Woche 25/2026: Kontemplatives Salzschieben und maschinelles Flaschendrehen

Montag: Die Urlaubswoche begann mit einer kleinen Wanderung durch Le Croisic. Zunächst erkundete ich den Parc De Penn Avel nahe unserem Hotel, danach ging ich entlang der südlichen Küste. Kurz vor Ende der Landzunge bog ich nördlich ab, der Weg führte nun durch heideartige Landschaft mit Sand, Büschen und Hainen, nur ohne Heide, bis zur nördlichen Küste. Dort wollte ich über die lange Hafenmole bis zum Leuchtturm am Ende gehen, ging aber nicht, weil die Mole wegen irgendwelcher Arbeiten gesperrt war. Daher vollendete ich die Runde bis zum Park am Bahnhof, wo ich auf einer schattigen Bank rastete und die Blogs las.

Vor dem Park hielt ein Reisebus aus Saarbrücken mit der Anschrift: „Wir machen Urlaub – 365 Tage im Jahr“. Offenbar ist das Unternehmen auf reiche Rentner als Zielgruppe spezialisiert, wer sonst könnte ganzjährig Urlaub machen. Für diese Annahme sprach, dass die Personen, die dem Bus entstiegen, augenscheinlich das Erwerbsleben hinter sich hatten.

Es gibt hier im Ort schöne alte, teils villenartige Häuser. Viele von ihnen haben einen Namen, der an der Hausfront angeschrieben ist. Mehrere davon beginnen mit „Ker“, Bretonisch für Haus, Hof, wie eine kurze Recherche ergab. Das erinnert mich an meinen Vater, der gerne „Ker, Ker, Ker …“ sagte, wenn er sinngemäß „Das kann ja wohl nicht wahr sein“ meinte, das hatte ich fast vergessen. Nach ihm ist mir niemand mehr begegnet, der das Wort benutzt. Meine Vermutung: Das kommt aus dem Ruhrgebiet (mein Vater wurde in Gelsenkirchen geboren), vielleicht verkürzend für „Kerl“. Kann das jemand aus der Region bestätigen?

Im Park
Südküstenweg
Suchbild mit Bär
Durch die Hüchten
Mole, gesperrt
Kein Alkohol am Lenker!
Ker Meno

Dienstag: Heute unternahmen wir einen Ausflug auf die Île de Noirmoutier, unter anderem bekannt für den Anbau wohlschmeckender Kartoffeln. Der Hinweg führte durch La Baule, wo sich gegenüber dem langen Sandstrand über mehrere Kilometer Hotels und Appartementhäuser aneinanderreihen, dazwischen einzelne alte Villen. Beeindruckend anzuschauen, doch ob ich da Urlaub machen möchte – ich weiß es nicht.

Auf die Insel gelangt man über eine hohe Brücke, freilich nicht so hoch wie die über die Loire-Mündung, siehe vergangene Woche. Ansonsten ist die Insel völlig flach, ebenso die vorgelagerte Vendée; beim Durchfahren fühlte ich mich an Dithmarschen erinnert, mit Meersalzgewinnung statt Kohlanbau. Als Alternative zur Brücke gibt es die Passage du Gois, eine Straße durch das Wattenmeer (oder wie das hier heißt), die bei Beauvoir-sur-Mer auf das Festland trifft. Befahrbar nur bei Ebbe, sonst liegt sie unter Wasser, so leider auch heute, als wir zurück fuhren. Vorher kaufte der Liebste, wo wir schon mal da waren, ein Kistchen Kartoffeln. Die fallen nicht durch, wie der Geliebte zu sagen pflegt.

