So bald nicht

Irgendwann muss es doch mal gut sein, sagst du? Mag sein. Irgendwann. So bald indes nicht. Bedenke: Es ist noch keine achtzig Jahre her, und Adolfs Enkel bringen sich schon wieder in Stellung. Dann brauchen sie wieder Sündenböcke, wenn sie ihre Versprechungen nicht halten können und ihre einfachen Lösungen nicht greifen.

Beim nächsten Mal sind es dann vielleicht nicht die Juden, sondern die Rothaarigen, Linkshänder, Vegetarier. Oder wieder die Schwulen (die ja geradezu prädestiniert sind: Durch Kinderlosigkeit tragen sie nichts zur Volksvermehrung bei und haben auch noch mehr Geld, was wiederum Neid weckt, und Neid ist, geschickt eingesetzt, ein erstklassiger Brandbeschleuniger. Außerdem, wie man ja weiß, verbreiten sie AIDS und schänden unsere Kinder. Ach das sind nicht Schwule, sondern Pädophile? Egal, das ist doch alles dasselbe.) Vielleicht du.

Nein, mein Lieber, so bald ist es nicht gut!

Woche 45: Sehr zufrieden

Montag: „Everyone‘s a sinner“, las ich letztens, an eine Wand gesprüht. Mit Blick auf die Wahnsinnigen in Pakistan fordere ich ein natürliches Recht auf Gotteslästerung für jedermann, wenn nicht gar die Pflicht dazu.

Apropos Wahnsinnige: Warum wird den Tweets eines Politikers eigentlich immer eine so große Bedeutung beigemessen? Das ist doch zumeist nur hohles Gezwitscher.

Dienstag: Niemand soll behaupten, ich sei nicht bereit, mich für das Wohl des Unternehmens aufzureiben und mein letztes Hemd zu opfern.

„Lösungen für die Lebensqualität im Alltag“, so der Werbespruch unseres Kantinenbetreibers. Zu dessen Unterstreichung gab es heute Metzgerfrikadellen. Nach den sonst angebotenen Schweine-, Rinder-, Geflügel-, Gemüse- und Tofufrikadellen eine willkommene Abwechslung.

Mittwoch: Die Vorfreude auf das bevorstehende Weihnachtsfest ist bereits jetzt allgegenwärtig.

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Auf dem Weg ins Werk kam mir eine Läuferin entgegen, die während des Laufens unentwegt auf ihr Telefon starrte. Ich war kurz versucht, sie anzuschreien: „Merkt ihr es wirklich nicht?“

„Ein leerer Bauch macht böse“, sagt der Kollege. In der Kantine wurde veganes Reisfleisch angeboten. Ein kulinarisches Oxymoron.

Donnerstag: „Du hast wohl keinen Bock auf das Thema“, sagt der Chef. Notiz an mich: Ich muss dringend an meiner Mimik arbeiten.

„Die Bezirksregierungen arbeiten derzeit mit Hochdruck an den Fortschreibungen der Luftreinhaltepläne und prüfen Maßnahmen und Potenziale“, schreibt die Zeitung. Das klingt genau wie das synonym gern genommene „fieberhaft“ immer ein bisschen nach „… haben nicht den leisesten Schimmer einer Idee, wie sie das Problem lösen können“.

Von Luft- zu Stadtreinhaltung. Vorgestern war in der Bonner Altstadt Sperrmüll-Abholung. Heute, auf dem Weg in den Rewe zum Zwecke des Erwerbs von Brot und fünf Nougat-Marzipan-Baumstämmen zur Versüßung des Büroirrsinns lief ich an drei verlassenen Kühlschränken und zwei Monitoren vorbei. Ist das Unwissen, blanke Dummheit oder kalkulierte Ignoranz? Vermutlich letzteres, irgendwer wird das Zeug schon irgendwann beseitigen.

Freitag: Noch einmal Kantine. Heute gab es Gänsekeule mit Knödeln, Rotkohl und Lyrik dazu: „Gans und gar / ist einfach wunderbar“. Ich habe sie trotzdem genommen und war sehr zufrieden.

Sehr zufrieden bin ich auch immer mit meine Lieblingsfrisörin. „Geht das Wasser?“, fragte sie am Abend, während sie mir mit sanfter Hand das Haar wusch. Geht das Wasser? Eine interessante Frage, die sich vielleicht auch der Tourist auf dem Büsumer Seedeich mit Blick auf das Wattenmeer stellt, unsicher ob Ebbe oder Flut.

