Woche 10: Die Wissenschaft beruhigt / Sklavenerdbeeren und Cognac-Krabben

Montag: Das aktuell gültige Lockerungsrätsel bezeichnet Herr Söder als „Atmende Öffnungsmatrix“, darauf muss man erst mal kommen, ich bin wirklich beeindruckt und fände hierfür eine Auszeichnung angemessen.

Ein weiteres Steinchen im tristen Schotterbeet deutscher Sprachverdummung ist dagegen „click and meet“, das uns ab heute wieder in die Läden locken soll, jedenfalls bis zum nächsten Atemzug der söderschen Öffnungsmatrix.

Nachmittags rief der Kollege an, ein großer Freund des gesprochenen Wortes, um mir mitzuteilen, wir hätten morgen drei gemeinsame Termine und an allen nehme er voraussichtlich teil. Manchmal weiß ich auch nicht.

Ein gar wunderbares Wort ist übrigens „Lästling“, gelesen hier.

Für kommende Woche Donnerstag habe ich spontan einen Tag Urlaub eingetragen, ohne besonderen Plan und Zweck, in diesem Jahr ist ja von der Urlaubsplanung her alles offen. Jedenfalls hege ich für Donnerstag keine Click- und Meetabsichten.

Dienstag: Vergangene Nacht stand ich mal wieder ohne Hose und Schlüpfer, dafür in Anzugjacke in der Straßenbahn nach Bad Godesberg, zum Glück nur im Traum. Irgendwann habe ich mal gelesen, was das zu bedeuten hat, es ist mir aber entfallen.

Nach Lukaschenko, Bolsonaro und Trump wurde laut einer Zeitungsmeldung nun Assad positiv auf Corona getestet. Auch er weist nur leichte Symptome auf, dieses Virus ist einfach nicht gerecht, warum sollte es auch. Andererseits stellt vielleicht auch ein Virus gewisse menschliche Mindestanforderungen an seinen Wirt.

Mittwoch: Vormittags konnte ich konzentriert und von lästigen Besprechungen unbehelligt den Geschäften nachgehen. Merke: Zumeist ist es weder erforderlich noch sinnvoll, die Tätigkeit zu unterbrechen, nur weil einer anruft.

Überhaupt ist mir schriftliche Kommunikation tendenziell etwas lieber, auch wenn manche Nachricht rätselhaft ist.

Das rechte Hosenbein meiner Jeans weist auf dem Knie ein kleines Loch auf, warum auch immer; vielleicht ist die Qualität dieser bekannten US-amerikanischen Marke auch nicht mehr das, was sie mal war. Jedenfalls ist es schön, in einem Alter zu sein, wo es keine Option mehr ist, das Loch größer aufzuschneiden und die Hose mit Knielüftung weiter zu tragen.

Donnerstag: Heute vor zehn Jahren löste ein schweres Erdbeben in Japan einen Tsunami aus, der Tausende von Opfern forderte und das Atomkraftwerk von Fukushima zerstörte; kurz darauf wurde bei uns der Ausstieg aus der Atomkraft verkündet, Sie erinnern sich. Da im Zusammenhang mit dieser Katastrophe fast nur von den Folgen des GAU die Rede ist, sei auch noch einmal an die verheerende Flut erinnert.

Dass heute Mittag außerdem bei uns die Sirenen testweise aufheulten, war wohl eher Zufall. Unterdessen berichtete die Zeitung über die Beobachtung verstärkter vulkanischer Aktivitäten unter der Eifel; die Wissenschaft beruhigt, ein Ausbruch steht wohl nicht unmittelbar bevor. Da würden funktionierende Sirenen auch nicht viel nützen.

Was dem einen sein Ying und Yang, ist dem anderen sein Für und Wider.

Gesehen heute Morgen auf dem Weg ins Werk.

Abends kam es zu leichten Irritationen, nachdem der Liebste vom Einkauf Erdbeeren aus spanischer Sklavenhaltung mitgebracht hatte – obwohl er immer wieder völlig zu recht darauf hinweist, man solle Früchte und Gemüse möglichst nur dann essen, wenn sie gerade Saison haben und nicht um die halbe Welt transportiert wurden. Aber der Mensch ist nun mal ein vollkommen inkonsequentes Wesen, da schließe ich mich ausdrücklich mit ein. Im Übrigen, wo sie schon mal hier waren, schmeckten die Beeren ganz passabel.

