Woche 3: Skandal im Karneval

Montag: Wohl wissend um den in olfaktorischer Hinsicht zweifelhaften Ruf des Eigenlobes möchte ich dennoch nicht verschweigen, mich heute über das Kompliment „Du malst Bilder mit Worten“ sehr gefreut zu haben. – Auch die Kommunikationsabteilung eines großen Konzerns greift zum Wortpinsel und taucht ihn tief ein in die Farbe der Formulierungen, wobei das Ergebnis eher abstrakt-expressionistisch anmutet: „Digitale Vertriebskanäle sind zu einem wesentlichen Bestandteil unserer kommerziellen Stärke und unseres Leistungsversprechens geworden. Aus diesem Grund werden wir wichtige digitale Themen mit Bezug zur Kundenorientierung mit unseren digitalen Kompetenzen in Customer Solutions & Innovation (CSI) bündeln. Dies ist eine logische Erweiterung der kommerziellen Schnittstellenfunktion, die CSI in der Vergangenheit erfolgreich gespielt hat. Im Rahmen des zukünftigen CSI-Setups werden u.a. die folgenden digitalen Themen angegangen: […] Den (!) Aufbau kommerzieller Funktionen, um unsere API-Strategie zu orchestrieren (!!) und mit großen 3PV-Initiativen in Kontakt zu treten und somit Marktführer […] zu werden.“ Es ging noch weiter, doch hätte ich beim Weiterlesen mit großer Wahrscheinlichkeit den Verstand verloren.

Dienstag: Ich habe einen recht unspektakulären Bürojob mit schöner Aussicht in einem großen Unternehmen. Viel mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Mittwoch: Trotz allem sind Besprechungen und Tagungen etwas Wunderbares. Ich sitze im Warmen, trinke Kaffee, gehe meinen persönlichen Gedanken nach und werde zudem gut dafür bezahlt.

Donnerstag: Zum Thema E-Mails schrieb Corinne Maier in ihrem schon erwähnten Buch dieses:

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Freitag: Skandal im Karneval: Der Sessions-Orden der Kar­ne­vals­frün­de Dur­schlö­scher weckt die Empörung zahlreicher Bonner Katholiken, weil er die Form einer sogenannten Monstranz aufweist, die statt einer Hostie ein Kölschglas beherbergt. „Wie weit soll un­se­re Ge­sell­schaft noch sin­ken, was Ach­tung und Re­spekt vor den Ge­füh­len an­de­rer Mit­men­schen an­geht?“, wird eine gewisse Mar­git S. in der Zeitung zitiert. Auch Stadtdechant Wilfried Schumacher reagiert schmallippig und wirft den Jecken vor, statt vor dem Herrgott die Knie vor einem alkoholischen Getränk zu beugen. Das erscheint bemerkenswert aus dem Munde des Vertreters einer Glaubensgemeinschaft, die traditionell das Kreuz anbetet, welches ursprünglich den daran Genagelten auch nicht gerade Achtung und Respekt erwies. O ja, ich bin sehr für Religionsfreiheit. Eine Welt frei von Religionen wäre wohl eine friedlichere.

Samstag: Zwei Auftritte unserer Karnevalsgesellschaft: Am Vormittag zum Prinzenempfang in einem Godesberger Autohaus, abends auf der „Miljöhsitzung“ der KG Sternschnuppen in Beuel. Über die Notwendigkeit, in einem Autohaus aufzutreten, kann man geteilter Meinung sein (trotzdem machte es Spaß), der Auftritt am Abend erscheint mir dagegen sehr wichtig. Vor wenigen Jahren wäre mir das noch ziemlich schnuppe gewesen, auch wäre ich nicht auf den Gedanken gekommen, eine solche Sitzung zu besuchen, doch sehe ich das heute aus naheliegenden Gründen anders: Möglicherweise ist das allgemeine Interesse an solchen traditionellen Karnevalsfeiern im Schwinden begriffen. Man geht heute lieber zu den großen, kommerziellen Massenveranstaltungen wie in Kölnarena oder Telekom-Dome statt auf die kleinen, von örtlichen Vereinen getragenen Sitzungen. Manche Besucher lassen dort Anstand und Höflichkeit vermissen, indem sie Wortbeiträge auf der Bühne ignorieren und stattdessen lieber mit ihren Begleitern quatschen und Selfies anfertigen. Wenn ich durch meine aktive Beteiligung bei den Fidelen Burggrafen einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, diese Entwicklung etwas zu verzögern und denjenigen, die daran noch Interesse haben, Freude zu bereiten, so mache ich das sehr gerne.

Sonntag: Ich weiß, mittlerweile ist es ausgelutscht und nicht mehr besonders erheiternd, sich wegen überflüssiger Apostrophen und fehlender Bindestriche zu ereifern. Dennoch möchte ich Ihnen das Schild eines Instituts in der Bonner Inneren Nordstadt, welches sich ausgerechnet der Förderung von Sprache und Bildung widmet, nicht vorenthalten.

