Woche 1/2026: Ist doch egal

Montag: Wie morgens im Radio gemeldet wurde, erwartet man für das kommende Silvester Böller- und Feuerwerkseinkäufe in Rekordmenge. Wenngleich ich das nicht brauche, hoffe ich, es ist nicht das letzte Mal, weil uns demnächst staatliches, ganzjähriges Feuerwerk bevorsteht, gesponsert von Russland.

Doch bleiben wir lieber optimistisch: „Guten Rutsch“ heißt es nun wieder überall. Da ich morgens einen nicht ganz so guten Rutsch auf Wegen und Straßen durch überfrierende Feuchte befürchtete, ließ ich das Fahrrad stehen und fuhr mit der Bahn in die neue Arbeitswoche. Die Befürchtung war unnötig, es war kalt aber nicht glatt, so dass ich nach dem wie erwartet ruhigen und nicht sehr langen Arbeitstag in den Genuss eines außerplanmäßigen Fußmarsches zurück kam.

Da die meisten Kollegen Weihnachtsurlaub hatten oder lieber zu Hause Büro, Büro spielten, waren die meisten Büros leer. Auch die Kantine ist darauf eingestellt und bietet in dieser Woche nur eine reduzierte Auswahl an, unter anderem als „Überraschungsgericht“ heute Königsberger Klopse, eine durchaus willkommene Abwechslung zu den kulinarischen Verwöhnungen vergangener Woche in Frankreich.

Der Liebste berichtete abends von einem mitgehörten Gespräch in der Obstabteilung des Rewe: „Orangen … diese hier können wir nicht kaufen, die sind importiert.“ Deutsche, kauft deutsche Zitrusfrüchte, denkt man sich da in scharf rollender Stimme.

Dienstag: Der für mich letzte Arbeitstag des Jahres fühlte sich ausgesprochen freitäglich an, vielleicht weil nun zwei freie Tage vor mir liegen. Freitag, also am echten, darf ich dann wieder ins Werk, das ist nicht schlimm. Und eine Woche mit zwei Freitagen ist ja auch nicht so schlecht.

In einem Artikel las ich das Wort Kund*innennähe und fragte mich: Muss das wirklich sein?

Gedanke zur Weltpolitik: Ich verstehe nicht die Aufregung um die Frage, ob die Ukraine Putins Residenz angegriffen hat oder nicht, und warum Russland glaubt, daraus eine neue Verhandlungsposition ableiten zu können. Wäre ein solcher Angriff nicht völlig legitim gewesen?

Der Tag endete mit Absinth, den der Geliebte beschafft hatte, zuzüglich passender Gläser. Der schmeckt, in vorgesehener Weise zubereitet mit Zucker, Wasser und Eis, sehr gut, dennoch sollte man bezüglich der Verzehrmenge Zurückhaltung üben, denn …

Mittwoch: … er wirkt gegebenenfalls etwas nach. Das Frühstück, an diesem arbeitsfreien Silvestertag aushäusig, schmeckte jedoch wieder, einschließlich dem dazu gereichten Morning Mimosa, ein Prosecco-Saft-Gemisch. Während meine Lieben anschließend noch ein paar Einkäufe tätigten, unternahm ich einen Spaziergang an den Rhein, wo ich mir ein Vorher-Bild machte, ehe die Uferpromenade ab Mitternacht wieder zugemüllt sein wird mit den saisonalen Pyroabfällen.

Vorher

Nachmittags schrieb ich meinen persönlichen Jahresrückblick ins Tagebuch, womit ich Sie nicht behelligen will; es ist auch nicht alles blogbar. Am Ende kam ich jedenfalls zu der Erkenntnis: Im persönlich-privaten Bereich war das Jahr ganz passabel, Schulnote zwei, vier von fünf Sternen. Hoffen wir, auch im neuen Jahr von den dräuenden Unwägbarkeiten der Weltlage persönlich unbehelligt zu bleiben.

Wie im Vorjahr verbrachten wir den Silvesterabend entspannt im Restaurant an der Adenauerallee. Deutlich vor Mitternacht waren wir mit dem Essen durch und wir gingen zu Fuß am Rhein entlang nach Hause, während hier und da die ersten Raketen gezündet wurden. Ja näher wir der Innenstadt kamen, desto mehr Knallköppe Leute kamen uns entgegen auf dem Weg zum Rheinufer, viele bepackt mit Knallware. Zum Jahreswechsel stießen wir mit Champagner auf dem Balkon an, während es rundherum knallte und leuchtete. Haben wir das auch hinter uns.

Rückweg
Feuerwerksspiegelung im Landgericht gegenüber

Vorsatz: Öfter mal „Ist doch egal“ sagen oder denken.

Donnerstag: Obwohl es am Vorabend ethanolisch im Rahmen geblieben war und wir uns nicht allzu spät zur Ruhe gebettet hatten, blieben wir heute bis zum Mittag im Bett, wo nach dem Ausschlafen ausführlich gelesen wurde. Das ist auch mal schön, zumal heute keine terminlichen Pflichten anstanden. Die nachfolgenden Programmpunkte verzögerten sich dadurch um gut eine Stunde, etwa mein Neujahrsspaziergang durch Innere Nord-, West-, Süd- und Innenstadt.

