. Es bleibt schwierig.
Schwieriger als gedacht gestaltet sich auch der beabsichtigte, vor drei Wochen angekündigte Erwerb eines Hutes. Das genannte Hutgeschäft in der Bonner Innenstadt, das ich heute in bester Kauflaune aufsuchte, hatte leider nichts Ansprechendes im Angebot. Nicht schlimm, es hat keine Eile.
Stattdessen kaufte ich Schuhe. Im fortgeschrittenen Alter neigen Männer oft zu seltsamen Anschaffungen, so kaufen sich manche in ergrauten Jahren einen Sportwagen, mit dem sie fortan ihren Mitmenschen auf die Nerven gehen. Ich hingegen begnügte mich mitmenschenschonend mit weißen Turnschuhen.
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Sonntag: Der Mai ist gekommen. Zum Einlaufen der neuen Schuhe machte ich einen langen Spaziergang, der zur Würdigung des ausgefallenen Feiertages mit einer Einkehr auf ein Weizenbier in der Südstadt garniert wurde.
Andere feierten den Tag der Arbeit klassisch, indem sie mit einem Protestzug durch die Innenstadt marschierten, wobei die auf Bannern und mündlich vorgetragenen Parolen – irgendwas mit „Kapitalismus“ und „System“ – ein wenig aus der Zeit gefallen schienen.
»RASSISMUS TÖTET.« hat schon vor längerer Zeit jemand in großen Buchstaben an eine Hauswand nebenan geschrieben. Ganz klein hat jemand anderes dazu ergänzt: »NA UND?«. Letzterer Zusatz wurde nun von einem Dritten, oder dem Ersten, man weiß es nicht, durchkritzelt. Ordnung muss sein.
»Liebe ist halal«, ist an einem Laternenpfahl zu lesen. Aber vermutlich nur zwischen Mann und Frau, wage ich gedanklich zu ergänzen.
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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche mit viel Liebe.
Montag: Vergangenen Woche nahm ich Anstoß an zahlreichen Motorrädern, die den ganzen Tag an unserer Ferienwohnung vorbeidonnern. Immerhin beginnen sie damit erst nach neun Uhr, somit ist die Nachtruhe ungestört, man soll ja möglichst auch das Positive sehen. Dennoch frage ich mich nicht zum ersten Mal, warum die Dinger, also jedenfalls viele davon, so laut sein müssen und dürfen, zumal es ja auch durchaus moderat gestimmte Modelle gibt. Findet man als Motorradfahrer das Geknatter generell toll, oder nur das der eigenen Maschine?
Nachmittags machten wir einen Ausflug nach Vaison-la-Romaine, das noch erstaunlich touristenleer schien. Den Geliebten zog es in ein Geschäft, dass ausschließlich Geschirr vermeintlich provencalischer Machart anbietet, Sie kennen vielleicht diese grellfarbige Keramik, vermutlich aus chinesischer Produktion. Mit geradezu kindlicher Begeisterung nahm er einige Tassen in Augenschein, deren Erwerb nur mit Mühe zu verhindern war, zumal wir zu Hause Tassen in ausreichender Anzahl und etwas darüber hinaus im Schrank haben. Gleichsam ein Enfant im Porzellanladen.
Blühendes in Vaison-la-Romaine
Bei Frau Diekmann las ich erstmals vom äußeren Schweinehund, der meines Erachtens, im Gegensatz zu seinem inneren Bruder, viel zu wenig Beachtung findet.
Dienstag: Nach Ostern ist die Zahl der am Haus vorbeibrausenden Motorräder merklich zurückgegangen. Dafür brausen nun umso mehr P- und LKW vorbei. Was soll man machen.
Wir wohnen hier nicht nur in häuslicher Gemeinschaft mit Hühnern, die durch ihre Bewegungen und Geräusche Stadtbewohnern wie uns stets ein Lächeln entlocken, sondern auch mit einem Gecko, genauer: einem Europäischen Halbfinger, wie der Liebste recherchiert hat, der abends, während wir uns dem Nachtglas widmen, regungslos an der Hauswand oder kopfüber an der Decke der Terrasse verharrt, um seinen Appetit auf Spinnlein und ähnliches Getier zu stillen. Also der Gecko, nicht der Liebste; letzterer isst normalerweise mit uns am Tisch.
Auf dem Weg zum Nachmittagsgetränk
In Frankreich ist Wahlkampf.