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Körperkitsch

Wiederum aus gegebenem Anlass habe ich einen älteren Aufsatz aus der Frühzeit dieser Aufzeichnungen hervorgeholt und behutsam renoviert. Ich hoffe, Sie sehen es mir nach.

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Die Tätowierung der Menschheit begann vor etwa siebentausend Jahren, wie entsprechende Mumienfunde im nördlichen Chile belegen. War die dauerhafte Körperzeichnung bis vor einigen Jahren noch vornehmlich Kennzeichen gewisser Randgruppen, etwa Knastbrüder, Seefahrer und zweifelhafter Damen, deren Kundenstamm sich im Wesentlichen aus Knastbrüdern und Seefahrern zusammensetzte, so wird heute die nicht-tätowierte Minderheit langsam zu einer schrumpfenden Randgruppe. Nicht mehr nur der Punk auf dem Bahnhofsvorplatz oder die Aushilfsuschi im Lidl, auch leitende Angestellte und Zahnarztgattinnen bekennen heute Farbe; kein Fußballspieler, der was auf sich hält, betritt ohne großflächig beschriftete Unterarme den Rasen.

Meine erste Begegnung mit einer Tätowierung hatte ich in den Siebzigerjahren, als die Popgruppe Sailor auf dem Höhepunkt ihrer Zeit angekommen und regelmäßig in Ilja Richters Disco oder dem Musikladen zu sehen war, die älteren von Ihnen erinnern sich vielleicht: Girls, Girls, Girls und A Glas Of Champagne. Bekannt waren die vier Jungs aus England auch durch ihr Nickelodeon, ein sperriges, von zwei gegenüberstehenden Personen zu bedienendes Tasteninstrument.

https://www.youtube.com/watch?v=rmJxeysqiAY

In den Achtizigern gab es dann Formel Eins mit Peter Illmann, gefolgt von Ingolf Lück, Stefanie Tücking und Kai Böcking, allesamt untätowiert. Die Stars traten nun nicht mehr durch geplaybackte Bühnenpräsenz in Erscheinung, sondern in Musikvideos, eine musikalische Darreichungsform, die kurz zuvor in Mode gekommen war. Formel Eins, ich liebte es (während ich den gleichnamigen Autorennsport ungefähr so interessant fand und finde wie die Betrachtung eines Grashalmes beim Wachsen); mit dem Aufkommen von MTV und VIVA musste es sterben, sehr bedauerlich. Ab und zu wird es nochmal zum Leben erweckt, leider in unerträglicher Form: Anstatt die damaligen Sendungen einfach erneut auszustrahlen, zeigen sie nur einzelne Ausschnitte, ständig unterbrochen von völlig überflüssigen Kommentaren nicht minder überflüssiger Prominenter, die dann, während zum Beispiel Kim Wilde singt, so Sätze sagen wie „Oh ja, bei dem Lied habe ich damals zum ersten Mal onaniert“.

Disco, Musikladen, Formel Eins, so was gibt es  heute gar nicht mehr, stattdessen sucht Deutschland den Superstar ohne jede Hoffnung, in jemals zu finden.

Zu Zeiten von Formel Eins war das Schiff von Sailor mitsamt ihrem tönenden Möbel längst gesunken oder bestenfalls im hintersten Winkel eines Hafenbeckens für alle Zeiten festgemacht als seeuntüchtiges Restaurantschiff. So komme ich zurück zum Thema: Ihr fescher Sänger, George Kajanus, sang nicht nur sehr schön, während er auf seiner akustischen Gitarre spielte, auch trug er auf seiner Wange eine kleine Tätowierung in Form eines Ankers. Also ich nehme nicht an, dass der da wirklich tätowiert war, aber man weiß ja nie bei so einem richtigen Seebären. In früher Jugend verehrte ich Sailor, konnte viele ihrer Lieder, frei von jeglichen Englischkenntnissen, mitsingen, und zu Karneval ging ich als – nein, nicht als Seemann – als George Kajanus, ohne Gitarre, aber mit Ringelpullover, Schiffermütze und Anker auf der Backe, also auf der Wange, meine ich. (Ich bin mir sicher, heute gibt es vermutlich nicht wenige Menschen, die einen Anker oder andere Bildnisse auf der Backe, nicht auf der Wange tragen.)

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(Vorstehendes Bild zeigt mich ohne Anker, dafür mit blauem Auge. Da ich meine Kindheit überwiegend gewaltfrei in Erinnerung habe, nehme ich an, dass auch dieses Veilchen nur aufgemalt war.)

Sah man früher Tätowierungen bei den oben genannten Randgruppen vor allem auf Unterarmen und im Falle von George Kajanus im Gesicht, so ist heute nahezu keine Körperregion mehr davon ausgenommen. Während das eine Zeit lang vor allem bei Damen beliebte Arschgeweih aus gutem Grund aus der Mode gekommen ist (was bei einer Tätowierung ja eher eine Art langfristiges persönliches Pech bedeutet), sieht man immer mehr junge Männer und Frauen mit tätowierten Waden. Ich finde das schlimm. Ein Mädchenbein soll glatt sein, ein Jungsbein haarig, aber nicht tätowiert, so ist es meines Wissens in der päpstlichen Schöpfungsordnung vorgesehen, vielleicht irre ich mich aber auch und der Papst ist unterhalb seines wallenden Gewandes großflächig gefärbt, niemand wird es, Gott sei Dank, je erfahren.