Erstaunlich wenig Pyromüll lag auf den Straßen, vereinzelte Holzstäbe abgebrannter Raketen und nur eine einzige leergeschossene Papp-Batterie sah ich statt der erwarteten flächendeckenden Vermüllung wie in den Vorjahren. Entweder waren die Mitarbeiter der Stadtreinigung schon früh sehr fleißig gewesen oder die Leute haben ihr Zeug anschließend selbst entsorgt, was kaum vorstellbar ist. Wie es am Rheinufer aussah, weiß ich nicht, weil mein Weg dort heute nicht entlangführte.

Der Dreikönigsmarkt in der Innenstadt war heute geschlossen, so kam ich nicht in Versuchung, mich an einem Warmgetränk zu erquicken.

Sinnvolle Einrichtung in der Südstadt
Die neuen Straßenbahnwagen fahren seit kurzem auch auf der Line 62, bislang nur auf der 61

Freitag: Fahrradunfreundlicher Wind, der ganztägig den Turm umtoste, ließ es angeraten erscheinen, auch heute mit der Bahn in den ansonsten noch sehr ruhigen ersten Werktag des neuen Jahres zu fahren, zurück ging es nachmittags zu Fuß. Die meisten Flaneure am Rheinufer waren wie ich in dicke Jacken mit hochgeschlossenen Kragen, Schals und Mützen gehüllt, nur einige Läufer in kurzen Hosen ließen mich noch ein wenig mehr frösteln.

Vormittags tauschte ich im Büro den Wandkalender gegen den neuen und trug den alten ins Altpapier, somit ist das Jahr 2025 gleichsam entsorgt.

Eine zunehmend beliebte, zugleich dämliche Artikelüberschrift bei spektakulären Ereignissen aller Art lautet „Was wir bislang wissen und was nicht“, heute wieder bei General-Anzeiger online zum Brandunglück in der Schweiz in der Silvesternacht mit vielen Toten und Verletzten. Wie lang wäre wohl ein Artikel, der alles benennt, was wir nicht wissen? Zum selben Thema brachte die ARD gestern nach der Tagesschau einen Brennpunkt, was dem Ereignis bei aller Tragik eine gewisse ungewollte Komik verleiht.

Abends fiel Schnee und der Liebste kochte für uns ungefähr eine Lore Grünkohl mit Kartoffeln und umfangreicher Wursteinlage. Dazu gab es (für mich) Dithmarscher Dunkel und anschließend (für alle) einen Schinkenhäger. Ausreichend gesättigt schaute ich danach in der Mediathek den Jahresrückblick von Dieter Nuhr an und lachte mehrfach, habe mir allerdings nichts daraus gemerkt oder notiert, das ich hier zitieren könnte. Schauen Sie es sich einfach an, wenn Sie Dieter Nuhr mögen.

Samstag: Der Plan, im Kaufhof-Restaurant zu frühstücken scheiterte an zu langem Imbettbleiben, das war nicht schlimm. Die Alternative im französischen Café an der Ecke war auch wie gewohnt gut. Anschließend lüftete ich Leib und Seele mit einem Spaziergang durch die Innere Nordstadt und an den Rhein. Der Schneefall des Vorabends und der Nacht hinterließ hier und da weiße Flecken.

Schneefall mit Fleckenbildung auch an der Nordsee in Büsum, wie die örtliche Netzkamera zeigt:

https://www.buesum.de/buesum-erleben/webcams/gruenstrand

In einem Artikel las ich das Wort „niemensch“ und dachte: auch das noch. Herr Nuhr hätte wohl seine Freude daran.

Die Weltlage bietet auch im neuen Jahr wenig Anlass zur Hoffnung auf Besserung: Die USA haben Venezuela angegriffen und Maduro nebst Gattin gefangen genommen. Zwar halte ich Maduro nicht für größeren Mitgefühls würdig, doch was Häuptling Orangehaut sich da nun erlaubt, erscheint zumindest fragwürdig.

Noch einmal Ukraine, jedoch nicht im Zusammenhang mit Weltlage und Krieg, sondern auf lokaler Ebene. Seit geraumer Zeit gibt es gleich bei uns um die Ecke ein ukrainisches Restaurant. Wahrgenommen habe ich es bereits mehrfach im Vorbeigehen, erst nach einem positiven Zeitungsbericht darüber in dieser Woche waren wir heute Abend zum ersten Mal dort. Es hat uns sehr gut gefallen, sowohl das Essen als auch der Service. Da waren wir wohl nicht zum letzten Mal.

Sonntag: Der Tag begann früh, da unsere Karnevalsgesellschaft auch in diesem Jahr an einem rheinischen Mundartgottesdienst in Bad Godesberg mitwirkte. Es wurde wieder gelacht und applaudiert. Warum auch nicht, Gott hätte wohl nichts dagegen.

„Amaretto ist ein geiles Zeug, ich bin schon lull und lall“ lautete eine der wahrsten Liedzeilen der Neuen Deutschen Welle in der ersten Hälfte der Achtziger, die Älteren erinnern sich vielleicht. Diese kam mir nachmittags nach einem längeren Spaziergang auf die andere Rheinseite in den Sinn, als ich mich auf dem Dreikönigsmarkt mit einem derart angereicherten Glühwein (ohne lull und lall) wärmte. Vermutlich vorläufig zum letzten Mal, auch dieser Restmarkt endet am kommenden Dienstag.

Geiles Zeug, verdünnt

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Kommen Sie gut durch die Woche und, man kann es wohl noch wünschen, das Jahr. Lassen Sie sich durch die Ereignisse nicht allzu sehr die Laune verderben. Ich versuche es jedenfalls.

