Woche 32/2026: Rad- und Achsbruch

Montag: Da heute Schreiblust und Inspiration bis zum Abend ausblieben, gibt es nichts, was über den ansonsten nicht zu beanstandenden Beginn dieser kleinen Woche zu berichten wäre. Alles Weitere finden Sie in den von Ihnen bevorzugten Medien.

Dienstag: In der vergangenen Nacht muss es nennenswert geregnet haben, jedenfalls zeugten morgens mehrere Pfützen am Wegesrand davon. Davon war nachmittags auf dem Rückweg nichts mehr zu sehen, dafür rann mir das Wasser von der Stirn und aus den Poren, nur mit letzter Kraft erreichte ich eine schattige Außengastronomie in der Innenstadt, wo mich ein Helles erquickte. Eine voluminöse Frau in einem viel zu kurzen gestreiften Sommerkleid, darunter mutmaßlich nichts, hinter sich eine Laptoptasche her schleifend, blieb in der Nähe meines Tisches stehen, schaute ins Leere und redete Wirres, ehe sie weiterzog. Vermutlich keine unmittelbare Hitzefolge. Ein Bettler zeigte sich dankbar für die Münzen, um die er mich angehalten hatte.

Trocken und gelb dagegen die Rasenflächen im Rheinauenpark und anderswo, die ersten Büsche tragen welkes Grün mit Tendenz ins Bräunliche, mehrere Pappeln am gegenüberliegenden Rheinufer haben begonnen, Blätter abzuwerfen, nur noch schütter belaubt ragen ihre Kronen in die Höhe. Die Anlegerbrücken auf dieser Seite ragen steil nach unten, die Pontons an ihren Enden liegen bald trocken. Die Frachtschiffe, die nur noch mit geringer Ladung fahren können, ragen weit aus dem wenigen Wasser. Und der August hat gerade erst begonnen.

Hofgarten, morgens
Rheinauen, nachmittags
Restfeuchte
Lächelgrund am Rheinufer

„Qualität / Service / Tradition / Wasauchimmer wird bei uns groß geschrieben“, so der häufig zu lesende, dümmliche Werbespruch; wie soll man es denn sonst schreiben. Alternativvorschlag für Reedereien: „Bei uns wird Schifffahrt mit drei f geschrieben“.

Mittwoch: Manches vergesse ich mit zuverlässiger Regelmäßigkeit, obwohl ich es genauso häufig recherchiere, etwa die Bedeutung von Pfingsten oder Fronleichnam. Ähnliches gilt für manche Wörter, zum Beispiel heute wieder gelesen: Provenienz, nicht zu verwechseln mit Prominenz, Provinz oder Provence. Laut Duden bedeutet Provenienz (feminin, bildungssprachlich) „Bereich, aus dem jemand, etwas stammt; Herkunft[sland]“. Vielleicht kann ich es mir so merken: Meine Provenienz ist die ostwestfälische Provinz, auch wenn Bielefeld einige Tausend Einwohner mehr hat als mein jetziger Wohnort Bonn, immerhin Bundesstadt. In Bielefeld bin ich wieder am kommenden Wochenende, in der Provence in drei Wochen, darauf schon mal vorfreuen. Und auf morgen, dann habe ich frei und das Wetter soll wanderabel werden. (Das kennt der Duden nicht, habe ich mir gerade ausgedacht.)

Donnerstag: Bei wie erwartet perfektem Wetter, sonnig, trocken, nicht zu warm, durchwanderte ich mal wieder die Wahner Heide. Das ist wie mit Champagner als Vergnügungsgetränk oder ABBA als Partymusik: Wahner Heide geht immer. Landschaftlich abwechslungsreich, dabei wenig anstrengend ohne starke Steigungen und Wege mit Rutsch- und Stolpergefahr. Mit der Bahn fuhr ich nach Troisdorf, wo die Tour nach dem Frühstück im Café startete und (mit Pausen) fünf Stunden später endete.

