Ignoriert

„Herr Doktor, keiner beachtet mich.“ – „Der nächste bitte!“ – sicher haben auch Sie gelacht über dieses Kleinod menschlicher Lachfaltenkultur, oder? – Ich nicht. Dabei bin ich nicht von Natur aus humorlos, nur ist dieser Witz kein solcher für mich, sondern bitterer Ernst: Ich werde ignoriert, immer schon, von frühester Kindheit an, von allen; selbst meine Eltern sprachen mich früher mit dem Namen des Wellensittichs an, weil sie sich meinen eigenen offenbar nicht merken konnten oder wollten, gut, das war immer noch besser, als wenn sie „he du da“ oder einfach „Dings“ zu mir gesagt hätten, und mit der Zeit gewöhnte ich mich daran, auf Hansi zu reagieren.

Im Supermarkt an der Wursttheke: Während Mutti gekochten Schinken, Kalbsleberwurst und Thüringer Mett kauft, angelt die rosige Fleischereifachverkäuferin zwischen Abwiegen und „sonst noch etwas“ eine Mortadellascheibe mit Kichergesicht-Intarsie aus der Auslage und reicht sie mit langer Gabel dem strahlenden Kind hin, das in der Kinderablage des Einkaufswagens sitzt; es stopft sie genüsslich in sein drolliges Kindermündchen und bedankt sich brav, kauend, nachdem Mutti „was sagt man?“ gemahnt hat. – Ich habe mich nie bei der Wurstwiegerin bedankt, was nicht etwa Folge einer anerzogenen Unhöflichkeit war, nein, es gab einfach keinen Anlass. Statt mich, wie alle anderen Kundenkinder, mit grinsenden Mortadellascheiben zu versorgen, blickte sie durch mich hindurch, als ob statt meiner Muttis Einkaufstasche auf dem ausklappbaren Kindersitz gethront hätte; mein Blick, der jeden bettelnden Labrador farblos erscheinen ließ, prallte an ihrem undurchdringlichen Schutzschild ab.

Supermärkte blieben eine Problemzone, bis heute, da ich selbst und ohne Muttis Beistand einkaufe. „Möchten Sie mal den französischen Côte du Rhone probieren?“, fragt der junge Mann hinter seinem Probierstand in der Weinabteilung mit einnehmenden Lächeln. Gerne würde ich, nur galt die Frage nicht mir, sondern einem gehetzt blickenden Anzugträger, der sie überhört hat und mit Blick auf seine Datenpistole (vulgo: Blackberry) in die Tiefkühlabteilung eilt. Ich verlangsame meinen Schritt, als ich mich dem Probierstand nähere, blicke den jungen Mann fest an. Der widmet sich ganz seinen Probiergläsern, wienert an ihnen herum, hält sie prüfend gegen das Licht, und öffnet eine neue Flasche. Ich bleibe direkt vor dem Stand stehen, starre abwechselnd ihn und die Weinflaschen an. Er wienert weiter.

Ich räuspere mich laut vernehmlich, er putzt seine Theke. „Verzeihung“, setze ich an, „darf ich vielleicht mal von dem…“ Er holt sein Telefon aus der Tasche und ruft jemanden an, vielleicht seine Freundin, „…ganz schön viel los heute, aber im Moment ist etwas Luft“, höre ich ihn säuseln. Ich gebe auf. Kaum habe ich den Probierstand verlassen, höre ich ihn wieder fragen: „Möchten Sie mal…“

Ein echtes Kindheitstrauma war das Mannschaften wählen im Sportunterricht: Zwei Schüler durften abwechselnd die Spieler ihrer Basketballmannschaft wählen; am Ende blieben immer der dicke Klaus P. und ich übrig. Noch heute empfinde ich eine tiefe Abscheu gegenüber allen Sportarten, bei denen ein Ball in, durch oder über ein Netz zu bringen ist.

