Woche 2: An und Aus

Montag: Es kommt nicht oft vor, dass mir der Blogeintrag des Tages bereits unmittelbar beim Aufwachen einfällt. Doch muss man es wohl als Ironie der Morgenstunde bezeichnen, wenn mich ausgerechnet eine Radioreklame für Matratzen aus den Träumen reißt. Ne ne ne ne.

Schon vor längerem beklagte ich, dass Hüte als alltägliche Herrenausstattung aus der Mode gekommen sind. Heute Morgen sah ich an der Stadtbahnhaltestelle einen jungen Hutträger, der nicht den Eindruck erweckte, durch die Kopfbedeckung besonders extravagant erscheinen zu wollen, vielmehr trug er sie mit beneidenswerter Selbstverständlichkeit. Und doch wirkte es irgendwie seltsam.

Dienstag: Ferienende ist ja stets auch für diejenigen unschön, die das Schülerdasein schon geraume Zeit hinter sich gelassen haben: Straßen und Bahnen sind wieder voller und lauter, ständig steht oder geht einer im Weg, weil er permanent auf ein Display starren muss. Halt all die unerfreulichen Begleiterscheinungen, welche die Existenz fremder Menschen mit sich bringt.

Auch unschön: Film-Mogul. Torwart-Titan – die haben sie doch nicht alle, die Medienaffen. Wenigstens scheinen die Modezaren endlich abgedankt zu haben. Wobei die Werbe-Kasper mit Wimpern-Booster auch nicht besser sind.

Mittwoch: Wie lange muss man eigentlich noch „frohes Neues“ heucheln?

Aus einer Mail: „…wir müssen uns auch in Zukunft darauf einstellen, dass wir ehr Menschen mit schlechten deutsch Kenntnisse finden und einstellen.“ Manchmal möchte ich aufspringen und rufen: „O ihr Pfuscher!“

Donnerstag: Augenscheinlich kein Pfuscher war der Mann jüngeren Alters mit Rauschebart, Nasenpiercing, grün-metallic lackierten Fingernägeln, großem Kopfhörer und Skateboard, der mir in der Bahn gegenüber saß. Aus seinem Rucksack holte er ein Notizbuch hervor, schlug es auf und malte darin an einer sich über zwei Seiten erstreckenden Zeichnung, was ihm trotz des bahnbedingten Gewackels mit großer Präzision gelang. Was das Bild darstellte, ist schwer zu beschreiben, es bestand aus zahlreichen in einander verwobenen geschwungenen Linien, Flächen und Objekten, möglicherweise Entwurf für ein großes Graffito-Projekt. Ob sich in seinem Rucksack Spraydosen befanden, entzieht sich meiner Kenntnis.

Freitag: Digital bedeutet ja dem Grunde nach nicht viel mehr als eins und null, beziehungsweise an und aus. Einfaches An und Aus gehört in unserem Haushalt indessen der Vergangenheit an – der Liebste hat neue digitale Hochtechnologie-Lichtschalter installiert, die irgendwie über Siri mit Hue kommunizieren, was weiß ich wie das funktioniert. Der Geliebte zürnt. Wer hätte gedacht, dass das Ein- und Ausschalten der Zimmerbeleuchtung sich mal zu einem solchen Abenteuer mit interessantem Konfliktpotential entwickeln würde. Ich ziehe mich unterdessen in die Behaglichkeit meines mit herkömmlicher Licht-Elektrik ausgestatteten Zimmers zurück, höre Musik von Kassetten und warte ab, bis sich die Lichtwellen geglättet haben.

Samstag: Behaglich mag man es auch in Polen, wie der heutigen Zeitung zu entnehmen ist.

Vormittags stellten sie so ein Ding vor unser Haus, weiß der Himmel beziehungsweise die Stadtverwaltung, wozu. Links davon sollte wohl ein weiteres Element hingestellt werden, was aber nicht ging, weil dort mal wieder einer im Halteverbot parkte. Deshalb steht das Ding jetzt auf dem Gehweg. Über den Fortgang werde ich berichten.

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Sonntag: Die Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner in der FAS über die Bereitschaft der Deutschen, für qualitativ hochwertige Lebensmittel einen angemessen Preis zu zahlen:

„Für ein ordentliches Motorenöl zahlen Autofahrer bereitwillig 40 Euro pro Liter, beim Salatöl sind zwei Euro schon zu viel.“

Natur ist überall schön, auch in der Inneren Nordstadt zu Bonn. Man muss sie nur sehen.