Freitag: In einer Besprechung sagte ich versehentlich „ehrlicherweise“ und biss mir daraufhin sofort auf die Zunge. Es tut jetzt noch ein bisschen weh.

Man hört und liest nun viel von Selbsttests, erfreulicherweise nicht „Self Check“, das kommt vielleicht noch. Ob sich als Alternative in Skeptikerkreisen „Coronanie“ durchsetzen wird, erscheint eher unwahrscheinlich.

Apropos Skeptikerkreise: Diese Menschen statt als „Querdenker“ als „Quermeiner“ zu bezeichnen gefällt mir gut, gelesen hier.

Samstag: Der Rheinländer neigt gelegentlich zur derben Wortwahl, wie ich selbst aus eigener täglicher Erfahrung („Du Tuppes“ als eher harmlose Variante) weiß. Eine besondere Eigenart des Rheinischen ist ja, in dieser Sprache klingen selbst üble Beschimpfungen, für die der Außerrheinische eine Klage am Hals hätte, wie eine Neckerei unter Freunden. So auch hier:

(aus: „Bönnsche Geschichte und Geschichten“ von Josef Niesen)

Gespräch bei Tisch, gleichsam als Nachtrag zur donnerstäglichen Erdbeerdebatte: „Erbsen schmecken am besten direkt vom Strauch.“ – „Ja, genau wie Tomatensuppe.“

Sonntag: Auf dem Frühstückstisch stand Krabbensalat mit einer Cognac-Soße, was ein ganz klein wenig nach Dekadenz schimmerte. Im Übrigen neigen wir eher nicht zum Luxus. Das mit den Erdbeeren war ein bedauerlicher Ausrutscher.

Unterdessen große Heiterkeit beim Geliebten wegen eines Wellensittichs mit Suizidabsichten, was weiter auszuführen allerdings den Rahmen sprengen würde.

Von Wellensittich zu Wellerman: WDR 2 hat nun dieses an Strophen reiche Seemannslied für sich entdeckt. Der Ohrwurm schreibt es unter bösem Gelächter hundert mal mit quietschender Kreide auf den Frontallappen. Aber ich will und soll ja nicht immer über alles meckern.

Woche 9: Wird schon gutgehen

Montag: Ein Paketzustellfahrzeug heißt auf Niederländisch „bestelbusje“. Ist das nicht geradezu wunderbare Poesie? Wenn Sie es mehrfach laut aussprechen und nicht lächeln müssen, ist Ihnen nicht zu helfen.

Der Arbeitstag endete vergleichsweise poesiearm mit einer einstündigen Besprechung voller Wiederholungen, ohne erkennbares Ergebnis und Lächelgrund. Das ist nicht schlimm, meine Energie für sinnvolle Betätigungen war heute ohnehin begrenzt.

Dienstag: Ob sich der heute an einer Bushaltestelle gesehene Ausdruck gewisser Unzufriedenheit gegen den öffentlichen Personennahverkehr oder die Gesellschaft an sich richtet, war im Vorbeigehen nicht zu ergründen.

…

Ich hingegen bin sehr zufrieden mit dem neuen Haarschnitt, der seit heute Abend dank wiedererwecktem Friseurhandwerk mein Haupt ziert. Einen bildlichen Vorher-nachher-Vergleich erspare ich Ihnen. Wobei ich im Nachhinein erstaunt bin, wie voll der Salon war; allein in dem Raum, in dem ich behandelt wurde, waren fünf Frisierende mit Köpfen in ähnlicher Zahl beschäftigt, zwar mit Masken und Abstand, dennoch, ich weiß nicht … Wird schon gutgehen, Hauptsache, die Haare sind erstmal gelockendownt.

Mittwoch: Wird schon gutgehen denkt vielleicht auch der türkische Präsident Erdogan, der laut Zeitungsbericht einen „Aktionsplan für Menschenrechte“ in Aussicht gestellt hat. „Schön, schön“, dachte der böse Wolf, als er das las, und nahm noch einen Bissen von der Kreide. – Vielleicht lesen wir demnächst, Clemens Tönnies plane einen Runden Tisch für das Tierwohl, Andreas Scheuer eine Sympathie- und Kompetenzoffensive und Kardinal Woelki einen Reuegipfel.

Mit Kreide schrieb auch jemand „No future“ an eine Wand, jenen lange nicht mehr gelesenen, in den Achtzigern populären Ausdruck jugendlicher Resignation. Durch die Wahl des unbeständigen Schreibmittels wohnt der Anschrift eine zusätzliche Wahrheit inne.

