Montag: Für eine Nacht von Sonntag auf Montag schlief ich sehr gut, was nicht selbstverständlich ist. Verhältnismäßig gut gelaunt radelte ich ins Werk, auch leichter Nieselregen und heute besonders viele rote Ampeln vermochten die Stimmung nicht zu trüben.
Bei Ankunft im Büro zeigte das Thermometer wie üblich in dieser kalten Zeit siebzehn Grad. Nachdem ich das bereits vor Wochen an den Hausservice gemeldet hatte und seitdem nichts passierte, habe ich mich damit abgefunden. Mit Fleecejacke ist es auszuhalten, andere haben gar keine Heizung, also nicht immer nur meckern. Doch siehe da: Vormittags erschienen zwei Herren, augenscheinlich ausgestattet mit Heiztechnikkompetenz, um die von mir beanstandete Heizung zu überprüfen. Dazu hielt jeder die Hand über einen der drei Heizkörper, dann nickten sie sich zu und sprachen in etwa so: „Dieser heizt.“ – „Dieser auch.“ Danach murmelte noch einer der beiden was von Zeiteinstellung, dann verschwanden sie wieder. Spontan stieg das Thermometer auf dem Schreibtisch um ein Grad und es fühlte sich sogleich wärmer an.
Nachmittags nahm ich an einer zweistündigen Teams-Besprechung teil, in der rund zehn Leute durcheinander redeten, gemeinsam am Bildschirm Kästchen ausfüllten und wild verschoben. Ich hielt mich mit Wortbeiträgen weitgehend zurück und beobachtete unterdessen die Sonnenschutz-Jalousien, die wie von fremder Hand gesteuert ungefähr im Fünfminutentakt auf- und ab fuhren. Das war mindestens so spannend wie die verschobenen Kästchen. „Shit in – shit out“ sagte einer, was als Tageslosung diesem insgesamt recht angenehmen Montag in keiner Weise gerecht würde.
(Redaktioneller Hinweis: Anscheinend hat WordPress heute Morgen keine Mails an die Abonnenten versandt, oder jedenfalls nicht an alle. Darauf machten mich drei Leserinnen, davon einer männlich, gleichwohl mitgedacht, aufmerksam, was mich insofern freut, als dass meine Quisquilien vermisst werden, wenn sie nicht pünktlich erscheinen.)
Dienstag: Morgens hatte sich aus nicht nachvollziehbaren Gründen der beliebte Karnevalsschlager „Leev Marie“ in meinen Hirnwindungen verfangen, der mich auf dem Weg ins Werk in unzähligen Strophen begleitete. Als ich dann auf dem Rhein auch noch ein Frachtschiff mit dem Namen „Marie“ sah, hatte ich Mühe, ein irres Auflachen zu unterdrücken. Im Laufe des Vormittags wechselte der Uhrwurm, wiederum völlig unerfindlich, zu „Der wilde, wilde Westen fängt gleich hinter Hamburg an“ von Truck Stop, was es nicht besser machte.
Erst kurz vor Ankunft ließ der innerhalb weniger Minuten errötende Himmel die Motivklingel meiner Kamera anschlagen
Auf dem Rückweg kehrte ich, inzwischen nicht mehr ohrwurmgeplagt, auf einen Pfefferminztee beim Rheinpavillon ein. Dort war es recht voll, fast ausschließlich Leute jüngeren Alters, so aus der Generation „Genau“ bzw. „Tatsächlich“. Von meinem Platz aus blickte ich auf die Universitätsbibliothek oberhalb des Rheinufers, wo man im hellerleuchteten Lesesaal Studierende beim Studieren besichtigen kann. Bemerkenswert, dass es im Zeitalter des Dataismus (das Wort schrieb der Duden heute bei Twitter) noch solche Einrichtungen gibt.
Aus einem Zeitungsbericht über die aktuelle Coronalage in China: »Ein genauer Blick auf die Daten legt nahe, dass die Spitze des Eisbergs bereits seit Wochen vorüber ist.« Qualitätsjournalismus vom Feinsten.
Mittwoch: Der Tagesvorschlag des Blogvermieters lautet, darüber zu schreiben, worüber ich mich am meisten beklage. Gerne. Lerne Klagen, ohne zu leiden. Nicht darüber, wie so viele heute, dass der Januar schon wieder vorüber ist; im Gegenteil, das finde ich eher erfreulich. Vielleicht nicht am häufigsten, aber jedenfalls oft nehme ich Anstoß am unnötigen, mitunter albernen Gebrauch englischer oder scheinenglischer Begriffe. Wie „Silent Cut“, was einen neuen Service bezeichnet, den manche Friseure neuerdings anbieten, zu entnehmen der Meldung, die mir Frau N. freundlicherweise zugesandt hat, vielen Dank dafür. Ein begrüßenswertes Angebot, wenngleich bei der Friseurin meines vollen Vertrauens unnötig: Nach spätestens zehn Minuten schweigen wir, sie geht konzentriert ihrem Handwerk nach und ich meinen Gedanken. Am Ende sind wir beide zufrieden, was will man mehr. Für eine Friseurin und gleichermaßen einen Friseur (ich mache da keinen Unterschied, insbesondere bemühe ich nicht das beliebte Klischee, Frauen neigten eher zum Geschwätz als Männer) ist es vermutlich auch mal angenehm, während der Arbeit nicht ständig anderer Leute Urlaubspläne, Krankheiten, Essgewohnheiten und Beziehungsprobleme erörtern zu müssen. Im selben Artikel ist das Wort „Logorrhö“ zu lesen, das Anwendung findet bei der Benennung des Zwangs zum ununterbrochenen Redeschwall. Mir fallen da spontan ein bis zwei Kollegen ein, auf die das zutrifft, ohne jedes Gespür dafür, ob ihr Gesprächsopfer gerade in Redelaune ist, was bei mir nur selten zutrifft.
Ein weiterer ständiger Ärgergrund sind Radfahrer (ich bin selbst einer), die meinen, sich an keinerlei Verkehrsregeln halten zu müssen, weil sie sich allein im öffentlichen Raum wähnen. Das gilt selbstverständlich und besonders auch für Autofahrer, sehr lesenswert geschildert hier von Volker König, worauf ich durch Herrn Buddenbohms Blogschau aufmerksam wurde.
Nach so viel Klage was Erheiterndes, gehört in einer Besprechung am Abend, als Umschreibung für Überflüssiges: „Das ist Schmuck am Nachthemd“.
Der Geliebte hat seine Vorliebe für Obst entdeckt. Er isst nun Orangen, die der Liebste über einen Versandhändler bezogen hat, vorzügliche Früchte, die sich gut pellen und zerteilen lassen, ohne dass man sich nach dem Verzehr neu einkleiden und duschen muss; Äpfel, die er selbst besorgt hat (bis vor kurzem wurde ich noch beschimpft, wenn ich für mich welche vom Rewe mitbrachte) und heute zum Abendessen eine Birne. Er erstaunt mich immer wieder. Wenn er demnächst vorübergehend Veganer wird, würde mich das nicht überraschen.
Donnerstag: Man soll nicht alles glauben. Zum Beispiel wenn die Wetter-App morgens ein größeres, länger verweilendes Regengebiet über Bonn und der Region anzeigt. Das erwies sich bei Verlassen des Hauses als gar nicht bedauerlicher Irrtum, daher kam ich trocken ins Werk.
Mittags in der Kantine gab es Erbseneintopf mit einer Bockwurst, dazu wurde etwas alttrockenes Brot gereicht, was die bei mir durch Erbseneintopf regelmäßig ausgelösten Glücksgefühle nur geringfügig minderte. Hätte es als Dessert auch noch Wackelpudding gegeben … man kann und muss nicht alles haben.
Heute endet die Maskenpflicht auch in Fernzügen, damit kann die Corona-Pandemie nach drei Jahren wohl vorerst als beendet betrachtet werden. Dennoch waren auch heute noch Maskierte in der Kantine und auf der Straße zu sehen, wogegen nichts einzuwenden ist. (Ja ich weiß, richtig zu Ende ist es längst nicht, vielleicht auch in drei Jahren noch nicht.) Hoffentlich zum letzten Mal aktualisierte ich daher meine persönliche Corona-Chronik. Hätte man uns Anfang 2020 in Aussicht, dass es so lange dauern würde, wären wir wohl wahnsinnig geworden. Also noch mehr als ohnehin.
Ein gewohnter Anblick der letzten drei Jahre, von dem wir uns nun hoffentlich verabschieden dürfen
»Lieber Carsten K., sind Sie eher eine Spezialistin oder Allrounderin?«, werde ich in einem – *hüstel* – Newsletter (hierfür kenne ich keinen adäquaten deutschen Begriff, „elektronischer Rundbrief“ erscheint selbst mir gestelzt) gefragt. Eine Frage, die meiner Abneigung gegen das generische Femininum eher Dünger ist.
Freitag: Die Arbeitswoche endete angenehm ohne nennenswerte Ereignisse und Imponderabilialen, mit Fisch zu Mittag, wie es sich für einen Freitag gehört.
Um die Frage von gestern im korrekten Genus zu beantworten: Ich bin Spezialist, laut Stellenbeschreibung sogar Senior Specialist. Bitte fragen Sie mich nicht, was genau ich mache, ich weiß es zwar meistens, doch es ist schwer zu erklären und außerdem unspektakulär, aber gut bezahlt. — Wenn Sie immer schon wissen wollten, was ein Human Identity Brand Synergist beruflich macht, werden Sie es hier zwar nicht erfahren, dennoch empfehle ich es zu lesen.
Sehr lesenswert und zu vorstehendem durchaus passend ist auch wieder die Wochenkolumne von Kurt Kister, hier ein Auszug:
»Da liest man dann, man tage „in Präsenz in externen Locations“. Auf Deutsch heißt das, dass man sich in München trifft, aber nicht im Bürohaus. […] Dafür unterschreiben sie heute, locker wie das 21. Jahrhundert ist, so eine Einladung mit „Christian, Herbert, Karli und Dominik“. Wenn ich das lese, denke ich nicht an eine Geschäftsführung, sondern an eine Volksmusikgruppe, die aus religiösen Gründen keine Frauen aufnimmt. […] Wer im Februar ’23 nicht jeden und jede duzt, muss eine Abmahnung befürchten. […] Man sagt: „Ganz okay, danke.“ Oder: „Alles gut.“ „Alles gut“ ist eine jener sprachparasitischen Floskeln, die man dauernd hört, weil niemand darüber nachdenkt, dass nie alles gut ist. […] „Alles gut“ ist längst nur noch ein Geräusch, das anzeigen soll, dass man den anderen wahrgenommen hat. Man könnte auch genauso aussagekräftig „Krawutz“ sagen. […] In besonders woken Firmen heißen die Personalabteilungen übrigens jetzt People & Culture oder People Empowerment.«
Um einen Tag verfrüht erreichte mich heute eine Postkarte, deren Text ich aufgrund der Kürze mir hier wiederzugeben erlaube:
»Alles Gute zum Geburtstag wünscht Ihnen eine ehemalige Kollegin, die mit Ihnen in vielen Projekten zusammengearbeitet hat. Vielleicht erraten Sie wer das war. Viele Grüße von der Ex-Mitarbeiterin.«
Nun rätsele ich, von wem die Karte ist, abgestempelt im Briefzentrum Darmstadt. Vielleicht liest die Absenderin hier regelmäßig mit und will mich mit dem Siezen hinter die Fichte führen. Dann hätte ich einen vagen Verdacht.