In unserer Nachbarschaft gibt es ein Tattoo-Studio, wo die piksende Dauerfärbung direkt hinter einem Schaufenster erfolgt. Der Einzufärbende sitzt mit entblößtem Körper(teil) in einer Art Frauenarztstuhl, während der Künstler mit mächtigen, von oben bis unten tätowierten Armen für jedermann sichtbar seinem stechenden Werk nachgeht. Tätowiert der sich wohl selbst, oder geht er dafür seinerseits in ein Tatoo-Studio seines Vertrauens?

Ich gestehe: auch ich wollte vor knapp zwanzig Jahren, als die Blüte meiner Jahre noch in kräftigen Farben strahlte, nicht farblos dahinwelken, daher suchte ich aus einer spontanen Laune heraus zusammen mit einem Freund so einen Laden auf. Nur was ganz kleines, etwas größeres hätte auch nicht auf mein spilleriges Oberärmchen gepasst; ein Ornament aus dem Katalog ohne jede symbolische Aussage, so hoffe ich jedenfalls, genau weiß ich es nicht. Vielleicht ist es ja ein fremdländisches Schriftzeichen, welches mich in ein eher ungünstiges Licht rückt, etwa als Kinderhasser oder Paarhuferkopulierer. Wenn es so sein sollte, werde ich es hoffentlich niemals erfahren.

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Wenigstens war ich so vorausschauend, für das Bildnis eine Stelle zu wählen, welche im normalen Alltag verdeckt ist. Dennoch wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie das meiner Mutter gegenüber nicht erwähnen.

Sag niemals nie – Rückschau eines Bekehrten auf die erste Session

Über die Umstände zu berichten, wie es dazu kam, würde zu weit führen; vielleicht hole ich das später einmal nach. Fakt ist: Meine ursprüngliche Distanz gegenüber dem rheinischen Karneval ist seit etwa zwei Jahren in Auflösung begriffen beziehungsweise sich am auflösen, wie der Rheinländer sagt. Oder heißt es ‚auf am lösen‘? Egal. Anfang letzten Jahres unterschrieb ich den Antrag auf Mitgliedschaft bei der Karnevalsgesellschaft Fidele Burggrafen Bad Godesberg e. V., wohlgemerkt in der Absicht, den Verein durch meinen finanziellen Beitrag und ansonsten passive Mitgliedschaft zu unterstützen, also keine Uniform, kein Stippeföttchen. Ich hatte die Truppe zuvor bei mehreren Veranstaltungen kennen gelernt als sehr nette, lustige, offene Menschen, in deren Mitte ich mich sehr wohl fühlte (und noch immer fühle). Spätestens seit dem spontanen Geburtstagsständchen im letzten Jahr hatten sie mich gewonnen.

Es begab sich wenig später im Zeughaus der Burggrafen in Friesdorf, am späten Abend nach einer Tour über mehrere Sitzungen, die ich als Zivilist begleiten durfte. Vielleicht lag es an der gelösten Stimmung, eher am Kölsch, dass ich in einem unachtsamen Moment nicht nein sagte: Der Kapellmeister des Regimentsspielmannszuges kam auf mich zu und sprach „Wir müssen uns mal unterhalten“. Man hatte mitbekommen, dass ich seit Jahren einem Chor angehöre, woraus man schloss, ich müsse wohl singen können. Genau das suchten sie: einen Sänger, der den Saal während der Auftritte zum Mitsingen animierte. Das stimmte, ein Sänger fehlte ihnen, das hatte ich während der Auftritte, die ich sah, selbst bemerkt. Wenn der Kommandant das Publikum aufforderte „Steht mal auf, jetzt singen wir gemeinsam“, dann standen die meisten auf, der Spielmannszug hob an zum Potpourri rheinischer Lieder, die wenigsten jedoch sangen mit, einschließlich der Burggrafen auf der Bühne. Das sollte sich ändern. Mit mir. Au weia.

Da ich gemeinhin zu meinem Wort stehe, auch wenn es unter Alkoholeinfluss abgepresst wurde, fuhr ich also fortan donnerstags zu den Proben, auf dass ich fit werde für die Session 2016/2017. Dort bekam ich die Liedtexte in die Hand gedrückt, welche mein ostwestfälisches Sprachzentrum schon vor eine Herausforderung stellten: Hööt m’r Quetsch un decke Trumme brumme, hät dat Leid vum Johr e Engk jefunge, oder Se stonn su kromm un scheif, als wör’n se immer en d’r Seif‘, wobei mir das mit der Seif‘ auch die anwesenden Rheinländer nicht auf Anhieb übersetzen konnten. Für das häusliche Selbststudium erhielt ich eine CD mit den vom Spielmannszug dargebrachten Stücken und Potpourris.

