Woche 15: Eine Verantwortungsgemeinschaft hält das aus

Montag: Manche Sätze sind so abgenutzt, man mag sie nicht mehr hören. Ein solcher fiel morgens während der Zahnpflege im Radio, es ging um ein aktuelles Empörungsthema, vermutlich Corona und Schule, so genau höre ich da mittlerweile nicht mehr hin. Der Satz also: „Die Kinder leiden am meisten.“ Wie will denn so eine Radiotante beurteilen, wie sehr ich morgens leide?

Seit gestern eskalieren die Medien darüber, wer Kanzlerkandidat der Union wird, Laschet oder Söder, auch das mag man nicht mehr hören. Mögen CDU/CSU sich bitte bald entscheiden, und gut ist. Es ist doch ohnehin egal, welcher von beiden Ende September nicht zum Bundeskanzler gewählt wird.

Es freut mich sehr, mit Hans-Georg das 100. Folgeri‘ dieses Blogs begrüßen zu dürfen. Bitte haben Sie Verständnis, dass ich den Blumenstrauß aus gegebenen Gründen nur virtuell überreichen kann.

Dienstag: Der Satz des Tages lautete „Je bullshit-in, desto schwieriger wird es“, gehört und notiert in einem Kick-off-meeting.

Seit Tagen, wenn nicht Wochen, wird in Presse, Funk und Fernsehen vor sogenannten Smishing-Nachrichten gewarnt – man bekommt eine Kurznachricht aufs Datengerät mit der Ankündigung, ein Paket sei auf dem Weg, für weitere Informationen öffne man den beigefügten Link. Man fragt sich, welches Trotteli‘ trotz unbekanntem Absender, Schreibfehlern in der Nachricht und Nichterwartung einer Lieferung darauf reinfällt. Seit heute kenne ich einen. Kennen Sie dieses Gefühl, wenn man sich maßlos über die eigene Dusseligkeit ärgert? Es scheint nochmal gut gegangen zu sein. Trotzdem: Trottel!

In der PSYCHOLOGIE HEUTE las ich etwas über Selbstmitgefühl. Auch ein schönes Wort – gleichsam die Doppelhaushälfte, das Ostwestfalen unter den Emotionen.

Mittwoch: In Frankreich soll es laut Zeitungsbericht schon geben, was die FDP nun auch für Deutschland als würdig und recht befindet. Aus ihrem Wahlprogramm:

„Wir Freie Demokraten wollen die Verantwortungsgemeinschaft neben der Ehe gesetzlich verankern. Dabei soll die Ausgestaltung der Rechte und Pflichten innerhalb einer Verantwortungsgemeinschaft stufenweise variiert werden können. Zwei oder mehr volljährige Personen, die sich persönlich nahestehen, aber nicht miteinander verheiratet, verpartnert oder in gerader Linie verwandt sind, sollen eine Verantwortungsgemeinschaft möglichst unbürokratisch gründen können. […] In einer Zeit, in der traditionelle Familienstrukturen gerade im Alter nicht immer tragen, wächst der Bedarf an neuen Formen gegenseitiger Absicherung. Der Grundgedanke einer solchen Verantwortungsgemeinschaft ist größtmögliche Flexibilität bei maximaler Selbstbestimmung.“

Wer hätte gedacht, dass ich mich mal für eine Idee dieser Partei erwärmen kann. Auch wenn der Geliebte abends durch unangemessene Eigenmächtigkeiten die häusliche Stimmung vorübergehend etwas kühlte.

Donnerstag: Kühle auch am Morgen, die den ins Werk Gehenden umspielte. So langsam ist es aber auch mal gut mit kalt.

„Dazu haben Sie bereits gestern insight bekommen“, sagte einer in einer größeren Veranstaltung per Skype. Der Vorteil solcher virtuellen Konferenzen ohne Video ist zugleich ihre Gefahr: Wenn ich nichts vorzutragen habe und mich das aktuelle Thema nur mäßig interessiert, widme ich mich gelegentlich anderen Dingen wie der Bearbeitung von Mails. Während einer solchen Phase erreichte mich die Nachricht eines anderen Teilnehmers, ich wäre nicht stummgeschaltet. Auslöser der Nachricht waren hoffentlich nicht unflätige Selbstgespräche meinerseits, zu denen ich gelegentlich neige, wenn ich mich alleine wähne, die über vierzig Teilnehmeri‘ insight in meine Gedankengänge gewährten.

