Und noch mal: Treue.

Vor einiger Zeit schrieb ich hier meine persönliche Meinung zum Thema Treue. Vor ein paar Tagen hat sich auch mein sehr geschätzter Blogfreund Jannis in seinem Blog schmerzwach zu diesem Thema geäußert:

„Wer nicht eifersüchtig ist, der liebt nicht“…
…ist ein Spruch von Augustinus, der vor langer Zeit gelebt hat – und damit für alle Zeit Recht behalten wird. Warum? Auch wenn die Anhänger der „offenen Partnerschaft“ behaupten, dass man monogam oder polygam sei, wie man Rechts- oder Linkshänder sei, glaube ich nicht, dass Menschen so angelegt sind. Liebe und Sex zu trennen, bedeutet auch, sich seiner selbst und seiner Liebe sicher zu sein – doch beides erscheint mir fast unmöglich. Es mag vereinzelt Männer geben – vielleicht auch Frauen – die ein polygames Konzept leben können, aber die Anzahl ist so verschwindend gering, dass ich kaum weiter auf sie eingehen muss, die fast hundertprozentige Mehrheit kann nur in einer Beziehung leben, in der Intimität ausschließlich mit dem Partner praktiziert wird. „Der Mantel der Liebe wärmt am besten, wenn er mit ein bisschen Eifersucht gefüttert ist.“ – so lautet eine Weisheit aus Dänemark. 

Ein bisschen Eifersucht ist gut, ein bisschen Flirten schadet auch nicht. Doch alles andere tut weh. Wenn man sein „Fremdgehen“ verschweigen will, dringt es doch irgendwie zum Partner – auf einer Party fällt ein falsches Wort, man liest versehentlich eine Nachricht auf dem Laptop, findet einen geheimen Liebesbrief. Wenn man es offen macht, bleibt immer die Angst, dass der Partner bei der neuen Errungenschaft bleibt – vielleicht entdeckt man ja beim Sex oder der Anbahnung davon, dass man sich auch sonst gut versteht… Nein, wenn man den Partner liebt, hält man es nicht aus, wenn er eine andere hat, man vergleicht sich automatisch, fühlt sich minderwertig, folgert daraus, dass man nicht gut genug ist, weil er noch eine andere Person braucht. Bilder verfolgen einen, wie der Partner eine andere Frau zum Orgasmus bringt, wie die Partnerin einen anderen Typen leidenschaftlich küsst – und sie sind unerträglich, diese Bilder. „Du und ich: Wir sind eins. Ich kann dir nicht wehtun, ohne mich zu verletzen.“ – das ein Zitat von Mahatma Gandhi.

Eifersucht, oh Eifersucht!
„In der Eifersucht liegt mehr Egoismus als Liebe. Es gibt eine Art von Liebe, deren Übermaß keine Eifersucht aufkommen lässt“, wird man mir mit
Rochefoucauld kommen. Doch man kann sich weder in zwei Menschen gleichzeitig verlieben (mindestens eine davon ist dann nicht das, was wir unter leidenschaftlicher Liebe verstehen), noch möchte man den Partner teilen, wenn man ihn wirklich liebt. Man möchte mit ihm oder ihr morgens aufwachen, nicht mit irgendwem, man möchte mit ihr oder ihm Geheimnisse teilen, man möchte die Nummer 1 sein und bleiben – am besten das ganze Leben lang oder zumindest bis man einen neuen „Lebensabschnittspartner“ gefunden hat. Um es amüsanter auf den Punkt zu bringen, bemühe ich einen Spruch von Julie Andrews: „Wenn einem die Treue Spaß macht, dann ist es Liebe.“

Diese Optionen-Gesellschaft…
„Allem kann ich widerstehen, nur der Versuchung nicht“, sagte einst Oscar Wilde. Umso schwerer scheint es also in einer Gesellschaft wie der unsrigen zu sein, treu zu bleiben, sexualisiert wie das Fernsehen, das Internet, das Partyleben geworden ist. Alles ist möglich, alles scheint erlaubt… Was hält man dagegen? Zumindest keinen Aphorismus, keine Glosse, keine Kolumne, denn: „Wenn die Liebe unermesslich ist, wird sie sprachlos“, nach Khalil Gibran, und so schließe ich ironisch dieses Pamphlet für mehr monogame Spießigkeit und trotzdem großen Gefühlen in der Liebe.

