Woche 33: Harmonische Dreisamkeit im Mausehaus

Montag: „Zu tun gibt es ja immer was“, sagte der Mann in der Radioreklame, die mich morgens angenehmen Träumen entriss. Blöder kann man wohl nicht in eine neue Woche starten.

Als ich vor gut zwanzig Jahren im Mutterhaus die Arbeit aufnahm, waren Anzug oder wenigstens Jacket und Krawatte eine ungeschriebene Selbstverständlichkeit für männliche Büroknechte. Auch freitags. Wer ohne Krawatte ins Büro kam, konnte sich einer entsprechenden Bemerkung des Chefs sicher sein, es sei denn, die Temperaturen lagen wie zurzeit über dreißig Grad – dann verzichteten sogar Chefs auf den Halsbinder, manche öffneten gar den zweiten Hemdenknopf, auch nicht immer schön. Die Damen hatten es da deutlich besser – leichte Sommerkleider und offene Schuhe waren nie Gegenstand des Anstoßes. In dieser Hinsicht hat sich vieles zum deutlich Besseren verändert: Zunächst entfiel an Freitagen die Krawattenerwartung – womit widerlegt ist, so ungern ich das zugebe, alles, was aus Amerika kommt, sei schlecht – später auch an den übrigen Tagen. Inzwischen sind Krawattenträger klar in der Minderzahl, und das ist gut so. Sogar Männer – auch Abteilungsleiter – in kurzen Hosen zeigen mittlerweile mehr oder weniger wohlgeratene Beine. Auch das ist gut, wobei ich selbst so weit noch nicht bin. Kommt vielleicht noch, wenn ich demnächst der letzte auf dem Flur in langen Beinkleidern bin. ‪Doch so warm der Sommer auch glüht – für Kaffee ist es nie zu heiß.‬

Nicht zu heiß, trotz Anzug und Krawatte und in ganz anderer Hinsicht, war es vergangenen Samstag Florian Schroeder in Stuttgart, der für mich ab sofort zu den ganz Großen dieser Zeit zählt. Deswegen.

Ich habe übrigens beschlossen, mich nicht länger aufzuregen, wenn andere das mit dem Abstand nicht begreifen oder einfach nicht wollen; es würde meine allgemeine Lebensqualität zu sehr beeinträchtigen. Ich kann nur weiterhin für mich selbst darauf achten. Mehr kann ich für mich und andere nicht tun.

Dienstag: Vergangene Nacht schlief ich wärmebedingt schlecht, hinzu kamen akustische und olfaktorische Unwägbarkeiten von der Nebenmatratze, auf die ich nicht näher eingehen möchte. Während einer längeren Wachphase überlegte ich: Erreichen Florian Schroeder nach seinem Auftritt in Stuttgart nun wohl wüste Beschimpfungen und Morddrohungen? Wie geht man mit so etwas um? Droht mir ähnliches, nachdem ich für ihn Sympathie bekundete? Eher nicht, weil das hier nicht viele lesen. Vorteil des Kleinbloggers.

Tagsüber schrieb man mir per Mail: „Bitte geh du hier in den Lead.“ Soll ich jetzt singen, oder was?

Laut Zeitung rüsten die Stadtwerke Bonn ihre Busflotte derzeit mit Anti-Infektionsschutzwänden aus. Maschendraht?

Abends grummelte in der Nähe ein Gewitter, das etwas Regen schickte. Auch zwischenmenschlich grummelte es ein wenig, ohne konkret erkennbare Ursache; manchmal ist das so, wenn Menschen zusammen leben. Womöglich auch eine Folge der Hitze.

Mittwoch: Kurz nach Mitternacht kam das nächste Gewitter. Zunächst ein fernes Dauergrollen, das scheinbar nur sehr langsam sich näherte. Später erhellten Blitze den Nachthimmel über der Stadt und Donner rollte um die Häuser. Nicht wenige Menschen behaupten, sie schliefen besonders gut, wenn über ihnen die Naturgewalten toben; vielleicht haben sie dann auch besonders guten Sex, warum auch nicht, in dieser Hinsicht gibt es ja wenig, was es nicht gibt. Bei mir gilt das nur für nächtlichen Regen ohne Gewitter (also das mit dem Schlafen, mit dem anderen will ich Sie nicht unnötig langweilen). Eine Art erhalten gebliebener Urrespekt aus der Kindheit hält mich bei Gewitter wach. Immerhin, statt mir, bis es vorbei ist, die Bettdecke über den Kopf zu ziehen, wo bald Erstickung droht, stehe ich mittlerweile auf und schaue es mir vom Fenster aus an. Dann zähle ich die Sekunden zwischen Blitz und Donner. Wie weit ist es weg? Kommt es näher? Alte Faustregel, wenn ich nicht irre: Anzahl Sekunden geteilt durch drei gleich Entfernung in Kilometern. Um kurz nach halb zwei war es vorbei. Kurz vor drei kam das nächste, recht schnell und bald wieder vorbei, dafür mit starkem Regen. Dieses Mal blieb ich im Bett und schlief dann doch noch ganz gut.