Freitag: Die Verkehrsminister von Bund und Ländern haben sich endlich auf einen neuen Bußgeldkatalog geeinigt. Das wurde Zeit: Auf der Rückfahrt vom Werk wurde ich Zeuge, wie zwei PS-Äffchen an der Ampel auf der B 9 ein Anfahrt-Rennen veranstalteten. Bei grün rasten sie mit aufbrüllenden Motoren und quietschenden Reifen los und entschwanden in die Ferne, beziehungsweise bis zur nächsten roten Ampel. Weder wurde ich durch sie gefährdet noch behindert, und doch verschaffte es mir wohl größte Genugtuung, könnte ich bewirken oder wenigstens daran mitwirken, dass solchen Leuten dauerhaft die Fahrerlaubnis entzogen wird.

Was dem einen sein Gasfuß, ist dem anderen sein Bestellfinger: Seit heute bereichert eine Spargelplatte unseren Haushalt, die der Geliebte, offenbar einem spontanen Gefallen folgend, beim bekannten Versteigerer erwarb – ein länglicher Teller mit einmodellierten Porzellan-Spargelstangen. Wobei „Platte“ und „Stangen“ übertrieben erscheint: Aufgrund geringer Abmessungen bietet das Plättchen maximal Platz für Spargenspitzen. Daher wird es wohl bald dasselbe Schrankschicksal ereilen wie diverse Bleikristallgefäße, die in jüngerer Zeit der Bote brachte.

Abendgespräch: “Merkt man es eigentlich selbst, wenn man verrückt wird?” – “Nein. Frag S.” Eine Verantwortungsgemeinschaft hält das aus.

Samstag: Man hört und liest häufig über die Notbremse, gar die „Bundesnotbremse“. Vor zwei oder drei Jahren, so genau weiß ich es nicht mehr, die Zeit vergeht ja sehr schnell, da fuhr ein Stadtbahnzug führerlos von Siegburg in Richtung Bonn, weil der Fahrer bewusstlos geworden war. Die Fahrgäste bemerkten es, als der Zug mit hoher Geschwindigkeit mehrere Haltestellen durchfuhr und Bahnübergänge mit offenen Schranken passierte. Daher zogen sie die Notbremse. Wer nun glaubt, diese bringe einen Stadtbahnzug zum unverzüglichen Anhalten, irrt. Stattdessen erhält der Fahrer ein Signal, auf dass er den Zug abbremse. Konnte er wegen Unpässlichkeit aber nicht. Sie dachten, der Zug hält trotzdem bald, weil der Fahrer während der Fahrt in regelmäßigen Intervallen einen Taster betätigen muss, um Wachsein zu bekunden, und tut er das nicht, erfolgt die automatische Bremsung? Dachte ich bis dahin auch, stimmt aber nicht. Das ist nur bei der Eisenbahn so. Bei Stadt- und Straßenbahnen genügt es, den Knopf dauerhaft zu drücken. Auf dem lag dauerhaft der Fahrer. Schließlich gelang es, die Tür zum Fahrerraum zu öffnen und unter telefonischer Anleitung der Leitstelle den Wagen kurz vor Beuel anzuhalten. Seitdem begegne ich der Wirksamkeit von Notbremsen mit gewisser Skepsis.

Gewisse Skepsis hegen auch die „Systemsprenger*innen“, und zwar gegenüber den Segnungen der Agrarchemie:

Wenn schon das Unkraut* nicht wachsen darf, so wenigstens mein Stapel ungelesener Bücher. In diesem Sinne habe ich heute ein wenig eingekauft:

Sonntag: Es gibt diese Theorie, wonach der Flügelschlag eines Schmetterlings am anderen Ende der Welt einen Hurrikan auslösen kann, vermutlich haben Sie schon davon gehört oder gelesen. Ob das so stimmt, vermag ich nicht zu beurteilen, es erscheint mir zumindest nicht sehr wahrscheinlich. Was ich indessen seit gestern Abend weiß: Eine missratene Sauce Béarnaise (berichtigt:) Hollandaise kann einen Mistral verursachen, der bis in den frühen Abend des Folgetages hinein eisig bläst.

