Woche 15: Eine Verantwortungsgemeinschaft hält das aus

Montag: Manche Sätze sind so abgenutzt, man mag sie nicht mehr hören. Ein solcher fiel morgens während der Zahnpflege im Radio, es ging um ein aktuelles Empörungsthema, vermutlich Corona und Schule, so genau höre ich da mittlerweile nicht mehr hin. Der Satz also: „Die Kinder leiden am meisten.“ Wie will denn so eine Radiotante beurteilen, wie sehr ich morgens leide?

Seit gestern eskalieren die Medien darüber, wer Kanzlerkandidat der Union wird, Laschet oder Söder, auch das mag man nicht mehr hören. Mögen CDU/CSU sich bitte bald entscheiden, und gut ist. Es ist doch ohnehin egal, welcher von beiden Ende September nicht zum Bundeskanzler gewählt wird.

Es freut mich sehr, mit Hans-Georg das 100. Folgeri‘ dieses Blogs begrüßen zu dürfen. Bitte haben Sie Verständnis, dass ich den Blumenstrauß aus gegebenen Gründen nur virtuell überreichen kann.

Dienstag: Der Satz des Tages lautete „Je bullshit-in, desto schwieriger wird es“, gehört und notiert in einem Kick-off-meeting.

Seit Tagen, wenn nicht Wochen, wird in Presse, Funk und Fernsehen vor sogenannten Smishing-Nachrichten gewarnt – man bekommt eine Kurznachricht aufs Datengerät mit der Ankündigung, ein Paket sei auf dem Weg, für weitere Informationen öffne man den beigefügten Link. Man fragt sich, welches Trotteli‘ trotz unbekanntem Absender, Schreibfehlern in der Nachricht und Nichterwartung einer Lieferung darauf reinfällt. Seit heute kenne ich einen. Kennen Sie dieses Gefühl, wenn man sich maßlos über die eigene Dusseligkeit ärgert? Es scheint nochmal gut gegangen zu sein. Trotzdem: Trottel!

In der PSYCHOLOGIE HEUTE las ich etwas über Selbstmitgefühl. Auch ein schönes Wort – gleichsam die Doppelhaushälfte, das Ostwestfalen unter den Emotionen.

Mittwoch: In Frankreich soll es laut Zeitungsbericht schon geben, was die FDP nun auch für Deutschland als würdig und recht befindet. Aus ihrem Wahlprogramm:

„Wir Freie Demokraten wollen die Verantwortungsgemeinschaft neben der Ehe gesetzlich verankern. Dabei soll die Ausgestaltung der Rechte und Pflichten innerhalb einer Verantwortungsgemeinschaft stufenweise variiert werden können. Zwei oder mehr volljährige Personen, die sich persönlich nahestehen, aber nicht miteinander verheiratet, verpartnert oder in gerader Linie verwandt sind, sollen eine Verantwortungsgemeinschaft möglichst unbürokratisch gründen können. […] In einer Zeit, in der traditionelle Familienstrukturen gerade im Alter nicht immer tragen, wächst der Bedarf an neuen Formen gegenseitiger Absicherung. Der Grundgedanke einer solchen Verantwortungsgemeinschaft ist größtmögliche Flexibilität bei maximaler Selbstbestimmung.“

Wer hätte gedacht, dass ich mich mal für eine Idee dieser Partei erwärmen kann. Auch wenn der Geliebte abends durch unangemessene Eigenmächtigkeiten die häusliche Stimmung vorübergehend etwas kühlte.

Donnerstag: Kühle auch am Morgen, die den ins Werk Gehenden umspielte. So langsam ist es aber auch mal gut mit kalt.

„Dazu haben Sie bereits gestern insight bekommen“, sagte einer in einer größeren Veranstaltung per Skype. Der Vorteil solcher virtuellen Konferenzen ohne Video ist zugleich ihre Gefahr: Wenn ich nichts vorzutragen habe und mich das aktuelle Thema nur mäßig interessiert, widme ich mich gelegentlich anderen Dingen wie der Bearbeitung von Mails. Während einer solchen Phase erreichte mich die Nachricht eines anderen Teilnehmers, ich wäre nicht stummgeschaltet. Auslöser der Nachricht waren hoffentlich nicht unflätige Selbstgespräche meinerseits, zu denen ich gelegentlich neige, wenn ich mich alleine wähne, die über vierzig Teilnehmeri‘ insight in meine Gedankengänge gewährten.

Freitag: Die Verkehrsminister von Bund und Ländern haben sich endlich auf einen neuen Bußgeldkatalog geeinigt. Das wurde Zeit: Auf der Rückfahrt vom Werk wurde ich Zeuge, wie zwei PS-Äffchen an der Ampel auf der B 9 ein Anfahrt-Rennen veranstalteten. Bei grün rasten sie mit aufbrüllenden Motoren und quietschenden Reifen los und entschwanden in die Ferne, beziehungsweise bis zur nächsten roten Ampel. Weder wurde ich durch sie gefährdet noch behindert, und doch verschaffte es mir wohl größte Genugtuung, könnte ich bewirken oder wenigstens daran mitwirken, dass solchen Leuten dauerhaft die Fahrerlaubnis entzogen wird.

Was dem einen sein Gasfuß, ist dem anderen sein Bestellfinger: Seit heute bereichert eine Spargelplatte unseren Haushalt, die der Geliebte, offenbar einem spontanen Gefallen folgend, beim bekannten Versteigerer erwarb – ein länglicher Teller mit einmodellierten Porzellan-Spargelstangen. Wobei „Platte“ und „Stangen“ übertrieben erscheint: Aufgrund geringer Abmessungen bietet das Plättchen maximal Platz für Spargenspitzen. Daher wird es wohl bald dasselbe Schrankschicksal ereilen wie diverse Bleikristallgefäße, die in jüngerer Zeit der Bote brachte.