Es ist erwiesen: Essen in einem guten Restaurant setzt Glückshormone frei, erst recht in geselliger Runde mit Freunden – nur nicht bei mir. Während sich alle anderen den kulinarischen Genüssen hingeben, den Teller fast schon leer gegessen haben, sitze ich vor einer freien Fläche und warte. „Vorzüglich, möchtest du mal probieren?“ werde ich von links gefragt. „Nein danke, ich bekomme ja gleich“, antworte ich leicht gereizt. Gleich – erst die Nachfrage beim Kellner offenbart, man hat mich vergessen. Mit halbstündiger Verspätung verzehre ich schließlich missmutig meine Schweinemedaillons mit Rotweinsoße, alle anderen sind schon bei Dessert und Kaffee angelangt.

Ich werde ignoriert – die Liste der Beispiele ließe sich nahezu endlos fortsetzen: Am Bierstand auf dem Stadtfest darbe ich stundenlang durstig, während die Menschen links und rechts neben mir zügig bedient werden; in der Dankesrede des Chefs nach erfolgreichem Abschluss des Projekts kommt mein Name nicht vor, und bei Facebook habe ich keine Freunde. Gut, sonst auch nicht. Wäre ich Filmschauspieler geworden, würde im Abspann immer genau ein Name fehlen, während die Namen sämtlicher Statisten und derer, die nach den Dreharbeiten die Klos geputzt haben, akribisch aufgelistet sind.

Aber es hat auch Vorteile: Mit unangenehmen Sonderaufträgen beauftragt mein Chef stets nur meine Kollegen; ich kann ungehemmt mit sechzig durch die Tempo-Dreißig-Zone fahren, die Blitzanlage erwischt immer nur den Wagen hinter mir; Hunde betteln nur am Nachbartisch; niemand fragt mich, ob ich eine Obdachlosenzeitung kaufen möchte, und die Jungs auf dem Bahnsteig, denen noch zwei Euro für ihre Fahrkarte nach Leverkusen-Mitte fehlen, behelligen mich nicht. Selbst Grippeviren meiden mich: Während die halbe Abteilung schnieft oder krank im Bett liegt, sitze ich bester Gesundheit im Büro und rette die Welt.

Vermutlich wird eines hoffentlich fernen Tages der Sensenmann alles um mich herum niedergemäht haben, während ich, im Alter von Johannes Heesters‘ Vater und zahnlos, auf meiner Mortadellascheibe herum lutsche. Und sollte er mich doch versehentlich erwischen, so wird auf meinem Grabstein folgende Inschrift eingemeißelt sein: „Grabstelle frei, Informationen bei der Friedhofsverwaltung unter Telefon…“

(Überarbeitet 2.4.2012)

Abgeschrieben: Das Mädchen mit den 3 Chromosomen

Am 5. April lud der @vergraemer zum Jour Fitz nach Köln ein und nach Zahlung eines geradezu lächerlichen Bestechungsgeldes war es mir vergönnt, daran teilzunehmen, aktiv und passiv, wenn man so will. Zu den besonderen Vergnügen meiner passiven Teilnahme zähle ich es, Anja Gottschling, in gewissen Kreisen besser bekannt als @3x3ist6, zuzuhören, die ihren Text „Das Mädchen mit den 3 Chromosomen“ las.

Nun ist dieser Text viel zu schön, um nach einmaligem Vortrag womöglich für alle Zeiten in der Versenkung zu verschwinden, deswegen bin ich sehr froh, ihn hier mit Anjas Erlaubnis wiedergeben zu dürfen. Also, ich wünsche viel Vergnügen!

Stancerblog proudly presents:

Das Mädchen mit den 3 Chromosomen.

von Anja Gottschling

Ich wurde als Mädchen mit 3 Chromosomen geboren. Zwei X und einem Y Chromosom. Äußerlich macht es sich nicht bemerkbar, außer vielleicht dem Bedürfnis, sich vorm Fernseher am Sack zu kratzen, nach Genuss eines Bieres mit Herzenslust aufzustoßen oder jeden morgen gähnend vor der Toilette zu stehen um enttäuscht festzustellen, dass einem die Optionen fehlen und man sich definitiv setzen MUSS.

Ansonsten bin ich ganz normal. Normal für ein Mädchen mit 3 Chromosomen.

Das ich 3 Chromosomen habe liegt daran, dass meine Eltern bei der Bestellung des ersten Kindes lediglich ‚Hauptsache gesund‘ ankreuzten. Das ist so, als würde man bei einer Pizza ‚Hauptsache Teig‘ ankreuzen. Teig ist wichtig, aber ob die Zutaten geschmacklich harmonieren liegt dann am Lieferdienst.

