Alles furchtbar wichtig.

Am besten man macht keinen Urlaub mehr, nie mehr. Ich meine das ernst. Denn: Während ich zwei Wochen lang meinen Bauch und andere Körperregionen in die provencalische Sonne hielt, sammelten sich, gleich einem angestauten Bach, E-Mails und andere Unerfreulichkeiten an meinem Arbeitsplatz an, erfreulicherweise keine größeren Imponderabilien, aber Kleinmist ist bekanntlich auch Mist, die Menge macht’s. Nachdem ich mich Montag und gestern noch auf einer Tagung in – sei es drum – Düsseldorf halbwegs ausruhen durfte, heute nun der erste richtige Bürotag nach zweiwöchiger südfranzösischer Muße. Irgendwie habe ich das Gefühl, alle drehen im Moment am Rad, und sicherlich nicht am Glücksrad, denn ein größerer Gewinn als der früher oder später eintretende Feierabend beziehungsweise das nächste Wochenende steht nicht in Aussicht: alle wollen was, schicken irgendwelche Dokumente, die bis spätestens gestern freigegeben werden sollen, dazu Besprechungen, Termine und so weiter; wenigstens das Telefon, nach SMS die zweitgrößte Kommunikationsgeißel, ließ mich heute weitgehend in Ruhe.

Ich fühle mich wie ein kleiner Arbeiter, der mit Schaufel und Schubkarre bis morgen Mittag einen riesigen Sandhaufen abzutragen hat, während ein großer Radlader minütlich neuen Sand auf den Haufen kippt. Und fast allen Kollegen, mit denen ich spreche, geht es ungefähr ähnlich.

Manchmal beneide ich einen Winzer. Er hat auch einen langen Tag teilweise harter körperlicher Arbeit, vermutlich im Schnitt länger als meiner, und doch muss es sehr befriedigend sein, am Ende dieses Tages (NICHT zu verwechseln mit der heute so beliebten Floskel „am Ende des Tages“!!!) zu sehen, was er geschafft hat, die eingefahrene Traubenernte, letztlich den gelungenen Wein beim Fassanstich. Was kann ich dagegen vorweisen? 43 abgearbeitete E-Mails, 5 Aufgaben in meiner Liste abgehakt? Gut, ich will nicht undankbar sein, es gibt Tage, da sind es deutlich weniger. – Und vielleicht beneidet mich der Winzer ja auch um meinen geregelten Bürojob, immer im Warmen, ich säe nicht, ich ernte nicht, und doch kommt die monatliche Gehaltsabrechnung mit schöner Regelmäßigkeit, hat ja auch was für sich.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Insgesamt bin ich sehr zufrieden, ich gehe durchaus gerne zur Arbeit. Noch gelingt es mir, den von außen aufgebauten Stress nicht zu nahe an mich heran zu lassen, Feierabend zu haben zum Feierabend und Wochenende am Wochenende (nicht alle Kollegen schaffen das). Und doch denke ich immer öfter: Ist es das wirklich, ist es das, was ich wirklich will?

Jein.

Abi ’86

Älter werden bringt nicht nur die ersten grauen Haare, eine Lichtung am Hinterkopf, nachlassendes Hör- und Sehvermögen und den Ansatz eines Bäuchleins mit sich, sondern auch die Einladung zum fünfundzwanzigjährigen Abitur-Nachtreffen. Die Einladung kam bereits Ende März, gestern war es so weit. Also machte sich auf auch Carsten K. aus Bonn nach Bielefeld. Ich war gespannt: Wie viele würden kommen? Wie viele davon würde ich wieder erkennen? Wie oft würde ich die Frage „Und was machst du jetzt“ beantworten müssen? Mein Vorsatz war, selbst diese Frage nicht zu stellen, da ich mir die Antworten ohnehin nicht merken könnte.

Die ersten Erinnerungen an die Schulzeit kamen schon abends bei der Busfahrt von Bielefeld-Sieghorst nach Heepen auf, so wie früher jeden Morgen mit der „33“, auch wenn sich die Linienführung inzwischen leicht geändert hat, trotzdem war es noch seltsam vertraut. Kurz nach sieben kam ich dann an am „Runkelkrug“ in Brönninghausen an, der für die Feier reserviert war. Dort leichte Irritation: Dass ich nicht alle auf Anhieb wieder erkennen würde, hatte ich erwartet, aber so wenige? Das konnte ja ein anstrengender Abend werden… Doch die Irritation löste sich schnell auf, denn gleichzeitig feierte auch der Abi-Jahrgang 1991, und die kannte ich nicht, die waren ja noch so klein damals.