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Was man hier nur wenig sieht, sind blau-gelbe Ukraineflaggen. Gleichwohl ist die daraus folgende Ölkrise auch in hiesigen Supermärkten angekommen.
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Mittwoch: Morgens gab es kein warmes Wasser mehr. Die Warmwasserbereitung erfolgt hier in einem großen Behälter im Nebenraum, der mit (vermutlich Atom-)Strom aufgeheizt wird und offenbar seine Funktion vorläufig eingestellt hat. Somit startete der Tag für mich als im Kaltduschen Ungeübter ohne das tägliche Brausebad, was man wohl überlebt.
Nachmittags besuchten wir zwei Weingüter in Beaumes-de-Venise und Vacqueyras. Auf dem Hinweg kamen wir an La Roque-Alric vorbei, einem pittoresk an einen Berghang gebauten Dorf, dessen wesentliche Funktion darin liegt, als Motiv für Postkarten und Touristenfotos zu dienen. Vom Verkaufs- und Verkostungsraum in Vacqueyras aus ein wunderbarer weiter Blick über noch zart begrünte Weinberge, Wege, Baumgruppen, Hecken, Zypressen, Ginsterbüsche, einzelne Häuser und Gehöfte; ein Gemälde aus verschiedenen Grün-, Ocker-, Braun-, Grau und Blautönen mit einigen gelben Sprenkeln darin. Auch an diesem kühltrüben Tag hätte ich dort stundenlang stehen und schauen können, obwohl nicht viel passierte; hier wurde etwas an den Reben gezupft, dort fuhr ein Traktor durch das Bild. Wie schön muss es sein, jeden Morgen nach dem Aufwachen diesen Anblick zu genießen? Und wie lange würde es dauern, bis durch die Gewohnheit des Täglichen auch hier der Genuss ermattet?
Im Übrigen verweise ich auf meine diesbezüglichen Ausführungen hier von 2010 sowie aus vergangenem September:
»Nicht zum ersten und bestimmt nicht zum letzten Mal stelle ich mir vor, wie es wäre, dauerhaft hier zu leben. Vielleicht in einem eigenen Haus etwas außerhalb, umgeben von Weinreben und Olivenbäumen, ein Lavendelfeld in Sichtweite, dazu Aussicht auf den Mont Ventoux und unser Schwimmbecken, in dem meine Lieben plantschen, während ich im Schatten der Terrasse belanglose Zeilen im Notizbuch vermerke. Im Winter knackt das Feuer im Kamin, während eisiger Mistral das Haus umtost. So schön das klingen mag – es spricht doch einiges dagegen. Allein schon fehlte mir der Mut, zu Hause alles abzubrechen und hier neu anzufangen, einschließlich Erlernen der Sprache, die ich auch nach Jahren nur rudimentär beherrscheanzuwenden im Stande bin. Und verliert das Schöne nicht irgendwann seinen Reiz, wenn man dauerhaft darin wohnt? Wer weiß, vielleicht werden durch den Kimawandel bald alle Sommer in der Provence unerträglich heiß, oder Marine Le Pen übernimmt die Macht, dann heißt es womöglich „Ausländer raus“ und „Schwule hängen“ mit unabsehbaren Folgen für ausländische Schwule. – Freuen wir uns also lieber auf das nächste Mal.«
Nach Rückkehr hatten die Vermieter unserer Wohnung das warme Wasser wieder ans Laufen gebracht. Ab morgen wieder Warmduschen.
Zur Feier des Liebsten Geburtstags verbrachten wir den Abend in einem sehr guten örtlichen Restaurant. Nach dem Hauptgang brachte der Wirt eine kleine quadratische Torte mit brennendem Kerzlein darauf an unseren Tisch, nötigte uns, für den Liebsten zu singen, auf dass auch die übrigen Gäste von seinem Anniversaire erfuhren, teilweise stimmten sie gar ein. Kaum war das Kerzenlicht ausgeblasen, wurde das noch unangetastete Törtchen wieder abgeräumt; wenig später servierte der Wirt drei Streifen daraus, von der Menge her völlig ausreichend, als Dessert. Was er mit dem Rest gemacht hat, entzieht sich meiner Kenntnis.
…
Die Neigung, in Dingen Gesichter zu erkennen, heißt übrigens Pareidolie.