Eine interessante Frage auch hier: Auf Twitter geschah heute Merkwürdiges. Am 28.10.2009 schrieb ich dort dieses:

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Heute, also neun Jahre und zwölf Tage später, geschah dieses:

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Wie mag Frau Gaukeley auf diesen uralten, mäßig witzigen Tweet gestoßen sein, warum hat sie ausgerechnet den zitiert, und warum gefällt das so vielen? Die digitale Welt ist immer wieder voller Rätsel.

Samstag: Rätselhaft, mit Tendenz zu unbegreiflich, ist auch das Anspruchsdenken eines Ehepaars, das laut Zeitungsbericht ein idyllisch gelegenes Haus im bayrischen Holzkirchen gekauft hat und nun seit drei Jahren gegen Kuhglockengebimmel von der benachbarten Weide klagt. „Auch den Gestank beim Düngen mit Gülle wollen sie nicht mehr dulden – und die auf ihr Grundstück fliegenden Insekten ebenso wenig“, so die Zeitung. Ich bin dafür, dass Menschen, die Häuser neben Kuhweiden, Bahnlinien, Flughäfen und Flüssen kaufen und anschließend wegen Glocken-, Zug-, Flugzeug- beziehungsweise Schiffslärms die Gerichte belästigen, automatisch ihr Eigentumsrecht am erworbenen Grund verlieren und zwangsweise in die schweigende Ödnis der Magdeburger Börde umgesiedelt werden. Wobei ich schon gerne wüsste, wie die Fliegen künftig per Gerichtsurteil von dem Grundstück ferngehalten werden sollen.

Sonntag: Elfter elfter, Karnevals-Sessionseröffnung (nicht nur) auf dem Bonner Marktplatz. Nur mal kurz ein Stündchen kucken gehen, eins, zwei Kölsch, dann wieder nach Hause. Hat dann doch etwas länger gedauert und endete nach einer nur unwesentlich größeren Anzahl Kölsche im Zeughaus der Bonner Ehrengarde. Alaaf!

Thomas Glavinic schreibt in der F.A.S.: „Frische Luft ist der Gestank zwischen zwei Gasthäusern.“

 

Woche 44: Griesgram und Muckertum

Montag: „Ich sage ausdrücklich: Es ist schade“, sagt Horst Seehofer nach Angela Merkels Ankündigung, künftig nicht mehr als Parteivorsitzende und Bundeskanzlerin anzutreten. Das glauben wir ihm ohne Zweifel, also jedenfalls mit dem von ihm wahrscheinlich gedachten Zusatz „… dass sie nicht sofort in den Sack haut“.

Dienstag: Nun also Brasilien. Bei Betrachtung der weltpolitischen Entwicklungen liegt die Befürchtung nahe, dass die Zeiten für pazifistische Agnostiker in polyamorph-gleichgeschlechtlichem Beziehungsgefüge nicht besser werden.

Mittwoch: Noch einmal, weil es so schön ist, aus Bullshit-Jobs von David Graeber:

Wo früher […] Unternehmen […] durch eine Kombination aus relativ einfachen Befehlsketten […] gelenkt wurden, haben wir heute eine Welt mit Finanzierungsanträgen, Dokumenten über strategische Visionen und den Verkaufsgesprächen von Entwicklungsteams – was die endlose Verfeinerung neuer, immer sinnloserer Ebenen in der Managerhierarchie möglich macht. Sie alle sind mit Männern und Frauen besetzt, die beeindruckende Titel tragen und fließend den Unternehmensjargon sprechen, aber entweder von vornherein keine Erfahrung mit der eigentlichen Arbeit besitzen, die sie angeblich verwalten sollen, oder alles in ihrer Macht stehende getan haben, um sie zu vergessen.

Halloween. Die Stadt wird von albern geschminkten Menschen unsicher gemacht.

Donnerstag: Wenn ich es richtig verstanden habe, ist Allerheiligen eine Art religiöses Resteessen, welches die Katholiken ihren Heiligen der zweiten Garnitur widmen, die keines eigenen Feiertages würdig sind. Mir, dem wenig heilig ist, soll es recht sein, immerhin muss ich dadurch heute nicht ins Werk. Wobei auch dort reichlich Irre Menschen herumlaufen, die sich selbst im Glanze einer gewissen Göttlichkeit sehen, wenn auch ohne Anspruch auf einen Feiertag. Dabei wäre ich durchaus bereit, zum jährlichen Gedenken des Tages, an dem eine bestimmte, hier nicht näher benannte Person im gegenseitigen Einvernehmen aus dem Turm gejagt wurde, eine Kerze zu entzünden. Darf ich aber nicht, da Kerzenentzündungen im Büro unzulässig sind. Dann eben nicht.