Samstag: Nochmals herzlichen Dank für alle Gratulationen, die mich heute persönlich, fernmündlich und (elektro-)schriftlich erreichten.
Und für den wunderbaren Kuchen, liebe M.!
Gleichsam eine saisonale Maskenpflicht herrscht ja stets zur Karnevalszeit. Die derzeitige Diskussion darüber, wie man sich verkleiden darf (oder als was mangeht), geht mir auf den Geist, wobei Geist als Kostüm wohl auch von den Wokesten kaum zu beanstanden wäre; aber wer weiß, wer dadurch nun wieder beleidigt wird, vielleicht der Papst als Hüter des heiligen Geistes, was weiß ich. Liebe Güte, wenn Kinder sich als Indianer verkleiden wollen, lasst sie doch. Sie werden das nicht in der Absicht tun, die amerikanischen Ureinwohner zu verunglimpfen. Wenn Sie unsicher sind bezüglich der moralischen Unbedenklichkeit Ihres Kostümes, finden Sie künftig hier Beratung.
Sonntag: Aus gegebenem Anlass blieben wir etwas länger im Bett. Nach spätem Frühstück las ich in der Sonntagszeitung unter anderem über das Aussterben des Sie und über die sogenannte Generation Z, die es überhaupt nicht mehr einsieht, der Erwerbsarbeit alles andere unterzuordnen, wofür sie mein volles Verständnis findet.
Am frühen Nachmittag hielt mich das trübe Wetter nicht vom Spaziergang durch die Nordstadt und an den Rhein ab. Der Regen hatte bis auf leichten Restniesel nachgelassen, daher kam der schöne große Regenschirm, den mir meine Lieben gestern auf den Gabentisch gelegt hatten, nicht zum Einsatz. Vor mir ging ein junges Paar, beide während des Gehens ununterbrochen den Blick auf ihre Datengeräte gerichtet, bis sich unsere Wege trennten. Etwa eine Viertelstunde später begegneten mir die beiden wieder, immer noch aufs Display schauend. Generation Digitalsklaven.
Mein Weg führte vorbei am Bundesinstitut für Sportwissenschaft. Womit und in welcher Personalstärke betreibt man dort wohl die Vergeudung von Steuergeldern?
»FUCHS&RABE« hat jemand in großen Buchstaben an eine Mauer am Rheinufer gesprüht. Dazu fällt mir jetzt auch nichts mehr ein.
Vorbemerkung: Dies ist meine persönliche Chronik der Corona-Pandemie, die ich Anfang April 2020 zu schreibenbegonnen habe, so wie viele es bereits getan haben oder immer noch tun. Daher empfehle ich Ihnen nicht unbedingt, es zu lesen, Sie werden nicht sehr viel Neues darin finden, das Sie nicht – vielleicht besser – schon in anderen Blogs und Artikeln gelesen oder selbst geschrieben haben, außerdem ist es sehr lang geraten. Weiterhin ist es nur ein Zwischenstand, die Seuche ist ja noch längst nicht vorüber. Aber auch eine Idee für einen Thriller, falls Sie sowas mögen. (Wenn nicht, sollten Sie ab dem Bild mit den blühenden Kastanien nicht weiterlesen.)
Im Laufe der Zeit wurde der Text immer wieder an die aktuellen Entwicklungen angepasst. Im Übrigen wäre dieses Blog, das ja dazu dient, den alltäglichen Wahnsinn zu dokumentieren, ohne eine Chronik dieser ungewöhnlichen Zeit unvollständig. Falls es in zehn oder zwanzig Jahren mal jemand lesen sollte, sofern es dann das Blog noch gibt, und jemanden, der es lesen will und kann.
(Hoffentlich letzte Aktualisierung: 2. Februar 2023)
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Als es um den Jahreswechsel 2019/2020 herum hieß, in China sei eine neuartige, rätselhafte Lungenkrankheit ausgebrochen, die zu Todesfällen führt und sich schnell ausbreitet, da war das ungefähr so weit weg wie der Sack Reis, der in China immer wieder mal umfällt. Millionenstädte wurden abgeriegelt, Reisen untersagt, was nur in einem totalitären Staat wie eben China denkbar schien. Die Fernsehbilder von zahlreichen Baggern, die sich scheinbar unkoordiniert auf einer durchwühlten Fläche drehten, angeblich, um innerhalb weniger Tage ein Notkrankenhaus zu errichten, tat ich zunächst als Propaganda der Regierung ab, um der Welt zu zeigen: Wir tun was, haben die Sache im Griff. Dann wurde klar: Die bauen wirklich ein Krankenhaus, nicht nur eins. Die Sache war offenbar ernst.
Kurz darauf wurde vor Reisen nach China, vor allem in die betroffenen Gebiete, offiziell gewarnt. Die menschliche Rationalität erfuhr erste Aussetzer, wie so oft, wenn Unheil droht, wenn auch zunächst diffus und unbestimmbar: Menschen aus China, egal aus welcher Region, Menschen mit asiatischer Physiognomie, egal woher, wurden plötzlich angefeindet und diskriminiert.
Bei uns, wie auch sonst überall außerhalb Chinas, ging das Leben unterdessen seinen gewohnten Gang: Wir fuhren zur Arbeit, auf den Autobahnen die täglichen Staus, wir konsumierten, reisten, machten Kreuzfahrten, feierten Karneval, Partys, spielten und schauten Fußball, machten Skiurlaub, natürlich mit Apres Ski. Die Kalender waren voll mit Terminen, privat wie beruflich: geplante Urlaube, Wochenendausflüge, Dienstreisen. Politiker beschimpften sich wie üblich, die Wirtschaft wuchs, weil Wachstum wichtig ist, Menschen wurden wegen ihres Glaubens, ihrer Hautfarbe oder aus anderen Gründen getötet oder in die Flucht getrieben; der ganz normale Wahnsinn.
Dann kam das Virus näher: Norditalien, Spanien, Österreich, Frankreich. Menschen erkrankten, manche schwer, einige starben. Man relativierte: Schließlich starben jährlich Tausende an der Grippe, im Straßenverkehr und an den Folgen des Rauchens und von Alkohol, da würde es schon nicht so schlimm sein. Dennoch waren Corona und Covid-19 nun jedermann ein Begriff. Es erinnerte an vergangene Epidemien wie Schweinegrippe, Sars, H1N1, EHEC, und wie sie alle hießen, längst vergessen, wann war das nochmal gewesen … Damals hatte es auch geheißen: Husten und Niesen nur in die Armbeuge, Hände möglichst gründlich waschen. Auf Toiletten hingen nun wieder bebilderte Anleitungen zum korrekten Händewaschen. Das ganze hatte etwas von einem Thriller, wie „Der Schwarm“ von Frank Schätzling: Man liest es mit einer Art angenehmem Schauder, ist aber selbst nicht betroffen, weil entweder Fiktion oder weit weg.
Aber so weit weg war es nicht mehr, die ersten Fälle nun auch in Deutschland. In Nordrhein-Westfalen, Kreis Heinsberg, das war nun wirklich nah! Jetzt wurden nicht nur Menschen mit asiatischem Aussehen angefeindet, sondern auch die mit „HS“ als Kfz-Kennzeichen, wenn sie sich über ihre Kreisgrenze wagten. Unterdessen die ersten Einschränkungen des öffentlichen und geschäftlichen Lebens in Italien, Spanien, Österreich und Frankreich, um die weitere Verbreitung des Virus aufzuhalten oder wenigstens zu verlangsamen. Menschen durften sich dort nicht mehr frei bewegen, Geschäfte, die nicht lebensnotwendig waren, mussten schließen, bald auch Kneipen und Restaurants. Krankenhäuser waren überfüllt, Ärzte und Personal an ihren Grenzen. Nicht mehr allen Erkrankten konnte geholfen werden, viele starben, vor allem Alte mit Vorerkrankungen, aber bei Weitem nicht nur die. Drohte uns das bald auch in Deutschland?
Bei uns wurden zunächst Veranstaltungen ab tausend Personen untersagt, kleinere blieben erlaubt; allenfalls wurde empfohlen, darauf zu verzichten. Auch wir fragten uns: Sollten wir wirklich noch zur Feier des sechzigsten Geburtstags des Schwagers nach Bünde fahren? Wir fuhren, es war vorläufig unsere letzte Reise und die letzte größere Ansammlung von Menschen, deren Teil wir waren. Es ging gut, und doch fühlte es sich falsch an, verboten. Das Hotel, in dem wir übernachtet hatten, musste kurz darauf für privat Reisende schließen, wie alle Hotels. In Bünde sah ich erstmals leergekaufte Supermarktregale. Der Thriller wurde realer.
Im Marktkauf zu Bünde/Westfalen
Die menschliche Vernunft ging weiter zurück: Viele hielten sich nicht an die Kontaktbeschränkungen, manche feierten sogar „Corona-Partys“. Und sie kauften Unmengen Toilettenpapier, als hinge ihr Leben davon ab; wochenlang war es Glückssache, noch eine Packung zu erstehen. Außerdem Nudeln und Mehl, warum ausgerechnet Mehl, was machten sie damit? Dabei gab es keine Engpässe in der Versorgung, wie Handel und Politiker nicht müde wurden zu betonen, es war grundsätzlich genug von allem für alle da. Oder wäre gewesen, wenn jeder nur so viel gekauft hätte, wie er benötigte. Der Konjunktiv bekam Konjunktur in diesem Jahr. Das, was wir „zivilisiertes Verhalten“ nennen, erwies sich als ein dünner Faden, der schnell reißt, sobald wir glauben, die Kontrolle zu verlieren, uns übervorteilt oder bedroht fühlen oder schlicht Angst haben.