Donnerstag: Vor knapp einem Jahr, kurz nachdem die herrschende Meinung umgeschlagen war von „Masken nützen nicht viel“ in „Wir haben nicht genug für alle“ wunderte ich mich erstmals über ein am Wegesrand liegendes Exemplar. Heute sind sie aus dem Straßenbild nicht mehr wegzudenken, alleine morgens auf dem Weg ins Werk sah ich mindestens ein Dutzend davon auf regennassem Pflaster, eine sogar noch in Folie originalverpackt. Warum ist das so, warum werfen Menschen die einfach in die Gegend wie Zigarettenstummel (was keineswegs besser ist)? Oder sind sie ihnen durch einen Windhauch unbemerkt aus dem Gesicht gefallen, zogen sie sie versehentlich mit dem Datengerät aus der Hosentasche? Oder ist es ein stummer, gleichwohl fragwürdiger Protest gegen die Maßnahmen?

Apropos Maßnahmen: Wenn ich es richtig verstanden habe, öffnen ab Montag unter anderem wieder die Flugschulen, jedenfalls so lange, bis auch die Zahlen wieder abheben. Normalität – Ein wenig fürchte ich den Tag, da alles wieder so werden könnte, wie wir es vorher für normal hielten.

„Kri­se ist ein pro­duk­ti­ver Zu­stand; man muss ihr nur den Bei­ge­schmack der Ka­ta­stro­phe neh­men“

Max Frisch

Ein wahrlich Aufsehen erregendes Ereignis meldete die Zeitung:

(General-Anzeiger Bonn)

Freitag: „Ich bin eher der Getriebene – was getan werden muss, muss getan werden“, sagte nicht der Geliebte, sondern einer in der Besprechung. Ich verzichtete darauf, die allgemeine Euphorie und Geschäftigkeit der Runde zu stören durch altkluge Bemerkungen wie „In der Ruhe liegt die Kraft“ oder „Vieles erledigt sich von selbst“.

Samstag: Meine bisherige Annahme, der letzte zu sein, der noch Musikkassetten besitzt und sie zudem mit einem noch nicht dem Elektroschrott zugeführten Abspielgerät regelmäßig hört, erfuhr eine erstaunliche Korrektur:

„Der Hype von heute ist der Müll von morgen, dachte ich mir, habe mich weder um Download- noch um Streamingportale gekümmert, habe alle meine Kassetten behalten und hatte keinerlei Stress mit Neukauf, Transferieren, Digitalisieren, Abonnieren, Hysterisieren.“

Wolfgang Pichler im Bonner General-Anzeiger

Ebenfalls im General-Anzeiger ist über den Pink-Floyd-Mann David Gilmour dieses zu lesen:

„Gilmour machte die Megalomanie des Sounds menschlich, seine melodiöse und unverkennbare Art zu spielen, gab der virtuosen Opulenz vieler Kompositionen etwas Menschliches.“

Das haben Feuilletonisten mit Weinexperten gemein: Manchmal geht es mit ihnen einfach durch. „Megalomanie“ bedeutet übrigens Größenwahn; ich habe es für Sie und mich im Duden nachgeschlagen. Der in dem Artikel beschriebene Auftritt 2011 in London ist übrigens äußerst sehens- und hörenswert, nehmen Sie sich die acht Minuten Zeit, es lohnt sich:

Sonntag: Ein Spaziergang durch die Stadt zeigt einmal mehr: Früher wurde Unrat (den einst das bestelbusje brachte) im Wald entsorgt. Heute legt man ihn in einen Karton, schreibt „zu verschenken“ dran und stellt ihn vor das Haus.

Ansonsten gesehen und für fotografierenswert befunden:

(In Bonn-Castel)
(Bonn-Nordstadt)

Gelesen: „Stayen Sie tuned“ schrieb einer, was den Sprachnerv ein klein wenig schmerzhaft zucken ließ und daher auf die Liste kommt.

Woche 8: Rhabarber und Hellbier

Montag: So langsam erscheinen harte Einschnitte unvermeidlich, da mir die Frisur täglich größere Ähnlichkeit mit Andreas Scheuer verleiht, was nun wirklich nicht erstrebenswert erscheint.

