Woche 1/2026: Ist doch egal

Montag: Wie morgens im Radio gemeldet wurde, erwartet man für das kommende Silvester Böller- und Feuerwerkseinkäufe in Rekordmenge. Wenngleich ich das nicht brauche, hoffe ich, es ist nicht das letzte Mal, weil uns demnächst staatliches, ganzjähriges Feuerwerk bevorsteht, gesponsert von Russland.

Doch bleiben wir lieber optimistisch: „Guten Rutsch“ heißt es nun wieder überall. Da ich morgens einen nicht ganz so guten Rutsch auf Wegen und Straßen durch überfrierende Feuchte befürchtete, ließ ich das Fahrrad stehen und fuhr mit der Bahn in die neue Arbeitswoche. Die Befürchtung war unnötig, es war kalt aber nicht glatt, so dass ich nach dem wie erwartet ruhigen und nicht sehr langen Arbeitstag in den Genuss eines außerplanmäßigen Fußmarsches zurück kam.

Da die meisten Kollegen Weihnachtsurlaub hatten oder lieber zu Hause Büro, Büro spielten, waren die meisten Büros leer. Auch die Kantine ist darauf eingestellt und bietet in dieser Woche nur eine reduzierte Auswahl an, unter anderem als „Überraschungsgericht“ heute Königsberger Klopse, eine durchaus willkommene Abwechslung zu den kulinarischen Verwöhnungen vergangener Woche in Frankreich.

Der Liebste berichtete abends von einem mitgehörten Gespräch in der Obstabteilung des Rewe: „Orangen … diese hier können wir nicht kaufen, die sind importiert.“ Deutsche, kauft deutsche Zitrusfrüchte, denkt man sich da in scharf rollender Stimme.

Dienstag: Der für mich letzte Arbeitstag des Jahres fühlte sich ausgesprochen freitäglich an, vielleicht weil nun zwei freie Tage vor mir liegen. Freitag, also am echten, darf ich dann wieder ins Werk, das ist nicht schlimm. Und eine Woche mit zwei Freitagen ist ja auch nicht so schlecht.

In einem Artikel las ich das Wort Kund*innennähe und fragte mich: Muss das wirklich sein?

Gedanke zur Weltpolitik: Ich verstehe nicht die Aufregung um die Frage, ob die Ukraine Putins Residenz angegriffen hat oder nicht, und warum Russland glaubt, daraus eine neue Verhandlungsposition ableiten zu können. Wäre ein solcher Angriff nicht völlig legitim gewesen?

Der Tag endete mit Absinth, den der Geliebte beschafft hatte, zuzüglich passender Gläser. Der schmeckt, in vorgesehener Weise zubereitet mit Zucker, Wasser und Eis, sehr gut, dennoch sollte man bezüglich der Verzehrmenge Zurückhaltung üben, denn …

Mittwoch: … er wirkt gegebenenfalls etwas nach. Das Frühstück, an diesem arbeitsfreien Silvestertag aushäusig, schmeckte jedoch wieder, einschließlich dem dazu gereichten Morning Mimosa, ein Prosecco-Saft-Gemisch. Während meine Lieben anschließend noch ein paar Einkäufe tätigten, unternahm ich einen Spaziergang an den Rhein, wo ich mir ein Vorher-Bild machte, ehe die Uferpromenade ab Mitternacht wieder zugemüllt sein wird mit den saisonalen Pyroabfällen.

Vorher

Nachmittags schrieb ich meinen persönlichen Jahresrückblick ins Tagebuch, womit ich Sie nicht behelligen will; es ist auch nicht alles blogbar. Am Ende kam ich jedenfalls zu der Erkenntnis: Im persönlich-privaten Bereich war das Jahr ganz passabel, Schulnote zwei, vier von fünf Sternen. Hoffen wir, auch im neuen Jahr von den dräuenden Unwägbarkeiten der Weltlage persönlich unbehelligt zu bleiben.

Wie im Vorjahr verbrachten wir den Silvesterabend entspannt im Restaurant an der Adenauerallee. Deutlich vor Mitternacht waren wir mit dem Essen durch und wir gingen zu Fuß am Rhein entlang nach Hause, während hier und da die ersten Raketen gezündet wurden. Ja näher wir der Innenstadt kamen, desto mehr Knallköppe Leute kamen uns entgegen auf dem Weg zum Rheinufer, viele bepackt mit Knallware. Zum Jahreswechsel stießen wir mit Champagner auf dem Balkon an, während es rundherum knallte und leuchtete. Haben wir das auch hinter uns.

Rückweg
Feuerwerksspiegelung im Landgericht gegenüber

Vorsatz: Öfter mal „Ist doch egal“ sagen oder denken.

Donnerstag: Obwohl es am Vorabend ethanolisch im Rahmen geblieben war und wir uns nicht allzu spät zur Ruhe gebettet hatten, blieben wir heute bis zum Mittag im Bett, wo nach dem Ausschlafen ausführlich gelesen wurde. Das ist auch mal schön, zumal heute keine terminlichen Pflichten anstanden. Die nachfolgenden Programmpunkte verzögerten sich dadurch um gut eine Stunde, etwa mein Neujahrsspaziergang durch Innere Nord-, West-, Süd- und Innenstadt.

Erstaunlich wenig Pyromüll lag auf den Straßen, vereinzelte Holzstäbe abgebrannter Raketen und nur eine einzige leergeschossene Papp-Batterie sah ich statt der erwarteten flächendeckenden Vermüllung wie in den Vorjahren. Entweder waren die Mitarbeiter der Stadtreinigung schon früh sehr fleißig gewesen oder die Leute haben ihr Zeug anschließend selbst entsorgt, was kaum vorstellbar ist. Wie es am Rheinufer aussah, weiß ich nicht, weil mein Weg dort heute nicht entlangführte.

Der Dreikönigsmarkt in der Innenstadt war heute geschlossen, so kam ich nicht in Versuchung, mich an einem Warmgetränk zu erquicken.

Sinnvolle Einrichtung in der Südstadt
Die neuen Straßenbahnwagen fahren seit kurzem auch auf der Line 62, bislang nur auf der 61

Freitag: Fahrradunfreundlicher Wind, der ganztägig den Turm umtoste, ließ es angeraten erscheinen, auch heute mit der Bahn in den ansonsten noch sehr ruhigen ersten Werktag des neuen Jahres zu fahren, zurück ging es nachmittags zu Fuß. Die meisten Flaneure am Rheinufer waren wie ich in dicke Jacken mit hochgeschlossenen Kragen, Schals und Mützen gehüllt, nur einige Läufer in kurzen Hosen ließen mich noch ein wenig mehr frösteln.

