Kein Dosengemüse könnte das bewirken

Aus gegebenem Anlass habe ich einen älteren Aufsatz behutsam aufgewärmt und erlaube mir, ihn zum nochmaligen Verzehr anzubieten.

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„Nichts speichert Erinnerungen so zuverlässig, nachhaltig und unmittelbar wie Musik“, so las ich mal irgendwo. Mal abgesehen von meiner Abneigung gegen das Wort „nachhaltig“ aufgrund seiner inflationären Allgegenwart: Da ist was dran. Jeder kennt wohl Lieder, Songs, Stücke, bei denen sich sofort bestimmte Erinnerungen einstellen, auch an Dinge und Ereignisse, die viele Jahre zurück liegen. Bei mir sind dies beispielsweise:

Die Moldau von Friedrich Smetana. Noch heute gehört der Zyklus Mein Vaterland, dessen zweites Stück Die Moldau ist, zu meinen Favoriten klassischer Musik. Wir analysierten Die Moldau während der Grundschulzeit im Musikunterricht bis ins Kleinste; höre ich sie heute, habe ich noch immer die beiden Quellen, die Jagdszene und die Bauernhochzeit vor Augen.

Song For Guy von Elton John. Hierzu muss ich etwas weiter ausholen. Seit frühester Jugend empfinde ich Abscheu gegen meine Teilnahme an Sportarten, bei denen man siegen muss, insbesondere wenn dabei ein Ball in, durch oder über ein Netz zu bewegen ist. Dieser Widerwille hielt meine Eltern nicht davon ab, ihr Kind jeden Freitag zum Volleyballtraining des CVJM Bielefeld-Stieghorst zu jagen, auf dass es sich bewege. (Hat nix genützt, aus dem Kind wurde später ein Beamter, vielleicht aus Trotz.)

Schon am Freitagmorgen graute mir, die Unlust wuchs mit jeder Stunde und mit ihr die Hoffnung, sie könnten es heute mal vergessen und mir die ungeliebte Leibesertüchtigung ersparen, doch nichts da: Pünktlich um halb sechs wurde ich aus dem Haus gescheucht mit Turnbeutel und mürrischem Gesicht sowie den begleitenden Worten „Geh nur, das tut dir gut“. Tat es indes überhaupt nicht: In der ersten Stunde wurde Pritschen und Baggern geübt, immer hin und her, der Uhrzeiger an der Turnhallenwand schien festgeklemmt; die zweite Stunde verbrachten wir auf dem Feld: Aufschlag, eins-zwei-drei, Pass, Rotation. Hier versagte ich völlig, bekam die Bewegungsabläufe nicht koordiniert, häufig lag es an mir, wenn der Ball auf unserer Seite zu Boden schlug wie Fallobst im Spätsommer. Zudem fehlte mir jeder Ehrgeiz, an meinen Fertigkeiten etwas zu ändern.

Wenn dann jedoch der Schlusspfiff ertönte und der Trainer „Feierabend für die Jungschar“ rief, begann meine Versöhnung mit der Welt, jedenfalls für die nächsten sieben Tage. Zu Hause erwartete mich die Badewanne – in meiner Kindheit und unserer Familie war das tägliche Brausebad noch nicht üblich, stattdessen badete man, und das auch nicht täglich -, danach gab es Abendessen mit der Familie. Meine Mutter kaufte freitags auf dem Markt immer Rinderfilets, mit Speck ummantelt, die schmeckten nach durchlittener körperlicher wie seelischer Pein besonders gut. Spätestens dann war alles wieder gut, die Schmach des Schlachtfeldes vergessen und der Körper noch aufgeheizt von des Bades wohliger Wärme.

Ja – und immer dann, kurz bevor das Essen auf den Tisch kam, spielten sie im Radio dieses wunderbare Klavierstück, das mit nur wenig Text auskam, jeden Freitagabend, ich weiß nicht mehr warum, vermutlich war es die Erkennungsmelodie einer Radiosendung. Wann immer ich heute noch dieses Lied höre, sitze ich wieder am Küchentisch und lasse mir die wunderbaren Rinderfilets schmecken. Song for Guy – ein Lied für mich.

Verschiedene Songs der Achtziger, zum Beispiel Shout von Tears For Fears, I Want To Know What Love Is von Foreighner, The Power Of Love von Frankie Goes To Hollywood oder Freedom von Wham! versetzen mich zurück in die Zeit, als ich zum ersten Mal so richtig schrecklich und unglücklich verliebt war.