Auch nicht schön: „Das System läuft wieder performant“ teilte der IT-Bereich nach einer Störung mit. Laut Duden völlig korrekt, ansonsten … na ja. Meine persönliche Performanz ließ dagegen heute zu wünschen übrig, beziehungsweise da war Luft nach oben, wie Leute sagen, die auch „performant“ verwenden, oder vielleicht Andreas Scheuer.

„Mondgeruch“ bot mir das Datengerät zur Auswahl an, als ich „Montag“ eintippen wollte. Darüber muss ich nachdenken, daraus lässt sich was machen, wobei mir spontan nichts einfällt, aber die Woche ist jung. (Wenn Sie damit was anfangen können, bitte sehr, bedienen Sie sich gerne.)

Dienstag: Das Amt der Interventionsbeauftragten für Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs beim Erzbistum Berlin wird laut einer Zeitungsmeldung künftig von Birte Schneider ausgeübt. Birte Schneider, echt jetzt? Künftigen Folgen der heute-Show sehe ich mit noch größerer Freude entgegen.

Als ich mittags nach Currywurstverzehr bei Sonnenschein durch den Rheinauenpark spazierte, begegnete mir eine junge Frau mit Kinderwagen, die dieses in ihr Freisprechmikrofon sprach, jedenfalls nehme ich an, dass der Satz nicht an den Kinderwageninhalt gerichtet war: „Der Rückwärtsgang ist leichter manchmal.“ Als nicht besonders geschickter Autofahrer meide ich Rückwärtsfahren wie der Papst das Pornokino und bin froh, wenn ich dabei nichts und niemanden beschädige (vorwärts fahre ich auch nicht viel besser und lieber), doch finde ich den Satz in unserer vorwärtsgerichteten Welt, wo nur gilt, was nach Höher, Schneller, Weiter strebt, als Lebensweisheit durchaus bemerkenswert.

Mittwoch: Während der täglichen Lektüre des Pressespiegels fragte ein Kollege per Skypenachricht an, ob ich kurz Zeit hätte, danach erklärte er mir mündlich, dass er mir gleich eine Mail schreiben würde. Was solls, das ist alles bezahlte, ruhegehaltsfähige Arbeitszeit. („Ruhegehaltsfähig“ ist ein wunderschönes Wort, nicht wahr?)

Hätte ich Lust und die Fähigkeit zum Programmieren, entwickelte ich eine App, mit deren Hilfe sich öffentliche Toiletten finden lassen. Den Namen wüsste ich schon, ich würde sie „Scheißhouse“ nennen.

Donnerstag: Trotz allem ging auch heute die Sonne auf.

…

Unterdessen verleiht die Außengastronomie am Rhein unter Vorwegnahme der Tatsachen stumm der Hoffnung auf bessere Zeiten Ausdruck.

…

Früh dran waren diese Kameraden, deren stummen Genießens ungeachtet irgendwelcher Tatsachen ich mittags im Rheinauenpark Zeuge sein durfte:

…

Freitag: Kennen Sie noch „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“, das wir als Kinder ohne Bedenken mit großer Freude spielten? So ganz bekomme ich Ziel und Inhalt des Spieles nicht mehr auf die Reihe. Zwei Gruppen standen sich im Abstand von etwa zehn Metern gegenüber, dann rief einer aus der einen Gruppe die oben genannte Frage, woraufhin die andere Gruppe rief: „Niemand!“ – „Und wenn er kommt?“ – „Dann laufen wir!“ Daraufhin liefen beide Gruppen aufeinander zu, was dann geschah weiß ich nicht mehr, es ging auf jeden Fall meistens unblutig aus. Dabei dachte jedenfalls niemand an die Männer in dunklen Anzügen, die auch heute noch gegen immense Bezahlung weltweit Angst und Schrecken verbreiten:

„Weltweit formieren die McKinsey-Alumnis eine Allianz aus 34.000 Personen in 120 Ländern. Fast fünf Prozent der Vorstandsmitglieder der 100 größten Unternehmen sind Meckis […] Der Übergang von einem intakten Netzwerk zu anrüchiger Kungelei ist fließend. Ebenso wie zur Seilschaft, die sich gegenseitig nach oben hievt und zur Not auch mal andere in den Abgrund tritt.“

Quelle: Handelsblatt

Siehe hierzu auch diesen vielfach unbeachteten Aufsatz.

Was spielen heutige Kinder eigentlich stattdessen? „Wer hat Angst vor de*r*m Metzger*in“? Aber vermutlich wäre das zu traumatisierend.

