Woche 32/2026: Rad- und Achsbruch

Montag: Da heute Schreiblust und Inspiration bis zum Abend ausblieben, gibt es nichts, was über den ansonsten nicht zu beanstandenden Beginn dieser kleinen Woche zu berichten wäre. Alles Weitere finden Sie in den von Ihnen bevorzugten Medien.

Dienstag: In der vergangenen Nacht muss es nennenswert geregnet haben, jedenfalls zeugten morgens mehrere Pfützen am Wegesrand davon. Davon war nachmittags auf dem Rückweg nichts mehr zu sehen, dafür rann mir das Wasser von der Stirn und aus den Poren, nur mit letzter Kraft erreichte ich eine schattige Außengastronomie in der Innenstadt, wo mich ein Helles erquickte. Eine voluminöse Frau in einem viel zu kurzen gestreiften Sommerkleid, darunter mutmaßlich nichts, hinter sich eine Laptoptasche her schleifend, blieb in der Nähe meines Tisches stehen, schaute ins Leere und redete Wirres, ehe sie weiterzog. Vermutlich keine unmittelbare Hitzefolge. Ein Bettler zeigte sich dankbar für die Münzen, um die er mich angehalten hatte.

Trocken und gelb dagegen die Rasenflächen im Rheinauenpark und anderswo, die ersten Büsche tragen welkes Grün mit Tendenz ins Bräunliche, mehrere Pappeln am gegenüberliegenden Rheinufer haben begonnen, Blätter abzuwerfen, nur noch schütter belaubt ragen ihre Kronen in die Höhe. Die Anlegerbrücken auf dieser Seite ragen steil nach unten, die Pontons an ihren Enden liegen bald trocken. Die Frachtschiffe, die nur noch mit geringer Ladung fahren können, ragen weit aus dem wenigen Wasser. Und der August hat gerade erst begonnen.

Hofgarten, morgens
Rheinauen, nachmittags
Restfeuchte
Lächelgrund am Rheinufer

„Qualität / Service / Tradition / Wasauchimmer wird bei uns groß geschrieben“, so der häufig zu lesende, dümmliche Werbespruch; wie soll man es denn sonst schreiben. Alternativvorschlag für Reedereien: „Bei uns wird Schifffahrt mit drei f geschrieben“.

Mittwoch: Manches vergesse ich mit zuverlässiger Regelmäßigkeit, obwohl ich es genauso häufig recherchiere, etwa die Bedeutung von Pfingsten oder Fronleichnam. Ähnliches gilt für manche Wörter, zum Beispiel heute wieder gelesen: Provenienz, nicht zu verwechseln mit Prominenz, Provinz oder Provence. Laut Duden bedeutet Provenienz (feminin, bildungssprachlich) „Bereich, aus dem jemand, etwas stammt; Herkunft[sland]“. Vielleicht kann ich es mir so merken: Meine Provenienz ist die ostwestfälische Provinz, auch wenn Bielefeld einige Tausend Einwohner mehr hat als mein jetziger Wohnort Bonn, immerhin Bundesstadt. In Bielefeld bin ich wieder am kommenden Wochenende, in der Provence in drei Wochen, darauf schon mal vorfreuen. Und auf morgen, dann habe ich frei und das Wetter soll wanderabel werden. (Das kennt der Duden nicht, habe ich mir gerade ausgedacht.)

Donnerstag: Bei wie erwartet perfektem Wetter, sonnig, trocken, nicht zu warm, durchwanderte ich mal wieder die Wahner Heide. Das ist wie mit Champagner als Vergnügungsgetränk oder ABBA als Partymusik: Wahner Heide geht immer. Landschaftlich abwechslungsreich, dabei wenig anstrengend ohne starke Steigungen und Wege mit Rutsch- und Stolpergefahr. Mit der Bahn fuhr ich nach Troisdorf, wo die Tour nach dem Frühstück im Café startete und (mit Pausen) fünf Stunden später endete.

Am Troisdorfer Friedhof lag Laubbläserlärm in der Luft, der geeignet war, die Totenruhe zu stören. Die Überquerung des Güldenbergs gestaltete sich wegen größerer Mengen Totholz über dem kaum auszumachenden Weg schwierig, kurz danach wollte mich Komoot über einen weiteren nicht vorhandenen Pfad leiten.

Ansonsten war es wieder sehr beglückend, und das ist wörtlich zu verstehen, wie bei jeder Wanderung: Sobald ich die Stadt verlassen habe und den Wald betrete, mich dessen Grün umfängt, sich der Verkehrslärm auf ein fernes Hintergrundrauschen reduziert, ehe er ganz verstummt und vornehmliches Geräusch der Gesang der Vögel ist, tritt ein tiefes Glücksgefühl ein. Dabei kann ich meinen Gedanken nachgehen, auch solchen, die hier nicht zu lesen sind, ein Liedchen summen und das eine oder andere Selbstgespräch führen. Herrlich.

