Zwischenbilanz, Folge 9 – B wie Büsum

Meine älteste frühkindliche Erinnerung reicht zurück ins Alter von drei Jahren: unsere erste Urlaubsreise nach Büsum* an der Nordsee. Die Reise dorthin ging mit dem Zug, mein ständiger Begleiter war ein kleiner Koffer aus Pappe, in dem ich meine Spielsachen transportierte. In Büsum wohnten wir in Frau Spreizers Pension, die nach heutigen Maßstäben als eher einfach zu bezeichnen war (also die Pension, nicht Frau Spreizer): Unsere Räumlichkeiten bestanden aus einem größeren Zimmer, das im Wesentlichen von einem Ehebett ausgefüllt war; zu beiden Seiten des Zimmers gingen, jeweils durch Vorhänge abgetrennt, zwei nischenartige Seitenräume ab, in denen jeweils ein weiteres Bett stand, wo mein Bruder und ich schliefen. Toilette und Bad befanden sich außerhalb der Räume über den Flur, diese wurden vom gesamten Haus genutzt. Gefrühstückt wurde in einer sehr gemütlichen Glasveranda, die sich im Vorgarten des Hauses befand. Trotz des eher niedrigen Standards fühlten wir uns dort sehr wohl, so wohl, dass wir in den folgenden Jahren immer wieder bei Frau Spreizer wohnten. Ja, in den folgenden Jahren verbrachte unsere Familie den Sommerurlaub immer in Büsum, darüber gab es gar keine Diskussion. Erst später kam das > Allgäu als Urlaubsziel hinzu.

Hauptgrund, Urlaub in Büsum zu machen, war natürlich das Meer, die Nordsee. Die war allerdings oft nicht da, sondern hatte sich dem Tidehub folgend bis an den Horizont zurückgezogen und dadurch das Watt freigelegt, das nannte man Ebbe, wie mir erklärt wurde. In dieser zurückgezogenen Form war mir die Nordsee viel lieber als bei Flut, wenn das Wasser bis ans Ufer reichte: Darin zu baden war kein Vergnügen, es war furchtbar kalt, salzig, um die Füße krabbelte irgendwelches Getier, welches einen in den Zeh zwickten, und man musste auf Feuerquallen achten, die einem mit ihren langen Tentakeln heftige Schmerzen zufügen konnten. Dennoch fand ich Gefallen an Quallen, jedenfalls an den feuerlosen Sorten: die größeren Exemplare landeten in meinem Sandeimerchen, das dann eher einem Topf Tapetenkleister ähnelte; die ganz kleinen hingegen spießte ich schaschlikartig auf einen großen Federkiel auf.

Nach kürzester Zeit im Wasser begann ich zu frieren und wollte raus. Dann kam das Schlimmste: Ich wurde unter eine Süßwasserdusche gestellt, die noch kälter als das Meerwasser war, um das Salz abzuspülen. Grauenhaft. Danach wurde ich in Handtücher gehüllt und in den Strandkorb gesetzt, wo es so richtig langweilig wurde, denn im Gegensatz zu anderen Stränden gab es keinen Sand, mit dem ich mich Sandburgen bauend hätte beschäftigen können; der Büsumer Strand besteht im Wesentlichen aus der Seeseite des Deiches, also ungefähr fünf Millionen Strandkörbe im Gras.

Ein Höhepunkt des Büsumer Kulturlebens war der Auftritt der Wattenkapelle. Bei Ebbe marschierte sie mit zünftigen Klängen und von einer größeren Anzahl Touristen begleitet durch das Watt, bei Flut spielte sie auf einer überdachten Bühne an der Strandpromenade. Am meisten faszinierte mich die große Trommel, die einer der Musikanten vor seinem Bauch trug, um mit einem hammerartigen Schlägel im Takt darauf einzudreschen. Ich habe sogar noch eine Schallplatte dieser lustigen Truppe!

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Eine Erwähnung wert sind auch die Büsumer Krabben, die die gleichnamigen Fischer mit ihren Kuttern aus der Nordsee holen. Am besten schmecken sie direkt vom Kutter im Hafen gekauft und selbst gepult. Das bedarf zunächst ein wenig Übung, ist aber im Grunde genommen ganz einfach: beide Enden kurz gegeneinander verdrehen, den hinteren Panzer abziehen, schon kann man das schmackhafte Fleisch heraus zupfen.

Apropos Krabbenfischer: ich musste auch ein original Finkenwerder Fischerhemd haben, das ich nur noch ungern ablegte. Es war mir ein Bedürfnis, mich bekleidungsmäßig den örtlichen Gepflogenheiten anzupassen (siehe auch >Allgäu).