Abendgespräch: “Merkt man es eigentlich selbst, wenn man verrückt wird?” – “Nein. Frag S.” Eine Verantwortungsgemeinschaft hält das aus.

Samstag: Man hört und liest häufig über die Notbremse, gar die „Bundesnotbremse“. Vor zwei oder drei Jahren, so genau weiß ich es nicht mehr, die Zeit vergeht ja sehr schnell, da fuhr ein Stadtbahnzug führerlos von Siegburg in Richtung Bonn, weil der Fahrer bewusstlos geworden war. Die Fahrgäste bemerkten es, als der Zug mit hoher Geschwindigkeit mehrere Haltestellen durchfuhr und Bahnübergänge mit offenen Schranken passierte. Daher zogen sie die Notbremse. Wer nun glaubt, diese bringe einen Stadtbahnzug zum unverzüglichen Anhalten, irrt. Stattdessen erhält der Fahrer ein Signal, auf dass er den Zug abbremse. Konnte er wegen Unpässlichkeit aber nicht. Sie dachten, der Zug hält trotzdem bald, weil der Fahrer während der Fahrt in regelmäßigen Intervallen einen Taster betätigen muss, um Wachsein zu bekunden, und tut er das nicht, erfolgt die automatische Bremsung? Dachte ich bis dahin auch, stimmt aber nicht. Das ist nur bei der Eisenbahn so. Bei Stadt- und Straßenbahnen genügt es, den Knopf dauerhaft zu drücken. Auf dem lag dauerhaft der Fahrer. Schließlich gelang es, die Tür zum Fahrerraum zu öffnen und unter telefonischer Anleitung der Leitstelle den Wagen kurz vor Beuel anzuhalten. Seitdem begegne ich der Wirksamkeit von Notbremsen mit gewisser Skepsis.

Gewisse Skepsis hegen auch die „Systemsprenger*innen“, und zwar gegenüber den Segnungen der Agrarchemie:

Wenn schon das Unkraut* nicht wachsen darf, so wenigstens mein Stapel ungelesener Bücher. In diesem Sinne habe ich heute ein wenig eingekauft:

Sonntag: Es gibt diese Theorie, wonach der Flügelschlag eines Schmetterlings am anderen Ende der Welt einen Hurrikan auslösen kann, vermutlich haben Sie schon davon gehört oder gelesen. Ob das so stimmt, vermag ich nicht zu beurteilen, es erscheint mir zumindest nicht sehr wahrscheinlich. Was ich indessen seit gestern Abend weiß: Eine missratene Sauce Béarnaise (berichtigt:) Hollandaise kann einen Mistral verursachen, der bis in den frühen Abend des Folgetages hinein eisig bläst.

Ansonsten kennen Sie vielleicht auch diese Tage, die von einer vagen Ahnung beschattet sind, etwas gerate gerade aus den Fugen. Einen solchen Tag hatte ich heute, daran konnte auch ein außergewöhnlich langer, menschenvermeidender Spaziergang nichts ändern.

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* Ja ich weiß, es gibt kein Unkraut, korrekt heißt es Wildkraut. So wie es keine Unkosten, Unmengen und Unwetter gibt, im Gegensatz zu Unterhosen.

Woche 14: Moralisch fragwürdige Begegnungen

Montag: „Hast du gut geschrieben, A…loch“, sagte der Geliebte, nachdem er den Rückblick der vergangenen Woche gelesen hatte. Komplimente kann er.

Den Ostermontag verbrachte ich weitgehend in angenehmer Untätigkeit, jedenfalls wenn man freizeitliches Sitzen, Lesen und ein wenig Schreiben nicht als Tätigkeit definiert. (Es gibt ja Menschen, die der Ansicht sind, es gebe immer etwas zu tun, wobei nur als Tätigkeit gilt, was mit Anstrengung und Geräusch verbunden ist, da möchte ich jetzt gar nicht ins Detail gehen.) Von meinem Lieblingsplatz im Erker über der Straße aus schaute ich dem April bei seinem typischen Tun zu: Er ließ es regnen, schneien, graupeln, winden, sonnescheinen, zeitweise auch gleichzeitig.

Dienstag: Vergangene Nacht schlief ich schlecht, erst weit nach Mitternacht betrat ich endlich das Reich der Träume. Vermutlich hatten Körper und Geist über die Ostertage genug Schlaf bekommen, daher lag ich lange wach und dachte über eine neue Schreibidee nach, die sich vielleicht gar zum Buch eignet. Ganz neu ist die Idee nicht, seit mindestens zehn Jahren, eher noch länger, lagerten Fragmente der aufzuschreibenden Geschichte in des Hirnes Windungen; nun, vergangene Nacht, konkretisierte sie sich unerwartet. Am liebsten wäre ich sofort aufgestanden und hätte das erste Kapitel aufgeschrieben, aber das macht man dann doch nicht und wälzt sich stattdessen innerlich formulierend hin und her. Hoffentlich ist davon demnächst noch genug übrig, wenn ich die Zeit finde, es wirklich aufzuschreiben. Es ist noch zu früh, Sie mit dem Inhalt der Geschichte bekannt zu machen, verraten sei nur der vorläufige Arbeitstitel: „Altes Eisen“. Vielleicht noch so viel: Entgegen sonstigen Gewohnheiten beim Verfassen von Bestsellern ist sie (voraussichtlich) frei von Liebespein, Eifersucht und erotischen Verstrickungen. – Das trifft sich gut, mein anderes, seit fast sechs Jahren in Arbeit befindliches Epos (reich an moralisch fragwürdigen Begegnungen, da stark autobiografisch geprägt) steht kurz vor der Vollendung, was wiederum die Frage aufwirft: Was mache ich jetzt damit? Ideen und Vorschläge nehme ich dankbar entgegen.