Samstag: Vergangene Woche zitierte ich aus der Sonntagszeitung Despektierlichkeiten über Werbung für ein bestimmtes Müsli-Produkt aus Schwaben. Von vergleichbarer Unerträglichkeit ist die Fernsehreklame für ein Katzenfutter, in der eine computeranimierte weiße Katze, untermalt von einem mit piepsiger Frauenstimme in hirnquälender Melodie intonierten „miau miau miau …“, eine als „Vitaldrink“ bezeichnete Suppe schleckt, die große Ähnlichkeit mit Erbrochenem nach Genuss von zu viel Rhabarber und Hellbier aufweist.

Doch gibt es auch seriöse Werbung – erstaunlich, was ein andersfarbiger Spazierstock zu bewirken vermag.

Von ziemlich schlechten Eltern dagegen „Deutschlands Hustenduo Nr. 1“ aus einer Reklame für Erkältungsmittel.

Gehört: „Molkerei auf der Bounty“. Vielleicht habe ich mich auch verhört.

Sonntag: Über das Schreiben schrieb ich vor mehreren Jahren dieses, kürzlich beim Sichten eines älteren Notizbuchs wiederentdeckt:

„Schreiben ist eine wunderbare Tätigkeit, erst recht dann, wenn es kein Ziel verfolgt. Ziel-, jedoch nicht sinnloses Schreiben. Nicht für Herzchen bei Twitter, Daumen hoch bei Facebook, lobende Kommentare im Blog, und nicht für einen Platz in der Bestsellerliste; nicht für eine Lesebühne und nicht für einen Sieg beim Poetry Slam. Einfach hinsetzen, den Stift zur Hand und die Worte fließen lassen: zwecklos und entspannend. Wörter, Sätze, Ideen, Gedanken, Texte, Aufsätze, Gedichte, Listen, Skizzen, Entwürfe, Zeichnungen, Bilder, Geheimes, Öffentliches, Lustiges, Ernstes, Trauriges, Erotisches, Groteskes, Absurdes, Alltägliches, Ausgedachtes – was auch immer: Hauptsache Schreiben.“

Zu „Mondgeruch“ ist mir dann doch nichts eingefallen.

Woche 7: Wir werden langsam dünnhäutiger

Montag: Morgens unterstrich heftiger Gegenwind meine Unlust, ins Werk zu radeln, die nur mittelbar auf den heutigen Konjunktiv-Rosenmontag zurückzuführen war. Eine generelle Unlust zeigten auch diverse digitalen Geräte, die meinen Tag begleiteten, angefangen morgens das Radio im Bad, das mehr zwischenspeicherte denn spielte, was bei dem Programm („Schreiben Sie uns Ihre Meinung auf Facebook, rufen Sie uns an unter … Hörer Mike aus Wuppertal findet, dass …“) nicht so schlimm ist, nur ist man es kaum noch gewohnt, nicht beschallt zu werden. Auch der Rechner im Büro lief sehr langsam und ließ sich Zeit beim Laden einer jeden Seite, die Skype-Verbindung brach mehrfach zusammen, was nicht immer ein Nachteil war.

Gegen Mittag setzte Regen ein, die angekündigte Glätte blieb erfreulicherweise aus, daher konnte ich mir ohne Zwischenfälle was aus der Kantine holen, heute sogar mit roter Götterspeise zum Nachtisch, die gab es lange nicht. Oft liegt das Glück gerade in diesen kleinen Dingen.

In der Zeitung war über „Impf-Vordrängler“ zu lesen, vielleicht ein Kandidat für das Wort oder Unwort des Jahres, oder ein zeitgemäßer Nachfolger für den inzwischen reichlich abgenutzten Warmduscher.

Ein anderes interessantes Wort ist „Urgroßtochter“, als welche in derselben Zeitung eine gewisse Paris Hilton bezeichnet wurde. Darf man aus Gründen der sprachlichen Korrektheit nicht mehr „Urenkelin“ sagen oder schreiben?

Dienstag: Erster Nachtrag zu gestern: Der Miniatur-Rosenmontagszug im Hänneschen-Theater zu Köln war wirklich anrührend schön.

Zweiter Nachtrag: Gestern Abend beim Zähneputzen spielten sie im Radio dieses Lied, das mir seitdem ziemlich hörenswert erscheint und daher als mehrstündiger Ohrwurm herzlich willkommen ist (ganz im Gegensatz zu dem schrecklichen, gleichwohl sehr beliebten „Jerusaleme“, dem zurzeit leider kaum zu entkommen ist).

