Woche 30: Vielleicht bleibt das erstmal für immer so

Montag: „Die Bedingungen in der fleischverarbeitenden Industrie sind weder menschenwürdig noch tiergerecht“, wird die BUND-Geschäftsführerin in der Zeitung zitiert. Im Zusammenhang mit Fleischerzeugung überhaupt von „tiergerecht“ und „Tierwohl“ zu sprechen ist schon ziemlich abwegig.

Bleiben wir noch ein wenig beim Thema Fleisch: Auf dem Weg in die Kantine, wo es Königsberger Klopse mit einem seltsam roten, indes wohlschmeckenden Püree gab, sah ich an einer Bushaltestelle eine barfüßige Frau mitsamt Fahrrad in den Bus steigen, den sie kurz darauf wieder verließ; vielleicht hatte der Busfahrer sie freundlich über die Zweckbestimmung eines Fahrrades aufgeklärt. Während sie das Rad aus dem Bus trug, stieß sie lautstark üble Beschimpfungen gegen den Fahrer aus, deren Wortlaut ich hier nicht wiedergeben möchte, weil das vermutlich gegen die Bestimmungen von WordPress verstieße. Sie war noch zu hören, als ich die Haltestelle längst hinter mir gelassen hatte und der Bus schon lange außer Sichtweite war. Ob sie ihren Weg schimpfradelnd fortsetzte, habe ich nicht weiter verfolgt. Wäre es nicht unter meinem ohnehin nicht allzu hohen Niveau, dieses F-Wort, das auf -otze endet, zu benutzen: Für diese Person wäre es wohl passend gewesen.

Ansonsten war der Tag geprägt von zähem Fluss und Müdigkeit. Doch auch für solche Tage hat die Natur oder das Universum oder wer sonst dafür zuständig ist ein Ende vorgesehen.

Dienstag: Augen auf bei der Brauenpflege. Merke: Stufe fünf des Haarschneiders bedeutet nicht zwangsläufig fünf Millimeter. Was solls, wächst ja nach.

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Im Werk gibt es ein Benutzerverwaltungssystem mit deutscher Bezeichnung, abgekürzt wird es BVOK. Das ist zunächst unspektakulär und hier kaum der Erwähnung wert. Was allerdings auffällt: Alle sprechen es „Bi-Wok“ aus, als ginge es um einen geschlechtlich flexiblen asiatischen Gemüsebräter. Vermutlich hat irgendwann ein anglophiler Berater damit angefangen, seitdem plappern es alle ohne nachzudenken nach, wie so oft.

Mittwoch: „Seine blauen Augen leuchten, seine Kopfform erinnert an die von Lord Voldemort, dem Bösewicht aus Harry Potter“, schreibt der General-Anzeiger über Stephan B., den Attentäter von Halle. War der Redakteur früher für die Bild-Zeitung tätig, oder produzierte er zweifelhafte Groschenromane?

Abends erforderten Vereinspflichten meine Anwesenheit in Köln. Während des Wartens auf dem Bahnsteig lauschte ich den Coronaparolen der Bahn aus dem Lautsprecher: „Bitte halten Sie Abstand. – Tragen Sie einen Mund-Nasen-Schutz. – Bleiben Sie gesund.“ Ich versuche es. Was hätten wir wohl gedacht, wenn uns vor einem Jahr jemand gesagt hätte: „In einem Jahr müssen wir alle eine Maske tragen, wenn wir mit der Bahn fahren.“  Heute kann ich mir fast nicht mehr vorstellen, dass das irgendwann wieder ohne möglich ist. Vielleicht bleibt das erstmal für immer so.

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Während der Fahrt blickte ich auf eine Böschung, dicht bewachsen mit Brombeersträuchern voller schwarzer Früchte, teilweise griffen ihre Zweige bis auf den Gleisschotter. Übernehmen irgendwann, wenn die Menschheit sich erfolgreich eliminiert hat, also vielleicht schon bald, Brombeersträucher die Weltherrschaft? Das wäre jedenfalls besser als Durian, von der ich letztens las, auch Stink- oder Kotzfrucht genannt.

