Woche 52/2025: Liegend und lesend – was schön war

Montag: Wir befinden uns weiterhin in Beaune, Frankreich, Burgund. Der Liebste hat beanstandet, ich schriebe in diesem Blog zu negativ, an allem hätte ich etwas auszusetzen, was nur den Schluss zuließe, mein Leben sei furchtbar. Dem ist selbstverständlich nicht so, im Gegenteil, meistens bin ich sehr zufrieden. Deshalb sollen in dieser Woche vor allem die schönen Dinge genannt werden, zumal Weihnachten ist. Daher kein kritisches Wort über die in Frankreich offenbar sehr beliebten Blinklichterketten, Geschenkerausch und Zuvielessen.

Aus oben genannten Gründen überlasse ich das Meckern anderen, etwa Herrn Hanne, der über Weihnachtslieder schreibt:

„In der Weihnachtsbäckerei“ – vom Kinderliederbarden des Teufels, Rolf Zuckowski, verfasst, um zu testen: Wie viele Wiederholungen ertragen Eltern, bis sie sich rohen Plätzchenteig in die Ohren stopfen?

Nach dem Frühstück trennten sich vorübergehend unsere Wege. Während meine Lieben Supermärkte besuchten, unternahm ich bei trübem Wetter einen längeren Spaziergang, zunächst über die Remparts einmal um die Innenstadt, dann durch den Parc de la Bouzaise und den Parc de la Creuzotte gleich nebenan, schließlich eine Schleife durch die Weinberge westlich der Stadt. Das war insgesamt sehr beglückend, den sicherheitshalber mitgeführten Regenschirm benötigte ich nicht.

Blick vom Rempart des Dames
Blick von den Weinbergen runter auf Beaune

Dienstag: Ein angenehmer ruhiger Tag, der nicht richtig hell wurde, das war nicht schlimm. Nach dem Frühstück frönten die Lieben noch ein wenig der Konsumlust, während ich etwas Lesealleinzeit im Hotelzimmer genoss, stets bereit zum Wechsel ins Kaminzimmer, wenn die Reinigungskraft kommt.

Die kam indes erst nachmittags, als wir einen Ausflug nach Rully unternahmen, von wo wir mit einigen Flaschen Cremant mehr zurückkehrten, was soll man machen. Unterdessen liegen die Weinberge und -felder blätterlos, überall steigen Rauchwolken auf von den Feuern, in denen der Rückschnitt der Reben verbrannt wird, auf dass auch der kommende Jahrgang ein guter wird, mit dem sich gerade hier im Burgund immer noch erstaunliche Preise erzielen lassen. Wer weiß, wie lange es noch dauert, bis der Genuss von Wein verpönt ist. Zu recht, Alkohol ist ein Zellgift, erwiesenermaßen in jeder Menge und Darreichungsform schädlich für den Körper. Dennoch hoffentlich nicht so bald.

Mittwoch: Heiligabend. Meine Lieben hielten es vormittags für angebracht, noch einmal durch die Stadt zu gehen. Um vor den Feierlichkeiten noch etwas Bewegung an der frischen Luft zu bekommen, die wie angekündigt seit gestern Abend deutlich frischer geworden ist, ging ich mit, obwohl ich wusste, was mich dort erwartet: viele Menschen in Kauflaune, Warteschlangen vor boucherie und boulangerie, irgendwie steht man immer im Weg. Dazwischen bahnen sich zahlreiche Autos den Weg, das Prinzip Fußgängerzone ist in Beaune nur rudimentär umgesetzt. Auch ich folgte den Lieben in mehrere Geschäfte, wo vor allem zum Verzehr geeignete Dinge gekauft wurden, die wir nicht unbedingt brauchen und zumindest teilweise voraussichtlich nicht essen werden oder jedenfalls erst sehr viel später, wenn sie zufällig, längst vergessen, in irgendwelchen Schränken und Schubladen wieder gefunden werden. Sofern sie dann noch zum Verzehr geeignet sind. Es ist diese mir weitgehend fremde Lust am Kaufen, ohne das Gekaufte zu benötigen. Vielleicht wäre es für manche ein gutes Geschäftsmodell, die Ware wenig später wieder (ohne Erstattung des Kaufpreises) zurück ins Geschäft bringen zu können, oder sie gleich dazulassen.