Am Troisdorfer Friedhof lag Laubbläserlärm in der Luft, der geeignet war, die Totenruhe zu stören. Die Überquerung des Güldenbergs gestaltete sich wegen größerer Mengen Totholz über dem kaum auszumachenden Weg schwierig, kurz danach wollte mich Komoot über einen weiteren nicht vorhandenen Pfad leiten.

Ansonsten war es wieder sehr beglückend, und das ist wörtlich zu verstehen, wie bei jeder Wanderung: Sobald ich die Stadt verlassen habe und den Wald betrete, mich dessen Grün umfängt, sich der Verkehrslärm auf ein fernes Hintergrundrauschen reduziert, ehe er ganz verstummt und vornehmliches Geräusch der Gesang der Vögel ist, tritt ein tiefes Glücksgefühl ein. Dabei kann ich meinen Gedanken nachgehen, auch solchen, die hier nicht zu lesen sind, ein Liedchen summen und das eine oder andere Selbstgespräch führen. Herrlich.

Meine Hoffnung auf blühende Heideflächen erfüllte sich nicht, ein paar Wochen benötigt das Kraut noch bis zur Blüte. Nur hier und da war in der Ferne, die zu betreten wegen militärischer Sperrzone untersagt ist, nach wie vor ist die Wahner Heide Übungsgebiet, ein rötlicher Schimmer auszumachen. Bereits nach dreieinhalb Stunden erreichte ich das Ausflugslokal Heidekönig. Da ich erst kurz zuvor mein Proviant gegessen hatte, verzichtete ich auf Wurstverzehr und nahm mit einem Landbier vorlieb.

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Ein Hauch von Heideblüte
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Archivbilder aus dem Vorjahr:

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Der Geliebte hat kürzlich das Wort „Richtlinienkompetenz“ entdeckt. Seitdem glaubt er, das hätte irgendetwas mit ihm zu tun.

Freitag: In einer Besprechung bedankte man sich für das wrap up, es wurde ausgespeichert, ein clash festgestellt, eine hidden agenda verneint; wegen eines harten Anschlags endete der Termin pünktlich. Den ebenfalls gefallenen Satz „Nicht darüber reden ist die falsche Strategie“ würde ich nicht nicht vorbehaltlos unterschreiben. Jedenfalls gibt es einen Folgetermin, auf dass auch kommende Woche noch was auszuspeichern ist.

Die Bonner Stadtwerke sehen sich zurzeit heftiger Kritik ausgesetzt. Wie berichtet, dürfen sechzig Stadtbahnwagen aus den Siebziger- bis Neunzigerjahren wegen Sicherheitsmängeln nicht eingesetzt werden. Was zunächst nur als vorsorgliche Maßnahme in Absprache mit der Aufsichtsbehörde verkündet wurde, hat sich nun als erhebliche Betriebsgefahr für Leib und Leben der Fahrgäste herausgestellt, unter anderem weil bei Reparaturen nicht zugelassene Teile verbaut wurden. Betroffen sind auch Wagen, die seit 2012 komplett modernisiert worden sind. Mit einer baldigen Wiederinbetriebnahme ist nicht zu rechnen, vielmehr muss der Betrieb aufrechterhalten werden mit den neueren Fahrzeugen von 2003, die wegen niedriger Bahnsteighöhen nicht überall halten dürfen und, weil es davon nicht genug gibt, nur in halber Zuglänge. Weiterhin unterstützt durch Fahrzeuge aus Köln, solange sie dort noch entbehrlich sind. Also voraussichtlich längstens bis zum Ende der Sommerferien in drei Wochen. Verwunderlich ist, derselbe Fahrzeugtyp, der in Bonn nicht mehr fahren darf, ist in Städten wie Köln, Dortmund, Duisburg und Düsseldorf weiterhin im täglichen Einsatz. Offenbar arbeiten die Werkstätten dort sorgfältiger. Mich betrifft es nur am Rande, weil ich nur noch bei Regen mit der Bahn fahre. Gleichwohl bin ich sehr gespannt, wie es weitergeht. Mir bleibt nur, Rad- und Achsbruch zu wünschen.

Ein Skandal wird erst richtig zu einem Skandal durch passende Bebilderung. Das gelingt mal mehr, mal weniger. Wie die Oma schon wusste: Mit Lebensmitteln spielt man nicht.