Nach einem weiteren heißen Tag zog am Abend das nächste Unwetter mit Gewitter, Sturm und viel Regen über die Stadt und richtete (zum Glück nicht bei uns) größeres Unheil an. Vorher sah das vom Balkon so aus:

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Hinterher nach vorne hinaus so:

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Auch die interne Gewitterneigung war noch nicht ganz abgeklungen, weil Tief C sich aus nach wie vor unerfindlichen Gründen noch immer nicht aufgelöst hatte. Hingegen harmonische Dreisamkeit am späten Abend in unserem VogelMausehaus:

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Donnerstag: Badgespräch am Morgen: „Stehst du schon wieder hinter mir!“ – „Nein, du stehst vor mir.“

Billie Eilish – laut Zeitung der zweitwichtigste Teenager der Welt. Nie gehört. Nachteil des Boomerdaseins. Oder Vorteil, wer weiß.

In den Medien wird behauptet, die demokratische Kandidatin für das US-Vizepräsidentenamt, Kamala Harris, sei „schwarz“. Verstehe ich nicht. Sie ist doch mindestens so „weiß“ wie Donald Trump, wenn man die Bilder vergleicht.

Freitag: Nur kurz Regen am Abend. Überhaupt regnet es zu wenig in letzter Zeit, manche Kommunen haben schon Schwierigkeiten mit der Wasserversorgung. Die Schwimmbecken sind voll, aber der Duschkopf bleibt trocken. Dagegen war die Klopapierkrise ein Witz.

Ist Ihnen mal aufgefallen, dass es in Filmen selten regnet ohne Gewitterbegleitung, einfach nur Regen? Befürchten die Filmemacher, der Zuschauer würde den Regen sonst nicht bemerken? Darüber regt sich mal wieder niemand auf.

Samstag: „Die Vorstellung, dass an irgendeiner Stelle des Internets gesiezt wird, ist geradezu abwegig“, steht im General-Anzeiger zum Schwinden des „Sie“. Der Schreiber scheint dieses Blog nicht zu kennen. Warum sollte er auch.

Sonntag: Zwei notierenswerte Sätze aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung:

„Nichts verpufft schneller als die öffentliche Empörung.“
(Rainer Hank über integres Handeln von Unternehmen)

„Heute kommen Menschen aus allen Kontinenten, um Paderborn weiträumig zu umfahren.“
(Oliver Maria Schmitt über Paderborn)

In der PSYCHOLOGIE HEUTE las ich einen interessanten Artikel über sogenannte Spätblüher, das sind Leute, die erst im fortgeschrittenen Alter ihre wahre Berufung finden. Das gibt mir Hoffnung, doch noch Karriere zu machen als erfolgreicher, angesehener … wasweißich.

Am späteren Abend nach Einbruch der Dunkelheit werkelte der Nachbar gegenüber etwas Undefinierbares auf seiner Terrasse herum, wie so häufig. Dass wir ihm offensichtlich dabei zuschauen, störte ihn nicht. Kennen Sie das, wenn Sie jemanden bei seinem unablässigen Tun betrachten und sich fragen: Was treibt ihn nur?

Woche 32: Ästhetische Grundbedürfnisse an warmen Tagen

Montag: Morgens auf dem Weg ins Werk hielt vor einer roten Ampel ein anderer Radfahrer direkt neben mir, Abstand unter einem Meter. Wäre ich nicht so konfliktscheu und hätte er zudem nicht gewisse ästhetische Grundbedürfnisse bei mir angesprochen, also der hätte was zu hören bekommen!

Die erste Hälfte des Tages war von geradezu schmerzhafter Unlust begleitet, nach dem Mittagessen wurde es nur geringfügig besser. Erst der Abend zu Hause mit den Lieben und Begleitgetränk auf dem Balkon war ganz schön. Dieses Konzept „Arbeiten um zu leben“ bedarf der Nachbesserung.