Vormittags tauschte ich im Büro den Wandkalender gegen den neuen und trug den alten ins Altpapier, somit ist das Jahr 2025 gleichsam entsorgt.

Eine zunehmend beliebte, zugleich dämliche Artikelüberschrift bei spektakulären Ereignissen aller Art lautet „Was wir bislang wissen und was nicht“, heute wieder bei General-Anzeiger online zum Brandunglück in der Schweiz in der Silvesternacht mit vielen Toten und Verletzten. Wie lang wäre wohl ein Artikel, der alles benennt, was wir nicht wissen? Zum selben Thema brachte die ARD gestern nach der Tagesschau einen Brennpunkt, was dem Ereignis bei aller Tragik eine gewisse ungewollte Komik verleiht.

Abends fiel Schnee und der Liebste kochte für uns ungefähr eine Lore Grünkohl mit Kartoffeln und umfangreicher Wursteinlage. Dazu gab es (für mich) Dithmarscher Dunkel und anschließend (für alle) einen Schinkenhäger. Ausreichend gesättigt schaute ich danach in der Mediathek den Jahresrückblick von Dieter Nuhr an und lachte mehrfach, habe mir allerdings nichts daraus gemerkt oder notiert, das ich hier zitieren könnte. Schauen Sie es sich einfach an, wenn Sie Dieter Nuhr mögen.

Samstag: Der Plan, im Kaufhof-Restaurant zu frühstücken scheiterte an zu langem Imbettbleiben, das war nicht schlimm. Die Alternative im französischen Café an der Ecke war auch wie gewohnt gut. Anschließend lüftete ich Leib und Seele mit einem Spaziergang durch die Innere Nordstadt und an den Rhein. Der Schneefall des Vorabends und der Nacht hinterließ hier und da weiße Flecken.

Schneefall mit Fleckenbildung auch an der Nordsee in Büsum, wie die örtliche Netzkamera zeigt:

https://www.buesum.de/buesum-erleben/webcams/gruenstrand

In einem Artikel las ich das Wort „niemensch“ und dachte: auch das noch. Herr Nuhr hätte wohl seine Freude daran.

Die Weltlage bietet auch im neuen Jahr wenig Anlass zur Hoffnung auf Besserung: Die USA haben Venezuela angegriffen und Maduro nebst Gattin gefangen genommen. Zwar halte ich Maduro nicht für größeren Mitgefühls würdig, doch was Häuptling Orangehaut sich da nun erlaubt, erscheint zumindest fragwürdig.

Noch einmal Ukraine, jedoch nicht im Zusammenhang mit Weltlage und Krieg, sondern auf lokaler Ebene. Seit geraumer Zeit gibt es gleich bei uns um die Ecke ein ukrainisches Restaurant. Wahrgenommen habe ich es bereits mehrfach im Vorbeigehen, erst nach einem positiven Zeitungsbericht darüber in dieser Woche waren wir heute Abend zum ersten Mal dort. Es hat uns sehr gut gefallen, sowohl das Essen als auch der Service. Da waren wir wohl nicht zum letzten Mal.

Sonntag: Der Tag begann früh, da unsere Karnevalsgesellschaft auch in diesem Jahr an einem rheinischen Mundartgottesdienst in Bad Godesberg mitwirkte. Es wurde wieder gelacht und applaudiert. Warum auch nicht, Gott hätte wohl nichts dagegen.

„Amaretto ist ein geiles Zeug, ich bin schon lull und lall“ lautete eine der wahrsten Liedzeilen der Neuen Deutschen Welle in der ersten Hälfte der Achtziger, die Älteren erinnern sich vielleicht. Diese kam mir nachmittags nach einem längeren Spaziergang auf die andere Rheinseite in den Sinn, als ich mich auf dem Dreikönigsmarkt mit einem derart angereicherten Glühwein (ohne lull und lall) wärmte. Vermutlich vorläufig zum letzten Mal, auch dieser Restmarkt endet am kommenden Dienstag.

Geiles Zeug, verdünnt

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Kommen Sie gut durch die Woche und, man kann es wohl noch wünschen, das Jahr. Lassen Sie sich durch die Ereignisse nicht allzu sehr die Laune verderben. Ich versuche es jedenfalls.

19:00

Woche 52/2025: Liegend und lesend – was schön war

Montag: Wir befinden uns weiterhin in Beaune, Frankreich, Burgund. Der Liebste hat beanstandet, ich schriebe in diesem Blog zu negativ, an allem hätte ich etwas auszusetzen, was nur den Schluss zuließe, mein Leben sei furchtbar. Dem ist selbstverständlich nicht so, im Gegenteil, meistens bin ich sehr zufrieden. Deshalb sollen in dieser Woche vor allem die schönen Dinge genannt werden, zumal Weihnachten ist. Daher kein kritisches Wort über die in Frankreich offenbar sehr beliebten Blinklichterketten, Geschenkerausch und Zuvielessen.

Aus oben genannten Gründen überlasse ich das Meckern anderen, etwa Herrn Hanne, der über Weihnachtslieder schreibt:

„In der Weihnachtsbäckerei“ – vom Kinderliederbarden des Teufels, Rolf Zuckowski, verfasst, um zu testen: Wie viele Wiederholungen ertragen Eltern, bis sie sich rohen Plätzchenteig in die Ohren stopfen?

Nach dem Frühstück trennten sich vorübergehend unsere Wege. Während meine Lieben Supermärkte besuchten, unternahm ich bei trübem Wetter einen längeren Spaziergang, zunächst über die Remparts einmal um die Innenstadt, dann durch den Parc de la Bouzaise und den Parc de la Creuzotte gleich nebenan, schließlich eine Schleife durch die Weinberge westlich der Stadt. Das war insgesamt sehr beglückend, den sicherheitshalber mitgeführten Regenschirm benötigte ich nicht.

Blick vom Rempart des Dames
Blick von den Weinbergen runter auf Beaune

Dienstag: Ein angenehmer ruhiger Tag, der nicht richtig hell wurde, das war nicht schlimm. Nach dem Frühstück frönten die Lieben noch ein wenig der Konsumlust, während ich etwas Lesealleinzeit im Hotelzimmer genoss, stets bereit zum Wechsel ins Kaminzimmer, wenn die Reinigungskraft kommt.