KW2 - 1

Auf den ersten Blick ein ganz Schlauer, auf den zweiten indessen nicht ganz so klug, fehlt doch ein N.

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Woche 1: Das neue Jahr zieht sich

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Montag: Laut Zeitung haben heute Leute Namenstag, die Sabinus heißen. Sabinus. Denken die sich so etwas wohl aus?

Einen eher ungewöhnlichen Namen hat auch der Hund, dessen Besitzer ich auf dem Rückweg vom Werk nach ihm rufen hörte: Bonsai. Es war kein besonders kleiner Hund, auch kein großer, woraus man immerhin auf eine ironische Ader des Namensgebers hätte schließen können, so wie wenn ein Dackel oder Chihuahua (zugegeben, ich musste recherchieren, wie man das schreibt) auf den Namen „Amboss“ hört. Es war so ein mittelgroßes Tier, als Braten für vielleicht vier bis fünf Personen.

Eher klein waren auch die Mädchen, die für den WDR eine umgetextete, leicht gesellschaftskritische Fassung des alten Kinderliedes „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ sangen. Riesig dagegen der daraus folgende Skandal und die Empörung derjenigen, die sich ertappt fühlen, was den WDR zu einer reumütigen Entschuldigung veranlasste. Schade, mir gefällt es:

Hier noch einmal zum Mitlesen, für alle, die wie ich Schwierigkeiten haben, gesungene Liedtexte zu verstehen:

Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorad, Motorad, Motorad. / Das sind tausend Liter Super jeden Monat, meine Oma ist ne alte Umweltsau.

Meine Oma sagt, Motoradfahren ist voll cool, echt voll cool, echt voll cool. / Sie benutzt das Ding im Altersheim als Rollstuhl, meine Oma ist ne alte Umweltsau.

Meine Oma fährt im SUV beim Arzt vor, beim Arzt vor, beim Arzt vor. / Sie überfährt dabei zwei Opis mit Rollator, meine Oma ist ne alte Umweltsau.

Meine Oma brät sich jeden Tag ein Kotelett, ein Kotelett, ein Kotelett. / Weil Discounterfleisch so gut wie gar nichts kostet, meine Oma ist ne alte Umweltsau.

Meine Oma fliegt nicht mehr, sie ist geläutert, geläutert, geläutert. / Stattdessen macht sie jetzt zehnmal im Jahr ne Kreuzfahrt, meine Oma ist doch keine Umweltsau.

Noch einmal zurück zum Thema Namen, jedoch weder Mensch noch Tier, sondern Bundesländer betreffend. Eine eher weniger weltbewegende Frage, die mir in schlafloser Nachtstunde einfiel, woher auch immer sie mir in den Sinn kam: Warum gibt es Nieder-, jedoch nicht Obersachsen, jedenfalls nicht als eigenes Land? Warum Sachsen-Anhalt, jedoch nicht Sachsen-Losfahr?

Apropos Niedersachsen: Nachdem tagsüber das Sturmtief „Christian“ über den Bahnhof des fiktiven südniedersächsischen Ortes Barlingerode hinweggezogen war, folgte abends ein Donnerwetter. Die Sach- und Personenschäden blieben dank frühzeitig eingeleiteter Bergungsmaßnahmen zum Glück gering, nur die atmosphärischen Störungen hielten noch etwas an. Und wieder bestätigt sich: Gut gemeint ist das genaue Gegenteil von gut. (Das können und müssen Sie jetzt nicht verstehen.)

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Dienstag: Gut gemeint ist es sicher auch, Silvestergrüße in diverse WhatsApp-Gruppen zu schicken, womöglich garniert mit lustigen Bildern und Filmchen. Dummerweise fühlt sich daraufhin mindestens jedes zweite Gruppenmitglied animiert, angemessen zu antworten, was je nach Gruppengröße schon nach kurzer Zeit sehr anstrengend für alle Teilnehmer werden kann. Wenn man mehreren Gruppen angehört, kann es zudem passieren, dasselbe Filmchen mehrmals zugesandt zu bekommen. Zum Glück bietet WhatsApp die Möglichkeit der vorübergehenden Stummschaltung, wovon ich heute dreimal Gebrauch machte, danach herrschte wieder Stille auf meinem Datengerät. Im Übrigen schaue ich mir zugesandte Filmchen grundsätzlich niemals an.