Meine Hoffnung auf blühende Heideflächen erfüllte sich nicht, ein paar Wochen benötigt das Kraut noch bis zur Blüte. Nur hier und da war in der Ferne, die zu betreten wegen militärischer Sperrzone untersagt ist, nach wie vor ist die Wahner Heide Übungsgebiet, ein rötlicher Schimmer auszumachen. Bereits nach dreieinhalb Stunden erreichte ich das Ausflugslokal Heidekönig. Da ich erst kurz zuvor mein Proviant gegessen hatte, verzichtete ich auf Wurstverzehr und nahm mit einem Landbier vorlieb.

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Ein Hauch von Heideblüte
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Archivbilder aus dem Vorjahr:

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Der Geliebte hat kürzlich das Wort „Richtlinienkompetenz“ entdeckt. Seitdem glaubt er, das hätte irgendetwas mit ihm zu tun.

Freitag: In einer Besprechung bedankte man sich für das wrap up, es wurde ausgespeichert, ein clash festgestellt, eine hidden agenda verneint; wegen eines harten Anschlags endete der Termin pünktlich. Den ebenfalls gefallenen Satz „Nicht darüber reden ist die falsche Strategie“ würde ich nicht nicht vorbehaltlos unterschreiben. Jedenfalls gibt es einen Folgetermin, auf dass auch kommende Woche noch was auszuspeichern ist.

Die Bonner Stadtwerke sehen sich zurzeit heftiger Kritik ausgesetzt. Wie berichtet, dürfen sechzig Stadtbahnwagen aus den Siebziger- bis Neunzigerjahren wegen Sicherheitsmängeln nicht eingesetzt werden. Was zunächst nur als vorsorgliche Maßnahme in Absprache mit der Aufsichtsbehörde verkündet wurde, hat sich nun als erhebliche Betriebsgefahr für Leib und Leben der Fahrgäste herausgestellt, unter anderem weil bei Reparaturen nicht zugelassene Teile verbaut wurden. Betroffen sind auch Wagen, die seit 2012 komplett modernisiert worden sind. Mit einer baldigen Wiederinbetriebnahme ist nicht zu rechnen, vielmehr muss der Betrieb aufrechterhalten werden mit den neueren Fahrzeugen von 2003, die wegen niedriger Bahnsteighöhen nicht überall halten dürfen und, weil es davon nicht genug gibt, nur in halber Zuglänge. Weiterhin unterstützt durch Fahrzeuge aus Köln, solange sie dort noch entbehrlich sind. Also voraussichtlich längstens bis zum Ende der Sommerferien in drei Wochen. Verwunderlich ist, derselbe Fahrzeugtyp, der in Bonn nicht mehr fahren darf, ist in Städten wie Köln, Dortmund, Duisburg und Düsseldorf weiterhin im täglichen Einsatz. Offenbar arbeiten die Werkstätten dort sorgfältiger. Mich betrifft es nur am Rande, weil ich nur noch bei Regen mit der Bahn fahre. Gleichwohl bin ich sehr gespannt, wie es weitergeht. Mir bleibt nur, Rad- und Achsbruch zu wünschen.

Ein Skandal wird erst richtig zu einem Skandal durch passende Bebilderung. Das gelingt mal mehr, mal weniger. Wie die Oma schon wusste: Mit Lebensmitteln spielt man nicht.

(General-Anzeiger Bonn online)

Samstag: Für dieses Wochenende stand der nächste Besuch der Mutter in Bielefeld an. Vor den Besuch hat das Universum die Reise gesetzt, die begann pünktlich in Bonn mit der Regionalbahn. Auch zu früher Stunde waren schon laute Menschen unterwegs: einige Reihen vor mir eine Gruppe Männer mit Bierflaschen, von hinten juchten sektfröhliche Damen.

Der Ticketkontrolleur war begleitet von zwei Sicherheitsleuten, finstere Gesellen: der eine mit Glatze und Sonnenbrille, großflächigen Tätowierungen auf den Armen und am Hals, wo sonst noch, war zum Glück nicht zu sehen; in den Kinnbart zwei alberne Zöpfe geflochten. Der andere sah nicht ganz so finster aus, brachte jedoch durch Kaugummikauen und drohenden Blick zum Ausdruck, dass man besser keine Probleme macht.