Einen wesentlichen Teil meines inneren Friedens ziehe ich wohl daraus, mich nicht allzu sehr dafür zu interessieren, was andere Leute tun oder denken. Dazu gehört auch, abweichende Meinungen auszuhalten. Gleichwohl fand ich es sehr irritierend, von jemandem, den ich ansonsten sehr schätze, solches zu hören: „Das ist doch alles völlig überzogen.“ – „Was soll schon passieren, es ist nicht schlimmer als eine Grippe.“ – „Eine unglaubliche Einschränkung meiner Freiheit.“ – „Muss doch jeder selbst entscheiden, ob er eine Maske trägt und Abstand hält.“ – „Impfen bringt sowieso nichts.“ – „Wer weiß, was da wirklich hintersteckt.“ – „Es trifft doch fast nur die Alten.“ – „Italien? Das italienische Gesundheitswesen ist halt desolat.“

Noch einmal ästhetische Grundbedürfnisse: „Brauchst du eine kalte Dusche?“ lautete die Frage des Tages bei Quergeföhnt. Ja, abends im Rewe hätte sie zur Linderung einschlägiger Gedanken beitragen können, leider war gerade keine im Angebot.

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Dienstag: Erstmals las ich in der Zeitung das Wort „Fußgehende“ als gendergerechte Bezeichnung für Menschen, die Wege zu Fuß zurücklegen. Ich weiß nicht recht – nicht gerade eine prachtvolle Rose im Wörtersee.

Wie ich nämlicher Zeitung entnahm, beklagt ein gewisser Damian Hardung, mir bislang unbekannter Schauspieler, häufige Belästigungen durch unverlangt zugesandte Zuschriften und Anfragen sittenlosen Inhalts. Nach kurzer Bildrecherche im Netz verstehe ich.

Mittwoch: Morgens auf dem Weg ins Werk sah ich einen, der mit einem Laubbläser den halben Hofgarten in eine Staubwolke hüllte. War wohl eher ein Staubbläser. (Ja ich weiß, humoristisch eher flachwurzelnd.)

Donnerstag: „Manche führen, manche folgen“, stand auf dem hinteren Nummernschildträger eines sterntragenden Wagens, der vor dem Werk parkte. Manche spinnen, erlaube ich mir zu ergänzen.

„Es gibt keine Amseln mit Brustwarzen“, stellte der Geliebte am Abend klar, was wohl nicht einmal der derzeit amtierende amerikanische Präsident anzweifeln würde, sofern er weiß, was eine Amsel ist; Brustwarzen wird er wohl kennen. Später beklagte er sich, also der Geliebte, nicht der Präsident, worüber, sei dahingestellt: „… und ich werde wieder an den Pranger genagelt.“

Freitag: Schiefe Bilder auch im Werk. Aus einer Besprechung: „Wir müssen sehen, ob wir da einen Schuh dran kriegen.“

Die letzte Besprechung des Tages zog sich bis nach siebzehn Uhr hin. Während andere sich bereits kühlenden Wochenendgetränken widmeten, saß ich noch immer im warmen Büro und sah per Skype zu, wie jemand anderes eine Präsentation erstellte.

Hier eine kleine Serviceleistung für die warmen Tage:

(Mein erstes selbst erstelltes Gif, entstanden während einer Besprechung, die nicht meiner vollen Aufmerksamkeit bedurfte. Bitte beachten Sie die Fliege am Fenster.)

Abends waren wir zum ersten Mal beim Griechen im Rosenthal. Jahrelang waren wir auf dem Weg zum und vom Lieblingsbiergarten immer nur daran vorbei gegangen; nie sahen wir die Taverne gut besucht, was möglicherweise Rückschlüsse auf Qualität, Freundlichkeit oder andere Mängel zuließ. Auf nachbarliche Empfehlung hin hielten wir nun Einkehr und waren sehr zufrieden: Das Essen war reichhaltig und wohlschmeckend, der Service freundlich, die Preise moderat; nur der Ouzo des Hauses hätte kälter sein dürfen, dafür bekam jeder zwei. Da werden wir ganz bestimmt wieder hingehen.

Samstag: Es ist zu warm für viele Worte. Daher heute nur ein Archivbild aus kühleren Zeiten.