Mittwoch: Wir können uns glücklich schätzen, in einem Land zu leben, in dem es auch im Jahre 2020 für alle Bedürfnisse entsprechende Fachgeschäfte gibt, denen der zunehmende Onlinehandel bislang wenig anhaben kann.

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Die Diskussion darüber, ob mit 2020 das neue Jahrzehnt beginnt oder erst 2021, erscheint mir besserwisserisch-überflüssig. Für mich beginnen heute die Zwanziger. Ob sie wild, golden oder sonstwie werden, wird man sehen. Auf jeden Fall wird es hier voraussichtlich weiterhin genug zu notieren geben, denn der Wahnsinn des Alltags geht weiter, soviel ist sicher.

Zum Jahreswechsel schrieb ich heute ganz viel in mein Tagebuch, unter anderem folgendes, das mir – bei aller Bescheidenheit – so gut gefällt, dass ich es auch Ihnen zur Kenntnis zu geben mir erlaube:

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Frohes neues Jahr!

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Donnerstag: Der erste Achtstunden-Arbeitstag seit längerem. Erkenntnis: Das neue Jahr zieht sich.

Freitag: In der Kantine saß Geschäftsbereichsleiter H mit all seinen Freunden. (Bitte stellen Sie sich hier ein Bild vor, das eine Person zeigt, die alleine an einem Tisch sitzt und während des Verzehrs einer Kohlroulade mit dem Datengerät beschäftigt ist.)

Auf dem Heimweg vom Werk sah ich erste Magnolienknospen und dachte: Ihr seid ganz schön mutig.

Samstag: »Weil es im­mer we­ni­ger op­ti­mie­rungs­freie Zo­nen gibt, fehlt Men­schen das für eine ge­sun­de Psy­che not­wen­di­ge Ge­gen­ge­wicht: das Ge­fühl, dass et­was ein­fach so sein darf, wie es ist.« (Der Psychiater Klaus Lieb im SPIEGEL)

Nichts zu optimieren, allenfalls zu kaschieren, gibt es beim Alter. In einem Monat habe ich übrigens Geburtstag, nur damit Sie sich schon mal Gedanken über ein Geschenk machen können.

Sonntag: Stark zu optimieren wäre die Bebauung am Gallierweg im Bonner Norden, wie ich beim Sonntagsspaziergang feststellte. Die Häuser dort sind nicht nur, jedes auf seine Art, auffallend hässlich, sie passen auch überhaupt nicht zueinander. Als hätte man einem Schimpansenbaby einen Faller-Katalog und einen Stempel ausgehändigt, und jedes Häuschen, das das Äffchen bestempelt hat, hätte man anschließend zusammengebaut und in wahlloser Reihenfolge hintereinander aufgestellt. Komisch, darüber regt sich niemand auf.

Unterdessen scheint in der Inneren Nordstadt ein gewisser Notstand zu herrschen.

Woche 52: Traumreisen und Tütensuppe

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Montag: Wo Menschen unterschiedlichen Charakters zusammenleben, kommt es mitunter zu Reibungen, auch und gerade so kurz vor Weihnachten. Doch verursacht Reibung bekanntlich Wärme, und die können wir gut brauchen, nicht nur zu Weihnachten.

„Viel­falt stei­gert das Auf­nah­me­ver­mö­gen: beim Kunst­ge­nuss, bei der Pfle­ge von Freund­schaf­ten. Manch­mal beim Sex. Ein kom­ple­xes The­ma“, so die Ernährungsforscherin Bar­ba­ra Jean Rolls im SPIEGEL auf die Frage, ob wir mehr essen, wenn das Angebot abwechslungsreich ist.

Vor fast genau sieben Jahren, konkret am 20.12.2012, endete ein Tagebuch–Eintrag so: „Ach ja, laut Maya-Kalender geht morgen angeblich die Welt unter, somit war dies dann der letzte Eintrag. Sollte es so sein: Mein Leben auf dieser Erde war sehr schön!“ Drei Tage später dieses: „Wider Erwarten ist die Welt am Freitag doch nicht untergegangen. Stattdessen war ich am Freitagabend in der Stadt, Weihnachtsgeschenke kaufen; viel schlimmer hätte ein Weltuntergang auch nicht sein können.“

Dienstag: Während ich die Autos auf den Straßen und die Menschen auf den Bahnsteigen betrachte, frage ich mich, um wie vieles diese Welt friedlicher sein könnte, wären wir nicht bestrebt, ständig den Aufenthaltsort zu wechseln und Waren durch die Gegend zu schicken. Nicht nur zur Weihnachtszeit.