Nachdem ich dann endlich auf der richtigen Veranstaltung angekommen war, wurde es richtig schön. Ja, erstaunlich viele habe ich wieder erkannt, die einen sofort, andere etwas später, und die meisten Namen dazu fielen mir auch ein, und wenn nicht, konnte ich ja fragen. Über achtzig Leute kamen, eine sehr beachtliche Quote. Leider fehlten einige von denen, die ich besonders gerne wieder getroffen hätte; vielleicht konnten sie nicht, vielleicht wollten sie aber auch nicht.

Natürlich haben sich alle über die Jahre verändert, mehr Bauch, weniger Haare, ein paar Falten, die einen mehr, die anderen weniger, wobei ich mich, bei aller Bescheidenheit, eher der zweiten Kategorie zugehörig fühle, hat ja auch was tröstliches; fast alle haben Kinder. Mit den einen unterhielt ich mich mehr, mit anderen weniger, im Grunde auch so wie früher. Und die Was-machst-du-jetzt-Frage musste ich auch höchstens fünf mal beantworten…

Sehr gefreut habe ich mich über das Wiedersehen mit Frank S., den Schreiber des lesenswerten Blogs QUERGEFÖNT. Zu späterer Stunde und nach einigen Gläsern Bier kam uns eine wunderbare Idee für ein gemeinsames Projekt. Ich werde Sie darüber auf dem Laufenden halten!

Zum Schluss: Vielen vielen Dank an die vier Organisatorinnen Andrea, Anke, Ina und Susanne!

Es nervt tierisch

Eigentlich mag ich Katzen. Nun soll man das Wort „eigentlich“ nicht verwenden, schon gar nicht zur Eröffnung eines Aufsatzes, schwingt bei seinem Gebrauch doch stets etwas unverbindlich-einschränkendes mit. Entweder mag man Katzen, oder man mag sie nicht. Wenn man sie nur teilweise mag, zum Beispiel nur schwarze, wohingegen man graugetigerte ablehnt, oder nur ihren Kopf und ihre Pfoten, ihren Schweif jedoch verabscheut, so sollte man dies deutlich zum Ausdruck bringen, anstatt die klare Position mit „eigentlich“ zu verschwurbeln.

Also noch mal von vorne: Ich mag Katzen. Und zwar solche wie früher bei meinen Großeltern auf dem Land. Sie hatten sie nicht für viel Geld bei einem Katzenzüchter gekauft, viel mehr war einfach immer eine da, weiß der Himmel woher sie kam, so wie in einem neu angelegten Gartenteich irgendwann plötzlich Frösche wohnen und die Menschen der Umgebung vor allem nachts mit idyllischem Gequake erfreuen, ohne dass der Gartenbesitzer vorher beim örtlichen Lurchhändler vorstellig gewesen wäre. Ganz normale Katzen also, getigert, gefleckt, einfarbig; meist blieben sie so lange, bis der natürliche Tod der im Freien lebenden Katze sie ereilte, das heißt bis sie auf der Landstraße überrollt wurden, was laut Volksmund ja sieben mal je Katze passieren muss, ehe sie endgültig hin ist, vielleicht folgt diese Erkenntnis auch nur aus dem zu häufigen Anschauen von Tom-und-Jerry-Filmen, wo die Katze ständig in die Luft gejagt, verbrannt, zerhackt oder von der Dampfwalze überrollt wird und dennoch schon in der nächsten Sekunde wieder der Maus nachjagt.

Die großelterlichen Katzen lebten stets draußen, durften das Haus nicht betreten und wurden mit dem Besen verscheucht, wenn sie es dennoch wagten. Ansonsten hatten sie kein schlechtes Leben, ernährten sich von selbstgefangenen Mäusen, und Oma kratzte ihnen immer die Reste vom Mittagessen auf einen Teller vor dem Haus, Kartoffeln, Soße, Rotkohl, Knochen von Hühnchen oder Kotelett, nach heutigen katzenernährungsphysiologischen Gesichtspunkten wohl eher bedenklich, aber davon hatten die Katzen und meine Großeltern keine Ahnung, daher machten sie sich stets dankbar über den Teller her, also die Katzen, nicht die Großeltern, was ja auch keinen Sinn ergäbe, denn die hatten ja vorher schon… egal.

