Woche 44: Alberne Naturen und gerupfte Schäfchen

Montag: „Corona gefährdet Sportunterricht“, steht in der Zeitung. Als Jugendlicher hätte mir diese Nachricht freudiges Jauchzen und Luftsprünge ausgelöst, beim Einschlafgebet hätte ich Gott gedankt und gebeten, mit dem Impfstoff keine unnötige Eile walten zu lassen. Nur gegen weniges hegte ich tiefere, in Richtung Hass tendierende Abneigung als gegen Schulsport, noch heute mache ich um jede Turnhalle einen möglichst großen Bogen.

Dienstag: Laut einem Bericht will der VDA, Lobbyverband der Automobilindustrie, die Klimaziele der EU billigen. Vielen Dank, VDA, das ist wirklich sehr großzügig von Ihnen.

Mittwoch: Bei Frau Kraulquappe gelesen über die Vorzüge eines Einfamilienhauses:

»Niemanden treffen zu müssen, den man nicht treffen wil, wenn man los will, kein unnötiger Austausch von Floskeln in Treppenhäusern, keine Höflichkeitsantworten auf dämliche Verlegenheitsfragen wie „Naaaa, alles gut bei euch?“ […] Ich mag das Diskrete, das Unaufdringliche, für mich liegt eindeutig mehr Höflichkeit darin, sich einfach nur freundlich grüßen zu dürfen/können, aber nichts weiter reden zu müssen, wenn man das gerade nicht kann/möchte.«

Hinzu kommen die wunderbaren Wörter „Abstandswiese“, „Diskretionswall“, „Distanzrefugium“ und „Virenvakuum“. Sie schreiben mir aus der Seele, meine Liebe!

Ansonsten in der Zeitung gelesen: In Amerika hat sich während einer Party ein Dreijähriger mit einer Pistole erschossen, die zuvor einem der Gäste aus der Tasche gefallen war. Das ist nicht lustig; leider nicht der erste und mit großer Sicherheit nicht der letzte Fall dieser Art. Sie begreifen es einfach nicht.

Weiterhin in der Zeitung gelesen den Leserbrief von Peter G. aus B:

»So gut der Wunsch „Bleiben Sie gesund“ bei allen Gelegenheiten auch ist: Millionen Menschen sind zur Zeit krank. Für sie trifft dieser gut gemeinte Wunsch doch gar nicht zu. Wäre daher nicht eine entsprechende Ergänzung sinnvoll: „Bleiben oder werden Sie gesund“?«

Augenscheinlich haben manche sehr viel Zeit.

Donnerstag: Manchmal muss man es einfach aushalten und abwarten, bis es vorüber ist. Das gilt für Schnupfen und Sturm wie für Zwischenmenschlichkeiten. Bei letzteren hilft es mir, zu denken: Stell dir vor, du hättest Kinder. Schon ist es nur noch halb so schlimm. Oder ich werde selbst zum Kind und spiele mit der Eisenbahn.

(Nahverkehrszug 7844 von Dransfeld nach Rosdorf, planmäßige Abfahrt in Barlingerode Ost um 16:31 Uhr)

Freitag: Millionen von Arbeitnehmern, auch der Liebste, gehen seit März nicht mehr ins Büro, stattdessen erledigen Sie die Geschäfte innerhalb heimischer Wände. Nicht wenige finden das gut, weil sie nicht mehr täglich fahren müssen und „flexibler“ sind, wie sie es nennen. Andere finden das gar nicht gut, weil ihnen die Trennung beruflich – privat wichtig ist. Zu denen gehöre ich. Heute ließ es sich auch für mich nicht vermeiden, ausnahmsweise zu Hause zu arbeiten, wenn auch nur diesen einen Tag. Nach einem freitäglich-frühen Feierabend fühle ich mich bestätigt: Ich mag das nicht. Es widerstrebt mir, mich zu Hause auf berufliche Angelegenheiten zu konzentrieren, mich überhaupt dafür zu interessieren oder anderen per Kopfhörer dabei zuzuhören. Die Arbeit geht schwerer von der Hand, nicht weil ich sie am Laptop statt mit Tastatur, Bildschirm und Maus erledige. Sie gehört hier einfach nicht hin, eine Störung der heimische Komfortzone. Daher bin ich meinem Chef sehr dankbar, dass ich auch in diesen Zeiten grundsätzlich täglich ins Büro darf.

Samstag: Den samstäglichen Gang zum Altglascontainer (bitte fragen Sie nicht) verband ich mit der von meinen Lieben beauftragten Beschaffung einer neuen Butterdose (bitte fragen Sie immer noch nicht) in der Innenstadt. Die Sonne schien, entsprechend gut besucht die Außengastronomie. Zum ersten Mal hatte ich den Eindruck, die Leute hielten sich konsequent an die Maskenpflicht, auch so etwas wie Abstandswahrung glaubte ich zu erkennen. Leider zu spät: Ab Montag bleiben die Gaststätten aus dem bekannten Grund geschlossen, für einen Monat. Hoffen wir, nicht länger. Übrigens kann man für Butterdosen sehr viel Geld ausgeben. Muss man aber nicht.