Was ich kaum für möglich gehalten hatte: Schon ab der dritten Probe konnte ich dank häuslicher Übung ohne größere Mühe mitsingen, auch die Texte verstand ich einigermaßen. Anfangs ging mein Gesang noch im Trommeln und Flöten unter, was mir ganz recht war, doch in einer Folgeprobe brachte unser Chef Mikrofon und Lautsprecher mit, so dass ich akustisch Farbe bekennen musste: Nun war ich zu hören! Es ist ein riesengroßer Unterschied, ob man Mitsänger eines Chores ist, oder ob man sich elektrisch verstärkt als Solist gegen eine Kapelle durchsetzen muss. Auf was um alles in der Welt hatte ich mich nur eingelassen? Aber es ging ganz gut, ich traf auch als Einzelkämpfer die meisten Töne, und bezüglich meiner rheinisch-westfälischen Aussprache einzelner Wörter erhielt ich eine Menge wohlmeinender Ratschläge, die ich gerne annahm (und noch immer annehme). Bald brauchte ich auch keine Textblätter mehr, Texte und Abläufe der Potpourris hatte ich im Kopf. Alles in allem klappte das besser als erwartet.

Auch eine Uniform wurde mir ausgehändigt. Jeden, der nach meinem Umzug nach Bonn 1999 oder auch nur vor zwei Jahren behauptet hätte, ich würde mal die Uniform einer Karnevalsgesellschaft tragen, hätte ich des Vogelbesitzes bezichtigt. Uniform? Ich? Im Leben nicht. In der Mittagspause erzählte ich meinen Kollegen davon. Die Blicke hätte Sie mal sehen sollen! „Du? Karneval?? – Was kommt als nächstes, trittst du einem Fußballverein bei?“ Man wird sich ja wohl weiterentwickeln dürfen! Na gut, das mit dem Fußball ist äußerst unwahrscheinlich. Aber wer weiß …

Dann wurde es ernst: Der erste Auftritte beim Ordensfest im November, zugleich Tag meiner Vereidigung. Obwohl nur vereinsintern ohne öffentliches Publikum, glitt mir vor dem ersten Ton fast das Mikrofon aus der schweißnassen Hand. Doch es klappte ganz gut trotz einzelner Textunsicherheiten, sogar das eine oder andere Lob bekam ich zu hören.

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(Fotos: Armin Silberling)

Richtig ernst wurde es dann bei der großen Prunksitzung in der Godesberger Stadthalle vor achthundert Gästen, darunter unsere Nachbarn und eine Delegation der Kölner SPITZbuben, meines Chores, die besonders genau hinhörte. Beim Einmarsch in den Saal war ich noch sehr nervös, dennoch war es ein erhebendes Gefühl, als Teil dieser grün-weißen Truppe auf der Bühne zu stehen und einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, dass die Menschen vor uns im Saal einen schönen Abend haben. Nachdem auch dieser Auftritte gut geklappt hatte, schwebte ich beim Ausmarsch fast durch den Saal und das gebildete Spalier. Später fragte mich eine Dame gar nach einer Autogrammkarte, ich nehme an, sie wollte mich ein wenig veräppeln.

Bereits am nächsten Tag, nach viel zu kurzer Nacht, hatten wir einen Auftritt in Recklinghausen, wo man augenscheinlich auch Karneval feiert, wenn auch mit „Helau“ statt „Alaaf“. Während ich vom Bus aus noch morgenmüde die verschneite Landschaft des Bergischen Landes an mir vorüberziehen ließ, bewunderte ich die Energie und gute Laune der Burggrafen und -gräfinnen, die sogar schon wieder in der Lage waren, sich Bier zuzuführen, als wäre gestern nichts gewesen.

Nach der Ankunft in Recklinghausen lernte ich einen weiteren wesentlichen Bestandteil des Karnevalistendaseins kennen: Warten. Die Veranstaltung begann um vierzehn Uhr, wir waren bereits eine Stunde vorher in der Halle.

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Während die Harten unter uns schon wieder dem Bier zusprachen, vertrieb ich die Zeit mit Kaffee und einer Frikadelle. Dann endlich Beginn der Sitzung. Doch vor unserem Einmarsch mussten wir noch eine mindestens viertelstündige Eröffnungsrede mit nicht enden wollenden Gruß- und Dankesworten abwarten. Auch dieser Auftritt lief gut, einige Gäste sangen mit, was will man mehr. Auf der Rückfahrt schmeckte dann auch mir wieder das Bier. Am Abend fiel ich sehr früh und sehr müde ins Bett.

Besonders zu erwähnen ist die Fahrt ins französische Sarreguemines, gleich hinter der Grenze bei Saarbrücken. Der erste Auftritt am frühen Samstagabend hatte etwas leicht groteskes: In einem großen Supermarkt nahe des Hotels marschierten wir vor dem Kassenbereich zu Musik einmal auf und wieder ab, was viele Supermarktkunden mit Freude und Interesse (und Mobiltelefon-Kameras) aufnahmen, einigen war aber auch ein ‚A quoi ça rime?‘ ins Gesicht geschrieben. Danach gabs im Supermarkt-Restaurant ein Abendessen auf Kosten des Hauses, immerhin.