Hiermit vertritt Jannis sicherlich die Meinung der überwiegenden Mehrheit, das ist in Ordnung, und es liegt mir völlig fern, zu behaupten, meine Haltung zur Treue sei die einzig richtige, noch möchte ich gar jemanden bekehren. Was mich jedoch stört, ist dieses Beharren auf der Ansicht, dass Liebe nur in Verbindung mit körperlicher Treue funktionieren könne, alles andere sei ein sicheres Zeichen dafür, dass in der Partnerschaft etwas nicht stimmen kann.

So gesehen ist es schon komisch, dass Stefan und ich nach über vierzehn Jahren immer noch zusammen sind…

Max Frisch – Fragen und Antworten

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat anlässlich des hundertsten Geburtstages von Max Frisch einen Fragebogen an mehrere Schriftsteller gesandt, der seinem „Tagebuch 1966-1971“ entstammt. Die Antworten der Schriftsteller sind in der heutigen Ausgabe der Zeitung zu lesen.

Ich bin kein Schriftsteller, und ich gebe zu, bislang noch kein Buch von Max Frisch gelesen zu haben, dennoch reizte es mich, die Fragen für mich zu beantworten, und zwar möglichst wahrheitsgemäß:

1.) Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?
Antwort: Ich bin mir sicher, dass es mich gerade nicht interessiert.

2.) Warum?
Antwort: Ich werde dieser Welt keine Nachkommenschaft hinterlassen, um die ich mich sorgen müsste.

3.) Wie viele Kinder von Ihnen sind nicht zur Welt gekommen durch Ihren Willen?
Antwort: Ich wollte nie Kinder haben, daran hat sich nichts geändert, und aller Voraussicht nach wird sich das auch nicht ändern. Alles andere wäre ein biologisches Wunder.

4.) Wem wären Sie lieber nie begegnet?
Antwort: Niemandem. Selbst die Begegnungen mit Hermann G., meinem damaligen Lateinlehrer – ein echtes Arschloch -, und Patrick B., meiner ersten großen unerfüllten Liebe, empfinde ich heute als Bereicherung, ich möchte sie keinesfalls missen.

5.) Wissen Sie sich einer Person gegenüber, die nicht davon zu wissen braucht, Ihrerseits im Unrecht und hassen Sie eher sich selbst oder die Person dafür?
Antwort: Es gibt ein paar wenige Menschen, die ich nicht mag, obwohl sie mir nichts getan haben. Sie können sich noch so nett mir gegenüber verhalten, ohne jede Chance, auf meiner Sympathieleiter eine Sprosse zu nehmen. Das ist mir unangenehm, aber „hassen“ wäre zu stark ausgedrückt.

6.) Möchten Sie das absolute Gedächtnis?
Antwort: Wenn damit gemeint ist, alles, was ich je gesehen, gehört, gesagt, erlebt oder gelesen habe, erinnern zu können, dann auf gar keinen Fall. Allein schon die Musikbeschallung, der man ausgesetzt ist, verlangt oft nach schnellem Vergessen. Die Tage rief sich zum Beispiel „Sun Of Jamaika“ in mein Gedächtnis zurück, der Tag war gelaufen.

7.) Wie heißt der Politiker, dessen Tod durch Krankheit, Verkehrsunfall usw. Sie mit Hoffnung erfüllen könnte? Oder halten Sie keinen für unersetzbar?
Antwort: Ich lehne es ab, jemandem den Tod zu wünschen. Gut, mal abgesehen von Hitler, aber der ist ja schon tot, und ihn als Politiker zu bezeichnen erscheint mir zu euphemistisch.

8.) Wen, der tot ist, möchten Sie wiedersehen?
Antwort: Meinen Großvater väterlicherseits. Und Heinz Erhard.

9.) Wen hingegen nicht?
Antwort: Axel P. Kennen Sie nicht, tut auch nichts weiter zur Sache (er gehörte zur Gruppe der unter Frage 5 genannten Personen).

10.) Hätten Sie lieber einer anderen Nation (Kultur) angehört und welcher?
Antwort: Ja, ich könnte mir sehr gut vorstellen, in Südfrankreich aufgewachsen zu sein und zu leben. Aber ob das tatsächlich besser wäre… on ne sais pas.

11.) Wie alt möchten Sie werden?
Antwort: Schwer zu sagen… vielleicht siebzig oder so. Wenn morgen das Licht für mich ausginge, wäre es aber auch in Ordnung. Könnte nur sein, dass es ein paar Menschen gibt, die was dagegen hätten.