Ein wenig erinnerte mich die Situation an 1986, als aus Tschernobyl die radioaktive Wolke zu uns kam und wir sehr verunsichert waren wegen dieser unsichtbaren Gefahr, ängstlich unter das nächste Dach liefen, sobald ein paar Regentropfen fielen, kein Wild und keine Waldpilze mehr aßen. Und doch war ich jetzt guter Hoffnung, es würde mich und mir nahestehende Personen nicht treffen. Allein von den Fallzahlen her war die Wahrscheinlichkeit einer Infektion mit schwerem Krankheitsverlauf gering. Noch.
Die Woche darauf verkündete die Bundeskanzlerin erst in einer Pressekonferenz, dann in einer Ansprache ans Volk weitreichende Einschränkungen auch bei uns: Keine Veranstaltungen, keine unnötigen Reisen wie Urlaub, keine Restaurantbesuche, die Wohnung nur noch verlassen, wenn es unvermeidbar ist, wie zur Arbeit oder zum Einkaufen; grundsätzlich maximal zu zweit und mit mindestens eineinhalb Meter Abstand zueinander. Abstand wurde zu einem der meist gebrauchten Wörter des Jahres. Viele Geschäfte mussten nun auch in Deutschland schließen, zudem alle Kneipen, Bars, Theater, Museen, Friseure, Universitäten und Schulen. Keine Konzerte, Gottesdienste, Sportveranstaltungen, sogar die Fußball-Europameisterschaft und Bundesliga wurden abgesagt. Kurz: Alles, wo Menschen zusammenkamen aus nicht lebenswichtigen Gründen. Die meisten Grenzen zu den Nachbarländern wurden geschlossen und Mecklenburg-Vorpommern ließ niemanden aus anderen Bundesländern mehr rein. Der Stillstand bekam einen eigenen Namen, nein zwei: wahlweise „Lockdown“ oder „Shutdown“. Irgendwer fing damit an, bald plapperten es alle nach.
Bonn-Castell
Viele Firmen ordneten, soweit möglich, Heimarbeit an, oder sie stellten den Geschäftsbetrieb ganz ein, wie die großen Autohersteller. Ich selbst wollte und durfte weiterhin ins Büro fahren, fuhr nur noch mit dem Fahrrad dorthin, auch bei Regen und Kälte. Die Stadtbahn mied ich, obwohl die Bahnen anfangs fast leer durch die Gegend fuhren, sicher ist sicher. Ich war froh, noch ins Büro zu dürfen, obwohl ich ebenfalls zu Hause hätte arbeiten können. Es gab meinen Tagen Struktur und die mir wichtige Trennung Arbeit – Privat blieb erhalten. Der Autoverkehr auf den Straßen ging drastisch zurück, die Staumeldungen im Radio fielen ungewohnt kurz aus.
Die Reise- und Tourismusbranche kam fast zum Erliegen, die meisten Flugzeuge blieben am Boden, Kreuzfahrtschiffe lagen fest. Die Natur konnte ein wenig aufatmen. Wie mochte es jetzt in Playa del Ingles auf Gran Canaria sein, wo wir früher so oft waren, einem Ort, der fast ausschließlich aus Hotels und Ferienappartements und einer rein auf den Tourismus ausgelegten Infrastruktur bestand? Gespenstisch leer vermutlich, vor allem nachts.
Ich fragte mich, wie lange die Bevölkerung noch ruhig und zu Hause blieb, den Empfehlungen der Regierung folgte, die beschlossenen und verkündeten Maßnahmen und Einschränkungen akzeptierte. Kam es irgendwann zu Unruhen, Gewalt, Plünderungen? Die Menschen bereiteten mir viel mehr Sorgen als das Virus. Wie lange war die Versorgung mit Lebensmitteln sichergestellt? Hielten die Menschen in den sogenannten „systemrelevanten“ Berufen – Ärzte, Polizisten, Verkäufer, Zusteller, Feuerwehr und andere – noch lange durch? Was passierte, wenn nicht?
Anfang April lebten wir seit drei Wochen im Ausnahmezustand, der mit großer Wahrscheinlichkeit noch einige Wochen anhalten würde, auch wenn die Stimmen nicht nur aus der Wirtschaft laut wurden, dass wir das nicht mehr lange durchhielten. Aber was war die Alternative? Die Zahl der Infektionen stieg weiter, fast 100.000 Fälle und 1.500 Tote, aber immerhin auch 26.000 Genesene in Deutschland; über letztere wurde in den Medien wenig berichtet.
Persönlich empfand ich mich nur wenig eingeschränkt, vielmehr konnte ich der Situation auch durchaus Gutes abgewinnen: In absehbarer Zeit gab es keine Dienstreisen, fast alle privaten Verpflichtungen waren ausgesetzt oder ganz gestrichen. Ich musste abends nicht mehr raus zu Vereinsaktivitäten, die mir schon vor der Pandemie zunehmend lästig geworden waren. Früher waren freie Wochenenden ohne Termine ein Geschenk, nun wurden sie zur Regel. Ich durfte weiterhin spazieren gehen und war gewissermaßen gezwungen, regelmäßig Fahrrad zu fahren. Und ich habe keine Kinder, die ich nun den ganzen Tag bespaßen und beschulen musste, weil sie nicht zur Schule gehen konnten. („Homeschooling“ ist auch eins dieser unsäglichen, nachgeplapperten Wörter, die dieses Jahr hervorgebracht hat.) Ich glaube, wenn ich Kinder hätte, käme ich nachts nicht in den Schlaf aus Sorge um deren Zukunft, auch wenn diese Seuche irgendwann vorüber sein sollte; andere Krisen, allen voran der Klimawandel, gehen weiter.
Natürlich gab es einiges, was ich vermisste: Die Woche Urlaub in Südfrankreich nach Ostern. Die gebuchte Schifffahrt zu „Rhein in Flammen“ Anfang Mai. Restaurantbesuche. Mit Freunden ins Ahrtal fahren, mit anschließender (W)Einkehr. Aber was waren das für Probleme, verglichen mit denen Anderer? Die infiziert oder erkrankt waren. Die bereits Angehörige verloren hatten. Die ihre Lieben im Krankenhaus oder Pflegeheim nicht besuchen durften. Die sich Sorgen um ihre berufliche Zukunft machen mussten. Die irgendwo in einem fernen Land oder auf einem Kreuzfahrtschiff festsaßen und nicht nach Hause konnten. Die in einem Flüchtlingslager lebten. Obdachlose. Nein, uns ging es gut, es fehlte an nichts.
Die Maßnahmen wirkten: Die Zahl der Neuinfektionen ging zurück, im Mai wurden die Einschränkungen teilweise aufgehoben. („Lockerungen“ wurde ein weiteres Wort des Jahres.) Läden, Restaurants, Friseure, Schulen und Kirchen öffneten wieder, unter strengen Auflagen: Sie durften nur mit Mund-Nasen-Schutzmaske betreten werden, deren Wirksamkeit noch wenige Wochen zuvor bei Politikern und Wissenschaftlern umstritten war, was vielleicht auch daran lag, dass es anfangs nicht genug Masken für alle gab. Nun gab es sie in rauen Mengen, von einfachen Einwegmasken bis hin zu modischen Designerstücken mit lustigen Motiven. Beim Betreten der Läden musste man sich die Hände desinfizieren, in Restaurants Namen und Kontaktdaten hinterlassen, zur „Kontaktpersonennachverfolgung“, eine weitere Wortgeburt dieses Jahres. Wir durften also wieder raus, Leute treffen, in die Büros, mit Einschränkungen reisen. Auch Fußballspiele vor reduziertem Publikum waren wieder möglich. Die „neue Normalität“ wurde ausgerufen. Man fuhr und flog wieder in den Urlaub, nach Mallorca, Italien, in die Türkei – die meisten jedoch blieben im Inland. Nord- und Ostseeküste erlebten einen Andrang wie lange nicht mehr.
In der Bevölkerung regte sich Widerstand gegen die angeordneten Maßnahmen, die weiterhin Bestand hatten, allen voran die Maskenpflicht. Das reichte von „ist doch nicht viel schlimmer als eine Erkältung“ bis hin zu absurden Verschwörungstheorien, wonach das Virus nur eine ausgedachte Gefahr war, um das Volk zu versklaven. In Berlin, Stuttgart und anderen Städten gingen die Leute deswegen auf die Straßen, Regenbogenfahnen marschierten neben Reichskriegsflaggen.
Adenauer an der gleichnamigen Allee
Der Sommer wurde heiß, viele junge Leute pfiffen weiterhin auf die Regelungen und Abstand, trafen sich, da Diskos und Clubs geschlossen waren, in Parks, auf Plätzen, am Rheinufer; tranken, feierten, sahen es überhaupt nicht ein, sich einschränken zu lassen. Mehrfach löste die Polizei Ansammlungen auf, was häufig auf Widerstand stieß und immer wieder Gewalt auslöste.
Einige Staatspräsidenten verharmlosten die Gefahr und weigerten sich, Masken zu tragen, gerade solche mit besonders hohen Infektionszahlen in ihrem Land, etwa Brasilien, Großbritannien, die USA oder Weißrussland. Folgerichtig fingen sie sich selbst das Virus ein, wobei nur Boris Johnson, der britische Premierminister, nennenswerte Symptome aufwies, während die anderen – Trump, Bolsonaro, Lukaschenko -, glimpflich davonkamen und hinterher umso überzeugter verkündeten, das Virus sei ungefährlich, obwohl bereits Tausende aus ihrer Bevölkerung daran gestorben waren.
Die meisten jedoch waren vernünftig und hielten sich an die Einschränkungen. Aber was nützte das alles, solange es keine Impfung und kein Medikament gab? Wahrscheinlich müssten wir bestimmte Vorsichtsmaßnahmen noch lange Zeit beibehalten: Hände häufig waschen, keine Umarmungen und Küsschen zur Begrüßung, keine Hände schütteln, Abstand halten. Immerhin: Wenn Händeschütteln durch diese Krise dauerhaft abgeschafft würde, hätte sie wenigstens etwas Gutes bewirkt.
Große Veranstaltungen wurden abgesagt: das Oktoberfest in München, die Karnevals-Session, Weihnachtsmärkte. Dennoch galt es, einen weiteren Stillstand um jeden Preis zu vermeiden, weil man befürchtete, große Teile der Wirtschaft würden den nicht überstehen.