Der Arbeitstag bestand im Wesentlichen aus einer durchaus angenehmen Abteilungstagung, aus gegebenem Anlass nur am Bildschirm. Abends gab es ein gemeinsames virtuelles Koch-Event. Ich würde meine Kollegen wirklich gerne wiedersehen, nach getaner Arbeit gut zusammen essen und ein paar Gläser leeren, quatschen und lachen, ein abschließendes Abendglas an der Hotelbar, das alles fehlt mir sehr. Sie auf einem kleinen Bildschirm in der heimischen Küche um mich zu haben, finde ich indessen äußerst deprimierend. Daher sah ich von einer Teilnahme ab; ich bitte um Verständnis.

Eine Frage, die ich mir schon oft stellte und vermutlich auch schon hier aufschrieb, stellt sich auch Kurt Kister in seiner wöchentlichen Kolumne in der Süddeutschen Zeitung:

„Unerwartet verstorben“, wie es so schön heißt, wobei man sich fragt, woher die unheimliche Karriere des Verbs „versterben“ rührt, das eigentlich nur „sterben“ heißen sollte, auch weil man die Vorsilbe „ver-“ nicht braucht, um tot zu sein.

Ich freue mich immer wieder, wenn ich nicht der einzige bin, dem sowas auffällt.

Mittwoch: Nur auf Bildschirmen fand in diesem Jahr auch der politische Aschermittwoch der Parteien statt, was dessen generelle Überflüssigkeit noch einmal unterstreicht.

Nach der Eiseskälte vergangener Woche wird es langsam Frühling. Erstmals in diesem Jahr nahm ich das Mittagessen unter freiem Himmel hinter dem Mutterhaus ein, und die Singstarkrähe von gegenüber beschrie abends bei geöffnetem Fenster die Siedlung. Nur der Rheinauenpark ist noch nicht völlig vom Eise befreit.

Donnerstag: Vergangene Nacht träumte ich von Markus Söder, was genau, ist nicht mehr zu rekonstruieren, vielleicht besser so. Ansonsten schlief ich zufriedenstellend.

Abends war die häusliche Stimmung ohne erkennbaren Grund trübe, erst war der Eine übellaunig, dann der Andere, ein Zustand, den ich nur schwer ertrage. Da ich mich daran unschuldig wähnte, nahm ich es hin und spielte mit der Eisenbahn. Das mag infantil klingen, entspannt mich aber sehr; andere geben sich Ballerspielen hin oder besaufen sich. Wir werden langsam alle dünnhäutiger.

Was mich zu einem spontanen Verslein inspirierte: „Ich glaube, bald / es heftig knallt.“

Freitag: Hier erhalten Sie interessante Einblicke in den Arbeitsalltag eines Human Identity Brand Synergist.

„Wer ist die verrückteste Person in deinem Leben?“, fragt Franco Bollo. Ohne lange zu überlegen könnte ich dieses Frage spontan beantworten, doch werde ich mich hüten, am zurzeit recht dünnen Faden des häuslichen Friedens unnötig zu zerren.

Samstag: Laut Zeitung haben heute diejenigen Namenstag, die Korona heißen. Das dürfte wohl zurzeit so ziemlich der einzige Lichtblick in ihrem Leben sein.

Wegen des akuten Frühlingseinbruchs verband ich den Gang zum Altglascontainer mit einem Spaziergang. Am Straßenrand parkte ein Golf II, so einer wie ich ihn früher fuhr, mit H-Kennzeichen. Abgesehen von der Fragwürdigkeit, Halter so alter Karren Steuererleichterungen zu gewähren: Was sagt das über mein Alter aus? Bekomme ich demnächst auch so ein H verpasst, und wenn ja, wohin?

Sonntag: Ich sehe Licht / es knallt noch nicht.

Es geht auch ohne Knallerei – gesehen im Vorbeigehen:

Gelesen – am 9. März 1931 entschied der Disziplinarhof zu Leipzig:

„Die Betätigung eines Beamten für die Nationalsozialistische Arbeiterpartei (NSDAP) ist ein Dienstvergehen, da sie den Umsturz der bestehenden Staatsordnung im Wege der Gewalt beabsichtigt.“

Quelle: EISENBAHN-KURIER

Das hat dann so viel auch nicht genützt.