Die Katzen legten ein artangemessenes Wesen an den Tag: Wenn ich meine Großeltern besuchte, konnte ich mit der aktuell amtierenden Katze spielen und sie streicheln – wenn sie Lust dazu hatte; dies tat sie durch ein behagliches Schnurren kund; andernfalls konnte es passieren, dass sie meinen kindlichen Übereifer durch einen gezielten Hieb mit ihren Krallen in seine Schranken wies, was ihr außer mir niemand übel nahm.

Solche Katzen mag ich, auch heute noch.

Es gibt auch Katzen, die mag ich nicht. Meine Kollegin Christine hat zwei davon, ich kenne sie nur von den Bildern her, die sie mir und anderen ständig zeigt, zwei magere braungraue Viecher mit sehr kurzem Fell und unfrohem Blick. Sie leben in der Wohnung und dürfen sie niemals verlassen, weil sie sonst Katzengrippe, Katzenpest oder was weiß ich alles bekommen, dann werden teure Tierarztbesuche fällig, außerdem ist es nicht schön, wenn die Katze krank ist, Christine ist dann meistens aus reiner Sympathie ebenfalls krank, und wenn nicht, zumindest unausstehlich, so als ob tagelang Vollmond wäre.

Katzenbilder. Je mehr ich davon zu sehen bekomme, desto weniger ertrage ich sie, dank Facebook, Twitter und Christine habe ich mittlerweile eine echte Katzenbilderallergie entwickelt, bei jedem Bild, auf dem ein süßes Katzenbaby kuck-mal-wie-goldig mit der Stoffmaus oder einem anderen süßen Katzenbaby tollt, bekomme ich Schwitzehände und nervöses Zucken im linken Augenlid.

Angeblich sollen Katzenbabys bei meinem Großvater gewisse Aktivitäten ausgelöst haben, die ich jedoch mit Rücksicht auf zartgemütige Leser nicht detailliert wiedergeben möchte, und die ich zudem keineswegs gutheiße. Sehr wahrscheinlich stimmt das alles auch gar nicht und mein großer Bruder dachte sich diese Geschichten mit der Schaufel und dem Erdloch nur aus, um mich zu ärgern.

Katzenbeiträgen auf Facebook und Twitter kann ich durch Ignorieren und notfalls Entfolgen entgehen, Christine nicht. Mindestens einmal am Tag schickt sie eine E-Mail mit Bildern der neuesten Erlebnisse von „Egon“ und „Emil“ an die gesamte Abteilung; während aus den Nachbarbüros Laute der Verzückung herüber fiepen, lösche ich die Mail ungelesen; ich erwäge, eine Regel in meinem E-Mail-Programm zu hinterlegen, die Mails von Christine, welche einen Dateianhang enthalten, sofort eliminiert.

Damit ist es leider nicht getan. Am schlimmsten ist es, wenn sie mir unaufgefordert ihr Mobiltelefon vor die Nase hält, ihre Stimme sich schlagartig um eine Oktave erhöht und sie so Sätze sagt wie „Kuck mal, wie der Egon auf der Schulter von Georg sitzt!“ (Georg ist Christines Mann, ich bewundere ihn.) Ich kucke, sage maximal so etwas wie „Mhm“, meistens schweige ich, denn jedes weitere Wort könnte zu ernsten atmosphärischen Störungen zwischen Christine und mir führen, und das will ich nicht, denn eigentlich (da ist es wieder, ich finde, hier passt es) mag ich sie, sie ist freundlich, hilfsbereit, geradezu kumpelhaft mit einem angenehm-derben Humor, ich mag Frauen mit derbem Humor; wenn sie jedoch mit gezücktem Mobiltelefon diese Kuck-mal-Sätze piepst, möchte ich sie anschreien.

Einmal habe ich sie – im Scherze, versteht sich – gefragt, ob ihr klar sei, dass Katzen in anderen Kulturen fester Bestandteil des Speiseplanes sind. Gut, es sollte jedenfalls wie ein Scherz klingen, dabei finde ich den Gedanken gar nicht mal so abwegig. Katzenrückenfilet, Katzenzungen in Gelee, warum denn nicht? Ich meine, was macht eine Katze liebenswerter als ein Kaninchen, wodurch zeichnet sich ein Hausschwein als besonders verspeisungswürdig gegenüber einem deutschen Schäferhund aus, nur weil es nicht so treu kuckt und nicht die Zeitung bringt, dafür grunzt und quiekt anstatt zu bellen und jaulen?