Mittwoch: Zum Beispiel von Bonn nach Ostwestfalen, wo wir heute und morgen den familiären Fest-Pflichten nachkommen. Wofür braucht man eigentlich Weihnachten?

Das Wort „Engentado“ kommt übrigens aus dem Spanischen, es bezeichnet den Wunsch nach Einsamkeit.

Donnerstag: Alle Lieben gesehen, alle Geschenke* verteilt und empfangen, viel gegessen und (vielleicht etwas zu viel) getrunken, viel gelacht, unter anderem über freilaufende Eier und die Frage: „Wo waren wir nochmal morgen?“ Gestaunt über ein Feuerzeug: Nicht eines mit gas- oder benzingenährter Flamme, sondern klimaschonend elektrisch, mit Lichtbogen oder so, fragen Sie mich nicht. Das Erstaunliche daran war allerdings nicht die Antriebsart, sondern ein Nebeneffekt. Bei Betätigung erzeugt das Gerät einen offenbar äußerst fiesen Ton, den nur Menschen unter dreißig wahrnehmen. Von so etwas hörte ich schon mal, dabei ging es, wenn ich mich recht erinnere, um Geräte zur Vergrämung Jugendlicher von beliebten Lungerstätten. Nun erlebte ich es in eigener Anschaung: In der anderen Ecke der Stube gaben sich die in den Zwanzigerjahren und somit der frischen Blüte ihres Lebens stehenden Neffen und Nichten dem Kartenspiel hin, mit richtigen Papierkarten und nicht etwa einer Kanaster-App. Jedes Mal, wenn nun jemand im Raum das Ding anschaltete, hielten sie sich schmerzverzerrt die Ohren zu und riefen herüber „Aua, mach das aus!“, während wir Alten beim Geplauder über vergangene Zeiten nicht den leisesten Piep vom Feuerzeug ausgehend hörten. Auch die älteste Nichte hörte nichts und fand das richtig doof, weil sie mit ihren zarten zweiunddreißig sich demnach nun auch zu den Alten zugehörig fühlen darf.

An den zwei Tagen etwa fünfhundert Kilometer mit dem Auto gefahren, nachmittags wieder zu Hause. Jetzt kann Weihnachten beginnen.

Woanders auch: „Wir schauten dann die erste Folge Schwarzwaldklinik in der Mediathek um unsere Gehirnzellen auf das traditionelle Traumschiff-Gucken heute Abend herunter zu kühlen …“

* Ach so, nein, nicht alle, ein Geschenk fehlt noch. Das bereite ich mir morgen selbst.

Freitag: Leider ist mein persönliches Selbstgeschenk im zuständigen Fachgeschäft vorübergehend ausverkauft, anscheinend bin ich nicht der einzige Verrückte, der das haben muss. Voraussichtlich im Januar kommt es wieder rein. Das ist nicht schlimm, im Januar freue ich mich auch noch über den Anruf des Fachhändlers, wenn die Ware eingegangen ist. Das finde ich im Übrigen schöner, als es irgendwo zu bestellen und dann auf das Paket zu warten. – Was es ist? Das wird nicht verraten, sonst ist es ja keine Überraschung. Also gut, ein kleiner Hinweis: die 87-fache Verkleinerung eines Gegenstandes, der an einem Montag schon einmal hier Erwähnung fand.

Auf den Besuch des Fachgeschäfts folgte ein nachweihnachtlicher Spaziergang durch die Stadt und an den Rhein. Ohne Notwendigkeit und konkretes Ziel durch die Gegend laufen zu können ist auch ein Geschenk, zudem äußerst kostengünstig.

„Was für ein kleiner Player“, hörte ich im Vorbeigehen eine junge Frau zu einer anderen sagen. Ich weiß nicht, um wen oder was es dabei ging, nach einer Liebesbezeugung klang es jedenfalls nicht.