Mein Lieferdienst war ein Storch.

Storch, das ist heute ein sehr veraltetes Verfahren, haben wir doch DPD, UPS oder Hermes den Götterboten, aber damals war es so üblich. Als der Storch mich zu meinen Eltern brachte, hielt sich die Freude erstmal in Grenzen. Ich war recht proper und der Storch etwas schwach. Er konnte nicht mehr so hoch fliegen wie er wollte und so nahmen wir jedes Hindernis mit, das höher als 5m war.

Türme, Brücken, Bonsais… So wurde ich mit einem etwas deformierten Hinterkopf ausgeliefert, was meinen Vater überlegen lies, die Bestellung zu stornieren. Mama freute sich doch so sehr auf ein süßes Baby.

Nun hatte man aber schon so lange gewartet, Kilo, ach was, zentnerweise Eis in sich hinein geschaufelt, das Kinderzimmer fertig eingerichtet und der Retourenschein schien mit der unverständlichen Bauanleitung der IKEA-Wickelkommode im Müll gelandet zu sein.

Ich durfte also bleiben.

Meine Eltern wollten mich jedoch erstmal nicht den Nachbarn präsentieren und holten sich ärztlichen Rat, wie man denn aus so einem Eierkopf-baby etwas vorzeigbares hinbekommen würde. Sein Tipp war rundstreicheln. Jeden Tag zu den Mahlzeiten bekam ich also extra energische Streicheleinheiten.

Täglich wurden die Fortschritte gemessen, ob Conehead bald ein normales Leben führen und den Nachbarn vorgestellt werden könnte.

Als der Kopf auf der Birnenskala nur noch eine 2 von ursprünglich 10 brachte, war es soweit. Alle waren ganz entzückt, weil es ein Mädchen geworden ist und Mädchen rosa Kleidchen tragen, immer lieb sind, gerade am Tisch sitzen und mit Barbies spielen. Normale Mädchen.

Ich saß also in meinem Körbchen, wurde gefüttert, ließ mich von den Nachbarn verhätscheln und wartete darauf, dass endlich mein Bruder zur Welt kam, weil es mit den Alten etwas öde war.

Puh, das waren die längsten 22Monate meines Lebens.

Doch dann war er endlich da. Jung, schön, perfekter Hinterkopf und alle liebten ihn. Er war Mein! Ich ließ ihn nicht mehr aus den Augen, er war so schön, so klein, so blöd, so neu auf der Welt und er roch so gut.

ER WAR MIR – wie der Rheinländer grammatikalisch korrekt zu sagen pflegt.

Irgendwann, als meine Eltern ihn frei ließen, wohnten wir in einem Zimmer und hatten ein Doppelstockbettiges Boot. Es war herrlich, schließlich musste er als Jüngster im unteren Abteil schlafen und ich war der Kapitän! Aber mit meinem zusätzlichen Y-Chromosom war ich ja schließlich auch mehr als qualifiziert.

Wir durchsegelten die Weltmeere, überfielen Piraten, strandeten auf einsamen Inseln und erlebten Abenteuerliches. Ich glaube sowohl LOST als auch „Fluch der Karibik“ wurden nach unserem Vorbild gedreht.

Wir hatten aber auch Freunde. Alles Jungs. Das war etwas ärgerlich, da ich durch meinen erhöhten X-Chromosom-anteil und diesen auffallend mädchenhaften rosa Kleidchen, in die mich meine Eltern stopften, immer die Mutter beim Vater-Mutter-Kind Spiel sein musste.

Im Nachhinein finde ich es allerdings nicht mehr so schlimm, denn immerhin war ich so nicht das Kind!  Das 7jährige Kind eines 5-jährigen zu sein ist bestimmt kein Spaß. Ich war also die Mutter… Mutter und Bestimmerin.

Bestimmerin zu sein liegt nicht so sehr in meinem Naturell, aber ich musste. Es war ja für die Familie. Wir, Vater 8, Mutter 7 und die Kinder 5 und 5, nicht verzwillingt oder sonstwie verwandt, brauchten ja jemanden, der aus Kompost und den wunderschönen Zierpflanzen, dem ganzen Stolz unserer Eltern, essen kocht.