Auch aus Katzenfell ließen sie sinnvolle Gegenstände des täglichen Gebrauchs fertigen, etwa Lenkradüberzüge, Mäntelchen für das iPhone und Herrenhandtaschen. Und Katzenschweife, aneinander genäht, könnten sehr stilvoll die Funktion dieser roten Samtschnüre übernehmen, welche, durch Ösenköpfe von hüfthohen Bodenstelen aus Messing gezogen, in Museen die Exponate vor unerwünschten Zugriffen allzu interessierter Besucher schützen.

Christine teilte meinen Humor in dieser Sache nicht, sie grinste nicht mal ansatzweise und reagierte so, als ob ich ihr vorgeschlagen hätte, wir könnten doch ihre Kinder verspeisen. Christine und Georg haben übrigens keine Kinder, wozu auch, sie haben ja zwei Katzen. Danach war unser Verhältnis deutlich abgekühlt, was jedoch nur ein paar Tage anhielt (sie hatte mich sogar aus ihrem Katzen-E-Mail-Verteiler genommen), bald darauf piepste sie wieder „Kuck mal…“ und hielt mir ihr Handy hin.

Seit ein paar Tagen mache ich mit meiner Handykamera Fotos von Omnibussen. Ich finde sie praktisch, weil sie einen von A nach B bringen und bei Bedarf auch wieder zurück, auch wenn es regnet oder man zwei bis drei Bier zu viel getrunken hat, ansonsten verbinde ich keinerlei ästhetische oder emotionale Empfindungen mit einem Bus; ein Bus ist ein Bus, nicht mehr und nicht weniger. Warum ich das mache? Als Gegenwaffe. Wenn Christine mir bald wieder ihre Katzenbilder unter die Nase hält, kontere ich mit einem Busbild, fiepe „Kuck mal, ein MAN-Gelenkbus, Linie 602, in der Abendsonne am Bussteig D. Schön, nicht?“ Es gibt zwei Möglichkeiten: entweder sie versteht die Botschaft, oder nicht. Im ersten Fall habe ich endlich meine Ruhe, im zweiten Fall wird sie überall herumerzählen, ich hätte jetzt so einen komischen Tick mit Omnibussen, alle halten mich für bekloppt oder fetischistisch veranlagt; vielleicht tun sie das aber auch längst schon, man selbst bekommt so etwas ja immer als letzter mit.

Das vorstehende lässt sich sinngemäß auch auf Hundebesitzer und – für mich zumindest nachvollziehbarer – junge Eltern übertragen (wobei man sich im zweiten Fall bitte die Passage über die kulinarische Verwendung des Nachwuchses wegdenke, so weit würde ich nun doch nicht gehen). Nur sind die mir bekannten Hunde- und Kinderbesitzer wesentlich entspannter bezüglich ihrer Lieblinge. Vielleicht kenne ich auch nur nicht die richtigen.

Was fehlt

Manches ist nahezu unendlich: das Universum, die Dummheit, die Woche am Montagmorgen oder der menschliche Erfindergeist, welcher so sinnvolle und lebenserleichternde Dinge hervorgebracht hat wie den elektrischen Eierkocher, den Kapselheber, den Laubbläser oder RTL; unendlich ließe sich die Aufzählung fortführen.

Allein die Errungenschaften auf dem weiten Feld der Telekommunikation eröffnen uns Möglichkeiten, von denen wir früher nicht einmal zu träumen gewagt hätten. Wir sind heute immer und überall erreichbar, noch vor wenigen Jahren, als uns der Fernmeldedienst der Deutschen Bundespost bestenfalls mit grauen Wählscheibentelefonen, gelben Telefonzellen und sogenannten öffentlichen Sprechstellen versorgte, undenkbar. Damit nicht genug: fast jeder verfügt heute über ein sogenanntes Smartphone, bevorzugt das neueste Modell einer bestimmten Marke mit einer stilisierten angebissenen Frucht auf der Rückseite, welches er unentwegt anstarrt, wo auch immer er gerade sitzt, steht oder geht; dem – aus Bequemlichkeitsgründen gänzlich unrecherchierten und dadurch weitgehend unbestätigten – Benehmen nach soll die Zahl der Unfälle, bei denen Passanten miteinander oder mit Laternenpfählen kollidiert sind, in den letzten fünf Jahren sprunghaft angestiegen sein.