Danach brachte uns der Bus zur Stadthalle, wo an diesem Abend eine große Karnevalssitzung veranstaltet wurde. Unser Auftritt war erst in zwei Stunden, daher wieder: Warten. Immerhin war die Versorgung mit Freibier sichergestellt, so dass war nicht gar so nüchtern auf die Bühne mussten. Dennoch, oder gerade deswegen, lief der Auftritt wieder gut.

Nach vollzogener Tat zogen wir weiter in eine nahegelegene Kneipe, deren Publikum wir durch unsere grün-weiße Anwesenheit optisch bereicherten, während der Spielmannszug die Musikanlage mühelos übertönte. Es kam jedoch nicht zum Rauswurf, im Gegenteil, man sprach uns interessiert an, wollte wissen, woher wir kommen, was wir dank der Grenznähe auch ohne Französischkenntnisse beantworten konnten. Auch der Wirt schien begeistert, denn immer wieder gab er Runden alkoholischer Getränke aus, welche er in großen Injektionsspritzen direkt in den Mund verabreichte, aus Sicherheitsgründen ohne Nadel.

Ein Burggraf hatte sich zum Verzicht auf Mehrwertgetränke bereiterklärt, stattdessen fuhr er uns den ganzen Abend mit dem vereinseigenen Kleinbus zurück ins Hotel. Dafür noch mal ein janz janz hääzlich Dankeschön, lieber Daniel! Da wir schon eine der ersten Fahrten nutzten, war das Dreigestirn einigermaßen fit am Sonntagmorgen.

Nach dem Frühstück brachte uns der (große) Bus wieder in die Stadthalle, wo wir erstmal wieder zwei Stunden warten mussten bis zum Start der Cavalcade de Sarreguemines, immerhin mit kostenlosem Mittagessen und begleitenden Getränken, wobei ich vorläufig bei Cola blieb, trotz der bekannten Risiken und Bedenken gegen dieses Getränk. Gegen Mittag trafen weitere Busse mit zugteilnehmenden Gruppen ein, unter anderem eine faszinierende Schalmeienkapelle, die eine mitreißende Kostprobe ihres Könnens lieferte, was unser Spielmannszug nicht unbeantwortet ließ.

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Dann machten sich die Gruppen auf zum Bahnhof, wo die Calvacade startete. Wieder warten, was sich etwas anstrengend gestaltete, da vor und hinter uns jeweils ein Wagen mit unangenehm laut wummernder Musik stand. Wenn wir nachher zwischen denen marschieren mussten, dann Mahlzeit. Kurz nach zwei ging es dann endlich los. Da der Krachwagen mit großem Abstand vor uns fuhr, wurde es halb bis viertel so schlimm. Nein, gar nicht schlimm, es wurde sehr schön, zumal sich auch die Sonne immer wieder blicken ließ. Unser Spielmannszug spielte während des Zuges fast die ganze Zeit, mir selbst kam dabei eine eher dekorative Rolle zu mangels Mikrofon und Lautsprecher, aber das war nicht schlimm, ich sang trotzdem mit, nur für mich, übungshalber. Während des Zuges wurden wir von den Zuschauern mit Konfetti beworfen, offenbar gereicht das den Franzosen zum plaisir. Noch Tage später fand sich das Zeug in den Ecken unserer Wohnung.

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Die Rückfahrt nach Bonn verzögerte sich um gut eine Stunde, weil zuvor ein ungeschickt geparkter PKW abgeschleppt werden musste, der den Bussen die Ausfahrt vom Platz versperrte. Dennoch war die Stimmung im Bus bestens, endlich schmeckte auch mir wieder das Bier.

Auch unser Haus dekorierten wir, als Außenposten der Burggrafen in der Bonner Innenstadt, grün-weiß:

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Nächster Höhepunkt war der Weiberfastnacht-Donnerstag, den ich erstmals seit vielen Jahren nicht auf der Party meiner Firma verbrachte, sondern in grün-weißer Mission. Die Burggrafen hatten fünf Auftritte an diesem Tag, alle mit Gesang: den ersten im Forschungsministerium, wo auf der Bühne Bier gereicht wurde, den letzten in Lannesdorf.

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Dank mehrfacher Ölung während des Tages hielt meine Stimme bis zum Schluss durch. Nach dem letzten Auftritt begaben wir uns noch auf ein bis fünf Abendglas ins Zeughaus. Der Freitag, den ich mir vorsorglich frei genommen hatte, gestaltete sich dennoch erfreulich und ungewohnt katerfrei.

Am Freitagabend ging es weiter beim traditionellen Godesberger Abend und Abschluss der Kneipentour des Godesberger Prinzenpaares im Sudhaus am Friedensplatz, mit dem großen Vorteil eines kurzen Heimwegs.

Nachdem der Samstag ohne nennenswerte karnevalistische Aktivitäten verlaufen war, kam der Godesberger Zoch am Sonntag, den wir bei bestem Wetter durch eine große Gruppe, Musik und mehrere Wagen bereicherten. Statt elektrisch verstärkt zu singen, bewarf ich unschuldige, „Kamelle!“ rufende Menschen am Wegesrand mit Waffeln aus zwei großen Taschen, die an meinen Seiten hingen.