Es ist immer gut, wenn man in der Lage ist, seine Meinung zu ändern. Äußerte ich mich vergangene Woche noch zurückhaltend bis ablehnend über Austern, so muss ich mich korrigieren. Nachdem ich ihnen gestern und heute eine weitere Chance gab, empfinde ich inzwischen durchaus Genuss bei ihrem Verzehr. Vielleicht ist das auch nur der bekannte Urlaubseffekt wie bei dem einen Wein, der im Restaurant auf Mallorca so gut geschmeckt hatte, sich zu Hause indessen als schale Plörre erweist. (Ausgedachtes Beispiel, Sie wissen vermutlich, was ich meine.)

Ansonsten hat Onkel Michael wieder einen lesenswerten Aufsatz geschrieben über Toleranz, Demokratie und Empfindlichkeiten. Kostprobe:

Nicht mehr die Frage, ob etwas wahr ist, steht häufig im Mittelpunkt öffentlicher Debatten, sondern die Frage, ob sich jemand durch diese Wahrheit verletzt fühlen könnte. Das subjektive Empfinden wird zum Richter über objektive Aussagen. Die Kränkbarkeit erhebt Anspruch auf Vorrang vor der Erkenntnis.

Jemand hat vergangenen Monat das Buch gekauft, teilte mir epubli mit. Dafür herzlichen Dank.

Mittwoch: In früher Morgenstunde wurde die Nachtruhe gestört durch einen technischen Signalton, der mit „Piepton“ unzureichend beschrieben wäre, eher ähnlich einem Tropfen, der in ein mit Wasser gefülltes Gefäß fällt. Nicht laut, doch deutlich zu hören, jedenfalls wenn man wach ist, alle Paar Minuten, das Wiedereinschlafen verhindernd. Zunächst ließ es sich nicht zuordnen: Meine mitgeführten Datengeräte (iPhone, iPad, MacBook) machen nicht ein solches Geräusch, zudem waren sie stumm- bzw. ausgeschaltet. Daher verdächtigte ich zunächst die Ladevorrichtung der Hörgeräte und schaffte diese ins Nebenzimmer. Es tropfte weiterhin. Nun nahm sich der Liebste der Sache an und ermittelte als Übeltäter das Hoteltelefon, das anscheinend ein Akkuproblem hatte. Nach Entfernen aus der Ladeschale war Ruhe und wir schliefen wieder ein, wenn auch nicht lange, inzwischen war sieben Uhr durch.

Nach dem Frühstück unternahmen wir eine Ausfahrt durch die Salzfelder östlich von Le Croisic, wo in hunderten, vielleicht tausenden angelegten Becken Salz aus Meerwasser gewonnen wird. Dazu wird das Wasser bei Flut über ein ausgeklügeltes System aus Kanälen und Teichen in die flachen, rechteckigen Becken geleitet, wo das Salz nach Verdunstung des Wassers kristallisiert und sich absetzt, entweder an der Wasseroberfläche, wo es als kostbares Fleur de Sel vorsichtig abgeschöpft wird, oder am Boden, wo die Salzbauern es mit Rechen an langen Stielen zusammenschieben zu weißen Haufen, die nach dem Trocknen in Schubkarren abgefahren werden.

In meiner touristisch-naiven Vorstellung ein wunderbarer Beruf: Man ist draußen, hat seine Ruhe, von gaffenden und fotografierenden Touristen abgesehen, an die man sich vermutlich gewöhnt. Das Tempo wird nicht vorgegeben durch Termine und Detleins, sondern einzig durch die Verdunstung des Wassers; so lange wie es dauert, dauert es eben. Und, was ich bei meiner (vermutlich wesentlich besser bezahlten) Bürotätigkeit immer wieder vermisse, ich schrieb es mehrfach: Am Ende sieht man, was man geschafft hat, man kann es sogar anfassen.