Irgendwie war es schön, und ich freute mich immer auf den nächsten Urlaub in Büsum, trotz des kalten Wassers und der Langeweile im Strandkorb. Meine Eltern fahren noch heute jedes Jahr mindestens einmal dorthin (allerdings nicht mehr zu Frau Spreizer, das Haus gibt es schon lange nicht mehr). Vor ein paar Jahren habe ich sie dort für ein paar Tage besucht; trotz vieler baulicher Veränderungen war es im Wesentlichen noch so, wie ich es in Erinnerung hatte. Und mir war rätselhaft, was mir hier früher so gefallen hatte.

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* Entgegen einer anscheinend weit verbreiteten Annahme macht man übrigens Urlaub in und nicht auf Büsum. Auch wenn es ähnlich klingt wie Borkum oder Baltrum, handelt es sich nicht um eine Insel, zumal Borkum und Baltrum zu Ostfriesland gehören, Büsum hingegen in Dithmarschen, kurz vor Nordfriesland liegt. Ein Blick in die Karte hilft manchmal.

Darkroom Diaries

Es ist mal wieder Zeit für einen Blogtausch mit Jannis. Der nachfolgende, schon ein paar Tage alte Text aus seinem Blog „Schmerzwach“ beschreibt sehr anschaulich-drastisch die Erlebnisse eines jungen Mannes in gewissen Etablissements zur Befriedigung spezieller männlich-menschlicher Bedürfnisse (das darf man glaube ich so schreiben, jedenfalls ist mir nicht bekannt, dass es ähnliche Lokale auch für Frauen gibt).

Ich habe diesen Text ausgewählt, weil er zum einen sehr, ja geil, geschrieben ist, zum anderen aber, weil dieses Thema so wunderbar polarisiert: die einen lehnen derartige Läden empört ab, die anderen lieben diese Art der Abwechslung. Zu welcher Gruppe ich mich selbst zähle, dürfte ich an einigen Stellen schon deutlich gemacht haben…

Vorsorglich weise ich darauf hin, dass der Text für Leser unter achtzehn Jahren nur bedingt geeignet ist; allen anderen wünsche ich viel Vergnügen!

Quelle: http://schmerzwach.blogspot.com/2011/01/darkroom-diaries-3.html

Darkroom Diaries -3-

Wenn es um die Darkroom Diaries geht, dann ist niemand berufener davon zu erzählen, als mein lieber Freund Jott A. Er machte einst eine Führung mit mir durch den Karlsruher Nymphengarten und bewies mir, dass es auch in dieser langweiligen Beamtenstadt Cruising Areas für Schwule gibt. Unangenehm vielleicht, dass ich beim Umschauen entdeckte, dass einer meiner Verehrer dort rumlungerte – der bekam, wie man sich denken kann, keine Chance mehr bei mir. Jott A., der so ganz anders mit seiner Sexualität umgeht als ich – ein Besucher nicht nur von Parks, sondern auch von Sex-Kinos und Klappen – erzählte und erzählt mir noch immer Geschichten, mit denen ich nicht dienen kann. Das geht dann so: Ich war einmal in einem Darkroom in Mannheim, im Connexxion, unten in den Katakomben, die haben ja jetzt zugemacht da. Da sind ja vor den eigentlichen Darkrooms noch so allerlei „Liebes“-Schaukeln, Zahnarztstühle, Slings etc… Dort habe ich mich in einen dieser Slings begeben, da ist einer vor dieser Toilette, wo die Jungs auf Golden Shower warten (angepisst zu werden!), nackt, wie ich war, die Typen konnten mich betrachten, an mir spielen, an meinem dicken Schwanz, an meinem Anus, lecker, yummie, das war sooo geil. Manch einer hat mir in die Nippel gezwickt, andere haben mich mit Zigaretten bearbeitet, und dann, und dann, dann hat sich da jemand hinter mich gestellt, der hat mich gefickt, voll der Riese war der, aber mit was für einem geilen Rohr, abartig, wasn Durchmesser, fast wie eine Pringles-Verpackung, so dick… Ich spürte ihn in mir, es war … Oh Mann! Und gleichzeitig spielte einer, so der Fußballer-Typ, jung, an meinem Schwanz, ein anderer leckte an meinen Fußzehen. Ich hielt es vor Geilheit kaum aus und spritzte dem einen Typen heftig ins Maul, so krass, und der andere fickte mich immer weiter...

Zwischenbilanz, Folge 8 – B wie Bundeswehr

Die Bundeswehr und ihr oberster Soldat, Herr von und zu Dings, Sie wissen schon, der mit der Frisur, stehen ja dieser Tage ganz hoch im öffentlichen Interesse. Dieser Tatsache ist der folgende Beitrag gewidmet.

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1980 rief Firma Ypsilon meinen großen Bruder nach Goslar in den Harz. Dort unterhielt die Luftwaffe einen so genannten Fliegerhorst. Warum, weiß ich nicht, denn es gab hier weder einen Flughafen noch Flugzeuge; und ob überdurchschnittlich viele Goslarer Horst heißen, entzieht sich auch meiner Kenntnis. Wie auch immer, offenbar gefiel es meinem Bruder dort sehr gut, denn er verpflichtete sich für zwölf Jahre bei den Fliegern ohne Flügel, zudem wohnt er noch heute in Goslar.

