Woche 45: Mittelzehweh und Geschichtsfalten

Montag: Zu der montagsüblichen Todessehnsucht, oder jedenfalls Berufslebensmüdigkeit, gesellte sich am Morgen Missmut gegen das WLAN-Radio im Bad. Seinen Vorteil, darüber auch den französischen Lieblingssender Nostalgie hören zu können, machte es zunichte durch minutenlanges Zwischenspeichern, unterbrochen durch Einspielungen von jeweils nur wenigen Sekunden Dauer. Ich behaupte nicht, früher sei alles besser gewesen; der analoge Vorgänger des Geräts, der den Sender noch mit langer Antenne aus der Luft empfing, fiel durch derartige Unterbrechungen jedenfalls nicht auf. Aber in diesem Haushalt muss aus Gründen (extra für Sie, liebe N) alles digital sein.

Tagsüber drang durch das aufgrund unnovemberlicher Milde gekippte Bürofenster das vielstimmige Lied zahlreicher Laubbläser an mein Ohr. Leider ohne Zwischenspeichern.

„Die Zeit der Jokes über den BER muss jetzt zu Ende sein“, wird der Bundesverkehrsminister in der Zeitung anlässlich der Inbetriebnahme des Hauptstadtflughafens zitiert. Recht hat er. Machen wir lieber Jokes über Herrn Scheuer.

Rückblickend war der Tag gar nicht so montäglich.

Dienstag: Atomkraftgegner befürchten einen Castortransport durch Bonn, steht in der Zeitung. Ich bin kein großer Freund dieser Energiequelle und finde es ebenso bedauerlich, dass dieses Zeug per Zug durch die Gegend gefahren und Millionen von Jahren irgendwo gelagert werden muss, keine Frage. Doch was ist an einem Transport durch Bonn schlimmer als durch andere Orte, vielleicht Bielefeld oder Bottrop? Manchmal erscheint „Mir doch egal“ die einzig angemessene Antwort.

Selbstfürsorge ist in diesen Zeiten besonders wichtig, lese ich, das beinhaltet auch gutes Essen. Dazu passend sah ich heute in einer internen Mitteilung diese Grafik unbekannter Herkunft:

Wenn ich das richtig interpretiere, wären demnach nougatgefüllte Sellerie und Marzipanmohrrüben die beste Wahl.

Ob die Amerikaner heute auch die beste Wahl treffen, erfahren wir frühestens morgen. Ich fürchte nichts Gutes für die nächste und übernächste Zeit, unabhängig von ihrer Wahlentscheidung. Selbst wenn der Wahnsinnige abgewählt wird, seine zahlreichen Anhänger bleiben. Und sie werden nicht schlagartig vernünftig.

„Es wird furchtbarer, in interessanten Zeiten zu leben“, schreibt Frau Myriade, wenn auch in ganz anderem Zusammenhang. Da hat sie leider recht.

Mittwoch: Noch kein Ergebnis, man zählt weiterhin Stimmzettel aus der vom Präsidenten geschmähten Briefwahl. Vorläufig, hoffentlich nicht allzu lange, steht USA für „Unentschiedene Staaten von Amerika“.

Abends stand wegen eines wehen Zehs eine Frage im Raum, über die ich noch nie nachgedacht habe, oder jedenfalls schon sehr lange nicht mehr, jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern: Haben Zehen Namen, so wie Finger? Der große und kleine Zeh schon, die heißen halt genau so, wobei man zum Großen auch „Bockermann“ sagte, jedenfalls da, wo ich her-/wechkomme. Aber die dazwischen, heißen die auch irgendwie? Der neben dem Bockermann, ist das der Zeigezeh?

Donnerstag: „Lange Rede, großer Sinn“, sagt der Projektleiter. Selbstbewusstsein hat er. Vielleicht ist das seine Art der Selbstfürsorge.