12.) Wenn Sie Macht hätten, zu befehlen, was Ihnen heute richtig erscheint, würden Sie es befehlen, gegen den Widerspruch der Mehrheit? Ja oder Nein.
Antwort: Nein.

13.) Warum nicht, wenn es Ihnen richtig erscheint?
Antwort: Mein krankhaftes Harmoniebedürfnis würde es mir zur Hölle machen, die Mehrheit gegen mich zu wissen.

14.) Hassen Sie leichter ein Kollektiv oder eine bestimmte Person und hassen Sie lieber allein oder im Kollektiv?
Antwort: Das kommt auf das Hassobjekt an. Grundsätzlich ist meine Neigung zum Hass wenig ausgeprägt, worüber ich froh bin. Ich empfinde eine abgrundtiefe Abneigung gegen die Katholische Kirche (Kollektiv) und den Papst (Einzelperson), weil ich sie für sehr gefährlich halte. Aber auch hier wäre „Hass“ zu stark.
Wenn ich hassen müsste, dann lieber allein; kollektiver Hass ist sehr gefährlich und unberechenbar.

15.) Wann haben Sie aufgehört zu meinen, dass Sie klüger werden oder meinen Sie’s noch? Angabe des Alters.
Antwort: Mit vierzig, als ich bewusst und gewollt mit dem Rauchen angefangen habe.

16.) Überzeugt Sie Ihre Selbstkritik?
Antwort: Ja. Manchmal nervt sie mich auch sehr.

17.) Was, meinen Sie, nimmt man Ihnen übel und was nehmen Sie selbst übel, und wenn es nicht dieselbe Sache ist: Wofür bitten Sie eher um Verzeihung?
Antwort: Da ich mir keiner Schuld bewusst bin, müssen andere beantworten, was sie mir übel nehmen. Ich selbst hasse – und hier passt das Wort ausnahmsweise mal – Unpünktlichkeit, für mich der größte Ausdruck von Unhöflichkeit. Dafür bitte ich auch am ehesten um Verzeihung.

18.) Wenn Sie sich beiläufig vorstellen, Sie wären nicht geboren worden: beunruhigt Sie diese Vorstellung?
Antwort: Kein bisschen. Wäre ich nicht geboren, würde mich niemand vermissen, und ich könnte mir diese Frage dann auch nicht stellen.

19.) Wenn Sie an Verstorbene denken: wünschten Sie, dass der Verstorbene zu Ihnen spricht, oder möchten Sie lieber dem Verstorbenen noch etwas sagen?
Antwort: Wenn ich schon die Gelegenheit hätte, dann bitte als Dialog.

20.) Lieben Sie jemand?
Antwort: Ja, ohne jeden Zweifel.

21.) Und woraus schließen Sie das?
Antwort: Am deutlichsten aus dem Gefühl des Vermissens, wenn er mal nicht da ist und ich alleine einschlafen muss.

22.) Gesetzt den Fall, Sie haben nie einen Menschen umgebracht, wie erklären Sie es sich, dass es nie dazu gekommen ist?
Antwort: Bislang hatte ich keine Veranlassung dazu, und keine Gelegenheit; zudem ist meine Neigung zu Gewalt nur gering ausgeprägt. Und ich bin zuversichtlich, dass sich daran nichts ändern wird. Im übrigen: Krimis langweilen mich.

23.) Was fehlt Ihnen zum Glück?
Antwort: Einigermaßen normal geformte Füße. Siehe auch hier.

24.) Wofür sind Sie dankbar?
Antwort: Für vieles, nein alles, was mein Leben ausmacht, welches bislang ohne nennenswerte Probleme und Krisen verlaufen ist. Ich kann mir nichts vorstellen, was passieren müsste, damit ich noch glücklicher werde. Bis auf die Füße halt.

25.) Möchten Sie lieber gestorben sein oder noch eine Zeit leben als gesundes Tier? Und als welches?
Antwort: Ein Leben als Hummel könnte ich mir sehr gut vorstellen.

Zusammen oder getrennt?