Mit Sicherheit hat der Beruf seine Schattenseiten: Die Produktion funktioniert nur bei warmem, trockenem Wetter, dann allerdings rund um die Uhr oder „24/24“, wie das bei uns gebräuchliche „24/7“ in Frankreich heißt, nix mit Achtstundentag, Fünftage-Vierzigstundenwoche, Gleit- und Teilzeit; was am Monatsende finanziell dabei rauskommt, weiß ich auch nicht. Und vielleicht wollen die Leute irgendwann kein Salz mehr, weil es als ungesund gilt oder aus anderen Gründen in Verruf gerät, das geht ja manchmal schnell, siehe Zucker, des Salzes süßer Bruder. Daran denkt man nicht, wenn man als Tourist mit Strohhut und Kamera am Beckenrand steht und dem Bauern (oder wie das heißt) entzückt beim kontemplativen Salzschieben zuschaut.

Nach Navi-Darstellung führt man auf schmalen Pfaden durch das Wasser …
… in echt nicht ganz so dramatisch

Nachmittags saßen wir wieder auf dem Balkon des Hotelzimmers und genossen den letzten Tag in der Bretagne, ehe wir morgen zur letzten Urlaubsetappe in die Champagne aufbrechen. Spontaner Gedanke, als sich in der Ferne auf dem Meer zwei Boote begegneten: Gleich stoßen sie zusammen, mit Radöngel und Feuerball. Ging dann aber gut, sie fuhren mutmaßlich mit reichlich Abstand aneinander vorbei.

Donnerstag: Ein Gruß aus der Symbolbildhölle:

(Gereral-Anzeiger Bonn Online)

Nach dem Frühstück verließen wir Le Croisic bei angenehmen zweiundzwanzig Grad. Fünf Stunden später wurden wir bei um die vierzig Grad Außentemperatur in Paris Teil des Verkehrschaos, das ich bei unserem Besuch der Stadt vor einem Monat bestaunt hatte. Weitere zwei Stunden später erreichten wir unser Hotel bei Vinay, südwestlich von Épernay. Auch wenn der Liebste die ganze Zeit gefahren war, wofür ich ihm sehr dankbar bin, war mein Bedarf an Auto(mit)fahren gedeckt; die Unberechenbarkeit anderer Verkehrsteilnehmer wie plötzliche Fahrstreifenwechsel direkt vor oder gar neben uns ohne zu blinken macht mich zunehmend nervös. Während ich in anderen Verkehrsmitteln wie Schiff und Bahn problemlos stundenlang sitzen und kucken kann, siehe vergangene Woche, bin ich bei Autofahrten stets froh, wenn sie zu Ende sind, egal, ob als Beifahrer oder schlimmstenfalls als Fahrer.

Im Gegensatz zu unserem letzten Aufenthalt hier wurde zur Begrüßung kein Glas Champagner gereicht. Bei immer noch über dreißig Grad vermutlich besser so. Im Übrigen wäre es ungerecht, das zu kritisieren: Das Haus spendierte uns eine ganze Flasche, die wir bei Bezug des Zimmers vorfanden, indes ungeöffnet ließen für den späteren Gebrauch.

Abends brachte ein Gewitter Regen und etwas Abkühlung …

Freitag: … die nicht lange anhielt, morgens wurde es wieder warm. Da empfiehlt es sich, sich an kühle Orte zu begeben wie die Keller eines Champagnererzeugers. Einen solchen suchten wir vormittags in Pierry auf, wo der Liebste bereits letzte Woche einen Besuch organisiert hatte. Eine freundliche junge Dame führte uns durch die Stationen der Produktion und erklärte die Arbeitsschritte von der Traubenpresse über Fass-, dann Flaschengärung und maschinelles Flaschendrehen bis zum Degorgieren. Danach probierten wir Erzeugnisse des Hauses und, Sie ahnen es, erwarben einige Flaschen.

Nach Rückkehr am Hotel begaben wir uns auf schattige Liegen im Garten, wo ich vorstehende Zeilen niederschrieb. Zudem unternahm ich eine kleine Wanderung durch den nahen Wald, allerdings nur gedanklich auf der Karte; für weiteres war es viel zu warm.