Unterdessen etabliert sich der fragwürdige Begriff „Lockdown light“, der alberne Naturen veranlasst, zu fragen, ob als nächstes der „Lockdown zero“ kommt, aber das haben Sie bestimmt längst mitbekommen, vermutlich ist Twitter voll davon. Ich weiß es nicht, habe dort seit Wochen nicht mehr reingeschaut.

Sonntag: Morgens erreichte mich die traurige, gleichwohl nicht überraschende Nachricht über die Absage der #Mimimimi-Lesung am 13. November, Sie können sich denken, warum. Hoffen wir also auf einen nicht allzu fernen Ersatztermin, wenn die Situation es wieder zulässt.

Ein kleines Rätsel am Wegesrand, gesehen während des Sonntagsspaziergangs am anderen Ufer:

Lösungsvorschläge nehme ich gerne entgegen. Ich bin gespannt.

Ansonsten in dieser Woche gehört und notiert: „Schnell sind die Schäfchen gerupft.“ – „Jetzt mal Schmalz bei die Butter. Ach nee, Fische, oder?“

3 Gedanken zu “Woche 44: Alberne Naturen und gerupfte Schäfchen

  1. …und womit Sie mir aus der Seele schreiben: dieser tiefsitzende Hass (ja, so konnte man’s zumindest bei mir schon nennen) gegenüber dem Schulsport.
    Meine Güte, da könnt‘ ich ein Buch drüber schreiben, wie sehr ich damals litt und was diese Abneigung für Blüten trieb… (leider bloguntauglich, es stünde Followerverlust zu befürchten, dutzendfach). Am Schlimmsten war die Sache mit dem Stufenbarren, dicht gefolgt von Zirkeltraining und Völkerball.
    Überhaupt scheinen wir vielfach eine durchaus ähnliche (Welt-)Sicht zu haben, so weit ich das bisher beurteilen kann.
    Was Sie heute zu den Zwischenmenschlichkeiten anmerkten (und welcher Gedanke Ihnen da sofort Erleichterung verschafft), teile ich jedenfalls wieder voll und ganz.

    Vielen Dank fürs Verlinken und Zitiertwerden, herzliche Grüße und eine möglichst angenehme Woche, seien Sie froh und dankbar, dass Sie kein Homeoffice machen und Ihnen die gelockdownten Schrazen der Nachbarn nicht seit 6:35 Uhr mit der geballten Ferienenergie ihrer jungen, temporär vom Schulsport (!) freigestellten Körper auf dem Kopf herumtanzen.
    Auf bald, Ihre N.

    PS: Gestern in der ZEIT (!!!) wieder ein Fundstück für Ihre Liste des Grauens: „aus Gründen“. Oder ist das längst mit von der Partie? Demnächst werde ich Ihre Liste verlinken, sofern Ihnen das recht ist.
    PPS: Das mit dem 13.11. ist ein Jammer. Hat die Lokalität geschlossen, in der das stattfinden sollte oder woran scheitert es?

    Liken

    • Vielen Dank für die umfangreiche Kommentierung! Am meisten verhasst am Schulsport waren mir Sportarten, in denen Bälle oder sonstige Gegenstände in, über oder durch ein Netz zu bewegen waren, wofür mir jeglicher Ehrgeiz fehlte, zudem bis heute jedes Verständnis, woher andere diesen Ehrgeiz nahmen und nehmen. Hinzu kam der würdelose Akt des Mannschaften-Wählens, wo meistens der Dicke und ich übrig blieben, in dieser Reihenfolge.
      Vor Followerverlust habe ich übrigens keine Angst; wem meine Quisquilien nicht behagen, sollte sie nicht lesen.
      „Aus Gründen“ kommt auf die Liste, das fand ich schon zweifelhaft, als ich noch bei Twitter aktiver war.
      Die Lesung am 13. hätte wie immer in einem Café stattgefunden, was nun „aus Gründen“ leider nicht möglich ist. Vielleicht lese ich das Vorbereitete einfach mal vor der Kamera und lade es auf Youtube hoch. Vielleicht auch nicht, es soll ja irgendwann einen neuen Termin geben.
      Auch Ihnen eine angenehme Woche!
      Herzlichst
      CK

      Gefällt 2 Personen

      • Das haben Sie schön in Worte gefasst: der würdelose Akt der Mannschaftswahl. Ich saß auch immer auf der Bank, zusammen mit dem Pummelchen und der Brillenschlange, irgendwann saß ich aber gern dort und war froh, mich nicht auf dem Feld „abwerfen“ lassen zu müssen (wobei auch das immer fix ging).
        Das mit der Followerverlustangst war nicht so ernst gemeint, ich schreibe nicht aus Gefallsucht oder aus Likelust, sondern weil ich gern schreibe (ich miste die Follower sogar gelegentlich aus und „entfolge“ obskure Genossen) und es mir ähnlich ergeht wie Ihnen: bislang unentdeckt von Verlagen und unbehelligt von dem Stress, den einem diese Literaturpreisverleihungsveranstaltungen bescheren könnten, warte ich hier in München so vor mich hin, versüße mir selbst diese Wartezeit durch genussvolles Bloggen und durch Lektüre ausgewählter anderer Blogs.
        Geben Sie bitte unbedingt Bescheid, sollten Sie der Webcam vorgelesen haben und das Ergebnis hochladen.
        Herzlichst zurück,
        NH

        Gefällt 1 Person

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