Zwischenbilanz, Folge 2 – A wie Allgäu

Allgäu

Nachdem das sommerliche Urlaubsziel meiner Familie jahrelang Büsum an der Nordsee gewesen war (dazu komme ich später noch, wenn B dran ist), erfolgte Mitte der 1970er Jahre die große Abwechslung in Form eines neuen Urlaubszieles: Martinszell im Allgäu. Dabei ist der Begriff Abwechslung durchaus wörtlich zu nehmen, denn fortan hieß unser Urlaubsort im festen jährlichen Wechsel Büsum, Martinszell, Büsum, Martinszell, und so weiter. Dort, also in Martinszell, Ortsteil Oberdorf, war es durchaus nicht schlecht. Wir wohnten stets auf einem Bauernhof am Ortsrand, wobei wir sehr schnell Anschluss an die den Hof mit Fremdenzimmer betreibende Familie fanden, wirklich überaus nette Leute: Der Altbauer mit seiner Frau, der Bauer und seine Frau (welche die Tochter des Altbauern und seiner Frau war), sowie die kleine Tochter des Bauernpaares, welcher im Laufe der Jahre noch zwei Schwestern und zwei Brüder folgten; die Fruchtbarkeit dieses Hauses fand ihren Niederschlag offenbar nicht nur darin, dass der Dorfbulle zur Belegschaft des Stalles gehörte, siehe auch unten Bild 2.

Hinzu kam der Bruder des Altbauern, der meinem Bruder und mir von Anfang an sehr unheimlich war. Auf dem Hof nahm er die Funktion eines Knechtes wahr (darf man das schreiben, oder gibt es dafür eine offizielle Berufsbezeichnung, zum Beispiel Hilfskraft in der Landwirtschaft?) und er war, um es gelinde auszudrücken, geistig etwas zurück geblieben, möglicherweise als Folge des innerhalb einer derart kleinen Besiedlung eher bescheidenen Genpools, was dazu führte, dass er schon mal mit der Mistgabel hinter den Kindern des Dorfes her rannte, was aber meines Wissens niemals zu ernsthaften Verletzungen führte.

Bei unserer ersten Ankunft betraten wir das Haus mit einer gewissen Skepsis: Von jenseits der Türschwelle kam uns jener Duft entgegen, der im Grunde genommen für das ganze Allgäu charakteristisch ist und der in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Hauptgegenstand der Allgäuer Landwirtschaft, nämlich der Rinderhaltung, steht, wodurch ich mich in kindlicher Unbekümmertheit und ungehindert von jeglicher falscher Hemmung zu der auch für unsere Bäuerin unüberhörbaren Feststellung „Puh, hier stinkt es aber“ hinreißen ließ, was meine Mutter veranlasste, der Bäuerin einen peinlich-entschuldigenden Blick zuzuwerfen, wenngleich ich genau das gesagt hatte, was alle, meine Mutter, mein Vater und mein Bruder, dachten. Zur Ehrenrettung 1. des Allgäus im Allgemeinen und 2. unserer Unterkunft im Besonderen muss ich dazu sagen, dass dieser Geruch zum Allgäu gehört wie der Fischgeruch zum Büsumer Hafen, und dass er, vermischt mit dem Duft frisch gemachten Heues, in keiner Weise unangenehm ist. Zudem waren unsere Zimmer und überhaupt das Dachgeschoss, in welchem wir untergebracht waren, weitgehend frei davon.

Mein Bruder, von jeher etwas praktischer veranlagt als ich, war dort sofort in seinem Element. Wie er es vom Rischenkrug (kommt viel später) nicht anders gewohnt war, stürzte er sich umgehend in die landwirtschaftliche Arbeit, die ihm stets große Freude bereitete, und so war er nach kurzer Zeit voll in den familiären Betrieb integriert. Ich dagegen verbrachte, meinem zarten Alter angemessen, viel Zeit mit den Kindern der anderen Touristen, die auf unserem Hof untergekommen waren, wobei wir stets aufpassten, dass wir dem unheimlichen Altbauernbruder nicht zu nahe kamen.