Aufgrund einer Signalstörung bei Neuss ging es in Köln ungefähr eine Stunde später weiter als ursprünglich geplant. Hier wunderte ich mich wieder über die Fahrgastinformation der Bahn: „(Dingdong) – Der RE 7 nach Münster fällt heute aus, wir bitten um Verständnis.“ – Pause. – „(Dingdong) – Sonderzug 93115 nach Münster, planmäßig Abfahrt neun Uhr elf, heute zehn Minuten später.“ Kein Wort darüber, dass dieser Sonderzug offenbar der Ersatzzug für den ausgefallenen RE 7 war. Warum werden Fahrgäste mit solchen Information behelligt? Es ist doch völlig egal, unter welcher Nummer der Zug verkehrt, solange er zur selben Zeit vom selben Gleis mit demselben Ziel abfährt. Aus den zehn wurden zwanzig, dann vierzig, später fünfundfünfzig Minuten. Wie viele es noch wurden, weiß ich nicht, weil ich den nächsten RE 6 nahm, der bis Bielefeld eine Viertelstunde Verspätung erlitt.

Auf dem Weg dorthin durchfuhren wir welkgelbe Landschaften, viele Bäume proben schon den Herbstfall.

In Düsseldorf gibt es in einigen Straßenzügen immer noch Gaslaternen. In Bonn wurden die letzten auch erst vor elf Jahren durch elektrische ersetzt, die wie Gaslaternen aussehen, aber keine sind.

Nach Ankunft in Bielefeld die nächste Überraschung: Der Bahnhofsvorplatz war von der Polizei großräumig abgesperrt; um zur Stadtbahn zu gelangen, war ein längerer Fußweg um ein Hotel und die Stadthalle erforderlich. Macht ja nichts, ich gehe ja gerne. Erst an der Stadtbahnstation erfuhr ich dann, dass die Bahnen wegen Bauarbeiten in der Innenstadt nicht fahren, Schienenersatzverkehr (ein weiteres schönes deutsches Wort) mit Bussen ist eingerichtet. Wo, war leider nicht zu erfahren. Aus den Aushängen ließ sich erahnen, dass die Bahnen zu meinem Ziel ab Marktstraße fahren. Dank Ortskunde begab ich mich dorthin, Gehen macht glücklich, tatsächlich kam bald eine Bahn und brachte mich zur Mutter. Trotz zweistündiger Verspätung wurde der restliche Tag und Abend dann noch sehr angenehm und unterhaltsam.

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Sonntag: Der RE 6, der Bielefeld pünktlich verließ, war erstaunlich voll. Erst ab Dortmund bekam ich einen Fensterplatz. Ab Essen wurde es bummelig, immer wieder musste wegen nicht freier Streckenabschnitte langsam gefahren und außerplanmäßig angehalten werden. Also das übliche. Dass es dennoch möglich ist, auch Pünktlichkeit großzuschreiben zeigte der in Düsseldorf anschließende RE 5, der mich mit erfreulicher solcher nach Bonn brachte.

Wie zu lesen ist, haben unwohlmeinenden Menschen über eine Sicherheitslücke bei WordPress Schadcode eingeschleust. Nutzern wird dringend empfohlen, ein Plugin zu installieren. Da liegt mein Problem: Ich nutze WordPress wie ein Auto oder ein Fahrrad. Mit der Bedienung bin ich einigermaßen vertraut, weiß wie man tankt oder die Kette nachölt. Für alles weitere gibt es Werkstätten. Weder habe ich die Begabung noch größeres Interesse daran, mich mit solchen technischen Angelegenheiten zu befassen. Viel zu groß die Befürchtung, durch unsachgemäßes Herumfummeln mein Blog ins digitale Jenseits zu befördern. Deshalb die Frage an die treue Leserschaft: Kann jemand eine verlässliche Blogwerkstatt empfehlen?

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

18:00

Woche 1/2024: Auf ein Neues

Montag: Auf ein Neues. Den Silvesterabend gestern verbrachten wir ruhig und entspannt, fast bin ich versucht zu schreiben: altersgerecht, bei vorzüglichem Essen und begleitenden Weinen in einem Restaurant in Bad Godesberg. Bereits kurz nach 23:30 Uhr kehrten wir zurück, rechtzeitig, um mit einem Glas Champagner in der Hand vom Balkon aus zuzuschauen, wie andere Leute ihr Geld statt ins Restaurant zu tragen lieber in die Luft jagten. Ein jeder wie er mag, ich bewerte das nicht, womöglich gar mit einem kopfschüttelnden „Wie-kann-man-nur“.

Dank gemäßigter Alkoholzufuhr am Vorabend erwachten wir heute katerfrei, dennoch fiel das Frühstück wegen allgemeiner Appetitlosigkeit aus, was auf die immensen Nahrungsmengen der Vortage zurückzuführen ist, irgendwann ist es mal gut. Für alle Fälle beziehungsweise später aufkommenden Hunger holte ich dennoch Brötchen und verband das sogleich mit einem Spaziergang an den Rhein, der sich inzwischen wieder in sein Bett zurückgezogen hatte.