Ich bestimmte also, dass es Spaghetti Bolognese gab. Spaghetti Bolognese aus Gras und den wunderschönen roten Rosen. Wir aßen aus fiktiven Tellern mit fiktiven Gabeln, hatten fiktive Gläschen aus denen wir, die Eltern, fiktives Bier tranken und die Kleinen eine Vanillemilch. Es war köstlich!

So Familienlebten wir täglich fröhlich vor uns hin, bis etwas total unsinniges im Fernsehen kam und der Vater und ich uns scheiden lassen mussten. Sohn 2 nahm er mit.

Am nächsten Tag waren wir dann wieder verheiratet. Wir sahen das nicht so eng, brauchten weder Pfarrer noch Scheidungsanwälte, ein einfaches „spielen wir VaterMutterKind?“ genügte um wieder eine glückliche Ehe zu führen.

Eines Tages ereignete es sich, dass ich meinem Mann das Bestimmer-Zepter übergab, um einen Familienausflug zu planen. Wir wanderten fröhlich 250m in die weite Welt hinaus um Kastanien zu sammeln.

Als alle Kastanien vom Boden gesammelt waren und wir uns nach ganz unfiktiver Verköstigung ausgewundert hatten, warum denn Rehe so etwas ekliges wie Kastanien überhaupt essen, stieg mein ‚Mann‘ in den Baum um weitere Kastanien aus den Ästen zu schütteln. Er rüttelte und schüttelte was das Zeug hielt und die Mannes-Kraft eines 8-jährigen so zuließ.

Nach all der Anstrengung musste er pullern.

Die Kastanie war dicht beblättert, so vernahmen wir zuerst nur das Geräusch und ein leises Kichern. Alle waren hellauf begeistert, auf was für tolle Ideen der Vater so kam und da Eltern Vorbild sind, stiegen unsere 5-jährigen Nichtzwillinge ebenfalls hinauf um von hoch oben die Wiese zu wässern.

Nun war Mutter dran, deren zusätzliches Y-Chromosom sie daran hinderte an Etikette in rosa Kleidchen zu denken und die ihren Männern in nichts nachstehen wollte.

Es wäre auch alles gut gegangen, denn der Winkel um an den Rüschen-söckchen vorbei zu zielen war exakt berechnet, kämen nicht genau in diesem Moment Nachbarn vorbei.

„Wie liebenswert diese kleinen Lausbuben, sie pinkeln von der Kastanie!“

„Wie furchtbar, wie unerzogen, das Mädchen pinkelt von der Kastanie!!!“

Wochen lang mussten sich meine Eltern nun anhören, wie misraten ich sei und zustimmend nicken, während sie sich beim Umdrehen schon wieder fröhliche Blicke zuwarfen und stolz darauf waren, dass ihr Mädchen die anatomische Benachteiligung beim ‚imStehenpinkeln‘ durch mathematisches Geschick ausglich und dank exakter Winkelberechnung weder Rüschensöckchen noch Schühchen traf.

So lebten wir vor uns hin. Meine Eltern wahrten ihr Gesicht indem sie Bestürzung vorgaben, wenn sie jemand auf ihr ungezogenes Gör ansprach und ich konnte dennoch die Bedürfnisse, die mein Y-Chromosom vorgab, stillen.

Bis zum Frühjahr 1993… da brauchte ich göttliche Hilfe.

Jeden Abend lag ich im Bett und betete. „Lieber Gott, bitte schenk mir noch keine Brüste. Es wird bald Sommer und ich kann dann nicht oben ohne rumlaufen!“ Gott erhörte mich, ich war den Sommer über flach wie ein Brett.

Gott erhörte mich etwas zu lange.

Auch ein Jahr später war da… nix. Langsam machte sich eine leichte Panik breit.

Ich rutschte auf Knien, revidierte was ich im Sommer zuvor in die Luft sprach und flehte ihn an.

Gott hatte ein Einsehen. 3-Chromosomen-Girl bekam Brüste!