19:00

Woche 1/2025: Schon mal ein guter Anfang

Montag: Um nicht ganz aus der Übung zu kommen, fuhr ich heute mal wieder ins Büro. Dort war nicht sehr viel zu tun, der Maileingang während der Weihnachtsurlaubstage überschaubar. Auch sonst war es ruhig, in den anderen Büros und mittags in der Kantine nur wenige Menschen. Das Arbeitsende kam zeitig, morgen habe ich schon wieder frei, um das Gleitzeitkonto zu putzen. Ab Donnerstag dann wieder voller Einsatz. Oder ab nächsten Montag. Spätestens Dienstag.

Weiterhin waren die letzten Fächer des Büro-Adventskalenders zu leeren. Statt den Schokoladeninhalt direkt zu verzehren, verstaute ich ihn vorerst in der Schreibtischschublade. Die Lust auf Süßes hält sich im Moment in Grenzen, neben drei Schoko-Nikolausen (oder -läusen?) liegen dort sogar noch zwei Nougat-Marzipan-Baumstämme. Danke, ansonsten geht es mir gut.

Vergangene Woche äußerte ich mich despektierlich gegenüber der menschlichen Bequemlichkeit, stets den Aufzug statt die Treppe zu nutzen. Als keineswegs konsequenter Mensch nehme ich ihn selbst täglich, um ins Büro zu kommen, das allerdings zurzeit im achtundzwanzigsten Stock liegt, sei zu meiner Ausflucht angeführt. Hierzu ist der Entschluss ergangen, ab sofort einmal täglich wenigstens für eine Teilstrecke aufwärts das Treppenhaus zu benutzen. Damit habe ich heute sogleich begonnen, sogar zweimal: nach dem Treffen der Kollegin vormittags über sieben, nach dem Mittagessen sogar zehn Stockwerke. Das ist schon mal ein guter Anfang.

Ebenfalls bezugnehmend auf den Eintrag vergangener Woche wurde ich darauf hingewiesen, dass die Mehrzahl von Teelicht „Teelichte“ heißt und nicht „Teelichter“. Das ist für einen Sprachpingel wie mich, der gerne Anstoß nimmt an anderer Leute liederlichem Sprachgebrauch, peinlich. Doch ein Blick in den Duden zeigt: Beides ist korrekt. (Glück gehabt.)

Dennoch danke für den Hinweis.

Dienstag: Wie morgens gemeldet wurde, gingen bei der Polizei Notrufe wegen vorzeitig gezündeter Silvesterraketen ein. Warum auch nicht, die Polizisten freuen sich bestimmt, wenn sie was zu tun haben.

Auch dieses heute endende Jahr war das wärmste seit Messbeginn, steht in der Zeitung. An diese Meldung müssen wir uns wohl gewöhnen, jedes Jahr wieder um Silvester, jeweils mit aktueller Jahreszahl.

Im Zusammenhang mit der Kennzeichnung Bonner Fahrradstraßen fällt das Wort „Planungsmeinungen“. Interessant.

Nachmittags schrieb ich den persönlichen Jahresrück- und -ausblick ins Tagebuch, wie jedes Jahr. Damit will ich Sie gar nicht weiter behelligen, vielleicht nur der letzte Satz: Trotz aller weltpolitischen und klimatischen Unwägbarkeiten blicke ich für mich und uns persönlich mit Zuversicht dem neuen Jahr entgegen. – Mag sein, dass das naiv ist. Aber das von vielen nicht nur in den Blogs zu recht beklagte 2024 war für uns persönlich auch nicht schlecht.

Den Silvesterabend verbrachten wir in einem Restaurant an der Adenauerallee, wo ein viergängiges Menü serviert wurde. Essen, Weinbegleitung und Service waren ausgezeichnet. Leider setzte bei mir beim dritten Gang die Sättigung ein, vielleicht komme ich wirklich langsam ins Seniorentelleralter. Dank Unterstützung meiner Lieben kam nichts um.

Das Essen war so zeitig beendet, dass wir gemütlich am Rhein entlang nach Hause spazieren konnten, wo wir vor Mitternacht ankamen. Während der Gehens sahen wir auf beiden Rheinseiten schon zahlreiche vorzeitige Raketen ihre bunten Lichter streuen, hoffentlich ohne Notrufauslösung. Je mehr wir uns der Innenstadt näherten, desto mehr Menschen, vor allem mit Raketen und Böllern hochgerüstete junge Männer versammelten sich am Ufer. Ich vermute eine Schnittmenge mit jenen Testosteronträgern, die im übrigen Jahr in sogenannten Sportwagen mit knallfurzenden Auspuffen durch die Innenstadt brausen. Nur eine Vermutung.

Ich bin übrigens froh, in Bonn zu wohnen und nicht in Hamburg oder Berlin. Der Liebste und ich waren vor Jahren mal zu Silvester in Hamburg. Schon auf dem Weg zur Party am frühen Abend wurden uns in der Menschenmenge alle paar Meter Knaller vor die Füße geworfen; nicht diese kleinen roten Pengmacher, sondern richtig fiese, dicke, laute Dinger. Da beschloss ich, Silvester nie wieder in einer so großen Stadt zu verbringen.

Diesen Jahreswechsel erlebten wir hingegen in altersgerechter Entspanntheit: Mit einem Glas Cremant in der Hand schauten wir vor dem Haus zu, wie andere wieder viel Geld in die Luft jagten.

Rückweg

Mittwoch: Frohes neues Jahr, mit lange schlafen, knappem Frühstück und einem Spaziergang mit dem Liebsten.