Blick Richtung Norden

Gemessen an den erheblichen Geldmengen, die vergangene Nacht augenscheinlich in Knall, Licht und Rauch verwandelt wurden, lagen heute erstaunlich wenige Böller- und Raketenabfälle auf den Straßen. Nur die Rheinuferpromenade war nennenswert beschmutzt.

Nachmittags verfasste ich einen ausführlichen Jahresrück- und ausblick, allerdings nicht hier, sondern im nichtöffentlichen Papier-Tagebuch.

Gelesen im Jahresrückblick von Frau Anje und zustimmend gelacht: »Ich habe […] einen Hörtest gemacht und wenn ich es richtig verstanden habe, sagte man mir, ein Hörgerät wäre sehr sinnvoll für mich, ich bin aber nicht daran interessiert, noch mehr mitzubekommen.«

Dienstag: Morgens auf dem Fußweg in den ersten Arbeitstag des Jahres fegte vor mir auf der Uferpromenade eine Kehrmaschine lärmend das alte Jahr auf. Die neue, vergangene Woche in Beaune spontan erworbene Jacke ist bequem wie ein Federbett, ich bin sehr zufrieden. »Merry Christmas« wünschte eine Leuchtschrift am Konferenzzentrum, „… gehabt zu haben“ fügte ich gedanklich hinzu und schüttelte mich sogleich innerlich ob dieser schauderhaften Floskel, die ich während des Tages erfreulicherweise nicht zu hören bekam. Am Rheinufer besang eine Amsel den milden Morgen, in den Bäumen nahe dem Mutterhaus trafen sich Krähen (oder Raben?) wild durcheinander käckernd zum Neujahrsempfang.

Kurz zuvor hatte die Kehrmaschine das Bild verlassen
Raben oder Krähen

Im Büro herrschte noch neujährliche Ruhe, nur wenige Mails im Eingang, zwei Anrufe mit Neujahrswünschen und ein kurzes Schwätzchen im Nachbarbüro. Dafür mittags in der Kantine erstaunlich viel Betrieb. Wichtigste Aufgabe des Tages war, die geplanten Urlaube ins Zeiterfassungssystem und den Outlook-Kalender einzutragen, auf dass man sich auf etwas hinfreuen kann.

Mittwoch: Weder Raben noch Krähen, vielmehr Rabenkrähen, wie meine Kollegin, ornithologisch kundig*, auf Anfrage heute erklärte. Es ist immer gut, wenn zu kennen, der/die sich auskennt.

Abends lieferte ich für den Geliebten eine Retourensendung ein im Lotto-Zeitschriften-Tabakgeschäft in der Fußgängerzone, das eine Annahmestelle des blauen Paketdienstleisters beherbergt. An der Wand hinter der Verkaufstheke ein Plakat für eine Tabakmarke, am unteren Rand der obligatorische Hinweis »Rauchen kann tödlich sein«. Direkt darunter ein Foto des früheren, inzwischen gestorbenen Ladeninhabers. Soweit ich mich erinnere bediente er die Kundschaft zumeist rauchend, als es noch üblich war, in Innenräumen zu rauchen. Humor haben sie.

Laut einer Zeitungsmeldung wurde am Neujahrstag in unserer Straße ein Auto aufgebrochen, unter anderem entwendeten die Räuber CDs. Anscheinend nicht die Hellsten und Jüngsten.

*Ein Grobhumoriker hätte stattdessen vielleicht geschrieben: die sich gut auskennt mit Vö … – genug.

Donnerstag: Der übliche Fußweg am Rhein entlang fiel heute ins Wasser, morgens durch Regen, abends aus anderen Gründen.

Die anderen Gründe

Epubli, die Selbstverlegerplattform, auf der ich kürzlich mein vielbeachtetes Buch zum Blog veröffentlicht habe, hat überraschend die Anzeige des Buchcovers und die Vorschau deaktiviert, aus Jugendschutzgründen. Meine Anfrage nach den Gründen beantwortet die Autorenberatung damit, dass »Publikationen anhand bestimmter Schlagwörter automatisch auf potenziell jugendgefährdende Inhalte überprüft und die Vorschau solcher Titel ausblendet« werden. Stimmt, in einem der Aufsätze kommt mehrfach das f-Wort vor (mal so als kleiner Kaufanreiz), das wird der Grund sein. Offen bleibt, inwiefern der unschuldige Titelschlumpf die Jugend auf unzüchtige Gedanken zu bringen vermag; meine diesbezügliche Rückfrage blieb bislang unbeantwortet.