Schon vor längerer Zeit entnahm ich in Bonn einem öffentlichen Bücherschrank das Buch „GLOSSEN II oder: Den Kern freilegen, ohne die Haut zu verletzen“ von Rochus Spiecker, erschienen bereits 1962. Darin las ich während des Liegens folgenden schönen Satz über Beziehungen:

Braucht nicht auch die ausgewachsene Liebe ab und zu ihr häusliches Scharmützel, um sich zu vergewissern, daß weder Temperament noch Charakter im Gehege gegenseitiger Gewöhnung abgeschliffen sind?

Dabei fällt mir ein Gedanke ein, der mir vor einigen Tagen während einer nächtlichen Wachphase kam, ebenfalls obiges Thema betreffend und, ich versichere, völlig ohne aktuell-persönlichen Bezug ist: Phasen der Beziehung: 1) Begehren, 2) Gewöhnen, 3) Ertragen

Samstag: Im Frühstücksraum wechselten wir den Tisch, weil sich nebenan mehrere Amerikanerinnen lautstark und tischübergreifend unterhielten, was ich zu früher Stunde noch nicht zu ertragen bereit war; später vermutlich auch nicht.

Nach stauloser Fahrt über erstaunlich freie Autobahnen und Straßen erreichten wir am späten Nachmittag Bonn, wo wie überall die derzeitige Sommerhitze beklagt wird. Die einzig nennenswerte Verzögerung ist nicht nennenswert wegen der Dauer, sondern des Grundes. Während uns Frau Navi in Belgien auf längeren Strecken über die Dörfer lotste, mussten wir anhalten wegen einer Kuhherde, die offenbar von ihrer Weide ausgebüxt war und sich mit nicht besonders großer Entschlossenheit anschickte, die Straße zu queren, wo der Schatten eines großen Baumes lockte. Bis der Bauer kam und das Vieh zurück trieb.

Belgische Autobahn

Abends besuchten wir das französische Restaurant unseres Vertrauens. Zum ersten Gang bestellte ich Austern. Sie schmecken immer noch.

Sie mögen es nicht, wenn andere Menschen versuchen, Sie von ihrer Religion zu überzeugen, möchten aber nicht unhöflich erscheinen? Darauf hat Frau Kaltmamsell die passende Antwort:

“Es freut mich für Sie, dass sie etwas erfunden haben, das Sie glücklich macht, weiterhin alles Gute.”

Sonntag: Mit diesem Sonntag endet der Urlaub endgültig, wie immer verging die Zeit schnell. Doch sind es nur neun Wochen bis zum nächsten, die erfahrungsgemäß auch schnell vergehen werden. Da es nicht gut wäre, wenn Zufriedenheit nur aus arbeitsfreien Wochen entsteht, erfreue ich mich bis dahin an den kleinen Freuden des Alltags wie Fußwege ins Werk (und zurück), freie Donnerstage mit und ohne Wanderung, Abende auf dem Balkon mit den Lieben. Und die meisten Arbeitstage sind auch nicht so schlecht, dass sich darin keine erfreulichen Momente finden ließen, manchmal, wenn auch selten sogar montags.

Zu den regelmäßigen kleinen Freuden zählt auch der Spaziergang am Sonntagnachmittag, an dem mich die Sommerhitze nicht hinderte. Heute durch die Nordstadt bis zur gesperrten Nordbrücke, wo das Geschrei aus dem gut besuchten Freibad nicht länger konkurrieren muss mit dem Brausen der Autobahn daneben. Daran wird sich auf absehbare Zeit nichts ändern, weil die Brücke in Teilen abgerissen und neu gebaut werden muss, bevor wieder Autos darüber fahren dürfen. Statt im Freibad kühlte ich mich auf andere Weise im Biergarten am Rhein, auch das immer wieder erfreulich.

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Falls Sie ebenfalls aus dem Urlaub zurückkehren, einen guten Start in die Werktätigkeit.