(General-Anzeiger Bonn online)

Samstag: Für dieses Wochenende stand der nächste Besuch der Mutter in Bielefeld an. Vor den Besuch hat das Universum die Reise gesetzt, die begann pünktlich in Bonn mit der Regionalbahn. Auch zu früher Stunde waren schon laute Menschen unterwegs: einige Reihen vor mir eine Gruppe Männer mit Bierflaschen, von hinten juchten sektfröhliche Damen.

Der Ticketkontrolleur war begleitet von zwei Sicherheitsleuten, finstere Gesellen: der eine mit Glatze und Sonnenbrille, großflächigen Tätowierungen auf den Armen und am Hals, wo sonst noch, war zum Glück nicht zu sehen; in den Kinnbart zwei alberne Zöpfe geflochten. Der andere sah nicht ganz so finster aus, brachte jedoch durch Kaugummikauen und drohenden Blick zum Ausdruck, dass man besser keine Probleme macht.

Aufgrund einer Signalstörung bei Neuss ging es in Köln ungefähr eine Stunde später weiter als ursprünglich geplant. Hier wunderte ich mich wieder über die Fahrgastinformation der Bahn: „(Dingdong) – Der RE 7 nach Münster fällt heute aus, wir bitten um Verständnis.“ – Pause. – „(Dingdong) – Sonderzug 93115 nach Münster, planmäßig Abfahrt neun Uhr elf, heute zehn Minuten später.“ Kein Wort darüber, dass dieser Sonderzug offenbar der Ersatzzug für den ausgefallenen RE 7 war. Warum werden Fahrgäste mit solchen Information behelligt? Es ist doch völlig egal, unter welcher Nummer der Zug verkehrt, solange er zur selben Zeit vom selben Gleis mit demselben Ziel abfährt. Aus den zehn wurden zwanzig, dann vierzig, später fünfundfünfzig Minuten. Wie viele es noch wurden, weiß ich nicht, weil ich den nächsten RE 6 nahm, der bis Bielefeld eine Viertelstunde Verspätung erlitt.

Auf dem Weg dorthin durchfuhren wir welkgelbe Landschaften, viele Bäume proben schon den Herbstfall.

In Düsseldorf gibt es in einigen Straßenzügen immer noch Gaslaternen. In Bonn wurden die letzten auch erst vor elf Jahren durch elektrische ersetzt, die wie Gaslaternen aussehen, aber keine sind.

Nach Ankunft in Bielefeld die nächste Überraschung: Der Bahnhofsvorplatz war von der Polizei großräumig abgesperrt; um zur Stadtbahn zu gelangen, war ein längerer Fußweg um ein Hotel und die Stadthalle erforderlich. Macht ja nichts, ich gehe ja gerne. Erst an der Stadtbahnstation erfuhr ich dann, dass die Bahnen wegen Bauarbeiten in der Innenstadt nicht fahren, Schienenersatzverkehr (ein weiteres schönes deutsches Wort) mit Bussen ist eingerichtet. Wo, war leider nicht zu erfahren. Aus den Aushängen ließ sich erahnen, dass die Bahnen zu meinem Ziel ab Marktstraße fahren. Dank Ortskunde begab ich mich dorthin, Gehen macht glücklich, tatsächlich kam bald eine Bahn und brachte mich zur Mutter. Trotz zweistündiger Verspätung wurde der restliche Tag und Abend dann noch sehr angenehm und unterhaltsam.

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Sonntag: Der RE 6, der Bielefeld pünktlich verließ, war erstaunlich voll. Erst ab Dortmund bekam ich einen Fensterplatz. Ab Essen wurde es bummelig, immer wieder musste wegen nicht freier Streckenabschnitte langsam gefahren und außerplanmäßig angehalten werden. Also das übliche. Dass es dennoch möglich ist, auch Pünktlichkeit großzuschreiben zeigte der in Düsseldorf anschließende RE 5, der mich mit erfreulicher solcher nach Bonn brachte.