„Schämt euch für eure Eifersucht“, hat jemand an den Zugang zur Stadtbahn gesprüht, wie ich morgens beim Vorbeiradeln sah. Wie mag der Satz gemeint sein, an wen richtet er sich? Ich fühle mich nicht angesprochen, da ich für gewöhnlich nicht zur Eifersucht neige, jedenfalls nicht, wenn der Schwerpunkt auf dem ersten Wortbestandteil liegt; kontemplatives Sitzen und Abwarten liegt mir eher.

Der erste Arbeitstag nach vier freien Tagen ist oft von besonders montäglicher Unlust erfüllt, da machte dieser Dienstag keine Ausnahme. Bereits vergangene Woche las ich diese Empfindung bei Frau AnJe perfekt zum Ausdruck gebracht:

Ich habe schlechte Laune, weil ich mich dann wieder mit den Menschen und den Erwartungen der Menschen im Büro auseinandersetzen muss. Und tatsächlich finde ich das alles nur unglaublich uninteressant, belanglos und außerordentlich langweilig, ich entwickele eine ganz besonders schlimme Version von Bürokratieallergie und ich fürchte, in meinem Beruf ist das ein Grund für eine Berufsunfähigkeit.

Wie ich die Tage las, gibt es ein Wort für die Er­schöp­fung durch Vi­deo­kon­fe­renzen, es lautet »Zoom Fa­ti­gue«. Finde ich nicht schlecht, wobei die Beschränkung auf Zoom zu kurz gegriffen erscheint, empfinde ich doch jede Situation, in der mehr als zwei Leute auf mich einreden, sei es in persönlicher Anwesenheit, bewegten Bildern auf einem Bildschirm oder auch nur telefonisch, als ausgesprochen ermüdend.

In gewisser, wenn auch ganz anderer Weise ermüdend sind Begriffe wie „Salad n‘walk“, den die Kantine in dieser Woche anbietet.

Man hört und liest in diesen Tagen häufig das Wort „Impflinge“. Das erstaunt, da die Endsilbe -ling in manchen Kreisen als abwertend gilt, geschlechtsneutral ist es auch nicht. Aber vielleicht erscheint „Impfung Empfangende“ sogar vorgenannten Kreisen etwas albern.

„In der Regel dauert die Kirschblüte in Bonn etwa zehn bis 14 Tage. Bei kühleren Temperaturen fallen die Blüten langsamer zu Boden“, schreibt der General-Anzeiger über das in vergangener Woche hier erwähnte alljährliche Frühlingserblühen in der Inneren Nordstadt. Dass die Außentemperatur die Schwerkraft beeinflusst, war mir neu.

Mittwoch: Wie mir mein Zahnarzt morgens aus sicherer Quelle zu erzählen wusste, werden in örtlichen Impfzentren regelmäßig Impfstoffe, die nicht an berechtigte Impflinge verimpft wurden, weggeworfen, anstatt sie Noch-nicht-dran-Seienden zu verabreichen, nicht einmal Impfenden. Wäre ich bei Facebook, postete ich jetzt vielleicht einen wutschnaubenden Post, mit ganz vielen Ausrufezeichen und der Aufforderung „Unbedingt teilen“. Da ich nicht bei Facebook bin und mein Gefolge bei Twitter gering ist, zweifele ich nur wüde an unserer Regelungsgebung vor mich hin. Ansonsten hat er gar nicht gebohrt.

Donnerstag: Morgens beim Zähneputzen immer wieder die alte Frage: Was haben Fußballmeldungen in den regulären Nachrichten verloren, warum wird ihnen da regelmäßig so viel Raum gewährt?

„Licht regelt alles“, sah ich morgens an einen Laternenpfahl geklebt. Eine Aussage, deren Sinn und Bedeutung im Dunkeln bleibt.

„Was willst du denn schon hier? Das gehört hier noch nicht hin“, wurde mir nach früherem Feierabend bedeutet. Zuhause ist, wo du willkommen bist.

Freitag: „Ich rede lieber ein bissel mehr als zu wenig“, sagte in der Besprechung einer zur Rechtfertigung seiner in jeder Hinsicht erschöpfenden Ausführungen.

Das Ergebnis meines ersten Corona-Selbsttests war positiv, da negativ.

Hoffentlich auch bei denen: Auf dem Weg zum Friseur sah ich am frühen Abend drei migrationshintergründige junge Männer, die sich mit Wangenküsschen begrüßten, als wenn nichts wäre. Ist es fremdenfeindlich oder gar rassistisch, wenn man das – nun ja – fragwürdig findet?

Abends wurde gegrillt, zur Wochenend-Erstbeduselung gab es Sekt, was tiefgründige Gespräche auslöste: „Ich kann nicht mehr – du machst mich zum Frack.“ Mein Name sei Schneider.

Samstag: Gelesen und geschrieben. Das Leben ist zu kurz, um Serien zu kucken.

Sonntag: Nicht nur Gehen, auch „Eis macht glücklich“, verheißt ein Plakat, das ich während des regen- und kältebedingt etwas kürzeren Sonntagsspaziergangs sah. Doch gehen Eis und Glück nicht zwangsläufig Hand in Hand, wie ein paar hundert Meter weiter zu sehen war: Die Eisdiele am Kaiser-Karl-Ring darf, wie alle gastronomischen Betriebe, zurzeit nur zum Mitnehmen verkaufen. Als ich vorbeiging, saß drinnen der Eisdieler, wie immer korrekt gekleidet in schwarzer Hose und weißem Hemd, auf der Fensterbank, das Gesicht auf die Hände gelegt, die auf der Rückenlehne eines Stuhles ruhten. Glück sieht anders aus. Fast hätte ich aus Mitleid ein Eis gekauft, doch mangelte es mir an Geheisbedarf.