Die allgegenwärtige Erreichbarkeit, gepriesen und besungen sei sie bis ans Ende aller Tage, hat, wie fast alles auf der Welt, auch Nachteile, zum einen für den, der vielleicht gerade nicht erreicht werden möchte, zum anderen und vor allem für denjenigen, der gar nicht betroffen ist. Genau hier sehe ich zwei Ansatzpunkte für den menschlichen Erfindergeist, die meines Wissens und erstaunlicherweise bislang noch nicht aufgegriffen worden sind.

Erstens: den Anrufbeantworter. Sie sagen, den gibt es schon? Dem muss ich deutlich widersprechen. Was heute als Anrufbeantworter bezeichnet wird, war in den 1990er-Jahren ein großer grauer Kasten mit einer normalen Kassette darin, den man als Zusatzgerät zu seinem Fernsprechanschluss erstehen konnte, heute ist das irgendwas, vielleicht ein kleiner, in das Telefongerät integrierter Chip oder so, spielt auch keine große Rolle, jedenfalls hat sich die grundsätzliche Funktion des sogenannten Anrufbeantworters, von Menschen mit Zeitmangel auch gerne als „AB“ bezeichnet, das sind die, die auch „O-Saft“ oder „TelKo“ sagen, nicht geändert: er zeichnet die Worte des Anrufers auf, die dieser mangels persönlicher Erreichbarkeit des Angerufenen dem Gerät anvertraut, wenn er es denn tut, meine Mutter zum Beispiel tut es in der Regel nicht („Ich komme mir immer so blöd vor, wenn ich mit diesem Dings spreche, weiß dann immer gar nicht was ich sagen soll.“) Mehr macht der Anrufbeantworter nicht. Vor allem: er beantwortet keine Anrufe. Das muss der Angerufene noch immer schön selbst tun, nachdem er die hinterlassene Botschaft abgehört hat.

Zwei typische Situationen, die die lebensqualitätssteigernde Wirkung eines echten Anrufbeantworters, also eines, der diesen Namen tatsächlich verdient, verdeutlichen sollen:

Im Büro. Bei Ihnen brennt so richtig die Hütte, weil der Herr Geschäftbereichsleiter plötzlich und unerwartet bis heute Mittag, zwölf Uhr, eine Präsentation zum Thema Mitarbeitermotivation benötigt, welches keiner so beherrscht wie Sie. Kollege Krause aus der Nachbarabteilung ruft an, benötigt ihr Expertenwissen zu einem bestimmten Prozess, der in Ihren Regelungsbereich fällt, zu recht erwartet er eine kompetente und fundierte Auskunft, quasi aus erster Hand. Nun wäre es ein leichtes für Kollegen Krause, im Regelungshandbuch für diesen Prozess nachzusehen, welches für alle Mitarbeiter, somit auch für ihn, im firmeneigenen Intranet hinterlegt ist. Doch ist Kollege Krause Rheinländer, und der Rheinländer schätzt bekanntlich das gesprochene Worte viel mehr als das geschriebene, auch mag er es gerne, wenn die zur eigentlichen Problemlösung erforderlichen Ausführungen um die eine oder andere Anekdote ergänzt werden. Als Krauses Nummer im Sichtfeld Ihres Telefons erscheint, bricht Ihnen der Schweiß aus; nicht dran zu gehen ist aus Gründen der Höflichkeit und der firmeninternen Kommunikationsrichtlinien keine Option, auf der anderen Seite die Präsentation, die Zeit rinnt dahin… Hier nun wäre ein echter Anrufbeantworter eine unschätzbare Hilfe, mit freundlich-geduldiger Stimme ähnlich eines Navigationsgerätes beauskunftet er zum einen Krauses Frage die Regelung betreffend, zum anderen diskutiert er mit ihm die Fußballergebnisse des vergangenen Wochenendes aus.