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Nach dem Zoch dann Einmarsch mit Musik in die Godesberger Stadthalle, wo wir unsere interne Nach-Zoch-Party feierten. Gegen zweiundzwanzig Uhr wurden wir höflich aber bestimmt aus der Halle gefegt. Zuhause angekommen, hängte ich die Uniform, die ich in den Wochen zuvor mit echtem Stolz getragen hatte, erstmal an den Haken für die nächsten neun Monate. Zum Abschluss des Tages gönnten der Liebste und ich uns noch ein Glas Riesling, um nicht allzu trocken einschlafen zu müssen, derweil unser dritter Stern im Bettuch verschwand.

Der Rosenmontag rundete die Session schließlich gebührend ab. Nach dem Frühstück ging das Dreigestirn zum Bonner Zoch, der gleich bei uns um die Ecke durch die Breitestraße zieht und danach eine wunderbare Straßenparty hinter sich lässt. Hierfür waren sogar einige Burggrafen aus Godesberg angereist, um gemeinsam mit uns zu schauen und zu trinken, wobei ich mich angesichts des folgenden Arbeitstages mit zweiterem stark zurückhielt.

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Als ich schließlich zusammen mit dem Geliebten und Herr meiner Sinne und Schritte nach Hause ging, empfand ich leichte Wehmut.

Fazit: Es hat alles riesigen Spaß gemacht, trotz mancher Anstrengung und Wartezeit, das gehört dazu. So schließe ich die Session und meinen Aufsatz mit zwei Erkenntnissen:

  1. Ich freue mich auf November, wenn wieder dat Trömmelsche jeht und mer aal parat stonn,
  2. nächstes Jahr nehme ich mir auch noch den Dienstag frei.

Im Übrigen werde ich niemals Prinz. Allein schon weil das ziemlich albern aussähe mit meinen dürren Spillerbeinen in diesen Strumpfhosen.

Allaaf gehabt zu haben!

***

Wichtiger Nachtrag: 

An den Herrn Präsidenten und den Kommandanten, und an alle, die durch viel Arbeit im Hintergrund das Gelingen des Vorgenannten ermöglicht haben: Herrlisch, herrlisch, herrlisch – und ein ganz ganz hääzlisch Dankeschön!!

Woche 7: In karnevalistischer Mission


Montag: Die Frage „Und sonst so?“ sollte mit Stromstößen nicht unter zwei Ampere geahndet werden.

Dienstag: Skiurlaub und Apres Ski – für mich eine Idee der Hölle. Gut, das habe ich über Karneval vor noch nicht allzu langer Zeit auch gedacht.

Mittwoch: Eine Dienstreise nach Bad Breisig mit Wagenwechsel in Remagen inspirierte mich zum Gedicht.

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Donnerstag: In Rheinland-Pfalz ist es noch erlaubt, in Raucherräumen innerhalb von Gaststätten zu rauchen. Das finde ich unverantwortlich, wie auch ein Blick in meine Zigarettenschachtel am heutigen Morgen unterstreicht.

Freitag: Während der beste US-Präsident aller Zeiten die Presse beschimpft, bleiben die im Zusammenhang mit dem G20-Treffen angekündigten Ausschreitungen rund um das Bonner WCCB aus. Auch das Treffen der Bonner Ironblogger am Abend in einer beliebten Gaststätte verlief weitgehend gewaltfrei.

Samstag: Busfahrt nach Sarreguemines in karnevalistischer Mission. Mein Widerstand gegen das erste Bier brach nach genau vierunddreißig Minuten.

Sonntag: Attendre le cavaldade. Allez hop.

BEGEDER ruft auf zum "Rosenmontagspaziergang"

Kaum wurde der rheinische Karneval zum Weltkulturerbe erklärt, schon macht ausgerechnet die Kultusministerkonferenz (KMK) in Berlin deutlich, dass es sich hierbei um eine ernste Angelegenheit handelt. So teilte sie ihren Bonner Mitarbeitern mit, der Rosenmontag sei ab sofort kein per se arbeitsfreier Tag mehr. Wie nicht anders zu erwarten, folgte dieser Weisung eine Empörungswelle der Betroffenen, auch die anderen Bonner Bundesbehörden schauen bereits mit aschermittwöchlich-sorgenvoller Miene in Richtung Bundesinnenminister, könnten sie doch ebenfalls in den Strudel hauptstädtisch-neidischen Unfrohsinns hineingezogen werden.

Ein Sprecher der ‚Arbeitsgemeinschaft der Personalräte der obersten Bundesbehörden‘ betonte gegenüber dem General-Anzeiger, beim Feiern lerne sich die Belegschaft auch anders kennen: „Manches geht nachher einfacher.“ Wir wollen aus Gründen des Anstandes nicht hinterfragen, was genau er damit meint.