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(Aufgenommen bei Göttingen am 21. Januar dieses denkwürdigen Jahres)

Sonntag: Der Sonntagsspaziergang fiel hitzebedingt kurz aus, anschließend mied ich den Balkon und zog mich in mein abgedunkeltes Zimmer zurück, um in Ventilatorbegleitung die Sonntagszeitung zu lesen. Sie können davon ausgehen: Wenn es selbst mir zu warm zum Spazieren und Balkonsitzen ist, dann ist es verdammt warm.

Die Zeitungslektüre war ebenfalls verkürzt, nicht wegen der Hitze, sondern weil nachts ein Irrer unseren Briefkasten und einige andere aufgebrochen und die Inhalte teilweise zerrissen in die Einfahrt verstreut hat, darunter auch die Zeitung. Was hat der zu erbeuten gehofft? Warum tut man sowas?

Außerdem habe ich mir den kurzen Beitrag von Dieter Nuhr für die DFG-Aktion „Gemeinsam #für das Wissen“ angehört, um den in den letzten Tagen soviel Geschrei gemacht wurde, Sie wissen schon, Meinungsfreiheit und so, siehe auch Montag. Ich kann an der Stellungsnahme absolut nichts Erregenswertes erkennen. Im übrigen schätze ich Dieter Nuhr sehr, sowohl auf der Bühne als auch als Autor, gerade weil er gerne mal eine abweichende Meinung vertritt.

Aus der Erklärung der DFG dazu:

In verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft hat sich eine Debattenkultur entwickelt, in der oft nicht das sachliche und stärkere Argument zählt, in der weniger zugehört und nachgefragt, sondern immer häufiger vorschnell geurteilt und verurteilt wird. An die Stelle des gemeinsamen Dialogs treten zunehmend polarisierte und polarisierende Auseinandersetzungen.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Woche 31: Gehört, gelesen, notiert und runtergescribbelt

Montag: „Dazu hätte ich gerne noch etwas Input, aber das können wir hinterher offline machen.“ Was schlaue Menschen in Meetings so sagen.

Apropos offline: Zu den deprimierendsten Anblicken zähle ich jenen junger Eltern, die Kinderwagen schiebend gelangweilt auf ihr Datengerät schauen.

„Polizei blitzt im Kreis“, steht in der Zeitung. Ein physikalisches Wunder offenbar.

Dienstag: Was ich gestern über junge Eltern anmerkte, gilt sinngemäß auch für viele Kantinenbesucher, denen es offenbar nicht möglich ist, in Ruhe eine Mahlzeit zu sich zu nehmen, ohne dass mindestens zwei Mobiltelefone neben dem Teller liegen, auf die sie während der Nahrungsaufnahme im Minutentakt draufzuschauen gezwungen sind.

Mittwoch: „Pop up“ ist das neue „Mal eben“. Auch so ein dummer Coronanglizismus, den viele für alles Mögliche nachplappern. Demnach ist ein Wochenmarkt wohl eine Pop up Shopping Mall.

Donnerstag: Heute ist Weltpostkartentag. Warum auch nicht, irgendwas ist ja immer.

„Ich bin auf Dienstreise“ lässt jemand nicht per Postkarte, sondern Mail-Abwesenheitsmeldung wissen. Das habe ich lange nicht mehr gelesen.

„Das beißt sich ein bisschen von vorne bis hinten in den Schwanz, wie man auf neudeutsch sagt“, sagt einer in der Besprechung. Altdeutsch dann wohl in den Schweif.

Freitag: Mittags beobachtete ich in der Kantine interessante Szenen. Dort herrscht seuchenbedingt eine klare Einbahnstraßenregelung: Vorne rein und hinten raus, von Sicherheitsleuten streng überwacht und durchgesetzt; wer einmal den Saal verlassen hat, darf nicht wieder rein, jedenfalls nicht durch den Ausgang. Nun befinden sich aber die beliebtesten Plätze auf der Terrasse, also draußen, wie bei Terrassen üblich. Dort ist das Platzangebot, wie drinnen auch, aus bekannten Gründen zurzeit stark eingeschränkt. Das hielt die Gernedraußenesser nicht davon ab, mit ihrem Tablett direkt raus zu marschieren, wo trotz Hitze bald alles belegt war, wodurch Nachkommende keinen Platz mehr fanden. Was tun? Klar: Wieder rein. Doch halt, dieser Weg war aus oben genannten Gründen versperrt, die Sicherheitsleute verweigerten gnadenlos den Rückweg in den Saal. Somit blieb den armen Hungrigen nichts anderes übrig, als mit dem Tablett in der Hand, auf dem das Mittagsmahl langsam erkaltete, zu warten, bis jemand fertig war und Platz machte. Irgendwann merkten die Sicherheitsleute das und wiesen weitere Leute auf dem Weg nach draußen auf die Aussichtslosigkeit ihres Vorhabens hin, woraufhin sie vor Verlassen des Gebäudes umkehrten und drinnen aßen. – Ich frage mich: Warum essen wir, und da schließe ich mich selbst mit ein, so gerne draußen, trotz unbeschatteter Sonnenglut, Wespenflug und „nur Kännchen“, im Winter auch durch Heizpilze oder -strahler gewärmt? Immerhin unterbinden mittlerweile immer mehr Städte aus gutem Grund letzteres.