Ansonsten kennen Sie vielleicht auch diese Tage, die von einer vagen Ahnung beschattet sind, etwas gerate gerade aus den Fugen. Einen solchen Tag hatte ich heute, daran konnte auch ein außergewöhnlich langer, menschenvermeidender Spaziergang nichts ändern.

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* Ja ich weiß, es gibt kein Unkraut, korrekt heißt es Wildkraut. So wie es keine Unkosten, Unmengen und Unwetter gibt, im Gegensatz zu Unterhosen.

Woche 13: Läuft

Montag: „Gottschalk soll Aufsicht bei Commerzbank führen“, überschreibt die Zeitung einen Artikel. Allerdings nicht der Gottschalk, wie sich beim weiteren Lesen herausstellte. Der hätte ja auch gar keine Zeit, weil er jetzt an Bohlens statt Superstars suchen muss.

Wie vergangene Woche vollmundig angekündigt, war ich am frühen Abend Laufen. Resümee: hormonell anregend, etwas zu warm und viel zu viele Leute am Rhein. Im Übrigen lief es für das erste Mal nach siebzehn Monaten (wie die Recherche ergab, für irgendwas muss dieses Tagebuchschreiben ja gut sein) ganz zufriedenstellend. Bis Donnerstag also. Läuft.

Dienstag: „Bist du ready to talk?“, fragt einer. Ein Satz wie eine Ladung Schnee in den Kragen.

Wenn ich wüsste, dass morgen die Notbremse gezogen wird, so machte ich heute noch einen Friseurtermin, dachte ich am Morgen, und also tat ich am Mittag. Und siehe, mein Bangen wurde bestätigt – ab morgen Friseurbesuche in Bonn nur noch mit negativem Testergebnis.

Im Fernsehen beklagten Mallorca-Urlauber, dass sie nun vor Rückkehr einen negativen Test vorweisen müssen, auf eigene Kosten. Ihr Lieben, wer soll das denn bitteschön sonst bezahlen?

Mittwoch: Erst heute spürte ich einen leichten Muskelkater im Laufwerk, also mit einem Tag Verzögerung. Ist das normal oder liegt das am Alter?

Meine persönliche Antihitparade auf WDR 2 wird weiterhin angeführt von 1) „Jerusaleme“ und 2) „Wellerman“. Perfiderweise spielten sie Nr. 2 heute Morgen, als ich gerade in Schaum und Shampoo unter der Dusche stand und mich nicht wehren konnte. Rufe nach Siri helfen da nicht, da die Dame noch nicht über das Bad-Radio herrscht.

Irgendwann werde ich ohnehin verhungern, erfrieren, den Verstand verlieren oder schlimmeres, weil ich mich beharrlich weigere, Sätze zu sagen, die mit „Hey Siri“ beginnen.

Wie ich beiläufig erfuhr, behandelt man einen Springdaumen mit einer Stoßwellentherapie. Manchmal muss man froh sein, was man alles nicht hat

Abends eine Debatte zwischen meinen Lieben wegen violettem Klopapier, die vor ziemlich genau einem Jahr, da man ungeachtet farblicher Vorlieben alles nahm, was es gab, wohl nicht aufgekommen wäre. Manchmal machen sie es mir wirklich nicht einfach, auf Alkohol zu verzichten.

Donnerstag: Vergangene Nacht träumte ich von sexuellen Avancen mannigfacher Art. Das muss dieser Frühling sein.

Heute ist der 1. April. Die erhoffte Pressekonferenz, in der die Bundeskanzlerin das ganze mit einem erlösenden „April, April“ zu einem Scherz erklärt, auf dass ab morgen wieder alles seinen gewohnten Gang gehe, blieb leider aus.

Deshalb bleibt auch am Rhein weiterhin nur die Hoffnung auf bessere Zeiten, vgl. vergangene Woche:

Passend zum Gründonnerstag bereitete der Liebste abends was mit grünem Spargel. Morgen gibt es dann Kartoffeln. (Bitte verzeihen Sie den Karlauer.)