Mittags sah ich einen, der aussah wie Atze Schröder, nur in unironisch. Eine gleichsam tragische Erscheinung.

Eine interessante Erscheinung dagegen das Mutterhaus im Nebel:

Nachmittags erschien am Bürofenster ziemlich später Besuch:

Ich weiß nicht, wie oft ich es noch schreiben, sagen oder singen soll: Warum beschäftigt ZDF-heute einen eigenen Sprecher (m/w/d) nur für Sportmeldungen? Das scheint Herr Emil ähnlich zu sehen, wo ich voller Zustimmung dieses las: „Und warum Informationen über […] Fußball noch immer wichtiger sind als viele andere Dinge, die »die Normalbürger« interessieren könnten oder sollten, erschließt sich mir auch nicht.“

Freitag: Das Mittelzehweh lässt nach. Anscheinend hat das aufgetragene Lavendelöl geholfen, oder jedenfalls der Glaube daran. Lavendelöl hilft ja gegen fast alles: Mundgeruch, Hautschuppen, Augenringe, Gesichtsfalten, Fußpilz, Scheidentrockenheit, nächtlichen Harndrang, Schlechtlaunigkeit und Liebeskummer. Warum also nicht auch Zehwehen.

„…als Corona war…“, hörte ich im Vorbeigehen einen zum anderen sagen. Habe ich mal wieder was nicht mitbekommen?

Samstag: Nachtrag zu Montag: Das mit dem WLAN scheint eher eine persönliche Sache zwischen uns zu sein. Während die Geräte meiner Lieben einwandfrei funktionieren, speichert bei mir das Radio zwischen, der Rechner verbindet sich nicht mit dem Netz und das Tablet zickt herum. Als ob das System mein Digitalfremdeln spürte wie Hunde mein Desinteresse an ihnen und mich deshalb meistens genauso ignorieren wie ich sie. Dabei bin ich der Technik keineswegs abgeneigt, sonst könnten Sie das hier ja nicht lesen. Nur wenn ich manchmal noch auf die (mechanische) Armbanduhr schaue, während ich am Rechner sitze, merke ich, so ganz bin ich noch nicht digitalisiert.

„Das Neue ist nicht immer das Bessere. Es ist noch nicht einmal immer das Gute“, stand heute im General-Anzeiger.

Am frühen Abend erreichte uns das Wahlergebnis aus den USA, wonach Joe Biden wohl der nächste Präsident wird. Wie erwartet sieht Donald Trump das völlig anders. So oder so – nicht nur in den Redaktionen der Sonntagszeitungen dürfte die Nachricht einige Hektik ausgelöst haben.

Sonntag: Ich folge Bloggerinnen, und es sind in diesem Fall tatsächlich zumeist -innen, die ungefähr wöchentlich ein neues Buch vorstellen. Wie machen die das nur? Mein Stapel ungelesener Bücher wird immer höher, in manchen Wochen schaffe ich kaum den SPIEGEL und die Sonntagszeitung durchzulesen, schon ist der Tag wieder vorüber und die Bettzeit naht; wenn ich dann vor dem Einschlafen endlich im Buch (aktuell: „Ozelot und Friesennerz“ von Susanne Matthiesen) lese, fallen mir bald die Augen zu. Hat deren Tag mehr als vierundzwanzig Stunden, oder schlafen die nie?

Ansonsten die Woche gehört: „Wie die eine, die in den Brunnen gefallen ist, und dann war der wieder voll Gold … Pechmarie. Ach nee, die ist in Teer gefallen.“

Verschreiber der Woche: Geschichtsfalten. Passt vielleicht ganz gut in diese Zeiten.

Gelesen in der FAS: „Es sind mitnichten Leichtweine, sondern ausgewachsene Burgunderweine, wie sie sich ein fangfrischer Fisch nicht schöner erträumen würde.“

Gesehen in Bonn-Endenich:

Ihnen eine angenehme neue Woche! Ob mit Alkohol oder ohne, sei Ihnen überlassen.