Die kam indes erst nachmittags, als wir einen Ausflug nach Rully unternahmen, von wo wir mit einigen Flaschen Cremant mehr zurückkehrten, was soll man machen. Unterdessen liegen die Weinberge und -felder blätterlos, überall steigen Rauchwolken auf von den Feuern, in denen der Rückschnitt der Reben verbrannt wird, auf dass auch der kommende Jahrgang ein guter wird, mit dem sich gerade hier im Burgund immer noch erstaunliche Preise erzielen lassen. Wer weiß, wie lange es noch dauert, bis der Genuss von Wein verpönt ist. Zu recht, Alkohol ist ein Zellgift, erwiesenermaßen in jeder Menge und Darreichungsform schädlich für den Körper. Dennoch hoffentlich nicht so bald.

Mittwoch: Heiligabend. Meine Lieben hielten es vormittags für angebracht, noch einmal durch die Stadt zu gehen. Um vor den Feierlichkeiten noch etwas Bewegung an der frischen Luft zu bekommen, die wie angekündigt seit gestern Abend deutlich frischer geworden ist, ging ich mit, obwohl ich wusste, was mich dort erwartet: viele Menschen in Kauflaune, Warteschlangen vor boucherie und boulangerie, irgendwie steht man immer im Weg. Dazwischen bahnen sich zahlreiche Autos den Weg, das Prinzip Fußgängerzone ist in Beaune nur rudimentär umgesetzt. Auch ich folgte den Lieben in mehrere Geschäfte, wo vor allem zum Verzehr geeignete Dinge gekauft wurden, die wir nicht unbedingt brauchen und zumindest teilweise voraussichtlich nicht essen werden oder jedenfalls erst sehr viel später, wenn sie zufällig, längst vergessen, in irgendwelchen Schränken und Schubladen wieder gefunden werden. Sofern sie dann noch zum Verzehr geeignet sind. Es ist diese mir weitgehend fremde Lust am Kaufen, ohne das Gekaufte zu benötigen. Vielleicht wäre es für manche ein gutes Geschäftsmodell, die Ware wenig später wieder (ohne Erstattung des Kaufpreises) zurück ins Geschäft bringen zu können, oder sie gleich dazulassen.

Völlig immun bin auch ich nicht gegen solche Spontankäufe: In der örtlichen Filiale einer französischen Textilanbieterkette erwarb ich zwei Hosen und ein Hemd, wovon wenigstens eine der Hosen am Abend zum Weihnachtsmenü getragen wird.

Zufallssichtung am Wegesrand, mit herzlichem Gruß nach Augsburg

Über derlei Gedanken können andere allenfalls bitter lachen. In Bonn wird nun über ein Bettelverbot in der Innenstadt diskutiert, wie der Bonner General-Anzeiger bereits gestern berichtete:

Sozialverbände warnen: Betteln ist meist ein Zeichen akuter Not.

Wer hätte das gedacht. Auch hier in Beaune sah ich heute einen Mann hinter einem Pappbecher sitzen, war aber zu bequem, ihm was zu geben, da ich, um ans Portmonee zu gelangen, Handschuhe hätte ausziehen und die Tasche mit den gekauften Textilien hätte abstellen müssen. Das soll und kann nicht als Entschuldigung dienen. Immerhin bewog es mich zu einem Vorsatz, bald ist ja wieder die Zeit guter Vorsätze: Künftig öfter Bettlern was in den Becher tun. Auch wenn vielleicht nicht alle wirklich bedürftig sind, weil sie organisierten Bettelbanden angehören, es sind auf jeden Fall arme Leute und mich macht es nicht ärmer.

Die Bescherung im Hotelzimmer am späten Nachmittag führte zu allerseitiger Zufriedenheit, zumindest von meiner Seite war die Vortäuschung dankbarer Freude nicht erforderlich.

Das Weihnachtsmenü im Restaurant nebenan war wieder ausgezeichnet. Im Gegensatz zum vergangenen Jahr war der Umfang der einzelnen Gänge so angelegt, dass man eine reelle Chance hatte, das meiste zu essen, ohne dass ich spätestens nach dem vierten Gang satt war und allenfalls nur noch jeweils ein Häppchen hätte probieren können. Verzichtbar erschien mir einzig die etwas zu laute Klavierbegleitung vom Flur her, doch das ist nur ein winziges Haar in der Suppe.

Es als ein Weihnachtswunder zu bezeichnen wäre wohl übertrieben, immerhin ein weiterer Wer-hätte-das-gedacht-Moment: Passend zum Heiligen Abend begann es abends zu schneien. Als wir das Restaurant verließen, lag das Draußen in Weiß gehüllt, das war schön.

Restaurantgarten

Donnerstag: Der Schnee hielt sich über Nacht, auch morgens war es noch weiß. Erst im Laufe des sonnigen Tages verschwand er langsam wieder. Frühstück gab es heute bis dreizehn statt wie sonst elf Uhr, was uns entgegen kam, wobei wir es dank moderater Weinbegleitung des Vorabends auch bis elf geschafft hätten.

Nach dem Frühstück unternahmen wir einen Spaziergang über die Remparts und durch die Stadt, die heute dank überwiegend geschlossener Geschäfte und Gastronomien angenehm ruhig war. Bei einem geöffneten Lokal probierten wir einen Vin chaud, ehe wir uns ins Hotel zurück zogen, wo wir es liegend und lesend weiterhin besinnlich-ruhig angehen ließen und das wir für den Rest des Tages nicht mehr verließen.

Nach dem Abendessen im Frühstücksraum, der abends als Bistrot dient, nahmen wir auf ein Abendglas im Kaminzimmer der Bar Platz. Kurz darauf setzten sich vier geschenkebepackte Personen in die Sitzgruppe nebenan: ein mittelaltes Paar und zwei jüngere Männer, der eine mutmaßlich der Sohn des Paares, der andere der zugehörige Schwiegersohn. Dann folgte die Bescherung, unter anderem wurden ein Teekessel (für maman), ein Nasenhaarschneider (für papa) und weihnachtliche Socken (für les garçons) ausgepackt und jeweils Dankbarkeit signalisiert. Das war insgesamt sehr schön zu verfolgen, wobei es mir an deren Stelle ohne Publikum etwas wohler gewesen wäre.

Morgens

Freitag: Auch heute, am letzten Tag vor der Abreise, ergab sich für mich Gelegenheit für une promenade durch die Weinberge und über den Hügel westlich oberhalb von Beaune. Die Luft war kalt, der Himmel blau, hier und da lag in den beschatteten Ecken noch etwas Schnee.

