Okay…

Der regelmäßige Leser dieses Blogs, wenn es ihn denn gäbe, kennte* meine regelmäßig aktualisierte Liste der nervigsten Redewendungen und Floskeln. Ganz oben auf der Liste steht zu recht das Wörtchen „okay“, Sie wissen schon, dieses fiese Floskel-Okay mit anhebender Stimmmodulation auf der zweiten Silbe, früher fester Bestandteil des Sprachschatzes schwarzbeanzugter Berater und Kostümschicksen mit strengen Business-Frisuren, aus Besprechungen und geschäftlichen wie zunehmend auch privaten Gesprächen nicht weg zu denken, selbst Fernseh- und Radiomoderatoren scheuten sich nicht seiner Verwendung.

Früher? Ja, in der Tat, es scheint ruhig geworden zu sein um dieses Wort, gleichsam den Löwenzahn im sprachlichen Zierrasen, kaum einer benutzt es noch, jedenfalls nehme ich es nicht mehr wahr. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur abgestumpft, so wie langjährige Anwohner einer Autobahn oder Bahnstrecke, welche gegenüber leidgeplagten Besuchern nach einer schlaflosen Nacht behaupten, die Autos beziehungsweise Züge gar nicht mehr zu hören.

Okay – ich vermisse es nicht. Und vielleicht findet es sich ja bald auf einer anderen Liste wieder, nämlich der Liste der aussterbenden Wörter. Leider ist die Freude darüber nur von kurzer Dauer, andere haben längst seinen Platz eingenommen, ich verweise gerne nochmals auf die oben erwähnte Liste; und ganz aussterben wird es wohl niemals, vielmehr lebt es weiter in Form seiner dümmlichen kleinen Schwester „Okidok(i)“, welche hier und da noch zu vernehmen ist.

In letzter Zeit hört und liest man zunehmend eine weitere sprachliche Verrenkung, das hier besungene Wort betreffend: seine Beugung. „Ich habe einen ganz okayen Chef“, hörte ich neulich jemanden in der Bahn sagen. Zugegeben, dagegen ist das klassische Berater-Okay ein wahrer Wohlklang.

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* Konjunktiv II von „kennen“, jedenfalls unterkringelt das Textverarbeitungsprogramm es nicht. Für alle anderen, die es nicht verstehen: würde … kennen.

Unterwegs

Ein wesentliches Merkmal der menschlichen Spezies ist die Unruhe, nicht nur in akustischer Hinsicht, was sich besonders unangenehm in Form von Mobiltelefontönen, unentrinnbarem Geschwätz, Jan Delay oder Laubbläsern äußert, sondern insbesondere auch unter örtlichen Gesichtspunkten (also Gesichtspunkte im Sinne von Aspekten, und nicht etwa hässlichen, die Physiognomie verunstaltenden Pickeln); wer rastet, rostet, lautet das altbekannte Sprichwort, oder mit zeitgemäßen Worten: wir sind ständig unterwegs.

Unterwegs.

Früher war man unterwegs, wenn man sich zu Fuß, zu Pferd, mit dem Auto, dem Flugzeug, notfalls auch per Bahn von Ort A nach B begab, sei es geschäftlich oder auf dem Weg in den Urlaub und – unvermeidlich – auch wieder zurück. Das ist heute zwar auch noch so, gleichwohl nur die halbe Wahrheit. Hört man den Menschen zu, so bemerkt man, heute ist man auch ohne nennenswerten Ortswechsel unterwegs: Wir sind mit dem Projekt gut unterwegs, wir gehen mittags nicht in die Kantine, weil wir zurzeit „diättechnisch“ unterwegs sind, Studenten bereiten sich nicht mehr auf die Prüfung vor, sondern sind lernmäßig unterwegs, und der Wettermann verkündet, dass morgen nur ein paar harmlose Schönwetterwolken unterwegs sind. Ganz bequem auf dem Sofa liegend sind wir bei Facebook, Twitter und Co. unterwegs, dann am Wochenende partymäßig, und wenn es gut läuft, hinterher kopulationstechnisch, geben uns also einer Tätigkeit hin, die schon aus sich heraus keine größeren Ortswechsel zulässt, es sei denn, man tut es in einer Zug- oder Flugzeugtoilette.