Wie zu lesen ist, haben unwohlmeinenden Menschen über eine Sicherheitslücke bei WordPress Schadcode eingeschleust. Nutzern wird dringend empfohlen, ein Plugin zu installieren. Da liegt mein Problem: Ich nutze WordPress wie ein Auto oder ein Fahrrad. Mit der Bedienung bin ich einigermaßen vertraut, weiß wie man tankt oder die Kette nachölt. Für alles weitere gibt es Werkstätten. Weder habe ich die Begabung noch größeres Interesse daran, mich mit solchen technischen Angelegenheiten zu befassen. Viel zu groß die Befürchtung, durch unsachgemäßes Herumfummeln mein Blog ins digitale Jenseits zu befördern. Deshalb die Frage an die treue Leserschaft: Kann jemand eine verlässliche Blogwerkstatt empfehlen?

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

18:00

Woche 24/2026: Orte mit Wasserturm und Balkon mit Seeblick

Montag: Es ist ein beglückendes Gefühl, morgens zur gewohnten Zeit aufzuwachen und noch zwei Wochen Urlaub vor uns zu wissen. Weiterhin sind wir in Beaune im Burgund, morgen fahren wir weiter an die Loire. Zu einem Aufenthalt in Beaune gehört für mich ein Spaziergang über die Remparts, den zu etwa zwei Drittel erhaltenen Wall um die historische Innenstadt. Das erledigte ich vormittags, während der Liebste einige weitere Einkäufe tätigte; so tat ein jeder, woran er Freude hat.

Gegen Mittag trübte es sich ein und leichter Regen fiel. Das hinderte uns nicht an einem weiteren Spaziergang zum Cité des Climats et vins de Bourgogne, einem architektonisch interessanten Rundbau südlich außerhalb der Innenstadt, darin eine Art Museum, das sich thematisch der Weinerzeugung im Burgund widmet. Der Rückweg führte durch die ebenfalls überwiegend altbebaute, dabei wesentlich weniger pittoreske Vorstadt. Anschließend lockte leichter Bierappetit ins Bistrot. Es muss nicht immer Wein sein.

Rempart Saint-Jean
Cité des Climats et vins de Bourgogne
Rue du Faubourg Perpreuil, südliche Vorstadt

Dienstag: Vormittags verließen wir Beaune, fast fiel der Abschied von diesem mittlerweile vertrauten Ort schwer. Doch der Urlaub geht weiter. Zwischenziel war der Weltkulturerbe-Ort Vézelay, wo wir uns nach einem kurzen Anstieg die Kirche anschauten. Ich war wieder angemessen beeindruckt von dem Bauwerk, auch wenn ich bei solchen Gelegenheiten jedes Mal denke: Welch ein Aufwand wegen dieser Legende, die Menschen vor ein paar Tausend Jahren mal aufgeschrieben haben. Mehr zu Vézelay bei Bedarf hier.

Anschließend fuhren wir abseits der Autobahnen durch Wälder, Felder und Orte mit Wassertürmen, teils über Straßen, die sich über mehrere Kilometer lichtstrahlgerade durch die Landschaft ziehen. Unter anderem führte der Weg durch die Stadt Clamecy, deren Pracht schon seit geraumer Zeit vergangen zu sein scheint und die erstaunlich auto- und menschenleer war, was vielleicht auch an der Mittagszeit lag.

Weiter ging es über die Loire, mit kleinem pique-nique am Hafen von Châtillon-sur-Loire. Ziel der heutigen Reise war das Hotel Les Hayes en Sologne in der Nähe von Fontaines-en-Sologne, in einem idyllisch gelegenen Schlösschen mit großem Garten, umgeben von Wald. Nach Ankunft und Auspacken unternahmen wir einen kleinen Spaziergang durch den Park, der am Restaurant endete, wo ein Ankunftsgetränk angemessen und erforderlich erschien.