Stilleben mit Moos und Schnee
In den Weinbergen
La Bouzaise

Am frühen Nachmittag wurden die ersten Sachen zusammengepackt. Um dabei nicht im Weg zu stehen, was beim Packen erfahrungsgemäß schnell zu unschönen Konflikten führen kann, zog ich mich auf die Empore des Zimmers zurück, notierte diese Zeilen und hoffte, dass später alles ins Auto passte; es waren ja nicht nur die mitgebrachten Sachen, sondern auch die (W-)Einkäufe zu verstauen. Gegen siebzehn Uhr wurde Vollzug gemeldet, die Lieben hatten alles ohne größeren Streit verladen und für den Rest würde sich morgen voraussichtlich auch noch Platz finden, mit etwas Glück auch für mich auf der Rückbank.

Nach dem Abendessen begaben wir uns zum vorläufig letzten Abendglas ins Kaminzimmer. Später erschien auch die gestern beschriebene Familie, nur ohne den Vater. Der war vielleicht mit dem Rückschnitt von Nasenhaaren beschäftigt.

Andere Gäste – nun komme ich doch nicht ganz umhin, ein gewisses Befremden zu äußern – ließen sich aufwendig hergerichtete Häppchenplatten mit Käse und Wurstspezialitäten kommen, die später nahezu unangerührt vom Servicepersonal wieder herausgetragen und vermutlich entsorgt wurden. Das beobachteten wir in den letzten Tagen des öfteren. Werden die vom reinen Anschauen satt oder wollen sie anderen zeigen, was sie sich leisten können?

Samstag: Vormittags verließen wir Beaune bei Hochnebel, der sich bis Erreichen der Lorraine verzog. Nach störungsfreier Fahrt erreichten wir am frühen Abend Bonn, mit der nicht neuen Erkenntnis: Zu Hause ist es auch schön. Abendessen beim persischen Italiener, danach zeitig zu Bett.

Sonntag: Auch nicht neu die Erkenntnis, dass man im eigenen Bett am besten schläft und auf der eigenen Toilette … Sie wissen schon. Der Tag begann mit Nebel, der sich im Laufe des Vormittags auflöste und Platz machte für einen blauen Himmel. Nach dem Frühstück und Lektüre der Sonntagszeitung unternahm ich den üblichen Spaziergang, heute durch die Nordstadt und an den Rhein, wo zahlreichen Flaneure mit Schal, Mütze und Handschuhen die Uferpromenade füllten, wer wollte es ihnen verdenken an diesem kalten, sonnigen Tag. Gegen Ende wärmte ich mich innerlich mit einem geschmacksverstärkten Glühwein auf dem Remigiusplatz, wo ein kleiner Rest des längst abgebauten Weihnachtsmarktes, jetzt unter der Bezeichnung Dreikönigsmarkt, noch für ein paar Tage Besucher lockt.

Am Spielplatz gegenüber von unserem Haus wurde unterdessen der erste Weihnachtsbaum entsorgt, ein großes, sehr schön gewachsenes Exemplar, augenscheinlich noch im Vollbesitz aller Nadeln, der dürfte nicht billig gewesen sein. Ein bisschen absurd ist das ja mit den Weihnachtsbäumen in Wohnstuben, auch wenn sie einzig für diesen Zweck gepflanzt werden.

Zu Hause ist es auch schön – Kennedybrücke, Blickrichtung Beuel

Abends, nach Redaktionsschluss, werden wir mit der Nachbarin unten Raclette brutzeln, das wird bestimmt schön und für mich nicht allzu lang, da ich mangels Urlaubstagen und Gleitzeitstunden morgen und übermorgen mal ins Büro reinschauen muss. Das ist nicht schlimm.

***

Das war der letzte Blogeintrag für dieses Jahr. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit sowie die immer wieder freundlichen Gefallensbekundungen und Kommentare, manchmal auch im persönlichen Gespräch von Leuten, von denen ich nicht erwartet hätte, dass sie hier mitlesen. Kommen Sie gut ins neue Jahr, für das ich Ihnen alles Gute wünsche, und behalten Sie stets auch das Schöne im Blick. Wenngleich die allgemeine Weltlage sich zunehmend einzutrüben scheint: Es ist nicht alles schlecht, jedenfalls nicht so schlecht, wie es vielfach geredet und geschrieben wird. Und bleiben Sie mir bitte als Leserin und Leser treu.

16:00

Woche 2/2025: Lustfahrt nach Kaisersesch und alltägliche Akrobatik

Montag: Obwohl der Tag mit einem Zahnarztbesuch begann, war es kein schlechter Wochenstart. Die am vergangenen Freitag abgelöste Krone befindet sich nun wieder an der vorgesehenen Stelle, mal sehen, wie lange dieses Mal. „Der Weisheitszahn muss irgendwann raus“, sagt der Zahnarzt. Ich weiß. Diese eine Chance sei ihm noch gewährt.

In die Büros ist das Leben zurück gekehrt, rundherum wieder geschäftiges Geplapper, wo die Tage zuvor angenehme Stille herrschte. Diese Woche wäre eigentlich kleine Woche, also Viertagewoche mit freiem Donnerstag. Der scheitert jedoch an bis dahin angesammelten Stunden auf dem Gleitzeitkonto, weil das zum Jahreswechsel auf Null gesetzt wurde und seitdem nicht genug Arbeitstage waren, um genug frische Stunden anzuhäufen. Ich könnte den freien Tag trotzdem nehmen, dann fiele das Konto vorübergehend ins Minus. Das ist nicht verboten, doch irgendwie fühlt sich das für mich wie Betrug an. Aus ähnlichen Gründen vermeide ich es auch stets, mein Girokonto zu überziehen. Gut, dann fallen auch noch vermeidbare Zinsen an. – Vielleicht bin ich doch ein besserer Arbeitnehmer als selbst angenommen.

Der Urlaub im September ist gebucht, zwei Wochen Malaucène in Südfrankreich; nachmittags leitete der Liebste die Bestätigung des Vermieters weiter. Auch wenn bis dahin noch viel Zeit vergeht, in der viel passieren kann, freue ich mich schon jetzt sehr darauf. Es ist immer gut, wenn man sich auf etwas freuen kann.