Donnerstag: Nach Brausebad und Frühstück fuhren wir nach Avignon, der Stadt der Päpste, halben Brücke und Mireille Matthieu. Dort besuchten wir die örtliche Markthalle, wie es sie in vielen größeren französischen Städten gibt. Während der Liebste Einkäufe tätigte, prüften der Geliebte und ich die Getränkequalität einer der Bars und wir kamen zu einem zufriedenstellenden Ergebnis. Erstaunlich, wie viele Menschen, augenscheinlich keine Touristen, sich mittags an einem gewöhnlichen Wochentag an der Bar einer Markthalle aufhalten, nicht nur für einen schnellen Kaffee oder ein Wasser, die meisten hatten ein Weinglas vor sich, das vom freundlichen Barmann regelmäßig nachgefüllt wurde. Offenbar nicht oder nicht überwiegend aus Verzweiflung, sondern Lebensfreude. Wie wenig Aufenthaltsqualität bietet dagegen etwa der Bonner Wochenmarkt, wo man mit Angeboten wie „Ein Kilo Tomaten ein Euro“ angeschrien wird und schon deshalb lieber schnell weitergeht.
»Lungensport in Schwarzrheindorf« lautet eine Artikelüberschrift in der Zeitung, die ich dank Netz auch im Urlaub lese, wohingegen ich auf die Fernsehnachrichten problemlos verzichten kann. Klingt nach einem Wettrauchen.
Freitag: Der letzte Urlaubstag ist stets mit einer gewissen Melancholie belegt. Die Sachen, darunter zahlreiche Weinkartons (und Kaffee, fragen Sie nicht) ins Auto packen, das letzte Nachmittagsbier auf der Terrasse der Lieblingsbar, abends nochmal in die Pizzeria, das war es dann, morgen früh fahren wir zurück.
Nach dem Frühstück fuhren meine Lieben nach Vaison-la-Romaine, den Supermarkt leerkaufen. Da ich Supermarktaufenthalte ermüdend, allenfalls mäßig interessant finde, nutzte ich die Alleinzeit für einen knapp zweistündigen Gang rund um den Ort. Nichts hilft besser gegen Urlaubsendemelancholie als Gehen.
Drogenanbau südlich von MalaucèneLavendelfeld, VorsaisonStillleben, provencalisch
Samstag: Der Vorteil, wenn man zu dritt verreist, ist, ich kann im Auto hinten sitzen. Vorne sitze ich ungern, am unliebsten auf dem Fahrersitz, meine Bewertungen als Beifahrer sind auch nicht besonders gut („Warum blinkst du nicht?“ – „Fahr doch nicht dauernd links!“ – „Vorsicht!“ – und so weiter). Hinten kann ich einfach aus dem Fenster schauen und nachdenken, wovon ich in den vergangenen Tagen ausgiebig Gebrauch machte, freilich ohne zu einem nennenswerten Ergebnis zu kommen.
Übrigens male ich mir nur über weniges so viel aus wie vor einer Reise darüber, was alles schiefgehen kann: Zugausfall, Reifenpanne, Hagelschlag, Gezänk, Meteoriteneinschlag. Doch ging es gut, bereits gegen 17:45 Uhr, somit fast eine halbe Stunde vor der ursprünglich errechneten Ankunftszeit trafen wir nach staufreier Fahrt mit nur geringem Gezänk zu Hause ein.
Sonntag: Die erste Nacht im eigenen Bett schläft es sich wie üblich besonders gut. (Ist der Satz so korrekt, oder muss es heißen „In der ersten Nacht“? Egal, Sie wissen, was ich meine.)
Diese Wochenbetrachtung wäre unvollständig ohne Erwähnung des Vogels, der in Malaucène die Umgebung mit seinem Ruf erfreut: ein etwa halbsekündiger gleichbleibender Ton (E, wie eine zur Ermittlung heruntergeladene Klavier-App, die auf Datengeräten der neuen Generation ohne Zurück-Knopf nur schwierig wieder zu schließen ist, ergeben hat) ungefähr alle zwei Sekunden, an eine Alarmanlage oder einen Feuermelder erinnernd. Abends nach Einbruch der Dunkelheit piept er besonders ausdauernd, manchmal über Stunden, auch tagsüber ist er hin und wieder zu hören, wenn nicht gerade ein Motorrad brüllt. Manchmal gesellt sich nachts in größerer Entfernung ein Artgenosse hinzu, in Tonhöhe und Frequenz geringfügig von ersterem abweichend. So tanzen ihre Töne minutenlang umeinander her, mal treffen sie aufeinander oder verfehlen sich knapp, trennen sich wieder, bis sie erneut verschmelzen, während der Mensch sich wach in seinem Tuch wälzt. Um was für einen Vogel es sich handelt, war nicht zu ermitteln. Ein wenig vermisse ich ihn.