Ninteen Forever von Joe Jackson und Sewing The Seeds Of Love von Tears For Fears waren Songs aus der Zeit meines Coming Out (auch so ein Wort, für das ich eine angemessene deutsche Entsprechung vermisse, muss ich mal drüber nachdenken, aber nicht jetzt. Erinnern Sie mich gerne gelegentlich.)

Das Album Whats The Story – Morning Glory von Oasis (auch nach ihrer Auflösung für mich die größte Band aller Zeiten, und wer weiß, vielleicht vertragen sie sich eines Tages wieder) erinnert mich an die Zeit, als ich mit meinem ersten Freund zusammen war. Das hielt zwar nur eineinhalb Jahre, aber ich möchte die Zeit nicht missen. Gut, das letzte halbe Jahr vielleicht schon, aber das ist wieder ein anderes Thema.

Bittersweet Symphony von The Verve war unser Lied, als ich den Liebsten kennen lernte, der es auch heute, nach zwanzig Jahren, noch mit mir auszuhalten scheint, gar nicht bittersüß.

You Get What You Give von den New Radicals lässt mich zurück denken an die Zeit, als ich nach Bonn zog, wo ich noch immer lebe und nie wieder weg möchte.

Die Aufzählung ließe sich noch lange fortsetzen, allein die Songs in meiner iTunes-Liste, die mich an diverse glückliche und unglückliche Lieben erinnern, würden mehrere Seiten füllen. Wohl jeder könnte eine solche Liste seiner Songs anlegen, ob es nun um die Liebe geht oder andere mehr oder weniger erfreuliche Ereignisse. Ja, es stimmt schon: Musik ist ein sehr stabiler Erinnerungsspeicher. Besonders prägend sollen die Songs sein, die man zwischen sechzehn und dreiundzwanzig Jahren regelmäßig gehört hat, las ich mal. Für mich kann ich das bestätigen.

Und doch: Intensiver als Musik es vermag, tangieren mich Gerüche, wecken sie oft völlig überraschend und unvermittelt alte Erinnerungen.

Ich rieche die Ausdünstungen von Bahnschwellen, schon spiele ich als Kind wieder am Bahndamm bei meinen Großeltern in der Nähe von Göttingen. (Hier mischte sich noch Jauchegeruch vom nahen Bauernhof dazu, gleichwohl würde ich meine Kindheit als glücklich bezeichnen.) Ich rieche (und schmecke) Erbsen frisch aus der Schote vom Strauch, schon streife ich wieder durch Omas Gemüsegarten. Kein Dosengemüse könnte das bewirken.

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Das Aroma von Kuhdung versetzt mich zurück in die Sommerferien, die wir oft im Allgäu verbrachten. Die Duftkombination von Kuhfladen und frischem Heu gehört zum Allgäu wie salzige Seeluft zur Nordsee und Lavendelduft zur Provence.

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Der Geruch eines bestimmten Kunststoffs erinnert mich an glückliche Stunden, die ich spielend mit meiner LGB-Modelleisenbahn verbrachte; genau so rochen die Loks und Wagen, wenn ich sie neu aus der Packung nahm.

Begegne ich jemandem, der ein bestimmtes Parfüm aufgelegt hat, rieche ich sofort meinen damaligen Freund.

Der Geruch nach nassem Hund erinnert mich an das Haus der Schwiegereltern, als Ayka, der Labrador des Liebsten, noch lebte. (Trotzdem ist genau dieser Geruch einer der zahlreichen Gründe, aus denen ich keinen Hund im Haus haben möchte.)

Tulpenduft versetzt mich in die Frühlinge meiner Kindheit im Garten des Elternhauses, frisch gemähter Rasen in die Sommer ebendort.

Der Geruch der Braunkohlebriketts, die ich im Winter in unseren Ofen stecke, erinnert mich daran, als ich das erste Mal – ebenfalls im Winter – kurz nach der Wende in der DDR war.

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Auch diese Liste könnte ich weiter fortsetzen.

Im Gegensatz zu Musik sind Gerüche nicht konservier- oder aus dem Netz herunterladbar, was bei vielen Gerüchen eher ein Segen ist, deswegen kann ich Ihnen hier leider nicht mit Kostproben dienen. Allein das schon macht Gerüche zu etwas besonderem. Oder wie der Berliner sagt: Dufte, wa!

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