Stell dir vor, du verbringst mit einem Freund, den du länger nicht gesehen hast, zwei bis drei nette Stunden in einer Kneipe, dazu ein paar Bier und eine Schweinshaxe oder eine Portion Tortellini, ihr unterhaltet euch bestens, alte Zeiten und so, alles ist gut. – Bis zu dem Moment, wo ihr genug getrunken, gegessen und gesprochen habt und gehen möchtet. Du gibst der Bedienung ein entsprechendes Zeichen, woraufhin diese mit einem riesigen Portmonee am Tisch erscheint und die Mutter der blöden Fragen stellt:

„Geht das zusammen oder getrennt?“

Schweigen. Peinliche Betretenheit. Ja, es soll getrennt gehen, nur muss und will man das nicht aussprechen – aber einer muss es ihr sagen, doch wer von euch beiden, und vor allem wie? Sie steht schweigend am Tisch und wartet. Wenn du jetzt sagst „Getrennt bitte“, schwingt gleichsam ein „Du glaubst doch wohl nicht, dass ich für dich mitbezahle“ mit, egal wie freundlich du es flötest.


Noch peinlicher jedoch ist es, wenn dein Gegenüber ein gequältes „Zusammen…“ herauspresst; während er presst, erkennst du in seinem Gesichtsausdruck dieses „Eigentlich sehe ich es überhaupt nicht ein, für dich mitzubezahlen, aber du zwingst mich ja dazu. Hättest mir ja zuvorkommen können, aber nein, hast wohl darauf spekuliert, dass ich das übernehme, warte nur, beim nächsten Mal… beim nächsten Mal? Nein, das war das letzte Mal!“


Dann heißt es schnell reagieren: das Portmonee hervorholen und „Lass nur, ich übernehme das!“ kontern, woraufhin zwischen euch ein heftiger Streit darüber entbrennt, wer denn nun tun darf, was eigentlich keiner von euch will. Die bislang gute Stimmung ist dahin, eure Freundschaft unheilbar zerrüttet.

Dann folgt der zweite Akt der Peinlichkeit: Das Bezahlen an sich. Die Bedienung nennt dir, als Sieger des vorangegangenen Streits, den Betrag, sagen wir siebenundzwanzig Euro zehn. Du möchtest ihr dreißig geben, denn das Bier war kühl und das Essen gut, der Service bis zu diesem Moment in Ordnung, sie hat es sich verdient – aber warum um alles in der Welt sollst du das für jedermann hörbar aussprechen? Du versuchst es also auf die diskrete Art; da du keine dreißig Euro passend hast, reichst du ihr einen Fünfzigeuroschein hin in der Absicht, zwanzig Euro des Rückgelds einzustecken und den Rest, vielleicht mit einem „Dankeschön“ untermalt, liegen zu lassen. Doch daraus wird nichts: sie öffnet ihr riesiges schwarzes Portmonee, kramt Minuten lang im Münzgeld herum, bis sie dich schließlich fragt:

„Zehn Cent vielleicht?“

Du hast verloren, schlimmer noch: du bist als Geizhals entlarvt. Beschämt stammelst du mit belegter Stimme: „Dreißig“.

Eine typisch deutsche Erscheinung, derselben Kategorie zugehörig wie „Draußen gibt’s nur Kännchen“. In anderen Ländern läuft das anders: Nachdem du den Wunsch zum Bezahlen kundgetan hast, vielleicht in der Landessprache, weil das einer der wenigen Sätze ist, die du beherrschst, neben „Ein Bier bitte“ und „Ziemlich dunkel hier, nicht?“, wird dir ein Tellerchen mit der Rechnung gereicht, woraufhin sich die Bedienung zunächst wieder zurück zieht. Nun habt ihr ausreichend Zeit, den ausgewiesenen Betrag unter euch aufzuteilen, jeder legt seins auf das Tellerchen, plus dem zugedachten Trinkgeld, diskret, geräuschlos, harmonieschonend.

Es macht auch nichts, wenn du nur einen großen Geldschein hast, der den geschuldeten Betrag um ein vielfaches überschreitet: den legst du auf das Tellerchen, die Bedienung wird dieses mit einem „Gracias“, „Merci“ oder einem ähnlichen Ausdruck tief empfundenen Dankes abholen, es wenig später mit dem Rückgeld darauf zurück bringen, ihr lasst zurück, was euch angemessen erscheint, ihr geht, alle sind zufrieden, die Freundschaft unzerrüttet.

Das ist alles Vergangenheit, inzwischen gehe ich wieder völlig entspannt in Kneipen. Alleine. Freunde habe ich aufgrund vorgenannter Ereignisse keine mehr. Die letzte Freundschaft zerbrach an der Frage, wer der Klofrau die Münzen auf den Teller legen darf.