19:30

Woche 24/2026: Orte mit Wasserturm und Balkon mit Seeblick

Montag: Es ist ein beglückendes Gefühl, morgens zur gewohnten Zeit aufzuwachen und noch zwei Wochen Urlaub vor uns zu wissen. Weiterhin sind wir in Beaune im Burgund, morgen fahren wir weiter an die Loire. Zu einem Aufenthalt in Beaune gehört für mich ein Spaziergang über die Remparts, den zu etwa zwei Drittel erhaltenen Wall um die historische Innenstadt. Das erledigte ich vormittags, während der Liebste einige weitere Einkäufe tätigte; so tat ein jeder, woran er Freude hat.

Gegen Mittag trübte es sich ein und leichter Regen fiel. Das hinderte uns nicht an einem weiteren Spaziergang zum Cité des Climats et vins de Bourgogne, einem architektonisch interessanten Rundbau südlich außerhalb der Innenstadt, darin eine Art Museum, das sich thematisch der Weinerzeugung im Burgund widmet. Der Rückweg führte durch die ebenfalls überwiegend altbebaute, dabei wesentlich weniger pittoreske Vorstadt. Anschließend lockte leichter Bierappetit ins Bistrot. Es muss nicht immer Wein sein.

Rempart Saint-Jean
Cité des Climats et vins de Bourgogne
Rue du Faubourg Perpreuil, südliche Vorstadt

Dienstag: Vormittags verließen wir Beaune, fast fiel der Abschied von diesem mittlerweile vertrauten Ort schwer. Doch der Urlaub geht weiter. Zwischenziel war der Weltkulturerbe-Ort Vézelay, wo wir uns nach einem kurzen Anstieg die Kirche anschauten. Ich war wieder angemessen beeindruckt von dem Bauwerk, auch wenn ich bei solchen Gelegenheiten jedes Mal denke: Welch ein Aufwand wegen dieser Legende, die Menschen vor ein paar Tausend Jahren mal aufgeschrieben haben. Mehr zu Vézelay bei Bedarf hier.

Anschließend fuhren wir abseits der Autobahnen durch Wälder, Felder und Orte mit Wassertürmen, teils über Straßen, die sich über mehrere Kilometer lichtstrahlgerade durch die Landschaft ziehen. Unter anderem führte der Weg durch die Stadt Clamecy, deren Pracht schon seit geraumer Zeit vergangen zu sein scheint und die erstaunlich auto- und menschenleer war, was vielleicht auch an der Mittagszeit lag.

Weiter ging es über die Loire, mit kleinem pique-nique am Hafen von Châtillon-sur-Loire. Ziel der heutigen Reise war das Hotel Les Hayes en Sologne in der Nähe von Fontaines-en-Sologne, in einem idyllisch gelegenen Schlösschen mit großem Garten, umgeben von Wald. Nach Ankunft und Auspacken unternahmen wir einen kleinen Spaziergang durch den Park, der am Restaurant endete, wo ein Ankunftsgetränk angemessen und erforderlich erschien.

Chicane in Billy-sur-Oisy
D 957 zwischen Entrains-sur-Nohain und Bouhy
Bouhy
Vannes-sur-Cosson
Zufahrt zum Hotel
Das Hotelschlösschen
Ein gutes Haus

Mittwoch: Die Loire-Region ist bekannt für ihre zahlreichen Schlösser. Eines davon besuchten und besichtigten wir heute: Chambord. Als Kind baute ich Burgen aus Sand mit viel Wasser. Wenn man das Sand-Wasser-Gemisch aus der Faust träufeln ließ, türmten sich daraus kleine Säulen von ungleichmäßiger Struktur. Daran fühlte ich mich erinnert, als ich heute das Château mit seinen zahlreichen Türmchen und Schornsteinen sah, Neuschwanstein ist ein nüchterner Zweckbau dagegen. Architektonische Besonderheit ist die doppelte Wendeltreppe im Zentrum des Bauwerks, zwei umeinander verschlungene Wendeln innerhalb des Turmes. Im Übrigen gilt das gleiche wie gestern über Kathedralen geäußert: riesiger Aufwand für eine Legende, in diesem Fall die, dass bestimmte Menschen allein aufgrund ihrer Geburt über anderen stehen und sich deshalb zu rein repräsentativen Zwecken solche Schlösser bauen lassen konnten, während das Volk schuften und darben musste.