Unterdessen führte der Geliebte seine ganz persönlichen Passionsspiele auf, das Leiden Christi für den Hausgebrauch; wobei offen blieb, wer am Ende wen ans Kreuz nagelt.

Freitag: Die Christen feiern wieder Karfreitag. Wir erklären uns gerne solidarisch, essen ebenfalls Fisch und verzichten auf Firma, Fete und Frohsinn.

Die häuslichen Passionsspiele wurden nachmittags fortgesetzt. Um mich einer möglichen Kreuzigung zu entziehen, holte ich den für gestern vorgesehenen Lauf nach. Danach waren die meisten Sünden vergeben.

Samstag: In der Inneren Nordstadt zu Bonn beginnen wieder die Zierkirschen zu blühen, was in nichtpandemischen Jahren Tausende von Touristi‘ mit Selfiestangen anzieht. Im vergangenen Jahr wurden die beblühten Straßen deswegen für Besucheri‘ gesperrt; in diesem Jahr will man auf Sperrungen verzichten, weil man auf weniger Leute und deren Vernunft setzt. (Bitte denken Sie sich hier ein hysterisches Auflachen.) Das könnte sich bald als Irrtum erweisen: Bereits jetzt, da nur einzelne Blüten sich zeigen, streifen zahlreiche Menschen mit Kameras durch die Straßen.

„Der Mensch ist wie Was­ser, er sucht sich sei­nen Weg, des­halb muss ich das Was­ser klug lei­ten und nicht ein­fach eine Sper­re auf­stel­len.“

Rostocks Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen im SPIEGEL

Demnächst sieht es dann wieder so aus:

(Archivbild aus dem Vorjahr)

Der bekannte Thriller-Autor Stephen King schrieb bereits vor einundzwanzig Jahren:

„Zu Beginn des 21. Jahrhunderts in Amerika Prosa zu schreiben, ist kein Job für intellektuelle Feiglinge. Es gibt eine Unmenge von Möchtegernzensoren im Land, und wenn sie auch unterschiedliche Motive haben, so ist ihnen doch dasselbe Ziel zu eigen: Alle Menschen sollen die Welt mit ihren Augen sehen … oder wenigstens den Mund halten und verschweigen, was sie anders sehen. Diese Zensoren sind die Bewahrer des Status quo. Nicht unbedingt schlimme Leute, aber gefährlich sind sie schon, wenn man an intellektuelle Freiheit glaubt.“

Aus: „Das Leben und das Schreiben“. Auch wenn man, wie ich, mit Thrillern nicht viel anfangen kann und Bücher von Steven King deswegen bislang mied – dieses Buch sei allen, die sich für das Schreiben interessieren, sehr empfohlen.

Sonntag: Der Sonntagsspaziergang am Rheinufer entlang verlief erfreulich begegnungsarm, offenbar zog es wegen kühler Winde deutlich weniger Menschen aus des Heimes Behaglichkeit als am vergangenen Montag. Gegenüber, vor Beuel, stand einer am Ufer und brüllte die ganze Zeit herum. Da der Rhein nicht gerade schmal ist, muss er ganz ordentlich laut gebrüllt haben, damit er auf hiesiger Seite deutlich wahrnehmbar war. Das heißt, so deutlich auch wieder nicht – der Inhalt seines Anliegens erschloss sich nicht. Nach der frohen Osterbotschaft klang es indes nicht, vielmehr klang eine gewisse Unzufriedenheit, gar Anklage an. Wer wollte es ihm verdenken.

Das fernösterliche Motiv eines nicht näher bekannten, na ja: Künstleri‘ ist zurzeit im Rheinauenpark zu betrachten:

Liebe Leseri‘, egal ob Sie an das Osterwunder oder den Osterhasen oder was auch immer glauben, ob Sie Eier mögen oder nicht: Ich wünsche Ihnen angenehme Ostertage! Beziehungsweise, da Sie das ja erst heute, am Montag, lesen können, „gehabt zu haben“, wie man (gar nicht) so schön sagt.

Zitate der Woche:

  • „Da habe ich die Klappe mit zwei Fliegen geschlagen.“
  • „Meinst du, ich nicht?“ – „Was soll ich denn bei Merzenich?“ (Manchmal glaube ich, er macht das extra.)