Ansonsten in dieser Arbeitswoche gehört, gelesen und notiert: „Das ist ein klassischer Sonderweg.“ – „Ich scribbel das mal runter.“ – „Digitalisierung wird bei [uns] groß geschrieben.“ – “ Wir dürfen nicht nur den Happy Flow betrachten.“

Samstag: In einem amüsanten Leserbrief an den General-Anzeiger schreibt Lothar S. zum Thema „Toskana in Deutschland“:

Werden doch schon seit vielen Jahren alle nur erdenklichen mehr oder weniger reizvolle Gegenden Deutschlands von einfallslosen Tourismus-Marketing-Leuten so tituliert. So finden sich in Deutschland nach meinen Recherchen Toskanen von der Uckermark im Osten über den Kraichgau, auch „badische Toskana“ genannt, bis hin zum Markgräflerland im Westen, der „deutschen Toskana zwischen Freiburg und Basel“. In Nord-Süd-Richtung finden sich Toskanen von Schleswig-Holstein irgendwo um Grömitz herum über Rheinhessen bis zum Hegau am Bodensee. Der Prozess der Toskanisierung deutscher Tourismus-Regionen scheint in Kürze abgeschlossen zu sein.

Über die Wörter „Toskanen“ und „Toskanisierung“ habe ich mich sehr gefreut.

Sonntag: Zu den unschönen, sich gleichwohl größerer Beliebtheit erfreuenden Schottergärten in Vorstadtsiedlungen schreibt die FAS:

Vom Wohnen auf einer Autobahnbaustelle unterscheidet sich das umschotterte Einfamilienhaus nur dadurch, dass es keinen begrünten Mittelstreifen hat.

Unschön auch die Geräusche aus dem Nebenhaus. Offenbar hat sich der Nachbar angewöhnt, sein Husten in ein ekelerregend-lautstarkes Würgen münden zu lassen, woran er uns seit ein paar Tagen etwa im Zehnminutentakt teilhaben lässt. Dann lieber die Singstarkrähe von gegenüber, die in dieser Woche allerdings auf gesangliche Darbietungen verzichtete.

Das Thema Wohnqualität liegt augenscheinlich auch den Parteien am Herzen; zur bevorstehenden Kommunalwahl in Bonn plakatieren sie:

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Sprachlich ähnlich geglückt auch diese Werbung einer anderen Partei:

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Eher keine Empfehlung zur Wahl ist in diesem Schild zu vermuten, wenngleich sich Bezüge zu bestimmten Parteien herstellen ließen:

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Im Übrigen verlief die Woche weitgehend in Harmonie. Aufkommende atmosphärische Störungen lösten sich schnell auf, wie diese: „Reißt du dich jetzt mal zusammen?“ – „Nein, ich bin schon zusammengerissen.“

Woche 30: Vielleicht bleibt das erstmal für immer so

Montag: „Die Bedingungen in der fleischverarbeitenden Industrie sind weder menschenwürdig noch tiergerecht“, wird die BUND-Geschäftsführerin in der Zeitung zitiert. Im Zusammenhang mit Fleischerzeugung überhaupt von „tiergerecht“ und „Tierwohl“ zu sprechen ist schon ziemlich abwegig.