Château Chambord

Danach fuhren wir nach Blois, eine dem Anschein nach recht große, von der Einwohnerzahl unter fünfzigtausend indes erstaunlich kleine Stadt an der Loire, von der ich noch nie gehört hatte. Das ist selbstverständlich nicht von Bedeutung, die wenigsten Franzosen werden je von beispielsweise Rheda-Wiedenbrück oder Buxtehude gehört haben.

Nach Rückkehr im Hotel begaben wir uns in im Garten bereitstehende Liegestühle, wo vorstehende Zeilen notiert wurden. Zur Perfektion des Urlaubsglückes fehlte nur ein Glas Rosé. Man kann nicht alles haben.

Nachtrag: Kann man doch. Man muss nur seine Hemmungen überwinden, dem Personal womöglich Umstände zu bereiten, und danach fragen.

Donnerstag: Nach dem Frühstück verließen wir das Hotelschlösschen in Richtung Bretagne. Wieder mieden wir Autobahnen, über eine längere Strecke fuhren wir auf dem Damm neben der Loire. Etwa fünf Stunden später, nach Überquerung der Loire-Mündung über die Brücke bei Saint-Nazaire, erreichten wir unser nächstes Ziel Le Croisic direkt am Atlantik, wo wir eine Woche verweilen werden. Die Sonne scheint, noch weht kühler Wind über den Balkon des Hotelzimmers mit Meerblick, doch die weiteren Wetteraussichten sind vielversprechend.

La Chapelle-sur-Loire
Brücke über die Loire-Mündung
Hotelbalkonblick
Unser Balkon

Freitag: Die erste Nacht in Le Croisic schlief ich sehr gut und wachte bewusst erstmals nach sechs Uhr auf, vielleicht liegt es an der Seeluft. Das Hotel bietet kein Frühstücksbüffet an, stattdessen bestellt man das Gewünschte am Vortag mit einem Formular, auf Wunsch wird es dann morgens im Frühstücksraum serviert oder ins Zimmer gebracht. Wir entschieden uns heute für die zweite Variante und frühstückten windgeschützt auf der rückwärtigen Terrasse des Zimmers.

Nach dem Frühstück sogleich die erste Aktivität: eine kleine Wanderung um die Landzunge, auf der Le Croisic liegt. Mein Hirnradio spielte dazu „An der Nordseeküste“ von Klaus & Klaus, man kann es sich nicht immer aussuchen. Am Hafen stärkten wir uns in einer Crêperie mit – Überraschung: Crêpes, dazu eine Flasche Cidre; wie bereits am Montag geschrieben: Es muss nicht immer Wein sein. Mein Crêpe war gefüllt mit Frangipane, einer mir bis dahin unbekannten, mit Rum angereicherten Mandelcreme. Köstlich. Zurück zum Hotel ging es dann wesentlich schneller, durch den Ort gleichsam quer über die Zungenwurzel. Das Wetter war heute noch unentschieden, nicht sehr warm und nicht kalt, ab und zu leichter Niesel, zwischendurch lugte kurzzeitig die Sonne durch die Wolkendecke und ließ es augenblicklich warm erscheinen.

Bitte denken Sie sich links den Atlantik
Hafen von Le Croisic

Wir sind nicht die einzigen Deutschen hier. Während der Notiz vorstehender Zeilen auf dem Balkon radelten zwei jüngere Männer vorüber, leicht bergan und gegen den Wind. „Wir können heute Abend doch mit den Fahrrädern fahren“, schlug der hintere vor. „Auf gar keinen Fall“ lautete die Antwort des vorderen.