Freitag: Über diesen Tag ist hier alles Wesentlich notiert, dem ist nichts hinzuzufügen.

Samstag: Im Gegensatz zu gestern war heute ein trüber Tag, an dem es nicht richtig hell wurde. Nach dem Frühstück mit den Lieben in einem Café (nachdem wir für das Frühstück im Kaufhof-Restaurant, das uns empfohlen worden war, zu spät dran waren) und einer anschließenden Erledigung ging ich zum Rhein, Hochwasser kucken. So langsam zieht er sich wieder in sein Bett zurück.

Später Zeitungslektüre auf dem Sofa: Auch Tiere haben ein Recht auf eine artgerechte Ansprache, forderte Peta, gleichsam die Klimakleber unter den Tierschützern, bereits vor drei Jahren; die Zeitung berichtete erst heute darüber. So soll man nicht sagen, man habe mit jemandem „ein Hühnchen zu rupfen“ (Alternativvorschlag Peta: „Weinblätter rollen“), nicht „zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen“ (stattdessen „Zwei Erbsen auf eine Gabel laden“) oder „die Katze aus dem Sack lassen“ (sondern „die vegane Calzone aufschneiden“), auch wenn es nicht im Sinne der Katze sein kann, im Sack zu verbleiben. Wer derart unsensibel gegen die Kreatur redet, macht sich laut Peta des Speziesismus schuldig: »Wo solche Phrasen in unserem Alltag gedankenlos verwendet werden, normalisieren sich Formen der Tierquälerei.« Weitere Vorschläge sind bei Bedarf hier zu finden.

Sonntag: Der Wecker ging bereits um acht Uhr, da wir morgens eine karnevalistische Pflicht hatten. Aus nicht von mir zu vertretenden Gründen kamen wir etwas zu spät an, die anderen hatten bereits angefangen zu proben. Mich ärgert so etwas, ich bin ein großer Freund der Pünktlichkeit, bei anderen und erst recht bei mir selbst. Mein Ärger verflog indes bald, zumal ich offenbar der einzige darüber verärgerte war.

Der Sonntagsspaziergang führte nach Endenich, wo der örtliche Modelleisenbahnclub eine Börse veranstaltete. Ich gehe da stets gerne hin, auch wenn für mich wieder nichts Kaufenswertes im Angebot war. Auf dem Rückweg ging ich an zwei jungen Männern vorbei, deren einen ich im Vorübergehen sagen hörte: „Der geht mit seinem Hund im Schnee laufen – nackt.“ Vielleicht hatte ich mich auch verhört, jedenfalls wurde mir sogleich noch etwas kälter als es ohnehin war.

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Kommen Sie gut, trocken und warm durch die Woche, möge die neujährliche Ruhe und Vorfreude noch etwas anhalten.

Woche 12: Apfelbäumchen und so

Montag: Morgens diskutierte ich mit dem Geliebten darüber, ob die Sonntagszeitung entsorgt oder für bestimmte Notsituationen vorerst aufbewahrt werden sollte.

Ins Werk fuhr ich zur Meidung öffentlicher Verkehrsmittel mit dem Fahrrad, was ich für die nächsten Wochen beizubehalten beabsichtige. Wie konsequent, wird sich zeigen, wenn es regnet. Der Geliebte ist in dieser Hinsicht seit Monaten leuchtendes Vorbild.

Im Werk war es noch sehr ruhig, sämtliche Termine laufen per Skype, viele arbeiten zu Hause. Der meistgehörte Satz heute: „Bleib / bleiben Sie gesund“, und das klang immer genauso gemeint, nicht wie ein sonst automatisch und pflichtgemäß hingeworfenes „Guten Morgen“, „Frohes neues Jahr“ oder „Mahlzeit“. Nunmehr ergibt es einen Sinn, „Gesundheit“ zu wünschen, nicht nur im Niesefall.

Was ich mir indessen nicht angewöhnen werde sind diese komischen Ellenbogenstupser und Fußtritte zur Begrüßung. Die finde ich mindestens so überflüssig wie Händeschütteln und Küsschen-links-Küsschen-rechts, und worin liegt der Sinn, wenn anstatt zweier Hände nun zwei vollgenieste Armbeugen in Kontakt kommen?

Einer der wenigen eher positiven Effekte des Ausnahmezustands: ZDF-heute verzichtet auf einen separaten Nachrichtensprecher für Sport und nutzt die Zeit stattdessen für Wichtiges. Wobei – eigentlich gibt es ja zurzeit nur ein Thema.

Dienstag: Auch die Tagung, die heute und morgen in Berlin stattfinden sollte, wird per Skype durchgeführt. Als kleine akustische Auflockerung das Hintergrundtschilpen der Wellensittiche eines Vortragenden, der von heimischer Stube aus teilnahm.