Abends sah ich im Fernsehen eher zufällig den Jahresrückblick von Dieter Nuhr. Ich mag ihn, auch wenn (oder gerade weil?) er umstritten ist; bei manchen seiner Äußerungen denke auch ich: Uiuiui. Der folgenden Satz findet aber vielleicht auch Zustimmung in Kreisen, die ihn gerne in die rechte Ecke stellen: „Wenn deutsche Männer sich beschweren, etwas sieht schwul aus, dann sieht es in hundert Prozent der Fälle besser aus als die, die sich beschweren.“

Dienstag: Tagesgerecht ging ich zu Fuß ins Werk und zurück. Der Rheinpegel ist angestiegen, die Anlegestege geraten langsam in die Waagerechte. Überall nun wieder Wahlplakate, die mir nicht nur wegen aussageloser, beliebig austauschbarer Parolen (wie diese: „Mehr für dich. Besser für Deutschland.“) nicht weiterhelfen; ich bin dieses Mal leider völlig ratlos, wen ich wählen soll. Immerhin weiß ich, wen ganz bestimmt nicht.

Im Büro teils nervenzehrende Unruhe, weil in beiden Nebenbüros unentwegt und laut gesprochen wurde, gerade so, dass ich nicht alles verstand, aber doch immer wieder einzelne Satzteile wahrnahm (auch nebenan ging es zeitweise um Politik), was meiner Konzentration nicht sehr dienlich war. Ansonsten einer der seltenen Tage ohne einen einzigen Besprechungstermin.

Laut einer Umfrage zum Thema Arbeitseifer gibt knapp die Hälfte der befragten Arbeitnehmer ihr Bestes am Arbeitsplatz, berichtet die Zeitung. Das ist, gemessen am allgemeinen Gejammer, ein beachtlicher Wert, finde ich. Zur Aufrechterhaltung meiner Motivation habe ich beschlossen, den Donnerstag doch frei zu nehmen und das Gleitzeitkonto vorübergehend zu überziehen, es kostet ja nichts und füllt sich bald wieder. Wie ich den Tag verbringen werde, entscheide ich dispositiv nach Wetterlage. Gesetzt sind schon mal Ausschlafen und Frühstück im Kaufhof-Restaurant. Mir wird gewiss nicht langweilig.

Nach dem Mittagessen zwölf Etagen zu Fuß nach oben. Läuft.

Morgens

Mittwoch: „Wir laufen da full speed ahead“ sagte einer in der Besprechung. Noch schöner wäre gewesen: „Wir sind tatsächlich full speed ahead unterwegs.“

Wie lange muss man eigentlich noch „Frohes Neues“ sagen, gibt es da Richtlinien? So ganz neu ist es ja inzwischen nicht mehr; ob froh, wird sich zeigen. Bis jetzt bin ich immerhin verhalten zufrieden.

Vielen Dank an den Blogger-Kollegen in Duisburg für den Brief, der heute im Briefkasten lag, wieder mit mechanischer Schreibmaschine erstellt. Wie immer habe ich mich sehr darüber gefreut und werde so bald wie möglich antworten. Gut, dass ich letzte Woche bereits Ergänzungsbriefmarken zu zehn Cent gekauft habe.

Donnerstag: Wie geplant begann der freie Tag mit einem externen Frühstück und Zeitungslektüre im Kaufhof-Restaurant. Kurz zuvor wechselte der Regen zu starkem Schneefall. So oder so kein Wanderwetter. Alternativ unternahm ich eine Lustfahrt mit der Bahn in die Eifel, konkret nach Kaisersesch, das stand schon länger auf meiner Liste. Trotz gewisser Stockungen wegen Bauarbeiten zwischen Bonn und Remagen war es sehr erfreulich, besonders die Fahrt von Andernach bis Kaisersesch und zurück durch die verschneite Eifel.

Da sich nicht nur Wandern, sondern auch Bahnlustfahren bei mir appetitanregend auswirkt, suchte ich nach Rückkehr in Bonn ein Lokal auf für die traditionelle Currywurst mit Bierbegleitung.

Kurz nach Ankunft in Kaisersesch
Ebendorten
Auf der Rückfahrt zwischen Urmersbach und Monreal

Freitag: Wegen unklarer Glättesituation nahm ich morgens die Bahn. Eine sinnvolle Entscheidung, auf dem Fußweg von der Haltestelle zum Werk war es stellenweise recht rutschig. Langsam komme ich in ein Alter, wo man da etwas aufpassen sollte; ein Oberschenkelhalsbruch kann schnell das baldige Ende bedeuten, was meinem Plan zuwider liefe, mich irgendwann totzulachen, nachdem ich mich selbst verarscht habe. Vielleicht aus ähnlichen Gründen blieben heute viele Kollegen dem Büro fern, auf dem Flur herrschte angenehme Stille.

Zurück ging ich zu Fuß und besichtigte das inzwischen aufgelaufene Rheinhochwasser. Schon oft hat man es gesehen, doch geht man jedes Mal wieder schauen.

..
..

Laut kleiner kalender ist heute Ehrentag der Zimmerpflanze. „Die Pflege der eigenen Zimmerpflanzen sollte nie vergessen werden, denn immerhin handelt es sich bei Pflanzen um Lebewesen“, so der etwas ungelenke Begleittext. Millionen von Weihnachtssternen wird das nichts nützen, die nun wieder, oft noch in voller Pracht, entsorgt werden, weil das namensgebende Fest vorüber ist. So sind die Menschen. Jedenfalls viele.

Samstag: Der Tag verlief zunächst in angenehmer Samstäglichkeit mit lange Schlafen und externem Frühstück in einer für uns neuen Lokalität, womit wir sehr zufrieden waren. Den wöchentlichen Altglasentsorgungsgang verband ich wieder mit einem Spaziergang an den weiterhin hochwässrigen Rhein.

Abends besuchten wir das GOP., ein Varieté-Theater, wo Menschen unglaubliche Akrobatik auf die Bühne bringen. Einer ließ sich mitsamt anhängender Turnpartnerin an den Zähnen nach oben ziehen, zwei warfen sich eine größere Anzahl Jonglierkegel zu, während sie sich aus- und wieder ankleideten, junge Frauen verbogen ihre Leiber derart, dass die Vermutung nahe lag, sie verfügten über Gummiknochen. Insgesamt faszinierend für mich, der weder länger als eine Sekunde auf einem Bein stehen noch freihändig Fahrrad fahren kann.