Das Abendessen fand heute auf dem Balkon mit Seeblick statt, der Liebste hatte dafür etwas eingekauft, dazu gab es den Champagner, den uns die Hotelleitung in Beaune geschenkt hatte. Nach den zahlreichen Restaurantbesuchen der letzten Tage war so ein kleines Abendessen eine willkommene Abwechslung. Während wir also saßen und aßen, stand ein paar hundert Meter entfernt auf einem der vorgelagerten Felsen ein hell gekleideter Mann mit dem Rücken zum Meer, den Arm vor sich ausgestreckt, offenbar machte er Selfies oder ein Video. Dabei zeigte er beeindruckende Ausdauer, schätzungsweise eine Stunde verharrte er so, wechselte ab und zu den Arm, bewegte sich jedenfalls nicht von der Stelle. Vielleicht ein YouTube-Prominenter oder Influencer, was weiß ich; er wird seine Gründe gehabt haben. Erst als aus Westen Nebel aufzog, verließ er seinen Standort, drehte sich am Ufer eine Zigarette und verschwand schließlich in Richtung Stadt.

Suchbild mit Nebel und Influencer

Mit dem Nebel kam auch deutliche Kühle auf, die uns vom Balkon nach drinnen vertrieb, wo wir in behaglicher Zimmerwärme und weiterhin mit vernebeltem Seeblick den Champagner leerten. Morgen soll es bis zu siebenundzwanzig Grad warm werden. So recht glauben kann ich es nicht, wir werden sehen beziehungsweise fühlen.

Samstag: Die Wettervorhersage hat nicht zu viel versprochen, seit dem Mittag ist es warm. Morgens zog noch etwas Dunst über das Meer und auf dem Weg vormittags in die Markthalle war ein Jäckchen angebracht, das änderte sich dann rasch. Den Nachmittag verbrachte ich in leichter Sommerkleidung auf dem Balkon und widmete mich der Schreiberei, während in meinem Blickfeld Menschen in den Fluten planschten und Menschen in Deutschland eine unsommerliche Kühle beklagen.

Auch hier gibt es Ebbe und Flut, mit einem Tidehub von vier Metern und darüber hinaus wesentlich ausgeprägter als in Büsum und anderswo an der Nordsee. Und doch fällt es dort mehr auf. Während sich da das Wasser bei Ebbe um hunderte Meter zurückzieht und großflächig das Watt freilegt, sind es hier nur einige -zig Meter und die Felsen ragen etwas mehr aus dem Wasser.

Apropos Meer: Abends ließen wir uns im Bistrot gegenüber eine Meeresfrüchteplatte kommen. Dazu wurden Werkzeuge gereicht, deren Anblick sonst auf Esstischen zumindest für einen Kulinarikbanausen wie mich ungewohnt ist. Nun denn: Die Austern ließen sich auch vom Ungeübten mit der Gabel aus ihrer Halbschale heben, wobei ich mich nach wie vor frage, was die Menschheit oder wenigstens ein Teil davon so toll an diesem salzigen Schleim findet. Auch die Schnecken in zwei Größen – klein und ganz klein – ließen sich mit dem beiliegenden Stechwerkzeug recht einfach aus den Häuschen zerren. Schwieriger wurde es bei den Riesengarnelen (oder wie die hier heißen), bei denen ich alles vergessen konnte, was ich einst in Büsum über das Krabbenpulen gelernt habe. Erst bei der vierten (von fünf) hatte ich es einigermaßen raus, wobei der Aufwand, die paar Fleischfasern aus den Ärmchen zu lösen, in keinem vertretbaren Verhältnis zum Ertrag steht. Schließlich der halbierte Riesen-Taschenkrebs (auch hier fehlt mir gerade die korrekte regionale Bezeichnung) im Zentrum der Platte: Aus dem Körper quoll eine unappetitliche graue Masse, die ich unangerührt ließ, dem Rest war unter Zuhilfenahme der Nussknackerzange und dem Stecheisen einigermaßen beizukommen. Immerhin war ich am Ende zwar nicht übersättigt, indes auch nicht mehr hungrig. Fazit: Kann man mal machen, gerne aber nicht oft.