Zu Hause. Nach einem langen, gesprächsreichen Arbeitstages freuen Sie sich auf Ruhe, die Tageszeitung und eine Tasse Tee. Kaum haben Sie es sich in Ihrem Lieblingssessel bequem gemacht, die Zeitung aufgeschlagen und die dampfende Teetasse erstmals vorsichtig zum Munde geführt, das Pfefferminz- oder Darjeelingaroma schon in der Nase, passiert das unvermeidliche: das Telefon schellt. (Anmerkung: Natürlich „schellen“ Telefone heutzutage nicht mehr, viel mehr geben sie, je nach Gerät, Einstellung und persönlichem Geschmack ihres Besitzers, Melodien, Laute oder sonstige Geräusche derart nervtötender Natur von sich, dass man gar nicht anders kann als das Gespräch anzunehmen, allein um das Geräusch verstummen zu lassen. Insofern ist das „Telefonschellen“ als Wort artverwandt mit dem „Kotflügel“ oder der „Stoßstange“.) Normalerweise ignorieren Sie abendlich-heimisches Telefonklingeln, da Sie für heute genug telefoniert haben und im übrigen sonst der Liebste die Gespräche annimmt, zumal die meisten ohnehin für ihn bestimmt sind. Doch ist der Liebste gerade nicht verfügbar, weil er sich entweder gerade der Darmentleerung hingibt, die menschliche Peristaltik nimmt im Allgemeinen wenig Rücksicht auf mitmenschliche Kommunikationsbedürfnisse, oder er befindet sich seinerseits gerade in einem Mobilgespräch mit seinem äußerst telekommunikationsfreudigen Freund Paul.



So bleibt Ihnen nichts anderes übrig, zum einen von Höflichkeit, zum anderen von Neugier getrieben, den bequemen Sessel zu verlassen und sich zur Geräuschquelle zu begeben. An der angezeigten Nummer erkennen Sie, es ist Felix, ein guter Bekannter von Ihnen. Sie mögen Felix, er ist ein angenehmer ruhiger Zeitgenosse mit dem richtigen Maß an Humor in seinem Wesen, am liebsten mögen Sie ihn zur rechten Zeit am rechten Ort von Angesicht zu Angesicht, vielleicht in Begleitung zweier (oder mehr) kühler Biere. Fernmündlich indes kann es mit ihm anstrengend sein, denn nachdem die üblichen Freund- und Höflichkeiten ausgetauscht sowie die gegenseitigen Informationsbedürfnisse gestillt sind, entstehen Pausen, Pausen, die anlässlich persönlicher Begegnungen mit einem Schluck Bier überbrückt werden können. Und obwohl es offenbar nichts mehr zu sagen gibt, macht er keine Anstalten, das Gespräch zu beenden, aber da man Ihnen hingegen beigebracht hat, es sei unhöflich, dies als Angerufener zu tun, schweigen Sie sich an, sekundenlang.



In dieser misslichen Lage könnte nun wieder der Anrufbeantworter helfen. Während Sie in teeseliger Ruhe den Lokalteil der Zeitung studieren, tauscht sich die freundliche Stimme über die neuesten Ereignisse aus Ihrem und Felix‘ privaten Umfeld aus, und wenn die unvermeidliche Schweigephase anbricht, könnte das Gerät leise Musik in die Leitung spielen oder auch Werbung und Ihnen damit zu ein paar Euro extra verhelfen.



Die Idee ließe sich gar weiterspinnen: Der Anrufbeantworter könnte erweitert werden zu einem Anrufinitiator. Sie geben zuvor per Tastatur oder Spracherkennung stichpunktartig das Anliegen des von Ihnen zu tätigenden Anrufes ein, den Rest erledigt das Gerät für Sie. Verfügt nun gar der Anzurufende über einen Anrufbeantworter, könnten die Geräte die Angelegenheit unter sich klären, niemand müsste mehr sprechen, keiner würde von überflüssigen Anrufen behelligt, wäre das nicht wunderbar?

Komme ich nun zum zweiten Ansatzpunkt sinnvoller, bislang unberücksichtigt gebliebener Erfindungen: dem Anrufunterbrecher. Jeder kennt es, jeden ärgert es: Sie sitzen im Zug oder in der Straßenbahn, lesen vielleicht ein Buch oder hängen einfach nur Ihren Gedanken nach, das soll ja sehr gesund und wichtig sein für die Regeneration der neuronalen Funktionalitäten, bis das Mobliltelefon Ihres Gegenübers sich mit einer Melodie meldet, je bekannter desto lauter, vielleicht irgendein Schrott von Lady Gaga; da Ihr Gegenüber entweder eine Frau ist und daher das Gerät erst umständlich aus Ihrer Handtasche herauswühlen muss oder weil der Besitzer des Gerätes für diesen sogenannten Klingelton viel Geld bezahlt hat, den nach wenigen Sekunden abzustellen er aus genau diesem Grunde zu recht ablehnt, kommen auch Sie und alle anderen Reisenden des Wagens für unendlich lang erscheinende Sekunden in diesen Genuss, völlig kostenlos.