Foto der Woche: In besten Händen

Die Aktion „Foto der Woche“ von Aequitas et Veritas läuft bis zum 31. Dezember. Jede Woche zeigt man ein Foto und schreibt was dazu, etwa wann und wo man es gemacht hat, warum man es zeigt oder welche Gedanken man damit verknüpft.

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Das Foto machte ich schon vor drei Wochen auf meinem Sonntagsspaziergang; als ich am Schaufenster einer Krankenkasse vorbeiging, schlug die Motivklingel der Kamera an:

Aber vielleicht finde nur ich das irgendwie lustig.

Woche 44: Alberne Naturen und gerupfte Schäfchen

Montag: „Corona gefährdet Sportunterricht“, steht in der Zeitung. Als Jugendlicher hätte mir diese Nachricht freudiges Jauchzen und Luftsprünge ausgelöst, beim Einschlafgebet hätte ich Gott gedankt und gebeten, mit dem Impfstoff keine unnötige Eile walten zu lassen. Nur gegen weniges hegte ich tiefere, in Richtung Hass tendierende Abneigung als gegen Schulsport, noch heute mache ich um jede Turnhalle einen möglichst großen Bogen.

Dienstag: Laut einem Bericht will der VDA, Lobbyverband der Automobilindustrie, die Klimaziele der EU billigen. Vielen Dank, VDA, das ist wirklich sehr großzügig von Ihnen.

Mittwoch: Bei Frau Kraulquappe gelesen über die Vorzüge eines Einfamilienhauses:

»Niemanden treffen zu müssen, den man nicht treffen wil, wenn man los will, kein unnötiger Austausch von Floskeln in Treppenhäusern, keine Höflichkeitsantworten auf dämliche Verlegenheitsfragen wie „Naaaa, alles gut bei euch?“ […] Ich mag das Diskrete, das Unaufdringliche, für mich liegt eindeutig mehr Höflichkeit darin, sich einfach nur freundlich grüßen zu dürfen/können, aber nichts weiter reden zu müssen, wenn man das gerade nicht kann/möchte.«

Hinzu kommen die wunderbaren Wörter „Abstandswiese“, „Diskretionswall“, „Distanzrefugium“ und „Virenvakuum“. Sie schreiben mir aus der Seele, meine Liebe!

Ansonsten in der Zeitung gelesen: In Amerika hat sich während einer Party ein Dreijähriger mit einer Pistole erschossen, die zuvor einem der Gäste aus der Tasche gefallen war. Das ist nicht lustig; leider nicht der erste und mit großer Sicherheit nicht der letzte Fall dieser Art. Sie begreifen es einfach nicht.

Weiterhin in der Zeitung gelesen den Leserbrief von Peter G. aus B:

»So gut der Wunsch „Bleiben Sie gesund“ bei allen Gelegenheiten auch ist: Millionen Menschen sind zur Zeit krank. Für sie trifft dieser gut gemeinte Wunsch doch gar nicht zu. Wäre daher nicht eine entsprechende Ergänzung sinnvoll: „Bleiben oder werden Sie gesund“?«

Augenscheinlich haben manche sehr viel Zeit.

Donnerstag: Manchmal muss man es einfach aushalten und abwarten, bis es vorüber ist. Das gilt für Schnupfen und Sturm wie für Zwischenmenschlichkeiten. Bei letzteren hilft es mir, zu denken: Stell dir vor, du hättest Kinder. Schon ist es nur noch halb so schlimm. Oder ich werde selbst zum Kind und spiele mit der Eisenbahn.

