Es sind bekanntlich die kleinen Freuden des Alltags, die das Leben angenehm machen. Hier eine weder objektive noch vollständige Liste der Dinge, die für
m i c h das Salz in der Suppe, oder eher, der Zucker im Kaffee sind. Andere mag es dabei grausen, vielleicht allein schon bei dem Gedanken an gesüßten Kaffee, aber darauf kann ich leider keine Rücksicht nehmen, schließlich ist das hier
m e i n Blog, gell.
Also: die kleinen Momente des Glücks sind es, wenn…
auf der Party plötzlich True Faith oder Dont Look Back In Anger gespielt wird
eine mehrstündige Besprechung abgesagt wird
er beim Einschlafen seinen Arm um mich legt
ich nach Jahren einen alten Freund wieder treffe und es so ist, als hätten wir uns letzte Woche zuletzt gesehen
der erste Schmetterling des Jahres vor mir her flattert
die erste kurze Hose des Jahres den Weg kreuzt
mal wieder ein fremder Schw… ach lassen wir das
die Wirkung des Poppers einsetzt
die Wirkung des Alkohols nachlässt und abends schon wieder das erste Glas Wein schmeckt
er für uns gekocht hat
er eine gute Flasche Wein aus dem Keller holt
freitags der Rechner im Büro herunter fährt
der Montag doch nicht so montäglich war
sich beim Laufen das Gefühl einstellt, noch stundenlang weiterlaufen zu können
ich beim Laufen im Sommer von einem heftigen Regenschauer überrascht werde
wir als Chor auf der Bühne stehen und für einen Abend oder nur einige Minuten in der Harmonie aufgehen
alles nur ein böser Traum war
nachts der Regen gegen das Fenster schlägt
ich aufwache und feststelle, dass ich noch lange nicht aufstehen muss
mich morgens um sieben die Erkenntnis, dass Samstag ist, lächelnd wieder einschlafen lässt
ich dann trotzdem aufstehe, pinkeln gehe und mich anschließend die Bettwärme wieder umspielt
nach Feierabend die Zigarette richtig schmeckt
im Winter das Holz im Ofen brennt
im Frühling plötzlich der Flieder, die Kastanien und Rapsfelder blühen
wir im Sommer bis spät in die Nacht mit einer Flasche Wein auf dem Balkon sitzen
im Herbst die Sonne die roten Weinblätter an der Wand im Hinterhof aufleuchten lässt
eine Diesellok der Baureihe 218 mit dröhnendem Motor am Nachbargleis abfährt
eine Dampflok beliebiger Baureihe mit donnernden Auspuffschlägen wo auch immer abfährt
das Buch morgens in der Bahn kurz den bevorstehenden Arbeitstag vergessen lässt
der Zug mit mir durch das Rheintal fährt
ein Sommertag am Rheinufer vor Bonn-Oberkassel die Zeit vergessen lässt
mich beim Schreiben eines Textes der Schreibfluss erfasst hat
mich beim Lesen eines Buches die Geschichte fesselt
er mit mir auf ein Paar Weißwürste und bayrisches Bier in den Lieblingsbiergarten geht
Karneval überstanden ist
morgens keine böse Mail des Chefs im Eingang ist
der Duft frisch gemähten Grases kurz die Nase streift
und schließlich: irgendeiner das hier mal liest und einen netten Kommentar hinterlässt!
The day after – Der Tag im Arsch
Wenn, so wie gestern, die Party gut war und das Bier reichlich floss, wenn dann am nächsten Tag, also heute, der Kater erbarmungslos seinen Krallen ausfährt und sie mir brutal ins Hirn rammt, dann kenne ich keinen Text, der dieses Gefühl besser auszudrücken vermag als der nachfolgende. Es ist die erste Strophe des Liedes „Morgen…“ der österreichischen Band „Erste Allgemeine Verunsicherung“ von der LP „Geld oder Leben“, erschienen 1985.
Lesen Sie selbst und leiden sie mit.
Morgen
Ich wach auf am Nachmittag, der Sodbrand ist enorm,
ja, gestern war ich wieder gut in Form!
Im Gaumen sitzt der „Pelze“-Bub, das Auge dunkelrot,
Die Hypophyse spielt das Lied vom Tod!
Während ich mich übergeb‘, schwör ich mir ferngesteuert:
sofern den Tag ich überleb, es wird nie mehr gefeiert.
Weil morgen, ja morgen,
fang i a neues Leben an,
und wenn net morgen,
dann übermorgen,
oder zumindest irgendwann
fang i wieder a neues Leben an!
Neulich im Darkroom
Angesichts eines neulich unfreiwillig mitgehörten Gespräches stellt sich zunehmend die Frage, ob der Aufenthalt in derartigen Begegnungsstätten überhaupt noch zeitgemäß ist.
A – Verzeihung, Sie stehen auf meinem Fuß.
B – Ich weiß.
A – Wie bitte…?
B – Es ist recht dunkel hier, da sieht man nicht so genau, wo man hintritt.