Aus einem Zeitungsbericht zum 25-jährigen Bestehen der Telekom: „Ausländische Sex-Dienste wurden auf Handvermittlung umgestellt, die Nutzung ging stark zurück.“

Samstag: Abends aßen wir beim Spanier an der Ecke. Mit an unserem Tisch saß ein junges Paar. Zwar gelingt es mir mit zunehmendem Alter immer weniger, bei Hintergrundgeräuschen wie Gaststättengeraune anderer Leute Gespräche zu folgen (was ich nur selten als nachteilig empfinde), doch war offenbar, dass sich beide noch nicht lange kannten, vielleicht hatten sie sich erst kurz zuvor auf Tinder zusammengewischt. Ihn hörte ich fragen: „Du fertigst dann so die Packages?“ Vielleicht war sie in der IT-Branche tätig oder bei einem Versandhändler, was weiß ich, wo überall Packages gefertigt werden. Zwischendurch minutenlange Gesprächspausen, in denen sich dem jeweils eigenen Datengerät gewidmet wurde, vielleicht tinderten sie schon nach dem nächsten Partner, angeblich wollen sich die jungen Leute ja nicht so schnell festlegen, erst recht nicht bei der Partnerwahl. Doch sparte man unterdessen nicht mit dem Austausch von Zärtlichkeiten über Hand und Mund, auch in Kombination. Immerhin, und dafür bin ich den beiden wirklich dankbar, verzichteten sie darauf, sich gegenseitig Speisen zum Mund zu führen, wie man das aus Reklame für Beziehungsbörsen, Traumreisen und Tütensuppe kennt. Hoffen wir, dass der Abend und die Nacht noch einen für beide zufriedenstellen Verlauf nahmen. Ich an ihrer Stelle hätte ihn jedenfalls nicht mehr alleine in die Kälte entlassen, aber das ist ein anderes Thema.

Sonntag: In der Nacht kam ich sehr schlecht in den Schlaf, erst nach vier Uhr betrat ich das Reich wirrer Träume. Was mich solange wach hielt, war weniger die Sorge um das junge Liebesglück, vielmehr verdächtige ich den Espresso nach dem Essen in Verbindung mit den Kaffeebohnen im abschließenden Sambuca. Während ich mich wälzte, fielen mir folgende Zeilen ein:

Nimmst du Kaffee nach dem Essen / kannst die Nachtruh‘ du vergessen.

Nimmst du Kaffee vor der Nacht / bis du um den Schlaf gebracht.

Nimmst du Kaffee nach dem Nach- / tisch liegst du bis morgens wach.

Zugegeben, hinsichtlich der poetischen Qualität eher flachwurzelnd, jedoch immerhin erstaunlich, dass ich mir diesen Mist bis nach dem Aufstehen merken konnte.

Ansonsten erfuhr mein Leben während des Sonntagsspaziergangs insofern einen Wendepunkt, als dass ich nunmehr weiß, es gibt Fabrikschilder für Gehwegplatten.

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Noch was zum Thema Alter – Hier bei Frau Postman gelesen und für gut befunden:

„In letzter Zeit – nein, eigentlich schon länger – denke ich oft, wie gut, dass ich nicht mehr so jung bin, dann werde ich die ganz grossen Katastrophen, auf die diese Welt scheinbar unaufhaltsam zusteuert (ich bitte, diese trivial-pathetische Ausdrucksweise zu entschuldigen, ich bin irgendwie noch im Weihnachtsmodus….), höchstwahrscheinlich nicht mehr erleben. Das ist noch nicht mal immer so ein schlimmer Gedanke, da es mich, logisch, mit dem Verstreichen meiner Lebenszeit ein klein wenig versöhnt.“

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass der Verkehrsminister entlassen werden sollte.

 

Woche 51: Oktoberfest auf Hallig Oland

Montag: Heute ist Namenstag von Adelheid, Ado und Sturm. Sturm? Ist Ihnen jemals eine Person dieses Namens begegnet? Windfried vielleicht. Aber Sturm?

Was sonst noch in der Zeitung steht: Greta Thunberg saß im ICE in Ermangelung eines freien Sitzplatzes auf dem Boden. Ja und? Tausende täglich stehen in Bussen und Bahnen, weil es nicht genug Sitzplätze gibt. Nicht auszudenken, jedem würde dafür eine Zeitungsmeldung und ein persönlicher Entschuldigungs-Tweet der Bahn zuteil. Übrigens musste ich heute auf dem Heimweg vom Werk auch in der Bahn stehen. Nur dass sie es wissen. Liebe Stadtwerke Bonn, schon gut, ich bin nicht mehr bei Twitter.

Übrigens gibt es das Bonner Stadthaus jetzt auch vorübergehend in schön:

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Dienstag: Die Erkältung, die mich seit Tagen zankt und die Nase am Laufen hält wie eine Wasseruhr, ließ mich am frühen Vormittag den Entschluss fassen, das Werk zu verlassen und mich ins Bett zu legen. Zugegeben: Es könnte schlimmer sein.