(Überarbeitete Version)

Ein Strandtag

Es gibt Orte, die ich magisch nenne, Orte, an denen es mir gelingt, ganz in der Gegenwart zu sein, körperlich wie gedanklich, im Jetzt und Hier sozusagen, wo mich keine störenden Gedanken an Vergangenes oder Kommendes vom Dasein ablenken. Ein solcher Ort ist das Rheinufer vor Bonn-Oberkassel an einem warmen Tag. Gestern zog es mich mal wieder dorthin. Zunächst legte ich mich unter die hohen Bäume auf die Wiese und machte – nichts. Das Buch, das ich eingepackt hatte, blieb im Rucksack, stattdessen lauschte ich dem Wind in den Bäumen (zum Glück hatte ich den iPod-Kopfhörer vergessen), schaute den Schiffen zu und trank dazu ein Fläschchen Bier. Es ist erstaunlich, wie kurzweilig es sein kann, fahrenden Rheinschiffen zuzuschauen, ohne gedanklich ganz woanders zu sein, stundenlang kann ich das.

Später vernahm ich dann leise Musik von hinten. Die Strandbar hatte inzwischen geöffnet, wohin ich mein Nichtstun schließlich verlagerte.

Hier ein paar Eindrücke eines wunderbaren Strandtages:

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Abgeschrieben: Das Mädchen mit den 3 Chromosomen

Am 5. April lud der @vergraemer zum Jour Fitz nach Köln ein und nach Zahlung eines geradezu lächerlichen Bestechungsgeldes war es mir vergönnt, daran teilzunehmen, aktiv und passiv, wenn man so will. Zu den besonderen Vergnügen meiner passiven Teilnahme zähle ich es, Anja Gottschling, in gewissen Kreisen besser bekannt als @3x3ist6, zuzuhören, die ihren Text „Das Mädchen mit den 3 Chromosomen“ las.

Nun ist dieser Text viel zu schön, um nach einmaligem Vortrag womöglich für alle Zeiten in der Versenkung zu verschwinden, deswegen bin ich sehr froh, ihn hier mit Anjas Erlaubnis wiedergeben zu dürfen. Also, ich wünsche viel Vergnügen!

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Das Mädchen mit den 3 Chromosomen.

von Anja Gottschling

Ich wurde als Mädchen mit 3 Chromosomen geboren. Zwei X und einem Y Chromosom. Äußerlich macht es sich nicht bemerkbar, außer vielleicht dem Bedürfnis, sich vorm Fernseher am Sack zu kratzen, nach Genuss eines Bieres mit Herzenslust aufzustoßen oder jeden morgen gähnend vor der Toilette zu stehen um enttäuscht festzustellen, dass einem die Optionen fehlen und man sich definitiv setzen MUSS.

Ansonsten bin ich ganz normal. Normal für ein Mädchen mit 3 Chromosomen.

Das ich 3 Chromosomen habe liegt daran, dass meine Eltern bei der Bestellung des ersten Kindes lediglich ‚Hauptsache gesund‘ ankreuzten. Das ist so, als würde man bei einer Pizza ‚Hauptsache Teig‘ ankreuzen. Teig ist wichtig, aber ob die Zutaten geschmacklich harmonieren liegt dann am Lieferdienst.

Mein Lieferdienst war ein Storch.

Storch, das ist heute ein sehr veraltetes Verfahren, haben wir doch DPD, UPS oder Hermes den Götterboten, aber damals war es so üblich. Als der Storch mich zu meinen Eltern brachte, hielt sich die Freude erstmal in Grenzen. Ich war recht proper und der Storch etwas schwach. Er konnte nicht mehr so hoch fliegen wie er wollte und so nahmen wir jedes Hindernis mit, das höher als 5m war.

Türme, Brücken, Bonsais… So wurde ich mit einem etwas deformierten Hinterkopf ausgeliefert, was meinen Vater überlegen lies, die Bestellung zu stornieren. Mama freute sich doch so sehr auf ein süßes Baby.

Nun hatte man aber schon so lange gewartet, Kilo, ach was, zentnerweise Eis in sich hinein geschaufelt, das Kinderzimmer fertig eingerichtet und der Retourenschein schien mit der unverständlichen Bauanleitung der IKEA-Wickelkommode im Müll gelandet zu sein.