Chicane in Billy-sur-Oisy
D 957 zwischen Entrains-sur-Nohain und Bouhy
Bouhy
Vannes-sur-Cosson
Zufahrt zum Hotel
Das Hotelschlösschen
Ein gutes Haus

Mittwoch: Die Loire-Region ist bekannt für ihre zahlreichen Schlösser. Eines davon besuchten und besichtigten wir heute: Chambord. Als Kind baute ich Burgen aus Sand mit viel Wasser. Wenn man das Sand-Wasser-Gemisch aus der Faust träufeln ließ, türmten sich daraus kleine Säulen von ungleichmäßiger Struktur. Daran fühlte ich mich erinnert, als ich heute das Château mit seinen zahlreichen Türmchen und Schornsteinen sah, Neuschwanstein ist ein nüchterner Zweckbau dagegen. Architektonische Besonderheit ist die doppelte Wendeltreppe im Zentrum des Bauwerks, zwei umeinander verschlungene Wendeln innerhalb des Turmes. Im Übrigen gilt das gleiche wie gestern über Kathedralen geäußert: riesiger Aufwand für eine Legende, in diesem Fall die, dass bestimmte Menschen allein aufgrund ihrer Geburt über anderen stehen und sich deshalb zu rein repräsentativen Zwecken solche Schlösser bauen lassen konnten, während das Volk schuften und darben musste.

Château Chambord

Danach fuhren wir nach Blois, eine dem Anschein nach recht große, von der Einwohnerzahl unter fünfzigtausend indes erstaunlich kleine Stadt an der Loire, von der ich noch nie gehört hatte. Das ist selbstverständlich nicht von Bedeutung, die wenigsten Franzosen werden je von beispielsweise Rheda-Wiedenbrück oder Buxtehude gehört haben.

Nach Rückkehr im Hotel begaben wir uns in im Garten bereitstehende Liegestühle, wo vorstehende Zeilen notiert wurden. Zur Perfektion des Urlaubsglückes fehlte nur ein Glas Rosé. Man kann nicht alles haben.

Nachtrag: Kann man doch. Man muss nur seine Hemmungen überwinden, dem Personal womöglich Umstände zu bereiten, und danach fragen.

Donnerstag: Nach dem Frühstück verließen wir das Hotelschlösschen in Richtung Bretagne. Wieder mieden wir Autobahnen, über eine längere Strecke fuhren wir auf dem Damm neben der Loire. Etwa fünf Stunden später, nach Überquerung der Loire-Mündung über die Brücke bei Saint-Nazaire, erreichten wir unser nächstes Ziel Le Croisic direkt am Atlantik, wo wir eine Woche verweilen werden. Die Sonne scheint, noch weht kühler Wind über den Balkon des Hotelzimmers mit Meerblick, doch die weiteren Wetteraussichten sind vielversprechend.

La Chapelle-sur-Loire
Brücke über die Loire-Mündung
Hotelbalkonblick
Unser Balkon

Freitag: Die erste Nacht in Le Croisic schlief ich sehr gut und wachte bewusst erstmals nach sechs Uhr auf, vielleicht liegt es an der Seeluft. Das Hotel bietet kein Frühstücksbüffet an, stattdessen bestellt man das Gewünschte am Vortag mit einem Formular, auf Wunsch wird es dann morgens im Frühstücksraum serviert oder ins Zimmer gebracht. Wir entschieden uns heute für die zweite Variante und frühstückten windgeschützt auf der rückwärtigen Terrasse des Zimmers.

Nach dem Frühstück sogleich die erste Aktivität: eine kleine Wanderung um die Landzunge, auf der Le Croisic liegt. Mein Hirnradio spielte dazu „An der Nordseeküste“ von Klaus & Klaus, man kann es sich nicht immer aussuchen. Am Hafen stärkten wir uns in einer Crêperie mit – Überraschung: Crêpes, dazu eine Flasche Cidre; wie bereits am Montag geschrieben: Es muss nicht immer Wein sein. Mein Crêpe war gefüllt mit Frangipane, einer mir bis dahin unbekannten, mit Rum angereicherten Mandelcreme. Köstlich. Zurück zum Hotel ging es dann wesentlich schneller, durch den Ort gleichsam quer über die Zungenwurzel. Das Wetter war heute noch unentschieden, nicht sehr warm und nicht kalt, ab und zu leichter Niesel, zwischendurch lugte kurzzeitig die Sonne durch die Wolkendecke und ließ es augenblicklich warm erscheinen.