Wobei letzteres nicht so schwer zu sein scheint, viele andere tun es auch. Dabei ziehen sie die Jacke aus, telefonieren, schreiben WhatsApp-Nachrichten, schauen Serien und verzehren warme Mahlzeiten. Alltägliche Akrobatik auf zwei Rädern, wer will ihnen verübeln, wenn sie dabei Verkehrsregeln wie rote Ampeln nicht immer im Blick haben. Vielleicht kann ich es doch, nur erscheint es mir zu riskant, es auszuprobieren.

Sonntag: Die Tage äußerte ich mich über Wörter, die ich aus unerklärlichen Gründen trotz ihrer Unschuld nicht ausstehen kann. Dazu wäre ein weiteres zu ergänzen: Snack. Einfach grauenhaft.

Im Übrigen ein angenehmer Sonntag mit Spaziergang auf die andere Rheinseite, wo die Auen der Siegmündung und die Hundewiese vor dem Deich überflutet sind. Beim Gehen sah ich zahlreiche am Straßenrand entsorgte Weihnachtsbäume, nur wenige haben Nadeln abgeworfen, die meisten noch gut in Schuss. Auch so ein Unfug mit Tradition. Nur meine persönliche Meinung, es liegt mir fern, ein Verbot zu fordern.

Weiterhin sah ich über Schwarzrheindorf eine Formation Kraniche in Richtung Süden ziehen. Vermutlich Spätentschlossene.

Siegauen
Hundewiese, zurzeit für Seehunde (Verzeihung)
Schwarzrheindorf

***

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche, rutschen Sie nicht aus.

Woche 3/2024: Nicht unerwartet, gleichwohl gruselig

Montag: Angeblich ist der dritte Montag im Januar der traurigste Tag des Jahres, so ist zu lesen, wobei unklar bleibt, ob das eine Erkenntnis der Wissenschaft oder aus dem Tourismus-Marketing ist.

Beim Mittagessen mit einem Kollegen sprachen wir über die aktuellen politischen Entwicklungen und waren uns einig, dass die Aktivitäten und Erfolge der sogenannten Rechten äußerst beängstigend sind, was die Stimmung zu drücken vermag.

Erst abends zu Hause hellte sie deutlich auf, als ich nach längerer Zeit und viel Quengeln endlich mal wieder den Ofen anheizen durfte. Insgesamt war der Tag somit gar nicht so schlecht; wenn es der traurigste des Jahres war, könnte das Jahr ganz gut werden.

..

Dienstag: Über Nacht hat es geschneit. Während die Rheinuferpromenade fast vollständig schneebedeckt war, waren in der Innenstadt nur vereinzelte weiße, wenige Quadratmeter große Flecken vorzufinden, als hätte jemand punktuell hier und da, ohne erkennbares Muster, eine Schubkarre voll Schnee ausgekippt und das ganze mit einer sehr feinen Harke anschließend glattgezogen.

..

Bereits im vorletzten Jahr hat die Rheinnixe, eine Personenfähre, aus wirtschaftlichen und personellen Gründen dauerhaft den Betrieb eingestellt, ich berichtete. Seitdem lag sie vor dem Beueler Ufer und harrte ihrem ungewissen Schicksal entgegen. Angeblich war sie von dort auch nicht mehr ohne weiteres wegzubewegen, weil sich inzwischen größere Mengen Kies um sie herum abgelagert hatten, nur mit erheblichen Kosten zu entfernen, die keiner übernehmen wollte. Wie ich heute Morgen sah, wurde sie umgeparkt, sie liegt nun an ihrem alten Anlegeplatz auf der Bonner Seite, im Führerhaus brennt Licht, als warte sie nur auf die nächsten Fahrgäste und legte gleich ab. Vielleicht konnte das Hochwasser der vorletzten Woche genutzt werden, um sie zu befreien. Was auch immer der Grund für den Standortwechsel sein mag, mit der Wiederaufnahme des Fährbetriebs rechne ich nicht.

Womit hingegen zu rechnen war: Donald Trump hat die Vorwahl in Iowa gewonnen. Nicht unerwartet, gleichwohl gruselig.

Mittwoch: Wie angekündigt schneite es ab Mittag heftig, deshalb nahm ich statt des Fahrrades die Bahn zum Büro. Auch der Arbeitstag verlief in geregelten Bahnen ohne nennenswerte Vorkommnisse, während draußen die Schneedecke wuchs. In den Büros waren mehr Leute anwesend als erwartet, angesichts der Wetteraussicht rechnete ich damit, dass alle im Heimbüro blieben. Nur der gut gefüllte Futterteller vor dem Fenster blieb unbesucht, weder Raben noch Elstern schienen heute Lust auf Auswärtsessen gehabt zu haben.

In den zuständigen Apps unterdessen Warnungen vor Unwetter, Leib und Leben. Wir haben anscheinend Glück gehabt: Die Eisregenfront zog haarscharf südlich vorbei, hier bei uns nur Schnee, wenn auch mehr als reichlich davon. Warum auch nicht (bzw. „Aber hey“, wem das lieber ist), es ist Januar, da kann es schneien, auch viel. Ich erinnere mich an den Rosenmontag 1987, als über Ostwestfalen heftiger Eisregen niederging. Nach wenigen Stunden war alles mit einer Eisschicht überzogen: Straßen, Gehwege, Autos, Fahrräder, Bäume; letzteren knickten unter der Eislast die Äste ab. So etwas hatte ich vorher noch nicht gesehen. Dasselbe im Dezember 1988 nochmal, ich arbeitete an dem Tag in Werther und hatte Mühe, nach der Arbeit meine Autotür zu öffnen und die festgeeisten Scheibenwischer zu lösen. Irgendwie gelang es mir schließlich und ich kam unfallfrei nach Hause. Soweit ich mich erinnere, sprach beide Male niemand von Unwetter oder Katastrophe, vielleicht irre ich mich auch.

Zur Abwechslung mal wieder die WordPress-Tagesfrage, die heutet lautet: »Kannst du eine Situation schildern, in der du dich geliebt gefühlt hast?« Eine besondere Situation vergangener Zuneigungsbekundung zu nennen fällt mir schwer, vielmehr fühle ich mich durchgehend ausreichend geliebt. Auch wenn meine Lieben bisweilen eine sehr spezielle Art an den Tag legen, das zum Ausdruck zu bringen. Passt schon. (Bitte denken Sie sich hier ein zweifaches herzverziertes Kuss-Emoji.)

Donnerstag: Bonn liegt weiterhin unter einer dichten Schneedecke. Morgens schneite es noch, deshalb wählte ich statt des üblichen Fußmarsches auch heute die Bahn, die mich pünktlich und mit reichlich Platz zum Werk fuhr, das ist zu loben.