Völlig immun bin auch ich nicht gegen solche Spontankäufe: In der örtlichen Filiale einer französischen Textilanbieterkette erwarb ich zwei Hosen und ein Hemd, wovon wenigstens eine der Hosen am Abend zum Weihnachtsmenü getragen wird.

Zufallssichtung am Wegesrand, mit herzlichem Gruß nach Augsburg

Über derlei Gedanken können andere allenfalls bitter lachen. In Bonn wird nun über ein Bettelverbot in der Innenstadt diskutiert, wie der Bonner General-Anzeiger bereits gestern berichtete:

Sozialverbände warnen: Betteln ist meist ein Zeichen akuter Not.

Wer hätte das gedacht. Auch hier in Beaune sah ich heute einen Mann hinter einem Pappbecher sitzen, war aber zu bequem, ihm was zu geben, da ich, um ans Portmonee zu gelangen, Handschuhe hätte ausziehen und die Tasche mit den gekauften Textilien hätte abstellen müssen. Das soll und kann nicht als Entschuldigung dienen. Immerhin bewog es mich zu einem Vorsatz, bald ist ja wieder die Zeit guter Vorsätze: Künftig öfter Bettlern was in den Becher tun. Auch wenn vielleicht nicht alle wirklich bedürftig sind, weil sie organisierten Bettelbanden angehören, es sind auf jeden Fall arme Leute und mich macht es nicht ärmer.

Die Bescherung im Hotelzimmer am späten Nachmittag führte zu allerseitiger Zufriedenheit, zumindest von meiner Seite war die Vortäuschung dankbarer Freude nicht erforderlich.

Das Weihnachtsmenü im Restaurant nebenan war wieder ausgezeichnet. Im Gegensatz zum vergangenen Jahr war der Umfang der einzelnen Gänge so angelegt, dass man eine reelle Chance hatte, das meiste zu essen, ohne dass ich spätestens nach dem vierten Gang satt war und allenfalls nur noch jeweils ein Häppchen hätte probieren können. Verzichtbar erschien mir einzig die etwas zu laute Klavierbegleitung vom Flur her, doch das ist nur ein winziges Haar in der Suppe.

Es als ein Weihnachtswunder zu bezeichnen wäre wohl übertrieben, immerhin ein weiterer Wer-hätte-das-gedacht-Moment: Passend zum Heiligen Abend begann es abends zu schneien. Als wir das Restaurant verließen, lag das Draußen in Weiß gehüllt, das war schön.

Restaurantgarten

Donnerstag: Der Schnee hielt sich über Nacht, auch morgens war es noch weiß. Erst im Laufe des sonnigen Tages verschwand er langsam wieder. Frühstück gab es heute bis dreizehn statt wie sonst elf Uhr, was uns entgegen kam, wobei wir es dank moderater Weinbegleitung des Vorabends auch bis elf geschafft hätten.

Nach dem Frühstück unternahmen wir einen Spaziergang über die Remparts und durch die Stadt, die heute dank überwiegend geschlossener Geschäfte und Gastronomien angenehm ruhig war. Bei einem geöffneten Lokal probierten wir einen Vin chaud, ehe wir uns ins Hotel zurück zogen, wo wir es liegend und lesend weiterhin besinnlich-ruhig angehen ließen und das wir für den Rest des Tages nicht mehr verließen.

Nach dem Abendessen im Frühstücksraum, der abends als Bistrot dient, nahmen wir auf ein Abendglas im Kaminzimmer der Bar Platz. Kurz darauf setzten sich vier geschenkebepackte Personen in die Sitzgruppe nebenan: ein mittelaltes Paar und zwei jüngere Männer, der eine mutmaßlich der Sohn des Paares, der andere der zugehörige Schwiegersohn. Dann folgte die Bescherung, unter anderem wurden ein Teekessel (für maman), ein Nasenhaarschneider (für papa) und weihnachtliche Socken (für les garçons) ausgepackt und jeweils Dankbarkeit signalisiert. Das war insgesamt sehr schön zu verfolgen, wobei es mir an deren Stelle ohne Publikum etwas wohler gewesen wäre.