Ich ließ mir die Haare wachsen und kaschierte die genetische Anomalie gekonnt. Anfänglich zwar noch mit einem Wattezusatz im BH, aber es wirkte täuschend echt, wie mein Y-Chromosom mir bestätigte. Meine Mutter ließ sich zwar nicht so täuschen, aber das war uns egal.

Ich lernte damit umzugehen, weniger die Nachbarn zu verschrecken und öfter das rosa-Kleidchen-Mädchen zu geben, auch wenn dieses Verhalten eher in Docs und Army-Jacke stattfand.

Ich begann mich für Jungs zu interessieren und wenn mich einer nicht wollte, dann schlug ich eben direkt zu, statt später bei Herzschmerzsongs zu heulen.

Ich fand Freundinnen, mit denen ich mich beim gegenseitigen Fingernägel lackieren langweilen konnte und reihte mich brav mit ihnen in die Warteschlange vorm Frauenklo ein, auch wenn ich eigentlich ein Recht auf den schnellen Weg übers Männerklo hatte.

Mit 3 Chromosomen zu leben bedeutet manchmal Verzicht, aber wenn man damit umzugehen lernt, lebt es sich wirklich hervorragend. Das möchte ich auch irgendwann einmal weitergeben, denn ich bin mir sicher, ich werde mal ein guter Vater.

***

Und hier das ganze nochmals zum nachhören und -sehen:
http://www.youtube.com/watch?v=dPWikONErBo&feature=related

(Ich selbst langweilte das Publikum an diesem Abend übrigens mit zwei zweifelhaften Geschichten aus dem Darkroom und aus der Bahnhofshalle.)

 

 

Abgeschrieben: Ueber 7 Meere musst du gehn.

In dem sehr lesenswerten Blog von areus ist ein wunderbarer Text über das Erinnern zu finden. Und er hat mir erlaubt, diesen Text auch meiner mehr oder weniger geneigten Leserschaft nahe zu bringen, wofür ich ihm sehr danke! – Lesen Sie selbst:

Weißt du noch wie’s früher war?
Ich erinnere mich an früher, damals, als Steppke, wie ich aufm Dorf aufgewachsen bin. Da konnte das Älter werden gar nicht schnell genug gehen. Die Freiheit, in Form von Führerschein und Auto, war lang ersehnt. War man doch an die Bescheidenheit eines 2000 Seelen Ost-Dorfes gebunden. Im Nachhinein eine unvorstellbare Qual, kennt man erst die Möglichkeiten, die Großstädte bieten. Was wussten wir denn schon von Lifestyle, Partys und Kultur?
Unser Nachtleben bestand einzig und allein darin, dem Nachbarhund beim Kläffen zu zuhören. Dieser Töle und den Besoffenen, die gelegentlich torkelnd über das unebene Kopfsteinpflaster liefen, auf dem Heimweg von der Kneipe, ihre Parolen los ließen.
Aber! schlimm fand ich es damals nicht. Man wollte unabhängig sein, aber vermisst hat man nichts so richtig. Was sollte man denn vermissen? Etwas, das man nicht kennt?

Und so verging Jahr um Jahr, die Freiheit wurde zur Selbstverständlichkeit und aus dem Dorf eine „mittel“(auf die Einwohnerzahl bezogen)-prächtige Großstadt.

Nun lebe ich fast 10 Jahre hier, einer unter Fünfhunderttausend (in Zahlen 500.000). Und es braucht nur einen Abend, eine Melancholie, eine Überlegung um sich alles ein wenig durch den Kopf gehen zu lassen.

Meine Güte, was hab ich alles erlebt, was hab ich alles gemacht. So ein Abriss der Zeit und man fragt sich, wieso es damals nicht schnell genug gehen konnte, sollte es doch jetzt oftmals viel langsamer verlaufen, das Leben.