Vormittags eine Besprechung in größerer hybrider Runde, die einen saßen am Tisch im Besprechungsraum, die anderen waren zugeschaltet über eine kleine flache Lautsprecherbox auf dem Tisch. Es wurde viel durcheinander geredet. Ich schwieg, schaute nach draußen in den Schnee und fand es schön.

Schön auch die Schlussformel „Gehab dich wohl“, empfangen zum Abschluss eines Telefongesprächs. Die sollte viel öfter Anwendung finden, allemal besser als „Ciao“ oder, was zunehmend am Ende von Mails zu lesen ist: „Cheers“.

Mittags im Park

Zurück ging ich zu Fuß über die immer noch weiße Uferpromenade. Der Schnee ist inzwischen festgetreten, es ließ sich gut und ohne zu rutschen gehen. In der Innenstadt hingegen ist er auf Straßen und Gehwegen zu bräunlichem Matsch angetaut.

Die Rheinnixe an ihrem neuen alten Platz

Nach der Arbeit ging ich zum Zahnarzt wegen der in der vergangenen Woche abgelösten Zahnkrone. Obwohl der Zahn mittelfristig raus soll, erhielt er eine letzte Gnadenfrist, die Krone wurde noch einmal befestigt. Nach Karneval, haben wir vereinbart, melde ich mich wieder wegen der Ziehung. Nach Karneval ist ein dehnbarer Zeitraum.

Freitag: Mittags wurden bevorstehende organisatorische Änderungen bekanntgegeben. Ich behalte meine Aufgaben, meine Kollegen und meinen Chef, darüber bin ich sehr froh. Einzig an eine neue Abteilungs- und Stellenbezeichnung werde ich mich gewöhnen müssen, nicht zum ersten und vermutlich nicht letzen Mal. Ich freue mich nun auf die entsprechenden Mitteilungen dazu, in denen voraussichtlich von verschlankten Strukturen, zu hebenden Synergien und Konzentration auf das Kerngeschäft zu lesen sein wird. Cheers.

Auf dem Heimweg sah ich die ersten Frühblüher ihre Spitzen durch die Schneedecke stechen und freue mich, dass die Natur sich trotz allem offenbar auch in diesem Jahr noch einmal entschlossen hat, zu erwachen.

..

Satz des Abends: „Es ist eigentlich traurig, dass man Modern Talking mitsingen kann. Aber man kann es.“

Samstag: Während ich nach dem Frühstück lesend auf dem Sofa weilte, vernahm ich aus der Küche folgenden Dialog: Siri: „Was kann ich für dich tun?“ – Der Geliebte: „Mich am A … lecken.“ – Siri: „Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll.“

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Das schrieb einst der Philosoph Ludwig Wittgenstein.

Sonntag: Auch in Bonn wurde heute gegen die zunehmende Bräunung politischer Ansichten demonstriert. Ich war beeindruckt: Bis zum Marktplatz, Ort der Kundgebung, drang ich gar nicht vor, weil bereits die Straßen drumherum voller Menschen mit bunten Schildern und Regenbogenfahnen waren. Hoffentlich nützt es was.

***

Gehaben Sie sich wohl, kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 3/2023: Beschimpfender Unfug

Montag: Als solchen Geräten mit einer gewissen Skepsis begegnender Mensch schenkte ich unserer digitalen Personenwaage im Bad nicht allzu viel Glauben, als sie gestern Morgen ein unplausibel hohes Gewicht anzeigte, zumal es sich wenig später nach dem Duschen um ein halbes Kilo verringerte; soviel Dreck wird da wohl nicht weggebraust worden sein. Heute früh spannten die Knöpfe der Strickjacke deutlich, die vor einem Jahr noch tadellos saß. Sicher ist das auf unsachgemäße Wäsche zurückzuführen. Kann ja nur.

Der Feuilleton-Teil der Tageszeitung enthält an Montagen mittlerweile als festen Bestandteil eine Tatort-Kritik. Mord und Totschlag als Kultur zu betrachten finde ich reichlich unangemessen. Dann bitte auch eine regelmäßige Rezession der neuesten Filme auf XHamster. Ich kann das gerne übernehmen.

Dienstag: Der Rhein hat Hochwasser. Die Anlegestege der Ausflugsschiffe und Rudervereine, üblicherweise Richtung Flussmitte abwärts geneigt, stehen waagerecht oder neigen sich nach oben. Frachtschiffe, auf die man sonst vom Ufer aus herabschaut, fahren auf Augenhöhe. Und es ist kalt, was erstaunlich viele Läufer nicht davon abhält, in kurzen Hosen das noch morgenmüde Auge zu reizen.

Das Leben überrascht manchmal durch erstaunliche Zufälle. Gestern beim Abendessen noch beklagte ich im Kreise der Lieben, dass der neue Kantinenbetreiber keinen Wackelpudding mehr anbietet. Raten Sie mal, was es heute Mittag zum Dessert gab. Vielleicht durch die heimischen Lausch- und Laberdosen, in denen die dämliche Frau Siri wohnt?

Vergangene Woche beklagte ich das jahreszeitlich durchaus begründete Verschwinden der Glühweinbude am Rheinpavillon. Hierbei handelt es sich um eine Gaststätte am Rheinufer im typischen Baustil der Fünfzigerjahre, vermutlich und wenn dann zu recht denkmalgeschützt. Im Obergeschoss befindet sich ein Café, dort hielt ich auf dem Rückweg spontan Einkehr und bestellte einen Pfefferminztee, jaha, ich kann auch ohne Alkohol. Es war voller als es von außen schien, ich fand noch einen Platz mit Blick auf den Fluss. Statt der erwarteten Tasse wurde eine ganze Kanne serviert, daher saß ich etwas länger als geplant, was überhaupt nicht schlimm war; da zu sitzen ist sehr angenehm, man kann während des Verzehrs vorüberfahrende Schiffe und gegenüber am anderen Ufer die Lichter von Beuel betrachten. Hier war ich sicher nicht zum letzten Mal.

Archivbild aus Dezember 2021

»Thee und Bier stellten mich aus der Erschöpfung wieder her«, schrieb passend Thomas Mann heute vor vierundachtzig Jahren ins Tagebuch.