Im Herbst, nach Rückkehr der Urlauber, stiegen die Infektionszahlen wieder an. Zunächst langsam, bald rasant. Fast alle angrenzenden Länder wurden zu Risikogebieten erklärt, wer dorthin reiste, musste hinterher einen negativen Corona-Test vorweisen oder sich in Quarantäne begeben. Einige Länder verschärften die Maßnahmen wieder drastisch, verhängten Ausgangssperren. Auch immer mehr Regionen in Deutschland waren betroffen. Die Bundeskanzlerin beriet sich mit den Ministerpräsidenten der Länder, was zu tun sei, doch es gelang zunächst nicht, sich auf einheitliche Regelungen zu einigen. Die Maskenpflicht wurde verschärft, auch draußen sind seitdem Mund und Nase zu bedecken überall dort, wo viele Menschen sind, vor allem in Fußgängerzonen. Als Brillenträger läuft man nun noch häufiger im Nebel herum. Für die Gastronomie wurde die Sperrstunde eingeführt. Immerhin gab es noch Gastronomie.
Zum November einigten sich Bund und Länder auf neue Beschränkungen, nicht ganz so drastisch wie im Frühjahr: Befristet für zunächst vier Wochen mussten Gaststätten wieder schließen, Veranstaltungen wurden untersagt, maximal fünf Personen aus unterschiedlichen Haushalten durften sich öffentlich treffen. Immerhin gab es keine Ausgangssperren wie in anderen Ländern, zum Beispiel Frankreich. Geschäfte und Schulen blieben geöffnet, der Profisport durfte ohne Zuschauer weiter betrieben werden, vermutlich ließ sich damit auch so noch genug Geld verdienen.
Es gab Hoffnung: Im November meldeten mehrere Unternehmen, einen wirksamen Impfstoff entwickelt zu haben. Doch der musste erstmal zugelassen, in erforderlicher Anzahl hergestellt und verteilt werden.
Die Neuinfektionen gingen unterdessen nicht zurück, täglich meldete das Robert-Koch-Institut eine fünfstellige Zahl an neu Infizierten, auch die Zahl der „an oder mit“ Corona Gestorbenen stieg an. Daher einigten sich Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten auf eine Verlängerung der Maßnahmen, erst bis Ende Dezember (das Weihnachtsgeschäft!), dann bis Anfang Januar; über Weihnachten und Silvester sollte es leichte Lockerungen geben, statt fünf sollten sich vorübergehend zehn Personen treffen dürfen. Einige Städte verhängten nächtliche Ausgangssperren. Die Verrückten demonstrierten unterdessen weiter und faselten von „Diktatur“.
Anfang Dezember mahnten führende Wissenschaftler dringend weitere Beschränkungen an. Gleichzeitig wurden in Großbritannien die ersten Menschen geimpft, was zu Diskussionen und Unverständnis führte, da die EU sich mit der Zulassung noch etwas Zeit ließ; erst nach Weihnachten sollten auch hier die ersten Spritzen gesetzt werden. Unterdessen wurden aufgrund der weiter steigenden Infektionszahlen die Maßnahmen weiter verschärft. Über die Weihnachtstage gab es nur noch geringfügige Lockerungen, die derart kompliziert formuliert waren, dass sie keiner verstand, zu Silvester wurden Ansammlungen in der Öffentlichkeit und der Verkauf von Feuerwerk untersagt.
Die früheren Impfungen nützten den Briten zunächst wenig: Eine Woche vor Weihnachten trat eine neue Variante des Virus auf, die bis zu siebzig Prozent ansteckender sein sollte, nach ersten Erkenntnissen jedoch weder zu schwereren Krankheitsverläufen noch einer erhöhten Sterblichkeit führte. Zur Sicherheit stellten zahlreiche europäische Länder vorübergehend den gesamten Reise- und Frachtverkehr mit Großbritannien ein; kurz darauf stauten sich tausende von LKWs vor Dover. Konsumfreude kollidierte mit Naturgewalt.
Kurz vor dem nächsten Jahreswechsel freuten sich viele, weil dieses schlimme Jahr vorüber ging, obwohl das Ende des vorläufigen Dauerzustandes noch lange nicht absehbar ist. Weiterhin meldet das Robert-Koch-Institut für Deutschland täglich Neuinfektionen in fünfstelliger Zahl. Weltweit hatten sich fast 83 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert, über 1,8 Millionen davon sind gestorben. Deutschland stand mit rund 1,7 Millionen Infizierten und dreiunddreißigtausend Toten noch vergleichsweise gut da. Einige klagten vor Gericht, weil sie zu Silvester keine Raketen abfeuern durften und bekamen sogar Recht, weil die Richter keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Feuerwerk, Infektions- und erhöhter Knallkörperverletzungsgefahr sahen.
Immerhin: Der Stuttgarter Initiator der zweifelhaften Bewegung, die sich selbst als „Querdenker“ bezeichnet, hatte angekündigt, bis auf weiteres auf Demonstrationen zu verzichten. Die LKW, die sich vor Weihnachten in England stauten, durften ihre Fahrt fortsetzen. Und in Europa sind die Impfungen angelaufen, als erstes alte Menschen in Pflegeheimen und medizinisches Personal; in den Nachrichtensendungen wird ungefähr alle zwei Minuten eine Nadel in einen Oberarm getrieben.
Schon kurz nach Weihnachten wurden Zweifel laut, dass die Beschränkungen wie geplant nach dem 10. Januar teilweise zurückgenommen werden können. Anfang Januar trafen sich wieder Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten und sie beschlossen, die Maßnahmen bis Ende Januar zu verlängern, mehr noch: Nun durften wir uns nur noch mit einer haushaltsfremden Person treffen und man erwog, den Bewegungsradius von Menschen in besonders stark betroffenen Gebieten auf einen Umkreis von fünfzehn Kilometer um den Wohnort zu beschränken. Das wurde heftig kritisiert, da weder klar war, ob mit Wohnort die konkrete Adresse des Einzelnen oder die Gemeinde-/Stadtgrenzen gemeint waren, noch wie das durchzusetzen und zu kontrollieren sei. Heftig kritisiert wurde auch der Gesundheitsminister, weil die Impfungen wegen zu wenig Impfstoff nur schleppend anliefen. Unterdessen starben in Deutschland täglich mehr als tausend Menschen wegen Corona.
Da im Laufe des Februars die Zahlen sanken, wurden Lockerungen ab Anfang März beschlossen, die kaum einer richtig verstand, mit „Notbremse“ bei schlechter Entwicklung. Friseure durften wieder Haare schneiden (was für manche Menschen scheinbar wichtiger war als Lebensmittel und Klopapier), Einzelhändler durften wieder ihre Läden öffnen, allerdings nur nach Terminvereinbarung, wofür das nächste Wortungetüm „Click & Meet“ geschaffen wurde. Gegen jede Vernunft und ohne ausreichende Testmöglichkeiten wurden Schüler wieder zum Präsenzunterricht einberufen. Unterdessen lief das Impfen weiterhin sehr schleppend; während andere Länder wie Israel, sogar Amerika und England schon sehr weit waren und unter anderem Außengastronomie ermöglichten, stritt man in Deutschland darüber, wer wann wen wo und womit impfen durfte. Vor allem fehlte es nach wie vor an ausreichend Impfstoff. Hinzu kam ein Skandal, weil mehrere CDU-Abgeordnete im vergangenen Jahr in unlautere Geschäfte mit Schutzmasken verstrickt waren, die sie ihr Mandat und die Partei erhebliche Stimmen bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz kosteten.
Während Urlaubsreisen im Inland weiterhin nicht möglich waren, galt Mallorca nicht mehr als Risikogebiet, woraufhin sich Tausende auf den Weg dorthin machten, trotz Maskenpflicht und ab dem frühen Abend geschlossenen Kneipen und Restaurants. Hauptsache mal raus. Die Festland-Spanier durften ihre Städte und Regionen unterdessen weiterhin nicht verlassen.
Wenig überraschend stieg die Zahl der Neuinfektionen im März wieder stark an, vor allem auch wegen der neuen Virus-Varianten. Daher zogen Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten Mitte März die Notbremse, die sie nach heftiger Kritik aus der Wirtschaft bereits zwei Tage später wieder etwas lockern mussten. Erstmals in der Geschichte äußerten sie unverblümt Selbstkritik und baten für ihre Fehlentscheidung um Entschuldigung. Das Vertrauen der Bevölkerung in die Politiker war schwer beschädigt und niemand wusste mehr genau, was noch erlaubt war und was nicht.
Deshalb wurde Ende April das Bundesinfektionsschutzgesetz angepasst, wieder war ein neues Wort geboren: die „Bundesnotbremse“. Unter anderem galt nun einheitlich für Städte und Kreise mit einem Inzidenzwert über 100 Infizierte je 100.000 Einwohner (somit fast alle) eine nächtliche Ausgangssperre zwischen 22 und 5 Uhr, wobei spazieren und laufen auch noch bis 24 Uhr erlaubt war. Die meisten Geschäfte durften Waren nur noch zur Abholung anbieten, andere wie Friseure durften nur mit einem tagesaktuellen negativen Testergebnis betreten werden. Arbeitnehmer waren grundsätzlich zur Heimarbeit verpflichtet, wenn es die Tätigkeit zuließ.
Unterdessen breitete sich in Indien nach religiös-rituellen Massenbädern im Ganges eine neue Variante aus, die täglich zu tausenden Neuinfektionen und Toten führte. Das Gesundheitssystem kollabierte, man kam kaum noch hinterher, die Leichen zu verbrennen.
Bei uns hingegen zeigte die „Bundesnotbremse“ Wirkung – die Zahl der Neuinfektionen ging zurück, zunächst nur langsam, dann deutlich. Gleichzeitig stieg die Zahl der Geimpften, zumal neben den Impfzentren auch Haus- und Betriebsärzte endlich impfen durften. Läden und Außengastronomie öffneten wieder, vorläufig durften sie nur mit einem aktuellen negativen Testergebnis betreten werden. Deshalb öffnete an jeder zweiten Straßenecke eine Teststation, offenbar ein einträgliches Geschäft, was manche Betreiber motivierte, es mit der Zahl der gemeldeten Tests nicht allzu genau zu nehmen und großzügig aufzurunden.
Mit weiter sinkenden Zahlen entfiel die Testpflicht für Geschäfte und Gastronomie, im Freien mussten keine Schutzmasken mehr getragen werden – einige taten es erstaunlicherweise dennoch weiterhin. Arbeitnehmer durften wieder in die Büros zurückkehren, viele arbeiteten dennoch lieber weiterhin zu Hause, wenn ihre Chefs sie ließen. Und man fuhr und flog wieder in den Urlaub in andere Länder. Fast fühlte es sich wieder „normal“ an, was immer mehr Leute dazu brachte, ihren zweiten Impftermin nicht wahrzunehmen; an manchen Tagen war bei den Impfstellen mehr Impfstoff vorhanden als Impfwillige. Ein neuer Begriff war geboren: „Impfschwänzer“.