Was von 2024 übrig blieb

Donnerstag: Vergangene Nacht schlief ich schlecht, schätzungsweise bis vier Uhr wälzte ich mich wach, obwohl draußen Regentropfen auf die Fensterbank trommelten, was normalerweise schlaffördernd wirkt. Doch wurde das Trommeln untermalt, zeitweise übertönt durch Schnarchen in Stereo Dolby Surround von nebenan.

Erstmals in diesem Jahr ging ich, durch immer noch leichten Regen, zu Fuß ins Werk. Das übliche Foto mit Rhein, Promenade, Siebengebirge und Mutterhaus im Hintergrund denken Sie sich heute bitte, da ich durch den Regenschirm gehindert war, es zu schießen. Es war ohnehin noch dunkel.

„Frohes Neues“ aus allen Mündern. Der Arbeitstag fühlte sich montäglich an, Laune und Arbeitseifer entsprachen ungefähr der Trübnis vor dem Bürofenster. Vielleicht eine Folge des Schlafmangels. Dazu wenig passend eine längere Teams-Besprechung am Vormittag mit einem Lieferanten für ein geplantes Vorhaben, die mehr Aufmerksamkeit meinerseits erforderte als verfügbar. Irgendwie kamen wir dennoch ganz gut durch und vorzeitig zum Ende. Ansonsten weiterhin in den Büros nebenan wenig Betrieb, dafür war mittags die Kantine erstaunlich gut besucht. Meine Hoffnung auf ungestörtes Alleinessen mangels der üblichen Mitesser erfüllte sich nicht, als sich ein gesprächsbereiter Kollege zu mir setzte. Die Unterhaltung war dann aber recht angenehm, insbesondere die Erkenntnis: Mit dem möchte ich auch nicht tauschen. Anschließend ging ich dem neuen Vorsatz entsprechend elf Etagen durch das Treppenhaus hoch ins Büro, ab da weiter mit dem Aufzug. Nicht gleich zu Beginn übertreiben.

„Herzlichen Glühstrumpf“ sagte ein Kollege in anderem Zusammenhang, was meinen Sprachnerv leicht zucken ließ.

Entgegen meiner Abneigung sah ich mich abends genötigt, mit dem Auto zur Musikerprobe nach Bad Godesberg zu fahren. Wegen Regens erschien mir die übliche Radfahrt unangenehm, der Stadtbahnnutzung stand der derzeitige Schienenersatzverkehr entgegen. Ich habe nie behauptet, ein konsequenter Mensch zu sein, der gegen die Verlockungen der Bequemlichkeit immun ist.

Freitag: Morgens nach Ankunft im Büro zeigte sich vorübergehend ein Anflug von Morgenröte und Sonnenaufgang über dem Siebengebirge, ehe dichte Wolken den Himmel verdunkelten; bald darauf war der Turm von Schnee umtost. Zumindest diesbezüglich ist meine Arbeitsstelle aussichtsreich.

Ob es am perfekten Al Dente der Spaghetti lag, die es mittags in der Kantine gab, weiß ich nicht, jedenfalls löste sich beim Essen erneut die Zahnkrone oben rechts hinten, zum zweiten Mal innerhalb von zwölf Monaten. Das hielt mich nicht davon ab, auch heute nach der Mittagspause über elf Etagen die Treppe zu nehmen, notfalls ginge das ganz ohne Zähne. Glücklicherweise erreichte ich nach Rückkehr ins Büro noch die Zahnarztpraxis meines Vertrauens, was am Freitagmittag nicht selbstverständlich ist; bereits für Montagmorgen wurde mir ein Reparaturtermin eingeräumt. Vielleicht kommt der Zahn doch bald raus, schon lange empfiehlt mir das der Zahnarzt, weil er locker sitzt und Probleme bereiten könnte. Dieser Konjunktiv hielt mich bislang davon ab, da mir der Zahn bislang keinen Kummer machte. Bis auf den gelegentlichen Kronenabwurf halt. Mal hören, was der Dentist Montag sagt.

Kurz vor Feierabend hüllte die Spätnachmittagssonne den Rheinauenpark in gar wunderbares Licht. Die Ufos am oberen Bildrand sind nur Spiegelungen der Bürobeleuchtung.

Samstag: Der Wecker melde sich zu wochenendlicher Unzeit bereits um acht Uhr, da eine Vereinspflicht zu erfüllen war. Diese bestand aus der gemeinsamen Probe mit dem befreundeten Musikverein aus und in Morsbach-Holpe, einem idyllischen Ort im Bergischen Land, der unser Musikcorps demnächst bei der Prunksitzung der Karnevalsgesellschaft unterstützen wird. Meine anfänglich trübe Stimmung infolge des verhinderten Ausschlafens hellte sich augenblicklich auf, als das erste Stück gemeinsam gespielt wurde. Welch ein Unterschied gegenüber dem Gewohnten, mit so vielen Leuten und unterschiedlichen Instrumenten zu musizieren! Die Begeisterung versetzte mich in länger anhaltendes Grinsen, was beim Trommeln glücklicherweise nicht hinderlich ist; das frühe Aufstehen hatte sich gelohnt.