(Nahverkehrszug 7844 von Dransfeld nach Rosdorf, planmäßige Abfahrt in Barlingerode Ost um 16:31 Uhr)

Freitag: Millionen von Arbeitnehmern, auch der Liebste, gehen seit März nicht mehr ins Büro, stattdessen erledigen Sie die Geschäfte innerhalb heimischer Wände. Nicht wenige finden das gut, weil sie nicht mehr täglich fahren müssen und „flexibler“ sind, wie sie es nennen. Andere finden das gar nicht gut, weil ihnen die Trennung beruflich – privat wichtig ist. Zu denen gehöre ich. Heute ließ es sich auch für mich nicht vermeiden, ausnahmsweise zu Hause zu arbeiten, wenn auch nur diesen einen Tag. Nach einem freitäglich-frühen Feierabend fühle ich mich bestätigt: Ich mag das nicht. Es widerstrebt mir, mich zu Hause auf berufliche Angelegenheiten zu konzentrieren, mich überhaupt dafür zu interessieren oder anderen per Kopfhörer dabei zuzuhören. Die Arbeit geht schwerer von der Hand, nicht weil ich sie am Laptop statt mit Tastatur, Bildschirm und Maus erledige. Sie gehört hier einfach nicht hin, eine Störung der heimische Komfortzone. Daher bin ich meinem Chef sehr dankbar, dass ich auch in diesen Zeiten grundsätzlich täglich ins Büro darf.

Samstag: Den samstäglichen Gang zum Altglascontainer (bitte fragen Sie nicht) verband ich mit der von meinen Lieben beauftragten Beschaffung einer neuen Butterdose (bitte fragen Sie immer noch nicht) in der Innenstadt. Die Sonne schien, entsprechend gut besucht die Außengastronomie. Zum ersten Mal hatte ich den Eindruck, die Leute hielten sich konsequent an die Maskenpflicht, auch so etwas wie Abstandswahrung glaubte ich zu erkennen. Leider zu spät: Ab Montag bleiben die Gaststätten aus dem bekannten Grund geschlossen, für einen Monat. Hoffen wir, nicht länger. Übrigens kann man für Butterdosen sehr viel Geld ausgeben. Muss man aber nicht.

Unterdessen etabliert sich der fragwürdige Begriff „Lockdown light“, der alberne Naturen veranlasst, zu fragen, ob als nächstes der „Lockdown zero“ kommt, aber das haben Sie bestimmt längst mitbekommen, vermutlich ist Twitter voll davon. Ich weiß es nicht, habe dort seit Wochen nicht mehr reingeschaut.

Sonntag: Morgens erreichte mich die traurige, gleichwohl nicht überraschende Nachricht über die Absage der #Mimimimi-Lesung am 13. November, Sie können sich denken, warum. Hoffen wir also auf einen nicht allzu fernen Ersatztermin, wenn die Situation es wieder zulässt.

Ein kleines Rätsel am Wegesrand, gesehen während des Sonntagsspaziergangs am anderen Ufer:

Lösungsvorschläge nehme ich gerne entgegen. Ich bin gespannt.

Ansonsten in dieser Woche gehört und notiert: „Schnell sind die Schäfchen gerupft.“ – „Jetzt mal Schmalz bei die Butter. Ach nee, Fische, oder?“

Foto der Woche: Nomen est …

Die Aktion „Foto der Woche“ von Aequitas et Veritas läuft bis zum 31. Dezember. Jede Woche zeigt man ein Foto und schreibt was dazu, etwa wann und wo man es gemacht hat, warum man es zeigt oder welche Gedanken man damit verknüpft.

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Ja ich weiß, es geziemt sich nicht, sich über anderer Leute Namen lustig zu machen. Das ist auch gar nicht meine Absicht. Gleichwohl kam ich in diesem Fall nicht umhin, es zu fotografieren, um es Ihnen zur Kenntnis zu bringen.