Auch gelesen – über Werbung:

»Es gibt Werbung, die einen todsicher davon abhält, das beworbene Produkt zu kaufen. Bei manchen löst etwa die Radiowerbung für ein Müsli, die mit einem schwäbelnden „Woisch Karle“ beginnt, Mordphantasien aus.«

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Sie wissen sicher, welches Produkt gemeint ist.

Woche 6: Alaafchen und Zuversicht durch zuweilen sittenlose Eskalation

Montag: Wegen Glättegefahr erwog ich morgens Heimarbeit. Doch da das häusliche WLAN mal wieder schwächelte, bleib mir nichts anderes übrig als den Weg ins Werk zu wagen. Die Glätte erwies sich als weitgehend harmlos, daher vielen Dank, liebes WLAN, dass du mich vor einem Tag Heimarbeit bewahrt hast.

Mittags war ich zu einem Brainstorm-Lunch geladen, um die Use Cases zu checken. Da war mir der Appetit kurz vergangen, er kehrte jedoch bald zurück.

Vor der Kantine wurde ich Zeuge, wie ein Mitglied der obersten Werksleitung gegen die geltende Corona-Einbahnregelung verstieß und auch den Hinweis des Sicherheitsmannes unbeachtet ließ. Da ich den Kollegen bislang als nicht allzu testosteronpolternd empfunden habe im Vergleich zu anderen in ähnlicher Position, war ich einigermaßen überrascht bis enttäuscht. Vorbild geht anders.

Von Vorbild zu Stadtbild: „Der Stadtteil Freimann galt anders als das benachbarte Schwabing bislang eher als zersiedelt und wurde unter anderem von der Kläranlage und zwei Müllbergen dominiert“, schreibt der General-Anzeiger über München-Freimann, das Kennern auch als früherer Standort eines Ellok-Ausbesserungswerkes der Deutschen Bundesbahn bekannt ist, was der Schönheit des Stadtbildes vermutlich auch nicht sehr zuträglich war.

Mundwinkelhebend folgende Artikelüberschrift in derselben Zeitung: „Nach Unfall steht Esel in Schieflage“. Ehe nun Empörungsbekundungen von Peta meinen Posteingang fluten: Es ging dabei nicht um einen lebenden Esel mit Fell und Ohren, sondern eine Statue in Bonn-Duisdorf, die von einem Auto gerammt wurde.

Dienstag: „Briefmarken könnten teuer werden“, steht in der Presse. Das ist Unfug: Die Achtzigcentmarke wird voraussichtlich auch in zehn Jahren und darüber hinaus noch achtzig Cent kosten.

Gelesen hier:

„Wie es wohl gewesen wäre, ein Leben als Malerin zu führen? Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit würde meine finanzielle Situation heute grundlegend anders aussehen. […] Dass Malen mich heute glücklich macht, heißt ja auch nicht, dass das immer so gewesen wäre. Es wird schon so passen wie es ist.“

Tausche Malen gegen Schreiben, und es passt auch für mich.

Mittwoch: Als ich abends mit dem Fahrrad an einer roten Ampel wartete, überquerte vor mir ein junger Mann mit modegerecht eingerissenen Hosenbeinen die Straße, in der einen Hand eine Zigarette, die andere mit Telefon am Ohr, also in der klassischen Weise, wie wir Alten noch telefonieren, statt mit flach vor dem Gesicht gehaltenen Gerät. Er spuckte auf die Straße und redete in dieser speziellen Weise, für die mir gerade kein passender Begriff einfällt, bestimmt gibt es einen, dieses proletenhaft-hohle Böse-Jungs-Gelaber mit vielen „Sch“-Lauten, das diejenigen, die so sprechen, oft wesentlich dümmer erscheinen lässt als sie womöglich sind, vielleicht wissen Sie, was ich meine. (Für den Gebrauch von „sch“ statt korrekt „ch“, wie „Milschgesischt“ oder „Isch gehe Küsche“, las ich vor längerem mal einen Fachbegriff, leider ist er mir entfallen.) Und also sprach er dieses ins Telefon: „Wir brauchen escht keine Beziehung zu führen, wenn du …“, mehr verstand ich nicht. Warum ich das hier erwähne: Korrekt benutzte er „brauchen“ in Verbindung mit „zu“, vielleicht wurde ihm das als Kind beigebracht: „Wer ,brauchen‘ nicht mit ,zu‘ gebraucht, braucht ,brauchen‘ gar nicht zu gebrauchen.“ Ganz so dumm wie er klang war er offenbar nicht.