Im Bergischen Land liegt Schnee. Blick auf Waldbröl-Heide

Sonntag: Die amtlich angekündigte Eisglätte fand in Bonn zum Glück nicht statt, nur Regen ließ ein längeres Verweilen im Bett verlockend erscheinen. Doch auch dieser Tag begann früh, erneut aus karnevalistischen Gründen. In einer Godesberger Kirche wurde die jährliche Mundart-Messe gehalten, an der unsere Karnevalsgesellschaft beteiligt ist mit Musik und Lesungen in rheinischer Sproch. Wie für andere der Heiligabend, ist dies (nicht nur) für mich regelmäßig der einzige Grund im Jahr, mich länger in einer (kalten) Kirche aufzuhalten. Wie immer war es sehr kurzweilig, weil der diensthabende Pastor seine Sache sehr gut macht, gelegentlich wird auch gelacht und applaudiert, was in Gottesdiensten ja sonst eher selten vorkommt. Warum eigentlich? Wenn es den gütigen Gott gibt, hat er bestimmt nichts dagegen.

Vielleicht hat er auch nichts gegen Silvesterfeuerwerk: Fast so heftig wie das zurückliegende sind nun die allgegenwärtigen Forderungen nach einem Verbot, nachdem es – wie jedes Jahr – zu Verletzungen und Todesfällen durch unzulässiges Pyromaterial und mangelnde Vorsicht kam. (Das in diesem Zusammenhang häufig benutzte Wort „tragisch“ ist nur angebracht, soweit Unbeteiligte betroffen sind. Ansonsten ist es schlicht Dummheit.) Seit vielen Jahren geben meine Lieben und ich für derlei Zeug kein Geld mehr aus, auch könnte ich auf Licht- und Knallbegleitung des Jahreswechsels verzichten; das neue Jahr beginnt trotzdem, die bösen Geister bleiben. Gleichwohl stört es mich im angemessenen Rahmen nicht, solange andere nicht bewusst damit belästigt werden, siehe die Anmerkungen vom Dienstag. Auch liegt es mir fern, alle, die Spaß daran haben, pauschal als Vollidioten zu betrachten. Deshalb erscheint mir ein generelles Verbot nicht sinnvoll, zumal die Mehrheit der Pyrofreunde vermutlich besonnen und – soweit man das hier so nennen kann – vernünftig handelt. Vielmehr würden es bestimmte Parteien als weitere Bestätigung ihrer zweifelhaften Thesen missbrauchen.

Spaziergang am Nachmittag. Es gibt kein schlechtes Wetter.

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Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Jahr 2025 mit viel Gesund- und Zufriedenheit sowie wenigstens etwas Optimismus. Es nützt ja nichts, nur noch die bösen Geister zu sehen. Und eine gute Woche; wenn Sie jetzt wieder zu arbeiten beginnen, lassen Sie es möglichst ruhig angehen. Hektisch wird es wieder früh genug.

Woche 52/2023: Akuter Magenstillstand und verkohlte Balkons

Montag: Nachlese zum Heiligabend gestern. Gegen zweiundzwanzig Uhr setzte akuter Magenstillstand ein, nachdem es wieder von allem zu viel gab: zunächst nach Ankunft bei des Geliebten Eltern Kuchen, von der Nachbarin mit sichtlich viel Hingabe zubereitet, eine übertrieben große Tasse Eierpunsch, Vorspeisen-Häppchen mit Fisch und Krabben, Rinderfilet zum Hauptgang, schließlich Dessert. Ein jedes für sich genommen köstlich (wobei eine wesentlich kleinere Tasse Eierpunsch völlig gereicht hätte), alles zusammen jedoch nicht zu bewältigen, auch nicht bei Verdünnung durch die in nennenswerten Mengen gereichten Getränke. Das ganze gewürzt, vielleicht etwas überwürzt durch Heldengeschichten, während ungefähr im Minutentakt ein grünes Kleingetränk mit Waldmeisternote eingeschenkt wurde.

Auch Zahl und Umfang der gegenseitig überreichten Geschenke waren reichlich. Vermutlich schrieb ich es schon: Wenn es nach mir ginge, gäbe es Geschenke nur noch für Kinder und bedürftige Personen, ich hingegen verzichte gerne auf jede Art von Gaben zu Weihnachten, Geburtstagen und weiteren Anlässen, zu denen sich Menschen zum Schenken genötigt sehen. Das geht natürlich nicht – Wenn das alle so sähen, brächen wesentliche Teile unserer Wirtschaft, vielleicht unser gesamtes Gesellschaftssystem zusammen, das unter anderem darauf basiert, dass wir möglichst viel Zeug kaufen, das niemand benötigt. Eine Lösung weiß ich dafür auch nicht. Wunschdenken: Mein größter Weihnachtswunsch ginge in Erfüllung, wenn wir endlich auf diese gegenseitige Pflichtschenkerei verzichten würden. Vielleicht mache ich einfach mal den Anfang: Wenn ich Anfang Februar Geburtstag habe, freue ich mich über Gratulationen, bitte jedoch dringend darum, von Geschenken abzusehen, ich habe alles, wirklich. Damit würde man mir einen großen Gefallen tun. (Wenn ich hiermit schenkfreudige Mitmenschen vor den Kopf stoße, tut es mir leid, ich bitte um Nachsicht. Gleichwohl wäre ich allen wirklich sehr dankbar.)

Doch blicken wir auf das Positive: Ich erwachte heute völlig katerfrei, was gemessen an den Vorabendgetränken erstaunlich ist. Nicht ganz so positiv: Gegen vier Uhr in der Frühe kehrten der Nachbar über uns und seine Gäste von irgendwoher zurück und verdeutlichten den übrigen Hausbewohnern, uns, durch Abspielen von Musik ihre Auslegung der stillen Nacht.

Wiederum sehr positiv: Da wir die Familienbesuchspflichen in Ostwestfalen bereits am vorherigen Wochenende erledigt hatten, ich berichtete, standen heute keine Reisen an. Stattdessen ruhige Sofastunden mit Lektüre der Sonntagszeitung und ein langer Spaziergang.