Woche 43: Wenn etwas schön ist

Montag: „Ich bin gerne unterwegs und ich möchte mich nicht einschränken lassen“, zitiert die Zeitung den 24-jährigen Björn B. zum Thema Sperrstunden in Kneipen. Junger Freund, möchte ich zu ihm sprechen, damit triffst du genau den Punkt. Nun liegt es mir fern, zu behaupten, ihr, die feiersüchtige Jugend, hättet uns das alles eingebrockt. Völlig unschuldig seid ihr indes wohl nicht. Zu eurer Verteidigung sei geschrieben: Immunität gegen Regeln ist weit verbreitet, nicht nur unter euch, und der Dumme ist oft der, der sich an die Regeln hält. Eine meiner größten Leistungen sehe ich darin, mich nicht ständig darüber zu ärgern.

Wessen Schuld es auch immer ist, siehe dazu auch die Anmerkungen aus vergangener Woche: Seit heute gibt es in der Kantine bis auf Weiteres wieder nur Essen zum Mitnehmen. Immerhin gibt es noch was, seien wir also dankbar.

Was Anderes, Schönes: Wenn Sie am Freitag, dem 13. November noch nichts vorhaben, wovon ich fest ausgehe, schauen Sie doch hier rein.

Dienstag: Manche Ideen und Erkenntnisse kommen mir oft morgens während der Rasur. Heute diese: Hätte ich einen eigenen Radiosender, gäbe es dort weder Fußballmeldungen noch Einspielungen von Hörermeinungen noch Max Giesinger.

Hunderte Werktätige kamen heute später zur Arbeit. Nicht nur wegen der Streiks im öffentlichen Nahverkehr, sondern auch, weil sie auf dem Weg dorthin innehielten, um das Morgenrot am Rhein zu fotografieren.

„Wen interessiert das eigentlich, was ich hier erzähle?“, fragte der Projektleiter in einer Skype-Besprechung. Zu seinem Glück haben sich Videokonferenzen bei uns immer noch nicht durchgesetzt; es wäre (wohl nicht nur) mir äußerst schwer gefallen, einen neutralen Gesichtsausdruck zu wahren.

Mittwoch: „Die Initiative ist well on track„, las ich in einer siebenundvierzigseitigen Präsentation, die augenscheinlich direkt aus der Hölle kam.

Übrigens: Wenn jemand behauptet, für etwas keine Zeit zu haben, so meint er in über neunzig Prozent der Fälle: keine Lust dazu.

Donnerstag: Heute war ich hochgradig well on track. Es gibt mehrere ungeschriebene Listen in diesem Kopf, eine davon trägt den Titel „Endlich mal machen“. Ziemlich weit oben darauf steht eine Wanderung durch die Wahner Heide. Das ist ein Naturschutzgebiet östlich von Köln; wenn es Sie interessiert, schauen Sie gerne mal hier. Heute war es endlich so weit, nachdem ich Anfang der Woche recht spontan einen Tag Urlaub angemeldet hatte. Bei leichtem Regen startete ich morgens ab Bonn mit dem Bus nach Troisdorf, wo ich gegen neun ankam. Wie das so ist wenn Engel reisen – der Regen hatte sich bei Ankunft verzogen, später kam sogar die Sonne durch und es wurde richtig warm.

Die Wahner Heide ist durchzogen von zahlreichen Wanderwegen, von denen abzuweichen man tunlichst unterlassen sollte, da Teile davon militärisches Sperrgebiet sind, wo noch immer aktiv Krieg gespielt wird. Aufgrund örtlicher Unkenntnis nutzte ich eine App, die mir eine gut neun Kilometer lange Rundwanderung vorschlug und durch Wald und Heide navigierte.

Nachdem die Runde sich bereits nach weniger als zwei Stunden dem Ende entgegen neigte, entschied ich, unnavigiert noch etwas weiter zu gehen, was nicht schwierig ist, man muss nur den Holzpfählen mit den roten Köpfen folgen. So wurden es am Ende über einundzwanzig Kilometer, von denen ich in Folge meiner planlosen Eigenmächtigkeit einige zweimal ging, aber das macht nichts – Wenn etwas schön ist, dann ist es das auch noch in der Wiederholung.