Gestern im Aufzug wollte jemand wissen, in welcher Abteilung ich arbeite, stattdessen fragte er, wo ich denn unterwegs sei. Meine – zugegeben grammatikalisch nicht ganz korrekte – Antwort „Im Moment nach unten“ beendete das Gespräch sehr schnell, ich nehme an, er war gerade nicht humormäßig unterwegs.

Alle sind unterwegs, ohne sich von der Stelle zu bewegen, scheinbar ziellos, niemand kommt irgendwo an, der Weg ist das Ziel. Wo wollen sie nur alle hin? Ich für meinen Teil bleibe erst mal hier und werde dieses bedauernswerte, ständig missbrauchte Wort bis auf weiteres meiden. Zudem klingt „auf der Reise“ viel schöner.

Seid doch mal still!

Wir leben in einer Welt der Geräusche: allgegenwärtiger Straßenlärm, schlafraubendes Vogelgezwitscher am frühen Morgen, dröhnende Kirchenglocken am Sonntag, nervenzerfetzender Laubbläserterror nicht nur im Herbst, Mobilgeschwätz in der Bahn und auch sonst überall. Was wir nicht mehr kennen, ist Stille.

Es beginnt bereits am frühen Morgen. Was die Singvögel nicht geschafft haben, vollendet der Wecker; missmutig schleppen wir uns ins Bad, und was machen wir als erstes: das Radio einschalten, wobei völlig egal ist, was läuft, Hauptsache es läuft, erzeugt Geräusch, alles ist besser als Stille, die wir nicht mehr ertragen.

Nach dem Bad den Fernseher einschalten, Frühstücksfernsehen, Nachrichten, Werbung, irgendwas, Hauptsache Geräusch und bunte Bilder.

Danach iPod-Kopfhörer reinstecken und raus in die laute Welt, mit Geräusch gegen Geräusch, besser selbstgewählte Musik hören als das unerträgliche Gelaber fremder Menschen morgens in der Bahn.

Die Beschallung setzt sich im Büro fort, wo – neben dem niemals versiegenden E-Mail-Eingang – Kollegen und das Telefon acht Stunden lang unsere Aufmerksamkeit beanspruchen, und nach Feierabend macht der Partner seine berechtigten Kommunikationsbedürfnisse geltend.

Noch weniger als fehlende akustische Außenreize ertragen wir geistige Stille; kaum ereilt uns ein unfreiwilliger Augenblick der Muße, im Bus oder in der Supermarktschlange beispielsweise, kramen wir das Smartphone aus der Tasche und schauen nach, was es neues gibt, auf Facebook, Twitter und im E-Mail-Eingang, irgendwas ist immer, und die Anzeige „Kein Netz“ treibt uns fast in den Wahnsinn.

Wahnsinn – das Stichwort. Sind wir wahnsinnig, oder jedenfalls auf dem besten Weg dorthin? Warum fällt es uns so schwer, einfach mal untätig irgendwo zu sitzen, ohne akustische oder virtuelle Berieselung, einfach den Gedanken ihren Lauf zu lassen? Wir müssen Stille und Untätigkeit von Grund auf neu erlernen, in kleinen Schritten, und darum lade ich Sie, liebe Leser, nun zu einer kurzen, gemeinsamen Übung ein. Bitte nehmen Sie eine bequeme Sitz- oder Liegehaltung ein, schalten Sie alle geräuscherzeugenden Geräte aus und machen Sie – nichts.

Achtung, es geht los:

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Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

Nur geträumt

 

In seinem Blog schmerzwach fordert Jannis uns dazu auf, unsere Träume zu beschreiben. Gemeint ist hier wohl nicht der Unfug, den wir nachts so träumen und den wir am nächsten Morgen zum Glück meistens wieder vergessen haben, wenngleich es hier durchaus ein paar Traumelemente gibt, die mit eigenartiger Regelmäßigkeit immer wieder auftauchen, auf die ich hier aber nicht weiter eingehen werde – das wäre mal ein schönes Thema für einen anderen Text. Oder für einen Therapeuten.