Bitte denken Sie sich links den Atlantik
Hafen von Le Croisic

Wir sind nicht die einzigen Deutschen hier. Während der Notiz vorstehender Zeilen auf dem Balkon radelten zwei jüngere Männer vorüber, leicht bergan und gegen den Wind. „Wir können heute Abend doch mit den Fahrrädern fahren“, schlug der hintere vor. „Auf gar keinen Fall“ lautete die Antwort des vorderen.

Das Abendessen fand heute auf dem Balkon mit Seeblick statt, der Liebste hatte dafür etwas eingekauft, dazu gab es den Champagner, den uns die Hotelleitung in Beaune geschenkt hatte. Nach den zahlreichen Restaurantbesuchen der letzten Tage war so ein kleines Abendessen eine willkommene Abwechslung. Während wir also saßen und aßen, stand ein paar hundert Meter entfernt auf einem der vorgelagerten Felsen ein hell gekleideter Mann mit dem Rücken zum Meer, den Arm vor sich ausgestreckt, offenbar machte er Selfies oder ein Video. Dabei zeigte er beeindruckende Ausdauer, schätzungsweise eine Stunde verharrte er so, wechselte ab und zu den Arm, bewegte sich jedenfalls nicht von der Stelle. Vielleicht ein YouTube-Prominenter oder Influencer, was weiß ich; er wird seine Gründe gehabt haben. Erst als aus Westen Nebel aufzog, verließ er seinen Standort, drehte sich am Ufer eine Zigarette und verschwand schließlich in Richtung Stadt.

Suchbild mit Nebel und Influencer

Mit dem Nebel kam auch deutliche Kühle auf, die uns vom Balkon nach drinnen vertrieb, wo wir in behaglicher Zimmerwärme und weiterhin mit vernebeltem Seeblick den Champagner leerten. Morgen soll es bis zu siebenundzwanzig Grad warm werden. So recht glauben kann ich es nicht, wir werden sehen beziehungsweise fühlen.

Samstag: Die Wettervorhersage hat nicht zu viel versprochen, seit dem Mittag ist es warm. Morgens zog noch etwas Dunst über das Meer und auf dem Weg vormittags in die Markthalle war ein Jäckchen angebracht, das änderte sich dann rasch. Den Nachmittag verbrachte ich in leichter Sommerkleidung auf dem Balkon und widmete mich der Schreiberei, während in meinem Blickfeld Menschen in den Fluten planschten und Menschen in Deutschland eine unsommerliche Kühle beklagen.

Auch hier gibt es Ebbe und Flut, mit einem Tidehub von vier Metern und darüber hinaus wesentlich ausgeprägter als in Büsum und anderswo an der Nordsee. Und doch fällt es dort mehr auf. Während sich da das Wasser bei Ebbe um hunderte Meter zurückzieht und großflächig das Watt freilegt, sind es hier nur einige -zig Meter und die Felsen ragen etwas mehr aus dem Wasser.

Apropos Meer: Abends ließen wir uns im Bistrot gegenüber eine Meeresfrüchteplatte kommen. Dazu wurden Werkzeuge gereicht, deren Anblick sonst auf Esstischen zumindest für einen Kulinarikbanausen wie mich ungewohnt ist. Nun denn: Die Austern ließen sich auch vom Ungeübten mit der Gabel aus ihrer Halbschale heben, wobei ich mich nach wie vor frage, was die Menschheit oder wenigstens ein Teil davon so toll an diesem salzigen Schleim findet. Auch die Schnecken in zwei Größen – klein und ganz klein – ließen sich mit dem beiliegenden Stechwerkzeug recht einfach aus den Häuschen zerren. Schwieriger wurde es bei den Riesengarnelen (oder wie die hier heißen), bei denen ich alles vergessen konnte, was ich einst in Büsum über das Krabbenpulen gelernt habe. Erst bei der vierten (von fünf) hatte ich es einigermaßen raus, wobei der Aufwand, die paar Fleischfasern aus den Ärmchen zu lösen, in keinem vertretbaren Verhältnis zum Ertrag steht. Schließlich der halbierte Riesen-Taschenkrebs (auch hier fehlt mir gerade die korrekte regionale Bezeichnung) im Zentrum der Platte: Aus dem Körper quoll eine unappetitliche graue Masse, die ich unangerührt ließ, dem Rest war unter Zuhilfenahme der Nussknackerzange und dem Stecheisen einigermaßen beizukommen. Immerhin war ich am Ende zwar nicht übersättigt, indes auch nicht mehr hungrig. Fazit: Kann man mal machen, gerne aber nicht oft.