Das schlimmste kommt erst noch: das Gespräch. Nach dem unvermeidlichen „Wo bist du“ – achten Sie mal drauf, kein, wirklich kein öffentlich geführtes privates Telefongespräch kommt heute ohne diese Frage aus, welche früher nur in Ausnahmesituationen gestellt wurde, so stellte sie in den 1980er-Jahren die Münchner Band „Spider Murphy Gang“ in ihrem gleichnamigen Lied, wenngleich in gänzlich anderem Zusammenhang – hernach also werden Sie unfreiwillig Zeuge, wie eine Liebesbeziehung beendet wird oder was es abends zu essen geben soll und welche Zutaten folglich noch einzukaufen sind. Trägt ihr Gegenüber einen Anzug oder ein Kostüm (hiermit meine ich die gleichfarbige Rock-Jackett-Kombination geschäftstätiger Frauen, den Anzug für Damen sozusagen, und nicht etwa den zu Karneval vielfach angetroffenen Schotten), entfällt möglicherweise die Wo-bist-du-Frage, was das von Business-Phrasen geprägte Gespräch jedoch für den Unbeteiligten kein Stück erträglicher macht.

Hier setzt nun meine Idee an: Ein kleines Gerät für die Hosentasche, vielleicht sogar ein sogenanntes App für Ihr Smartphone, ein Knopfdruck, und ein hierdurch ausgelöster Störsender bringt die Mobilkommunikation in Ihrem näheren Umfeld umgehend zum Erliegen, nur noch ein kurzes „Hallo… hallo… scheiß Bahn!“ (in solchen Fällen hat meistens die Bahn die Schuld, eigentlich hat die Bahn immer Schuld), dann herrscht wieder Ruhe im Zug, Sie können fortfahren mit Lesen oder dem Ausfegen Ihrer Hirnwindungen.

Ich bin mir sicher, die Grenzen des Machbaren und Sinnvollen sind noch lange nicht erreicht. Vorsorglich habe ich mir für meine beiden oben beschriebenen Ideen schon mal das Patent sichern lassen. Interessierte Hersteller der Telekommunikationsbranche mögen mich bitte vertrauensvoll mittels der Kommentar-Funktion oder mit Direktnachricht kontaktieren.

Aufruf zur Wortschöpfung

Unsere Sprache befindet sich im ständigen Wandel: Wörter verschwinden, wie Wählscheibe, Kassettenrekorder oder Riesenwaschkraft, andere kommen neu hinzu, etwa Freundschaftsanfrage, Fickwunschverdacht oder googeln; wiederum andere halten sich hartnäckig, obwohl ihre Zeit längst gekommen ist oder sie einfach unsinnig erscheinen, nehmen Sie Kotflügel, Unkosten oder lohnenswert.

Manche Wörter hingegen existieren gar nicht, obwohl sie dringend benötigt werden, weil es den Gegenstand beziehungsweise Sachverhalt, den sie benennen sollen, zwar gibt, nicht jedoch ein adäquates Wort dafür, oder wissen Sie, wie dieses längliche Dings heißt, das Sie im Supermarkt auf das Kassenband legen, um Ihre Einkäufe von denen des Hintermanns abzugrenzen, um nicht versehentlich seine H-Milch oder Tiefkühlpizza zu bezahlen?

Ein solcher unzureichend bezeichneter Sachverhalt ist die Liebe unter Männern, vielleicht weil der Papst und seine Branche der Meinung sind, dies verstoße gegen die göttliche Schöpfungsordnung, somit gehöre es unbenamt. Dabei würden seine eigenen Mitarbeiter, die nicht nur aufgrund päpstlicher Zölibat-Verfügung des anderen Geschlechts entsagen, vermutlich eine größere Flotte Kirchenschiffe füllen.