Erschreckend, was in der Welt so vor sich geht. Und wir? Wir trotten meist vor uns hin, versuchen die wenige freie Zeit zu genießen, die Tage und Stunden mit Freunden zu verbringen und trotzdem immer eine Minute für uns allein zu haben. Eine Minute zum Nachdenken, zum Luft holen, zum Aufatmen. Solch eine Minute, wie ich sie heute Abend habe. Eine Minute, in der ich 10 Jahre Nürnberg Revue passieren lasse.
So viele Gedanken und Erinnerungen. Erinnerungen an Kollegen, an traurige, schlimme, aber auch gute und lustige Momente. Erinnerungen an Erlebnisse, an Farben, an Zahlen und Töne. Würde man es extern speichern wollen, die Datenmenge wäre gigantisch, aber sicher wäre es ein durchaus sinnvolles Unterfangen.

Wisst ihr eigentlich noch, wo ihr am 11. September 2001 ward? In diesem Moment, als das erste Mal durch die Nachrichten ging was vorgefallen war?
Stand vielleicht jemand von euch in diesem Mega-Stau Weihnachten 2001, auf der A9, Richtung Berlin? 21 Stunden für 300km.
Der „Tag des Mauerbaus“ im Jahr 2002, unvergesslich!
Und dann erst 2005, als die Welt für mich gänzlich aus den Fugen geriet und dennoch überall Schultern waren und Hände, die sich zum Halten anboten. Über eine Hand und die dazugehörige Schulter bin ich ganz besonders glücklich. Ja, das Jahr war in jeglicher Hinsicht nicht einfach.

In all den Jahren hab ich beruflich so einiges gemacht. Ich war Kfz-Mechaniker, Servicetechniker, hab eine Zeit lang eine Werkstatt geleitet, habe als Rettungssanitäter gearbeitet, habe Klamotten verkauft, Leichen seziert und letztlich meine Umschulung zum Gestalter gemacht. Mir wurde nie langweilig, wie man sieht.

10 Jahre in Nürnberg, 10 Jahre voll Höhen und Tiefen. Das Jahr 2011 wird den vergangenen Jahren in nichts nachstehen, dessen bin ich mir sicher.
Auch in diesem Jahr stehen große Entscheidungen an, die weitläufige Konsequenzen mit sich ziehen werden.

Ich denke besser nicht daran. Ich denke an mich, als ich ein Steppke war, in kurzen Hosen durchs Dorf radelte, mit Freunden auf den Äckern Mäuse fing, Futtermais aß, Buden baute, in der Ziegelei baden war, als ich noch Samstag zur Schule ging und im Winter der Schnee meterhoch lag. Ich denke an die langen Winter-Samstage, die gemütlichen, an den roten Thermobehälter, mit dem wir im Sommer immer Eis geholt haben, ich denke an so viele, viele Kleinigkeiten.

Die meisten Erinnerungen überdauern die Zeit, bleibt nur zu hoffen, dass unsere natürliche Festplatte nicht irgendwann, irgendwie crasht.

Ich wünsche euch ausreichend Minuten im Leben, in denen ihr EUCH am Wichtigsten seid!
Minuten zum Entspannen, zum Alleinsein. Denn seid gewiss, es sind mehr als 7 Meere, die wir irgendwie durchschwimmen, überqueren oder teilen müssen.

Quelle: http://areus.wordpress.com/2011/03/28/uber-7-meere-musst-du-gehn/

Keiner hört zu

Die wenigsten geben es zu, die meisten tun es: den Hunger auf etwas pervers-ungesundes stillen – nein, ich meine jetzt ausnahmsweise nicht den Besuch einer zweifelhaften Lokalität mit Zutritt erst ab achtzehn – wenigstens ab und zu, wenn es keiner sieht, vielleicht in einer fremden Stadt, wo uns keiner kennt, finden wir uns wieder in der Warteschlange einer namhaften Restaurantkette, sei es die mit dem güldenen M oder ihr ebenso bekannter Marktbegleiter, der sich für den König der Burger hält. So ähnlich wie in den Achtzigern und Neunzigern, als natürlich niemand die Lindenstraße schaute (heute tut das in der Tat niemand mehr), dennoch jeder bestens informiert war über Else Kling und ihre Nachbarn.