Morgens

Freitag: Auch heute, am letzten Tag vor der Abreise, ergab sich für mich Gelegenheit für une promenade durch die Weinberge und über den Hügel westlich oberhalb von Beaune. Die Luft war kalt, der Himmel blau, hier und da lag in den beschatteten Ecken noch etwas Schnee.

Stilleben mit Moos und Schnee
In den Weinbergen
La Bouzaise

Am frühen Nachmittag wurden die ersten Sachen zusammengepackt. Um dabei nicht im Weg zu stehen, was beim Packen erfahrungsgemäß schnell zu unschönen Konflikten führen kann, zog ich mich auf die Empore des Zimmers zurück, notierte diese Zeilen und hoffte, dass später alles ins Auto passte; es waren ja nicht nur die mitgebrachten Sachen, sondern auch die (W-)Einkäufe zu verstauen. Gegen siebzehn Uhr wurde Vollzug gemeldet, die Lieben hatten alles ohne größeren Streit verladen und für den Rest würde sich morgen voraussichtlich auch noch Platz finden, mit etwas Glück auch für mich auf der Rückbank.

Nach dem Abendessen begaben wir uns zum vorläufig letzten Abendglas ins Kaminzimmer. Später erschien auch die gestern beschriebene Familie, nur ohne den Vater. Der war vielleicht mit dem Rückschnitt von Nasenhaaren beschäftigt.

Andere Gäste – nun komme ich doch nicht ganz umhin, ein gewisses Befremden zu äußern – ließen sich aufwendig hergerichtete Häppchenplatten mit Käse und Wurstspezialitäten kommen, die später nahezu unangerührt vom Servicepersonal wieder herausgetragen und vermutlich entsorgt wurden. Das beobachteten wir in den letzten Tagen des öfteren. Werden die vom reinen Anschauen satt oder wollen sie anderen zeigen, was sie sich leisten können?

Samstag: Vormittags verließen wir Beaune bei Hochnebel, der sich bis Erreichen der Lorraine verzog. Nach störungsfreier Fahrt erreichten wir am frühen Abend Bonn, mit der nicht neuen Erkenntnis: Zu Hause ist es auch schön. Abendessen beim persischen Italiener, danach zeitig zu Bett.

Sonntag: Auch nicht neu die Erkenntnis, dass man im eigenen Bett am besten schläft und auf der eigenen Toilette … Sie wissen schon. Der Tag begann mit Nebel, der sich im Laufe des Vormittags auflöste und Platz machte für einen blauen Himmel. Nach dem Frühstück und Lektüre der Sonntagszeitung unternahm ich den üblichen Spaziergang, heute durch die Nordstadt und an den Rhein, wo zahlreichen Flaneure mit Schal, Mütze und Handschuhen die Uferpromenade füllten, wer wollte es ihnen verdenken an diesem kalten, sonnigen Tag. Gegen Ende wärmte ich mich innerlich mit einem geschmacksverstärkten Glühwein auf dem Remigiusplatz, wo ein kleiner Rest des längst abgebauten Weihnachtsmarktes, jetzt unter der Bezeichnung Dreikönigsmarkt, noch für ein paar Tage Besucher lockt.

Am Spielplatz gegenüber von unserem Haus wurde unterdessen der erste Weihnachtsbaum entsorgt, ein großes, sehr schön gewachsenes Exemplar, augenscheinlich noch im Vollbesitz aller Nadeln, der dürfte nicht billig gewesen sein. Ein bisschen absurd ist das ja mit den Weihnachtsbäumen in Wohnstuben, auch wenn sie einzig für diesen Zweck gepflanzt werden.