Eine Bierlieferung wurde mir vom Lieblingspaketdienstleister per Mail angekündigt. Die anfängliche Vermutung, da ich nichts bestellt hatte, es könnte sich um eine der üblichen Spam-Mails handeln, bewahrheitete sich nicht. Wer mag die Lieferung veranlasst haben? Ich habe einen vagen Verdacht.

Mittwoch: Warum eigentlich glauben Menschen, sich im Straßenverkehr wie Irre verhalten zu dürfen, denen alle anderen Verkehrsteilnehmer zu weichen haben, sobald sie ein Lastenfahrrad führen?

Auf dem Weg zur Kantine begegnete mir ein ehemaliger Abteilungskollege, der vor geraumer Zeit zum Leiter einer anderen Abteilung ernannt wurde, von der ich nie hörte; seitdem sehe ich ihn nur selten, weil er in einem anderen Gebäudeteil seinem leitenden Wirken nachgeht. Da er den Blick auf sein Datengerät gerichtet hatte und auch zum Zeitpunkt unserer Begegnung nicht davon abließ sah ich davon ab, ihn anzusprechen und auf die Briefe hinzuweisen, die noch in seinem Postfach auf unserem Flur liegen. Man will ja nicht stören.

Nach Rückkehr am Abend war das Bier geliefert, fünf Halbe aus bayrischer Klosterherstellung und ein Glas. Meine Vermutung die Bestellerin betreffend traf zu. Herzlichen Dank, liebe N.!

Donnerstag: Morgens schneite es überraschend heftig, was mich nicht davon abhielt, zu Fuß ins Werk zu gehen. Flockenumtost genoss ich den Gang am allmählich wieder abschwellenden Fluss, gelegentlich begegnet und überholt von Läufern, die der Schnee ebenfalls nicht von ihrem Morgenlauf abhielt und deren Fußspuren schon bald wieder weggeschneit waren. Erst nach Ankunft im Büro bemerkte ich, wie nass die Jacke geworden war.

»Was hast du in deinem Leben über die Liebe gelernt?« lautet die WordPress-Tagesfrage. Nämliches: 1) Wer suchet, der findet nicht; am ehesten findet, in einem unerwarteten Moment, wer nicht sucht. 2) Liebe und Lust sind trennbar, Monogamie wird völlig überbewertet. 3) Aller guten Dinge sind drei. Mindestens.

Freitag: Die Arbeitswoche endete angenehm mit Schnee am Nachmittag, der nur kurz liegenblieb, und einer karnevalistischen Großveranstaltung mit zehn Karnevalsgesellschaften und Musik in der der Bonner Innenstadt, an der ich mangels Uniform nur in begleitender Funktion teilnahm und die in alkoholischer Hinsicht glimpflich endete.

Das Musik-Corps der Fidelen Burggrafen Bad Godesberg, Rück(en)ansicht

Samstag: In Bonn ist laut Zeitungsbericht ein Obdachloser zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt worden, weil er im vergangenen Jahr einen menschlichen Kopf vor dem Bonner Landgericht ablegte, den er zuvor seinem Kumpel abgetrennt hatte, ich erzählte es, Sie erinnern sich vielleicht. Was ihn zu der Tat bewogen hatte, verschweigt er nach wie vor. Dem ursprünglichen Kopfinhaber wird es egal gewesen sein, da er bereits vor dem Kopfverlust infolge einer Krankheit gestorben war. Die Anklage lautet deshalb nur auf „Störung der Totenruhe“. Der hier einschlägige Paragraph 168 des Strafgesetzbuches lautet im Absatz eins: »Wer unbefugt aus dem Gewahrsam des Berechtigten den Körper oder Teile des Körpers eines verstorbenen Menschen, eine tote Leibesfrucht, Teile einer solchen oder die Asche eines verstorbenen Menschen wegnimmt oder wer daran beschimpfenden Unfug verübt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.« Klingt wie aus einer anderen Zeit. Am besten gefällt mir das mit dem beschimpfenden Unfug.

Nach samstäglichen Besorgungen hielt ich kurze Einkehr in der Lieblingsweinbar, direkt an einer Straßenbahnhaltestelle gelegen. Während des Rieslings sah ich einen Straßenbahnfahrer mit Krawatte, ein sehr seltener Anblick. Die Bus- und Straßenbahnfahrer früherer Zeiten trugen blaue Uniformjacke, Schirmmütze und selbstverständlich Krawatte. Das ist lange her. Heute muss man fast froh sein, wenn sie überhaupt einigermaßen bekleidet sind.

Es ist ein durchaus angenehmes Merkmal fortschreitenden Alters, wenn man am Samstagabend statt aushäusigen Fetenrausches auf ARTE eine Dokumentation über Moose anschaut, eine faszinierende Lebensform, die selbst unter widrigsten klimatischen Unbequemlichkeiten noch gedeiht. Vielleicht sind es Moose, die bald die Weltherrschaft erlangen, nachdem wir uns erfolgreich ausgelöscht haben. Eine noch faszinierendere, geradezu unheimliche Lebensform ist Physarum polycephalum, auch Blob genannt, über den anschließend berichtet wurde. Er verfügt über erstaunliche Intelligenz, obwohl er kein Hirn hat, im Gegensatz zu vielen Menschen, die trotz Hirn nennenswerte Intelligenz vermissen lassen.

Sonntag: Während des Spazierens sah ich am Rhein einen Mann, der mit Flusswasser seinen kleinen Hund hinten reinigte. Der Hund ließ es über sich ergehen, begeistert wirkte er nicht, was bei der Wassertemperatur und überhaupt nachvollziehbar ist.

Auf dem weiteren Weg durch den trüben, sich scheinbar endlos ziehenden Januar sah ich die erste Schneeglöckchenblüte und einen Kleinbus mit der Aufschrift »Es gibt Hoffnung«, was wie ich finde ganz gut zusammenpasst. Außerdem sah ich jede Menge Moos, die Dokumentation gestern Abend hat mir diesbezüglich die Augen geöffnet. Es ist kaum möglich, auch nur wenige Meter durch die Gegend zu gehen, ohne irgendwo die grünen Polster zu erblicken.

Es gibt Menschen, die ihre Lebensaufgabe darin sehen, über Moose zu forschen. Das muss wunderbar sein.

Ganz wunderbar muss es auch sein, sein Moos zu verdienen mit Schreiben, wenn man es kann wie Max Goldt, der sich ausnahmsweise interviewen ließ, anzuschauen hier:

Ach ja, dies noch:

***

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche, möglichst ohne Mord, Totschlag und anderen Unannehmlichkeiten.