Anders entwickelten sich die Zahlen in anderen Ländern, etwa England und Portugal, wo sich die hochansteckende indische Variante, inzwischen umbenannt in „Delta“, um die Inder nicht zu diskreditieren, schnell ausbreitete. Das hielt die UEFA nicht davon ab, die im letzten Jahr verschobene Europameisterschaft nachzuholen, vor Publikum in teilweise voll besetzten Stadien. Fußballfans ohne Masken jubelten und fielen sich in die Arme, zogen später in Feierlaune durch die Städte. Immerhin, dank der Impfungen stieg die Zahl der schweren Erkrankungen und Todesfälle nicht stark an.
Für den Herbst rechnete man indessen fest mit einer vierten Welle. Zu recht: Dank Delta rollte sie bereits ab August über uns hinweg. So richtig schien das trotz stark ansteigender Neuinfektionen vor allem bei jüngeren Menschen niemanden mehr zu kratzen; von möglichen Einschränkungen sprach kurz vor der Bundestagswahl niemand, für die sogenannten „3G“ (Genesene, Geimpfte und Getestete) standen wieder alle Türen offen, was Unmut bei den Impfunwilligen erzeugte. Die Zahl der schweren Krankheitsverläufe und Todesfälle stieg weiterhin nur moderat.
Rheinauenpark
Unterdessen wurde darüber gestritten, ob Arbeitgeber zur Planung von Präventionsmaßnahmen bei ihren Mitarbeitern den Impfstatus erfragen dürfen. Laut Gegnern verstieß diese Frage gegen die persönliche Selbstbestimmung und sie könnte die weit befürchtete „Impfpflicht durch die Hintertür“ fördern.
Das änderte sich, als im November die Zahlen dramatisch anstiegen. Während am Elften im Elften Fernsehbilder von Straßen und Plätzen voller bunt kostümierter Narren und Jecken in Köln verstörten, meldete das Robert-Koch-Institut erstmals Tageswerte von über 50.000 Neuinfektionen, und das war erst der Anfang. Die Krankenhäuser beklagten wieder volle Intensivstationen, notwendige Verschiebungen von Operationen und Pflegekräfte am Ende ihrer Kräfte, wenn sie noch nicht gekündigt hatten. Noch immer waren viel zu viele Menschen ungeimpft, obwohl genug Impfstoffe für alle vorhanden war; manche hatten immer noch Bedenken wegen vermeintlicher Spätfolgen, andere sahen in einer Impfung einen unzulässigen Angriff auf die persönliche Freiheit und körperliche Unversehrtheit. Besonders dramatisch war die Lage in Sachsen und Bayern, deshalb wurden dort, ebenso wie in Österreich und den Niederlanden, wieder weitreichende Einschränkungen des öffentlichen Lebens und Schließungen angeordnet, Weihnachtsmärkte abgesagt, bereits aufgestellte Buden wieder abgebaut. In Österreich und Holland kam es wegen der Maßnahmen zu teilweise schweren Ausschreitungen.
Nicht nur Ungeimpfte, auch zweifach Geimpfte infizierten sich, das neue Wort „Impfdurchbruch“ verbreitete sich. Immerhin verhinderte die Impfung zumeist schwerere Krankheitsverläufe und Todesfälle. Wie sich zeigte, reichte „3G“ nicht aus, um die weitere Ausbreitung zu verhindern. Selbst auf Veranstaltungen mit „2G“, also nur Geimpfte und Genesene hatten Zutritt, kam es zu Ausbrüchen. Daher wurden viele Veranstaltungen unter „2G Plus“ durchgeführt, also geimpft oder genesen und zusätzlich getestet. Ein Problem war die oft nur lückenhafte Kontrolle der Maßnahmen.
Die Anordnung von „2G Plus“ zeigte Wirkung: Vor Impfstationen und -bussen bildeten sich lange Schlangen, Hausärzte konnten die Anfragen kaum bewältigen. Die Impfzentren waren unterdessen bereits größtenteils abgebaut worden. Viele Menschen ließen sich, zunächst nur für Ältere und Gefährdete, später für alle empfohlen, zum dritten Mal impfen; hierfür etablierte sich der Begriff „Boosterimpfung“ bzw. „boostern“.
Die „Politik“ agierte hilflos und zögerlich. Auch, weil nach der Bundestagswahl im September die alte Bundesregierung nur noch geschäftsführend und wenig ambitioniert im Amt war, während sich die neue „Ampelkoalition“ noch in der Findung befand. Immerhin schaffte man es, ein neues Infektionsschutzgesetz zu beschließen. Erstmals war die Impfpflicht, zumindest für bestimmte Berufsgruppen, kein Tabu mehr, und Arbeitgeber duften ihre Mitarbeiter zum Impfstatus befragen, zudem mussten sie „3G“ am Arbeitsplatz sicherstellen und wieder Heimarbeit ermöglichen.
Für den Bonner Weihnachtsmarkt, der immerhin stattfand, galt „2G“, für die Innenstadt wurde wieder die generell Maskenpflicht angeordnet. Die Gastronomie litt, weil viele Weihnachtsfeiern sowie Karnevalsveranstaltungen abgesagt wurden. Die Aussichten für das bevorstehende Weihnachtsfest und die Karnevalssession waren wenig optimistisch.
Friedensplatz
Ende November 2021 kam eine neue Variante auf, bezeichnet als „Omikron“. (Eigentlich hätte sie „Xi“ heißen müssen, aber man wollte den chinesischen Präsidenten nicht verärgern.) Omikron war noch viel ansteckender als die Delta-Variante und breitete sich trotz hektisch angeordneter Einschränkungen des Reiseverkehrs rasend schnell auf der ganzen Welt aus. Doch sie führte zu wesentlich milderen Verläufen, vor allem bei Geimpften. Trotz Neuinfektionen in sechsstelliger Höhe täglich blieben überlastete Intensivstationen die Ausnahme.
Ebenfalls nicht überlastet waren die noch bestehenden Impfzentren; trotz eines neuen Impfstoffes, der auch die Skeptiker überzeugen sollte, ließen sich nur noch wenige Menschen impfen. Auch im März 2022 waren noch immer über vierzig Prozent der deutschen Bevölkerung nicht vollständig geimpft. Zu einer allgemeinen Impfpflicht konnte man sich weiterhin nicht durchringen, sie wurde nur für bestimmte Berufsgruppen in der Pflege und im Gesundheitswesen eingeführt, was zu teilweise erheblichen Protesten der zu Impfenden führte.
Immer mehr Leute auch aus dem eigenen Bekanntenkreis infizierten sich, bei den meisten war es dank Impfung nicht schlimmer als eine Erkältung und schnell überstanden. Die Corona-Warnapp zeigte dauerhaft „rot“, was man mit nicht viel mehr als einem Schulterzucken zur Kenntnis nahm. Wer positiv getestet wurde, blieb ein paar Tage zu Hause.
Obwohl die Zahl der Neuinfektionen täglich neue Rekordwerte erreichte, wurden im März 2022 auf Drängen der FDP und trotz Protest der Bundesländer per neuem Infektionsschutzgesetz die meisten Einschränkungen aufgehoben. Maskenpflicht bestand nur noch in bestimmten geschlossenen Räumen und öffentlichen Verkehrsmitteln, die Gastronomie durfte wieder auch von Ungeimpften mit negativem Testergebnis besucht werden, die Pflicht der Arbeitgeber zur Ermöglichung von Heimarbeit wurde aufgehoben. Während die einen trotzdem weiterhin auch im Freien Maske trugen, sprachen andere vom „Freedom Day“. Sie betrachteten die Corona-Pandemie nach zwei Jahren als beendet.
Ende März 2022 erwischte es auch mich und meine Lieben. Als es im Hals zu kratzen anfing wie bei einer aufkommenden Erkältung, machte ich einen Selbsttest, der den zweiten Strich aufwies und kurz darauf durch einen amtlichen Schnell- und PCR-Test bestätigt wurde. Wann und wo genau ich mich infiziert hatte, wusste ich nicht, es war auch nicht so wichtig.
..
Während meine Lieben, gleichfalls positiv getestet, fast keine Symptome aufwiesen, verbrachte ich vier Tage mit so etwas wie einer mittelschweren Erkältung im Bett. Danach wurde es mit jedem Tag besser, und doch dauerte es fast zwei Wochen, bis der Test wieder negativ war. Danach fühlte ich mich nahezu unverwundbar – dreimal geimpft und einmal genesen konnte mir das Virus vorläufig nicht mehr gefährlich werden. Hinzu kam, dass im öffentlichen Leben die meisten Maßnahmen zurückgenommen wurden, Restaurants konnte man wieder ohne Impf- oder Testnachweis besuchen und man musste keine Maske mehr tragen. Konzerte, Karneval, Veranstaltungen, Volksfeste und Weihnachtsmärkte können seitdem ohne Einschränkungen besucht werden. Nur in öffentlichen Verkehrsmitteln und Gesundheitseinrichtungen bestand weiterhin Maskenpflicht. Wir hatten Glück: Mein Bruder etwa, ungefähr zur gleichen Zeit infiziert wie ich, hatte bis Dezember 2022 seinen Geschmackssinn nicht vollständig wieder erlangt, und das war noch eine der eher harmlosen möglichen Langzeitfolgen. Auch dafür gibt es ein Wort: Long Covid.
Selbst China lockerte Ende 2022 seine bislang extrem strengen Schutzmaßnahmen, nachdem die Bevölkerung dagegen aufbegehrt hatte, wochenlang ihre Wohnungen nicht verlassen zu dürfen und in Isolationskliniken zwangseingewiesen zu werden. Die zuvor praktizierte und mit aller Härte der Staatsgewalt durchgesetzte Null-Covid-Strategie mit all ihren negativen Auswirkungen auch auf die Wirtschaft geriet ins Wanken. Dort, wo Anfang 2020 alles begonnen hatte, infizierten sich, erkrankten und starben in der Folge drei Jahre später tausende Menschen. Doch es blieb bei der Aufhebung der Maßnahmen, die große Infektionswelle ebbte wenige Wochen später auch in China wieder ab.
Anfang Februar endete bei uns die Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln, sie gilt nur noch in Krankenhäusern und medizinischen Einrichtungen. Ebenso die Isolationspflicht, wenn man sich infiziert hat. Wer erkrankt ist, soll zu Hause bleiben, das Gebot lautet „Eigenverantwortung“.
(November 2020)
***
Wir verhalten uns wieder, als sei das Virus besiegt, und glauben das auch. Wir sind wieder übergegangen zum üblichen Irrsinn, machen weiter wie vorher, reisen, konsumieren, zerstören die Umwelt, wandeln das Klima, Hauptsache wir haben Wachstum. Reiche werden reicher, Arme ärmer, und wir Menschen werden immer mehr. Alles wie gehabt.