Zum Schluss einige weitere bildliche Eindrücke der Woche.
Der Verfasser bei einem wichtigen TagesterminLandschaft bei VinsobresAvignonBlick aus unserer Ferienwohnung über die Straße, ausnahmsweise ohne KraftfahrzeuggeräuscheÀ bientôt
Zurück in Bonn. Heute war ich spazieren. Auf dem Friedensplatz war Antikmarkt, wo der übliche Krempel feilgeboten wurde, wie eine kurze Inaugenscheinnahme ergab. Nachdem ich mich einige Meter entfernt hatte, um den Gang fortzusetzen, gab es eine lautes Scheppern und Klirren, als ob einer der Stände mit Geschirr, Gläsern und Hausrat umgekippt wäre. Ich verzichtete auf eine Rückkehr, um nachzuschauen; es wird wohl niemand verletzt worden sein. Desweiteren zog es mich auf die andere Rheinseite, wo am Beueler Rheinufer ebenfalls eine Art Markt mit Verkaufs-, Trink- und Essständen stattfand, das ganze akustisch hinterlegt mit Musik von Bernd Clüver. Für den Rest des Spazierens begleitete mich leider die Liedzeile »Mexican Girl, heut Nacht oder nie«. Ansonsten war es schön:
Rheinaue vor Bonn-SchwarzrheindorfEbendaDer Rhein nördlich von Bonn
»Schick deinen Love Standort« hat jemand mit Kreide auf eine niedrige Mauer in der Inneren Nordstadt geschrieben. Leider nicht, wohin.
Nachtrag am Abend: Frankreich hat gewählt. Nochmal gut gegangen. Wir können wiederkommen.
***
Ab morgen wird es wieder ernst. Kommen Sie gut durch die Woche, ich versuche es auch.
Montag: Es wäre vermessen zu behaupten, in den vergangenen zwei seuchengeplagten Wochen hätte ich bedeutende Dinge getan. Genau genommen tat ich nicht viel mehr als zu schlafen und gegen die FDP zu stänkern. Heute, am ersten Arbeitstag danach, wurde ich daran erinnert, mit welchen, Außenstehenden nur schwer erklärbaren Beschäftigungen man acht Stunden auch verbringen kann, wofür man zudem noch gut bezahlt wird.
Gelesen bei Frau Novemberregen: »Nicht, dass das Leben an sich irgendwie entspannter geworden wäre aber bekanntlich spielt ja die eigene Haltung zu den Fakten auch eine ganz wesentliche Rolle. Und ich bin fest entschlossen, mich nicht mehr übermäßig zu sorgen oder vielleicht auch einfach gar nicht mehr, es führt ja zu nichts.« Und ich sah, dass es gut war.
„Schützen dürfen wieder Eier schießen“, steht in der Zeitung. Autsch. (Denken Sie sich hier spätpubertäres Kichern.)
Dienstag: Im Werk den Maileingang komplett abgearbeitet, einschließlich der Rückstände der vergangenen zwei Wochen. Zwei Anfragen habe ich unbearbeitet abgelegt, mangels Idee, was die Anfragenden von mir wollen und Lust, nachzufragen. Mal sehen, ob sie sich nochmal melden. Erfahrungsgemäß nicht. Das mag arbeitsmoralisch bedenklich erscheinen, andererseits ist es nicht zu viel verlangt, ein Anliegen einigermaßen verständlich zu formulieren.
Dank der Wärme verbrachte ich den frühen Abend mit Zeitungs- und Bloglektüre auf dem Balkon. Aus der Wohnung links schallte Musik, von der Terrasse unten Ess- und Gesprächsgeräusche, das ganze hinterlegt vom Rauschen der Stadthauslüftung. Wer es nicht mag, sollte nicht mitten in der Stadt wohnen und aufs Land ziehen, wo er sich dann über Hahnenkräh und Kuhglockenklang erregen kann.