Zu Hause ist es auch schön – Kennedybrücke, Blickrichtung Beuel

Abends, nach Redaktionsschluss, werden wir mit der Nachbarin unten Raclette brutzeln, das wird bestimmt schön und für mich nicht allzu lang, da ich mangels Urlaubstagen und Gleitzeitstunden morgen und übermorgen mal ins Büro reinschauen muss. Das ist nicht schlimm.

***

Das war der letzte Blogeintrag für dieses Jahr. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit sowie die immer wieder freundlichen Gefallensbekundungen und Kommentare, manchmal auch im persönlichen Gespräch von Leuten, von denen ich nicht erwartet hätte, dass sie hier mitlesen. Kommen Sie gut ins neue Jahr, für das ich Ihnen alles Gute wünsche, und behalten Sie stets auch das Schöne im Blick. Wenngleich die allgemeine Weltlage sich zunehmend einzutrüben scheint: Es ist nicht alles schlecht, jedenfalls nicht so schlecht, wie es vielfach geredet und geschrieben wird. Und bleiben Sie mir bitte als Leserin und Leser treu.

16:00

Woche 24/2021: Schonung und Regeneration

Montag: Erster Urlaubstag. „Ich mööch zo Fooß noh Kölle jonn“, für Nicht-Rheinländer: „Ich möchte zu Fuß nach Köln gehen“, sang Willi Ostermann bereits vor fünfundsiebzig Jahren. Eine ähnliche Idee kam mir vergangene Woche, als ich meinen Urlaub plante. Und also tat ich heute, wobei ich nur bis Rodenkirchen ging, von wo aus man den Dom schon deutlich sieht. Ich startete in Bonn linksrheinisch, setzte mit der Mondorfer Fähre rüber ans andere Ufer, von dort ging es bis zur Rodenkirchener Autobahnbrücke, wo ich wieder die Rheinseite wechselte und nach einer Einkehr, der ersten nach wasweißichwieviel Monaten, mit der Stadtbahn die Rückfahrt nach Bonn antrat. Auch wenn Gehen glücklich macht, was zu betonen ich nicht müde werde: Heute war es sehr anstrengend, genug des Glücks, vor allem die letzte Stunde etwa ab Köln Porz, wo ich mehrfach dachte: Porz Blitz*, wann kommt denn diese Brücke endlich? Auch das Wetter war mit Sommerhitze vielleicht nicht der ideale Wanderbegleiter. Aber die Aussicht auf den Dom ein kühles Getränk mit Hopfenanteil gab den erforderlichen Antrieb. Als nach fast siebenstündigem Marsch das erste Kölsch endlich vor mir stand, war es schön, wobei das erwartete Glücksgefühl nach entbehrungsreichen Monaten noch nicht so richtig aufkam. Das kommt bestimmt noch. Hier einige Eindrücke:

Die Mondorfer Fähre nach Ankunft ebendort
Seitenarm bei Reidt
Im Auenwald bei Niederkassel
Ein Relikt aus einer fragwürdigen Verkehrsdesign-Epoche in Niederkassel-Lülsdorf
Hinter Lülsdorf
Bei Langel
Endlich: die Brücke in Sicht
Gleich geschafft
Sie haben Ihr Ziel erreicht.

* Bitte verzeihen Sie mir, ich konnte nicht anders.

Dienstag: Die erste Hälfte des zweiten Urlaubstags diente vornehmlich der Schonung und Regeneration müder Knochen und einer Blase am Fuß.

Währenddessen gelesen: „Die einmalige Gelegenheit, das Konrad‘s sowie mich selbst neu zu erfinden, stellt eine großartige Herausforderung dar, der ich mich unbedingt stellen möchte“, sagte nicht ein Business-Kasper, sondern der Bonner Koch Felix Kaspar gegenüber der Zeitung, der demnächst die Leitung eines Hotelrestaurants übernehmen wird. Anscheinend reden Köche mittlerweile auch so. Sollen sie – Hauptsache es schmeckt.