Etwas Schwierigkeiten bereitete mir die Sprache der Eingeborenen. Zum einen belustigte es mich, dass sie an ungefähr jedes vierte Wort die schwäbische Nachsilbe –le anfügten, zum anderen irritierte es mich, dass „st“ immer und ausnahmslos wie „scht“ ausgesprochen wurde. Als mich die Altbäuerin fragte „Wie heischt du“ verstand ich nicht, was sie von mir wollte. „Na wie du heischt“, wiederholte sie, woraufhin ich hilflos meine Mutter ansah, die übersetzte, und ich schließlich meinen Namen sagte. „Ach Carschten!“ sagte sie darauf erfreut. Von da an hatte ich das Prinzip verstanden. Man muss den Eingeborenen zu Gute halten, dass sie sich sehr bemühten, mit uns hochdeutsch zu sprechen, was eine Kommunikation auch ohne größere Schwierigkeiten ermöglichte. Wenn sie jedoch untereinander sprachen, entsprach der Informationsinhalt, der bei mir ankam, ungefähr dem, wie wenn sich drei Chinesen miteinander unterhalten hätten, mit oder ohne Kontrabass.

Unser Bauer und seine Frau waren Mitglieder in der örtlichen Trachtengruppe. So kam es, dass wir dem nächsten „Heimatabend“ (das hieß wirklich so und hatte keinerlei bräunlich-bitteren Beigeschmack) beiwohnen durften, wo die landestypische Folklore, vornehmlich das Schuhplatteln, aufgeführt wurde. Hiervon war ich dermaßen beeindruckt, dass ich mich fortan auch der Region gemäß kleiden wollte. Eine kurze Lederhose (die mit dem herunterklappbaren Hosenstall und dem Plastik-Edelweiß auf der Querstrebe zwischen den beiden Hosenträgern) hatte ich schon; die hatte damals jeder Junge in meinem Alter zwischen Lindholm* und Lindau. Ein weißes Hemd war auch im Gepäck, fehlte nur noch ein grünes Hütchen, welches (aus Stroh, nicht aus Filz) mir meine Eltern in einem örtlichen Andenkenladen (dort, wo es auch in rauhen Mengen und allen denkbaren Formen Enzianschnaps, Wanderstöcke und Wetterhäuschen gab) kauften. Von da an lief ich herum wie der Seppel aus Räuber Hotzenplotz.

Mein Bruder und ich waren stets in einem Dachzimmer untergebracht, von dessen Fenster man einen wunderbaren Blick auf die nahen Berge hatte, und, was mich schon damals sehr freute, auf die Bahnstrecke Kempten – Immenstadt. Meine Begeisterung für die Eisenbahn (dazu komme ich später auch noch) war damals schon sehr ausgeprägt. Diese Begeisterung trieb mich jedes Mal, wenn aus der Ferne das tiefe Brummen einer Diesellok zu vernehmen war, an das Dachfenster, um der Zugbeobachtung zu frönen. Das musste einfach sein, selbst wenn es schon dunkel war und ich von dem Zug nur noch das Lampendreieck der Lok und das beleuchtete Fensterband der Waggons erkennen konnte.

Der letzte gemeinsame Allgäu-Urlaub (schon ohne meinen großen Bruder) war 1984, danach fühlte auch ich mich dem Alter gemeinsamer Familienurlaube entwachsen. Ich habe mich dort immer sehr wohl gefühlt, obwohl dort wirklich nix los war (außer dem Heimatabend, siehe oben). Doch wenn ich heute sagen sollte, was dort so schön war – ich wüsste es nicht. Zumindest halte ich es für ziemlich unwahrscheinlich, dass mein Urlaubsziel irgendwann noch mal Martinszell im Allgäu heißen wird. Aber wer wei߅

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Bild 1 – Schon damals hatte ich Schlag bei den Frauen.

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Bild 2 – Ab und zu gab es richtig was zu sehen.

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* Lindholm, ca. 3.600 Einwohner, liegt in Schleswig-Holstein in der Nähe von Niebüll. Ich hätte natürlich auch schreiben können „zwischen Flensburg und Freilassing“.

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