Besinnlichkeitsquisquilien zum Mitnehmen

Reisen werden wir morgen, nicht nach Ostwestfalen, sondern für ein paar Tage ins Burgund, übrigens ein Geschenk an den Geliebten. Darauf freue ich mich. Er bislang nicht so, das kommt bestimmt noch.

Abends schauten wir uns die Weihnachtsshow von Helene Fischer an. Mein Leben wäre keinen Cent ärmer, wenn wir das nicht getan hätten, andererseits hat es nach bisherigen Erkenntnissen keinen bleibenden Schaden hinterlassen.

Dienstag: Um halb neun morgens machten wir uns auf den Weg nach Beaune, wo wir nach fünfeinhalb Stunden recht entspannter Autofahrt ankamen; kurz vor Ankunft brach uns zum Wohlgefallen die Sonne durch die Trübnis. Nach einem Ankunftsgetränk im Hotel gingen wir eine Runde durch die unerwartet menschenvolle Stadt, wo meine Lieben umgehend damit begannen, diverse Textil- und Lebensmittelgeschäfte leer zu kaufen. (Auch ich erstand spontan eine preisreduzierte Winterjacke, gleichsam Liebe auf den ersten Blick. Soviel zur erst gestern geäußerten Konsumkritik.) Der Geliebte scheint zufrieden, immerhin.

Mittwoch: In der Euphorie des ersten Abends blieben wir gestern womöglich etwas länger als unbedingt nötig am Kaminfeuer der Hotelbar, wo nach mehreren Gläsern Burgunder der Geliebte nur mit Mühe und Unterstützung des Hotelpersonals davon abgehalten werden konnte, das Feuer mit weiteren Holzscheiten totzuwerfen.

Infolgedessen zogen wir uns heute nach dem Frühstück zunächst ins Zimmer zurück, das, wie das ganze Hotel, großartig ist. Es geht über zwei Etagen, oben auf der Empore befindet sich unter dem Dachfenster ein Sofa, ein hervorragender Ort zum Lesen und Bloggen, wo diese Zeilen entstanden, derweil von unten Schlafgeräusche zu vernehmen waren.

Nachdem vor ein paar Tagen Ingrid Steeger gestorben ist, wurde heute der Tod von Wolfgang Schäuble gemeldet. Einen direkten Zusammenhang gibt es nicht, wobei Klimbim und Politik manchmal schon Gemeinsamkeiten aufweisen.

Donnerstag: Fast den ganzen Tag regnete es, was die Stimmung nicht zu trüben vermochte. Nach dem Frühstück unternahmen wir eine Ausfahrt durch die Gegend südlich von Beaune, unter anderem durch Autun, wo wir ein einem überdimensionalen Termitenbau ähnelndes Bauwerk unbekannter Zweckbestimmung besichtigten.

..

Wir durchfuhren großflächige Weinfelder, deren Reben für dieses Jahr ihre Pflicht erfüllt haben und die nach dem Beschnitt nur noch aus dunklen, blattlosen Holzstümpfen bestehen, dazwischen waagerecht gespannte Drähte, an denen Wassertropfen Perlenketten bildeten. In den Feldern immer wieder gegen den trüben Himmel steigende Rauchwolken von den Feuern des Rebschnittes, deren Asche später als Dünger zwischen den Reben ausgebracht wird, auf dass sie neue Zweige bilden, die dann im nächsten Winter wieder verfeuert werden. Und so weiter.

Auf dem Rückweg erstanden wir in Saint Aubin eine größere Menge des örtlichen Rebenproduktes, auf dass unsere heimischen Vorräte nicht zur Neige gehen, was auf absehbare Zeit nicht zu befürchten ist.

Freitag: Heute besuchten wir bei freundlicherem Wetter Dijon, unter anderem die örtliche Markthalle, schon wegen ihrer historischen Eisenkonstruktion sehenswert. Für das deutsche Auge gewöhnungsbedürftig, nicht nur in Dijon sondern generell in französischen Markthallen ist die Warenpräsentation: Hühner und andere Vögel wurden zwar gerupft, ansonsten ist alles dran, insbesondere Köpfe und Füße. Der gerupften Kreatur kann es egal sein, da sie sich bereits im Geflügeljenseits befindet, mit oder ohne Krallen. Anders dagegen am Fischstand Hummer und Taschenkrebse: Sie leben noch, jedenfalls einige von ihnen. Nicht einigermaßen erträglich in einem Wasserbecken, vielmehr liegen sie mit zusammengebundenen Scheren auf dem Trockenen oder geschreddertem Eis und warten mit letzten Zuckungen auf den Kochtopf des Käufers. „Geh weiter“ meint man in ihren Blicken zu sehen. Das finde ich schon ziemlich bedenklich. Gleiches gilt für Austern, nur sieht man es ihnen nicht an, da sie weder zucken noch kucken.

Wesentlich besser ging es augenscheinlich den Markthallenbesuchern, die sich an der Bar schon zur Mittagszeit dem Wein widmeten, was auch uns zu einem Gläschen im Stehen inspirierte, wo man schon mal da war.

Innenansicht
Außenansicht

Auf dem Rückweg machten wir kurz Halt in Nuits-Saint-Georges, wo ich erstmals im Leben ein französisches Postamt betrat und Briefmarken kaufte.

La Poste

Samstag: Mittags verließen wir Beaune in Richtung Bonn, wo wir nach erfreulich ereignisloser Fahrt am frühen Abend ankamen.