Ich durfte also bleiben.

Meine Eltern wollten mich jedoch erstmal nicht den Nachbarn präsentieren und holten sich ärztlichen Rat, wie man denn aus so einem Eierkopf-baby etwas vorzeigbares hinbekommen würde. Sein Tipp war rundstreicheln. Jeden Tag zu den Mahlzeiten bekam ich also extra energische Streicheleinheiten.

Täglich wurden die Fortschritte gemessen, ob Conehead bald ein normales Leben führen und den Nachbarn vorgestellt werden könnte.

Als der Kopf auf der Birnenskala nur noch eine 2 von ursprünglich 10 brachte, war es soweit. Alle waren ganz entzückt, weil es ein Mädchen geworden ist und Mädchen rosa Kleidchen tragen, immer lieb sind, gerade am Tisch sitzen und mit Barbies spielen. Normale Mädchen.

Ich saß also in meinem Körbchen, wurde gefüttert, ließ mich von den Nachbarn verhätscheln und wartete darauf, dass endlich mein Bruder zur Welt kam, weil es mit den Alten etwas öde war.

Puh, das waren die längsten 22Monate meines Lebens.

Doch dann war er endlich da. Jung, schön, perfekter Hinterkopf und alle liebten ihn. Er war Mein! Ich ließ ihn nicht mehr aus den Augen, er war so schön, so klein, so blöd, so neu auf der Welt und er roch so gut.

ER WAR MIR – wie der Rheinländer grammatikalisch korrekt zu sagen pflegt.

Irgendwann, als meine Eltern ihn frei ließen, wohnten wir in einem Zimmer und hatten ein Doppelstockbettiges Boot. Es war herrlich, schließlich musste er als Jüngster im unteren Abteil schlafen und ich war der Kapitän! Aber mit meinem zusätzlichen Y-Chromosom war ich ja schließlich auch mehr als qualifiziert.

Wir durchsegelten die Weltmeere, überfielen Piraten, strandeten auf einsamen Inseln und erlebten Abenteuerliches. Ich glaube sowohl LOST als auch „Fluch der Karibik“ wurden nach unserem Vorbild gedreht.

Wir hatten aber auch Freunde. Alles Jungs. Das war etwas ärgerlich, da ich durch meinen erhöhten X-Chromosom-anteil und diesen auffallend mädchenhaften rosa Kleidchen, in die mich meine Eltern stopften, immer die Mutter beim Vater-Mutter-Kind Spiel sein musste.

Im Nachhinein finde ich es allerdings nicht mehr so schlimm, denn immerhin war ich so nicht das Kind!  Das 7jährige Kind eines 5-jährigen zu sein ist bestimmt kein Spaß. Ich war also die Mutter… Mutter und Bestimmerin.

Bestimmerin zu sein liegt nicht so sehr in meinem Naturell, aber ich musste. Es war ja für die Familie. Wir, Vater 8, Mutter 7 und die Kinder 5 und 5, nicht verzwillingt oder sonstwie verwandt, brauchten ja jemanden, der aus Kompost und den wunderschönen Zierpflanzen, dem ganzen Stolz unserer Eltern, essen kocht.

Ich bestimmte also, dass es Spaghetti Bolognese gab. Spaghetti Bolognese aus Gras und den wunderschönen roten Rosen. Wir aßen aus fiktiven Tellern mit fiktiven Gabeln, hatten fiktive Gläschen aus denen wir, die Eltern, fiktives Bier tranken und die Kleinen eine Vanillemilch. Es war köstlich!

So Familienlebten wir täglich fröhlich vor uns hin, bis etwas total unsinniges im Fernsehen kam und der Vater und ich uns scheiden lassen mussten. Sohn 2 nahm er mit.

Am nächsten Tag waren wir dann wieder verheiratet. Wir sahen das nicht so eng, brauchten weder Pfarrer noch Scheidungsanwälte, ein einfaches „spielen wir VaterMutterKind?“ genügte um wieder eine glückliche Ehe zu führen.

Eines Tages ereignete es sich, dass ich meinem Mann das Bestimmer-Zepter übergab, um einen Familienausflug zu planen. Wir wanderten fröhlich 250m in die weite Welt hinaus um Kastanien zu sammeln.