Gegen Mittag kam ich meinen Verpflichtungen als Importeursgattin nach, indem ich die Lieferung des Drogenkuriers entgegennahm. Etwas weniger dramatisch formuliert: Ein Spediteur brachte eine Palette Wein von der südlichen Côte du Rhône für des Liebsten Geschäft. In Hoffnung auf einen kühlen Rosé am Abend machte ich mich am Nachmittag daran, die Palette aufzulösen, wie man unter uns Logistikern sagt, und die Kartons anhand der Kundenbestellungen zu kommissionieren. Zum Glück hat er wieder genug bestellt, daher schien die Hoffnung auf ein Abendglas begründet.

Nachtrag am Abend: War sie.

Mittwoch: Am dritten Urlaubstag machte ich mich auf, meine Mutter in Bielefeld zu besuchen, und zwar mit dem von mir bevorzugten Verkehrsmittel, der Bahn. Aus gleichsam bahntouristischen Gründen wählte ich für die Hinfahrt einen kleinen Umweg über Paderborn. Kurz vor Hamm diese Durchsage: „Der vordere Zugteil endet in Hamm. Der hintere fährt weiter nach Paderborn oder Kassel.“ Ein wenig irritierend die Konjunktion „oder“. Als ob sie das Ziel der Fahrt noch nicht so genau wüssten und es erst unterwegs von der Oberzugleitung mitgeteilt bekämen. Eine Art Schienenlotto. Doch ich hatte Glück, ohne weitere Verzögerung kam ich pünktlich in Paderborn an.

Donnerstag: Vierter Urlaubstag. Für die Rückfahrt von Bielefeld wählte ich, wiederum aus Gründen, die dem normalen Bahnreisenden schwer zu vermitteln sind, weshalb ich Ihnen und mir den Versuch erspare, den Umweg über Osnabrück. Der ICE, der mich von dort weiter nach Bonn brachte, fuhr mit geringer Verspätung ab, schaffte es dann, diese mit den üblichen Begründungen (technische Probleme, Signalstörung) bis Köln auf eine halbe Stunde auszudehnen. In Köln die Durchsage, die Weiterfahrt verzögere sich, weil wir auf einen frischen Lokführer warteten, der mit einem Zug anreise, der sich leider verspäte. Mir sollte es recht sein – ich hatte einen angenehmen Platz, genug Lektüre und die Klimaanlage funktionierte, was an solch heißen Tagen bei der Bahn nicht selbstverständlich ist. Mit dreiviertelstündiger Verspätung ging es schließlich weiter. – Angenommen, in jedem verspäteten Zug sitzen durchschnittlich zwei Lokführer, die irgendwo einen anderen Zug übernehmen sollen. Wie lange dauert es, bis der Bahnverkehr zum Erliegen kommt?

Freitag: Den fünften Urlaubstag verbrachte ich lesend und schreibend im Liegestuhl auf dem Balkon. Gelesen in einem Zeitungsartikel über die aktuellen chinesischen Raumfahrtaktivitäten: „Mittelfristig will China auch Menschen auf den Mond schicken.“ Regimekritiker und Oppositionelle?

Außerdem habe ich das Wagenknecht-Buch zu Ende gelesen, das so endet:

„Wenn auch die linksliberalen Akademiker unserer Zeit einsehen würden, dass sie kein Recht haben, ihren Lebensentwurf zum Maßstab progressiven Lebens zu machen und auf alle herabzuschauen, die anderen Werten folgen und eine andere Sicht auf die Welt haben, wäre viel gewonnen.“

Sarah Wagenknecht: „Die Selbstgerechten“

Das Buch hat mir sehr gut gefallen, daher kommt es nicht in den öffentlichen Bücherschrank.

Samstag: Sechster Urlaubstag, wobei die Frage erlaubt sei, ob ein Samstag überhaupt als Urlaubstag zählt, wenn man nicht verreist ist und auch sonst nichts unternimmt, was den Tag von einem gewöhnlichen Samstag unterscheidet. Aber es ist zu warm, um etwas zu unternehmen, außerdem sind mir überall viel zu viele Menschen. Daher ein weiterer Balkon-Liegestuhl-Tag, jedenfalls so lange, bis die Sonne ums Haus kam und mich in die kühlere Stube trieb.