In der Kantine wurde das Speisen- und Sitzplatzangebot stark reduziert. An den Tischreihen fehlt jeder zweite Stuhl, und nur noch jede zweite Vierer-Nische darf benutzt werden. Das hält manche Kollegen nicht davon ab, sich wie gewohnt zu viert in eine Nische zu kuscheln. Sie haben es wohl nicht verstanden.

Nach dem Mittagessen schaute ich durch den Rheinauenpark spazierend dem Frühling beim Erwachen zu.

KW12 - 1 (2)

KW12 - 1 (1)

Ein Lichtblick in dieser unsicheren Zeit: Tagsüber unterbrach der Liebste seine Heimarbeit und ging in den Supermarkt. Auf die Frage an den Marktleiter, wie viel Toilettenpapier er mitnehmen dürfe, wurde ihm beschieden: So viel er wolle, es sei genug da. Er beschränkte sich den allgemeinen Aufrufen folgend auf eine haushaltsübliche Zehnerpackung. Somit kann die Sonntagszeitung entsorgt werden.

Um dem Tag ein wenig Normalheit zu verleihen, vereinbarte ich einen Frisörtermin in drei Wochen, der auch bestätigt wurde. Sie wissen schon, Weltuntergang, Apfelbäumchen und so.

Abends gabs Champagner. Nur so, ohne besonderen Anlass. Zudem: Mit was kann man angemessener auf die Gesundheit anstoßen?

Mittwoch: Frühmorgens singen die Amseln, als wenn nichts wäre.

Erst beim Morgenkaffee am Küchentisch fiel mir ein, dass wir gestern unseren Hochzeitstag vergessen haben, wenn auch nur den „kleinen“, also die amtliche Umwandlung der eingetragenen Lebenspartnerschaft vor zwei Jahren. Insofern war der gestrige Champagner doch nicht anlasslos, sondern instinktiv notwendig.

Seit Montag besucht mich jeden Morgen gegen halb neun eine Taube vor dem Bürofenster. Sie trippelt (heißt das so bei Tauben?) einmal die äußere Fensterbank entlang, schaut kurz zu mir herein und verschwindet wieder. Vielleicht ist die vom Arbeitgeber beauftragt, zu kontrollieren, ob weisungsgemäß in jedem Büro maximal eine Person anwesend ist.

In der Online-Ausgabe des General-Anzeigers fand ich dieses:

KW12 - 1 (3)

Donnerstag: Über kollegiale Gedankenlosigkeiten in der Kantine muss ich mir seit heute auch keine Gedanken mehr machen. Bis auf Weiteres ist sie geschlossen. Also ab morgen Bütterchen und Apfel zu Mittag.

Da die Proben des Musikcorps unserer Karnevalsgesellschaft bis mindestens nach Ostern ausgesetzt sind, reduziere ich meine täglichen Trompetenübungen. So können vielleicht auch die Nachbarn der Krise ein klein wenig Gutes abgewinnen.

Gelesen bei fragmente:

Es hilft, ins Büro zu gehen, weil es mich einschnürt in ein Korsett aus Gewohnheiten, das mich hält. Es scheint nicht möglich, dass sich der Lauf der Welt ändern könnte, wenn doch die Abfolge der Alltäglichkeiten so ist wie immer.

Ja, noch darf auch ich täglich ins Büro fahren. Aber vermutlich nicht mehr lange. Und dann wird es mir sehr fehlen. Hätte nie gedacht, das mal zu schreiben.

Freitag: Möglichst zu Hause bleiben, unnötige Kontakte meiden, klar. In den Ärmel niesen und husten, sicher. Abstand halten, logo. Wie ich morgens im Radio hörte, rät das Gesundheitsamt Dortmund zudem dringend davon ab, Pakete abzulecken. Das geht nun wirklich etwas zu weit.

In einer werksinternen Mitteilung wird indessen auf die Empfehlungen des Roland-Koch-Instituts verwiesen.

„Wir haben da kein stake“, hörte ich in einer (natürlich per Skype durchgeführten) Besprechung. Mangels Kantine hatte auch ich kein Steak, dafür Butterbrot und Apfel. Daran muss ich mich noch etwas gewöhnen. Da fällt mir ein, kürzlich las ich einen Artikel über sogenannte Bento-Boxen. Das sind von urbanen Müttern, die offenbar sonst nichts Wichtiges zu bedenken haben, kunstvoll für die Kinder angerichtete Pausenfutterdosen mit Instagrampflicht. Hat sich ja auch erstmal erledigt.