Mittwoch: Apropos Hahn beziehungsweise Hühner – die Eierpreise steigen. Sind die Schützen schuld?
»Verantwortlich handeln« steht ausgerechnet auf einem Landtagswahlplakat der FDP. »Schlaue Ranzen tragen Tablet« auf einem anderen. Schlaue Ranzen? Egal, ich will nicht schon wieder darauf rumhacken.
»Wo möchtest du in 500 Jahren leben?«, las ich im Vorbeifahren auf dem Plakat einer anderen Partei, deren Name mir auf die Schnelle nicht auffiel (so als kleiner Hinweis an deren Wahlstrategen). Hierzu sei angemerkt: Ich möchte nicht von einer Organisation geduzt werden – nicht von Ikea noch Apple, auch nicht der internen Unternehmenskommunikation, schon gar nicht von einer Partei. Des weiteren hoffe ich sehr, in fünfhundert Jahren gar nicht mehr zu leben; immerhin diese Hoffnung scheint nicht unbegründet.
Deshalb frühzeitig an das Ende denken. („Reerdigung“ ist ein wunderbares Wort, finden Sie nicht auch?)
Dessen ungeachtet staunte ich mittags nach dem Essen über ein Meer aus Gänseblümchen im Rheinauenpark und fragte mich, ob das zuvor in jedem Jahr so viele waren, mir das nur nie auffiel; machmal ist man ja lange Zeit blind für etwas, das schon immer da war. Sehen und staunen Sie selbst:
....
Nachmittags sinnierte ich mit zwei Kollegen während einer Kaffeepause auf dem sonnenbeschienenen Werksbalkon (ja, sowas haben wir) über die aktuelle Lage. Wir waren uns schnell einig, die Menschheit im Ganzen ist bekloppt und voraussichtlich nicht mehr zu retten.
Donnerstag: Oder doch? Die gestern zunächst unerkannt gebliebene Partei nennt sich „Partei für Gesundheitsforschung“, ich habe heute nochmal für Sie genauer hingeschaut. Sie verfolgt laut Plakat ein bemerkenswertes Ziel: »Mit zukünftiger Medizin werden Menschen durch Verjüngung wahrscheinlich nicht mehr an Alterskrankheiten oder hohem Alter sterben und tausende Jahre leben können, und zwar körperlich und geistig gesund.« Über die geistige Gesundheit der Parteigründer erlaube ich mir kein Urteil. Wobei mich schon interessieren würde, wie die sich das mit der Verjüngung praktisch vorstellen: Hat man ab einem bestimmten Alter oder Grad der Gebrechlichkeit Anrecht auf eine Therapie, aus der man anschließend in jugendlicher Frische hervorgeht? Muss man dann den ganzen Mist wie Pubertät, Schule, Sturm und Drang nochmal durchmachen, immer wieder? Wohin mit den ganzen Menschen, wenn keiner mehr Lust hat zu sterben und immer noch neue geboren werden? – Die vielleicht besser mal nicht wählen.
Freitag: Vormittags fuhren wir los in Richtung Südfrankreich mit Zwischenhalt in Beaune. Nach zwei Wochen Seuchenpause und danach einer nicht allzu anstrengenden Arbeitswoche erscheint der (ohnehin äußerst unschöne, daher möglichst gar nicht zu verwendende) Begriff „wohlverdienter“ Urlaub übertrieben, aber machmal ergeben sich die Dinge so, was will man machen. Es könnte schlimmer sein. So richtig in Urlaubsstimmung bin ich noch nicht, das kommt bestimmt noch, spätestens mit dem ersten Rosé.
Samstag: Die Maskenpflicht scheint in Frankreich weitgehend überwunden. Zu den Dingen, die ich zwei Jahre lang nicht vermisst habe, gehört Menschengewühl am Hotelfrühstücksbuffet. Im Übrigen muss ich mich an das allgemeine Wir-tun-so-als-wäre-es-vorbei-Spiel noch etwas gewöhnen, das wird schon. Ab Herbst tragen wir dann wieder Maske, also noch nicht wegwerfen.
Nach staureicher Fahrt erreichten wir am späten Nachmittag unser Reiseziel Malaucène. Das Ankunftsgetränk war zwar kein Rosé, dennoch fühlte es sich schon sehr nach Urlaub an.