Alles Gute zum Namenstag (laut Zeitung) an Analogika, Hildegrim, Rasso, Romuald. (Einen davon habe ich mir ausgedacht, Sie dürfen gerne raten.) Wieder stelle ich mir entsprechende Heckscheibenaufkleber vor.

Ich habe dann auch mal dieses Voila-Dings ausprobiert. Voila:

(Nächstes Mal rasiere ich mich vorher, wobei ich das linke Bild schon ziemlich scharf finde.)

Ansonsten habe ich nebenan die Chronik des Wahnsinns fortgeschrieben.

Sonntag: Die schweren Gewitter der vergangenen Nacht sind abgezogen, ohne größere Schäden zu hinterlassen. Das gilt für die meteorologischen wie ein zwischenmenschliches.

Der siebte Urlaubstag konnte bedenkenlos als solcher bezeichnet werden, siehe die Eingangsfrage gestern. Von einem gewöhnlichen Sonntag unterschied ihn das Ausbleiben der Unlust auf die dräuende Arbeitswoche ab dem späteren Nachmittag.

Weitgehend unlustig auch das Büchlein „Wer schreibt denn sowas?!“ von Joshua Clausnitzer, auf das ich vor längerem in der Zeitung aufmerksam wurde. Dort klang es interessant, Wort- und Sprachspiele waren in Aussicht gestellt, daher beschaffte ich es über den Buchhändler des Vertrauens. Der Klappentext bezeichnet es als „Humorvoll, skurril, banal und satirisch!“ Eines dieser Attribute trifft unwidersprochen zu; kleine Kostprobe: „Frauen attestieren mir immer wieder: Aufreißen kann ich! Besonders gut Chipstüten, Gummibärchen- und Kekspackungen!“ Augenscheinlich ist der Autor ein großer Freund des Ausrufezeichens. – Nun könnten Sie zu recht einwenden: „Na hör mal, was du hier so absonderst, ist auch nicht gerade hohe Literatur.“ Das stimmt, dafür ist es umsonst, sowohl im Sinne von vergeblich als auch kostenlos. Wer 12,90 Euro statt für dieses schmale Bändchen lieber für eine Flasche Rosé ausgibt, tut sich jedenfalls einen größeren Gefallen.

Woche 7: Wir werden langsam dünnhäutiger

Montag: Morgens unterstrich heftiger Gegenwind meine Unlust, ins Werk zu radeln, die nur mittelbar auf den heutigen Konjunktiv-Rosenmontag zurückzuführen war. Eine generelle Unlust zeigten auch diverse digitalen Geräte, die meinen Tag begleiteten, angefangen morgens das Radio im Bad, das mehr zwischenspeicherte denn spielte, was bei dem Programm („Schreiben Sie uns Ihre Meinung auf Facebook, rufen Sie uns an unter … Hörer Mike aus Wuppertal findet, dass …“) nicht so schlimm ist, nur ist man es kaum noch gewohnt, nicht beschallt zu werden. Auch der Rechner im Büro lief sehr langsam und ließ sich Zeit beim Laden einer jeden Seite, die Skype-Verbindung brach mehrfach zusammen, was nicht immer ein Nachteil war.

Gegen Mittag setzte Regen ein, die angekündigte Glätte blieb erfreulicherweise aus, daher konnte ich mir ohne Zwischenfälle was aus der Kantine holen, heute sogar mit roter Götterspeise zum Nachtisch, die gab es lange nicht. Oft liegt das Glück gerade in diesen kleinen Dingen.

In der Zeitung war über „Impf-Vordrängler“ zu lesen, vielleicht ein Kandidat für das Wort oder Unwort des Jahres, oder ein zeitgemäßer Nachfolger für den inzwischen reichlich abgenutzten Warmduscher.

Ein anderes interessantes Wort ist „Urgroßtochter“, als welche in derselben Zeitung eine gewisse Paris Hilton bezeichnet wurde. Darf man aus Gründen der sprachlichen Korrektheit nicht mehr „Urenkelin“ sagen oder schreiben?