A – Natürlich nicht – Sie befinden sich in einem Darkroom, da muss es dunkel sein, sonst wäre es ja kein Darkroom, sondern ein… ein…
B – Lightroom…
A – Das gibt es überhaupt nicht.
B – Ach nein? Woher wollen Sie das denn wissen?
A – Ich weiß es eben. Außerdem, wozu soll denn das gut sein? Ich meine, dann könnte man ja auch direkt im Schankraum, vor der Theke, also Sie wissen schon…
B – W a s könnte man?
A – Was auch immer, ist nicht so wichtig. Würden Sie nun bitte von meinem Fuß runter gehen?
B – Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich gerne noch ein wenig darauf stehen bleiben.
A – Es m a c h t mir aber was aus.
B – Trotzdem – wissen Sie, ich stehe nämlich total auf Füße.
A – Auf Füßen, es heißt auf Füßen.
B – Wie bitte?
A – Man steht auf Füßen im Dativ Plural, nicht im Akkusativ. Im übrigen können Sie meinetwegen stehen auf was Sie wollen, aber bitte nicht auf meinem Fuß.
B – Aber ich stehe total auf Füße…
A – Das sagten Sie bereits.
B – … am liebsten Schweißfüße in fünf Tage nicht gewechselten Stinkesocken, oaaaahhh…
A – Bitte unterlassen Sie solche Anzüglichkeiten, ich wünsche das nicht.
B – Können Sie eigentlich auch was anderes als andauernd herumzumeckern? Sie stehen auf meinem Fuß…, ich wünsche das nicht…, Akkusativ – Warum sind Sie überhaupt hier, nur um rumzumeckern? Dies ist ein Darkroom, da darf man auf Stinkefüße stehen, jaha, da darf man noch ganz andere Sachen!
A – Ach ja? Was denn zum Beispiel?
B – Naja, ich könnte Ihnen Ihren…
A – Unterstehen Sie sich!
C – Könnt ihr beiden endlich mal die Schnauze halten? Dies ist ein Darkroom, da redet man nicht! Unglaublich, wie soll man sich denn da konzentrieren?
B – (leise zu A) sehen Sie, anderen geht Ihre andauernde Moserei auch schon auf die Nerven!
A – (ebenfalls flüsternd) Nein, ich sehe nicht, ich kann überhaupt nichts sehen, wir sind ja in einem… ähm, was machen Sie da?
B – Ich versuche, Ihre Hose zu öffnen.
A – Warum d a s denn?
B – (deutlich lauter) Meine Güte, weil das in einem Darkroom üblich ist… sagen Sie, sind Sie zum ersten Mal in einem?
A – Um ehrlich zu sein – ja. – Warum, bitte schön, möchten Sie meine Hose öffnen? Ich meine, ich bin durchaus in der Lage, das selbst zu tun, so weit erforderlich. Außerdem – ich dachte Sie stehen auf stinkende Füße.
B – Ach, auf einmal doch im Akkusativ?
A – Möglicherweise auch im Dativ, ich weiß ja nicht, ob Ihre Füße stinken…
B – Und w i e, möchten Sie mal riechen? Augenblick, ich ziehe eben den Schuh aus, dann können Sie was erleben, so was haben Sie noch nie…
A – Hören Sie auf, ich will das nicht riechen. Ist ja ekelhaft… Was machen Sie denn jetzt??
B – Ich versuche, Ihren Schuh auszuziehen, wenn Sie vielleicht so freundlich wären, den Fuß kurz ein wenig anzuheben…
A – Und wozu wollen Sie mir den Schuh ausziehen?
B – Na wozu wohl – ich möchte Ihre Füße riechen, was denn sonst? Sie können aber auch wirklich blöd fragen, hat Ihnen das schon mal jemand gesagt?
A – Nein. Außerdem können Sie sich die Mühe sparen, meine Füße riechen nicht, ich habe geduscht, bevor ich her kam; Sie werden es kaum glauben, aber es gibt Menschen, die im Rahmen körperlich-intimer Annäherungen eine gewisse Reinlichkeit durchaus zu schätzen wissen.
B – Sie sind wirklich ausgesprochen spaßbefreit, gönnen Ihren Mitmenschen nicht die kleinste Freude. Waren Sie schon immer so?
A – Mag sein. Ich hatte eine schwere Kindheit, mein Urgroßvater starb sehr früh…
B – Oh, das tut mir sehr leid, das konnte ich ja nicht ahnen… Also würden Sie nun bitte Ihre Hose selbst öffnen?
A – Na gut, aber nur, wenn Sie dafür endlich von meinem Fuß runter gehen.
B – Also gut, wenn Sie unbedingt wollen… aber dafür darf ich Ihnen gleich Ihren…
C – Wenn ihr nicht endlich die Fresse haltet, setzt es was!
A+B – Jaaaaaahhhh!
(Hinweis: Eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder tatsächlich stattgefunden habenden Gesprächen wären rein zufällig, der Rest ist frei erfunden.)