Vergangene Woche erwähnte ich kurz das Buch „Das Leben und das Schreiben“ von Stephen King, das ich nun ausgelesen habe. Nochmals kann ich es allen, die Schreiben glücklich macht, sehr empfehlen, auch wenn sie wie ich mangels Thrillerlust bislang nichts von ihm gelesen haben. Im ersten Teil schildert er sein bisheriges Leben, das ist interessant, man darf es mit geringer Intensität überfliegen, wenn es einen nicht so sehr interessiert. Richtig interessant wird es, wenn der Meister im zweiten Teil Einblicke in seinen Werkzeugkasten gewährt. Die wichtigsten Empfehlungen: 1) Viel lesen und schreiben, 2) Adverbien meiden.

Übrigens begann ich bereits am Donnerstag mit der Niederschrift von „Altes Eisen“, es floss und fließt noch sehr gut.

Auch gelesen: In der Sonntagszeitung lässt sich Sahra Wagenknecht über sogenannte Lifestyle-Linke aus, die gewöhnlich aus gut situiertem Umfeld kommen und deren Anliegen weniger die Chancengleichheit und gerechte Bezahlung von Menschen aus nicht so rosigen Verhältnissen ist. Wichtiger ist ihnen die Verwendung einer diskriminierungsfreien Sprache. Wer noch „Jägerschnitzel“ sagt oder gar isst, ist böse, da weder gendergerecht noch vegan. Zitat:

„Entsprechend wird die Alltagssprache ständig nach Wörtern durchsucht, die irgendjemanden verletzen könnten und die es fortan zu meiden gilt. An ihre Stelle treten dann neue Wortschöpfungen, die zumindest bei den Strenggläubigen unter den Lifestyle-Linken zu einer ganz eigenwilligen Form, sich auszudrücken, führen, die mit der deutschen Sprache nur noch bedingt zu tun hat. […] Es gibt zweifellos unangenehmere Zeitgenossen als großstädtische Veganer, die ihre Kinder im E-Auto zur Schule fahren, Plastikverpackungen meiden und und den weltweiten CO2-Ausstoß minimieren* wollen, auch wenn sie selbst zu ihm nicht unmaßgeblich beitragen.“

aus der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Das ganze erscheint in der kommenden Woche als Buch von ihr: „Die Selbstgerechten“. Ich habe es mal auf meine Bücherbeschaffungsliste gesetzt.

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* versehentlich schrieb ich zunächst „mimimieren“. Da mir das Wort in diesem Zusammenhang durchaus passend erscheint, wollte ich es nicht einfach durch Korrektur eliminieren.

Woche 13: Läuft

Montag: „Gottschalk soll Aufsicht bei Commerzbank führen“, überschreibt die Zeitung einen Artikel. Allerdings nicht der Gottschalk, wie sich beim weiteren Lesen herausstellte. Der hätte ja auch gar keine Zeit, weil er jetzt an Bohlens statt Superstars suchen muss.

Wie vergangene Woche vollmundig angekündigt, war ich am frühen Abend Laufen. Resümee: hormonell anregend, etwas zu warm und viel zu viele Leute am Rhein. Im Übrigen lief es für das erste Mal nach siebzehn Monaten (wie die Recherche ergab, für irgendwas muss dieses Tagebuchschreiben ja gut sein) ganz zufriedenstellend. Bis Donnerstag also. Läuft.

Dienstag: „Bist du ready to talk?“, fragt einer. Ein Satz wie eine Ladung Schnee in den Kragen.

Wenn ich wüsste, dass morgen die Notbremse gezogen wird, so machte ich heute noch einen Friseurtermin, dachte ich am Morgen, und also tat ich am Mittag. Und siehe, mein Bangen wurde bestätigt – ab morgen Friseurbesuche in Bonn nur noch mit negativem Testergebnis.

Im Fernsehen beklagten Mallorca-Urlauber, dass sie nun vor Rückkehr einen negativen Test vorweisen müssen, auf eigene Kosten. Ihr Lieben, wer soll das denn bitteschön sonst bezahlen?

Mittwoch: Erst heute spürte ich einen leichten Muskelkater im Laufwerk, also mit einem Tag Verzögerung. Ist das normal oder liegt das am Alter?

Meine persönliche Antihitparade auf WDR 2 wird weiterhin angeführt von 1) „Jerusaleme“ und 2) „Wellerman“. Perfiderweise spielten sie Nr. 2 heute Morgen, als ich gerade in Schaum und Shampoo unter der Dusche stand und mich nicht wehren konnte. Rufe nach Siri helfen da nicht, da die Dame noch nicht über das Bad-Radio herrscht.

Irgendwann werde ich ohnehin verhungern, erfrieren, den Verstand verlieren oder schlimmeres, weil ich mich beharrlich weigere, Sätze zu sagen, die mit „Hey Siri“ beginnen.

Wie ich beiläufig erfuhr, behandelt man einen Springdaumen mit einer Stoßwellentherapie. Manchmal muss man froh sein, was man alles nicht hat

Abends eine Debatte zwischen meinen Lieben wegen violettem Klopapier, die vor ziemlich genau einem Jahr, da man ungeachtet farblicher Vorlieben alles nahm, was es gab, wohl nicht aufgekommen wäre. Manchmal machen sie es mir wirklich nicht einfach, auf Alkohol zu verzichten.