Als alle Kastanien vom Boden gesammelt waren und wir uns nach ganz unfiktiver Verköstigung ausgewundert hatten, warum denn Rehe so etwas ekliges wie Kastanien überhaupt essen, stieg mein ‚Mann‘ in den Baum um weitere Kastanien aus den Ästen zu schütteln. Er rüttelte und schüttelte was das Zeug hielt und die Mannes-Kraft eines 8-jährigen so zuließ.

Nach all der Anstrengung musste er pullern.

Die Kastanie war dicht beblättert, so vernahmen wir zuerst nur das Geräusch und ein leises Kichern. Alle waren hellauf begeistert, auf was für tolle Ideen der Vater so kam und da Eltern Vorbild sind, stiegen unsere 5-jährigen Nichtzwillinge ebenfalls hinauf um von hoch oben die Wiese zu wässern.

Nun war Mutter dran, deren zusätzliches Y-Chromosom sie daran hinderte an Etikette in rosa Kleidchen zu denken und die ihren Männern in nichts nachstehen wollte.

Es wäre auch alles gut gegangen, denn der Winkel um an den Rüschen-söckchen vorbei zu zielen war exakt berechnet, kämen nicht genau in diesem Moment Nachbarn vorbei.

„Wie liebenswert diese kleinen Lausbuben, sie pinkeln von der Kastanie!“

„Wie furchtbar, wie unerzogen, das Mädchen pinkelt von der Kastanie!!!“

Wochen lang mussten sich meine Eltern nun anhören, wie misraten ich sei und zustimmend nicken, während sie sich beim Umdrehen schon wieder fröhliche Blicke zuwarfen und stolz darauf waren, dass ihr Mädchen die anatomische Benachteiligung beim ‚imStehenpinkeln‘ durch mathematisches Geschick ausglich und dank exakter Winkelberechnung weder Rüschensöckchen noch Schühchen traf.

So lebten wir vor uns hin. Meine Eltern wahrten ihr Gesicht indem sie Bestürzung vorgaben, wenn sie jemand auf ihr ungezogenes Gör ansprach und ich konnte dennoch die Bedürfnisse, die mein Y-Chromosom vorgab, stillen.

Bis zum Frühjahr 1993… da brauchte ich göttliche Hilfe.

Jeden Abend lag ich im Bett und betete. „Lieber Gott, bitte schenk mir noch keine Brüste. Es wird bald Sommer und ich kann dann nicht oben ohne rumlaufen!“ Gott erhörte mich, ich war den Sommer über flach wie ein Brett.

Gott erhörte mich etwas zu lange.

Auch ein Jahr später war da… nix. Langsam machte sich eine leichte Panik breit.

Ich rutschte auf Knien, revidierte was ich im Sommer zuvor in die Luft sprach und flehte ihn an.

Gott hatte ein Einsehen. 3-Chromosomen-Girl bekam Brüste!

Ich ließ mir die Haare wachsen und kaschierte die genetische Anomalie gekonnt. Anfänglich zwar noch mit einem Wattezusatz im BH, aber es wirkte täuschend echt, wie mein Y-Chromosom mir bestätigte. Meine Mutter ließ sich zwar nicht so täuschen, aber das war uns egal.

Ich lernte damit umzugehen, weniger die Nachbarn zu verschrecken und öfter das rosa-Kleidchen-Mädchen zu geben, auch wenn dieses Verhalten eher in Docs und Army-Jacke stattfand.

Ich begann mich für Jungs zu interessieren und wenn mich einer nicht wollte, dann schlug ich eben direkt zu, statt später bei Herzschmerzsongs zu heulen.

Ich fand Freundinnen, mit denen ich mich beim gegenseitigen Fingernägel lackieren langweilen konnte und reihte mich brav mit ihnen in die Warteschlange vorm Frauenklo ein, auch wenn ich eigentlich ein Recht auf den schnellen Weg übers Männerklo hatte.

Mit 3 Chromosomen zu leben bedeutet manchmal Verzicht, aber wenn man damit umzugehen lernt, lebt es sich wirklich hervorragend. Das möchte ich auch irgendwann einmal weitergeben, denn ich bin mir sicher, ich werde mal ein guter Vater.

***

Und hier das ganze nochmals zum nachhören und -sehen:
http://www.youtube.com/watch?v=dPWikONErBo&feature=related

(Ich selbst langweilte das Publikum an diesem Abend übrigens mit zwei zweifelhaften Geschichten aus dem Darkroom und aus der Bahnhofshalle.)