Santé
Sonntag: Den ersten Urlaubstag verbringen wir wie immer ohne nennenswerte Aktivitäten. Die Niederschrift dieser Tagesnotiz erfolgt auf der Terrasse unserer Ferienwohnung mit Blick auf das angewilderte Gärtchen, darin blühender Flieder, gelber Löwenzahn und außergewöhnlich großblätteriger Klee. Rechts ein großes Hühnergehege, dessen Bewohnerinnen (kein generisches Femininum, augen- und ohrenscheinlich wohnt dort kein Hahn) zufrieden in den Tag picken und ab und zu die üblichen Hühnergeräusche von sich geben. Einziger Schönheitsfehler: Zur Linken trennt nur eine hohe Hecke das Grundstück von der stark befahrenen Straße nach Carpentras, die beliebt zu sein scheint bei Motorradbesitzern, deren Maschinen einen nicht unerheblichen Teil der eingesetzten Energie in unösterliches Donnergrollen umsetzen. Auch das ist wohl auch eine Art von Freiheit.
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Ich wünsche Ihnen einen schönen Rest von Ostern und eine angenehme Woche.
Montag: Weiterhin abwarten und Tee trinken, teilt das Testzentrum mit. Man muss ja nicht ständig auf der Überholspur leben, nicht wahr.
Auf dem Weg vom Testzentrum kam ich an einem Hutgeschäft vorbei, das mir bislang nicht aufgefallen war. Hierdurch erwachte ein bereits länger gefasster, indes immer wieder geschobener Entschluss: Sobald ich wieder einen Laden betreten darf, werde ich mich dort beraten lassen und mir einen Hut kaufen. Das dazu passende Alter habe ich inzwischen erreicht.
Letztlich ist so ein Hut auch nur äußerlicher Zierrat, nicht viel zweckvoller als eine Tätowierung oder Tunnel-Ohrringe, nur im Gegensatz zu diesen bei Überdrüssigkeit einfacher wieder zu entfernen. Über Äußerlichkeiten schrieb Frau Anje: »Jeder Mensch folgt den Vorgaben seines Selbstbildes, ich bin für mich aber sehr froh, dass ich nur noch „unauffällig“ realisieren muss, hätte schlimmer kommen können.«
Dienstag: Wie in der Zeitung zu lesen ist, fordert eine Petition die Umbenennung der Waldstraße in Bonn-Bad Godesberg in „Ukraine-Straße“, weil dort das Konsulat Russlands liegt und man Putin damit vielleicht ärgern, gar zum Einlenken bringen könnte. In der Begründung heißt es: »Das wäre ein einfacher, aber unglaublich bedeutsamer Akt der symbolischen Unterstützung für das mutige ukrainische Volk«. Ein Duisburger Bürger schlägt dagegen „Wolodymyr-Selenskyj-“ oder „Vitali-Klitschko-Straße“ vor. (Warum interessiert sich ein Duisburger für Godesberger Straßennamen?) Einem Mitglied der Linke geht das nicht weit genug: Wenn schon, müsste die Straße „Straße der ukrainischen Freiheit“ oder „Straße der ukrainischen Souveränität“ heißen. Das ist natürlich einfacher als die Heizung ein paar Grad runterzudrehen oder auf der Autobahn nur noch hundert zu fahren. Es sei denn, man gehört zu den rund vierhundert Bewohnern der Waldstraße, die dann allen Korrespondenzpartnern ihre neue Anschrift mitteilen und künftig etwas mehr Zeit einplanen müssten, um anderen den Namen ihrer Straße zu buchstabieren.
In der Kister-Kolumne dieser Woche, die zu empfehlen ich nicht müde werde, las ich das Wort „eskapistisch“, das mir zwar nicht gänzlich neu war, dessen Bedeutung ich indessen ohne Dudenblick nicht spontan hätte wiedergeben können. Dort, also im Duden, steht: »vor der Realität und ihren Anforderungen in Illusionen oder in Zerstreuungen und Vergnügungen ausweichend«. Ich weiß nicht, warum mir dabei als erstes die FDP einfällt.