Statt ins Werk machten wir einen Ausflug ins Ahrtal, wo es erst regnete und dann Wein zu verkosten gab. Der Profi benetzt bei einer Weinverkostung mit kleinen Schlucken seine Geschmackszellen und spuckt danach aus. Da ich kein Profi bin und mir zudem das Ausspeien als eine Respektlosigkeit gegenüber des Winzers Mühen erscheint, halte ich es lieber mit Wilhelm Busch:

Er hebt das Glas und schlürft den Rest / weil er nicht gern was übrig lässt.

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Freitag: Brückentag, neben „Doppelhaushälfte“ und „Auslegeware“ eines der schönsten deutschen Wörter. Schön ist auch „Blümeranz“, wenn auch nur das Wort, weniger der Zustand, den es beschreibt. Durch letztere ausgelöst stellt sich mir die Frage, ob die spuckenden Profis vielleicht doch recht haben.

Samstag: Nicht David Graeber, sondern Christian Wüst schreibt im SPIEGEL:

„Auf je­den jun­gen Klemp­ner kom­men mitt­ler­wei­le ein Dut­zend smar­te Busi­ness-Con­sul­tants, die ih­ren Lap­top auf­klap­pen, lan­ge Vor­trä­ge über den Fach­kräf­te­man­gel hal­ten und auf dem di­gi­ta­len Post­weg flugs die Rech­nung hin­ter­her­schi­cken.“

Wenngleich mir alles Militärische zutiefst zuwider ist, so nehme ich doch mit Stolz meine Beförderung der Karnevalsgesellschaft Fidele Burggrafen Bad Godesberg e. V. zum Leutnant „in Anerkennung seines aktiven Kampfes gegen Griesgram und Muckertum“ zur Kenntnis. Gerade in Zeiten wie diesen, da schon der Tweet eines Präsidenten oder ein halb aufgegessenes Käse-Laugen-Gebäck zu ernsthaften Spannungen führen kann. Alaaf!

Sonntag: Das neue Lied von Herbert Grönemeyer erscheint typisch für ihn: keine erkennbare Melodie und man versteht kein Wort, weder akustisch noch inhaltlich.

Ebenfalls nicht zu verstehen ist, warum ein verkaufsoffener Sonntag massenweise Menschen in die Stadt zu locken vermag, bevorzugt natürlich mit dem Auto.

Erkenntnis des Tages: Im Rewe am Friedensplatz gibt es keine Nougat-Marzipan-Baumstämme, jedenfalls nicht für mich auffindbar. Sehr schwach.

Woche 43: Wer hätte das gedacht

Montag: Wenn man, wie ich, im Laufe der Jahre durch zahlreiche Stahlbäder des Büroalltags gezogen wurde, gelingt es mühelos, auch ohne eine Ahnung, was man mir mitzuteilen beabsichtigt, scheinbar verstehend-zustimmend zu nicken, zum Beispiel während der Zurkenntnisnahme dieser internen Mitteilung:

Mit Einführung des CPO-Performance Dialogs und der Ausweitung des Formats auf andere Bereiche haben wir damit begonnen, Lean Management Methoden konsequenter für uns zu nutzen. Diese ersten Erfolge zeigen, welches Potential in der Transparenz liegt, die wir durch die Anwendung dieser Methoden gewinnen.

Oft sind es Kleinigkeiten, die den Montag nicht ganz so trübe erscheinen lassen.

(Das obere Bild ist speziell für dich, Steffen.)

(Außerdem hielt ich nach Rückkehr aus dem Werk einen kurzen Vorabendschlaf, was aus sicherlich nachvollziehbaren Gründen nicht im Bild festgehalten wurde.)

Dienstag: „Oft im Arbeitstag läuft nciht alles perfekt“, schreibt man mir. Gibt es eigentlich ein Wort dafür, wenn sich ein Satz auf so wunderbare Weise selbst bestätigt?

„In der Nacht sind Wolken unterwegs„, sagt die Wetterwisserin im Fernsehen. Hoffentlich kommen sie gut an.

Mittwoch: Hinweis an die Nachbarin oder den Nachbarn, ich weiß nicht, wer es war, also an die Person, die sich heute die Mühe machte, die geleerten Mülltonnen von der Straße in den Hof zu rollen, dann jedoch augenscheinlich von einer unbekannten Macht daran gehindert wurde, das Werk zu vollenden und sie auch noch in das Mülltonnen-Kabuff zu schieben: Vielen Dank, aber lass sie beim nächsten Mal einfach draußen stehen, ich mache das schon. Oder jeder andere.