Donnerstag: Vergangene Nacht träumte ich von sexuellen Avancen mannigfacher Art. Das muss dieser Frühling sein.

Heute ist der 1. April. Die erhoffte Pressekonferenz, in der die Bundeskanzlerin das ganze mit einem erlösenden „April, April“ zu einem Scherz erklärt, auf dass ab morgen wieder alles seinen gewohnten Gang gehe, blieb leider aus.

Deshalb bleibt auch am Rhein weiterhin nur die Hoffnung auf bessere Zeiten, vgl. vergangene Woche:

Passend zum Gründonnerstag bereitete der Liebste abends was mit grünem Spargel. Morgen gibt es dann Kartoffeln. (Bitte verzeihen Sie den Karlauer.)

Unterdessen führte der Geliebte seine ganz persönlichen Passionsspiele auf, das Leiden Christi für den Hausgebrauch; wobei offen blieb, wer am Ende wen ans Kreuz nagelt.

Freitag: Die Christen feiern wieder Karfreitag. Wir erklären uns gerne solidarisch, essen ebenfalls Fisch und verzichten auf Firma, Fete und Frohsinn.

Die häuslichen Passionsspiele wurden nachmittags fortgesetzt. Um mich einer möglichen Kreuzigung zu entziehen, holte ich den für gestern vorgesehenen Lauf nach. Danach waren die meisten Sünden vergeben.

Samstag: In der Inneren Nordstadt zu Bonn beginnen wieder die Zierkirschen zu blühen, was in nichtpandemischen Jahren Tausende von Touristi‘ mit Selfiestangen anzieht. Im vergangenen Jahr wurden die beblühten Straßen deswegen für Besucheri‘ gesperrt; in diesem Jahr will man auf Sperrungen verzichten, weil man auf weniger Leute und deren Vernunft setzt. (Bitte denken Sie sich hier ein hysterisches Auflachen.) Das könnte sich bald als Irrtum erweisen: Bereits jetzt, da nur einzelne Blüten sich zeigen, streifen zahlreiche Menschen mit Kameras durch die Straßen.

„Der Mensch ist wie Was­ser, er sucht sich sei­nen Weg, des­halb muss ich das Was­ser klug lei­ten und nicht ein­fach eine Sper­re auf­stel­len.“

Rostocks Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen im SPIEGEL

Demnächst sieht es dann wieder so aus:

(Archivbild aus dem Vorjahr)

Der bekannte Thriller-Autor Stephen King schrieb bereits vor einundzwanzig Jahren:

„Zu Beginn des 21. Jahrhunderts in Amerika Prosa zu schreiben, ist kein Job für intellektuelle Feiglinge. Es gibt eine Unmenge von Möchtegernzensoren im Land, und wenn sie auch unterschiedliche Motive haben, so ist ihnen doch dasselbe Ziel zu eigen: Alle Menschen sollen die Welt mit ihren Augen sehen … oder wenigstens den Mund halten und verschweigen, was sie anders sehen. Diese Zensoren sind die Bewahrer des Status quo. Nicht unbedingt schlimme Leute, aber gefährlich sind sie schon, wenn man an intellektuelle Freiheit glaubt.“

Aus: „Das Leben und das Schreiben“. Auch wenn man, wie ich, mit Thrillern nicht viel anfangen kann und Bücher von Steven King deswegen bislang mied – dieses Buch sei allen, die sich für das Schreiben interessieren, sehr empfohlen.

Sonntag: Der Sonntagsspaziergang am Rheinufer entlang verlief erfreulich begegnungsarm, offenbar zog es wegen kühler Winde deutlich weniger Menschen aus des Heimes Behaglichkeit als am vergangenen Montag. Gegenüber, vor Beuel, stand einer am Ufer und brüllte die ganze Zeit herum. Da der Rhein nicht gerade schmal ist, muss er ganz ordentlich laut gebrüllt haben, damit er auf hiesiger Seite deutlich wahrnehmbar war. Das heißt, so deutlich auch wieder nicht – der Inhalt seines Anliegens erschloss sich nicht. Nach der frohen Osterbotschaft klang es indes nicht, vielmehr klang eine gewisse Unzufriedenheit, gar Anklage an. Wer wollte es ihm verdenken.

Das fernösterliche Motiv eines nicht näher bekannten, na ja: Künstleri‘ ist zurzeit im Rheinauenpark zu betrachten:

Liebe Leseri‘, egal ob Sie an das Osterwunder oder den Osterhasen oder was auch immer glauben, ob Sie Eier mögen oder nicht: Ich wünsche Ihnen angenehme Ostertage! Beziehungsweise, da Sie das ja erst heute, am Montag, lesen können, „gehabt zu haben“, wie man (gar nicht) so schön sagt.

Zitate der Woche:

  • „Da habe ich die Klappe mit zwei Fliegen geschlagen.“
  • „Meinst du, ich nicht?“ – „Was soll ich denn bei Merzenich?“ (Manchmal glaube ich, er macht das extra.)

Woche 12: Latein am Ende

Montag: In anderen Unternehmen ist es längst üblich, nun auch bei uns. Heute fand die Abteilungsrunde, auch als „Stand Up Meeting“ bekannt, obwohl alle dabei sitzen, per Zoom mit bewegten Bildern statt. Es ist noch etwas ungewohnt und bedarf großer Beherrschung, währenddessen nicht mehr zu gähnen, in der Nase zu bohren oder sich genüsslich in entlegenen Körperregionen zu kratzen.