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Und hier das ganze noch mal zum Hören und Sehen, aufgenommen beim Jour Fitz am 5. April 2011 im 4010 in Köln:
Knopfaugen
Montag. Ein Montag, wie er montäglicher kaum sein kann: unendlich müde, die Nachwirkungen des Wochenendes stecken noch in den Knochen und, schlimmer, in allen Hirnwindungen; der Stachel meiner schmählichen Niederlage beim gestrigen Rosenkrieg piekst noch etwas, wenngleich er die Erkenntnis bringt, dass ich dieses Kapitel besser in die Kategorie „Dinge, die ich auch schon mal gemacht habe“ einordnen sollte.
Unendliches Vermissen, ich vermisse ihn, der im schönen Südfrankreich weilt, nur für eine Woche, während ich im Büro an meinem Schreibtisch sitze, unkonzentriert versuche, ein extrem langweiliges Dokument zu lesen ohne jede Chance, mich darauf konzentrieren zu können, immer wieder unterbrochen vom ständigen Quengeln meiner inneren Stimme, die da ruft „ich will das nicht lesen, nicht jetzt, nicht heute, ich will nach Hause, aufs Sofa, ins Bett“; dann auch noch eine Besprechung von halb eins bis fünf, immerhin recht interessant; Montag.
Und doch: alles ist gut. Endlich zu Hause. Mit ihm telefoniert. Die Zeitung gelesen, was gegessen, ein Glas Wein, noch eins, langsam lässt der Montag nach.
Die heilende Kraft der Musik wirkt erstaunlicher Weise immer wieder: Different Gear, Still Speeding, das Album von Beady Eye, der Nachfolgeband von Oasis, wenn man so will, der für mich immer noch besten Band aller Zeiten, keine Diskussionen darüber bitte. Eine wahre Hörenswürdigkeit, spontanes Lieblingslied: The Beat Goes On. Und der verbliebene Gallagher ist eine geile Sau, irgendwie.
Alles halb so schlimm, so ein Montag. Und am Samstag ist er ja wieder da.
Schmerzwach: Kitchen Stories VI
Es ist schon eine Weile her, dass ich meine saumäßige Schreibdisziplin beklagte, die mich beharrlich hindert, endlich meinen Bestseller zu schreiben, damit ich mein schnödes Tagwerk (vulgo: Arbeit) hinter mir lassen und morgens länger schlafen kann. Zwar hat sich daran seitdem nicht viel geändert, aber wenigstens weiß ich nun, dass ich damit nicht alleine bin. Auch mein Blogfreund Jannis äußerte sich kürzlich in seinem Blog zu dieser an sich unerfreulichen Problematik, lesen Sie selbst:
Kitchen Stories SIX
Menschen, die schreiben, sagen oft: Wenn ich doch nur die Möglichkeit hätte, mehr Zeit für das Schreiben zu investieren, dann… ja dann wäre mein Leben sehr viel lebenswerter, glücklicher. Nicht schuften müssen, um Geld zu verdienen und zu überleben, sondern einfach Zeit zur freien Verfügung – und schreiben, schreiben, schreiben…
So einfach ist das natürlich nicht. Wer kennt nicht diese Situation: Du musst eine Haus-/ Magister-/ Diplomarbeit schreiben… und dir fallen plötzlich so viele Dinge ein, die dich am Schreiben hindern, was du alles unbedingt machen musst, putzen zum Beispiel, einkaufen gehen, schließlich hast du nichts da, und was ist, wenn du während des Arbeitens plötzlich Hunger bekommst oder Durst, nein, dann geht es nicht weiter, und schließlich musst du das jetzt noch schnell machen, bevor du nachher in einen Schreibfluss kommst; und dann ruft dich nach dem Putzen/ Einkaufen auch noch der beste Freund an, der Liebeskummer hat – natürlich musst du dich mit ihm treffen, dich um ihn kümmern… Und so geht es auch mir: den Freitag halte ich mir in der Regel frei, um zu schreiben. Diesen Freitag stand ich also früh auf, und dann fielen mir eine Million Dinge ein, die ich ja noch unbedingt machen muss… Aber es geht noch weiter. Man sucht ja eine Ausflucht, man hat Angst sich hinzusetzen, Angst zu schreiben, Angst vor der Angst – nämlich, dass das alles anstrengend ist, dass man blockiert ist, und so blockiert man sich tatsächlich. Schlechte Laune kommt hoch, man gerät in so eine Panik-Situation. Dann hilft so gar nichts mehr. Plötzlich ist man ganz schön gereizt, die Zeit rennt einem davon und bald denkt man: Heute klappt dass eh nicht mehr, ist ja schon Abend, dann gehe ich doch lieber raus. Aber dann wird einem bewusst: Scheiße, diesen Freitag hatte ich mir doch extra zum Schreiben freigehalten, der Samstag ist verplant und Sonntag, wer weiß, was Sonntag wieder ist, mit den Sonntagabend-Gefühlen. Und dann ist auch schon wieder dieser Manic Monday!…
Quelle: http://schmerzwach.blogspot.com/2011/02/kitchen-stories-six.html