Donnerstag: Meine gestern per Mail an einen Kollegen gerichtete Anfrage mittlerer Priorität beantwortete dieser um halb vier in der Frühe. Seine Antwort auf meinen Ausdruck des Dankes und der Hoffnung, er sei nicht extra deswegen mitten in der Nacht aufgestanden: „Doch, aber das macht man ja gerne, wenn man helfen kann.“ Ich habe mir umgehend einen neuen Outlook-Ordner angelegt mit der Bezeichnung „Allgemeiner Wahnsinn“ und die Mail dort abgelegt.

Freitag: Die Münster-Pfarrei zu Bonn ruft dazu auf, für den Martinsumzug zu spenden, weil noch zehntausend Euro zu seiner Durchführung fehlen. Wie das Erzbistum Köln kürzlich bekannt gab, ist sein Vermögen in diesem Jahr auf 3,74 Milliarden Euro angewachsen. Wofür genau soll ich jetzt bitte spenden? Habt ihr sie noch alle?

Da mein Bürorechner heute, so kurz vor dem Wochenende, keine Lust verspürte, die „Phase 3“ abzuschließen, bescherte er mir einen frühen Feierabend. Es stimmt eben doch: Die Digitalisierung macht das Leben angenehmer.

Während der Wartezeit auf die Betriebsbereitschaft des Rechners erfuhr mein Allgemeinwissen einen wertvollen Zuwachs. In einem Urlaubskatalog las ich dieses: „Peniscola ist einer der meistbesuchten Ferienorte an der Costa del Azahar.“ Das ist gut zu wissen. Bis dahin nahm ich an, Peniscola sei ein koffeinhaltiges Mixgetränk, welches vornehmlich in sehr speziellen Etablissements ausgeschenkt wird.

Samstag: „Der typische deutsche Milliardär entstammt einer Familie, die auf etliche Generationen von Ahnen zurückblicken kann“, schreibt der General-Anzeiger. Wer hätte das gedacht.

„Wird die Uhr jetzt vor- oder zurückgestellt?“ Ich kann es nicht mehr hören. Ihr kuckt doch eh alle nur noch auf euer Telefon, das wird es schon richtig machen.

Sonntag: Ich liebe es, wenn ich mich in einem literarischen Text wiederfinde, dieses Mal in „Fleisch ist mein Gemüse“ von Heinz Strunk:

Die entscheidende Voraussetzung fehlte ihr genau wie mir: der Wille zum Erfolg. In Wahrheit wäre ich wahrscheinlich völlig überfordert gewesen, wenn sich tatsächlich jemand ernsthaft für uns interessiert hätte. Mir ging es wie tausenden von Hobbymusikern, Freizeitschriftstellern, Feierabendmalern und sonstigen Möchtegernkünstlern, die sich jeder Beurteilung entziehen, weil sonst womöglich das Kartenhaus des eingebildeten Talents in sich zusammenfallen würde. Als verkanntes Genie kann man es sich im Leben auch ganz komfortabel einrichten.

Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss noch ein wenig an meinem Bestseller arbeiten.

Zwölf Gründe, nichts gegen den Klimawandel zu unternehmen (und ein Gegenargument)

1) „Das ist doch alles gar nicht bewiesen.“

2) „Was kann ich als Einzelner schon tun. Die sollen doch erstmal Dieselautos und Kohlekraftwerke verbieten.“ *1

3) „Betrifft mich nicht. Wenn überhaupt, kommt das erst in zig Jahren.“

4) „Ein paar Zentimeter Meeresspiegel mehr werden schon nicht so schlimm sein.“

5) „Unwetter hat es immer gegeben.“

6) „Was, ich soll auf mein Smartphone / meinen Coffee to go verzichten?“

7) „Ist doch schön, wenn es wärmer wird!“

8) „Klimaschutz? Das kostet doch alles Arbeitsplätze!“

9) „Mit Eisbären habe ich kein Mitleid, die fressen die niedlichen Robben.“

10) „Dafür habe ich keine Zeit.“

11) „Merkel muss weg.“

12) „Mir doch egal.“

Also weiter so, da kann man wohl nichts machen. Oder doch:

13) „Was, die Bierpreise steigen? Wir müssen sofort handeln!“ *2


*1) Laut einem Zeitungsbericht wurden letztes Jahr in Deutschland 521 700 SUV zugelassen, das waren 112 Prozent mehr gegenüber 2013.

*2) Laut einem weiteren Zeitungsbericht wird sich die zunehmende Dürre negativ auf die Ernteerträge der Gerste auswirken.