Samstag: Den Beginn des Frühlings erkennt man nicht nur an Amselgesang in der Frühe, der kurz bevorstehenden Kirschblüte in der Inneren Nordstadt, die in diesem Jahr wohl wesentlich weniger Betrachter anlocken wird als sonst, sondern auch am Geschrei der Singstar-Krähe von gegenüber, die nun wieder bei geöffnetem Fenster die Siedlung beschallt. Heute im Angebot: „Who wants to live forever“.

Abends unterstützten wir die örtliche Gastronomie, indem wir uns etwas vom Außerhausverkauf unseres Lieblingsitalieners holten. Das werden wir in der nächsten Zeit wohl öfter tun. Den als Aperitif erforderlichen Aperol Spritz nahmen wir zuvor zu Hause ein, den Grappa als Digestif reichte uns der Wirt vorab während des Wartens durch das Fenster. Man muss flexibel sein in diesen Zeiten.

Sonntag: Mittlerweile erfährt der Satz „Bleib / bleiben Sie gesund“ erste Abnutzungserscheinungen.

Wie am frühen Abend gemeldet wurde, müssen nun auch Frisöre in NRW schließen, soviel zum Thema Apfelbäumchen. Was wird jetzt aus den jungen Männern mit den strengen Scheitelfrisuren?

Nicht nur dieses Blog drehte sich in dieser Woche überwiegen um das Virus und seine Auswirkungen. (Übrigens kann man laut Duden, genau wie bei Blog, der oder das Virus sagen/schreiben, nur so nebenbei.) Obwohl zu erwarten ist, dass wir erst am Anfang stehen und uns in den kommenden Wochen und Monaten noch einiges bevorsteht, werde ich versuchen, künftig wieder etwas weniger virenlastig zu schreiben. Ob das gelingt, kann ich Ihnen leider nicht versprechen, bitte bleiben Sie mir trotzdem treu. Vielen Dank und alles Gute!

Woche 5: Eher geringfügig

KW5 - 1 (1)

Montag: Bei der Kaffeebereitung am Morgen versäumte ich mal wieder, in die Nespressomaschine eine frische Kapsel einzulegen. Das ist zwar gut für die Umwelt, dem Aroma hingegen wenig zuträglich. Ja ich weiß, Nespresso ist schlecht, von wegen Umweltsau und so. Und jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit „denk an Greta“ oder einem ähnlich originellen Satz.

„Verkauf nicht dein Leben“, hat jemand an den Zugang zur Stadtbahn gesprüht, womit das Schicksal des Berufstätigen schon am frühen Morgen in erschreckend prägnanter Weise auf den Punkt gebracht ist. Ähnlich prägnant, wenn auch in gröberen Lettern, schreit den zum Werke Gefahrenen „KEIN BOCK AUF ARBEIT“ von der Tunnelwand aus an, gelesen, als die Bahn vor einem Halt zeigenden Signal stand. Vorstehendes gleichsam ergänzend wird der große Chef im Intranet zitiert: „Menschen brauchen Sinnhaftigkeit.“ Wer wollte das bezweifeln. Das waren dann aber auch genug Sinnsprüche für einen Montag.

Dienstag: Im Radio moderiert Jan-Malte Andresen. Ein schöner Name, wie ich finde. Wenn ich ihn höre, stelle ich mir Mutter Andresen vor, wie sie früher, als er noch klein war, rief: „Jan-Malte, räum endlich dein Zimmer auf!“ Seine Freunde und sein Partner (m/w/d) nennen ihn „Janni“. Nur wenn er mal wieder seinen knüsseligen Schlüpfer achtlos neben der Dusche liegen gelassen hat, dann heißt es: „Jan-Malte, ist das wirklich so schwierig?“ Zugegeben: Das alles ist meiner Phantasie entsprungen, ich kenne den Mann ja gar nicht. Woher soll ich etwa wissen, ob er Schlüpfer trägt. Hätte die Natur für mich einen Kinderwunsch vorgesehen und mich dazu mit einem Sohn ausgestattet, würde ich ihn vermutlich nicht Jan-Malte nennen. Dafür vielleicht Hector-Pascal, nur damit ich sagen kann, wenn er ungezogen ist: „Hector-Pascal, hör jetzt, sonst gibts Druck!“

Mittwoch: Projekt-Tagung in Bad Breisig. Selten sah ich so viel Powerpoint mit überflüssigen Bildchen und zu viel Text in viel zu kleiner Schrift. Doch blieb der Erkenntnisgewinn nicht ganz aus, etwa diese: „Ich kann den Braten erst teilen, wenn er auf dem Teller liegt“, hörte ich in einem Vortrag. Dafür hat sich die Anreise schon gelohnt.

„Damit bin ich fein.“ Warum sagen Menschen solche Sätze? Klar, weil sie das irgendwo gehört haben und gedankenlos nachplappern. Aber wer hat damit angefangen?