Essbesteck

Während wir uns durch das Meeresgetier kämpften, planschte nebenan eine Gruppe aus jungen Leuten und einem riesigen aufblasbaren Schwan im zurück gehenden Wasser, dazu legten einige der Jungs das altersübliche Balzgehabe an den Tag. Ein anderes junges Paar erregte meine Aufmerksamkeit: Sie gingen langsam in Richtung Wasser, das Mädchen trug einen Badeanzug, der Junge war bekleidet mit Schuhen und hochgezogenen Socken, Shorts, die zumindest aus der Ferne nicht nach Badehose aussahen und einem langärmeligen Pullover. So gingen sie, bis ihnen das Wasser ungefähr bis zum Bauch reichte, verharrten dort einige Minuten, dann gingen sie zurück bis zum Strand unterhalb der Promenade, legten sich dort noch einige Zeit in den Sand und verschwanden schließlich. Womöglich war er etwas schamhaft, in jungen Jahren ist das ja nicht ungewöhnlich, man kennt es vielleicht aus eigener Erfahrung.

Gruppenbild mit Schwan

Apropos Meeresfrüchte: Laut einem Zeitungsbericht droht Deutschland wegen der EU-Sanktionen gegen Russland bald eine Fischstäbchenkrise. Auch das noch, möchte man entsetzt ausrufen. Unterstützung der Ukraine schön und gut, aber doch nicht unter Gefährdung der Fischstäbchenversorgung!

Apropos Konsequenz: Dem Vernehmen nach hat die Fußballweltmeisterschaft begonnen. In den Blogs zahlreiche Artikel, die aus nachvollziehbaren Gründen – Geldgier des einen, Geltungssucht des anderen – fordern, die Spiele zu ignorieren. Auch ich werde mir kein Spiel anschauen, auch nicht, wenn Wir spielt, wie bei jedem Turnier. Nicht in erster Linie aus oben genannten Gründen, vielmehr weil es mich von Natur aus nicht interessiert. Andere werden es tun, viele auch bereit sein, die horrenden Preise für Anreise, Hotel und Tickets zu zahlen, um leif dabei zu sein, einfach weil sie sich für Fußball begeistern. Es liegt mir fern, sie dafür zu tadeln; ich wäre der letzte, der sich dafür rühmt, stets konsequent zu handeln.

Sonntag: Zu den Situationen, in denen ich stundenlang sitzen und untätig schauen kann, ohne mich auch nur eine Sekunde zu langweilen, gehört neben Bahnfahren und Kaminfeuer eine Schifffahrt. Die unternahmen wir heute, und zwar ab Vannes etwa drei Stunden lang durch den Golf von Morbihan. Dazu mussten wir eine Stunde früher aufstehen als üblich, es hat sich gelohnt. Manchmal muss man Opfer bringen.

Balkonblick, morgens. Am Horizont leuchten die Hochsee-Windkraftanlagen, nach meiner Zählung 71 an der Zahl
Golf von Morbihan
Darinnen zahlreiche Inseln, hier die Île de Berder
Geradeaus der Atlantik

Zum Abendessen waren wir in einer im besten Sinne „einfachen“ Brasserie am Hafen von Le Croisic. Nach dem gestrigen Meeresfrüchtegemetzel habe ich die Bratwurst mit Pommes sehr genossen.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Für uns bricht die letzte Urlaubswoche an, bis Mittwoch weiterhin hier in Le Croisic, danach weiter in die Champagne.

23:30