Hier nun einige optische Eindrücke der heutigen Tour. Während der Heideblüte ist es vermutlich noch eindrucksvoller, aber der Herbst ist auch hier ein verlässlicher Farbenspender.

Somit kann ich heute einen Listeneintrag abhaken. Ich bin mir sicher, in der Wahner Heide war ich nicht zum letzten Mal, es gibt dort noch viele Wege von mir zu erwandern.

Freitag: Apropos Liste: Die sich einer gewissen Beliebtheit erfreuende Liste des Grauens wurde weiter fortgeschrieben. Auf Anregung von Frau Kraulquappe finden Sie sie nun als separate Seite hier. Vielen Dank für den Hinweis, manchmal wundert man sich ja, warum man nicht längst selbst darauf gekommen ist.

Bleiben wir noch etwas bei den Listen: Aussterbende Arten werden üblicherweise auf der Roten Liste vermerkt. Manchmal jedoch werden auch neue Arten entdeckt. Wie heute in einer Besprechung, als die Kollegin anregte, eine „Versuchsente“ zu Wasser zu lassen. Eine neue Spezies im Ententeich der komischen Vögel?

Samstag: „Verschoben auf den 28.5.2021“, steht auf einem großen Zettel, der schräg über ein Plakat zur Ankündigung eines Konzerts geklebt wurde, wie ich während meiner samstäglichen Besorgungen sah. Was wäre die Welt in diesen Zeiten ohne Optimismus?

Nicht überall ist Optimismus angebracht. Die Besorgungen führten mich in den weiterhin geöffneten Drogeriemarkt im Untergeschoss des kürzlich geschlossenen Karstadt-Kaufhauses, vorbei an den mit Flatterband abgesperrten leergeräumten Warenregalen, die nun auf ihren Abbau und Abtransport warten, vermutlich landen sie bald auf dem Müll. Wenngleich ich kein glühender Konsumjünger bin – dieser Anblick stimmt traurig, vor allem wegen der Mitarbeiter, die vor kurzem noch dahinter standen.

Ein wenig Optimismus sei verbreitet: Der Drogeriemarkt verfügt noch über ein reichhaltiges Angebot an Toilettenpapier.

„Sie müssen nicht an den Amazonas reisen, wenn es Bücher auch bei Ihnen um die Ecke gibt“, steht im Schaufenster einer Buchhandlung in der Innenstadt.

Hier noch was Schönes zum Thema Konsum.

Sonntag: Alles Gute zum Geburtstag dem Geliebten! Mit dem Geschenk fremdelt er noch etwas, doch bin ich mir sicher, das wird schon mit der Zeit. Die ewige Frage: Was ist das passende Geschenk für den, der alles hat und noch mehr, und was er sonst noch gerne hätte, im Netz bestellt, auf dass der Paketbote es am nächsten Tag bringe? Gerade in diesen Zeiten, da nicht-materielle Geschenke, die ein Verlassen des Hauses erfordern, nicht ratsam erscheinen? Und wieder wächst in mir die Überzeugung, erwachsene Menschen mit regelmäßigem Einkommen sollten sich nichts zum Geburtstag und zu Weihnachten schenken müssen. Leider hört da wieder mal keiner auf mich.

Bi­schof Ge­org Bät­zing im SPIEGEL: „Es gibt si­cher auch Chris­ten, die sich ihr ei­ge­nes Welt­bild zu­recht­zim­mern. Wo­bei ich klar sage, wir ha­ben ei­nen Gott, der uns Ver­nunft, Ver­stand und Geist ge­schenkt hat, da ist für Ver­schwö­rungs­theo­ri­en kein Platz.“ Wenn der Vertreter einer Idee, die von der Sache her einer Verschwörungstheorie nicht ganz fern ist, von „Vernunft“ und „Verstand“ spricht, dann klingt schon eine gewisse Komik an, weiß Gott.