Ich gebe es zu, bisweilen zieht es auch mich in diese Stätten kulinarischer Belanglosigkeit. Möglicherweise triebe mich der Hunger, oder was auch immer mich treibt, öfter in die eiligen Hallen, gäbe es da nicht diese eine immer wiederkehrende Unbill:

Ich: „Ein kleines Royal-TS-Menü mit Cola zum hier essen.“

Bedienung: „Welches Getränk?“

Ich: „Fanta.“

Bedienung: „Welche Soße zu den McNuggets?“

Ich: „Hollandaise bitte.“

Bedienung: „Zum Mitnehmen?“

Ich: „Ja, bitte.“

Bedienung: „Sechsneunundvierzig bitte.“

Merken Sie was? Sie hört nicht zu. Niemand hört mehr zu.

Montagmorgen im Büro. Meine Motivation, mich engagiert den geschäftlichen Obliegenheiten zu widmen, wofür ich, wenn ich meinen Arbeitsvertrag richtig verstanden habe, bezahlt werde, befindet sich noch irgendwo im mentalen Stau, der trübe Geist läuft auf Sparflamme, was liegt da näher als Zuflucht im Internet zu suchen. Gerade als ich in einen extrem spannenden Artikel über Fremdkörper in Anus und Rektum vertieft bin, bemerke ich aus dem Augenwinkel meinen Chef das Büro betreten; gerade noch kann ich auf die völlig unsinnige Excel-Datei wechseln, die ich extra zu diesem Zweck angelegt habe und die stets geöffnet ist.

„Herr Kah“, beginnt der Chef, „ich benötige bis heute zwölf Uhr…“, dann folgt eine längere Ansprache mit unschöne Wörtern aus dem Managerlatein wie Umsatzzahlen, Absatzmengen, Vorstandssitzung, Business Case, Forecast-Planung, Produktivitätskennzahlen und ähnlichen verwirrenden Begriffen; seine Brille bebt, leichte Speichelspuren werden in den Mundwinkeln sichtbar, er scheint angespannt zu sein, also eigentlich wie immer. Die Ansprache endet mit „… machen Sie mir eine Präsentation. Haben Sie verstanden?“ Damit er endlich abhaut, nicke ich stumm.

Als er zur Tür raus ist, widme ich mich wieder den gastro-intestinalen Fremdkörpern und muss spontan an meinen Kollegen gegenüber denken, der unserem Chef auch am liebsten hinten rein kriechen würde. Ach ja, Chef, da war doch was, irgendwas mit Präsentation und Zahlen und so, bis zwölf Uhr. Da ich keine Ahnung habe, was er genau will, öffne ich mehrere vorhandene Präsentationen auf meinem Rechner, suche aus jeder ein bis zwei Seiten heraus und stelle sie zu einer neuen zusammen, ein paar Überschriften ändern, neues Datum, fertig. So oder so wird er was dran auszusetzen haben.

***

Private Angelegenheiten, die hier nichts zur Sache tun, erfordern meine Anwesenheit in Offenburg, und da ich ungern Auto fahre, begebe ich mich zum Erwerb eines Fahrscheines in die zum Reisezentrum mutierte Fahrkartenausgabe des örtlichen Hauptbahnhofs. Die Wartezeit nutze ich, um über den Sinn des Lebens nachzudenken, muss diese Überlegungen jedoch ergebnislos abbrechen (vermutlich hat es keinen), da ich nach nur fünfundzwanzig Minuten an der Reihe bin und dem Billeteur meinen Wunsch vortragen darf:

Ich: „Einmal Offenburg hin und zurück bitte.“

Billeteur: „Wann möchten Sie reisen?“

Ich: „Heute…“

Billeteur (nach kurzer Recherche in seinem Computer): „Sie können mit dem IC 2223 um vierzehn Uhr dreiundvierzig fahren, einmal umsteigen in Osnabrück.“

Ich: „Ich muss über Osnabrück fahren, um nach Offenburg zu kommen?“

Billeteur: „Wieso Offenburg? Sie wollten doch nach Oldenburg!“

Ich (mit erstickter Stimme): „Nein, Offenburg, Schwarzwald…“

Billeteur: „Warum sagen Sie das nicht gleich?“

Wieder tippt er an seinem Computer herum, derweil ich es nicht wage, mich umzudrehen und in die genervten Gesichter der hinter mir wartenden zu schauen, die zu recht erbost sind über diesen Hansel, der nicht weiß wohin er reisen will; hinter meinem Rücken glaube ich schon das Wort ‚Penner‘ vernommen zu haben.

