Woche 9: Wird schon gutgehen

Montag: Ein Paketzustellfahrzeug heißt auf Niederländisch „bestelbusje“. Ist das nicht geradezu wunderbare Poesie? Wenn Sie es mehrfach laut aussprechen und nicht lächeln müssen, ist Ihnen nicht zu helfen.

Der Arbeitstag endete vergleichsweise poesiearm mit einer einstündigen Besprechung voller Wiederholungen, ohne erkennbares Ergebnis und Lächelgrund. Das ist nicht schlimm, meine Energie für sinnvolle Betätigungen war heute ohnehin begrenzt.

Dienstag: Ob sich der heute an einer Bushaltestelle gesehene Ausdruck gewisser Unzufriedenheit gegen den öffentlichen Personennahverkehr oder die Gesellschaft an sich richtet, war im Vorbeigehen nicht zu ergründen.

Ich hingegen bin sehr zufrieden mit dem neuen Haarschnitt, der seit heute Abend dank wiedererwecktem Friseurhandwerk mein Haupt ziert. Einen bildlichen Vorher-nachher-Vergleich erspare ich Ihnen. Wobei ich im Nachhinein erstaunt bin, wie voll der Salon war; allein in dem Raum, in dem ich behandelt wurde, waren fünf Frisierende mit Köpfen in ähnlicher Zahl beschäftigt, zwar mit Masken und Abstand, dennoch, ich weiß nicht … Wird schon gutgehen, Hauptsache, die Haare sind erstmal gelockendownt.

Mittwoch: Wird schon gutgehen denkt vielleicht auch der türkische Präsident Erdogan, der laut Zeitungsbericht einen „Aktionsplan für Menschenrechte“ in Aussicht gestellt hat. „Schön, schön“, dachte der böse Wolf, als er das las, und nahm noch einen Bissen von der Kreide. – Vielleicht lesen wir demnächst, Clemens Tönnies plane einen Runden Tisch für das Tierwohl, Andreas Scheuer eine Sympathie- und Kompetenzoffensive und Kardinal Woelki einen Reuegipfel.

Mit Kreide schrieb auch jemand „No future“ an eine Wand, jenen lange nicht mehr gelesenen, in den Achtzigern populären Ausdruck jugendlicher Resignation. Durch die Wahl des unbeständigen Schreibmittels wohnt der Anschrift eine zusätzliche Wahrheit inne.

Donnerstag: Vor knapp einem Jahr, kurz nachdem die herrschende Meinung umgeschlagen war von „Masken nützen nicht viel“ in „Wir haben nicht genug für alle“ wunderte ich mich erstmals über ein am Wegesrand liegendes Exemplar. Heute sind sie aus dem Straßenbild nicht mehr wegzudenken, alleine morgens auf dem Weg ins Werk sah ich mindestens ein Dutzend davon auf regennassem Pflaster, eine sogar noch in Folie originalverpackt. Warum ist das so, warum werfen Menschen die einfach in die Gegend wie Zigarettenstummel (was keineswegs besser ist)? Oder sind sie ihnen durch einen Windhauch unbemerkt aus dem Gesicht gefallen, zogen sie sie versehentlich mit dem Datengerät aus der Hosentasche? Oder ist es ein stummer, gleichwohl fragwürdiger Protest gegen die Maßnahmen?

Apropos Maßnahmen: Wenn ich es richtig verstanden habe, öffnen ab Montag unter anderem wieder die Flugschulen, jedenfalls so lange, bis auch die Zahlen wieder abheben. Normalität – Ein wenig fürchte ich den Tag, da alles wieder so werden könnte, wie wir es vorher für normal hielten.

„Kri­se ist ein pro­duk­ti­ver Zu­stand; man muss ihr nur den Bei­ge­schmack der Ka­ta­stro­phe neh­men“

Max Frisch

Ein wahrlich Aufsehen erregendes Ereignis meldete die Zeitung:

(General-Anzeiger Bonn)

Freitag: „Ich bin eher der Getriebene – was getan werden muss, muss getan werden“, sagte nicht der Geliebte, sondern einer in der Besprechung. Ich verzichtete darauf, die allgemeine Euphorie und Geschäftigkeit der Runde zu stören durch altkluge Bemerkungen wie „In der Ruhe liegt die Kraft“ oder „Vieles erledigt sich von selbst“.

Samstag: Meine bisherige Annahme, der letzte zu sein, der noch Musikkassetten besitzt und sie zudem mit einem noch nicht dem Elektroschrott zugeführten Abspielgerät regelmäßig hört, erfuhr eine erstaunliche Korrektur:

„Der Hype von heute ist der Müll von morgen, dachte ich mir, habe mich weder um Download- noch um Streamingportale gekümmert, habe alle meine Kassetten behalten und hatte keinerlei Stress mit Neukauf, Transferieren, Digitalisieren, Abonnieren, Hysterisieren.“

Wolfgang Pichler im Bonner General-Anzeiger

Ebenfalls im General-Anzeiger ist über den Pink-Floyd-Mann David Gilmour dieses zu lesen:

„Gilmour machte die Megalomanie des Sounds menschlich, seine melodiöse und unverkennbare Art zu spielen, gab der virtuosen Opulenz vieler Kompositionen etwas Menschliches.“

Das haben Feuilletonisten mit Weinexperten gemein: Manchmal geht es mit ihnen einfach durch. „Megalomanie“ bedeutet übrigens Größenwahn; ich habe es für Sie und mich im Duden nachgeschlagen. Der in dem Artikel beschriebene Auftritt 2011 in London ist übrigens äußerst sehens- und hörenswert, nehmen Sie sich die acht Minuten Zeit, es lohnt sich:

Sonntag: Ein Spaziergang durch die Stadt zeigt einmal mehr: Früher wurde Unrat (den einst das bestelbusje brachte) im Wald entsorgt. Heute legt man ihn in einen Karton, schreibt „zu verschenken“ dran und stellt ihn vor das Haus.

Ansonsten gesehen und für fotografierenswert befunden:

(In Bonn-Castel)
(Bonn-Nordstadt)

Gelesen: „Stayen Sie tuned“ schrieb einer, was den Sprachnerv ein klein wenig schmerzhaft zucken ließ und daher auf die Liste kommt.

3 Gedanken zu “Woche 9: Wird schon gutgehen

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