Dienstag: Am späteren Nachmittag kam es zu einer Skype-Besprechung (zum Glück ohne bewegte Bilder der Mitwirkenden), bei der fünfzehn Leute durcheinander redeten. Damit nicht genug: Gleichzeitig wurde ich in eine Paralleldiskussion einiger Teilnehmer – Verzeihung: Teilnehmeri‘ – per Chat verwickelt, ich hasse diese Mehrkanalkommunikation. Ignorieren oder aus dem Fenster springen waren wegen Chefteilnahme leider keine Optionen.

„In den meisten Kulturen gilt das plötzliche Springen aus einem Fenster als dezentes Zeichen, dass das Gespräch beendet ist.“ Wertvolle Tipps zur Gesprächsbeendigung hier.

Mittwoch: Nun also doch keine „Ruhetage“ zu Ostern, die für kommende Woche zunächst in Aussicht gestellt waren. Wie schade, über den freien Donnerstag hätte ich mich schon gefreut, gerade auch weil uns der Kalender in diesem Jahr die Feiertage 1. Mai, 3. Oktober, Weihnachten und (2022) Neujahr als zusätzliche arbeitsfreie Tage vorenthält. Auch wenn Zweck und Nutzen fraglich geblieben wären. Aber das gilt ja für Pfingsten und andere kirchliche Feiertage in ähnlicher Weise, da weiß auch kaum noch jemand, was die Christi‘ feiern und warum wir deswegen zu Hause bleiben dürfen.

Ich zähle mich nicht zu den Menschen, die immer und gerne auf die Politik schimpfen, zumal ich diesen Job nicht machen möchte. Und doch – zum ersten Mal, soweit ich mich zurück erinnern kann, habe ich Zweifel, dass die Damen und Herren noch wissen, was sie tun. Andererseits fand ich das deutliche, unverblümte Schuldbekenntnis der Kanzlerin für das Hin und Her bemerkenswert; an Ähnliches kann ich mich auch nicht erinnern.

Donnerstag: Wie jeden Donnerstag ging ich auch heute zu Fuß ins Werk, weil Gehen glücklich macht, ich wiederhole mich da, glaube ich. Auf dem Hinweg am Rhein entlang achtete ich mal wieder auf die zahlreichen Aufkleber an Laternenpfählen, die dort anzubringen manche Leute als richtig und wichtig erachten, auch das ist nichts Neues; neben den üblichen Aufrufen gegen Nazis und für Klimaschutz überwiegend eher rätselhafte Zeichen, Buchstabenkombinationen und Bildchen. Vier Botschaften blieben mir im Gedächtnis kleben, jedenfalls so lange, bis ich sie nach Ankunft im Werk notieren konnte. Die erste: „Ist das System relevant?“ Ein schönes Wortspiel und eine gute Frage, auch wenn im Unklaren bleibt, welches System gemeint ist. Das in Linkenkreisen gerne angeprangerte System an sich (was auch immer das sein soll) erscheint mir stets ein wenig zu pauschal. – Die zweite: „Ignoranz – Arroganz – Mensch“. Nicht verkehrt; Anwesende und Leseri‘ dieses Blog selbstverständlich ausgeschlossen. – Die dritte: „Unterkunft für 9 Personen gesucht.“ Neun Personen. In Bonn. Viel Erfolg. – Und die vierte: „Wer benötigt Nachhilfe in Latein?“ Eine berechtigte Frage in Zeiten, da viele mit ihrem Latein am Ende sind. Dementsprechend waren fast alle Kontaktdatenschnipsel abgerissen, vielleicht von der Politik.

(Man muss geduldig sein.)

Auf dem Rückweg schuf ich die Voraussetzung für die Verwirklichung eines Vorsatzes, den ich mir für dieses Jahr vorgenommen habe, auch wenn ich Vorsätzen für neue Jahre grundsätzlich wenig Bedeutung beimesse: Bevor der Einzelhandel ab kommender Woche womöglich wieder seine Pforten schließen muss, erstand ich neue Laufschuhe. Ab morgen wird dann nach viel zu langer Pause wieder gelaufen. Oder ab übermorgen. Oder … auf jeden Fall bald.

Freitag: Seit 2002 ist die Bundeswehr in Afghanistan, zahlreiche Soldaten wurden seitdem getötet oder körperlich wie seelisch schwer verletzt. Das ist unfassbar sinnlos – eher erlaubt der Papst die kirchliche Segnung homosexueller Satanisten, als dass es dort jemals zu Frieden mit den Taliban kommt, bitte sehen Sie mir meinen diesbezüglichen Pessimismus nach. Das ganze als „Mission“ zu bezeichnen, ist bösartig. Dennoch hat der deutsche Bundestag nun eine weitere Verlängerung des Mandats beschlossen. Es ist nicht damit zu rechnen, dass auch dafür eines Tages jemand um Verzeihung bittet.

Nachdem der Geliebte abends völlig unbegründeten Unmut gegen Anwesende geäußert hatte, bekam er Unterstützung durch Siri, die ungefragt „Das sehe ich auch so“ hinzufügte. Irgendwann fliegt die hier raus, spätestens wenn herauskommt, dass uns Lausch- und Laberdosen wie Siri und Alexa doch permanent abhören. Auch hier ist mit Abbitten von Apple und Amazon eher nicht zu rechnen.

Samstag: Ich gestehe – die neuen Laufschuhe harren noch der Einweihung. Weder gestern (zu lange im Werk) noch heute (Unwohlsein aus hier nicht näher ausgeführten, dem Verfasser gleichwohl bekannten Gründen) lief ich, und morgen wegen Umstellung auf Sommerzeit voraussichtlich auch nicht, ich halte das für einen hinreichenden Grund. Aber ab Montag. Von da an jeden Mon- und Donnerstag, so der Plan. Ich werde berichten.

Der Geliebte war schon heute schlechtlaunig wegen der Stunde, die ihm die Sommerzeit morgen stiehlt. Zur Bekräftigung hat er bereits vormittags die meisten Uhren in der Wohnung umgestellt.