Donnerstag: Auf dem Weg ins Werk ereilte mich auf dem Fahrrad ein Stich in den Rücken, der mich seitdem treu begleitet. Manchmal möchte ich den HERRN anrufen und sagen: „Nimm hin diesen alten, geschundenen Körper und schaffe aus seinen Atomen etwas Sinnvolles: Bienen, Ameisen oder Brombeersträucher.“ Immerhin entschleunigt so ein Rückenschaden den Alltag erheblich.

Erfahrung des Tages: Bevor du in einer Skypekonferenz einem Teilnehmer eine lästerliche Nachricht schickst, die nur für ihn bestimmt ist, achte unbedingt darauf, dass er nicht gerade seinen Bildschirm präsentiert.

Gehört: „Ich habe nächste Woche zwei Tage Urlaub, weil mein Sohn Geburtstag hat.“ Klingt eher nach Orgie denn Kindergeburtstag.

Freitag: Im Rücken zwickt es noch immer, aber schon weniger als gestern. Vielleicht sollte ich mit dem Anruf des Herrn noch etwas warten.

Ansonsten in Besprechungen gehört: „Das beheben wir minimalinvasiv“ (Kenne ich, ist wesentlicher Bestandteil meines Lebensprinzips), „trilaterale Abstimmung“ (kenne ich auch, täglich zu Hause) und „Erstell dazu mal ein factbook“ (kenne ich nicht, ist laut Leo kein gebräuchliches Wort).

Abends bekamen wir im Vogelhaus Besuch. Dazu wussten meine Lieben: „Das ist keine Hausmaus, sondern eine Feldmaus, hat K [unser Nachbar, Anm. d. Chronisten] gesagt.“ – „Woher weiß der das?“ – „Der kommt doch aus der Ecke.“ Im Übrigen zeigte sich das Tier durch unsere Anwesenheit und das grelle Licht der Kamera wenig beeindruckt.

Samstag: Nachmittags debattierten wir über die Ästhetik von Bauchnabeln, ein weites Feld, über das sich vieles sagen und schreiben ließe, wie dieses: „Das ist wie beim Obst – da gibt es schöne Gurken und schlechte Gurken.“

Als wir abends vom Essen heimkehrten, saß die Maus wieder im Vogelhäuschen und naschte Körner. Nicht nur das: Ein weiteres Exemplar war in die Falle getappt. Sie sind also mindestens zu zweit.

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Selbstverständlich entließen wir das Mäuschen umgehend in die Freiheit des Gartens, ein baldiges Wiedersehen ist somit wahrscheinlich.

Sonntag: Das schottische Wort „Tartle“ bezeichnet laut dem Buch „Einzigartige Wörter“ den Moment des Zögerns, wenn man jemanden trifft, dessen Name man vergessen hat. Zurzeit beschäftigt mich indessen der umgekehrte Fall. Ohne Anlass, also ohne ihn in letzter Zeit gehört oder irgendwo gelesen zu haben, ist mir wieder ein Name eingefallen, den ich nicht mehr mit der zugehörigen Person in Verbindung zu bringen vermag. Das wenige, was ich noch weiß oder wenigstens zu erinnern glaube: Es war eine männliche Person mutmaßlich „mit Migrationshintergrund“ *, mit der ich vor über zwanzig Jahren im Raum Bielefeld in vermutlich beruflichem Umfeld zu tun hatte. Es bedurfte damals einiger Übung, bis ich den Namen fehlerfrei aussprechen konnte. Mehr fällt mir dazu nicht ein, doch lässt es mir keine Ruhe. Ob die Schotten dafür auch ein Wort unter ihren Röcken tragen? Aber nein, angeblich tragen die darunter ja nix, ein anderes Thema. Lieber Herr Delialioglu, falls Sie das hier zufällig lesen, scheuen Sie sich nicht, eine Nachricht zu hinterlassen, es würde mich freuen.


* Laut Sonntagszeitung ist diese Bezeichnung inzwischen auch nicht mehr politisch korrekt; eine zeitgemäße Alternative wird leider nicht angeboten.