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Aber vielleicht kommt es ganz anders. Hätte ich Talent und Lust, einen Thriller zu schreiben, dann etwa so:
Es gibt acht Milliarden Menschen auf der Erde, mit den bekannten Auswirkungen auf Natur und Klima, und es werden immer mehr. Dabei vermehren sich augenscheinlich diejenigen besonders stark, die es sich am wenigsten leisten können: die Ärmsten in Afrika, RTL-Zielgruppenzugehörige, die sich durch absurde Frisuren und Haarfärbungen, Tätowierungen bis zum Hals und Metallteilen in verschiedensten Körperteilen selbst den Weg zu großen Teilen des Arbeitsmarktes verbauen; selbst in Flüchtlingslagern, wo Menschen teilweise seit Jahren festsitzen und vermutlich andere Sorgen als die Arterhaltung haben, werden neue Menschen geboren.
Vielleicht ist Corona nur ein Auftakt, ein Vorgeschmack auf etwas kommendes Großes. Kaum, dass wir die Krise überwunden glauben und da weitermachen, wo wir vorher aufgehört haben, entsteht eine neue Mutation des Virus. Zunächst unbemerkt, da über Monate keine Symptome auftreten, breitet es sich rasend schnell aus. Als man begreift, dass wiederum ein Virus die Ursache für eine neue, rätselhafte Erkrankung ist, ist es zu spät. Man kann ihm nicht entgehen, nirgendwo, es ist nahezu auf der ganzen Welt. Reihenweise erkranken die Menschen weltweit schwer, anders als bei Covid-19, wo ein hoher Anteil nur leichte oder gar keine Symptome zeigte, trifft die neue Form alle, die sich infiziert haben. Innerhalb weniger Tage bricht das Gesundheitssystem zusammen, die Sterblichkeit liegt bei über fünfzig Prozent. Geschäftliche Aktivitäten werden in kürzester Zeit eingestellt, die Grundversorgung mit Strom, Internet, Wasser und Lebensmitteln kommt zum Erliegen. Das, was wir Zivilisation nennen, hört auf zu existieren, es herrscht einzig das Recht des Stärkeren. Staat und Politik lösen sich auf, auch auf die „Rechten“ und „Querdenker“, die anfangs noch Schuldige ausgemacht hatten und einfache Lösungen wussten, hört niemand mehr. Globalisierung und Gendersternchen sind nur noch Begriffe ohne irgendeine Bedeutung.
Während in den Parks die Kastanien in voller Blüte stehen, sterben innerhalb weniger Wochen mehrere Milliarden Menschen, vor allem in den hoch entwickelten, technikabhängigen Industrieländern. Ganze Städte sind menschenleer, stattdessen wühlen Wildschweine in den Vorgärten der Villenviertel.
Vielleicht erleben wir gerade das Ende der Menschheit, wir wissen es nur noch nicht. Nicht der Klimawandel oder ein Atomkrieg löscht uns aus, sondern ein Virus. Acht Milliarden Menschen, die sich benehmen, als wären sie die einzige Spezies von Bedeutung, der sich alles andere unterzuordnen hat, die sich immer weiter vermehren – vielleicht ist es damit bald vorbei, und die Weltherrschaft geht über an Ameisen oder Ratten. Vielleicht beherrschen die auch längst die Welt, wir haben es nur noch nicht bemerkt.
***
Ende Januar 2023 starben auf einer spanischen Nerzfarm zahlreiche Tiere an der Vogelgrippe. Anscheinend hat sich das Virus inzwischen an Säugetiere angepasst.
Montag: Ein Fachgeschäft in der Bonner Innenstadt wirbt im Schaufenster für „liebevoll gestaltete Brillen“. Vorgärten können liebevoll gestaltet sein, Grabgestecke auch, oder Schutzumschläge von Kinderbüchern. Jedoch Brillen? Was mag das bedeuten? Gestelle in pastellenen Farben, mit handgemalten Ornamenten und sonstigem, für die Unterstützung nachlassender Sehkraft unerheblichem Zierrat? Gläser in Herzform? Vielleicht solche raumfüllenden Teile, wie Elton John sie in den Siebzigern auf der Bühne trug? Es gibt wirklich grauenvolle Brillen, wenn man sich mal umschaut, was die Leute so auf der Nase tragen. Als großer Freund funktionaler Schlichtheit ist das Sortiment dieses Geschäftes vermutlich nichts für mich.
»Somit sind wir mit euch aligned. Same-same …« schrieb mir einer per Mail. Ich weiß nicht, wie es weiterging, nach dem zweiten »same« verließen mich Interesse und Leselust.
In unserem Geschäftsbereich ist es durchaus begrüßenswerte Übung, neue Kolleginnen und Kollegen per Powerpoint-Steckbrief vorzustellen, der per Mail an alle gesandt wird. In einem solchen, der mich heute erreichte, gibt ein junger Kollege als Hobbys „Reisen, Motorsport und Fußball“ an. Im Falle eines persönlichen Zusammentreffens werden wir wohl nur wenige außerdienstliche Gesprächsthemen finden. Muss ja auch nicht, ich spreche ohnehin eher ungern.
»Mahlzeiten allein, was nicht unangenehm.« schrieb Thomas Mann am 23. Januar 1954 in sein Tagebuch. Auch ich aß mittags in der Kantine und tiefer Zufriedenheit meine Currywurst mit Pommes ohne Tischbegleitung und verstehe ihn völlig.
Gleichsam ein Lichtblick zum Feierabend: Als ich das Werk verließ, erschien es mir deutlich heller als noch in der vergangenen Woche zur selben Uhrzeit. Der Sommer naht.
Vielleicht sagt, wer „aligned“ sagt, auch „Happy name day“, wenn er jemandem zum Namenstag gratuliert. Das könnten er heute tun, falls sich im Bekanntenkreis Emerantiana, Ildefons oder Liuthild befindet. Klingt wie Figuren aus den Werken von Tolkien, wobei das nur eine vage Idee ist, da ich von ihm bislang nichts las und in absehbarer Zeit nicht zu tun beabsichtige.
Dienstag: Der erste Blogeintrag des Tages ergab sich bereits vor dem Aufstehen aus einer Radiomeldung über die beginnende Messe Jagd und Hund in Dortmund. Neben dem Erlangen der Meisterschaft im Hirschrufen kann man dort auch eine Safari in Afrika buchen, um Löwen und Elefanten totzuschießen. In Zeiten, da die FDP immer noch damit durchkommt, uns unbegrenztes Autobahnsausen als Freiheit zu erklären und Luxusjachten von der CO2-Abgabe ausgenommen sind, womöglich und vermutlich hat auch da die FDP ihre gelben Finger im Spiel, soll uns derlei nicht wundern.
Eduscho hat keine Schmorschleifen, wurde mir beim ersten Morgenkaffee beschieden, das lasse ich mal so stehen. (Nein, das müssen Sie nicht verstehen.)
Morgens zur blauen Stunde
Per Mail erreichte mich eine nicht ganz zielgruppengerechte Werbung.
(Bitte beachten Sie die letzte Zeile.)
Mittwoch: Jeder hat mal einen schwachen Moment, warum nicht auch ein Radiosender. So bat WDR 4 heute Morgen seine Hörer um die Nennung besonders witziger Abschiedsformeln, woraufhin sich die Hörerschaft mit „Auf Wiesegehen“, „Auf Wiedergestern“ und „Tschüssikowski“ meldete. Fast ebenso witzig fände ich „Auf Wiederkäuen“ (nach dem Restaurantbesuch), „Auf Wiedervorlage“ (nach dem Liebesabenteuer) und „Bis auf Weiteres“ (geht immer). Von einem Anruf bei WDR 4 sah ich aus Zeitgründen ab.
Eine weltweite Netzstörung bei Microsoft soll heute Vormittag zu erheblichen Beeinträchtigungen geführt haben. Bei mir lief alles problemlos, auch Teams. Leider.
In der Kantine gab es unter anderem „Lachsforelle aus Leverkusen“ (im Aspirinsud?) und ein vegetarisches Gericht mit „gerettete Brot Crumble“ als Zutat, wovor auch immer die Brotkrumen gerettet wurden. Vor dem Verzehr jedenfalls nicht, es schmeckte ganz passabel.
Donnerstag: Die für heute angekündigte Eisglätte blieb zumindest hier in Bonn weitgehend aus, derohalben kam ich nach einem Marsch durch feuchtkalte Luft wohlbehalten im Werk an. Nur am Mutterhaus geriet ich etwas ins Rutschen, weil der Boden davor aus architektonischen Gründen teilweise mit Metallplatten belegt ist, die trotz aufgebrachtem Streugut bei diesem Wetter sehr glatt sind.
Vormittags wurde per Textnachricht an meine Muttergefühle appelliert.
Mittags wurde ein Kollege nach einundfünfzig Dienstjahren in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet, mit Ansprache des Vorstands, Sekt und belegten Brötchen. Mit ihm geht ein Urgestein; er hatte es nie nötig, seine Bedeutung durch alberne englische Wortintarsien hervorzuheben, er war auch mit seinem ehrlichen Rheinisch anerkannt bis in höchste Führungsebenen. So etwas dürfte mittlerweile sehr selten sein. Alles Gute weiterhin, lieber G.!
Freitag: Morgens auf dem Weg ins Werk musste ich mit dem Fahrrad vor einer roten Ampel anhalten, was ich überhaupt nicht schlimm finde. (Außer vor Fußgängerampeln, die ich als unverbindlichen Vorschlag ansehe, vermutlich erwähnte ich das bereits gelegentlich.) Heute Morgen jedenfalls stand ich und wunderte mich über das Auto auf der von rechts einmündenden Querstraße, das trotz Grünlicht stehen blieb. Erst als es wieder gelb wurde, fuhr der Wagen bei Dunkelgelb hektisch los. Da war wohl jemand ein wenig abgelenkt vom Datengerät, hm?
Am frühen Nachmittag schaute die Sonne überraschend durch das Bürofenster und sie ließ das Thermometer auf dem Schreibtisch kurzzeitig hochschnellen von achtzehn auf zwanzig Grad. Man soll nie aufhören, sich auch über die kleinen Dinge des Alltages zu freuen.
Aus der Zeitung: »Der wegen des Mordes an dem Münchner Modezaren Rudolph Moshammer verurteilte Iraker ist nach 18 Jahren Haft in Deutschland in sein Herkunftsland abgeschoben worden.« Modezar, Medienmogul, Rockröhre – sie können einfach nicht anders.