Im Haus gegenüber wird eine Wohnung ausgeräumt, weil der Bewohner, wie wir erfuhren, vor zwei Wochen gestorben ist (wohl nicht an oder mit Corona, was viele in diesen Zeiten sehr interessiert, obwohl es den Tod weder besser noch schlechter macht). Wir waren nicht befreundet, auch bekannt wäre übertrieben; dennoch reichte es oft für einen Gruß, ein Winken, manchmal einen kurzen Schwatz von Balkon zu Balkon. Lieber A, ich erhebe mein Glas auf dich!

Sonntag: In der Sonntagszeitung las ich erstmals das angeblich neue Wort „mütend“, die Vermengung von „müde“ und „wütend“; sicher können Sie sich vorstellen, in welchem Zusammenhang. Es könnte meinen aktiven Wortschatz durchaus bereichern, wobei ich die Variante „wüde“ einen Hauch eleganter fände, aber das ist wohl Geschmacksache. Als mögliche Anwendungsfälle fallen mir spontan ein: Ich bin wüde, immer wieder zu fragen, wann das von der EU in Aussicht gestellte Ende der halbjährlichen Zeitumstellung endlich kommt. Und wenn mir auf dem Gehweg zwei oder mehr Personen begegnen, womöglich mit Papp-Kaffeebecher und/oder displaystarrend, die es auch zum Zeitpunkt unserer Begegnung nicht für nötig halten, kurz zum Zwecke der Abstandswahrung auf das Nebeneinandergehen zu verzichten, dann bin ich todwüde, mich darüber aufzuregen.

Während des – selbstverständlich Abstand wahrenden und Menschen meidenden – Sonntagsspazierganges sah ich Blühendes …

… und Verblühtes:

Außerdem einen Satz mit erheblichem Interpretationsspielraum. Bitte beachten Sie auch die nachträgliche Korrektur.

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche und, wenn wir uns vorher nicht mehr lesen, eierreiche Ostern!

Woche 11: Bitte fühlen Sie sich mitgedacht!

Montag: Also gut. Vielleicht ist das mit dem generischen Maskulinum ja doch gar nicht so völlig in Ordnung. Als Zeichen des guten Willens und der Bereitschaft, mich weiter zu entwickeln habe ich deshalb beschlossen, dieses Blog in gendergerechte Sprache zu überführen, jedenfalls probehalber und bis auf Weiteres, sagen wir, zunächst bis Ende April, dann sehen wir weiter. Nun erwarten Sie bitte kein Binnen-I, -Sternchen, -Unterstrich oder Doppelpunkt, und erst recht kein generisches Femininum; das alles empfinde ich nach wir vor als den Lesefluss hemmend und irritierend. Stattdessen verwende ich das von der Schriftstellerin Gitta Edelmann erdachte Gender-i, und damit es was Eigenes ist, ergänzt um ein »’« am Ende. Das irritiert das Auge beim Lesen nicht allzu sehr, beim Sprechen erfordert es keine Petra-Gerster-Pause, und es umfasst sämtliche Geschlechter. Das sieht dann so aus: das (Sg.) / die (Pl.) Lehreri‘, Kollegi‘, Mitarbeiteri‘, Chefi‘, Stahlträgeri‘, Spaghetti‘. (Finde den Fehler.) – Liebe Leseri‘, bitte fühlen Sie sich umfassend mitgedacht!

Der journalistische Synonymzwang hat eine (mir) neue Blüte hervorgebracht: In der Tageszeitung wird Schweden als „Abba-Nation“ bezeichnet. Zu ihrer Verteidigung sei erwähnt, dass es ein Artikel über den diesjährigen schwedischen ESC-Teilnehmer mit dem etwas seltsamen Namen „Tusse“ war. Oder Teilnehmeri‘? Wer weiß.

Die katholische Kirche hat von höchster Stelle, also natürlich nur im irdischen Sinne, die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare untersagt. Wer etwas anderes erwartet hat, glaubt wohl an Wunder und das Osterhasi‘. Segnete dieselbe Kirche nicht schon Kriegswaffen bis hin zur Atombombe? Um Gotti‘ Willen.

Dienstag: Nicht Gender-Sternchen, sondern „Corona-Schutzmasken mindern je nach Typ in unterschiedlicher Weise die Sprachverständlichkeit. Das hat eine Studie an der Technischen Hochschule Köln ergeben“, steht in der Zeitung. Wer hätte das gedacht.

Eine WhatsApp-Gruppe, der ich angehöre, lädt zu einem Zoom-Umtrunk ein. Da mich solche virtuellen Ersatz-Treffen nach wie vor sehr deprimieren, verzichte ich auf eine Teilnahme.

Mittwoch: Die Impfungen mit AstraZeneca wurden in Deutschland ausgesetzt, nachdem es nach 1,7 Millionen Impfungen zu drei Todesfällen kam, die möglicherweise auf den Impfstoff zurückzuführen sind. Das entspricht knapp 0,0002 Prozent. Zum Vergleich: Von den bislang 2,6 Millionen mutmaßlich ungeimpft Infizierten sind bislang rund 74.000 gestorben, das sind 2,8 Prozent. Warum genau darf das Zeug jetzt nicht gespritzt werden?

Am späteren Abend rief meine Mutter an, um uns zum „kleinen“ Hochzeitstag zu gratulieren, an den wir selbst mal wieder nicht gedacht hatten. (Vor drei Jahren wurde die „Eingetragene Lebenspartnerschaft“ amtlich und ohne große Feier und kirchlichen Segen in eine Ehe umgewandelt.)