Wunschträume also. Was soll ich schreiben? Ewiger Weltfriede, Ausrottung  des HIV-Virus, die Rettung des Klimas oder eine Welt ohne Laubbläser? Nein, das können andere viel besser als ich, außerdem soll ich ja wohl etwas über meine ganz persönlichen Träume schreiben, wenn ich die Aufgabenstellung richtig verstehe. Also das, was ich einer Sternschnuppe hinterherwünsche, oder was ich der guten Fee mit den drei freien Wünschen diktieren würde.

Das ist nicht einfach, denn alles in allem bin ich wunschlos glücklich: Ich fühle mich wohl in meiner Haut, haben den besten Partner der Welt gefunden, mit dem ich zusammen alt werden möchte, also NOCH älter als ich eh schon bin; mein Job ist interessant, gut bezahlt und macht einigermaßen Spaß; wir haben eine tolle Wohnung mitten in einer wunderbaren Stadt, haben gute Freunde, können regelmäßig in den Urlaub fahren; die Liste ließe sich nahezu endlos fortsetzen. Demgegenüber fiele eine Auflistung aller Dinge, die mir zum Glück fehlen, bescheiden kurz aus, mit anderen Worten: mir fällt nichts ein, was mein persönliches Glück dauerhaft steigern könnte.

Was soll ich der Fee sagen? Klar: alles soll so bleiben wie es ist. Haken dran. Bleiben also noch zwei Wünsche offen, und die eignen sich ganz gut als Träume.

Traum eins: Ich wäre gerne ein erfolgreicher Schriftsteller, der ein bis zwei wirkliche Knaller gelandet hat; von deren Tantiemen kann ich locker und gut leben, ich schreibe nicht mehr, weil ich es muss, sondern einfach, weil ich Freude daran habe, oft werden ja Dinge, die man ohne äußeren Zwang und aus sich heraus gerne tut, besonders gut. Ich könnte morgens so lange schlafen wie ich will, der Montag hätte sein Grauen ein für allemal verloren, ich sitze mit meinem Notizbuch oder Laptop an einem Ort, dessen Schönheit mich inspiriert und die Worte und Sätze nur so fließen lässt.


Buch10

Traum zwei: Ein Haus in der Provence, ein schönes altes Haus mit ockergelben Wänden, hellblauen Fensterläden und verwitterten Dachpfannen, mit einem großen Garten, darin vielleicht – muss aber nicht – ein Swimmingpool; inmitten von Weinfeldern, die Zufahrt zum Haus mit Olivenbäumen und Zypressen gesäumt; von der Terrasse und von meinem Arbeitszimmer aus fällt der Blick auf Gebirgszüge, und das Meer ist nicht weiter als zwei Autostunden entfernt. Im Sommer sitzen wir mit unseren Freunden bei gutem Essen und Wein bis in die Nacht an einem langen Tisch im Garten, im Winter zu zweit vor dem knackenden Kaminfeuer, während der Mistral kalt um das Haus bläst und die Fensterläden klappern lässt.


Traumhaus

Die Kombination aus beiden Träumen könnte das Paradies auf Erden sein. Die Frage ist nur: wie lange? Wie lange dauert es, bis sich neue Träume bilden, und plötzlich sehnt man sich wieder zurück nach Bonn, wo man einem geregelten Bürojob mit Fünftagewoche nachgeht?

Gut, es geht auch eine Nummer kleiner, zwei Träume fallen mir noch ein, aus dem Reich körperlicher Lüste, die der Fee zu nennen ich mich wohl nicht traute.