„Diese Entwicklung ist bedenklich und könnte einen Stein ins Rollen bringen. Rosenmontag ist im Rheinland ein Feiertag, wenn auch kein gesetzlicher“, so zitiert die Zeitung Festausschusspräsidentin Marlies Stockhorst. Der Untergang des Rheinlandes steht unmittelbar bevor. Wie aus ungewöhnlich gut informierten Kreisen zu erfahren war, haben einige KMK-Mitarbeiter bereits die Initiative BEGEDER („Beamte gegen Entkarnevalisierung des Rheinlandes“) gegründet und für Montag, den 16. Februar, nach Dienstschluss zu einem „Rosenmontagsspaziergang“ aufgerufen. Die Polizei rechnet daher für diesen Tag mit erheblichen Verkehrsbehinderungen, auch Wurfgeschosse, Konfettikanonen und Lärmbelästigungen können nicht ausgeschlossen werden. Daher rät sie, die Bereiche Innenstadt und Innere Nordstadt möglichst zu meiden, bis BonnOrange die Straßen geräumt hat; der genaue Weg des Spaziergangs wird noch bekanntgegeben.

Von der Bildung einer Gegenbewegung ist bislang nichts bekannt. Auch die Mitarbeiter von Post, Telekom und Postbank, ebenfalls ehemalige Behörden, sowie weiterer Bonner Unternehmen begegnen dem amtlichen Aufschrei mit einem Schulterzucken, zumal für sie schon vor Jahren die Arbeitsbefreiung nicht nur an Rosenmontag, sondern auch Heiligabend und Silvester aufgehoben worden ist. Viele von ihnen wollen jedoch am 16. Februar Urlaub nehmen, um sich den BEGEDER-Spaziergang anzuschauen. Mit einer Teilnahme der Initiative „Abendland antwortet auf Feierverbot“ (ALAAF), die sich aus der Mitte einiger Ministerien gebildet hat, ist indes aufgrund innerer Zerstrittenheit nicht zu rechnen. Daher ist laut Polizei mit gewalttätigen Ausschreitungen – abgesehen von wenigen alkoholbedingten persönlichen Ausfällen – nicht zu rechnen. Oder wie der Rheinländer sagt: Et hätt noch emmer joot jejange.

(Auch veröffentlicht in gekürzter, nicht ganz so alberner Version bei bundesstadt.com)

Hellaaf und Alau

Zum Karneval habe ich ein gespaltenes Verhältnis, was wohl in erster Linie in meinen ostwestfälischen Wurzeln begründet ist. Wobei auch wir Karneval feierten – im Kindergarten, in der Schule, natürlich mit Kostüm: als Pinguin, Seemann oder Eisenbahner. Karneval in Bielefeld war für mich in erster Linie der Rosenmontag; Weiberfastnacht (*1, Straßenkarneval und Sitzungen kannte ich nur aus dem Fernsehen. Mit Beginn des Berufslebens war es auch damit vorbei, der Rosenmontag war ein normaler Arbeitstag, und was darüber hinaus andere Jecken trieben, nahm ich entweder mit einem gewissen Befremden oder gar nicht zur Kenntnis.

Das änderte sich, nachdem ich nach Bonn gezogen war – hier im Rheinland konnte und kann man dem Karneval kaum entkommen, was für den gebürtigen Ostwestfalen zumindest gewöhnungsbedürftig ist: ab dem 11.11. begegnen einem immer wieder bunt uniformierte und kostümierte Menschen auf der Straße, aus einschlägigen Kneipen tönt jecke Musik, et Trömmelsche jeht hier und da. Der Höhepunkt des Wahnsinns dann in den Tagen ab Weiberfastnacht, wo auch im Büro nichts mehr läuft, jedenfalls nichts, was mit dem Kerngeschäft des Unternehmens zu tun hat, Rosenmontag oft regulär arbeitsfrei, ab Dienstag normalisiert sich die Lage langsam, und am Aschermittwoch ist alles vorbei. Dann fasten sie plötzlich.

Anfangs stand ich ratlos davor und fragte mich: was soll der Quatsch? Mich zu verkleiden empfand ich als ziemlich albern (*2, und kalendarisch verordneter Frohsinn erschien mir unecht, nicht ehrlich. Doch mittlerweile habe ich mich mit den rheinischen Gewohnheiten ganz gut arrangiert: Zu Weiberfastnacht krame ich ein paar Sachen aus dem Schrank, die ich sonst nicht im Büro tragen würde, eine Fliege, eine Weste, eine Mütze gehen immer, mit Schminke und Perücken habe ich hingegen so meine Schwierigkeiten, aber das kommt sicher noch. Ab zehn Uhr fällt der Stift, dann trifft man sich bei Bier und Berlinern mit den Kollegen des Geschäftsbereichs, später schaut man beim Marketingbereich vorbei, der traditionell gut feiern kann, schließlich runter in den Keller zur offiziellen Party, Leute treffen, quatschen, lachen, tanzen, singen und Kölsch trinken, bis nichts mehr reingeht.