Mittwoch: Wie morgens im Radio gemeldet wurde, soll die umstrittene Freiwilligkeit, sich nach Feststellung einer Corona-Infektion in Isolation/Quarantäne zu gegeben, nun doch nicht zum 1. Mai eingeführt werden, vielmehr bleibt es bei der Pflicht, dann zu Hause zu bleiben und abzuwarten. Dies hat Bundesgesundheitsminister Lauterbach in der Nacht über Twitter bekannt gegeben. (Nach wie vor fällt es mir sehr schwer, dieses Zwitscherdings als ernstzunehmendes Nachrichtenmedium wahrzunehmen, was aber wohl ausschließlich an mir als künftigem Hutträger liegt, nicht an Twitter.) Wie mag es sich anfühlen, als Minister möglichst überzeugt wirkend erst etwas zu verkünden, das man persönlich für grundfalsch hält, es dann später als als Korrektur einer eigenen Fehlentscheidung darstellend zurücknehmen zu müssen?
Abwarten auch hier: Die Schnelltests weiterhin positiv, gefühlt nicht mehr krank, aber auch noch nicht richtig gesund, die Krankschreibung verlängert bis Ende dieser Woche. Immerhin sind Appetit und Geschmackssinn nicht abhanden gekommen, wobei sich zeitweise ein seltsam metallischer Geschmack einstellt und die Waage morgens einen erheblichen Gewichtsverlust anzeigt. So vergehen die Tage – lange schlafen, die Zeitung und Blogs lesen, hier ein paar Zeilen niederschreiben, zur Besänftigung des Pflichtgefühls nachmittags Werksmails kucken, einige löschen, wenige bearbeiten, Besprechungsanfragen der laufenden Woche konsequent ablehnen, andere unter Vorbehalt zusagen. Fast ein Zustand, an den ich mich dauerhaft gewöhnen könnte.
Auf dem Rückweg vom Testen ein kleiner Umweg durch die Breite Straße. Bemerkenswert die Abwesenheit von Blütentouristen, was vielleicht an der Tageszeit oder am Wetter lag.
Donnerstag: WDR 4 hat Bürger nach ihrer Meinung zur Impfpflicht ab sechzig befragt. Dazu einer: „Ich bin neunundfünfzig, werde nächste Woche sechzig. Was soll ich denn jetzt machen?“ Ein echtes Problem, das der Bundestag heute gelöst hat, indem er sich gegen eine Impfpflicht entschieden hat. Danke, FDP.
Gelesen bei Herrn Fischer, der sich angesichts des neuen IPCC-Berichts Gedanken macht über die zu erwartenden Auswirkungen der Klimaveränderungen in den kommenden Jahren: »Ich muss übrigens gestehen: Unter dem Aspekt bin ich wirklich froh, keine Kinder zu haben. – Schulligung, das alles war jetzt ein echter Downer.« – Nein, lieber Herr Fischer, das downt mich nicht, vielmehr sehe ich es genau so: Das beste, was man jetzt haben kann, nicht nur unter dem Aspekt, ist keine Kinder. Es liegt mir fern, dafür irgendwen um Entschuldigung zu bitten. Auch nicht für meinen wachsenden Fatalismus, es als gegeben hinzunehmen. Wir könnten daran noch etwas ändern. Theoretisch. Tun wir aber nicht, weil wir heute auf nichts verzichten wollen, was denen nach uns zugute kommt, siehe Tempolimit (das laut FDP-Verkehrsminister schon deshalb nicht möglich ist, weil es nicht genug Schilder gibt. Hat der das wirklich gesagt, oder war das eine Meldung der Postillon? – Doch, er hat.). Ich bin jetzt fünfundfünfzig, hoffe auf noch etwa zwanzig gute Jahre, vielleicht ein paar mehr, kommt nicht so drauf an; solange werde ich weiterhin meinen Müll trennen, Flugreisen meiden, Autos verabscheuen und weniger Fleisch essen. Was danach kommt, liegt nicht in meiner Hand.
Freitag: Die geänderte Verkehrsführung in Bonn mit gewissen Beeinträchtigungen für Autofahrer zugunsten des Fuß- und Fahrradverkehrs erzeugt weiterhin Unmut; in seinem Leserbrief an den General-Anzeiger schreibt Georg D.: »Die Verkehrspolitik, die sich hier im Moment aufbaut, ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf die Politik, die uns bundesweit, beispielsweise auf Autobahnen und Bundesstraßen erwarten könnte, sollten wir diese Politik über die Kommunen hinaus weiter verfolgen.« Hoffen wir es.