Erstens: Ich würde gerne mal als Gast an einer Pornoproduktion teilnehmen, also richtig vor der Kamera und so. Weil ich gerne wüsste, a) ob ich das überhaupt könnte, Sie wissen schon, was ich meine, und b) wie sich das anfühlt, mit jemandem Sex zu haben, während mehrere Augenpaare, Kameras und Scheinwerfer auf uns gerichtet sind. (Gut, das mit den Augenpaaren kenne ich schon, funktioniert, tut jetzt nichts zur Sache.) Hierbei bleibt es nun wirklich beim Traum, die würden mich gar nicht mitmachen lassen, und ich hätte viel zu viel Schiss, dass der Film hinterher durch Zufall von den falschen Leuten gesehen würde: Kollegen, (Schwieger-)Eltern, Verwandtschaft, …

Zweitens: Ich hätte gerne mal Sex mit mir selbst, damit meine ich nicht, mir gepflegt einen zu schrubben, dazu brauche ich keine Fee; nein, ich meine mit einer Eins-zu-eins-Kopie meiner selbst. Keiner weiß besser als ich selbst, wie ich es gerne habe, und wenn wir fertig sind, löst sich die Kopie in Wohlgefallen auf. Oder ich selbst, wer weiß. Vielleicht taucht ja bald ein mir bis dato unbekannter, von meinen Eltern bislang geheim gehaltener Zwillingsbruder auf.

Fazit: Lass mal, liebe Fee, alles ist gut so, wie es ist! Gönne mir noch einige Jahre davon; alles andere sind nur Träume.

 

Tschick – eine persönliche Nachlese

Im Urlaub hat man Zeit, jedenfalls ich, sonst wäre es für mich kein Urlaub – Zeit zum Lesen. So habe ich „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf zu Ende gelesen, nachdem ich es vor ein paar Wochen begonnen hatte, immer nur morgens in der Straßenbahn auf dem Weg zur Arbeit und abends wieder zurück.

Ich mag Herrndorfs Art zu schreiben, schon „In Plüschgewittern“ begeisterte mich. Nun also Tschick, der verkürzte Name eines der beiden Helden, ein russischer Achtklässler; „Tschichatschow“ kann sich schließlich keiner merken, geschweige denn, es aussprechen.

Der andere Held – und Ich-Erzähler des Romans – ist Maik, nach eigenem Empfinden der größte Langweiler in seiner Klasse, von niemandem beachtet, vor allem nicht von Tatjana, die er anschmachtet, und die alle zu ihrer großen Geburtstagsfeier ins Haus am See einlädt – fast alle, außer Maik, Tschick und ein paar andere Außenseiter. (Maik ist übrigens meine Lieblingsfigur des Buches, so ein bisschen finde ich mich hier und da in ihm wieder.)

Maik und Tschick freunden sich an, und zu Beginn der Sommerferien kommt Tschick auf die Idee, mit einem gestohlenen (bzw. „geliehenen“) Lada in die Walachei zu fahren, wo Verwandtschaft wohnt. Nach anfänglichen Bedenken wittert Maik die Chance, endlich aus seinem Langweilertum auszubrechen, und so steigt er in den Lada ein.

Obwohl keiner von beiden weiß, wo die Walachei liegt, fahren sie erstmal los, aus Berlin hinaus Richtung Süden, durch das oberlausitzer Braunkohlerevier und andere rätselhafte Gegenden; sie begegnen skurrilen Personen, wie der merkwürdigen Familie in einem kleinen Dorf, die ganz viel weiß, nur nicht, wo der Supermarkt ist; der verlotterten Isa von der Müllhalde; dem Schützen Horst Fricke, der die beiden fast über den Haufen schießt; und der Sprachtherapeutin mit der Physiognomie eines Flusspferdes, die Tschick versehentlich einen Feuerlöscher auf den Fuß fallen lässt, so dass Maik von da an den Lada fahren muss.

Unterwegs erzählt Tschick Maik, dass er schwul ist, was jedoch auf den Verlauf der Geschichte – erfreulicherweise – keinen Einfluss hat.

Ein Unfall mit einem Schweinelaster beendet das Abenteuer schließlich, Tschick kommt in ein Heim, Maik kommt mit Arbeitsstunden davon, ansonsten läuft für ihn alles wie gewohnt weiter, bis auf den Hauch eines gewissen Heldentums, der auch Tatjana nicht entgeht.

Das Buch endet im elterlichen Swimmingpool, zusammen mit Maiks besoffener Mutter und einigen Möbelstücken – mit den letzten Worten:

„Weil, man kann zwar nicht ewig die Luft anhalten. Aber doch ziemlich lange.“

Ein wunderbares Buch, sehr zu empfehlen!

Tschick