„Erst auf Händen getragen, dann auf Kakteen gebettet.“ Der Geliebte hat es nicht leicht.

Apropos Hände: Vor ziemlich genau einem Jahr schüttelte ich zum letzten Mal welche. Man muss in allem auch das Gute sehen.

Donnerstag: Das Datengerät meldete den Geburtstag meines Onkels, der bereits vor ein paar Jahren gestorben ist. Da ich ihn sehr mochte, bringe ich es nicht übers Herz, den Kalendereintrag zu löschen. Das folgende Bild zeigt den Onkel (rechts) und den Neffen in den Siebzigerjahren, dazwischen sein Käfer, auf den er sehr stolz war, wie man vielleicht nicht nur an der farblichen Harmonie zwischen Wagen und T-Shirt erkennen kann.

Heute hatte ich einen sogenannten Inseltag, das heißt einen Urlaubstag zwischendurch ohne besonderes Vorhaben, einfach nur so. Da auch der Liebste nichts Wichtiges zu tun hatte, machten wir eine Ausfahrt in die Eifel mit Blick über den Laacher See.

Gelesen hier:

„Es gab nämlich eine Menge Leichen im Keller und wenn ich die komplett verschwiegen hätte, dann hätte mich das Leichengift noch in den nächsten 10 Jahren einholen können. Deshalb habe ich in der Erklärung alles offengelegt, aber für jede Leiche auch sofort eine gute Erklärung für einen natürlichen Tod mitgeliefert.“

Freitag: AstraZeneca darf nun wieder verabreicht werden. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Attila Hildmann oder das Querspinneri‘ Ihres Vertrauens.

Mitteilung des IT-Bereichs: Wegen Wartungsarbeiten kann es am Sonntagmorgen zwischen 2 und 4 Uhr zu kurzfristigen Ausfällen beim Zugriff auf die Mailpostfächer kommen. Irgendwas ist ja immer.

Samstag: Am frühen Nachmittag war ich kurz in der Stadt. (Ich weiß, von der Formulierung her ist das unsauber – auch jetzt, da ich dieses schreibe, bin ich in der Stadt, da ich dort wohne. Aus alter Gewohnheit, als Bett und Tisch noch in Bielefelder Vororten standen, gehe/fahre ich „in die Stadt“, wenn ich die Fußgängeri’zone meine. So wie der Geliebte „nach Bonn“ fährt, wenn er Bonn-Bad Godesberg in Richtung Bonn-Zentrum verlässt. Wobei das vielleicht noch etwas anderes ist: Die Godesbergeri‘ haben es auch noch zweiundfünfzig Jahren nicht verwunden, zu Bonn zu gehören, wohingegen ich mich in Stieghorst und Quelle [das gibt es wirklich, hat nichts mit Schickedanz zu tun] stets als Bielefelder fühlte.) Leichte Melancholie befiel mich: Trotz recht vieler Menschen auf den Straßen war es doch ganz anders als früher – Masken überall, viele Geschäfte geschlossen, vor anderen lange Schlangen, keine Gastronomie. Ich bin weit davon entfernt, zu fordern, sofort wieder alles zu öffnen, wie manche das für richtig halten, und doch frage ich mich, wie lange das so noch weiter geht. Uns geht es gut, keine Frage, wir leiden keinen Mangel. Manchmal indes, so wie heute, denke ich, so langsam könnte es doch mal gut sein. Aber das wird es noch lange nicht, im Gegenteil, in Kürze wird vermutlich alles wieder geschlossen, weil es nicht anders geht, weil die Zahlen wieder stark steigen. Man muss sich gedulden und das Beste daraus machen, zum Beispiel, aber nicht unbedingt, so:

(Gesehen heute in der Friedrichstraße)

Ob danach wirklich ALLES wieder so sein soll wie vorher, daran habe ich große Zweifel.

Randnotiz:* Während ich dieses notiere, höre ich Musik (unter anderem diese) über meine gute alte Stereoanlage, die schon meine Wohnung in Bielefeld-Quelle beschallte. Die mag ich sehr, weil sie Knöpfe und Regler hat für an/aus, laut/leise und einiges Anderes. Wenn meine Lieben hingegen Musik oder Radio hören wollen, diskutieren sie minutenlang mit einer unsichtbaren, schwerhörigen, begriffsstutzigen Dame namens Siri. Daran will und werde ich mich niemals gewöhnen.

* Fußnote zur Randnotiz: Vielleicht wohnt mir bisweilen eine gewisse Rückwärtsgewandtheit inne, gerade auch gegenüber der digitalen Welt. Dennoch frage ich, mal so unter uns Blogschreiberi‘: Wenn ein Blogbeitrag von mir in einem anderen erwähnt und verlinkt wird, ist es dann nicht das Mindeste, dass ich mich dort per Kommentar kurz dafür bedanke, oder ist das oldschool? Nur ein Gedanke.

Sonntag: Beim Zähneputzen morgens erfuhr ich beiläufig, dass die Sängerin dieses Liedes, das wohl fast jeder kennt, Ce Ce Peniston heißt. Ein kleiner Zotenteufel in mir zwingt mich, das Wort „Peniston“ in zwei Bestandteile zu zerlegen, diese sogleich in neuem Sinnzusammenhang wieder aneinander zu fügen und pubertär zu grinsen, ich kann da wirklich nichts für.

Gelesen:

„… belassen wir es dabei, dass ich mich an keinen Zeitpunkt in meinem Leben erinnern kann, da mir das, was mich umgab, nicht als mindestens seltsam, manchmal bizarr, gar absurd vorkam, auf jeden Fall einer Nachfrage wert.“

Terèzia Mora, Schriftstellerin, in der PSYCHOLOGIE HEUTE