Ansonsten hob ein negatives Testergebnis die Laune erheblich. Ab Montag wieder ins Werk, ich freue mich, das meine ich ohne jede Ironie. Wie über dieses Kärtchen:
Vielen Dank dafür, liebe N.!Am frühen Abend zeigte sich auch die Heerstraße erstaunlich unbevölkert.
Samstag: Als großer Freund der Meinungsfreiheit lege ich Wert darauf, auch komplett von meiner eigenen Sichtweise abweichende Meinungsäußerungen zu akzeptieren, wie folgenden Leserbrief des Leistungsträgers Peter K. an den General-Anzeiger, der Müßiggängern ohne Unternehmergeist und Personalverantwortung wie mir mal so richtig die Uhr stellt:
»[…] Das man schnell reisen muss um seine Dinge zu erledigen, ist jetzt auch Frau Baerbock aufgefallen. Sie muss fliegen. Wie eben auch viele Geschäftsleute fliegen und reisen müssen. […] Zügig auf der Autobahn unterwegs zu sein, hat auch was mit Leistungsfähigkeit zu tun. Ich schaffe an einem Tag mehr Termine, die ich für das Wohl meiner Firma und meiner 165 Mitarbeiter und deren Familien einsetzen kann. Wenn jetzt einer der Müßiggänger sagt, das würde man auch mit Tempo 100 schaffen und an der nächsten Ampel wäre der Vorsprung dahin: Klares „Nein“, weil ich gegebenenfalls mehrfach fahren muss und dort, wo Ampeln stehen, eh schon ein Tempolimit herrscht. Seltsame Logik der Müßiggänger. [Anmerkung des Müßiggängers: Die Logik des Leistungsträgers ist mir hier auch nicht unmittelbar nachvollziehbar. Weiter:] Leistung ist nun mal Arbeit pro Zeit. Schaffe ich an einem Tag mehr, leiste ich mehr, auch für diese Gesellschaft und die daraus entstehende Wertschöpfung und Steuern. Und ich bin früher zu Hause bei meiner Familie. Es geht nicht nur um Tempo 100. Es geht darum, dass ausgerechnet die, die als Einzelunternehmer ohne Personalverantwortung durchs Leben schlendern, bestimmen wollen, wie sich Leistungsträger zu verhalten haben. Und noch einmal ganz krass: Zügig fahren auf den wenigen freien Autobahnabschnitten macht Spaß und schafft für mich Motivation, sich dem aktuellen Irrsinn der Wissenden auszusetzen, die bei allen Analysen und Talkshows von einem einzigen Verrückten auf der Welt ins analytische Aus befördert wurden. [Anm. d. M.: Auch nach mehrfachem Lesen verstehe ich den zweiten Teilsatz nicht. Sie? Weiter:] Und wenn ich noch zynischer werde, sollte man einmal die Energie der ganzen Talkshows aufsummieren und einsparen und die Leute arbeiten lassen. Die Leistungsträger machen das von selbst zum Wohle der Gesellschaft und der ganzen Sozialleistungen.«
General-Anzeiger Bonn vom 9. April 2022
Wobei, dem vorletzten Satz, dem mit den Talkshows, kann ich gewisse Sympathie abgewinnen.
Gelesen in einem Rundbrief: »Somit wird der Krieg auch von den Verbrechern in Deutschland mitfinanziert.« Nach nochmaligem Lesen wurden die Verbrecher zu Verbrauchern. So ganz weit liegen beide vielleicht manchmal gar nicht auseinander.
Sehr ähnlich, wenn auch inhaltlich weiter auseinander, sind „Salutschüsse“ und „Salatschüssel“, das nur am Rande und ohne jeden Bezug, fiel mir so ein.
Sonntag: Gestern Abend waren wir nach zweiwöchiger Entbehrung wieder in einem Restaurant, wo auch abseits der Tische keine Masken mehr getragen werden mussten, noch sehr ungewohnt. Zum Nachtisch gabs Panna Cotta, die sich rückblickend etwas schlafhemmend auswirkte. Heute ein langer Spaziergang alleine. Wenngleich eine vermutlich nur vorübergehende und nicht sehr stabile Sicherheit, fühlt es sich nach vorläufig überstandener Seuche besonders gut an wie seit zwei Jahren nicht mehr, gleichsam unverwundbar.
Auch am anderen Ufer in Beuel blüht es wieder.Die Siegauen erwachen.Das Wort zum Sonntag.
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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche, lassen Sie es ruhig angehen; ich habe es jedenfalls vor.