Bleiben wir noch ein wenig beim Thema Fleisch: Auf dem Weg in die Kantine, wo es Königsberger Klopse mit einem seltsam roten, indes wohlschmeckenden Püree gab, sah ich an einer Bushaltestelle eine barfüßige Frau mitsamt Fahrrad in den Bus steigen, den sie kurz darauf wieder verließ; vielleicht hatte der Busfahrer sie freundlich über die Zweckbestimmung eines Fahrrades aufgeklärt. Während sie das Rad aus dem Bus trug, stieß sie lautstark üble Beschimpfungen gegen den Fahrer aus, deren Wortlaut ich hier nicht wiedergeben möchte, weil das vermutlich gegen die Bestimmungen von WordPress verstieße. Sie war noch zu hören, als ich die Haltestelle längst hinter mir gelassen hatte und der Bus schon lange außer Sichtweite war. Ob sie ihren Weg schimpfradelnd fortsetzte, habe ich nicht weiter verfolgt. Wäre es nicht unter meinem ohnehin nicht allzu hohen Niveau, dieses F-Wort, das auf -otze endet, zu benutzen: Für diese Person wäre es wohl passend gewesen.

Ansonsten war der Tag geprägt von zähem Fluss und Müdigkeit. Doch auch für solche Tage hat die Natur oder das Universum oder wer sonst dafür zuständig ist ein Ende vorgesehen.

Dienstag: Augen auf bei der Brauenpflege. Merke: Stufe fünf des Haarschneiders bedeutet nicht zwangsläufig fünf Millimeter. Was solls, wächst ja nach.

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Im Werk gibt es ein Benutzerverwaltungssystem mit deutscher Bezeichnung, abgekürzt wird es BVOK. Das ist zunächst unspektakulär und hier kaum der Erwähnung wert. Was allerdings auffällt: Alle sprechen es „Bi-Wok“ aus, als ginge es um einen geschlechtlich flexiblen asiatischen Gemüsebräter. Vermutlich hat irgendwann ein anglophiler Berater damit angefangen, seitdem plappern es alle ohne nachzudenken nach, wie so oft.

Mittwoch: „Seine blauen Augen leuchten, seine Kopfform erinnert an die von Lord Voldemort, dem Bösewicht aus Harry Potter“, schreibt der General-Anzeiger über Stephan B., den Attentäter von Halle. War der Redakteur früher für die Bild-Zeitung tätig, oder produzierte er zweifelhafte Groschenromane?

Abends erforderten Vereinspflichten meine Anwesenheit in Köln. Während des Wartens auf dem Bahnsteig lauschte ich den Coronaparolen der Bahn aus dem Lautsprecher: „Bitte halten Sie Abstand. – Tragen Sie einen Mund-Nasen-Schutz. – Bleiben Sie gesund.“ Ich versuche es. Was hätten wir wohl gedacht, wenn uns vor einem Jahr jemand gesagt hätte: „In einem Jahr müssen wir alle eine Maske tragen, wenn wir mit der Bahn fahren.“  Heute kann ich mir fast nicht mehr vorstellen, dass das irgendwann wieder ohne möglich ist. Vielleicht bleibt das erstmal für immer so.

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Während der Fahrt blickte ich auf eine Böschung, dicht bewachsen mit Brombeersträuchern voller schwarzer Früchte, teilweise griffen ihre Zweige bis auf den Gleisschotter. Übernehmen irgendwann, wenn die Menschheit sich erfolgreich eliminiert hat, also vielleicht schon bald, Brombeersträucher die Weltherrschaft? Das wäre jedenfalls besser als Durian, von der ich letztens las, auch Stink- oder Kotzfrucht genannt.

Donnerstag: Auf dem Weg ins Werk ereilte mich auf dem Fahrrad ein Stich in den Rücken, der mich seitdem treu begleitet. Manchmal möchte ich den HERRN anrufen und sagen: „Nimm hin diesen alten, geschundenen Körper und schaffe aus seinen Atomen etwas Sinnvolles: Bienen, Ameisen oder Brombeersträucher.“ Immerhin entschleunigt so ein Rückenschaden den Alltag erheblich.

Erfahrung des Tages: Bevor du in einer Skypekonferenz einem Teilnehmer eine lästerliche Nachricht schickst, die nur für ihn bestimmt ist, achte unbedingt darauf, dass er nicht gerade seinen Bildschirm präsentiert.

Gehört: „Ich habe nächste Woche zwei Tage Urlaub, weil mein Sohn Geburtstag hat.“ Klingt eher nach Orgie denn Kindergeburtstag.

Freitag: Im Rücken zwickt es noch immer, aber schon weniger als gestern. Vielleicht sollte ich mit dem Anruf des Herrn noch etwas warten.