Meine Bundeswehr-Karriere war kürzer, oder besser gesagt, es gab gar keine. Im Frühjahr 1986 wurde ich gemustert (T3, irgendwas mit dem Rücken), im Herbst desselben Jahres trat ich meine erste Ausbildung an. Dann rief das Vaterland nach mir. Diesem Ruf brauchte ich wegen meiner Ausbildung freundlicherweise jedoch zunächst nicht zu folgen. 1990 folgte der zweite Ruf. Leider kam mir auch dieser sehr ungelegen, da ich mich mittlerweile erneut in Ausbildung befand. Zähneknirschend und nach längerem Schriftwechsel zwischen meinem Arbeitgeber und dem Kreiswehrersatzamt (welch wunderbares Wort) wurde mir zugestanden, das Erlernen der Kriegskunst bis nach Beendigung der zweiten Ausbildung aufzuschieben. Danach verlor man offenbar das Interesse an mir.

Ohnehin fand ich die Bundeswehrgeschichten meiner Altersgenossen nach dem Abitur sterbenslangweilig, ich vermute daher, dass ich nichts Wesentliches verpasst habe.

Rosenkrieg die Zweite

Wie ich hier schrieb, besuchte ich im Dezember den Bonner „Rosenkrieg„, ein regelmäßiger Poetry Slam im Nyx. Gestern war ich wieder da, dieses Mal als aktiver Teilnehmer. Neben den Vorzügen freien Eintritts und der Möglichkeit eines verbilligten Biererwerbs erhielt ich so Gelegenheit, einen meiner Texte einer geneigten Zuhörerschaft zu Gehör zu bringen. Zu meiner Freude und meinen Gunsten erhoben sich bei der anschließenden Abstimmung auch einige Rosen, leider nicht genug, um mich in die zweite Runde zu bringen. Das ist jedoch nicht schlimm und war durchaus verdient, womit ich mein selbst verfasstes keineswegs schlechtreden möchte, aber gegen die angetretenen Profi-Slammer, die nicht nur – wie ich – ein Textchen vom Blatt ablasen, sondern aus ihrem jeweiligen Vortrag gleichsam in eine kleine Show machten, hatte ich kaum eine Chance, und so endete für mich und drei andere Mitleser der aktive Teil (also der des Lesens, nicht jedoch der des verbilligten Bier trinkens) nach der Vorrunde.

Immerhin: ich wurde nicht letzter, es hat Spaß gemacht, selbst auf der Bühne zu stehen, und es hat noch mehr Spaß gemacht, den verdienten Gewinnern zu lauschen.

Nach dem Slam ist vor dem Slam: für den Februar-Rosenkrieg habe ich mich bereits angemeldet, vielleicht schaffe ich ja die zweite Runde. Und wenn nicht – zuhören und Bier trinken!

Zwischenbilanz, Folge 7 – B wie Bonn

Im Jahre 1998 verschlug es mich, dem Ruf meines Arbeitgebers folgend, nach Bonn. Ich liebe diese Stadt, und es war Liebe auf den ersten Blick: die wunderschöne Bausubstanz insbesondere der Bonner Südstadt (wo ich auch zeitweise wohnte, wenn auch nicht ganz so wunderschön), der Rhein und das Klima: Es ist fast immer ein paar Grad wärmer als im heimatlichen Ostwestfalen, was mir sehr entgegen kommt.

Ich wurde häufig gefragt, ob in Bonn überhaupt noch was los sei, jetzt, da die große Politik in Berlin gemacht wird. Ja, hier ist immer noch genug los, sicherlich nicht weniger als vorher, als die Damen und Herren Politiker noch hier ihrem Tagwerk nachgingen, dafür sorgen die Ministerien beziehungsweise deren Außenstellen, die noch heute in Bonn ansässig sind, zahlreiche Bundesbehörden, und vor allem große bekannte Firmen, unter anderem die mit den Gummibärchen, die gelbe und die mit dem „T“, die ihren Sitz in Bonn haben.

Bonn muss sich einen gewissen provinziellen Ruf gefallen lassen. Ich kann das nicht bestätigen (wie auch, wenn man aus Bielefeld kommt), im Gegenteil, ich empfinde es nicht als Nachteil, dass man sehr viel zu Fuß erreichen kann. Ansonsten, wem es hier zu langweilig ist, für den ist Köln ja nicht weit.

Es mag übertrieben klingen und es gibt ja auch nur mein persönlich-subjektives Empfinden wieder, aber zurzeit kann ich mir keinen schöneren Ort zum Leben vorstellen als Bonn, habe allerdings großes Verständnis dafür, wenn andere genau das auch von i h r e r Stadt behaupten. Gut, vielleicht nicht gerade bei Bielefeld