Auch in Beaune gibt es eine Markthalle, die wir vor Abreise besuchten. Allerdings ohne Marktschänke.

Aus einem Zeitungsartikel über Regeln für das Feiern von Silvester: »Vorsicht geboten ist bei Feuerwerkskörpern. Dass die nicht auf Passanten abgefeuert werden dürfen, sollte ein Allgemeinplatz sein.« Demnach also Feuer frei auf alles, was da kreucht und fleucht. Weiter: »Gastgeber haften dabei auch für ihre Gäste, wenn Raketen oder Böller aus ihrer Wohnung heraus gezündet werden und beispielsweise den Balkon der Nachbarn verkohlen«. Liest das vor Veröffentlichung keiner korrektur?

Sonntag: Silvester. Morgens beim Brötchenholen sah ich in der Innenstadt mehrere Gruppen zumeist älterer Menschen, davor jeweils eine stadtkundige Erklärperson, die etwas über Bonns Wissens- und Sehenswürdigkeiten erzählt. Danach kehrten sie vielleicht zurück auf ihr Hotelschiff, wo heute Abend die Bordkapelle zum Tanz aufspielt. Warum auch nicht.

Irgendwo las ich „Hirschrücken“ und verband das Wort kurzzeitig mit einem mir bislang unbekannten Spiel, bei dem es darum geht, Rotwild durch die Gegend zu schieben, ehe sich die kulinarische Bedeutung einstellte. Manchmal sind mir meine eigenen Gedankengänge unheimlich.

Gelesen hier: »Der Meeresspiegel steigt und Noah ist 2023 schon wieder der beliebteste Name für neugeborene Jungs. Genau mein Humor.«

In den Blogs nun wieder die üblichen Jahresrückblicke, dazu auch gerne verwendet der einheitliche Fragenkatalog. („Haare kürzer oder länger“, „Bestes Essen“ und so weiter, vielleicht kennen Sie den.) Darauf verzichte ich auch in diesem Jahr, um Sie nicht über Gebühr zu langweilen. Nur so viel: Trotz aller Krisen, Kriege und Katastrophen war 2023 für mich persönlich ein sehr gutes Jahr, auch dem neuen schaue ich mit Zuversicht entgegen.

***

Ich danke Ihnen, meinen Leserinnen und Lesern, dass Sie hier ab und zu reinschauen, und hoffe, dass Sie das weiterhin tun werden. So bleibt mir nur noch, Ihnen alles Gute für das neue Jahr, Optimismus, Gesund- und Zufriedenheit zu wünschen. (Einen „guten Rutsch“ zu wünschen vermeide ich, weil es ein wenig nach Oberschenkelhalsbruch klingt.) Machen Sie es gut, wir lesen uns!

Woche 52/2021: Allzu große Strengnahme führt selten zu etwas Sinnvollem

Montag: Der Justizminister möchte die „Wahlverwandtschaft“ ermöglichen. Hierzu steht im Koalitionsvertrag: »Wir werden das Institut der Verantwortungsgemeinschaft einführen und damit jenseits von Liebesbeziehungen oder der Ehe zwei oder mehr volljährigen Personen ermöglichen, rechtlich füreinander Verantwortung zu übernehmen.« Das wäre mal eine echte Innovation, wenn man seine Verwandtschaft künftig wählen kann statt sie wie bislang ausschließlich ohne Widerspruchs- und Rückgaberecht von der Natur zugeteilt zu bekommen. Auch das „oder mehr“ klingt interessant und dürfte Kirchen wie konservative Kreise aufhorchen lassen.

Ansonsten berichtet die Zeitung – nicht zum ersten Mal – über einen knapp dreihundert Meter langen Trampelpfad, der sich im Laufe der Zeit am Beueler Rheinufer gebildet hat, siehe rote Linie:

(Mit freundlicher Unterstützung von Google Maps)

Schon lange beschäftigt der Pfad Naturschützer, besorgte/empörte Bürger und Politiker; seit Jahren versucht die Stadt Bonn, dem Wildtrampeln Einhalt zu gebieten durch Bepflanzung, Findlinge und Baumstämme, alles ohne Erfolg, obwohl der reguläre Weg nördlich des Pfades keinen nennenswerten Umweg bedeutet, wie Sie vielleicht erkennen können. Doch die menschliche Bequemlichkeit ist nicht zu beugen, selbst wenn sie nur subjektiv empfunden wird; zuletzt wurde gar ein Holzzaun zerstört. Vielleicht sollte die Stadt es mal mit Fußangeln, Fallgruben, Stolperdrähten, Exkrementausbringung oder Landminen versuchen.

Dienstag: Mittags stand ich vor der verschlossenen Kantine, vielen Dank an Omikron und Querfurzer. Stattdessen gab es in einem werksgastronomischen Nebenbetrieb noch was, sogar zum örtlichen Verzehr. Ab kommender Woche öffnet die Kantine dem Vernehmen nach wieder, allerdings vorerst nur für den Verzehr außer Haus. Das wäre geeignet, meine Laune zu trüben, doch was nützt es? Nicht nur wegen der über die Weihnachtstage verzehrten Speisemengen ist die Gefahr, zu verhungern, gering, und irgendwann darf man bestimmt wieder im Haus essen, wenigstens einige Wochen oder Monate lang. Vielleicht irgendwann wieder für immer, womöglich gar noch vor meiner Pensionierung. Sicher ist das keineswegs.