Samstag: Eine alteingesessene Bonner Parfümerie gibt den Geschäftsbetrieb auf und lockt deshalb mit Sonderpreisen. Als künstlichen Körperaromen gegenüber eher gleichgültig eingestellter Mensch wunderte ich mich über die lange Schlange vor dem Geschäft. Da ahnte ich noch nicht, dass ich kurz darauf selbst fast eine halbe Stunde lang in der Schlange vor einem Fischstand auf dem Wochenmarkt stehen würde, um wie aufgetragen vier Scheiben Lachs zu erstehen. Bemerkenswert auch der junge Mann vor mir, der offenbar erst als er an der Reihe war anfing zu überlegen, was er eigentlich kaufen wollte, was den Fortgang der Geschäfte nicht gerade beschleunigte. Aber ich hatte ja Zeit und habe nun was zu notieren.
Wie viele Menschen mögen, bevor das Schild angebracht wurde, vor dieser Säule gestanden und sich gefragt haben: Verdammt, wie komme ich jetzt in diesen Laden?
Sonntag: Wegen der Nachwirkung einer karnevalistischer Veranstaltung am Vorabend war der Spaziergang heute erforderlicher als ohnehin. Ich sollte gelegentlich über meinen Alkoholkonsum nachdenken, besser mal ein paar trinkfreie Tage einlegen, es muss ja nicht gleich ein ganzer Monat sein, der „Dry January“ wird gerade vielfach gepriesen. Wäre jetzt, kurz vor Februar, auch etwas spät. Über der Südstadt sah und hörte ich eine kleinere Formation Kraniche auf dem Weg in Richtung Norden und wunderte mich über deren frühe Rückkehr, wobei ich gar nicht weiß, wann sie sonst üblicherweise den Nordflug antreten. Ich an ihrer Stelle wäre jedenfalls noch etwas länger im warmen Süden geblieben. Sie werden ihre Gründe haben. Während meiner Betrachtung flog das Vogel-V unter dem heute auch bei Tageslicht sichtbaren Mond her, das wirkte fast etwas kitschig; bitte denken Sie sich hier ein entsprechendes Foto.
Nach Rückkehr probierte ich mal dieses ChatGBT aus, das zurzeit vielfach Begeisterung und Entsetzen auslöst. Aufgabenstellung: Ein kurzer Text über den Sonntagsspaziergang mit zurückkehrenden Kranichen am Himmel im Stil von Max Goldt. Hier das Ergebnis:
»Der Sonntagsspaziergang war wie immer eine willkommene Abwechslung. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten und die Bäume rauschten im Wind. Doch plötzlich, am Himmel, erschienen sie. Eine Schar von Kranichen, die auf ihrem Rückweg in den Süden waren. Sie flogen majestätisch vorbei, ihre Schreie hallten durch die Luft. Es war ein beeindruckender Anblick, als sie sich im Formation flogen und dann in der Ferne verschwanden. Der Sonntagsspaziergang war plötzlich noch viel schöner geworden, dank der zurückkehrenden Kraniche am Himmel.«
Ich weiß ja nicht. Herr Goldt hätte das besser hinbekommen.
Was anderes aus dem Netz: Sagen Sie „Samstag“ oder „Sonnabend?“ – „Saugglocke“ oder „Pömpel“? – „Küsschen“ oder „Bützche“? – „Rotkohl“ oder „Blaukraut“? Diese und andere Fragen können Sie im Dienste der Sprachwissenschaft hier beantworten.
Montag: Als solchen Geräten mit einer gewissen Skepsis begegnender Mensch schenkte ich unserer digitalen Personenwaage im Bad nicht allzu viel Glauben, als sie gestern Morgen ein unplausibel hohes Gewicht anzeigte, zumal es sich wenig später nach dem Duschen um ein halbes Kilo verringerte; soviel Dreck wird da wohl nicht weggebraust worden sein. Heute früh spannten die Knöpfe der Strickjacke deutlich, die vor einem Jahr noch tadellos saß. Sicher ist das auf unsachgemäße Wäsche zurückzuführen. Kann ja nur.
Der Feuilleton-Teil der Tageszeitung enthält an Montagen mittlerweile als festen Bestandteil eine Tatort-Kritik. Mord und Totschlag als Kultur zu betrachten finde ich reichlich unangemessen. Dann bitte auch eine regelmäßige Rezession der neuesten Filme auf XHamster. Ich kann das gerne übernehmen.
Dienstag: Der Rhein hat Hochwasser. Die Anlegestege der Ausflugsschiffe und Rudervereine, üblicherweise Richtung Flussmitte abwärts geneigt, stehen waagerecht oder neigen sich nach oben. Frachtschiffe, auf die man sonst vom Ufer aus herabschaut, fahren auf Augenhöhe. Und es ist kalt, was erstaunlich viele Läufer nicht davon abhält, in kurzen Hosen das noch morgenmüde Auge zu reizen.
…
Das Leben überrascht manchmal durch erstaunliche Zufälle. Gestern beim Abendessen noch beklagte ich im Kreise der Lieben, dass der neue Kantinenbetreiber keinen Wackelpudding mehr anbietet. Raten Sie mal, was es heute Mittag zum Dessert gab. Vielleicht durch die heimischen Lausch- und Laberdosen, in denen die dämliche Frau Siri wohnt?
Vergangene Woche beklagte ich das jahreszeitlich durchaus begründete Verschwinden der Glühweinbude am Rheinpavillon. Hierbei handelt es sich um eine Gaststätte am Rheinufer im typischen Baustil der Fünfzigerjahre, vermutlich und wenn dann zu recht denkmalgeschützt. Im Obergeschoss befindet sich ein Café, dort hielt ich auf dem Rückweg spontan Einkehr und bestellte einen Pfefferminztee, jaha, ich kann auch ohne Alkohol. Es war voller als es von außen schien, ich fand noch einen Platz mit Blick auf den Fluss. Statt der erwarteten Tasse wurde eine ganze Kanne serviert, daher saß ich etwas länger als geplant, was überhaupt nicht schlimm war; da zu sitzen ist sehr angenehm, man kann während des Verzehrs vorüberfahrende Schiffe und gegenüber am anderen Ufer die Lichter von Beuel betrachten. Hier war ich sicher nicht zum letzten Mal.
Archivbild aus Dezember 2021
»Thee und Bier stellten mich aus der Erschöpfung wieder her«, schrieb passend Thomas Mann heute vor vierundachtzig Jahren ins Tagebuch.
Eine Bierlieferung wurde mir vom Lieblingspaketdienstleister per Mail angekündigt. Die anfängliche Vermutung, da ich nichts bestellt hatte, es könnte sich um eine der üblichen Spam-Mails handeln, bewahrheitete sich nicht. Wer mag die Lieferung veranlasst haben? Ich habe einen vagen Verdacht.
Mittwoch: Warum eigentlich glauben Menschen, sich im Straßenverkehr wie Irre verhalten zu dürfen, denen alle anderen Verkehrsteilnehmer zu weichen haben, sobald sie ein Lastenfahrrad führen?
Auf dem Weg zur Kantine begegnete mir ein ehemaliger Abteilungskollege, der vor geraumer Zeit zum Leiter einer anderen Abteilung ernannt wurde, von der ich nie hörte; seitdem sehe ich ihn nur selten, weil er in einem anderen Gebäudeteil seinem leitenden Wirken nachgeht. Da er den Blick auf sein Datengerät gerichtet hatte und auch zum Zeitpunkt unserer Begegnung nicht davon abließ sah ich davon ab, ihn anzusprechen und auf die Briefe hinzuweisen, die noch in seinem Postfach auf unserem Flur liegen. Man will ja nicht stören.
Nach Rückkehr am Abend war das Bier geliefert, fünf Halbe aus bayrischer Klosterherstellung und ein Glas. Meine Vermutung die Bestellerin betreffend traf zu. Herzlichen Dank, liebe N.!
Donnerstag: Morgens schneite es überraschend heftig, was mich nicht davon abhielt, zu Fuß ins Werk zu gehen. Flockenumtost genoss ich den Gang am allmählich wieder abschwellenden Fluss, gelegentlich begegnet und überholt von Läufern, die der Schnee ebenfalls nicht von ihrem Morgenlauf abhielt und deren Fußspuren schon bald wieder weggeschneit waren. Erst nach Ankunft im Büro bemerkte ich, wie nass die Jacke geworden war.
…
»Was hast du in deinem Leben über die Liebe gelernt?« lautet die WordPress-Tagesfrage. Nämliches: 1) Wer suchet, der findet nicht; am ehesten findet, in einem unerwarteten Moment, wer nicht sucht. 2) Liebe und Lust sind trennbar, Monogamie wird völlig überbewertet. 3) Aller guten Dinge sind drei. Mindestens.
Freitag: Die Arbeitswoche endete angenehm mit Schnee am Nachmittag, der nur kurz liegenblieb, und einer karnevalistischen Großveranstaltung mit zehn Karnevalsgesellschaften und Musik in der der Bonner Innenstadt, an der ich mangels Uniform nur in begleitender Funktion teilnahm und die in alkoholischer Hinsicht glimpflich endete.
Das Musik-Corps der Fidelen Burggrafen Bad Godesberg, Rück(en)ansicht
Samstag: In Bonn ist laut Zeitungsbericht ein Obdachloser zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt worden, weil er im vergangenen Jahr einen menschlichen Kopf vor dem Bonner Landgericht ablegte, den er zuvor seinem Kumpel abgetrennt hatte, ich erzählte es, Sie erinnern sich vielleicht. Was ihn zu der Tat bewogen hatte, verschweigt er nach wie vor. Dem ursprünglichen Kopfinhaber wird es egal gewesen sein, da er bereits vor dem Kopfverlust infolge einer Krankheit gestorben war. Die Anklage lautet deshalb nur auf „Störung der Totenruhe“. Der hier einschlägige Paragraph 168 des Strafgesetzbuches lautet im Absatz eins: »Wer unbefugt aus dem Gewahrsam des Berechtigten den Körper oder Teile des Körpers eines verstorbenen Menschen, eine tote Leibesfrucht, Teile einer solchen oder die Asche eines verstorbenen Menschen wegnimmt oder wer daran beschimpfenden Unfug verübt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.« Klingt wie aus einer anderen Zeit. Am besten gefällt mir das mit dem beschimpfenden Unfug.
Nach samstäglichen Besorgungen hielt ich kurze Einkehr in der Lieblingsweinbar, direkt an einer Straßenbahnhaltestelle gelegen. Während des Rieslings sah ich einen Straßenbahnfahrer mit Krawatte, ein sehr seltener Anblick. Die Bus- und Straßenbahnfahrer früherer Zeiten trugen blaue Uniformjacke, Schirmmütze und selbstverständlich Krawatte. Das ist lange her. Heute muss man fast froh sein, wenn sie überhaupt einigermaßen bekleidet sind.