Dienstag: Erster Nachtrag zu gestern: Der Miniatur-Rosenmontagszug im Hänneschen-Theater zu Köln war wirklich anrührend schön.

Zweiter Nachtrag: Gestern Abend beim Zähneputzen spielten sie im Radio dieses Lied, das mir seitdem ziemlich hörenswert erscheint und daher als mehrstündiger Ohrwurm herzlich willkommen ist (ganz im Gegensatz zu dem schrecklichen, gleichwohl sehr beliebten „Jerusaleme“, dem zurzeit leider kaum zu entkommen ist).

Der Arbeitstag bestand im Wesentlichen aus einer durchaus angenehmen Abteilungstagung, aus gegebenem Anlass nur am Bildschirm. Abends gab es ein gemeinsames virtuelles Koch-Event. Ich würde meine Kollegen wirklich gerne wiedersehen, nach getaner Arbeit gut zusammen essen und ein paar Gläser leeren, quatschen und lachen, ein abschließendes Abendglas an der Hotelbar, das alles fehlt mir sehr. Sie auf einem kleinen Bildschirm in der heimischen Küche um mich zu haben, finde ich indessen äußerst deprimierend. Daher sah ich von einer Teilnahme ab; ich bitte um Verständnis.

Eine Frage, die ich mir schon oft stellte und vermutlich auch schon hier aufschrieb, stellt sich auch Kurt Kister in seiner wöchentlichen Kolumne in der Süddeutschen Zeitung:

„Unerwartet verstorben“, wie es so schön heißt, wobei man sich fragt, woher die unheimliche Karriere des Verbs „versterben“ rührt, das eigentlich nur „sterben“ heißen sollte, auch weil man die Vorsilbe „ver-“ nicht braucht, um tot zu sein.

Ich freue mich immer wieder, wenn ich nicht der einzige bin, dem sowas auffällt.

Mittwoch: Nur auf Bildschirmen fand in diesem Jahr auch der politische Aschermittwoch der Parteien statt, was dessen generelle Überflüssigkeit noch einmal unterstreicht.

Nach der Eiseskälte vergangener Woche wird es langsam Frühling. Erstmals in diesem Jahr nahm ich das Mittagessen unter freiem Himmel hinter dem Mutterhaus ein, und die Singstarkrähe von gegenüber beschrie abends bei geöffnetem Fenster die Siedlung. Nur der Rheinauenpark ist noch nicht völlig vom Eise befreit.

Donnerstag: Vergangene Nacht träumte ich von Markus Söder, was genau, ist nicht mehr zu rekonstruieren, vielleicht besser so. Ansonsten schlief ich zufriedenstellend.

Abends war die häusliche Stimmung ohne erkennbaren Grund trübe, erst war der Eine übellaunig, dann der Andere, ein Zustand, den ich nur schwer ertrage. Da ich mich daran unschuldig wähnte, nahm ich es hin und spielte mit der Eisenbahn. Das mag infantil klingen, entspannt mich aber sehr; andere geben sich Ballerspielen hin oder besaufen sich. Wir werden langsam alle dünnhäutiger.

Was mich zu einem spontanen Verslein inspirierte: „Ich glaube, bald / es heftig knallt.“

Freitag: Hier erhalten Sie interessante Einblicke in den Arbeitsalltag eines Human Identity Brand Synergist.

„Wer ist die verrückteste Person in deinem Leben?“, fragt Franco Bollo. Ohne lange zu überlegen könnte ich dieses Frage spontan beantworten, doch werde ich mich hüten, am zurzeit recht dünnen Faden des häuslichen Friedens unnötig zu zerren.

Samstag: Laut Zeitung haben heute diejenigen Namenstag, die Korona heißen. Das dürfte wohl zurzeit so ziemlich der einzige Lichtblick in ihrem Leben sein.

Wegen des akuten Frühlingseinbruchs verband ich den Gang zum Altglascontainer mit einem Spaziergang. Am Straßenrand parkte ein Golf II, so einer wie ich ihn früher fuhr, mit H-Kennzeichen. Abgesehen von der Fragwürdigkeit, Halter so alter Karren Steuererleichterungen zu gewähren: Was sagt das über mein Alter aus? Bekomme ich demnächst auch so ein H verpasst, und wenn ja, wohin?