Dieses Jahr habe ich es richtig lange ausgehalten. Während mir in anderen Jahren schon gegen 18 Uhr die Lichter ausgingen, hielt ich dieses Mal durch bis fast zum offiziellen Schluss kurz nach 21 Uhr. Dem kollegialen Ansinnen, jetzt noch durch die Kneipen zu ziehen, konnte ich mich zum Glück entziehen, vermutlich hätte ich es nicht überlebt; es ist auch so schon jedes Jahr eine erhebliche Herausforderung, unfallfrei mit der Stadtbahn nach Hause und schließlich ins Bett zu kommen. Freitag hatte ich frei, das ist sehr wichtig. Gegen 17 Uhr konnte ich endlich das Bett verlassen und die Aufnahme fester Nahrung versuchen, die Einnahme alkoholischer Getränke verbot sich hingegen, allein der Gedanke daran erregte Übelkeit.

Das ging erst Samstagabend wieder einigermaßen, als der Liebste darauf drängte, eine Runde durch die Altstadt zu machen. Angeblich hatte ich nach meiner Rückkehr am Donnerstagabend eine entsprechende Zusage gemacht, was ich mir einerseits nicht vorstellen, andererseits nicht restlos widerlegen konnte. Also nochmals, etwas widerwillig, die Fliege angelegt und die Mütze aufgesetzt. Wir begannen im Painless, wo das erste Kilkenny noch so gar nicht ablaufen wollte, setzten die Runde fort durch die UnFassBar, das Lichtblick, das Billabonn (wo es mir entschieden zu voll war), das Pawlow, wo man erfreulicherweise zu wirklich jeder Jahreszeit auch draußen sein Bier zu sich nehmen kann, außer vielleicht bei Windstärke ab zehn, Hagelschlag ab Taubeneigröße und Erdbeben ab Stärke sechs, schließlich noch einmal in die UnFassBar und ins Painless; inzwischen lief das Bier auch wieder ganz gut ab. Dennoch war ich froh, als wir wieder zu Hause waren und des Bettuches Wärme meinen geschundenen Körper umspielte.

Der Liebste, obgleich wie ich in Ostwestfalen aufgewachsen, hat ein gänzlich anderes Verhältnis zum Karneval – er liebt ihn. Er wurde in Bayern geboren und im Alter von zwei Jahren in des Kreises Lippe herbe Höhen umgesiedelt, vom geografisch-zeitlichen Mittelwert her möglicherweise direkt mit der Domplatte gleichzusetzen. Wenigstens ist er nicht der katholisch-absurden Idee des anschließenden Fastens zugeneigt.

Hier nun die Version 1 des Textes, wie ich ihn gestern vorbereitet habe in der Annahme, ihn heute genau so nach der Arbeit zu veröffentlichen:

Der Rosenmontag ist schon lange kein per se arbeitsfreier Tag mehr bei uns, daher war ich heute im Büro. Zwar führt der Bonner Zoch fast vor unserer Haustür lang, aber den erspare ich mir. In Gedrängel und Kälte zu stehen ist nicht so meins, spätestens nach dem zehnten Wagen empfinde ich es als langweilig, und das Bier will angesichts des folgenden Arbeitstags auch nicht so richtig schmecken. Der Liebste hingegen ist mitten dabei, erst Zoch, dann Straße und Kneipen. Und nun entschuldigen Sie mich bitte, ich muss mal nach ihm schauen gehen, nicht dass er unter die Räder gerät.

Und hier die Version 2, wie es wirklich war:

Der Rosenmontag ist schon lange kein per se arbeitsfreier Tag mehr bei uns, daher war ich heute im Büro. Zwar führt der Bonner Zoch fast vor unserer Haustür lang, aber den erspare ich mir. In Gedrängel und Kälte zu stehen ist nicht so meins, spätestens nach dem zehnten Wagen empfinde ich es als langweilig, und das Bier will angesichts des folgenden Arbeitstags auch nicht so richtig schmecken. Gegen 16 Uhr jedoch erreichte mich im Büro eine SMS des Liebsten: „Der H. ist auch da. Komm rüber.“ H. ist der Bruder unseres Nachbarn, ein sehr sympathischer Mensch, mit dem wir in Frankreich schon so manches Weinglas leerten. Also fuhr ich den Rechner runter und machte mich auf. Schnell umgezogen, einen Hut aufgesetzt und auf in die Breite Straße, wo der Zoch gerade durch war und das närrische Leben vor dem UnFassBar tobte. Es war zwar nicht ganz einfach, stundenlangen Feiervorsprung aufzuholen, aber nach ein paar Kölsch ging es. Und ja, es war richtig nett. Während ich diese Zeilen schreibe, liegt der Liebste bereits im Kölschkoma, kaum zu glauben, ich habe es länger ausgehalten. Und die Party ist noch lange nicht zu Ende.

Langsam, ganz langsam beginne ich, zu verstehen.

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*1) Das stimmt nicht ganz: In einigen ostwestfälischen Orten, wie zum Beispiel Schloß Holte-Stukenbrock, geht zu Weiberfastnacht richtig die Post ab.

*2) Auch das stimmt nicht ganz: Bei der Dampfkleinbahn und auf der Bühne verkleide ich mich gerne und bereitwillig, und ist nicht der Anzug im Büro auch eine Verkleidung?