Ansonsten in Besprechungen gehört: „Das beheben wir minimalinvasiv“ (Kenne ich, ist wesentlicher Bestandteil meines Lebensprinzips), „trilaterale Abstimmung“ (kenne ich auch, täglich zu Hause) und „Erstell dazu mal ein factbook“ (kenne ich nicht, ist laut Leo kein gebräuchliches Wort).

Abends bekamen wir im Vogelhaus Besuch. Dazu wussten meine Lieben: „Das ist keine Hausmaus, sondern eine Feldmaus, hat K [unser Nachbar, Anm. d. Chronisten] gesagt.“ – „Woher weiß der das?“ – „Der kommt doch aus der Ecke.“ Im Übrigen zeigte sich das Tier durch unsere Anwesenheit und das grelle Licht der Kamera wenig beeindruckt.

Samstag: Nachmittags debattierten wir über die Ästhetik von Bauchnabeln, ein weites Feld, über das sich vieles sagen und schreiben ließe, wie dieses: „Das ist wie beim Obst – da gibt es schöne Gurken und schlechte Gurken.“

Als wir abends vom Essen heimkehrten, saß die Maus wieder im Vogelhäuschen und naschte Körner. Nicht nur das: Ein weiteres Exemplar war in die Falle getappt. Sie sind also mindestens zu zweit.

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Selbstverständlich entließen wir das Mäuschen umgehend in die Freiheit des Gartens, ein baldiges Wiedersehen ist somit wahrscheinlich.

Sonntag: Das schottische Wort „Tartle“ bezeichnet laut dem Buch „Einzigartige Wörter“ den Moment des Zögerns, wenn man jemanden trifft, dessen Name man vergessen hat. Zurzeit beschäftigt mich indessen der umgekehrte Fall. Ohne Anlass, also ohne ihn in letzter Zeit gehört oder irgendwo gelesen zu haben, ist mir wieder ein Name eingefallen, den ich nicht mehr mit der zugehörigen Person in Verbindung zu bringen vermag. Das wenige, was ich noch weiß oder wenigstens zu erinnern glaube: Es war eine männliche Person mutmaßlich „mit Migrationshintergrund“ *, mit der ich vor über zwanzig Jahren im Raum Bielefeld in vermutlich beruflichem Umfeld zu tun hatte. Es bedurfte damals einiger Übung, bis ich den Namen fehlerfrei aussprechen konnte. Mehr fällt mir dazu nicht ein, doch lässt es mir keine Ruhe. Ob die Schotten dafür auch ein Wort unter ihren Röcken tragen? Aber nein, angeblich tragen die darunter ja nix, ein anderes Thema. Lieber Herr Delialioglu, falls Sie das hier zufällig lesen, scheuen Sie sich nicht, eine Nachricht zu hinterlassen, es würde mich freuen.


* Laut Sonntagszeitung ist diese Bezeichnung inzwischen auch nicht mehr politisch korrekt; eine zeitgemäße Alternative wird leider nicht angeboten.

Woche 29: Überwiegend angenehm in gewohnter Geschäftigkeit

Liebe Leserinnen und Leser, hier der Rückblick auf die wichtigsten Ereig- und Erkenntnisse der Woche vom 13. bis 19. Juli 2020.

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Montag: „Abstand ist angesagt“, steht auf einem Plakat des Landes NRW. Für Teile von Mallorca galt am vergangenen Wochenende indes eher: „Anstand ist abgesagt“.

Der erste Arbeitstag nach dem Urlaub enthielt zwei weitgehend entbehrliche halbstündige Besprechungen und einen mittäglichen Spaziergang durch die Rheinauen, ansonsten keine nennenswerten Imponderabilien. Was verlangt man von einem Montag dem 13. mehr.

Dienstag: Treffen sich zwei EU-Beamte. (Warum beginnen Witze eigentlich immer mit dieser sprachlich äußerst fragwürdigen Einleitung? Warum sagt man nicht „Ein Mann kam zum Arzt“ statt „Kommt ein Mann zum Arzt und sagt »Herr Doktor, Herr Doktor …« [Einschub: Kein Mensch geht zum Arzt und sagt »Herr Doktor, Herr Doktor«] – Egal, das soll jetzt nicht Gegenstand der Betrachtung sein, also weiter im Text.) Sagt der eine: „Mir ist so langweilig.“ Darauf der andere: „Mir auch. Los, lass uns die Mindesthaltbarkeit von Mineralwasser regeln.“ – „Au ja!“

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Mittwoch: Der Tag verlief überwiegend angenehm in gewohnter Geschäftigkeit ohne notierenswerte Ereignisse. Allenfalls wäre zu beklagen gewesen, dass laut Zeitung die Ausfuhr von Kriegswaffen aus Deutschland gestiegen ist, doch möchte ich mich nicht ständig wiederholen.