Sonntag: Ich sehe Licht / es knallt noch nicht.

Es geht auch ohne Knallerei – gesehen im Vorbeigehen:

Gelesen – am 9. März 1931 entschied der Disziplinarhof zu Leipzig:

„Die Betätigung eines Beamten für die Nationalsozialistische Arbeiterpartei (NSDAP) ist ein Dienstvergehen, da sie den Umsturz der bestehenden Staatsordnung im Wege der Gewalt beabsichtigt.“

Quelle: EISENBAHN-KURIER

Das hat dann so viel auch nicht genützt.

Auch gelesen – über Werbung:

»Es gibt Werbung, die einen todsicher davon abhält, das beworbene Produkt zu kaufen. Bei manchen löst etwa die Radiowerbung für ein Müsli, die mit einem schwäbelnden „Woisch Karle“ beginnt, Mordphantasien aus.«

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Sie wissen sicher, welches Produkt gemeint ist.

Fastenverzicht ist kein Charakterriss

In diesen Wochen gefallen sie sich wieder darin, zu fasten. Nicht aus religiösen Gründen, auch nicht so sehr als Wiedergutmachung für die dem eigenen Körper in den karnevalistischen Wochen zugefügten Schändungen. Die meisten tun es, weil man es jetzt einfach tut, weil es hip ist, weil sie dann sagen können „nein danke, ich faste jetzt“, wenn sie ein angebotenes Craft-Bier oder eine Einladung in den nächsten hippen Burgerladen, den mittlerweile siebenundzwanzigsten in der näheren Umgebung, ausschlagen. Fasten ist mittlerweile so angesagt wie politisch korrekt in die (linke) Armbeuge zu husten, Vollbart zu tragen (zumeist Männer), sein Gemüse in einer alten Kiste im Innenhof zu ziehen, was die Möglichkeit eröffnet, beiläufig den Begriff urban gardening ins Gespräch einzuflechten, sich von püriertem Gemüse der absonderlichsten Sorten zu ernähren, während der Arbeitszeit auf dem Büroflur eine Runde zu kickern, mit Laktosinkompetenz / Brokkoliunverträglichkeit zu prahlen, seine täglichen Schritte elektronisch zählen zu lassen oder seinen morgendlichen Kaffee bei einer dieser hippen fahrenden Buden in einen Pappbecher oder den mitgebrachten Thermobecher abfüllen zu lassen, um ihn anschließend auf dem Weg zum Büro im Minutentakt nippend zu verzehren. Wann fing das eigentlich an, dass Menschen sich gezwungen fühlen, überall einen gefüllten Kaffeebecher mit sich herum zu tragen?

Beliebte Objekte des ritualisierten Verzichts sind Alkohol, Snacks, Zigaretten sowieso, und das nicht nur zu Fastenzeit, Fleisch, also nur, wer sich immer noch nicht vegan oder wenigstens vegetarisch ernährt; manche behaupten gar, sie wären weniger online, was von allem am wenigsten glaubhaft erscheint. Früher galt es als hart, im Winter ein Loch ins Eis zu hacken, um darin zu baden, heute, fünf Minuten auf den Bus zu warten und dabei nicht auf das Smartphone zu schauen.

Ich mache das nicht mit, halte  den Verzicht auf das Fasten keineswegs für einen Charakterriss, andererseits stört es mich nicht, wenn andere es tun, solange sie mir mein Abendglas und die Feierabendzigarette nicht madig zu machen suchen. Ich hätte indes noch zwei Fastenvorschläge: Verzichtet doch mal vier Wochen lang darauf, ständig „okay“ zu sagen, wenn man euch was erzählt, und sagt nicht andauernd „genau“, wenn ihr eigentlich „äh“ meint. Damit wäre schon vielen geholfen und die Welt wäre eine etwas schönere. Auf weitere Ratschläge verzichte ich.