Der Kölner Rosenmontagszug findet in diesem Jahr aus gegebenem Anlass im Hänneschen-Puppentheater statt. Auf die Frage, ob er das Theater kenne, antwortete der Geliebte: „Klar, das habe ich hier auch, mit zwei ziemlich alten Püppschen“ (da war es wieder, wobei zu seiner Ehrenrettung geschrieben sei, er ist keiner der oben beschriebenen Spacken, sondern Rheinländer). In solchen Momenten frage ich mich, warum wir den immer noch nicht rausgeworfen haben.

Donnerstag: Weil es schön ist, ging ich zu Fuß ins Werk. Auf dem Markplatz hörte ich einen Händler, der seinen Stand aufbaute, „Viva Colonia“ singen, wobei sein Gesang nicht besonders närrisch klang, eher trotzig. Erst da fiel mir wieder ein: Heute wäre Weiberfastnacht gewesen. Der Weg führte am mittlerweile wieder etwas abgeschwollenen Rhein entlang, wo die Spuren des Hochwassers noch deutlich zu erkennen waren.

Zwei Nilgänse schauten vom Ufer aus auf den kalt dahinfließenden Strom und schnatterten leise miteinander, vielleicht dieses: „Wären wir doch mit den Anderen in den Süden geflogen, aber nein, du wolltest ja dieses Jahr unbedingt hier bleiben, »Nein, es kommt kein Winter mehr«, ha ha ha, hätte ich doch bloß nicht auf dich gehört.“ – „Ach halt den Schnabel.“

Doch will ich Erfreuliches nicht unerwähnt lassen: Nachdem die Politik gestern beschlossen hat, dass Friseure zum ersten März wieder öffnen dürfen, habe ich heute einen Termin beim Salon meines Vertrauens vereinbart, der auch bestätigt wurde. Bemerkenswert: Friseure müssen schließen, aber Jaques Weindepot ist geöffnet. Immerhin – wenigstens kann man sich seine aus der Form geratene Frisur schön saufen.

Dieses allgemeine Geschrei nach einem „deutlichen Signal“, das die Politik vermissen lasse, finde ich übrigens unerträglich. Wer kann denn heute verbindlich voraussagen, wie das mit dem Virus und seinen Mutationen in den nächsten Wochen weitergeht? Wie groß wäre das Geschrei, wenn es anders kommt, die Läden und Schulen länger geschlossen bleiben müssen als in Aussicht gestellt? Immerhin, für alle Signalvermisser habe ich hier was:

Freitag: Mittags gab es aus der Kantine Lahmacun, diese lose in einen Teigfladen gewickelten Gemüse- und Fleischspezereien mit einer Soße, auch bekannt als Türkische Pizza. Zum Wohlgeschmack gesellte sich stille Bewunderung für Leute, die imstande sind, so etwas mit Würde und ohne größere Verschmutzung des näheren Umfeldes zu verzehren.

Jedesmal, wenn ich den Leiter des Paul-Ehrlich-Instituts im Fernsehen sehe, denke ich: Den hätte Loriot nicht besser sich ausdenken und verkörpern können.

Samstag: Gerade in diesen Zeiten ist Zuversicht wichtig. Deshalb freute ich mich über die ersten blühenden Schneeglöckchen am Wegesrand, deren vielstimmig-stummes Glockenspiel zu läuten schien: „Sorget euch nicht, sehet, es geht weiter.“

Nicht gar so sehr mit Zuversicht gesegnet scheint einer, der dieses sprühte:

Übrigens wurden nebenan die Liste und die Chronik des Wahnsinns ein wenig fortgeschrieben.

Sonntag: Heute wäre der Karnevalszug in Bad Godesberg. Aufgrund des Konjunktivs stattdessen hier ein Züglein in Barlingerode Ost. Alaafchen!

Laut PSYCHOLOGIE HEUTE steht das griechische Substantiv „Kefi“ für „die gelegentliche – manche sagen unerlässliche – Befreiung von stumpfsinniger Routine und sozialer Konvention“ durch mannigfache sinnliche, körperliche, zuweilen sittenlose Eskalation. Kefi alaaf!

Zum Schluss noch was auf die Ohren:

Ansonsten in dieser Woche gehört: „In der Not frisst der Teufel Hafer“ – „zwischen Himmel und Henkel“