Es ist ein durchaus angenehmes Merkmal fortschreitenden Alters, wenn man am Samstagabend statt aushäusigen Fetenrausches auf ARTE eine Dokumentation über Moose anschaut, eine faszinierende Lebensform, die selbst unter widrigsten klimatischen Unbequemlichkeiten noch gedeiht. Vielleicht sind es Moose, die bald die Weltherrschaft erlangen, nachdem wir uns erfolgreich ausgelöscht haben. Eine noch faszinierendere, geradezu unheimliche Lebensform ist Physarum polycephalum, auch Blob genannt, über den anschließend berichtet wurde. Er verfügt über erstaunliche Intelligenz, obwohl er kein Hirn hat, im Gegensatz zu vielen Menschen, die trotz Hirn nennenswerte Intelligenz vermissen lassen.
Sonntag: Während des Spazierens sah ich am Rhein einen Mann, der mit Flusswasser seinen kleinen Hund hinten reinigte. Der Hund ließ es über sich ergehen, begeistert wirkte er nicht, was bei der Wassertemperatur und überhaupt nachvollziehbar ist.
Auf dem weiteren Weg durch den trüben, sich scheinbar endlos ziehenden Januar sah ich die erste Schneeglöckchenblüte und einen Kleinbus mit der Aufschrift »Es gibt Hoffnung«, was wie ich finde ganz gut zusammenpasst. Außerdem sah ich jede Menge Moos, die Dokumentation gestern Abend hat mir diesbezüglich die Augen geöffnet. Es ist kaum möglich, auch nur wenige Meter durch die Gegend zu gehen, ohne irgendwo die grünen Polster zu erblicken.
Es gibt Menschen, die ihre Lebensaufgabe darin sehen, über Moose zu forschen. Das muss wunderbar sein.
Ganz wunderbar muss es auch sein, sein Moos zu verdienen mit Schreiben, wenn man es kann wie Max Goldt, der sich ausnahmsweise interviewen ließ, anzuschauen hier:
Ach ja, dies noch:
***
Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche, möglichst ohne Mord, Totschlag und anderen Unannehmlichkeiten.
Montag: „Ich hab denen mal ’nen Reminder geschickt, damit die das checken. Nicht, dass wir da noch ein Gap haben“ sagte eine in der Besprechung. Was Leute so reden, wenn sie busy sind, wie es auf Dummdeutsch heißt.
Vergilbte Bilder – was Journalisten so schreiben, wenn sie über Tarifverhandlungen berichten: »Gewerkschaft fordert einen großen Schluck aus der Pulle« – »Fünfzehn Prozent sind ein gehöriges Pfund.« Immer wieder.
Ein eher schiefes Bild aus einem Zeitungsartikel über immer mildere Winter: »Vegetationsperioden beginnen schon deutlich früher. Schaut man diesen Januar in die Vorgärten, so sieht man Schneeglöckchen blühen. Auch die Krokusse machen sich schon auf den Weg«, so ein Meteorologe.
Ein schönes Wort las ich in einem Blog: „Ordnungshut“. Nicht im Sinne einer Kopfbedeckung, sondern im Femininum, gleichsam die Positivform zum Ordnungshüter.
Dienstag: Morgens früh lag ein Hauch von Fäkalaroma in der Luft der Fußgängerzone, die ich beim Weg ins Werk durchquere, woher auch immer das kam. Ansonsten gestaltete sich der Tag insgesamt recht angenehm. Auch der zum Feierabend einsetzende Regen, der mich den Rückweg mit der Bahn statt zu Fuß zurückzulegen nötigte, vermochte die Stimmung nicht zu trüben, zumal ein spontaner Kurzbesuch in der Weinbar für entgangenes Gehglück entschädigte.
»Willst du ewig leben?« lautet die heutige Tagesfrage bei WordPress. Sie ohne nachzudenken spontan zu beantworten fällt mir leicht, wobei ich mich wiederhole: Nein, auf gar keinen Fall. Mir ist rätselhaft, wie man das überhaupt wollen kann, insofern erscheint es verwunderlich, dass so viele Menschen diesbezüglichen Verheißungen diverser Religionen immer noch nachhängen. Also ähnlich wie dem Fußball. Auch ein möglichst langes Leben halte ich nicht für erstrebenswert. Irgendwann ist es vorbei, wenn das Universum es für angezeigt hält, die Atome meines Leibes einer anderen, sinnvolleren Verwendung zuzuführen, und dann ist es gut; viel besser kann es ohnehin nicht mehr werden. Hauptsache es geht schnell, wenn es so weit ist. Da fällt mir wieder ein, dieses Jahr muss ich endlich mal die Patientenverfügung fertigstellen.
Mittwoch: »Das ist noch viel weirder« las ich irgendwo. Es wierd wird immer tiefenbekloppter.
Bleiben wir noch kurz bei Wörtern: Als Unwort des Jahres wurde „Klimaterroristen“ ausgesucht, weil es Menschen, die sich mit nicht ganz gesetzkonformen Methoden für ein wichtiges Anliegen engagieren, gleichsetzt mit anderen, die für ihre nicht immer ehrenwerten Anliegen Mord, Totschlag, Angst und Schrecken anzuwenden keine Hemmungen haben. Eine gute Wahl. Mein Vorschlag für das Langzeitunwort der letzten (mindestens) zehn Jahre ist übrigens „nachhaltig“, weil es durch seinen inflationären Gebrauch zur Klassifizierung aller möglichen „grünen“ (auch so ein Unwort) Maßnahmen keinen Wert mehr hat.
Mittags in der Kantine saßen am Nebentisch zwei Männer, deren einer unentwegt redete. Wieder einmal war ich dankbar für meine leichte Hörschwäche, die mich davor bewahrte, den Inhalt des Geschwafels vollständig mitzubekommen. Wie auch immer: Trotz Dauerredens war sein Teller bald leer. Ein wahrer Oralakrobat.
Ich weiß, man soll nicht … gleichwohl: Wenn man den Namen Großstück liest, fragt man sich schon nach dessen Ursprung.
Donnerstag: Wie ich auf dem Rückweg vom Werk mit Entsetzen zur Kenntnis nahm, ist die Glühweinbude am Rhein inzwischen entfernt.
Am Rhein ist es dennoch schön, auch ohne Glühweinbegleitung
Der Tag endete dennoch nicht allzu trocken mit einem kollegialen Umtrunk im Wirtshaus, …
Freitag: … was den heutigen Werktag etwas mit Müdig- und Antriebslosigkeit überschattete. Glücklicherweise lagen keine anspruchsvollen, dringend zu erledigenden Geschäfte an, die nicht problemlos in neuer Frische auch kommende Woche angegangen werden können. Zudem endete er früh wegen anstehender karnevalistischer Verpflichtungen ab dem Nachmittag.
»Mehr Überflüge: Bürger wollen wachrütteln« übertitelt das Freisinger Tageblatt einen Artikel über Proteste gegen Fluglärm. Manches kann sich selbst ein Büttenredner nicht besser ausdenken.
Einmal Prinz zu sein – Ich wäre sehr dankbar, wenn ich von dem ganzen Gewese um das Buch des Harryprinzen nicht behelligt würde, aber dem ist kaum zu entgehen. Es sei denn, man verzichtete komplett auf Medienverzehr, doch das sehe ich gar nicht ein. Auch Kurt Kister widmet sich in seiner Wochenkolumne diesem Thema, indessen lesenswert:
Grundsätzlich muss man immer vorsichtig sein, wenn Leute, die jünger als 40 sind, Memoiren schreiben – es sei denn, diese Leute wären Alexander der Große oder gar Jesus, die beide in ihren Dreißigern leider memoirenlos starben. Die Memoiren von Jesus wären für den bücherverlegenden, bertelsmannschen Zappelsender RTL ein deutlich besseres Geschäft als die Übernahme des Stern. Vielleicht könnte der RTL-Stern ja wenigstens die Tagebücher von Alexander, dem Makedonenkönig, finden. Schließlich gehört der Penguin-Verlag, in dem Harrys Geisterbuch auf Deutsch erscheint, genauso zum Bertelsmann-Konzern wie RTL. Alles hängt mit allem zusammen, und alle Wege führen nach Gütersloh.
Samstag: Rückblickend auf den Vorabend kann die Prunksitzung der Karnevalsgesellschaft Fidele Burggrafen Bad Godesberg e.V., der anzugehören ich die Freude und Ehre habe, derzeit nur in dekorativer Funktion, bei aller Bescheidenheit als sehr gelungen bezeichnet werden. Leichte Unpässlichkeiten in der ersten Tageshälfte werden dafür als unvermeidbares Kollateralleiden gerne in Kauf genommen.
Ein- und Ausmarsch. Beachten Sie den echten ostwestfälische Frohsinn in meinem Gesicht. Alaaf. (Fotos: Stefan Hamacher)
Sonntag: Gesehen am Wegesrand beim Spazieren: Manchmal muss es einfach schnell gehen, da bleibt dann keine Zeit für ordnungsgemäße Entsorgung der Verpackung, wer kennt das nicht.
Auf dem weiteren Weg durch die Südstadt sah ich ein Café mit dem Namen „pie me“. Zunächst hatte ich „pee me“ gelesen und mich ein wenig gewundert, vermutete ich eine Gaststätte dieses Namens allenfalls in sehr speziellen Gegenden von Köln, Berlin oder Amsterdam, jedoch nicht in der mondänen Bonner Südstadt.
In der Fußgängerzone begegnete mir einer mit hochgekrempelten Hosenbeinen, nicht weil es so warm war, sondern er offenbar zeigen musste, was er hatte. Das sah auf den ersten Blick und eine gewisse Entfernung nach einer Prothese aus, das linke Bein war deutlich dunkler als das rechte. Im Näherkommen erwies es sich als flächendeckende Tätowierung ohne erkennbare Konturen, als wäre es in einen Farbtopf gehalten worden. Schönheit liegt ja oft gerade darin, was man nicht sieht.
Ich bin kein Befürworter von Überregulierung, doch wäre ich dankbar für eine verbindliche Vorschrift öffentliche Bücherschränke betreffend, wonach Bücher stets mit gleichgerichteter Rückenbeschriftung einzustellen sind. Von dem ständigen Halshinundherkippen wird man ja ganz wirr.
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Kommen Sie gut durch die Woche. Achten Sie auf Krokusse, die Ihnen über den Weg vor die Füße laufen könnten.