Oder so:

Als Jüngling nahm er noch tapfer an,

ein Schnupfen ihn nicht belasten kann.

Er weiß nicht, warum:

jetzt haut er ihn um.

Vielleicht wird er endlich ein richtiger Mann?

Mittwoch: Ich nehme es der Erkältung nicht besonders übel, mich einen weiteren Tag überwiegend im Bett verbringen zu lassen. Vielleicht kommt dadurch endlich diese „Besinnlichkeit“ über mich, von der in diesen hektischen Tagen alle reden?

Gehören Sie auch zu den Menschen, die in vielen Dingen Gesichter und andere Körperteile zu erkennen glauben?

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Wo wir gerade bei „Körper“sind: Die krankhaft-aggressive Abneigung gegen Körpergeräusche anderer Menschen, wie Kauen, Gähnen oder Niesen nennt man „Misophonie“, steht in der PSYCHOLOGIE HEUTE. Das kenne ich. Jedes Mal, wenn der Geliebte bei notwendiger Verrichtung die Klotür offen lässt, möchte ich ihn anschreien.

Donnerstag: Die Hoffnung, bis Jahresende noch einige Überstunden durch frühen Feierabend abzubauen, zerschellte am frühen Nachmittag an einem Arbeitsauftrag, zu erledigen bis morgen Mittag. Früher hätte ich mich darüber erregt, heute sehe ich es mit gewisser Entspannung: Wenn es gut werden soll, erfordert es Zeit. Ohne Zeit wird es Murks. Das ist dann eben so.

„Anwohner und Anwohnerinnen gründeten Bürgerinitiativen“, lese ich. Muss es nicht heißen „Bürger- und Bürgerinneninitiativen“?

Freitag: „Schöne Restvorweihnachtszeit“, wünscht jemand am Ende einer Mail. Welch herrliches Wort und gleichsam angenehme Abwechslung zu den bebilderten und schlimmstenfalls animierten Jahresendgrüßen, die sonst so eintreffen.

Aus einer Mitteilung: „H hat sich auch immer für Minderheiten eingesetzt, insbesondere waren ihr Männer und Elternzeit ein Anliegen.“

Samstag: Verleser auf dem Weihnachtsmarkt: „Gebrauchte Mandeln“. Das passiert mir öfter; hier einige Beispiele aus meinen Notizen, für die sich bislang keine Unterbringung in einem Text fand:
Duschvorhaut, Laberzirrhose, Besucherrotze, Abschaumhalde, Alterssteinzeit,
Fliegenleger, Stripvisite, Geburtstagsvorbereitungskurs, Kugelgroll, Leberhose,
Pharmaschinken, Kilofornien, organisatirisch, Feuchttraumdose.
(Das können Sie nicht sehen: Interessanterweise macht die Textverarbeitung unter einige dieser Wörter keine rote Strichellinie.) Falls Sie Verwendung für eins oder mehrere davon haben, bitte bedienen Sie sich.

Der Geliebte über Adam und Eva: „Den Apfel hätte ich auch genommen. Ich hätte nur anschließend die Schlange geköpft, damit sie das nicht weitererzählt.“

Sonntag: „Wie würdest du deinen Traumurlaub verbringen?“, wurde die Tage hier gefragt. Meine Antwort: In einem Liegestuhl irgendwo, wo es ruhig und warm ist, mit Blick auf Wasser oder eine schöne Landschaft, oder auf Wasser in schöner Landschaft, jedenfalls das Auge erfreuend beziehungsweise „oogstrelend“, wie der Niederländer sagt, wenn er an einem Kanal eine tulpenumtoste Windmühle in ruhiger Rotation vor sich hin mahlen sieht. Idealerweise an einem Ort, wo Weihnachten nur ein Wort ist wie „Oktoberfest“ auf Hallig Oland. Oder in Sankt Ulrich am Pillersee. Dazu ein Stapel Bücher und ein Notizbuch. 

Nah und fern

Jetzt bist du da,

bei mir ganz nah,

voll Wonne

wühl ich dir durchs Haar.

Doch sehe ich dich,

wie die Sterne,

manchmal

auch aus der Ferne gerne.

***

Hinweis: Vorstehende Zeilen haben keinerlei aktuellen Bezug zu einer tatsächlich existierenden Person. Sie kamen mir nur spontan in den Sinn, als eine hier wirklich nicht gemeinte Person einen Satz mit „Ferne“ und „gerne“ sagte.