Abends war leichtes Theatergrummeln zu vernehmen, weil der Liebste zuvor ein wenig Nachbarschaftspflege betrieben hatte. (Nein, keine sexuelle Belustigung.)

Donnerstag: Kennen Sie das, wenn Sie einen Satz oder Begriff hören, den Sie anschließend ständig leise vor sich hin flüstern und dabei jedes Mal kichern müssen? So erging es mir heute, als ich von der „Spielvereinigung Pittenhart e.V.“ Kenntnis erhielt. Was mag dort gespielt werden? Man möchte Mäuschen spielen.

Nicht gespielt sondern echt die Maus bei uns im Haus. Erstmals gesichtet haben wir sie vor einer Woche abends auf unserem Balkon, wie auch immer sie dorthin gelangt ist, sie scheint über beachtliche Kletterkünste zu verfügen. Daraufhin besorgte der Liebste eine Mausefalle – nicht so ein brutales Modell mit Drahtbügel, der mit Federkraft dem armen Tier das Genick bricht, sondern eine für Mausverhältnisse geräumige, fellschonende, durchsichtige Plastikröhre, die sie in Gewahrsam nimmt, auf dass wir sie anschließend unversehrt fern des Hauses in die Freiheit entlassen könnten. Entweder mag sie keinen Käse, keine Nusscreme noch Körner, oder sie ist sehr klug; jedenfalls blieb die Röhre bislang mausmäßig unbetreten, daher nahmen wir schon an, sie hätte den Balkon wieder verlassen. Irrtum: Heute sah der Liebste sie durch das Schlafzimmer huschen, mit wenig Bereitschaft zur Gefangennahme. Das kommt davon, wenn die Balkontür ständig geöffnet ist, aber auf mich hört ja keiner. Nun steht die Falle also im Schlafzimmer. Immerhin geht von ihr keine Unfallgefahr für Zehen aus.

Nachtrag: Am späteren Abend durchquerte die Maus die Küche und verschwand zunächst hinter dem Kühlschrank. Kurz darauf verließ sie durch die geöffnete Balkontür freiwillig die Wohnung. Sicher ist: Sie wird wiederkommen, wenn die Tür das nächste Mal offen steht. Also sehr bald.

Freitag: Als ich morgens als zweiter in die Küche kam, war die Balkontür schon wieder weit geöffnet. Ich erwäge, der Maus im Wohnzimmer eine Ecke einzurichten, mit Futterstelle und Grasfläche, falls sie dauerhaft bei uns wohnen möchte. Vielleicht bringt sie noch ein paar Freunde mit.

Häufigster Satz in Skype-Besprechungen: „……………………. Sorry, ich war noch gemutet.“

Ansonsten gehört: „Wenn man sich mit anderen unterhält, denkt man, das ist so ne Art Psychologie, aber dann verstehen die das und geben einem recht.“

Samstag: „Tsundoku“ ist ein japanisches Wort, es bedeutet, ein frisch gekauftes Buch zu den anderen ungelesenen zu legen. Solches zu tun war mir heute vergönnt, nachdem ich in der Buchhandlung meines Vertrauens nicht ein Buch erstanden habe, sondern vier.

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Sonntag: Das seit März in großen Mengen gekaufte Toilettenpapier geht mit Ablauf dieser Woche zu neige, ab Montag müssen die Deutschen wieder nachkaufen. Das wollen Marktforscher laut Sonntagszeitung herausgefunden haben.

Während des Spaziergangs begegnete mir ein Mädchen auf einem Einrad. Für mich, der ich nicht mal in der Lage bin, freihändig Fahrrad zu fahren, immer noch eines der größten Rätsel. Warum funktioniert das, und wie ist es Menschen möglich, das zu erlernen? Und wer hat sich das ausgedacht? Das erscheint mir wesentlich interessanter als die Klopapierbestände in deutschen Haushalten.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme neue Woche mit ausreichend Toilettenpapier und auch sonst ohne nennenswerte Mängel!