Auch gestern protestierten in Bonn wieder rund achthundert Menschen gegen Siewissenschon, wie die Zeitung heute berichtet. „Es ist mei­ne freie Ent­schei­dung über mei­nen Kör­per, ob ich mich imp­fen las­se oder nicht“, sagte einer, der seinen Na­men nicht in der Zei­tung le­sen will; darüber besser nicht aufregen, bringt nichts. Wesentlich origineller das Argument eines anderen Impf- und Maskenmeiders: „Ge­stor­ben wur­de schon im­mer.“ Zum Glück, möchte man da ergänzen.

Mittwoch: Man hört und liest nun oft, eine allgemeine Impfpflicht würde „die Gesellschaft spalten“. Wenn man ein Stück Holz auf den Spaltklotz legt und mit der Axt so daneben haut, dass am rechten (oder linken) Rand nur ein kleiner Span abgetrennt wird: Ist das Holz dann gespalten?

Ein schöner Verschreiber ist übrigens „Impflicht“: Ich zünde ein Licht an, auf dass ein jeder sich impfen lasse. (Eine jede und alle anderen natürlich auch.)

Donnerstag: Erstmals las ich im Zusammenhang mit wild abgestellten und umgeworfenen Elektrorollern das schöne Wort „Rollermikado“.

Der Journalist Claus Kleber im General-Anzeiger über Interviews mit Olaf Scholz: »Das ist einer, der die Frage kaum zur Kenntnis nimmt. Der wartet, bis der Interviewer aufhört zu reden, und spult dann seinen Standard ab.« Nicht nur Herr Scholz beherrscht diese zweifelhafte Kunst, möchte man ergänzen. Glauben die wirklich, wir merken das nicht?

Freitag: Silvester. Nicht nur das Jahr ist zu Ende: Erst jetzt erfuhr ich vom Tod eines Bekannten, der bereits am vergangenen Sonntag im Alter von 69 Jahren diese Welt verlassen hat. Auch wenn wir uns nicht sehr nahe standen, so geht es mir doch recht nahe. Lieber B, ich erhebe mein Glas auf dich!

Ansonsten war 2021 in persönlicher Hinsicht kein besonders schlechtes Jahr, dennoch kann es weg, ich werde es nicht sehr vermissen.

Spaziergänge am Rhein würde ich indessen sehr vermissen.

Samstag: Neujahrsbedingt verzögerte sich der Frühstücksbeginn um mehrere Stunden, dafür fiel es etwas knapper aus. Nachtrag zu vergangener Woche: Kaffee, dessen Bohnen zuvor das Gedärm einer Schleichkatze passiert haben, schmeckt nicht besser, er ist nur teurer, wir haben das mal für Sie ausprobiert. (Streng genommen sind das keine Bohnen, sondern Beeren beziehungsweise deren Kerne, aber allzu große Strengnahme führt ja selten zu etwas Sinnvollem.)

Während des längeren Ernüchterungsspazierganges entdeckte ich im Stadtteil Beuel zwei weitere Trafotürme, die meinem Auge bislang entgangen waren und meine Sammlung nun ergänzen.

Sonntag: Das Naturfilmportal XHamster muss womöglich bald seinen Betrieb einstellen, stand in der Zeitung. Das ist ungerecht, ich kann mich da nur wiederholen: Tatort genießt mit Mord und Todschlag zur besten Sendezeit Kultstatus bei Jung und Alt, aber sobald eine Erektion zu sehen ist, wird unsere Jugend gefährdet? Das ist doch lächerlich.

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Liebe Spamversende/(r), auch Gendern will gelernt sein.

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Sichtung im ICE 1050 auf dem Weg von Bielefeld nach Bonn: Die waren entweder sehr teuer oder extrem billig, ich kenne mich da nicht so aus.

Lächerlich sind im Übrigen auch alte Männer auf zu lauten Motorrädern.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche und alles Gute für das noch neue Jahr! Es würde mich freuen, wenn Sie auch künftig ab und zu hier reinschauen.

Zwischen den Jahren

Die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester wird gerne „zwischen den Jahren“ genannt. Das ist natürlich Unsinn: Wie ein Blick in den nur noch dünnen Kalender zeigt, befinden wir uns noch immer im alten Jahr, das in letzten Zuckungen dem Ende entgegen siecht.

Und doch haben diese Tage etwas Zwischenzeitliches, jedenfalls wenn man keinen Urlaub hat: Die wesentlichen Aufgaben des Jahres sind erledigt, alles andere kann bis zum nächsten Jahr warten. Nächstes Jahr – wie fern das klingt, dabei ist es schon nächste Woche, übermorgen bereits. Man fängt nichts Neues mehr an, dafür macht man früh Feierabend, wenn man die Möglichkeit hat. Für das wenige, was noch zu tun ist, nimmt man sich Zeit, auch für Dinge, zu denen man sonst nicht kommt. Hektisch wird es erst wieder im neuen Jahr, wenn sie alle zurück sind aus dem Weihnachtsurlaub und die anderen mit Mails, Anrufen, Powerpoint und Besprechungen behelligen; alles dringend, alles wichtig.

Bis dahin herrscht himmlische Ruhe – das Telefon schweigt, kaum Maileingang, der Kalender terminfrei. Das Kantinenangebot ist eingeschränkt, wir sind noch satt von Weihnachten. Auch in den Büros ist fast niemand, daran wird sich indes auch im neuen Jahr so bald nicht viel ändern. Insofern hat „zwischen den Jahren“ noch eine andere, durchaus zutreffende Bedeutung bekommen.