Essbesteck

Während wir uns durch das Meeresgetier kämpften, planschte nebenan eine Gruppe aus jungen Leuten und einem riesigen aufblasbaren Schwan im zurück gehenden Wasser, dazu legten einige der Jungs das altersübliche Balzgehabe an den Tag. Ein anderes junges Paar erregte meine Aufmerksamkeit: Sie gingen langsam in Richtung Wasser, das Mädchen trug einen Badeanzug, der Junge war bekleidet mit Schuhen und hochgezogenen Socken, Shorts, die zumindest aus der Ferne nicht nach Badehose aussahen und einem langärmeligen Pullover. So gingen sie, bis ihnen das Wasser ungefähr bis zum Bauch reichte, verharrten dort einige Minuten, dann gingen sie zurück bis zum Strand unterhalb der Promenade, legten sich dort noch einige Zeit in den Sand und verschwanden schließlich. Womöglich war er etwas schamhaft, in jungen Jahren ist das ja nicht ungewöhnlich, man kennt es vielleicht aus eigener Erfahrung.

Gruppenbild mit Schwan

Apropos Meeresfrüchte: Laut einem Zeitungsbericht droht Deutschland wegen der EU-Sanktionen gegen Russland bald eine Fischstäbchenkrise. Auch das noch, möchte man entsetzt ausrufen. Unterstützung der Ukraine schön und gut, aber doch nicht unter Gefährdung der Fischstäbchenversorgung!

Apropos Konsequenz: Dem Vernehmen nach hat die Fußballweltmeisterschaft begonnen. In den Blogs zahlreiche Artikel, die aus nachvollziehbaren Gründen – Geldgier des einen, Geltungssucht des anderen – fordern, die Spiele zu ignorieren. Auch ich werde mir kein Spiel anschauen, auch nicht, wenn Wir spielt, wie bei jedem Turnier. Nicht in erster Linie aus oben genannten Gründen, vielmehr weil es mich von Natur aus nicht interessiert. Andere werden es tun, viele auch bereit sein, die horrenden Preise für Anreise, Hotel und Tickets zu zahlen, um leif dabei zu sein, einfach weil sie sich für Fußball begeistern. Es liegt mir fern, sie dafür zu tadeln; ich wäre der letzte, der sich dafür rühmt, stets konsequent zu handeln.

Sonntag: Zu den Situationen, in denen ich stundenlang sitzen und untätig schauen kann, ohne mich auch nur eine Sekunde zu langweilen, gehört neben Bahnfahren und Kaminfeuer eine Schifffahrt. Die unternahmen wir heute, und zwar ab Vannes etwa drei Stunden lang durch den Golf von Morbihan. Dazu mussten wir eine Stunde früher aufstehen als üblich, es hat sich gelohnt. Manchmal muss man Opfer bringen.

Balkonblick, morgens. Am Horizont leuchten die Hochsee-Windkraftanlagen, nach meiner Zählung 71 an der Zahl
Golf von Morbihan
Darinnen zahlreiche Inseln, hier die Île de Berder
Geradeaus der Atlantik

Zum Abendessen waren wir in einer im besten Sinne „einfachen“ Brasserie am Hafen von Le Croisic. Nach dem gestrigen Meeresfrüchtegemetzel habe ich die Bratwurst mit Pommes sehr genossen.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Für uns bricht die letzte Urlaubswoche an, bis Mittwoch weiterhin hier in Le Croisic, danach weiter in die Champagne.

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