Wenn ich „Männer“ schreibe, so ist dies keineswegs Ausdruck meiner Geringschätzung des anderen Geschlechts, vielmehr verfügen die Damen ja durchaus über ein schönes Wort. Wem bei lesbisch Kurzhaarfrisuren und Holzfällerhemden in den Sinn kommen, verkennt, dass sich dieses Wort ableitet von der griechischen Insel Lesbos, und wer denkt da nicht an Sonne, Meer, Strand, blauen Himmel und weiße Windmühlen, deren betuchte Flügel sich im lauen Wind drehen? Also ein durchaus positiv belegter Begriff. (Dass dieses Wort zudem auch in Titeln mancher speziell-zielgruppenspezifischer Naturfilme enthalten ist, unterstreicht zwar ebenfalls seine positive Würdigung, soll hier jedoch nicht weiter vertieft werden.)

Wie unschön klingt dagegen „schwul“, denkt der gemeine Hetero dabei doch sogleich an eine alternde Tunte mit gezupften Augenbrauen und gefärbten Haaren, die mit nasaler Fistelstimme so Sätze sagt wie „Liebelein, fährst du mich bitte zur Maniküre? Ich habe mir den Nagel eingerissen, Hööölle!“ – Als Klaus Wowereit 2001 seinen berühmten Satz sagte „Ich bin schwul, und das ist auch gut so“, schien das Wort zunächst etabliert, doch kommen hieran ernste Zweifel auf, lauscht man der Jugend. Es ist nicht zu überhören: Schwul ist nach wie vor ein Schimpfwort, wobei es sich mittlerweile keineswegs nur gegen mehr oder weniger männliche Personen richtet, alles mögliche kann heute schwul sein: Autos, Schuhe, Taschen, Frisuren, die Liste ließe sich nahezu endlos fortsetzen; sogar Mädchen, wie es eine zweifelhafte Kapelle, deren Name mir entfallen ist, vor einiger Zeit besang. Wir können uns noch so selbstbewusst als schwul bezeichnen, sobald sich ein Hetero in durchaus bester Absicht mit uns über dieses Thema unterhält, meidet er das Wort wie der Schwule die Premiere-Fußballkneipe, vielmehr ersetzt er es durch das Wörtchen „so“, etwa wenn er sagt „Also ich habe kein Problem damit, dass du (kurze Pause) so bist.“

Ja, natürlich gibt es andere Wörter, etwa homosexuell. Aber ist das nicht noch viel schlimmer, klingt es nicht eher wie eine ansteckende Krankheit, die der Behandlung bedarf? Ich weiß, es gibt durchaus nicht wenige Menschen, die das genau so sehen, schlimm genug. Einige Kirchenmänner vertreten die Ansicht, Homosexualität könne überwunden werden, Mann müsse nur in ausreichendem Maße beten. Abgesehen davon, dass ich nichts anderes sein will, stelle ich mir die Reaktion Gottes auf mein Gebet etwa so vor: „Sag mal Junge, ich ärgere mich gerade mit den Arabern herum, und du kommst mir mit soner Kacke? Es ist alles in Ordnung mit dir, schließlich habe ich dich so gemacht, und jetzt gehe hin und liebe deinen Nächsten!“

Gay – auch nicht viel besser. Es klingt so pseudo-fortschrittlich-liberal („Hey, du bist gay, das ist okay“), zudem bedeutet es übersetzt noch etwas anderes, nämlich fröhlich, und das ist ja wohl nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Es ist nicht anzunehmen, dass die Jungs, die in Jamaika, im Iran oder in einem oberbayrischen Dorf wegen ihrer Neigung verfolgt, verprügelt, verhaftet oder gar umgebracht werden, darüber besonders gay sind.

„Verzaubert“ wird auch gerne genommen. Ich denke da eher an ein weißes Kaninchen, das an seinen Ohren aus einem schwarzen Hut gezerrt wird, an den Froschkönig oder die Fee Amaryllis, die in Unkengestalt hinter drei schweren Türen im Kellerverlies von Petrosilius Zwackelmann ihr trauriges Dasein fristet, auch keine schöne Vorstellung.

Ganz witzig hingegen finde ich den vor einiger Zeit in diesem Zusammenhang gehörten Begriff „erkältet“, wenngleich er hier seinen Zweck nur unzureichend erfüllt. Man stelle sich folgenden Dialog vor: „Bringen Sie nächste Woche Ihre Frau mit?“ – „Nein, ich bin erkältet.“

Sie sehen, es besteht dringender Bedarf an einer passenden Wortneuschöpfung. Vorschläge werden gerne entgegen genommen.