Billeteur (ebenfalls inzwischen etwas angespannt): „Nehmen Sie den ICE 789 um fünfzehn Uhr drei, Umsteigen in Frankfurt, sechsundvierzig Euro zehn bitte.“

In tiefer Dankbarkeit gebe ich ihm fünfzig Euro, stimmt so, und schleiche mich an den mürrischen Gesichtern vorbei aus der Bahnhofshalle.

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich im Wartesaal des Bahnhofs Offenbach am Main, im Besitz einer Fahrkarte nach Oldentrup, Abfahrt achtzehn Uhr zwölf, umsteigen in Dortmund und Bielefeld. Sollten Sie in nächster Zeit nichts mehr von mir lesen, hat vermutlich jemand nicht zugehört.

Glücksmomente

Es sind bekanntlich die kleinen Freuden des Alltags, die das Leben angenehm machen. Hier eine weder objektive noch vollständige Liste der Dinge, die für
m i c h das Salz in der Suppe, oder eher, der Zucker im Kaffee sind. Andere mag es dabei grausen, vielleicht allein schon bei dem Gedanken an gesüßten Kaffee, aber darauf kann ich leider keine Rücksicht nehmen, schließlich ist das hier
m e i n Blog, gell.

Also: die kleinen Momente des Glücks sind es, wenn…

auf der Party plötzlich True Faith oder Don‘t Look Back In Anger gespielt wird
eine mehrstündige Besprechung abgesagt wird
er beim Einschlafen seinen Arm um mich legt
ich nach Jahren einen alten Freund wieder treffe und es so ist, als hätten wir uns letzte Woche zuletzt gesehen
der erste Schmetterling des Jahres vor mir her flattert
die erste kurze Hose des Jahres den Weg kreuzt
mal wieder ein fremder Schw… ach lassen wir das
die Wirkung des Poppers einsetzt
die Wirkung des Alkohols nachlässt und abends schon wieder das erste Glas Wein schmeckt
er für uns gekocht hat
er eine gute Flasche Wein aus dem Keller holt
freitags der Rechner im Büro herunter fährt
der Montag doch nicht so montäglich war
sich beim Laufen das Gefühl einstellt, noch stundenlang weiterlaufen zu können
ich beim Laufen im Sommer von einem heftigen Regenschauer überrascht werde
wir als Chor auf der Bühne stehen und für einen Abend oder nur einige Minuten in der Harmonie aufgehen
alles nur ein böser Traum war
nachts der Regen gegen das Fenster schlägt
ich aufwache und feststelle, dass ich noch lange nicht aufstehen muss
mich morgens um sieben die Erkenntnis, dass Samstag ist, lächelnd wieder einschlafen lässt
ich dann trotzdem aufstehe, pinkeln gehe und mich anschließend die Bettwärme wieder umspielt
nach Feierabend die Zigarette richtig schmeckt
im Winter das Holz im Ofen brennt
im Frühling plötzlich der Flieder, die Kastanien und Rapsfelder blühen
wir im Sommer bis spät in die Nacht mit einer Flasche Wein auf dem Balkon sitzen
im Herbst die Sonne die roten Weinblätter an der Wand im Hinterhof aufleuchten lässt
eine Diesellok der Baureihe 218 mit dröhnendem Motor am Nachbargleis abfährt
eine Dampflok beliebiger Baureihe mit donnernden Auspuffschlägen wo auch immer abfährt
das Buch morgens in der Bahn kurz den bevorstehenden Arbeitstag vergessen lässt
der Zug mit mir durch das Rheintal fährt
ein Sommertag am Rheinufer vor Bonn-Oberkassel die Zeit vergessen lässt
mich beim Schreiben eines Textes der Schreibfluss erfasst hat
mich beim Lesen eines Buches die Geschichte fesselt
er mit mir auf ein Paar Weißwürste und bayrisches Bier in den Lieblingsbiergarten geht
Karneval überstanden ist
morgens keine böse Mail des Chefs im Eingang ist
der Duft frisch gemähten Grases kurz die Nase streift
und schließlich: irgendeiner das hier mal liest und einen netten Kommentar hinterlässt!