Abends während der Bahnfahrt nach Köln schrieb ich in mein Notizbuch, warum, oder eher: inwiefern ich eine Umweltsau bin, und warum/inwiefern nicht. Dazu hier demnächst mehr.

Donnerstag: Morgens auf dem Weg zum Werk ging vor mir eine Dame, die so sehr mit ihrem Datengerät beschäftigt war, dass sie beinahe über einen im Weg stehenden Elektroroller gestolpert wäre. So gerne es mir leid tut – ein schäbiges Lachen hätte ich im Fall des Falles wohl kaum unterdrücken können.

Freitag: Morgens erzählte mir der Geliebte von seinem Traum der vergangenen Nacht: „Wir haben dich weggetragen, du warst ganz hart. Auf dem Tisch in der Küche stand hinterher Champagner.“ Ich bin seitdem etwas in Sorge.

Der am Montag zitierte Schriftzug an der Stadtbahnhaltestelle wurde mittlerweile ergänzt um „sondern erlebe deinen Verkauf“. Mal sehen, ob da noch mehr kommt, Platz wäre vorhanden. Ich halte Sie auf dem Laufenden.

In einer Besprechung zum Thema Datengeräte spricht einer von einem „unmotivierten Warmstart“. Kenne ich, jeden Montag aufs Neue.

Samstag: „Der Ex und der Sex – Wie die beiden Päpste aneinandergerieten“, steht auf der Titelseite des SPIEGEL. Gell, da kommen verstörende Bilder auf.

Sonntag: In der Debatte um die mögliche Abschaffung von Ein- und Zweicent-Münzen bezeichnet der FDP-Politiker Otto Fricke laut FAS Bargeld als „geprägte Freiheit für den Einzelnen und gesellschaftlicher Kitt im Zwischenmenschlichen“. Gewissermaßen die liberal aufgeschäumte Variante dessen, was schon die Oma sagte: „Wer den Pfennig nicht ehrt …“ – Sie wissen schon.

Eher geringfügig war auch unser Auftritt bei der Karnevals-Massenveranstaltung „Bonn steht Kopp“.

KW5 - 1 (2)

Man muss es schon gerne machen, um eine halbe Stunde für An- und Abfahrt und eine Dreiviertelstunde Wartezeit in einem positiven Verhältnis zu sehen gegenüber drei Minuten Auftritt. Aber was treibt man doch oft für einen Riesenaufwand, um ein paar Minuten Spaß zu haben, nicht wahr.

KW5 - 1 (3)

Woche 52: „Guten Lutsch!“

Montag: Vor dem Auge meiner Phantasie öffnet Petrus das Himmelstor und ruft nach innen: „Ladies and gentlemen – Mr. George Michael!“ So richtig kann ich es noch nicht fassen und gelobe, nie wieder über Last Christmas zu lästern. Dass er ausgerechnet zu Weihnachten starb, ist wohl die berühmte Ironie des Schicksals.

Dienstag: Champagner geht immer.

Mittwoch: „Wettertechnisch“ ist auch so ein Wort, das gerne gesagt wird, gleichwohl keinen Sinn ergibt.

Donnerstag: In Bonn wurden fünfzehn automatische Fahrrad-Zählstationen installiert, Kosten etwa 130.000 Euro. Wichtigste Erkenntnis der Stadtverwaltung: „An son­ni­gen war­men Ta­gen sind ein­deu­tig mehr Rad­fah­rer un­ter­wegs als an küh­len Re­gen­ta­gen“. Ach was.

Freitag: Etwas teurer kommt den Steuerzahler wohl die Entsorgung von 22.000 Koranausgaben, die beim Bundesinnenministerium lagern. Sie stammen aus der inzwischen verbotenen Lies!-Aktion. Da man es sich mit den Muslimen der Welt, auch den friedlichen, nicht verscherzen will, können sie nicht einfach wie Altpapier entsorgt, sondern müssen in einer Wüste vergraben werden. Da sich die bekannte deutsche Servicewüste nicht dazu eignet, bleibt nur, sie mit hohem Aufwand in sandigere Gefilde zu schaffen. Immerhin können die dafür ausgegebenen Steuergelder nicht mehr für Panzer und Sturmgewehre vergeudet werden.

Samstag: „Guten Lutsch“ soll die nette junge Dame gesagt haben. Vermutlich wurde ihr das nur wegen ihrer asiatischen Physiognomie, nun ja, in den Mund gelegt. – Trotz aller Probleme, Ereignisse und Entwicklungen in der Welt fällt meine ganz persönliche Rückschau auf 2016 sehr positiv aus. Möge es so bleiben. Guten Lutsch!

Sonntag: Auf ein Neues.